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Full text of "Geschichte der Himmelskunde von der ältesten bis auf die neueste Zeit"

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GESCHICHTE 



H I M M E L S K U N D E 



ÄLTESTEN BIS AUF DIE NEUESTE ZEIT. 












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GESCHICHTE 



DER 



HIMMELSKUNDE 

7T0N 






/ON DER 



ALTESTEN 



De. 



Kaiserlich russischem wirklicl: 

Üirector a. D. der Sternwarte Dorp 

dem Stern, Commandeur un 

lind des künig 

Mitglied der Royal Astronomie: 

sowie der Leopoldinischen Cu 




UF DIE NEUESTE ZEIT 



V. MÄDLER. 



Professor emeritus der kaiserlichen Universität uufi 

:m Commandeur des Ordens Karl's III. von Spanien mit 

Orden des St. Wladimir III., der heiligen Anna II. 

chen Rothen Adlerordens III. Classe; 
Ion und der Akademien zu Wien, München und Madrid, 
rutschen Akademie, der Deutschen Astronomischen 
aft etc. etc. etc. 



ZWEI-TlER BAND. 




BßAÜNSCHWEIG, 

DRUCK UND VERLAG VON GEORGE WESTERMANN. 
1873. 



Alle Rechte vorbehalten. 






DEITTER ABSCHNITT. 



DIE HIMMELSKUNDE IN NEUERER ZEIT. 



I. HERSCHEL'S UND SEINER ZEITGENOSSEN WIRKSAMI^EIT 
BIS ZUM SCHLÜSSE DES 18. JAHRHUNDERTS. 

§ 140. 

Wir stehen hier auf dem Punkte, wo ein in der Himmels- 
kunde hochberühmter Name zum ersten Mal in dieser verlautet, 
und auch hier drängt sich uns die Bemerkung auf, dass nur sehr 
wenige dieser Koryphäen gleich anfangs die Astronomie zu ihrem 
Studium machten, sondern erst später, oft durch eigenthümliche 
Umstände, zu ihr geführt wurden. 

Zu den eigentlichen „Brodstudien" gehörte die Astronomie 
noch nicht, und ein nur massig bemittelter Eamilienvater, wollte 
er seinen Sohn studiren lassen, hielt sich verpflichtet, ein sol- 
ches für ihn zu erwählen. Spät erst, und meistens nur unter 
der Ägide anderer Wissenszweige, gelangte die Himmelsforschung 
dahin, dass ihr auf den Universitäten ein Lehrstuhl eingeräumt 
ward, und dieser erfreute sich noch nirgend einer verhältnissmässig 
bedeutenden Zahl von Zuhörern. Auf nicht wenigen Hochschulen 
liest der Professor der Mathematik dann und wann auch ein astro- 
nomisches CoUegium; auf anderen wird noch heut die Himmels- 
forschung ganz vermisst. 

In der Zeit, wo William Herschel's Name zuerst auftritt, 
waren Frankreich und England noch immer, was sie zu Cassini' s 
und New ton' s Zeit geworden waren: die Hauptländer für Him- 

V. Mäcller, GescMclite der Himmelskunde. U. ^ 



4i3-71S2 



2 GESCHICHTE DER HDIMELSKUNDE. 

melswissenschaft. Der Herkunft nacTh ist zwar der erstere ein 
Italiener, wie Herschel ein Deutscher, aber das alte nhi herre, ihi 
patria gilt allgemein, warum also nicht auch in der Himmelskunde? 
Wenn Frankreich eine längere Zeit hindurch mehr die theoretische, 
England mehr die praktische Astronomie cultivirte, so ist dies 
nicht so zu verstehen, als ob dort die Praxis, hier die Theorie 
jemals leer ausgegangen wäre. Doch nahte schon die Zeit, wo 
auch das räumliche Gebiet der Astronomie sich erweitern sollte; 
Deutschland und Italien erinnerten sich der Tage ihres Regio- 
montanus und Galilei, und auch Polen und Russland, die 
skandinavischen und die pyreuäischen Länder, kurz ganz Europa 
mit Ausnahme des türkischen Reichs treten auf den Schauplatz. 

Der Vater William's: Jacob Herschel, Musikus in Hanno- 
ver, fand für seine zahlreicher werdende Familie im Vaterlande 
nicht melu' die genügenden Subsistenzmittel. Er ging 1750 mit 
seinem damals zwölfjährigen Sohne William nach England, wo 
Beide die Ausübung ihrer Kunst fortsetzten und der Sohn sich 
aus Neigung mit Schleifen von Gläsern beschäftigte. Er vermochte 
dies besser, als er eine wenig einträgliche Organistenstelle mit 
einer anderen am Octogon zu Bath vertauschen konnte. Doch 
ein Instrument sich anzukaufen, welches ihm die Wunder des 
Himmels erschlossen hätte, war er auch jetzt noch nicht im Staude; 
er ging also daran, sich selbst ein solches zu verfertigen. 

Er übte sich im Schleifen von Teleskopspiegelu, was eine 
lange Arbeit erforderte und endHch gelaug, so dass er um 1777 
den ersten Anfang mit seinen, später welthistorisch gewordenen 
Beobachtungen machen konnte. Seine Mittheilungen in den Trans- 
actions beginnen im Jahrgange 1780. Es sind Beobachtungen 
über den Lichtwechsel von Älira Ceti von 1779, sowie Abstände 
von benachbarten Sternen, mit deren Glanz er diesen veränder- 
hchen Stern verglich. Bald folgten Beobachtungen der Mond- 
oberfläche, worin er jedoch nicht besonders glücklich war. Er 
bestimmt die Höhen einiger Mondberge, findet sie Vo bis V/^ 
englische Meilen hoch, giebt jedoch die Lokalität nicht bestimmt 
genug an, so dass sie jetzt nicht mehr identificirt werden können, 
und auf Grund dieser wenigen Messungen hält er Galiläi's und 
Hevel's Bestimmungen für übertrieben und ihre Methoden für zu 
unsicher. Später hat er sich nie wieder mit Mondbeobachtungen 
beschäftigt. 

Im Jahrgang von 1781 findet sich ein Aufsatz, worin er die 



VON HERSCHEL BIS ZUM SCHLÜSSE DES 18. .lAirRHUNDERTS. 3 

Frage imtersuclit : ob die Rotationen der Erde und der anderen 
Planeten sich in allen Zeiten gleich blieben ? Er hat Beobachtun- 
gen des Jupiter und Mars gemacht, um einen Beitrag zur Beant- 
wortung dieser Frage zu Hefern, giebt auch Zeichnungen der Flecke 
obiger Planeten. 

Alles dieses fand zwar Aufnahme in dem bezeichneten Orgaji, 
sonst aber wenig allgemeinere Beachtung, und der Oi-ganist des 
Octogons zu Batli wäre in England, und vollends ausserhalb 
England, wohl noch lange unbekannt geblieben, wenn ihm nicht 
unverhofft eine Entdeckung geglückt wäre, wie sie die Welt noch 
nie gesehen. 

§ Hl. 

Mit einem siebenfüssigen Teleskop eigener Fabrik die Stern- 
bilder des Stiers und der Zwillinge durchmusternd (13. März 1781), 
fiel ihm ein Stern auf, der einen merklichen Durchmesser zeigte. 
Sofort vermuthend, dass es kein Fixstern sein möge, beobachtete 
er ihn einige dächte hindurch und gewahrte bald seine Bewegung. 
Also war es ein Wandelstern, dem Sonnensystem angehörig. Noch 
konnte es ein Komet sein; allein erstens war sein Ansehen ganz 
und gar nicht kometenartig, und zweitens Hessen sich die Beob- 
achtungen nicht wohl mit einer Kometenbahn vereinigen. So ent- 
stand sehr bald die Vermuthung, dass wirklich das Unerhörte ge- 
schehen und ein neuer Planet entdeckt sei, und nicht lange, so 
war die Vermuthung zui' Gewissheit geW'Orden. 

Dies war der Wendepunkt in William Herschel's Leben. 
Georg III., ein warmer Freund der Himmelskunde, der in Rich- 
mond eine schöne Privatsternwarte besass, machte ihm wahrhaft 
königliche Anerbietungen. Eine schöne Wohnung in Slough, 300 
Guineen Jahrgehalt, und jede von ihm gewünschte Unterstützung 
zur Ausführung grösserer Instrumente und Anstellung von Beob- 
achtungen mit ihnen. Selbstverständlich nahm er an, übersiedelte 
sofort nach Slough und Hess seine damals 31jährige un vermählte 
Schw^ester Caroline als seine Gehülfin nach England kommen. 

Der neue Planet bedurfte eines Namens. Wir setzen das 
darauf bezügHche Schreiben W. Herschel's an Joseph Banks, 
damaligen Präsidenten der Royal Society, hierher: 

„By the observations of the most eminent Astronomers in 
Europe, it appears that the new star, which I have the honour 
of point out in March 1781, is a primary planet of our Solar 

1* 



4 GESCHICHTE DER HIMMELSKUOT)E. 

System .... In the fabulous ages of ancient times the appella- 
tions of Mcrcury &c. were given to the planets, as being the 
names of their priucipal heroes and divinities. In the present 
raore philosophical aera, it would hardly be allowable to have 
recourse to tlie same method." — Nun schlägt er vor, ihn 
Georgium Sidus zu benennen und führt aus Virgil's Georgica 
die Stelle an: Georgium Sidus — jam nunc assuesce voeari. 

William Herschel's Name war nun plötzlich in Aller 
Munde; der 13. März 1781 den schönsten Tagen unserer Ge- 
schichte ebenbürtig. Zwar die allgemeine Anerkennung zögerte 
noch, und die Franzosen, wie gewöhnlich bei englischen Ent- 
deckungen, am längsten. Noch Pingre in seiner Kometographie 
von 1783 ist nicht sicher, ob er in dem neuen Wandelstern einen 
Kometen oder einen Planeten sehen solle. Aber auch als alle 
astronomischen Zweifel beseitigt waren, vermochten die sich noch 
nicht zufrieden zu geben, die es für Frevel hielten an der heihgen 
Sieben zu rütteln und die schöne Harmonie, mit der die sieben 
Planeten (nämlich mit Sonne und Mond, aber ohne die Erde), 
die sieben Wochentage, sieben Metalle, sieben Regenbogenfarben, 
sieben Künste, sieben Weisen und sieben Todsünden (der sieben 
Weltwunder zu geschweigen) auf einander passten, in solche Ge- 
fahr zu bringen. Die Astrologie vollends, die damals immer noch 
nicht gänzlich todt war, wusste gar nichts mit dem neuen Plane- 
ten anzufangen ; ja einer ihrer Anhänger machte noch im Anfange 
des 19. Jahrhunderts in seiner Verzweiflung aus ihm — die Hölle. 
Jetzt freilich ist es vorbei mit allen jenen Siebenzahlen und die 
ganze Heptomanie ist bankerott. Wenden wh- uns wieder zur 
Wissenschaft. 

Die Namen Georgsplanet (vom Entdecker selbst), Herschel 
(von den Franzosen), Cybele (in Göthe's Gedicht: Planetentanz), 
Rhea, Neptun und noch einige andere haben sich nicht erhal- 
ten; nur der von Bode vorgeschlagene, Uranus, ist geblieben 
und jetzt wohl allgemein anerkannt. 

War die Entdeckung unbestritten eine britische, so war die 
Bahnberechnung zunächst das Werk zweier Franzosen: Lalande 
und Laplace. Ersterer wandte die Methode der successiven 
Näherungen, die auch bei Kometenbahnen damals fast allein üblich 
war (eine Art regula falsi), nicht ohne Erfolg an; Laplace hin- 
gegen, durch seine analytischen Forschungen zu einem strengeren 
und mehr directen Calcul geführt, gelangte zu genaueren Resul- 



VON HEKSCHEL BIS ZUM SCHLÜSSE DES 18. JAHRHDNDEETS. 5 

taten; beide Astronomen erkannten, dass hier eine wenig vom 
Kreise abweichende Bahn, eine wahre Planetenbahn, vorhege. Auf 
diese Berechnungen gründete Nouet die ersten Uranus tafeln. 

Doch nicht lange, so zeigten sich diese Tafeln schou ungenü- 
gend, und man sah die Nothweudigkeit ein, auch die Störungen, 
welche Jupiter und Saturn auf Uranus ausüben, mit in Rechnung 
zu nehmen. Dies that Delambre, dem ein glücklicher Fund 
Bode's hier sehr zu Statten kam. Bode hatte nämlich ermittelt, 
dass ein am 25. September 1756 von Tobias Mayer als Fixstern 
beobachteter und seitdem an dieser Stelle nicht wiedergefundener 
Himmelskörper (der 964. seines Katalogs) wahrscheinlich kein 
Fixstern, sondern Uranus gewesen sei. Bald folgten dieser willkom- 
menen Entdeckung mehrere ähnhche, und so sind 17 vorherschel'sche 
Uranuspositionen in den Beobachtungen Flamsteed's, Mayer 's, 
Lemonnier's und Bradley's, bis 1690 hinauf reichend, auf- 
gefunden worden; auch noch Bessel war eine solche Entdeckung 
vorbehalten. 

Ohne ein schon ziemHch genügendes System von Bahnelemen- 
teu des Uranus hätten diese interessanten Rückwärtsentdeckuugen 
nicht gemacht, und ohne diese ihrerseits die genauere Darstellung 
der Bahn nicht so bald gelingen können. So mussten Theorie 
und Praxis sich gegenseitig und wechselsweise zu Hülfe kommen; 
— das glücklichste Verhältniss zwischen beiden Factoren und das 
erspriesslichste für den allgemeinen Fortschiitt der Wissenschaft. 

Indess benutzte der umsichtige Delambre diese alten, erst 
noch näher zu beprüfenden Entdeckungen nicht eher, bis er die 
neueren von Herschel, Maskelyne, Hornsby und ihm selbst 
angestellten, genau und erschöpfend discuth't hatte; was damals 
bei weitem mehr Zeit erforderte als gegenwärtig. So waren, als 
Delambre fertig war, bereits Uranustafeln von Caluso in Turin 
1788 erschienen, die auch schon merklich besser als die von 
Nouet waren und Delambre bei seiner Arbeit sehr zu Statten 
kamen. Die letztere erschien 1790, und hat fast dreissig Jahre 
hindurch ausschliesshch zur Berechnung der Uranusephemeride 
gedient. 

Warum aber, wird Mancher fragen, erkannten denn jene 
alten Beobachter den Stern nicht sofort als Planeten? Warum 
mussten 91 Jahre vergehen und erst dem viel späteren Herschel 
die ^\ichtige Entdeckung zufallen? Ist ja doch Uranus hell genug, 
um selbst einem scharfen unbewaffneten Auge nicht verborgen zu 



6 GESCHICHTE DEK 1IIMMI:LSKUNÜE. 

bleiben? So kann nur der fragen, der den unvollkommenen Zustand 
und die geringe optische Kraft der alten Meridianfernrölire über- 
sieht. Sie waren allerdings genügend, um an der betreffenden 
Stelle einen Stern zu zeigen, aber sie reichten nicht aus für Er- 
kennung eines so kleinen scheinbaren Durchmessers. Herschel 
konnte mit 227facher Vergrösserung seines siebenfüssigen Tele- 
skops diesen Durchmesser wahrnehmen; er sah ein Scheibchen, was 
seine Vorgänger, die mit 20- bis 30facher Vergrösserung ihrer meist 
noch nicht achromatischen Fernrohre arbeiteten, nicht sehen 
konnten. Sie erbhckten einen leuchtenden Punkt, wie sie alle 
Fixsterne darbieten. Hätte freilich Lemonnier,* der ihn an 
mehi'eren aufeinander folgenden Abenden beobachtete, seine Örter 
sofort reducirt und genau verglichen, so wäre er wahrscheinlich 



* Pierre Charles LEMONNIER, geh. 1715 am 23. November, 
gest. 1799 am 2. April. Lemonnier hat sich sowohl durch 
eigene Beobachtungen, als auch durch Herausgabe und Übersetzung 
anderer wissenschaftlicher "Werke um die Himmelskunde 53 Jahre 
lang verdient gemacht. Am Gnomen der Kirche S. Sulpice in 
Paris machte er 1765 dieselbe Bemerkung, die früher an den 
italienischen gemacht worden war: dass nämlich die Schiefe der 
Ekliptik eine Verminderung erfahren habe. Delambre kritisirt 
ihn sehr streng; aber wie es uns scheinen will, zuweilen ungerecht. 
Ein fleissiger Beobachter, der allerdings in seinen Vorschlägen, 
z. B. zur Auffindung der Parallaxen der Sonne und des Mondes, 
nicht immer glücklich war, aber gleichwohl unbestreitbar grosse 
Verdienste hat. Dahin gehört die Einführung der Logarithmen in 
die nautische Astronomie, seine Methode der Kefractionsbestim- 
mung durch Circumpolarsterne und andere in seinen Memoires 
d' Astronomie et de Physique enthaltenen Methoden und Vorschläge. 
Seine Beobachtungen stehen allerdings, wie Delambre bemerkt, 
den Bradley 'sehen an Genauigkeit nach; aber wo wäre der 
Astronom in jener Zeit zu finden, dessen Beobachtungen den 
Bradley 'sehen gleich kämen? — Später hat man entdeckt, dass 
zwölf Lemonnier'sche Beobachtungen dem Uranus angehören, des- 
sen planetarische Natur er ebenso wenig wie andere Zeitgenossen 
erkannte. Auch die Beschleunigung der Geschwindigkeit des Mon- 
des hat er erkannt, wenn gleich die Erklärung dieser Thatsache 
Laplace vorbehalten blieb. 



VON HKKSCIIEL iilti ZUM SCHLÜSSE DES 18. JAUKIIUNDEKTS. 7 

Entdecker des Uranus geworden. Denn schliesslicli ist es doch 
in allen solchen Fällen die Bewegung allein, die eine sichere Ent- 
scheidung gewähren kann, und Herschel gewann erst am dritten 
Abende, den 15. März, die vollkommene Gewissheit, eine neue Ent- 
deckung gemacht zu haben. Aber man dachte früher überhaupt 
nicht leicht an die Möglichkeit, noch neue Planeten aufzutiudeu; 
die Messier und Mechain sj^ähten ausschliesslich nach Kometen, 
dem einzigen Felde, worauf man damals noch Neues finden zu 
können glaubte. — Die Geschichte der Wissenschaften führt meh- 
rere Fälle auf, wo ein Forscher einer neuen Wahrheit sehr nahe 
stand und sie gleichwohl nicht erreichte, wie beispielsweise Baco 
dem Fernrohr. 



Lemonnier war Schwiegervater des berühmten Analytikers 
Grafen Lagrange. Er beobachtete nicht auf dem Grand Obser- 
vatoire, sondern auf dem vom Cardinal Noailles in der Strasse 
S. Honore gegründeten. 

Wir zählen die wichtigsten seiner Werke hier auf: 

1738. Beitrag zu Maupertuis figure de la Terre. 

17-10. Nahm er Theil an der Messung des Rteridianbogens zwischen Paris und 
Amiens, die Picard ausführte. — 1742 erschien dies Werk auch 
in Zürich. 

1741. Histoire Celeste, die seine ersten Beobachtungen enthält, deren Fort- 
setzung von 1751 bis 1773 erschien, unter dem Titel: Observations 
de la Lune, du Soleil et des etoiles fixes. 

1743. La theorie des Cometes. Paris. 

1746. Institutions astronomiques. Anonym erschienen. 

1772. Exposition des moyens de resoudre plusieurs questions de la navi- 
gation. Paris. 

1781. 84. S6. Memoires concernant diverses questions d'astronomie et de 
physique. 3 Vol. 

Seine kleineren Schriften sind zu zahlreich, um hier einzeln 
aufgeführt werden zu können. iNIehrere von ihnen betrefi'en die 
Schiefe der Ekliptik, die Eigenbewegung Arcturs, auf welche 
Halley zuerst aufmerksam gemacht, die Meteore, den neuen Pla- 
neten Uranus und die magnetischen Beobachtungen. — Er schrieb 
auch über Gescliichte der Astronomie und verwandte Wissen- 
schaften und war fast bis an sein Lebensende thätig. 

1791. Lettre au sujet d'une eclipse observee en Chine 17. Nov. 1789 ist seine 
letzte veröffentlichte Arbeit. 



8 GESCHICHTE DEK HIMMELSKUNDE. 

Hersclicl begnügte sich nicht damit, den neuen Bürger des 
Sonnensystems aus der Nacht des Universums an das Licht der 
^Vissenschaf■t gezogen zu haben; er durchforschte auch die Um- 
gebung des Phuieten und veröffentHchte eine Reihe interessanter 
Entdeckungen, die ihn begleitenden Trabanten betreffend, von 
denen jedoch einige, wie er selbst einräumt, möglicherweise nicht 
Trabanten, sondern kleine Fixsterne gewesen sein können. Ebenso 
das Ringsystem, was er um Uranus zu sehen glaubte, und wovon 
weder er selbst noch ein anderer Beobachter etwas wieder gewahren 
konnte. Es war wohl unvermeidlich, dass bei so gänzlich neuen 
Gegenständen Täuschungen mit unterliefen. — Durch Vergleichung 
mit künstlichen Scheiben bestimmte Ilerschel auch den schein- 
baren Durchmesser des Uranus und fand ihn 4,454". 

§ 142. 

Bald folgte eine neue Entdeckung Herschel's von ganz an- 
derer Natur: die Eigenbeweguug unserer Sonne, richtiger des 
ganzen Sonnensystems. Man findet seine Mittheilung in den Trans- 
adioHs von 17ö3 p. 247 — 283. Er hatte durch paarweise Combi- 
natiouen der Fixsternbewegungen, im grössten Kreise rückwärts 
verlängert, die Durchschnittspunkte gesucht, und diejenige Him- 
melsgegend, wo das Maximum dieser Durchschnitte sich zeigte, für 
die genommen, wohin unsere Sonne sich bewege. 

Im Jahrgang 1784 folgt eine Abhandlung über Marspolar- 
flecke, seine Axenstelhmg und seine Abplattung, für Avelche er 
^Q findet. — Ebenso ein Aufsatz : „ Some observaiiüiis tending to in- 
vestigate the construction of heavens. 

Schon 1782 hatte er ein Verzeichniss von Doppelsternen ge- 
geben, das mit * Bootis beginnt. Er hess 1785 ein zweites folgen. 
Die Neuheit des Gegenstandes veranlasste ihn, eine erklärende Ab- 
handlung beizufügen. Die Sache erschien jetzt in einem anderen 
Lichte als zu der Zeit, wo Chr. Mayer seine „Fixsterntrabanten" 
beobachtete und vertheidigte. Im Anfang hielt auch Herschel 
diese Sternenpaare für Idos optisch und schlug vor, sie zur Ent- 
deckung der Fixsternparallaxen zu benutzen; später, als er die 
unerwartet grosse Zahl dieser Binarsysteme kennen lernte, mussten 
diese früheren Ansichten sich nothwendig modificiren. 

1786 gab er das erste Tausend der von ihm entdeckten Ne- 
belflecke. Hundert Jahre früher war ilire Zahl G, etwas später 11. 



VON IIEKSCIIEL BIS ZUM SOIILUSSK DES 18. JAURIIUNDERTS. 9 

Messier's sehr fleissige Beobachtungen hatten doch nur 102 er- 
geben. Herschel ninchte in diesem Jahi- eine Reise nach Deutsch- 
hmd und ward bei der liüclckehr durch die Nachricht überrascht, 
dass seine Schwester Caroline* inzwischen (am 1. August 1786j 
einen Kometen entdeckt habe. Sie hatte ihn sogleich mit Sternen 
verglichen und so den Ort erhalten. Er untersuchte die Him- 
melsgegend der Entdeckung genauer, um die Vergleichsterne zu 
identificiren, und setzte die Beobachtungen fort. 

1787 entdeckt er am 11. Januar die zwei ersten Uranusmonde. 
Er bestimmt ihre Umlaufszeiten auf 8^ 17'^ 1' 19,3" und 13* 11^ 5' 
1,5'^ Von diesem letzteren bestimmte er auch die Distanz vom 
Hauptplaneten = 44,23'', woraus er weiter die Masse des Uranus 
ableitet und 17,74 Erdmassen für ihn findet. Da er sein Volumen 
= 80,49 bestimmt, so findet er für seine Dichtigkeit 0,2204. Wir 
finden im Jahrgang 1788 p. 364 auch noch Bemerkungen über die 
Bahnelemente des Hauptplaneten wie über die seiner Trabanten. 

1789 berichtet er über die Beobachtungen des Kometen, den 
seine Schwester am 21. Dec. 1788 nahe bei ß Lyrae entdeckt hat; 
und in demselben Jahre erscheint ein zweiter Catalog von Nebel- 
flecken, wie der erste, 1000 dieser Gebilde enthaltend. 

1790 berichtet er über zwei neue Saturnssatelliten, die zu- 
nächst dem Hauptplaneten stehen. Den einen hat er am 19. Aug. 



* Caroline Lucretia HERSCHEL, [/eh. 1750 am 14. März, 
gest. 1848 am 9. Januar. Die um IIV2 Jahr jüngere Schwester 
William Herschel's hat ihn um 25 V2 Jahr überlebt. 1772 ging 
sie zu ihrem Bruder nach Bath, unterstützte ihn in seinen Arbei- 
ten, wie in seinem Hauswesen, und ging mit ihm später nach 
Slough. Hier hat sie beharrlich mitgeholfen und bald auch selbst- 
ständig Beobachtungen angestellt. Der Verfasser dieses Werks, 
der die seltene Greisin in Hannover mehrmals sah und sprach, 
musste die Bescheidenheit bewundern, mit der sie von ihren Ar- 
beiten sprach: ,,Mein Bruder wünschte, dass ich ihm die Stern- 
örter bestimmen sollte, die er gebrauchte. Da es aber damit nicht 
recht gehen wollte, liess er mich Kometen suchen. Nun, so einen 
Kometen findet man schon." Hier fühle ich mich gedrungen hinzu- 
zufügen, dass sie recht gut Sterne bestimmte. Sie hat zwischen 
1786 und 1797 neun Kometen entdeckt; bei fünf derselben ist ihr 
die Priorität verblieben. Auch mehrere Nebelflecke zählen zu 



10 GESCHICHTE DEB HIMMELSKUKDE. 

1787, den anderen am 18. Oct. 1789 entdeckt. Ferner hat er 
die Streifen des Saturn beobachtet und in seinem grossen 40füssi- 
gen Teleskop den King beim Durchgang der Erde durch seine 
Ebene nicht ganz verschwinden sehen. Er glaubt, diese fort- 
dauernde Sichtbarkeit könne auch wohl von reflectii'tem Saturns- 
hchtc kommen, das allerdings sehr schwach sein muss, in seinem 
lichtstarken Teleskop jedoch noch bemerkbar sei. Wahrschein- 
hcher jedoch sah er die äusserst schmale Kante des Ringes und 
etwas vom Profil seiner Unebenheiten. — In einem zweiten Auf- 
satze desselben Jahrgangs giebt er das Detail seiner Beobachtun- 
gen des Saturnsriuges vom 18. Juli bis 25. December 1789; wobei 
auch Beobachtungen des äussersten Satelliten (Japetus) vorkommen. 

1791 p. 71» ff. ein Aufsatz: „On nehulous stars, properly so 
called."- Er unterscheidet die eigentlichen Nebelflecke von den 
Sternhaufen und den Nebelsternen. 

1792 Fortsetzung seiner Beobachtungen Saturns und seines 
Kinges. Die früher auf der Nordseite wahi'genommene Theilung 
in zwei Binge zeigt sich jetzt auf der Südseite; sie ist also eine 
diu'chgehende. Er giebt die Maasse des Ringes an, die indess dar- 
thun, dass sein Instrument nicht frei war von Irradiation. 



ihren Entdeckungen. Nach ihres Bruders Tode kehrte sie nach 
Hannover zurück, wo sie von England eine kleine Pension genoss. 

Wir gedenken aus ihi-en letzten Jahi'en eines Zuges, der die 
hohe Achtung kennzeichnet, deren sie sich erfreute. Sie stand im 
96. Jahre, als der Kronprinz von Hannover geboren wai'd, und 
äusserte ihi' Bedauern, dass sie, die alle gleichzeitig lebenden Glie- 
der des britisch-hannoverischen Königshauses gesehen, diesen jungen 
Prinzen nicht mehr sehen werde, da sie zu schwach sei, ihre Woh- 
nung zu verlassen. Der König Ernst August, der davon hörte, 
gab sogleich Befehl, seinen Enkel zu ihr ins Haus zu bringen, damit 
auch dieser letzte Wunsch der verehrten Greisin in Erfüllung gehe. 

Ausser einigen Beiträgen für die Philosophical Transactions 
verdanken wir ihr die folgenden Werke: 

1. A Catalogue of 5G1 Stars observed by Flamsteed, but which haviiig 

escaped thc notice of those who framed the British Catalogue. 

2. A general index of refercnce to e^ery Observation of every star inserted 

in the British Catalogue. 

3. Zone -Catalogue of all tho nebulae and Clusters of stars, observed by 

her brother. 



VON IIEKSCIIEL ßlS ZUM SCHLÜSSE DES 18. JAHKIIUNDEKTS. H 

Er hat ferner auf die Liclitveränderung des äussersten Tra- 
banten sein Allgenmerk gericlitet, den er am hellsten auf der 
Westseite Saturns, und im Maximo dem Titan gleich findet. Aber 
auf der Ostseite stehend, ist er schwer zu erkennen; er ist nur 
der Tethys (drittem Monde) oder höchstens der Dione (viertem) 
gleich, und der Unterschied des Glanzes geht auf drei Grüssen- 
klassen. Doch kommen auch regellose Veränderungen vor; aber 
diese sind nur von kurzer Dauer. 

Am 15. Dec. 1791 entdeckt Caroline Herschel abermals 
einen Kometen, — Es folgen nun Beobachtungen über veränder- 
liche Sterne, o Ceti und 55 Herculis. Letzterer wird noch am 
11. April gesehen und erscheint roth; am 4. Mai ist er ver- 
schwunden. 

1793 p. 201 ff. recapitulirt er seine Beobachtungen über Ve- 
nus, die schon von 1777 an beginnen. Er erklärt sich gegen die 
5 — 6 Meilen hohen Venusberge, da er nie Spuren derselben ge- 
sehen. Nach langer Bemühung erblickt er endhcli 1780 einige 
höchst schwache Flecke, eine apjyearance of optical deception. Im 
Mai 1783 sieht er wieder einige. Die Rotation wagt er nicht ab- 
zuleiten, erklärt sich indess gegen Bianchini's Resultat. 

1794 folgen seine Beobachtungen über Saturns Rotation. Er 
hat ausser dem Schatten des Ringes noch drei Streifen bemerkt, 
und ihre Ungleichheiten dienen zur Rotationsbestimmung. Eine 
Reihe vom 11. Nov. bis 19. Dec. 1793 und eine andere vom 4. 
Dec. 1793 bis 7. Jan. 1794 geben durchschnittlich 10^^ IG' 51''. 

1795 giebt er, auf Grund seiner zahlreichen Beobachtungen 
der Sonnenflecke, eine Abhandlung Oii the nature and construction 
of the suri and ß.ced stars. Ferner beschreibt er "sein 40füssiges 
Teleskop und giebt die Abbildung, die durch sehr vielfache Re- 
productionen hinreichend Ijekannt ist. 

1796. Abermals eine Kometen-Entdeckung durch Caroline 
Herschel. Die weitere Beobachtung übernahm, wie gewöhnlich, 
der Bruder. Weiter findet man eine Auseinandersetzung über 
seine Methode veränderliche Sterne zu messen, und Beobachtungen 
über die Veränderlichkeit von a Herculis. 

1797 finden wk die Zusammenstellung der Beobachtungen, 
durch welche er zu dem Schlüsse gelangt, dass die Rotations- 
und Revolutionsperiode der Jupiterssatelliten, ganz wie bei unserem 
Monde, identisch sei. Für den ersten Mond hält er es für evi- 
dently proved. Der Lichtwechsel des zweiten ist zwar geringer, 



12 (".ESCHICHTi: DEK UlMMELSKUNDE. 

doch macht er denselben Schluss. Beim dritten, dem grössten, 
ist die Suclie ungewiss, aber wahrscheinlich. Die Beobachtungen 
gehen vom Juli 171)4 bis November 1796. Ferner theilt er 
einen neuen (den dritten) Catalog von veränderlichen Fix- 
sternen mit. 

1798 die Entdeckung von vier neuen Uranustrahanten. Nur 
einer von ihnen ist von Las seil wiedergesehen. Die Frage, ob 
es nicht kleine Fixsterne gewesen, legte Herschel sich selbst vor 
und untersuchte zu diesem Zwecke alle in der Nähe befindlichen 
Sterne. Er erklärt die Ursache, weshalb die Uranustrabanten in 
der Nähe des Planeten verschwinden. 

1799. Fortsetzung der Untersuchung über veränderliche 
Sterne, und ein vierter Katalog. 

1800. Optische Untersuchungen, namentlich über das Pris- 
meubild. Er entdeckt die „nicht sichtbaren" Sonnenstrahlen (die 
jetzt sogenannten übervioletten) durch Wärmemessung der einzel- 
nen Theile des Bildes. Das Braun an der Grenze des Rothen er- 
wähnt er nirgend. 

1801. Allgemeines über Sonnenflecke. In wiefern sind sie ge- 
eignet, uns Aufschluss über die Natur des Sonnenkörpers zu geben? 

Über die von ihm angewandten Mittel, sein- kleine AVinkel 
zu messen, spricht er sich an verschiedenen Orten aus. Sie be- 
ruhen wesentlich darauf, dass die im Teleskop mit dem rechten 
Auge gesehenen astronomischen Objecto mit künstlichen Licht- 
punkten und Scheibchen, mit dem freien linken Auge gesehen, 
verglichen werden. 

Abgesehen von dem Umstände, dass hier alles von der In- 
dividualität der Sehkraft jedes Beobachters abhängt, stehen dem 
Verfahren noch manche andere Bedenken entgegen. Sofern es 
nicht gelingt, die Irradiation entweder ganz wegzuschaffen oder 
sie für jeden Einzelfall sicher zu bestimmen, werden alle Durch- 
messer der Planeten damit behaftet bleiben. 

Ebenso finden sich die Aufsätze über Nebelflecke und die da- 
mit zusammenhängenden über den Bau der Himmel in verschie- 
denen Bänden zerstreut, und vergleicht man sie einzeln, so ergiebt 
sich, dass seine Ansichten im Laufe der Zeit mehrfache Modifica- 
tionen erlitten. Unzweifelhaft ist alles, was aus einer solchen Fe- 
der stammt, der höchsten Beachtung würdig. Aber andererseits 
kannte William Herschel den südlichen, in Slough nicht mehr 
oder doch nicht mehr deutlich sichtbaren Theil des Himmels nicht, 



VON HERSCIIEL BIS ZUM SCHLÜSSE DES 18. XUIRIIUNDERTS. 13 

(und wer kannte ihn damals?), und so bleiben auch die genialsten 
Schlüsse einseitige. Und ferner: Wenn Herschel der erste ist, 
der so weit in die Tiefen des Himmels eindrang und uns zeigte, 
welche Arbeit hier vorliegt: wer wird es sein und in welchem 
Jahrtausend wird er erscheinen, der uns die Auflösung des letz- 
ten der Räthsel giebt, welche im Universum zu lösen sind? 

Wir haben, wie es bei einer so reichen und vielseitigen Thä- 
tigkeit am angemessensten ist, bei den Einzelheiten die chrono- 
logische Folge der Veröffentlichung inne gehalten. W. Herschel 
befand sich in einer glücklichen Lage, wie sie sehr Wenigen zu 
Theil ward. Sein König sorgte freigebig für Alles; ungetheilt 
konnte er sich seit der Uranusentdeckung seinen frei gewählten 
Forschungen widmen. Selbst von der Verpflichtung, Jahrbücher 
zu publiciren, Ephemeriden zu berechnen, Vorlesungen zu halten 
und anderen von der Direction einer öffentlichen Sternwarte meist 
unzertrennlichen Obliegenheiten war er befreit; sein leibliches wie 
sein geistiges Auge blieb ungeschwächt bis er vom Leben schied. 
So konnte er wii'ken und so hat er gewirkt. 

Wir behalten uns vor, über die spätesten seiner Arbeiten am 
Schlüsse noch besonders zu berichten, und stellen hier die drei 
wichtigsten Objecte, die er unausgesetzt untersuchte, zusammen. 
Es sind dies 

1. die Eigenbewegung unseres Sonnensystems, 

2. die Doppelsterne, 

3. die Nebelflecke. 

Den ersteren Gegenstand betreffend, so datirt seine früheste 
VeröffentHchung von 1782. Er hatte Maskelyne's Eigenbewe- 
gungen, so wie die von anderen Astronomen ermittelten, zusammen- 
gestellt. Die Zahl war damals noch sehr gering, etwa 40. Mas- 
kelyne widersprach dem Resultat; nicht als ob ein absoluter 
Stillstand des Sonnensystems anzunehmen sei, sondern er hielt die 
Zeit noch nicht für gekommen, darüber etwas zu entscheiden, und 
in ähnlicher Weise sprachen sich später Laplace, Gauss und 
Bessel aus. Ihnen allen erschien die Beantwortung einer so 
wichtigen Frage als verfrüht, wogegen Klügel undPrevost nach 
eigenen Untersuchungen und Combinationen sich für Herschel's 
Resultat aussprachen. Herschel selbst, stets geneigt, Einwen- 
dungen und gegentheilige Meinungen zu beachten, und fern von aller 
Streitsucht und Rechthaberei, nahm die Untersuchung aufs Neue 
vor, änderte den zuerst bestimmten Punkt (« = 245" 32,5' und 



14 GESCHICHTE DER HIMMELSKUNDE. 

J = _|- 40" 22') etwas ab, indem er 210^ und 35^ dafür annalim, 
in welchem Falle Maskelyne's Bestimmungen besser harmonirten, 
und 1805 publicirte er einen neuen und ausführlichen Aufsatz über 
diesen Gegenstand, in welchem er folgende Kapitel giebt: Reasons 
for admitting a Solar Motion. — Theoretical considerations. — 
Symptoms of parallactic motion. — Incongruity of proper motion. — 
Sidereal occultation of a small star. — Dü-ection of the Solai- 
motion. 

Mit diesem Aufsatze schliesst er seine Untersuchungen über 
Sonnenbewegung. — Die späteren Arbeiten Anderer auf dem von 
William Herschel eröffneten Wege werden im Folgenden erwähnt 
werden. 

Wir wenden uns zu den Nebelflecken. Mit Zuziehung der 
wenigen, die schon vor Herschel entdeckt und bekannt waren, 
finden sich bei ihm im Ganzen 2500 dieser Objecte, nämlich 
2303 eigenthche Nebelflecke und 197 Sternhaufen, die er in fol- 
gende acht Classen gruppirt: 

288 glänzende Nebelflecke, 
907 schwache, 
978 sehr schwache, 

78 planetarische, 
-.52 sehr grosse, 

42 sehr gedrängte und reiche Sternhaufen, 

67 dichte, 

SS grob zerstreute. 

Man sieht, die drei ersten Classen zeigen bloss relative Un- 
terschiede, eben so wie die drei letzten; allgemeinere Schlüsse 
auf solche Kategorien zu gründen, wäre unthunlich. Aber es ist 
auch wohl noch nicht an der Zeit, dieser blos äusserlichon Classi- 
fication eine i^ehr logische, sachlich begründete, zu substituiren. 
Wir werden noch manches Jahrhundert hindurch forschen müssen, 
bis mr ein System der Nebelflecke besitzen, und bis dahin wird 
W. Herschel's Classification eben so gut sein wie jede andere. 

Selbst die allgemeinere Unterscheidung zwischen Nebelfleck 
und Sternhaufen ist nicht durchgreifend. Vieles, was bei Her- 
schel noch Nebelfleck ist, erscheint bei Ross als Sternhaufen, 
und sind nicht möglicherweise alle Nebelflecke in Wirklichkeit 
Sternhaufen? Ross wenigstens glaubt die Frage mit Ja beant- 
worten zu müssen; die Spectralanalyse Kirchhoff's aber kommt 
zu dem entgegengesetzten Resultat. 



VON HERSCHEL BIS ZUM SCHLÜSSE DES 18. .lAHRlIÜNDERTS. 1 5 

Etwas schärfer hcrvorgelioloon sind eigentlicli nur die pla- 
netarischen Nebel, die wir zuerst durcli Herschel kennen lernen. 
Das Kennzeichen ist die bestimmtere Begrenzung, die indess in 
keinem Falle einen so scharfen Umriss darbietet wie etwa eine 
Planetenscheibe. Die meisten gehören zu den schwer sichtbaren 
Objecten. . 

Auch auf die Gruppirung, wie auf die allgemeine Vertheilung 
der Nebel, hat W. Herschel geachtet und sein Sohn diese Ar- 
beiten mit grossem Erfolge fortgesetzt; wir werden später, wenn 
von John Her sc hei 's Arbeiten die Rede ist, darauf zurückkom- 
men. Dann wu-d sich das, was W. Herschel 1814 in einem Auf- 
satze: Ästronomical ohservations of the sidereal pari of the heaven 
and its connexion with the nehular par^, über die allmälige Um- 
wandlung der Nebelflecke in Fixsterne sagt, im bessern Zusammen- 
hange darstellen und beurtheileu lassen. 

Zu den Doppelsternen übergehend, bemerken wir zuerst, 
dass uns Herschel auch hier ein neues und ungemein reichhal- 
tiges Feld der Himmelsforschung eröffnet hat, das vor ihm so gut 
als ganz brach gelegen. Man wusste, dass Castor, y Virginis, 
61 Cygni und einige wenige andere Sterne im Fernrohr als ein 
Sternenpaar erschienen; allein besondere Beachtung fand dies nicht. 
Es erschien selbstverständlich, dass unter den vielen Tausenden, 
in der verschiedensten Weise am Himmel zerstreuten Sternen, auch 
der Fall einigemale vorkommen müsse, dass zwei Sterne, von un- 
serm Standpunkt aus gesehen, ganz oder doch so nahe in gleicher 
Richtung hinter einander zu stehen kämen, um von uns dicht 
neben einander gesehen zu werden. Christian Mayer, der 
weiter zu argumentiren versuchte, eigentlich aber sich selbst 
nicht ganz verstand, war auf einen so allgemeinen Widerstand 
gestossen, dass er schliesslich entmuthigt werden musste. Wil- 
liam Herschel dagegen wandte die kräftigen, ihm zu Gebote 
stehenden Mittel diesen bisher vernachlässigten Gegenständen zu 
und arbeitete mit einer Unverdrossenheit und Ausdauer, die unsere 
Bewunderung erregt, unbekümmert, ob jenseits des Kanals man 
an seine Binarsysteme glaubte oder nicht. 

Anfangs war er selbst der Meinung, die Doppelsterne seien 
blos optisch doppelt, und er schlug deshalb vor, sie zur Bestim- 
mung der Parallaxe zu benutzen. Doch überzeugte er sich, als 
er bei seinen Durchmusterungen die unerwartet grosse Zahl dieser 
Sternenpaare gewahrte, und gleichzeitig fand, dass in vielen Fällen 



16 GESCHICHTE DER Hra!\rELSKUNDE. 

die beiden Glieder des Paares einander so äusserst nahe standen, 
und selbst seine mächtigen Teleskope kaum im Stande waren, sie 
zu trennen, dass hier, wenigstens in der Mehrzahl der Fälle, ein 
anderes und nicht blos optisches Phänomen vorhege. Freilich 
war er, so gut wie Newton und Halley, ein Engländer, und die 
Franzosen haben erfahrungsgemäss sich stets sehr lange besonnen, 
bevor sie ein britisches Verdienst anerkannten. Lalande erklärte 
kurzweg: „Wir glauben nicht an diese Dinge," und Voiron in seiner 
Ilistoire, so hoch er sonst Her seh el stellt, und so ausführlich 
er über ihn ist, gedenkt der Doppelsterne nicht mit einem ein- 
zigen Worte. Doch einen echten Forscher beirren solche Erfah- 
rungen nie, und wir sehen, wie er ein Sternbild nach dem andern 
auf Doppelsterne durchmustert, hier eine reichere, dort eine we- 
niger ergiebige Ernte hält und sich nie begnügt, blos zu ent- 
decken, sondern sofort Farbe, Glanz, Positionswinkel und Distanz 
untersucht und diese Untersuchungen mehrfach wiederholt. 

Bei diesen Durchmusterungen nahm Herschel auch solche 
Sterne auf, deren Distanz die jetzt angenommenen Grenzen, in- 
nerhalb welcher die physische Zusammengehörigkeit wahrschein- 
licher als die blos optische ist, weit überschreitet. Bei ihm 
kommen St(Ä"nenpaare von mehreren Minuten Distanz vor. Doch 
sind auch diese Bestimmungen sehr werthvoll; denn abgesehen 
davon, dass selbst bei grösseren Distanzen noch immer manche 
physisch verbundene Paare vorkommen, ist auch selbst im gegen- 
theiligen Falle eine solche Bestimmung demjenigen sehr willkommen, 
der später die Eigenbewegungen dieser Sterne untersucht. 

Die Bestätigung seiner genialen Folgerungen blieb nicht aus. 
Als er seine meist in den achtziger Jahren des vorigen Jahr- 
hunderts gemachten Beobachtungen später (1802 — 1804) wieder- 
holte, wobei er auch mehrere neue Doppelsterne fand, zeigte sich 
für etwa 20 derselben eine nicht zu verkennende Stellungsver- 
änderung gegen früher; und die weitere Folgezeit hat dies, mit 
einigen wenigen Ausnahmen, bestätigt. 

Zu eigentlichen Bahnberechnungen der Doppelstcrne, dies 
gewahrte er bald, war die Zeit noch nicht gekommen. Aber die 
allgemeine Theorie dieser Binarsysteme hat er keinesweges ver- 
nachlässigt. Er unterscheidet die hier möglichen Fälle: entweder 
ruht der Hauptstern und der Begleiter bewegt sich um ihn, oder 
beide bewegen sich um einen gemeinschaftlichen Schwerpunkt, 
oder beide haben eine gemeinschaftliche allgemeine Bewegung 



VON HERSCHEL BIS ZUM SCHLUSSK DES 18. JAHRHUNDERTS. 17 

und gleichzeitig eine des Begleiters lun seinen Hauptstern. Alles 
dieses bildet keine Berechnungstheorie, die erst später gegeben 
werden konnte, wohl aber sind es Winke und Fingerzeige für 
künftige Bearbeiter, die auch nicht unbeachtet geblieben sind. 

Könnten die Herschel'schen Beobachtungen nicht benutzt 
werden, fände man vielmehr Ursach, sie zu verwerfen, so würden 
wir noch bei keinem einzigen Doppelstern im Stande sein, die 
Umlaufszeit, so wie die übrigen Bahnelemente, selbst nur in roher 
Annäherung, abzuleiten. Noch manches Jahrzehend wird ver- 
fliessen müssen, bevor die Beobachtungen nach Herschel einen 
hinreichend grossen Zeitraum umfassen und gleichzeitig zahlreich 
und genau genug sind, um bei solchen Bearbeitungen der Her- 
schel'schen Bestimmung entbehren und gleichzeitig ihren vollen 
Werth kennen lernen zu können. 

Wir wollen noch mit einigen Worten seine Stern-Aichun- 
gen {gauges) erwähnen, durch die er die Sterndichtigkeit* der 
einzelnen Regionen untersucht. Er zählte, wieviel Sterne innerhalb 
einer bestimmten Zeit durch das Feld seines Fernrohrs gingen, 
oder wo dies (wie in der ]\Iilchstrasse) nicht thunlich erschien, 
schätzte er die gleichzeitig im Felde des Rokres sichtbaren. Indem 
er diese Operation in sehr verschiedenen Gegenden des Himmels 
ausfühi-te und mehrfach wiederholte, gelangte er zu der Überzeugung, 
dass mindestens 20 Millionen in seinem Teleskop sichtbar waren, 
von denen gegen 18 ISIillionen der Milchstrasse angehören. Diese 
Aichungen hat sein Sohn, wie wir später ausfühi'licher erwähnen 
werden, am südlichen Himmel fortgeführt, und wir sind durch 
diese Arbeiten in den Stand gesetzt, über die Sternenfülle unsers 
Firmaments sicherer urtheilen zu können, als dies früher mög- 
lich war. 

Wie bei Dominique Cassini, so war man auch bei Her- 
schel in dem Falle, das Meiste auf Treu und Glauben von ihm 
anzunehmen, denn niemand besass damals die Mittel zu einer 
Controle darüber. Doch auch später, als man nach und nach 
dahin gelangte, hat sich nur Weniges gefunden, was wir als ver- 
fehlt oder irrthümlich zu bezeichnen hätten. Ein dahin gehö- 



* Hier ist nicht von der Dichtigkeit einzelner Fixsterne die Rede, die 
wir nicht direct ermitteln können, sondern von der grössern oder geringern 
Frequenz des Vorkonunens der Sterne in den einzelnen Partien des Himmels- 
gewölbes. 

V. MädUv, Gescliiclite der Himmelakuude. U. * 



13 GESCHICHTK DER IIIMMELSKÜNDE. 

rendes Beispiel ist seine Saturnsfigur, für die er (Philos. Trans- 
actions 1805, p. 273 „on the irregulär fignre of the planet Saturn'^) 
eine doppelte Abplattung sowohl der Pole als des Äquators zu 
finden glaubte. Die drei Durclimesser sollten im Verhältniss 
32 : 36 : 35 stehen, ersterer als Polardurchmesser, der zweite für 
die Breite 43*^ 20', der dritte für den Äquator. Er hatte dies zu 
einer Zeit bestimmt, wo der Ring geöffnet war; B es sei wieder- 
holte die Messung, als der Ring verschwunden war und fand 
Saturn einfach elliptisch. Da die Messung in letzterer Lage bei 
weitem leichter und sicherer ist als in ersterer, so hält B es sei 
die Frage für entschieden. 

Ein zweites Beispiel können die Mondvulkane abgeben. Im 
Jahre 1787 bezeichnete Herschel drei Punkte, die er im Erden- 
lichte wie „eine unter der Asche glimmende Kohle" schon 1783 
und später öfter wahrgenommen habe, und die er, da man ja 
doch ein Wort zur Bezeichnung brauche, ,,volcanoes"' nennt. 
Hätte er den Mond fleissiger beobachtet, so hätte er die drei 
Punkte Copernicus, Kepler und Aristarch, die Centra zahkeicher 
Lichtstreifen, auch in voller Beleuchtung stark glänzen sehen, 
aber mit einem ruhigen, sich stets gleich bleibenden Glänze, ohne 
die geringste Spur eines stattfindenden oder auch stattgehabten 
vulkanischen Ausbruchs, der höchstens angenommen werden kann 
bei der ersten Bildung der Mondkugel. 

Seine Durchmesser für Ceres (18 Meilen) und Pallas (14 Meilen) 
scheinen wenig von der Wahrheit abzuweichen, obgleich die Me- 
thode, welche Herschel anwandte, keine Empfehlung verdient. 
Er forschte auch nach möglicherweise vorhandenen Satelhten 
dieser beiden Planetoiden. 

1807 p. 260 spricht er über die neuentdeckte Vesta, die er 
einem Fixsterne von öVa™ gleich setzt, und über den Kometen 
dieses Jahi-es. Den Kern findet er am 5. Oct. 3,97", am 6. nicht 
ganz doppelt dem 3. Jupitersmonde gleich, am 19. 2,47". Es ist 
der erste Komet, in dem Herschel einen bestimmter begrenzten 
Kern erblickte. Er erschien rund, hell, gleichmässig, von röth- 
hcher Farbe. Den ganzen Dui'chmesser des Kometenkopfs fand 
er am 19. Oct. 6', am 6. Dec. 4' 45"; den Schweif am 18. Oct. 
7^ = 33/4 Grad lang ; am 6. Dec. nur noch 23'. Er giebt sehr 
genaue und ausführliche physische Beschreibungen dieses Ko- 
meten. 

1812. Den grossen Kometen von 1811 hat Herschel genau 



VON HERSCHKL BIS ZUM SCHLÜSSE DES 18. JAHRHUNDERTS. 19 

beobachtet. Er findet den Kern kleiner als bei dem von 
1807. Am 19. October 1,39", si^äter immer mehr abnehmend. 
Am 15. October, dem Tage seiner Erdnähe, fand er für den 
wahren Durchmesser 428 englische = 93 deutsche Meilen. Ganz 
anders der zweite Komet dieses Jahres, der weit weniger glänzte. 
Herschel fand für den Kern 2637 engHsche = 573 deutsche 
Meilen. 

1817 p. 303 ff. finden wir seine letzte in den Tr ansäet, vor- 
kommende Arbeit; er stand bereits im 74. Jahre: On arrangement 
of celestial hodies, witli ohservatioiis on the milhy-wwj. — Noch 1815 
hatte er die Uranustrabanten, die er selbst die feinsten aller 
Lichtpunkte des Himmels nennt, und besonders den ersten, beob- 
achtet; gewiss ein erfreulicher Beweis von grosser Schärfe des 
Auges im vorgerückten Greisenalter. 

Wir kennen nicht die Summen, welche Georg III. für diese 
Arbeiten hergab; wahrscheinlich kennt sie niemand, da die Rech- 
nungen auf seinen Befehl verbrannt wurden, — das aber wissen 
wir, dass nie und nirgend die Munificenz eines Monarchen mehr 
und schönere Früchte getragen hat als in Slough. 

Von den drei grossen Teleskopen, die Herschel verfertigte, 
erhielt sich das 25füssige nur wenige Jahre, auch das so berühmt 
gewordene 40füssige fungirte nur von 1789 bis 1799, wo der 
Spiegel in einer feuchten Nacht mit Thau beschlug und nicht 
■wieder herzustellen war. Die besten und dauerndsten Dienste hat 
das 20füssige geleistet, was nicht allein W. Herschel selbst gegen 
30 Jahre lang fleissig benutzte, sondern auch noch lange nachher 
vollkommen im Stande war, von 1833 bis 1837 am Cap von 
seinem Sohne gebraucht zu werden. 

Für Bestimmung von Sternörtern dui-ch Meridianbeobachtungen 
war Slough nicht eingerichtet, — diese konnten in Greenwich ge- 
nauer erhalten werden — , und wenn Ortsbestimmungen (z. B. der 
Nebelflecke) in Slough vorkommen, so sind sie durch Vergleichung 
mit bekannten Fixsternen erhalten; eben so wie die Kometenörter, 
wenn ein solcher Himmelskörper von seiner Schwester entdeckt 
wurde. Dies geschah neun Mal, und in fünf Fällen blieb ihr die 
Priorität. Sie war auch sonst in der Himmelskunde nicht un- 
erfahren, und die References in ihrem Fixsternkatalog zeugen von 
einem guten Scharfblick, wie von grosser Sorgfalt. Sie war nach 
dem Tode ihres Bruders nach Hannover zurückgekehrt, wo sie im 
Januar 1848 in dem seltenen Alter von 98 Jahren starb. — 



20 GESCHICHTE DEK HIMMELSKIINDE. 

Ramage* versuchte sich an ähnlichen grossen Teleskopen, und 
nicht ohne Erfolg. 

Wenn in früheren Jahrhunderten ein grosser Forscher, ein 
Baco, Torricelli, Regiomontanus auftrat, so standen sie 
einsam, gekannt von Wenigen, unverstanden vom grossen Haufen, 
der Zauberer in ihnen sah und alberne Fabeleien von ihnen er- 
zählte. Auf ihi'e Zeit im Ganzen und Grossen zu wirken, war 
ihnen versagt; glückhch genug, wenn sie nicht die bitteren Er- 
fahrungen Galiläi's und Kepler 's zu machen hatten, mussten 
sie ins Grab sinken ohne den Trost, Nacheiferer und Nachfolger 
zu hinterlassen. Es war eben finstere Nacht, Blitze fuhren hin- 
durch und erhellten sie momentan, aber der Anbruch des Tages 
wollte ihnen nicht folgen. 

Anders in den Tagen eines Cassini, eines Newton, eines 
Her seh el. Freilich wurden auch sie von der grossen Masse 
nicht verstanden, aber diejenigen, welche nicht zu dieser zählten, 
fühlten sich mächtig angeregt und geistig gehoben. Die Feinde 
der Wissenschaft fürchtete man jetzt nicht mehr; frei und offen 
durfte jeder, der die Befähigung dazu in sich fühlte, hinaustreten 
auf den Markt der Literatur, und dass auch Unberufene und Un- 
befähigte sich dieselbe Freiheit nalmien, schadete im Ganzen we- 
niger, als man gewöhnlich glaubt. 



§ 143. 

Wir wollen jetzt eine Überschau der Zeit halten, die zwischen 
der Entdeckung des Uranus und der der Ceres liegt; also vom 
13. März 1781 bis zum Schlüsse des 18. Jahrhunderts. Um H er- 
sehe l's Wirken im Zusammenhange zu geben, musste freihch der 
Anfang des 19. überschritten werden. 



■^ Johl RAMAGE, geh. 1784, gest. 1835 am 2&. Decemher. 
Zu Aberdeen ein kaufmännisches Geschäft betreibend, wandte er 
sich schon früh den optischen Wissenschaften zu, denen er sich 
bald ganz widmete. Er versuchte sich zuerst in Teleskopen Gre- 
goryanischer Einrichtung, doch verliess er dieses Princip und 
wandte das Herschel'sche an. 1817 verfertigte er ein 20füssiges 
Teleskop mit einem 13VoZÖlligen Spiegel; bald darauf ein anderes 
mit lözöUigem und 25 Fuss Focallänge. Mehr als 100 Spiegel 



VON HERSCUEL BIS ZUM SCHLÜSSE DES 18. JAHRHUNDERTS. 21 

Pigott beschäftigte sich vorzugsweise mit veränderhcheii 
Sternen. Im Jahre 1781 gab er eine kurze Notiz über den Nebel- 
fleck der Coma Berenices; 1783 am 19. Nov. entdeckte er einen 
Kometen, dessen Örter er durch fortgesetzte Beobachtungen er- 
mittelte; 1785 findet er ?/ Antinoi als veränderlich, und 1786 giebt 
er uns den ersten Katalog veränderlicher Sterne mit Bemerkungen 
über jeden einzelnen derselben. Später findet er noch mehrere 
auf. Seine letzte Mittheilung ist von 1795, wo er einen verän- 
derlichen Stern in der Krone und einen andern im Schilde So- 
biesky's bezeichnet. 

Auf dem gleichen Felde machte sich R. Goodrike verdient, 
und hier war in der That noch sehr wenig geschehen; denn 
ausser Mira Ceti (entdeckt von Holwarda 1639), Algol (Mon- 
tanari 1669), / Cygni (Kirch 1687) und R Hydrae (Maraldi 
1704), sämmtlich von sehr auffallender Veränderlichkeit, war 
nichts weiter bekannt, und gegenwärtig hat die Zahl der als ver- 
änderlich erkannten Sterne schon 100 weit überstiegen. Goodrike 
kündigte 1783 Algol als veränderlich an, er scheint von Monta- 
nari's 114 Jahr früher gemachten Entdeckung nichts gewusst zu 
haben. Er setzte die Beobachtungen weiter fort und fand 1784 
ß Lyrae und 1785 Ö Cephei als variabel. Von andern Beob- 
achtern solcher Sterne treffen wir in dieser Zeit nur noch Koch, 
der 1782 die Veränderlichkeit von R. Leonis findet. 

Wilson, Assistent der Sternwarte Glasgow, tritt 1782 gegen 
Lalande auf. Der Gegenstand des Streits betraf die Sonnenflecke, 
die Wilson als Vertiefungen in der Photosphäre der Sonne er- 
kannte, was Lalande bestritt. In demselben Jahre schlägt er 
vor, durch Aberrationsbeobachtungen zu untersuchen, ob die ver- 



ähnlicher Dimension hatte er polirt und gefasst, bevor er sich für 
befähigt hielt, ein Teleskop wirklich auszuführen. .Er versuchte 
auch ein 54füssiges mit 21zölligem Spiegel, was 1823 zu Stande 
kam. Auch hat er den Aufstellungs- und Bewegungsmechanismus 
der Teleskope wesentlich vervollkommnet, sich auch um die 
Äquatorial -Instrumente verdient gemacht. 

Doch hat er fast nur gelegentliche Phänomene beob- 
achtet, nicht jedoch umfassende Arbeiten, wie die beiden Her- 
schel, unternommen. Er war Mitglied der Royal Astronomical 
Society. 



22 ÜESCHICIITE DKK HIMMELSKVNDE. 

änderliche Luftdichtigkeit oder auch andere Media Eiuiluss auf 
die Lichtgeschwindigkeit haben oder nicht? 

Ramsden* kündigt Oculare neuer Construction an (1783). 

Hamilton zu Cooks-Town (Wand) hat den Merkurs- Durch- 
gang am 22. Nov. 1782 beobachtet, schiklert den Vorgang genau 
und giebt zahh*eiche Grössenbestimmungen der schwarzen Merkurs- 
scheibe. Auch der uns schon bekannte Palitzsch schickt 1783 
an die Royal Society seine Beobachtungen über Algols Licht- 
veränderung ein; eben so in demselben Jahre Englefield. 

Mich eil Avill durch Beobachtung der Lichtgeschwndigkeit, 
die er bei grösserer Entfernung als abnehmend vermuthet, einen 
Schluss auf die Entfernung der Fixsterne machen. 

WoUaston hielt die Doppelsterne sämmtlich für blos optisch, 
und schlägt vor, durch Positions- und Distanzmessungen die Pa- 
rallaxe des grössern Sterns zu bestimmen, oder mindestens doch 
den Unterschied der Parallaxen beider Sterne (1783), und giebt 
ausfuhi-liche Nachricht über ein neues Passagen-Instrument (1792). 

Auch von Zach, den wir später kennen lernen werden, 
schickt die Erstlinge seiner astronomischen Thätigkeit an die 
Royal Society. 

Maskelyne erwartet die Wiederkehr des 1532 und 1661 er- 
schienenen Kometen, deren Identität er annimmt, auf 1788, und 
hat die Störungen der Planeten auf seinen Lauf berechnet. Er 
giebt auch eine Ephemeride für diese Wiederkehr in den Trans- 
octions von 1786. Die Wiederkehr ist nicht erfolgt: die Identität 



* Jesse RAMSDEN, geb. 1730, gest. 1800. Als Schüler 
John Dollond's, dessen Schwiegersohn er ward, gründete er 
um 1775 eine eigene optische Anstalt. Wir besitzen von ihm: 

Description of an engine for divicUiig mathematical instrumenta. London 1777. 
Über neue Miki-ometer. London 1779. 

Sur les oculaires des lunettes pour les instrumens. London 1783. 
Description de l'equatorial universel et de Mr. Makenzie's nouvel iippareil 
de i-efraction, perfectionne par Ramsden. 1792. 

Noch bemerken wir, dass Piazzi 1788 ein Lettre sur les 
ouvrages de Ramsden veröflenthcht hat, und dass im Journal des 
Savans, p. 572 vom Jahre 1789 eines Vollkreises von Ramsden 
ausführlich gedacht wird. 



VON HEKSCHEL BIS 2X751 SCHLÜSSE DES 18. JAHKHUNDERTS. 23 

also dadurch zweifelhaft geworden und durch spätere Unter- 
suchungen ganz Aviderlegt. 

Im Jahrgange 1789 finden wh- auch bereits eine Piazzi'sche 
Beobachtung. Sie betrifft die Sonnenfinsterniss vom 3. Juni 1788 
und die daraus hergeleiteten Längenunterschiede, so wie Fehler 
der Sonnentafeln, die sich bei dieser Gelegenheit herausgestellt 
hatten. 

1794 am 17. März sehen William AVilkins und Thomas 
Stretton ein „Licht" im dunkeln Theile der Mondscheibe. Wir 
führen sie an mit der Bemerkung, dass der Beschreibung zufolge 
man annehmen kann, es sei dies der ]\Iondfleck Aristarch ge- 
wesen, den man bei günstiger Erdatmosphäre im Erdenlichte des 
Mondes niemals vermissen wird. 

1795 giebt Schröter in Lihenthal bei Bremen einen sehr 
ausführlichen Aufsatz über die Berge, die Dämmerung und die 
Atmosphäre des Planeten Venus. — Wir kommen auf diesen Be- 
obachter später zurück. 

1797 giebt der Spanier Mendoza y Bios eine Abhandlung: 
Recherches sur les principaux problemes de V Astronomie navtique. 
Das Eigenthümhche dieser Abhandlung besteht in der Einführung 
neuer trigonometrischer Benennungen, indem er 

SU . sin vers A = 1 -j- cos A 
SU . cos vers A = 1 -f- sin A 

setzt, welche neue Functionen also den sin. vers. und cos. vers. 
zum Durchmesser ergänzen. Er macht von dieser Neuerung einen 
angemessenen Gebrauch; allgemeinen Beifall hat sie jedoch nicht 
gefunden. Auch gab er einen neuen Reflexionskreis an. 

Die Transact. von 1798 geben uns ausführhche Nachrichten 
über die Arbeiten von Cavendish über die mit grossen Kosten 
ausgeführten Beobachtungen an seiner Drehwaage zur Bestimmung 
der mittleren Erddichtigkeit. Der grosse Apparat, im Freien auf- 
gestellt und mit einer Glaswand umschlossen, um jeden Luftzug 
abzuhalten, ward aus angemessener Entfernung mit einem Fern- 
rohr beobachtet, um auch die Anziehung, welche die Person des 
Beobachters ausüben könnte, möglichst auf Null zu bringen. Die 
Methode selbst hatte Mich eil schon lange Zeit vorher in Vor- 
schlag gebracht, doch Cavendish ist der erste, der sie praktisch 
ausführte. Bei den ersten Versuchen war die Schwingungszeit 
seines horizontalen Pendels 10 — 11 Stunden; später bei beträcht- 



24 GKSCHICUTE DEll lllMMELSKUNDE. 

licher Vergrösscrung der auziehciulen Massen gelang es ihm, sie 
bis auf 14' 5" in Zeit zu vermindern. 29 Resultate (wenn die dop- 
pelt angestellten auch doppelt in Rechnung kommen) ergaben 
Wcrthe zwischen 4,88 und 5,85; das Mittel war 5,48; oder nach 
einer späteren etwas moditicirten Berechnung von Reich in Frei- 
berg 5,44; also nicht unerheblich mehr, als Maskelyne am 
Shehalhon gefunden hatte. Hutton trat später gegen das Resul- 
tat von Cavendish und gegen das ganze Verfahren auf und 
suchte es als trügerisch und nichts beweisend darzustellen. Nur 
bei einer homogenen Erddichtigkeit genüge es. Aber er führt 
keine überzeugenden Gegeugründe auf. Wir können dem, was 
Baily (Memoirs XIV., 92 ff.) über die Einwendungen Hutton's 
beibringt, unseren Beifall nicht versagen. In der That scheint 
verletzte Eitelkeit das Hauptmotiv derselben gewesen zu sein: es 
verdross ihn, dass Maskelyne und nicht ihm das Hauptverdienst 
bei der Sheliallion-Messung zugeschrieben wurde, und nun sollte 
er seinen Ruhm gar noch mit einem Dritten theilen. Er spricht 
von enormen Ungewissheiten bei Cavendish' Experimenten, bringt 
jedoch nichts bei, was diesen Ausspruch rechtfertigt, denn die 
Fehler, welche er entdeckt zu haben glaubt, würden, auch wenn 
sie alle zugegeben werden müssten, das Resultat doch nur höchst 
unbedeutend ändern. Hutton urgirt die Kleinheit der anziehen- 
den Massen bei Cavendish verglichen mit der eines Berges, 
vergisst aber gänzlich, dass die Masse eines Berges sich numerisch 
nur sehr schwer und nie genau bestimmen lässt, abgesehen davon, 
dass wohl kein Berg ganz isolirt steht und dass er im Innern der 
Erde wurzelt. — Man hat ähnliche Versuche wie am Shehallion 
am Mont Cenis, sowie schon früher bei der peruanischen Grad- 
messung am Chimborasso gemacht, allein die grosse Disharmonie 
der erlangten Resultate zeigt, dass eine verhältnissmässig genaue 
Bestimmung auf diesem Wege nicht zu erwarten ist. 

John Ilellins gab 1799 und 1800 Mehreres über Perturba- 
tions-Berechnungen, durch die er sich als kundigen Analysten do- 
cumentirt; und Lowndes, Professor der Astronomie zu Cambridge, 
behandelte die Aufgabe, aus zwei Sonnenhöhen und deren Zwi- 
schenzeit die Breite eines Orts zu finden. 

Die Notizen dieses Paragraphen, sämmtlich den Fhil. Transact. 
entnommen, zeigen uns nicht wenige Ausländer (wir könnten auch 
Köhler, Rumowsky u. m. hinzufügen), die dies Jahrbuch für 
ihre Mittheilungen wählen. Es fehlte in der That in anderen 



VON UERSCJIIEL BIS ZUM SCHLÜSSE DES 18. JAIIKHUNDEBTS. 25 

Ländern sehr an Zeitschriften für Himraelskunde; man benutzte 
die Bo de 'sehen und andere Ephemeriden dazu; und erst dem 19. 
Jahrhundert Avar es vorbehalten, in geeigneterer Weise für das 
schon lange empfundene Bcdürfniss zu sorgen. 



§ 144. 

In Frankreich gebrach es an der äusseren Ruhe, welche die 
Himmelsforschung zu ihrem gedeihlichen Wirken in Anspruch 
nehmen muss. Das Journal des Savans, das so lange der Wissen- 
schaft gedient, musste eingehen, und nur mit Mühe gelang es, die 
Connoissance des temjjs vor ähnlichem Schicksal zu bewahren. Die 
von der Nationalversammlung decretirten Neuerungen: eine durch- 
greifende Zehntheilung, auch für die Tageszeit und den Kreis- 
bogen, die Einführung des Metre statt der Toise, der neufranzö- 
sische Kalender und Ähnliches, — wenngleich Manches als gut und 
empfehlenswerth sich darstellte und Lalande sich auf dem Go- 
thaer Congress alle Mühe gab, seine Einführung allgemein zu 
machen, — konnte keinen Ersatz bieten für wesentlichere Verluste. 

Cassini IV. sollte — so forderten es die Machthaber — sein 
bisher allein und persönlich geführtes Directorat fortan mit 
Ruelle, Nouet und Perny theilen. Seine Weigerung endete 
damit, dass man ihn ins Gefängniss warf. Endlich daraus befreit, 
lehnte er die abermahge Übernahme des Directorats entschieden 
ab. Durch Lalaude's und besonders durch Mechain's Bemü- 
hungen ward das Fortbestehen des Observatoire gesichert, aber 
die „Dynastie" der Cassini's hatte nach 124jähriger Dauer auf- 
gehört, denn so viel Mühe sich auch Mad. Lepaute mit Cas- 
sini's Sohne gal), und so gut er sich auliess, er verliess bald die 
Himmelskunde und wandte sich der Jurisprudenz zu. Mit seinem 
Tode als Pair von Frankreich 1833 und dem seines hochbejahrten 
Vaters 1848 ist das berühmte Geschlecht erloschen. 

Dazu gesellten sich andere bedauerliche Verluste. Lepaute 
d'iVgelet,* ein junger sehr kundiger und thätiger Astronom, dessen 



* Josqjh Lepaute d^AGELET, geh. 1751 am 25. Nov., gest. 
1788 ? Eine Neffe des Uhrmachers Lepaute, ward er von dessen 
berühmter Frau zur Mathematik und Astronomie angeleitet und 
Ijekleidete schon früh die Professur der Mathematik an der Pari- 



26 GE.SCHICHTK DKR HIMMELSKrNDE. 

Beobachtungen endlich ganz vor Kurzem B. A. Gould der Öffent- 
lichkeit übergehen hat, machte die Erdumsegelung Lapeyrouse's 
mit und theiltc das erst spät und unvollkommen bekannt gewor- 
dene Schicksal derselben, bei dem nur der eine Umstand gewiss 
ist, dass Niemand zurückkehrte. Und seine Meisterin, die Gattin 
Lepaute's, erkrankte bei der Pflege ihres körperlich und geistig 
erkrankten Mannes 1789 selbst an einem bösartigen Fieber und 
starb vier Monate vor ihm. 

Um so rühmlicher ist es, dass Jerome Frangois de La- 
lande, obgleich schon in vorgerückten Jahren, den Muth nicht 
verlor und mitten in den Schreckensscenen, die Paris tagtäghch 
sehen musste und denen auch Naturforscher zum Opfer fielen,* 
die Beobachtungen für seine Histoire cMeste fortsetzte. — Lalande, 
dessen jugendliche Energie es schon 1748 (in seinem 16. Lebens- 
jahre) durchgesetzt hatte, sich der Himmelsforschung unter Be- 



ser Mihtärschule, auch war er Mitglied der Akademie der Wissen- 
schaften. Schon im 17. Jahre begann er seine Beobachtungen 
unter Lalande 's Direction, und sowohl dieser als Delambre be- 
stätigen, dass seine Beobachtungen die genauesten und brauch- 
barsten gewesen, die zu finden waren. Die erste datirt vom 4. 
Mai 1768. 

Fünf Jahi-e später sehen wir ihn die Expedition unter Ker- 
guelen als Astronom begleiten. Mit grossem Eifer widmete er 
sich sowohl den astronomischen als auch anderen Beobachtungen, 
und hätte noch mehr geleistet, wenn der misanthropische, un- 
freundliche Kerguelen ihn nicht beständig gehindert, zuletzt ihm 
sogar die Instrumente verweigert hätte; ein Benehmen, wofür die- 
ser auch bei der Rückkehr bestraft wurde. Nach seiner Zurück- 
kunft 1774 setzte er seine früheren Beobachtungen fort; sie er- 
schienen im Journal des Savans und später in den Memoires de 
l'ÄcadSmic. „Wenn er," sagt Lalande, „sieben Stunden des 
Tages im College unterrichtet hatte, brachte er sieben bis acht 



* „Die llepublik bedarf keiner Gelehrten" war die Antwort, 
die der verurtheilte Lavoisier auf seine Bitte, um einige Tage Aufschub, 
zur Vollendung eines wichtigen Versuches, von seinen Richtern erhielt. Noch 
am nämlichen Tage erlitt er den Henkertod. Sein einziges Verbrechen war 
sein Reiehthum. 



VON HERSCHEL BIS ZUM SCHLÜSSE ])E,S 1«. JAIIHIIUNDEKTS. 27 

raud's Anleitung widmen zu dürfen, obgleich seine Eltern alles 
daran gesetzt hatten, ihn für einen anderen Lebensberuf zu be- 
stimmen. Zu seinen frühesten Arbeiten gehören die Beobachtungen 
in Berlin, nach Verabredung mit de Lacaille, der am Cap der 
guten Hoffnung beobachtete, um durch gleichzeitige Observationen 
die Parallaxe der Sonne zu bestimmen. Später redigirte er in 
Paris längere Zeit hindurch die Connoissance des temps, schrieb 
seine Astronomie, das Hauptwerk für jene Zeiten, und anderes. 
Er hatte sich anfangs gegen die von der Nationalversammlung be- 
absichtigte Umgestaltung des Kalenders erklärt, als sie jedoch zum 
Beschluss erhoben war, Hess er den Widerstand und arbeitete 
selbst füi* sie. Nach d'Agelet's Abgang (1786) übernahm La- 
lande die Direction der seit 1768 bestehenden Sternwarte, die 
unter ihm zum thätigsten aller ähnUchen Pariser Institute, das 
grosse Observatoire Royal nicht ausgenommen, erhoben wurde. 



Stunden am Ferm-ohr zu, wo er oft in einer Nacht mehr als 100 
Sterne bestimmte." Die Vertrautheit, die er sich dadurch mit den 
Einzelheiten des Sternenhimmels erworben hatte, ward Ursache, 
dass er häufig von älteren Astronomen consultirt wurde, wenn es 
sich um schwer sichtbare Sterne handelte. — 

Ludwig XVL ordnete persönlich eine Reise um die Welt an, 
zu deren Chef Lapeyrouse bestimmt war, welche d'Agelet als 
Astronom begleitete. 

In der Histoire, die La lande seiner Bibliographie astro- 
nomique angehängt hat, findet man ausführliche Nachricht über 
die Correspondenz, welche d'Agelet nach Europa sandte. Aber 
mit 1788 verstummte sie, und bald Avurden die Befürch- 
tungen laut, die sich nur zu sehr bestätigt haben. Nichts 
ward gerettet. Niemand ist zurückgekehrt. Ein tragisch dunkles 
Geschick hat einen strebsamen jungen Mann, der in den wenigen 
ihm vergönnten Jahren mehr und Besseres geleistet als mancher 
Andere in einem langen Leben, der Wissenschaft entrissen, die an 
seinem unbekannt gebliebenen Grabe trauert. Nur das muth- 
maassHche Jahr seines Unterganges haben wii" oben angeben kön- 
nen. — In neuester Zeit sind seine Pariser Beobachtungen voll- 
ständig und genau reducirt von Gould herausgegeben worden. — 
Ausführliche Nachrichten über ihn hat La lande in der Biblio- 
gra-phie astronomique p. 708 publicirt. 



28 GESCHICIITK DER ]IIMMJ:LSKIINDE. 

Mit seinem Neffen Michel de La bin de und der Gattin des letzte- 
ren, Marie Joanne, geb. Harlay, f'ülnte er die grosse Arbeit 
aus. Die Hisloire cMeste giebt die Originall^eobachtungen nebst 
den Reductionstafeln ; die Reduction ist erst 40 Jalirc nach seinem 
Tode von der British Association ausgeführt und veröffentlicht 
worden. Die Erhaltung seiner Bibliotheijue astrojioiniqiie hoffte er 
von ihrem voluminösen Umfange; wir hoffen sie von der hohen 
Wichtigkeit ihres Inhalts, der von echten Himmelsforschern zu 
keiner Zeit verkannt werden kann und wird. 

War Lalande's und anderer, bereits im Vorstehenden er- 
wähnter Astronomen Thätigkeit überwiegend praktisch, so 
waren die d'Alembert, Lagrange, Legendre es auf theoreti- 
schem Felde. Sie haben die Theorie der Präcession und vieler 
anderen Gegenstände erheblich gefördert, obwohl keiner derselben 
seine Aufgaben ausschliesslich . der Himmelsforschung entnahm, 
sondern das Gesammtgebiet der höheren Mathematik umfasste, 
und dieses Gebiet um neugewonnene Provinzen durch sie bereichert 
wui'de. Insbesondere ist es Legendre, der die erste Idee der 
Wahrscheinlichkeitsrechnung, bestimmter die Methode der klein- 
sten Quadrate, fasste und durchführte. Sie untersuchten auch 
Fälle, die der Himmelskunde in Wirklichkeit fremd sind; aller- 
dings in der Voraussetzung, dass sie möglicherweise dieses nicht 
seien, z. B. den, wo die Bewegung eines Planeten von zwei Sonnen, 
beide selbst als stillstehend gedacht, abhängig gemacht wird, 
wenn eine der Sonnen mit anziehender, die andere mit abstossen- 
der Kraft wirkt. Immer mehr, immer schärfer vollzog sich in 
Frankreich durch alles dieses die Theilung in Beobachter und 
Theoretiker. Lag ränge verliess einst eine Sitzung der Pariser 
Akademie etwas verstimmt mit den Worten: „Diese Astronomen 
sind sonderbar, sie wollen keine Folgerung gelten lassen, die nicht 
mit ihren Beobachtungen stimmt." — Was sollte aus der Wissen- 
schaft werden, wenn die Astronomen solche Folgerungen gelten 
lassen wollten? 

Laplace's Arbeiten, obwohl ein bedeutender Theil derselben 
noch in das 18. Jahrhundert fällt, versparen wir bis in den Be- 
ginn des 19. 

Noel Simon Carrochez in Paris (1744—1812), als Mecha- 
niker und Optiker ausgezeichnet, Mitghed des Bureau des Longi- 
tudes seit dessen Gründung 1795. Er verfertigte ein Teleskop von 
22 Fuss Brennweite, welches dem Herschel'schen an die Seite 



VON HERSCIIEL bis zum SCHLÜSSE DES 18. JAHKHUNDERTS. 29 

gestellt werden konnte; es ist das einzige, welches damals ausser- 
lialb Slongh die Uranusmonde zeigte. Ein anderes von 7 Fuss 
Brennweite, dessen Spiegel von Platin ist, brachte er gleiclifalls 
zu Stande. 

Bertrand Augustin Carouge, geb. 1741, gest. 1798 in 
Paris, General-Administrateur des Postes, hat in der Zeit, wo La- 
la n de die Connoissance des temps redigirte, mehrere Aufsätze für 
diese gearbeitet, namentHch eine Vorausberechnung der Phasen 
des Mondes auf 60 Jahre und praktische Formeln zur Berechnung 
der Parallaxe. 

FrauQois Philippe Antoine Garipuy baute sich aus eige- 
nen Mtteln in Toulouse eine Sternwarte, auf der er fleissig beob- 
achtete. Seine Publicationen betreffen die Parallaxe des Mondes, 
so wie die des Mars und der Venus; also indirect die Sonnen- 
parallaxe. 

Nicolaus Halma (1755 — 1828), Professor der Mathematik 
in Paris und Fontainebleau, später BibHöthekar der Kaiserin Jo- 
sephine, auch Canonicus zu Notre-Dame. Er gab: Composition 
mathematique de Claude Ptolemee, tradidt en Francais. — Com- 
mentaire de ThSon. — Science et explication du Zodiaque. 

Louis Robert Joseph Lemery (1728 — 1802), ein Assistent 
Lalande's, namentlich für Berechnungen. Er gab Mondtafeln, 
rechnete viel für die Connoissance des temps und gab auch selbst- 
ständig Ephemeriden heraus. 

Jacques Andre Mallet-Favre (1740 — 1790), ein um seine 
Vaterstadt hochverdienter Genfer. Er hatte 1769 zu Ponoi im 
russischen Lappland den Venus-Durchgang Ijeobachtet und stiftete 
an der Universität zu Genf eine besondere Professui' der Astrono- 
mie, die er bis zu seinem Tode selbst bekleidete. Im Verein mit 
Trembley und Pictet erbaute er eben daselbst eine Sternwarte, 
auf welcher die di-ei Genannten fleissig beobachtet haben. 

Frangois Marie Quenot, geb. 1761 in L'Orient, begleitete 
die französische Expedition des General Buonaparte als Astronom 
nach Ägypten, wo er, so viel die Umstände zuliessen, für Himmels- 
kunde thätig war. Am meisten hat er Jupiter und Mercur beob- 
achtet und seine Resultate in der Connoissance des temps mit- 
getheilt. 

Dominique Ricard (1741 — 1805) entsagte dem Jesuiten- 
orden, in den er eingetreten, und lebte fortan in Paris als Privat- 
lehrer und Literat. Er ist Verfasser eines astronomischen Gedichts: 



30 GESCHICHTE DER HIMMELSKUNDE. 

La sphere, j>oeme. Lalande hat es sehr gelobt, und in einem 
Anliange von 160 Seiten finden sich noch andere astronomische 
Gedichte aus der Griechenzeit. 

Jean Guillaume Wallot, ein geborener Oppenheimer, war 
Astronom beim Grafen Mercy d'Argeuteau und beobachtete als 
solcher den Merkurs-Durchgang am 12. Nov. 1782. Auch schrieb 
er über Gnomone und die Bestimmung der Schiefe der Ekliptik 
durch dieselbe. Während der Schreckensregierung fiel er 1794 in 
Paris unter der Guillotine. 



§ 145. 

Wenn wh- nach dieser Überschau der englischen und franzö- 
sischen Hiimnelsforschung in den beiden letzten Decennien des 
18. Jahrhunderts zu der deutschen übergehen, so geschieht dies mit 
dem freudigen Gefühl, dass die untergeordnete Stellung, die 
Deutschland, seit Kepler ins Grab sank, in der Astronomie 
eingenommen, jetzt einer würdigeren und rühmlicheren Platz 
macht. 

Wir beginnen mit Johann Eiert Bode, über dessen Wirken 
und Arbeiten wir bereits im ersten Bande pag. 479 fi'. ausführlich 
berichtet haben, den wir aber an dieser Stelle nicht unberührt 
lassen wollen, da seine 60jährige Thätigkeit, die freilich mehr 
literarisch als praktisch Avar, eine wichtige Übergangszeit be- 
zeichnet. 

In dem von ihm ins Leben gerufenen Berliner Jahrbuche, 
dessen 54. Jahrgang er bei seinem Tode schon fertig ausgearbeitet 
hinterliess, erstattete er zugleich Bericht über die Thätigkeit der 
Sternwarte. Encke trat als Redacteur dieses der Himmelskunde 
ausschliesslich gewidmeten Journals ein, das einem fühlbaren 
Mangel abgeholfen und dessen öOjähriges Jubiläum Bode noch 
erlebt hatte. Es ward von der gesammten Gelehrtenwelt Berhns 
festlich begangen. 

Aber wenn Bode gleich eine ausgebreitete praktisch-astrono- 
mische Thätigkeit durch unabwendbare Umstände versagt blieb 
(Friedrich II. hat diesen Wissenszweig nie besonders begünstigt), 
hat er doch gethan, was er vermochte, und den Mängeln seiner 
Sternwarte nach MögHchkeit abgeholfen. So konnte er in jedem 
Jahrgange Beobachtungen von Sternbedeckungen, Finsternissen 
und ähnlichen Begebenheiten mittheilen, was mehrfach Anwen- 



VON HEESCHEL BIS ZUM SCHLÜSSE DES 18. JAHRHUNDERTS. 31 

dung fand und ihm eine ehrenvolle Stellung unter den Männern 
der Wissenschaft erwarb. 

Das edle Fürstenpaar, welches in Gotha herrschte, Herzog 
Ernst IL und seine Gemahlin Luise, gründete 1788 die Stern- 
warte Seeberg bei Gotha, die längere Zeit hindurch gewisser- 
maassen der Centralpunkt deutscher Himmelsforschung blieb. Franz 
Xaver v. Zach, ihr erster Director, begann sogleich die Beob- 
achtungen zu einem Sternkatalog, der jetzt allerdings antiquirt ist, 
damals jedoch sehi' fördernd wirkte. Durch seine „Monatliche Cor- 
resjaondenz" sammelte und verbreitete er die Nachrichten aus allen 
Gegenden, und zahlreiche Aufsätze darin rühren von ihm selbst 
her. Bei den von ihm geleiteten Vermessungen in Thüringen 
brachte er auch Blickfeuer und andere Signale in Anwendung, 
wobei sorgfältig auf die persönliche Differenz geachtet wurde. 
Er machte den Spiegelsextanten nach der neuen Construction in 
Deutschland bekannter und zeigte, wie dieses Instrument mit 
grosser Leichtigkeit namentlich bei Beobachtungen auf Reisen anzu- 
wenden sei (er nannte es eine tragbare Sternwarte), und erwarb 
sich namentlich um die astronomische Geographie Verdienste. Mit 
seinem Herzoge führte er eine Reise in das südhche Frankreich 
und namentlich nach dem Städtchen Hyeres an der Küste des 
Mittelländischen Meeres aus; hier und an einigen anderen Orten 
wurden kleine Sternwarten eingerichtet, um Längen und Breiten 
in diesen Gegenden zu bestimmen. 

1796 fand in Gotha ein astronomischer Cougress Statt; das 
herzoghche Paar nahm selbst daran Theil, und die Astronomen, 
welche ihn besuchten, hatten sich der wohlwollendsten Aufnahme 
zu erfreuen. Von Frankreich erschien Lalande, der einen Be- 
schluss herbeizuführen wünschte, dass die französische Decimal- 
theilung für Maasse, Münzen, Gewichte, Kreisbögen und Zeit auch 
in Deutschland eingeführt werden möchte. Dieser Zweck ward 
nicht erreicht, wohl aber wurden andere wichtige Verabredungen 
getroffen; auch eine Durchmusterung des Himmels zum Behuf der 
Auffindung des zwischen Mars und Jupiter vermutheten Planeten. 
Nur Österreichs Astronomen durften nicht nach Gotha gehen, ein 
bestimmter Regierungserlass untersagte es ihnen; ja man ging 
noch weiter, man richtete eine ernste Warnung an den Gothaischen 
Hof, da bei Lalande's Anwesenheit „il pourroit bien s'agir d'au- 
tres revolutions que des revolutions ehestes." Glücklicherweise blieb 
die Warnung ohne Beachtung. 



32 GESCHICHTE DER mmÜELSlOlNDE. 

Obiger Congress bescliloss, sich nach einigen Jahren an einem 
anderen Orte wieder zu versammehi, was aber nicht zu Stande 
kam. Es gab damals kein zweites Gotha. 

Doch, wenn gleich ein förmlicher deutscher Astronomen-Congress 
erst nach 67 Jahren in Heidelberg stattfand, so Aviederholten sich 
von jetzt ab kleinere Zusammenküiifte sowohl in Gotha als an 
anderen Orten, namentlich auch in Lilien thal bei dem dortigen 
Oberamtmann Schröter. Mit gespannten Erwartungen und 
grossen Hoffnungen sah mau den Einrichtungen zu, welche dieser 
eifrige und unermüdete Forscher traf, um mit Herschel zu 
wetteifern. Er hatte 1779, schon im 46. Lebensjahre stehend, 
anfangs mit mittelmässigen, später mit grösseren Teleskopen die 
Himmelskörper zu beobachten unternommen. Dass sie in dieser 
äusserlicheu Beziehung der Herschel'schen etwas nachstanden, 
kam wohl wenig in Betracht, aber dass sie an Sorgfalt der 
Ausführung wie an Zweckmässigkeit der Aufstellung vieles zu 
wünschen übrig Hessen, fiel mehr ins Gewicht. Auch in geistiger 
Beziehung war Herschel der Überlegene; dem Eifer für Himmels- 
forschung, der unverkennbar bei Schröter sich manifestirte, 
standen weder die Kenntnisse noch die Umsicht zur Seite, durch 
welche Herschel 's Arbeiten sich auszeichnen. 

Die Mondoberfläche war ein Hauptgegenstand seiner Beschäf- 
tigungen. In der That ein grosses und reiches Feld, auf dem die 
ganze Ernte noch zu gewinnen war. Man hatte zwar Moudkarten, 
aber sehr unvollkommene; die kleinste von ihnen, die Tobias 
Mayer gegeben, war noch die beste. Die Aufgabe lag klar vor: 
zuerst eine bessere, namentlich detaillirte Generalkarte, und wenn 
diese zu Stande gekommen war, die specielle Untersuchung einzel- 
ner Gegenden. Wurden diese letzteren dann von Zeit zu Zeit in 
der gleichen Ortlichkeit wiederholt, so konnten möglicherweise 
auch die Veränderungen auf der Mondfläche wahrgenommen oder 
ihr Nichtvorhandensein constatirt werden. — Schröter aber be- 
gann mit dem, was das Allerletzte sein musste; eine allgemeine 
Mondkarte hielt er sogar für überflüssig, ebenso eine genaue und 
richtige Orienth'ung. Er lieferte zahh-eiche Zeichnungen einzelner 
Gegenden; doch wie vergebhch alle Mühe sei, aus diesen Zeich- 
nungen ein nur einigermaassen genügendes Ganze zusammenzu- 
setzen, davon hat Verfasser dieses Werks sich zu seinem Bedauern 
überzeugt. 

Doch übergehen wir jene der Hauptsache nach verfehlten 



VON HERSCIIEL lilS ZII5I SCHLÜSSE DES Is. JAHHUUNDERTS. 33 

Bemühungen und begnügen uns, anzuführen, dass nur sehr wenig 
von dem, was er uns gegeben, die spätere Probe bestanden liat. 
Seine Durchmesser der kleineu Planeten mussten gestrichen, seine 
Nebelhüllen um Ceres und Pallas entfernt werden. Seine Behaup- 
tung, dass der Saturnsring gar nicht rotire, die er mit äusserster 
Heftigkeit vertheidigte, widersprach aller und jeder Theorie zu 
sehr, um angenommen werden zu können. Die meisten seiner 
Schriften (einige noch ungedruckt) führen den Titel Fragmente: 
selenographische, kronographische, aphroditographische u. s. w., 
und in der That sind sie höchst fragmentarisch. 

Eine Entdeckung Schrot er 's, die sich bewährt hat, sind die 
Rillen (schmale tiefe Furchen) auf der Oberfläche des Mondes. 
Er sah zwei derselben, beschreibt sie und ])estimmt ihren Ort 
durch Vergleichung mit anderen Flecken: so sind sie wieder- 
gefunden worden. Es sind die beiden, die auf der Mittelgegend 
des Mondes eine beträchtliche Strecke hinziehen; eine durch Hy- 
ginus, die andere an Ariadaeus vorüber. 

Wenden wir uns zu einem w^ahi-en und wesentlichen, wenn 
gleich indirecten Verdienst Schröter's um Himmelskunde. Durch 
ihn jind Harding und Bessel der praktischen Astronomie zu- 
gefdhi't und in Lagen versetzt worden, in denen sie frei von an- 
dern Berufsgeschäften nur der Himmelsforschung leben konnten. 
Dafür gebülirt ihm aufiichtiger Dank und Anerkennung. 

Seine Instrumente kamen nach Göttingen. Der Zustand, in 
dem sie sich befanden, rechtfertigt ihren dortigen Mchtgebrauch, 
und um nicht länger den Ramn der Sternwarte durch sie beengen 
zu lassen, hat man die laugen Holzröhre entfernt und die Spiegel 
dem physikalischen Cabinet übergeben. 

Bei weitem förderlicher für Himmelskunde war das, was uns 
01b er s in Bremen dargeboten. 

Wilhelm 01b er s, 1758 geboren in Arzbergen bei Bremen, 
Sohn eines Landpredigers, hatte sich der Arzneiwissenschaft ge- 
widmet, 1780 als Doctor der Medicin promovirt und durch kun- 
dige und geschickte Anwendung der Heilkunde sich allgemeine 
Achtung erworben und zum Wohlstande emporgearbeitet. Zu 
seinem Vergnügen trieb er Astronomie, sie war seine Erholung 
nach den Mühen des Tages. „Hätten wir doch Viele, die so ar- 
beiteten, wie Olbers sich erholte," sagt Lichtenstein, und 
mit vollem Rechte. Ihm standen keine Riesenteleskope zu Gebot, 
und seine Sternwarte war der Dachboden seines Hauses in der 

f. ilädkr, Geschiclite der Himmelskunde. U. O 



,']4 GESCHICHTE DER HIMMELSKIINDE. 

Sandgasse zu Bremen. Aber er war ein gründlicher Kenner der 
Matliematik, und er unternalim nichts, was seine Kräfte überstieg. 
Wir werden hier nur das zusamnieustcllen, was von seinen Ar- 
beiten dem 18. Jahrhundert angehört und einem folgenden Ab- 
schnitte das Weitere vorbehalten. 

Er liattc die Kometen, diese noch so wenig gekannten Welt- 
körper, zu seiner astronomischen Hauptaufgabe gemacht und be- 
reits Beobachtungen und Berechnungen des Kometen von 1779 in 
Bode's Jahrbuch veröffentlicht. Die damaligen Bereclmungs- 
methoden waren sehr wenig dem praktischen Bedürfniss der Astro- 
nomen entsprechend. Man hatte sich alle Mühe gegeben, die weit- 
läufigen Näherungsmethoden durch directe Auflösungen zu er- 
setzen und man war nicht zum Ziele gelangt. Die Entwickelung 
der Gleichungen, welche die parabolische Bewegung an die Hand 
gab, führte zu so hohen Graden, dass auf diesem Wege nicht 
weiter zu kommen war. Was half es, dass man durch sinm-eiche 
Umformungen nicht mehr auf den zehnten oder zwölften, sondern 
nur auf den siebenten Grad der Gleichung kam; die letztere war 
eben so wenig als die erstere direct, sondern einzig durch Ver- 
suche aufzulösen, und gerade dies sollte vermieden werden. , 

Der geniale Lambert hatte in seinem Werke: Insigniores 
cometarum proprietates, eine Gleichung gegeben, die nicht die 
Schlussgleichung bildete und auch nicht direct zum Ziele führte, 
der aber jedenfalls in einer parabolischen Bahn entsprochen 
werden musste. Warum, fragte sich Olbers, erst das mühsame 
Durcharbeiten zu so hohen Graden, wenn wir sie schliesslich doch 
durch Versuche auflösen müssen? Wenden wir diese nicht zu 
umgehenden successiven Annäherungen doch lieber gleich auf die 
Lambert'sche Gleichung an. 

Er entwickelte nun ein System von Formeln, die in jedem 
möglicherweise gegebenen Falle auf die Lambert'sche Gleichung 
führen und zeigte die sichersten und zugleich leichtesten IMethoden, 
diese durch Versuche aufzulösen und so die Elemente der Ko- 
metenbahn zu erhalten. Die Methode gilt zunächst nur für pa- 
rabolische Bahnen. Aber nicht allein giebt sie ein einfaches und 
deutUches Kriterium, ob und wie weit die Parabel genüge oder 
nicht, sondern sie erleichtert auch in dem Falle, dass man zur 
Ellipse übergehen muss, die weitere Arbeit bedeutend. 

Olbers, die Verdienste Anderer stets höher als die seinigen 
schätzend und sich nur für einen Volontär der Astronomie betrach- 



VON HEKSCHEL BIS ZUM SCHLÜSSE DES IS. JAHRHUNDERTS. 35 

tend, hatte iiocli nie ein selbständiges Werk über Himmelskunde 
veröffentlicht und dachte auch bei dieser Arl)eit nicht daran. 
Indess wünschte er, dass ein kundiger Astronom sie prüfe und 
sandte sie an den Freiherrn v. Zach nach Gotha mit der Bitte 
um Beurtheilung. Dieser sah sie durch, und mit jeder Seite 
wuchs sein freudiges Erstaunen über eine solche Arbeit. Mit 
möglichster Beschleunigung Hess er sie drucken und sandte das 
Werk an Olbers mit der Bemerkung: „Hier mein Urtheil. Ein 
solches Werk der Welt vorzuenthalten, wäre ein Frevel an der 
Wissenschaft. Ich habe es auf meine Verantwortung drucken 
lassen." 

So ist sein einziges selbständiges Buch in die Öffentlichkeit 
getreten unter dem Titel: Abhandlung über die leichteste und 
bequemste Art, die Bahn eines Kometen aus einigen Beobachtungen 
zu berechnen. Weimar 1797. Alles Übrige sind einzelne Ab- 
handlungen und kürzere' Mittheilungen in wissenschaftUchen Zeit- 
schriften. 

Olbers bedingt drei Beobachtungen, und seine Methode 
führt dahin, der ersten und dritten dieser Beobachtung völlig zu 
entsprechen, und der zweiten so, dass der berechnete Ort dem 
grössten Ki'eise angehört, welcher durch die Sonne und den Ort 
der zweiten Beobachtung gezogen werden kann. Delambre ver- 
stand dies so, als wolle Olbers aus nur zwei Beobachtungen die 
Parabel finden, was er für misslich und ungenügend erklärte, er 
hätte sagen können, für unmöglich. Olbers in seiner Entgeg- 
nung schreibt es der Humanität Delambre's zu, dass er dieses 
„unmöglich" nicht gebraucht. Wir wollen einem Olbers nicht 
widersprechen, sind jedoch überzeugt, dass die grössere Humanität 
hierin auf seiner Seite war. 

Aber diese liebenswürdige Milde war der Grundzug seines 
Charakters, wie alle bezeugen werden, denen noch das Glück zu 
Theil ward, ihn persönhch kennen zu lernen. Er ward nicht 
müde, seinem Freunde Schröter mit Batli und Beistand zur 
Hand zu gehen, wie oft auch dieser sich dem bewälu'ten Käthe 
unzugänglich zeigte. Die sehr einfache und deuthche Erklärung, 
welche Olbers von den Erscheinungen gab, aus denen Schröter 
auf Nichtrotation des Ringes geschlossen, wies dieser schroff zurück. 

Die Jahre, in welche die hauptsächhchsten Leistungen des 
Bremer Astronomen fallen, sind die traurigsten in der Geschichte 
unseres Vaterlandes, und wir sahen damals „Deutschland in seiner 

3* 



36 GESCHICHTE DER HOIMELSKIIKDE. 

tiefsten Erniedrigung." Aber die geräuschlose, allem politischen 
Treiben fern stehende Thätigkeit des allgemein verehrten Mannes 
hatte darunter doch nur indirect zu leiden. Wir %Yerden später 
die Zeiten kennen lernen, in denen seine wichtigsten Entdeckungen 
und Untersuchungen gemacht -sNau'deu. 

Julius August Koch, ein praktischer Arzt, der aber sowohl 
als Rechner, wie auch als praktischer Beobachter, hier zu er- 
wähnen ist, trat zuerst mit „astronomischen Tafeln zur Zeitbe- 
stimmung" auf, dann mit einem Werke über veränderliche oder 
verschwundene Sterne; unter ersteren kommt ein von ihm selbst 
entdeckter vor, R Leonis, der 312Vg Tage Umlauf giebt. Ausser- 
dem hat er viele Vorausberechnungen gemacht. 

Elisabeth Baronin v. Matt in Wien, die sich dort eine 
kleine Sternwarte erbaute und ilire Beobachtungen und Berech- 
nungen in Bode's und Zach's Zeitschriften mittheilte. Anfangs 
anonym auftretend, gab sie später dies auf. Kurz nachdem sie 
ein schönes Instrument, womit der Künstler sie sieben Jahi* hatte 
warten lassen, endlich erhalten und aufgestellt hatte, starb sie 
plötzlich 1814. 

August Gottlieb Meissner (1747 — 1815), Gehülfe an der 
(alten) Sternw\arte Leipzig. Zu Küdiger''s Anleitung zur Kenntniss 
des Himmels gab er einen Atlas von 75 Stern- und anderen 
astronomischen Karten, beobachtete auch die beiden Kometen von 
1797 und 1807. 

Anton Pilgram (1730 — 1798) trat 1753 in den Jesuiten- 
orden, ward Adjunct der Wiener Sternwarte und redigü-te die 
Wiener Ephemeriden schon seit 1769, anfangs allein, später mit 
Hell in Gemeinschaft. Ausserdem untersuchte er die Sonnen- 
parallaxe aus den Venusdurchgängen, gab verschiedene astrono- 
mische Tafeln zur Aberration und Nutation, zur Verwandlung der 
Coordinaten « und d in X und ß, und bestimmte die Grösse der 
Jupitersmonde aus ihi-er Verweilung am Rande des Planeten bei 
Bedeckungen. 

Gotthilf Christian Reccard (1735 — 1799) war Doctor 
der Theologie und Consistorialrath ; dabei aber eifriger und kun- 
diger Freund der Astronomie. In Königsberg, wo er auch Beob- 
achtungen anstellte, berechnete er die Verfinsterungen der Ju- 
piterstrabanten und eben so die Sonnenfinsternisse; letztere bis zu 
Ende des Jahrhunderts. Eine eigentliche Sternwarte bestand da- 
mals in Königsberg noch nicht. 



VON HEKSCHLL EIS ZUM SCHLÜSSE DES 18. JAHRHUNDERTS. 37 

Georg V. Reicheubiich (1772 — 1S26) gründete das be- 
rühmte Müncliener Institut, aus welchem die trefflichen Meridian- 
kreise hervorgingen, die nach und nach fast auf allen Sternwarten 
eingeführt wurden, theils von ihm selbst, theils nach seinem 
Princip von anderen Künstlern verfertigt. An Stelle der Qua- 
dranten und anderer Bogentheile setzte er den Vollkreis, der nicht 
allein eine besser controlirte Theilung gestattet, sondern auch 
grössere Festigkeit und andere, dem Beobachter sehr willkommene 
Vortheile gewährt. Auch eine neue und vollkommenere Kreis- 
theilmaschine verdanken wii* ihm. 

Adam Ehregott Schön (1725 — 1805), Prediger in Mefiers- 
dor£ Wir besitzen von ihm Beobachtungen über das (damals noch 
sehi' wenig beachtete) Zodiakallicht, über mehrere veränderliche 
Sterne, den Uranus u. s. w. Seine JMittheilungen finden sich in 
Bode's Jahrbuch und dem Leipziger Magazin. 

Peter Ungeschick (17G0 — 1790), ein guter Astronom und 
besonders kundiger Kechner, unter Lalande für Himmelsforschuug 
gebildet und eine Zeitlang bei ihm arbeitend, dann Astronom an 
der Sternwarte Mannheim. Er starb schon im 30. Lebensjahre 
in Luxemburg. 

Georg Freiherr v. Vega (1756 — 1802), bekannter durch 
seine Logarithmentafeln, auf die er sehr grosse Sorgfalt verwandte. 
Aber auch als astronomischer Schriftsteller ist er aufgetreten; er 
schrieb eine Anleitung zui- Zeitbestimmung; eine andere, die Massen 
der Hinmielskörj)er zu finden und „die Geheimnisse der Gravi- 
tation." Man fand seinen Leichnam 1802 in der Donau und hielt 
ihn für verunglückt; dreissig Jahr später legte ein Müller auf sei- 
nem Sterbebett das reuige Geständniss ab, er sei der Mörder Yoga 's. 

Anton Freiherr v. Zach, Bruder des oben erwähnten Di- 
rectors der Sternwarte Seeberg. Als österreichischer Offizier lehrte 
er in der dortigen Militär-Akademie. Er führte Vermessungen 
in Galizien und dem venetianischen Gebiet aus, gab auch astrono- 
mische Beobachtungen und publicirte mehrere dahin gehörende 
Abhandlungen. 

Nathanael v. Wolf (1724 — 1784), ein Arzt in Dauzig, wo 
er sich eine Privatsternwarte erbaute. Seine dort angestellten 
Beobachtungen sind von Bernouilli in Berlin herausgegeben, 
theilweis auch durch Bode's Jahrbuch veröflenthcht. Auch 
schrieb er über parabolische Spiegel. 

Wurm, ein sehr beharrhcher und gewandter Berechner von 



38 gesciiiciitl; deii himmelskunbk. 

Längendifferenzeu aus SterubecleckuDgen, die er in Bode's Jahr- 
buch und später in den astronomischen Nachrichten veröffentlichte. 
Sein Vorschlag, die alten Sternbilder abzuschaffen, hat keine 
BiUigung gefunden. 

Abraham •Ootthelf Kästner* (1719 — 1800). Seit 174G 
Professor der JMathematik und Physik in Göttingen, ein sehr viel- 
seitiger Gelehrter, bearbeitete die Theorie der optischen Gläser, 
gab Formeln für die Mittagsverbesserung, so -wie andere für die 
Beobachtungen am Kreismikrometer. Zahlreiche Aufsätze in ver- 
schiedenen Wissenszweigen verdanken wir ihm. 



* Ahraliam GottlieJf KÄSTNER, geh. 1719, gesL löOO. Der 
Universität Göttingen, an der er schon 1737 als Magister promo- 
virte und 174G Professor ward, hat er über ein halbes Jahrhundert 
gedient und die Professur der Mathematik bekleidet. Er ist einer 
der fruchtbarsten Schriftsteller in fast allen Zweigen der ^lathematik. 

1751 besorgte er die Heransgabe von J. B. v. Rolir's physikalischer Bi- 
bliothek. Leipzig. 

1755. Vollständiger Lehrbegriff der Optik nach Robert Smith. Altenburg. 

1759. Vorrede zu AI. II übe 's Werk über Kegelschnitte. 

176G — 1792. Anfangsgründe der Mathematik. lU Bünde. Göttingen. 

1768 — 83. Deutsche Übersetzung der Abhandlungen der Königl. Schwedischen 
Akademie der Wissenschaften. 2\ Octavbände. Leipzig. 

1771. Dissertationes matheniaticae et physicae. Altenburg 1771. 

1772 — 74. Astronomische Abhandlungen zur weiteren Ausführung der astrono- 
mischen Anfangsgründe. Göttingen. (Man findet hier auch optische 
Abhandlungen über verschiedene Gläser, so wie über Fernröhre und 
Mikrometer.) 

1775. Anmerkungen über die Markscheidekunst, nebst einer Abhandlung von 
Ilöheumessungen durch das Barometer. Göttingen. 

1795. Weitere Ausführung der mathematischen Geographie, besonders in Ab- 
sicht auf die sphäroidische Gestalt der Erde. Göttingen. 

1799. Anfangsgründe der Analysis des Unendlichen. Göttingen. (3. Auflage.) 

ISOO. Mathematische Anfangsgründe. G. Auflage. Göttingen. Mit jiiesem 
"Werke, von dem er den ersten Theil noch bearbeitete, hat er seine 
Laufbahn beschlossen. 

Ausserdem über 60 kleinere Schriften über Mathematik im 
Allgemeinen, Geometrie, endhche und unendhche Analysis, Wahr- 
scheinlichkeitsrechnung, sphärische, theoretische und praktische 
Astronomie, Geodäsie, Kartenentwurf, Sonne und ihre Flecken, 
Mond und seine Finsternisse, Teleskope, Mikrometer, geodätische 



VON HERSCHEL BIS ZUM SCULUSSE DES 18. JAJIKHUNDERTS. 39 

Auch Immanuel Kant, der grosse Königsberger Pliilosopli, 
schrieb „über den Bau der Himmel," ein Werk voll scharfsin- 
niger Ansichten, die jetzt allerdings als veraltet zu bezeichnen 
sind. Unter andern hielt er den Sirius für die Centralsonne des 
Fixsternsystems. 

Joh. Daniel Titius, Professor in Wittenberg, wo er 1796 
starb, ist eigentlicher Urheber der bekannten Reihe, durch welche 
man die Planeten-Abstände ausdrücken wollte, nämlich: 

4; 4 + 3; 4+2.3; 4 + 22.3; 4 + 23.3; 4 + 2'. 3; 4 + 2^3; 4+26.3. 
Merkur Venus Erde Mars (Ceres &c.) Jupiter Saturn Uranus 

Er gab dies in seiner Übersetzung von Bonnet's Conside- 
raüons. Mit Um-echt ist diese Reihe bald als Wurm'sche, bald 
als Bo de 'sehe bezeichnet worden. Da sich Neptun gar nicht, 
die kleinen Planeten nur gezwungen dieser Reihe fügen und auch 
die übrigen Planeten nur beiläufig stimmen (dreien derselben, be- 
liebig ausgewählt, könnte dui'ch Modification der drei Constanten 
entsprochen werden, was jadoch nichts bewiese), so ist sie we- 
nigstens nicht als ursprüngliches Naturgesetz annehmbar. 

§ 146. 

Italien, vor fast einem halben Jahrtausend die Wiege euro- 
päischer Naturforschung, hatte zwar anfangs eifrig an ihrer Fort- 
bildung Theil genommen, später war es jedoch zurückgebheben. 
Seine Cassini und Maraldi suchten und fanden die Anerken- 
nung, die das Vaterland ihnen nicht entgegenbrachte, im Aus- 
lande. Man hielt sich an die alten Formen; durch Gnomoue 
wollte man die Schiefe der Ekliptik, wie durch Metallstreifen auf 
den Fussböden der Kirchen den Meridian bestimmen und Ähn- 



instrumente, Theilung, Uhren, Globen, Gnomonik, Mechanik, 
Physik und verschiedene einzelne Gegenstände. Auch als Biograph 
hat er sich verdient gemacht; er schrieb über Kepler (1783), 
wie über seinen 1799 verstorbenen langjährigen Collegen Lich- 
tenberg. Ihm selbst haben Heyne und v. Zach ehrende Denk- 
mäler gesetzt, nachdem schon während seines Lebens Hin den - 
bürg, Scheibel und Stäudlin biographische Notizen über ihn 
gegeben hatten. 



40 GESCHICHTE DEK HJMWELSKUNDE. 

liclies. In keinem Lande stand die Sonnenulirkunst, noch von der 
alten llöiuerzeit lier, in solclier Blütlie als in Italien. Allerdings 
bedarf sie der Astronomie, nicht aber iimgekelirt, wenigstens nicht 
in unseren Tagen, wo man genauere ]\Iittel kennt. 

Dem ersten Dircctor der Sternwarte Rom, dem Jesuiten As- 
clei)i, gebührt ehrenvolle Anerkennung wegen mancher von ihm 
eingeführten Verbesserung der Beobachtungs- Avie der Berech- 
uungsmethoden. Der Venusdurchgang von 17G9 konnte dort be- 
reits auf drei Punkten beobachtet werden, denn auch das Kloster 
der Dominicaner und der Herzog von Sarmento besassen Stern- 
warten; auch Bologna erhielt in demselben Jahr eine solche, in- 
dem der Schreckensthurm Ezzelino's zur Sternwarte umge- 
schaffen ward. So wurde hier das alte mitescent saecula zur 
Wahrheit. 

Für Laudvermessung geschah Manches, und eine Zeit lang 
glaubte man in ihnen auch Gradmessungen zu besitzen. Eine 
Längengradmessung im Thale des Po, vielleicht durch Südfrank- 
reich fortgesetzt, wäre sehr zu wünschen, jetzt auch leichter aus- 
zuführen als vor 50 und 100 Jahren. 

Graf Tommaso Valperga di Caluso (1737 — 1815), Di- 
rector der Turiner Sternwarte, ist als einer der ersten zu be- 
zeichnen, Avelche sich um Bestimmung der Uranusbahn verdient 
machten. Auch über Kometenbahnen und die Projectionsmethoden, 
um Kugelob er tlächen auf Planbildern darzustellen, besitzen wir 
^Manches von ihm. Er war ein sehr gründlicher Mathematiker. 

Die pyrenäische Halbinsel, die von der neuen Kunst, 
nach den Sternen zu schiffen, wie von ßegiomontanus' 
Arbeiten überhaupt, so grosse und dauernde Vortheile gezogen, Hess 
geraume Zeit hindurch die bedeutenden Fortschritte der Himmels- 
kunde, die in anderen Ländern gemacht wurden, theilnahmlos 
und unbeachtet an sich vorübergehen; was allerdings in den dor- 
tigen politischen Zuständen seine genügende Erklärung findet. 

In der Zeit der Philippe und der ersten boui'bonischen Kö- 
nige überhaupt treffen wir in Spanien nur die einzige Naviga- 
tionsschule in Cadiz an, wo die Traditionen aus der Zeit des 
Columbus und Magellan noch einigermaassen fortleben, und 
Avo Godin lehrte, als man ihn in Paris vergessen hatte. Doch 
nur sehr spärliche Publicationen sind aus dieser Zeit von dorther 
an die Öffentlichkeit gelangt. 

Erst Karl IV., den später Napoleon zur Abdankung zwang, 



VON HEKSCIIIJL BIS ZUM SCHLÜSSE DES 18. .lAHIUIUNBEUTS. 41 

gründete 1790 zwei Stoniwarteu: die zu Madrid durch den Grafen 
Florida Blauea, und die zu S. Fernando auf der Insel Leon 
bei Cadiz, welche auch ihre Thätigkeit sofort Ijegannen. Ihre bessere 
Ausrüstung indess gehört erst dem 19. elahrliundert an. 

Jose Joaquin de Ferrer, ein Offizier der spanischen Ma- 
rine, der 1818 in Bilbao starb, hat im spanischen Amerika, so wie 
in Westindien, viele geographische Ortsbestimmungen ausgeführt 
und die Sternbedeckungen nicht zu diesem Zweck allein, sondern 
auch zur Herleitung des Monddurchmessers (aus der Zeitdauer 
der Bedeckung) angewandt. Die Sonnenparallaxe hat er gleich- 
falls untersucht und zu diesem Zweck die Beobachtungen des 
Venusdurchganges in Ptechnung gezogen. 

Auf Portugal übergehend, finden wir dort ähnliche Zustände. 
Wohl wurden einzelne Himmelsbegebenheiten, wie Totalfinsternisse 
der Sonne, langgeschweifte Kometen und Ähnliches in Portugal 
und seinen Kolonieländern, wie Brasilien und Goa, von Einigen, 
so gut sie es vermochten, beobachtet, auch wohl Veröffentlichungen 
dieser Wahrnehmungen bewirkt. — Noch bis tief ins 19. Jahr- 
hundert hinein erschien in Lissabon eine Art Seekalender, in dem 
wir jedoch nur über Venus, Mars, Jupiter und Saturn einige No- 
tizen finden, „weil andere Planeten von den Seefahrern nicht be- 
obachtet werden." Wo es keine Astronomen giebt, braucht freilich 
der Kalender auf sie keine Rücksicht zu nehmen. 

Im Jahre 1792 liess der Graf v. Resindo, Rector der Uni- 
versität Coimbra, auf den sehr festen Grundmauern eines alten 
abgetragenen Gebäudes eine Sternwarte errichten von 192 Fuss 
Länge, 30 Breite und 27 Höhe. Sie besteht nur aus einem 
Stockwerk und wird von 3 Beobachtungsthih'men überragt. Mit 
ihr ist auch ein grosser Hörsaal (Gymnasium astronomicum) ver- 
bunden. 

Noch erwähnen wir hier 

Bento Sanchez Dorta, geb. 1739 zu Coimbra, gest. 1795 
zu Rio Janeiro, königlich portugiesischer Astronom und Geograph, 
Mitglied der Akademie zu Lissabon. Seit 1781 hielt er sich, zum 
Zwecke von Vermessungen, in Brasilien auf, und hier veröffent- 
lichte er: 

Observacöes astronomicas junto as Castello da Cidade do Rio. 1794# 
Obsorvacöes de eclipse en Lua no dia 10. Sept. 17S3. 
Observacöes de 4 satellite de Giove. 

und noch Verschiedenes. 



•1 2 GESCHICHTE DER IIIMMELSKUNDE. 

Eusebio da Veiga, Jesuit, geb. 1718 zu Revelles bei 
Coimbra, gest. 1798 in Rom, -war Professor der ^Mathematik in 
Lissabon und später Rector des portugiesischen Hospitals in Rom. 
Von ihm: 

riauetiirio Lusitano explicado com problemas &c. (enthaltend eine Anleitung 
füi" Seefahrer zum Gebrauch der Ephcmeriden). 

In Rom pubhch'te er acht Bände Ephemeriden (von 1786 
bis 1793). 

Wenden wir uns nach Norden, so finden wir hier eine er- 
freuhche Thätigkeit, namenthch in Schweden, so sehr auch die 
Russenkriege und die Ermordung des dritten Gustav geeignet er- 
schienen, die Tlieilnahme an wissenschaftKchen Bestrebungen in 
den Schatten zu stellen. Stockholm, Upsala und das finnische 
Abo waren dort die Centralpunkte für Naturwissenschaft, weniger 
die schwach besuchte Universität Greifswald im damaligen Schwe- 
disch-Pommern. Der thätige Warg entin, der früher als die 
meisten anderen Astronomen die achromatischen Ferm'öhre einge- 
führt und gebraucht hatte, war 1783 gestorben. — Svanberg 
und später Rosenberg wiederholten die lappländische Gradmes- 
sung; bestätigten, was man immer vermuthet hatte, dass der von 
Maupertuis gemessene Bogen sehr fehlerhaft bestimmt worden, 
und heferten ein Datum, das sich weit besser als die alte ]\Iessung 
den in anderen Erdgegenden erhaltenen anschloss. 

Zacharias Nordmark (geb. 1751 in Luleä, gest. 1828 in 
Upsala), Professor der Physik, anfangs in Greifswald, hernach in 
Upsala, schrieb über Ableitung hello centrischer Örter aus geocen- 
trischen und umgekehrt, bearbeitete auch das Kepler'sche Pro- 
blem, indem er eine approximative Lösung durch unendliche 
Reihen gab. 

Anders PI an mann (geb. 1724 zu Hattula Sotan, gest. 1803 
zu Pemar in Finnland) war bis 17G3 Docent der Astronomie zu 
Upsala, dann Professor derselben in Abo bis 1801, daneben auch 
von 1774 an Pfarrer zu Pemar. Zur Beobachtung der beiden 
Venusdurchgänge ging er sowohl 1761 als 1769 nach Cajaneborg, 
erliielt beide Male Resultate (nur dass 1769 eines der Momente 
dm-ch Wolken verloren ging) und leitete aus seinen eigenen und 
Anderer Beobachtungen die Sonnenparallaxe ab. 

In Dänemark Avar es hauptsächlich Bugge,* der die seit 

* Siehe Bd. I, pag. 466. 



VON HEBSCHEL BIS ZUM SCHLÜSSE DES 18. JAlUmUNDEETS. 43 

Rom er 's uad Horrebow's I. Tode iu Abnahme gekommene astro- 
nomische Thätigkeit wieder auffrischte. 17<10 in Kopenhagen ge- 
boren, war er bereits 17G2 als geographischer Landmesser be- 
schäftigt, und sein rastloser Eifer wie seine Geschicklichkeit rich- 
teten die Aufmerksamkeit der Regierung auf ihn; auch ward er 
Mitghed der Dänischen Gesellschaft der Wissenschaften. Er ist 
Verfasser zahkeicher Schriften über Hinimelskunde, theils streng- 
wissenschaftlicher, theils populär gehaltener; die Zeitschriften von 
Bode und Zach enthalten von ihm melirere Mittheilungen. Der 
Impuls, den Bugge der dänischen Himmelskunde gab, war ein 
dauernder, und in der Geschichte des nächsten Jahrhunderts 
werden sich die Belege dazu finden. 

Es fehlte in Russland nicht an Männern, die, mit der Hini- 
melskunde wohl bekannt, ihr nach Kräften zu dienen fähig und 
bereit waren; wohl aber fehlte es meist an Gelegenheit, ihre Thä- 
tigkeit erfolgreich zu machen. Fiu* Landvermessung, wie für 
astronomische Bestimmung naher und entfernterer Punkte des aus- 
gedehnten Reiches geschah viel, auch nachdem Lowitz,* zu Ver- 
messungen nach Russland berufen, durch die rohe Grausamkeit 
des Rebellen Pugatschew ein unglückliches Ende gefunden hatte; 
die Wilnaer Sternwarte, in polnischer Zeit gestiftet, bestand unter 
russischer Herrschaft fort, und ihre Mittheilungen in Bode's 



* Georg Morit: L OWITZ, geh. 1722 am 17. Febr., gest. 1774 
am 24. Aug. In Fürth geboren, trat er früh in die Homann'sche 
Buch- und Landkartenhandlung als Associe und Karteuzeichner 
ein und ward [Mitglied der Nürnberger kosmographischen Gesell- 
schaft. Diese Verbindungen dauerten fort, auch nachdem er 1751 
Professor der Mathematik am Aegidien-Gymnasium zu Xüimberg ge- 
worden war. 1754 ward er als Professor der Mathematik nach Göt- 
tingen berufen, wo er neben Mayer auch an der Sternwarte arbei- 
tete. VerdriessHchkeiten mancher Art verleideten ihm seine Stellung; 
die Verbindhchkeiten, die er gegen die kosmographische Gesell- 
schaft eingegangen, waren drückend für ihn, und so folgte er 
17G7 einem Rufe nach Petersburg als Professor der Mathematik 
und Mitghed der Akademie der ^Yissenschaften. In Gurief beob- 
achtete er den Venusdurchgang am 4. Juni 17G9 und war in den 
folgenden Jahren mit Vermessungen im südöstlichen Russland be- 
schäftigt. Hier jedoch ereilte ihn ein tragisches Schicksal. Er 



4 4 GESCHICHTE DEK HBUIELSKUNDE. 

Jalirbiicli zeugen von iliier Thätigkeit; auch die Petersburger, die 
nach dem Brande 1747 wiederhergestellt war, nur leider in der- 
selben unzweckniässigen Localität wie früher, arbeitete fort, so 
gut es anging. Rumowsky und Inochodzoff Hessen es nicht 
an Bemühungen fehlen, einen bessern Zustand herbeizuführen, 
doch erst das 19. Jahrhundert sollte diesen erblicken. Euler's 
und Lexell's ist bereits im Vorstehenden gedacht worden. 

Joh. David Sand, geb. 1748, Lehrer der Mathematik am 
Riga'schen Gymnasium, hat einige Beobachtungen angestellt und 
seit 1794 in Bode's Jahr])uch darüber Mitthcilungen gemacht. 

Magnus Georg Paucker arbeitete auf der noch aus der 
herzoglichen Zeit herrührenden Mitauer Sternwarte, die aus 
einigen Instrumenten, placirt in einem Dachzimmer des Gymna- 
siums, bestand, schliesslich aber so verfiel, dass sie nicht mehr 
benutzt werden konnte. 

Das 19. Jahrhundert wird mehr und erfreulichere Veranlas- 
sung bieten, der Himmelskunde in Russland zu gedenken. 

In Ungarn treffen wir auf wohlgemeinte Versuche. Ignaz 
Graf V. Batthyany (1741 — 1798), Bischof von Siebenbürgen, er- 
baute zu Weissenburg auf eigene Kosten eine Sternwarte. Weiss 
(1717 — 1785), schon 1759 in Tyrnau thätig, war es auch bei 
seiner Versetzung nach Ofen 1777: leider konnte sein und seiner 



ward in der Nähe von Ilowla an der untern Wolga mitten in 
seinen geodätischen Arbeiten von den Rebellenhorden Pugat- 
schew's überfallen und auf Befehl dieses rohen Barbaren erst 
gespiesst und darauf gehängt. 

Sein 1757 in Göttingen geborener Sohn, der sich der Phar- 
macie gewidmet hatte, und gleichfalls 1793 Mitglied der Aka- 
demie der Wissenschaften wurde, ist 1804 in Petersburg ge- 
storben. 

Manches von G. M. Lowitz unternommene kam nicht zu 
Stande; wü- wählen hier nur das aus, was wirkhch erschienen ist. 

174S. Explicatio duaruin chartaruiu pro intelligenda projectione eclipsis terrae 

25. Jiilii 1748. Nürnberg. 
1751. Progranima de quadrante astronomicis et geographicis usibus aptata. 
1770. Beobachtung des Venusdurchganges in Guriew. 
1773. Observationes in urbe Saratow habitae. Petersburg. 

Bernouilli hat uns 1776 eine Eloge de Lowitz gegeben. 



VON HERSClIEIi BIS ZUM SCHLUSSK DES 18. JAHRHUNDERTS. 45 

Gehülfen Sainovicz, Bruno und Bogdanich Eifer wenig Früchte 
tragen, da weder die Locale nocli die Instrimiente dem Bedürfniss 
der vorgeschrittenen Wissenschaft entsprachen. Die beste unga- 
rische Sternwarte in jener Zeit scheint Er lau gewesen zu sein, 
welche Graf Carl v. Ester liazy 1776 erbaut und reich ausge- 
stattet hatte, und wo Madarassy, ein Zögling Plell's, die Di- 
rection führte. Die Wiener Jahrbücher enthalten zahlreiche JVIit- 
theilungen aus der Zeit bis 1785. Von da ab hat ihre Thätigkeit 
aufgehört, da Madarassy ein Pfarramt erhielt, und cUeses ihn 
ganz in Anspruch nahm. Die Hinnnelskunde ruhete hier eine 
Zeitlang. 

Auch das benachbarte Galizien besass eine Sternwarte in 
Lemberg, d. h. einen achteckigen Thurm, dem JesuitencoUegium 
gehörend und mit einigen Instrumenten versehen, die aber schon 
seit 1773 verwaiset war und von der, ausser der Sonnenfinsterniss 
am 1. April 1763, nie etwas Weiteres verlautete. Liesganig's 
Bemühungen, hier etwas Besseres zu gründen, hatten keinen Erfolg. 

Die Stadt, in der einst Copernicus den Grund zu seiner 
Bildung gelegt und mit gleichstrebenden Jünglingen einen Bund 
für Himmelskunde schloss, Krakau, wird gleichfalls als Sternwarte 
aufgeführt, scheint aber dieses Namens wenig würdig gewesen zu 
sein. Sniadecki, ihr Director von 1781 — 1807, hat hier No- 
tizen über Copernicus, sonst aber nichts veröffentlicht. 

Die nordamerikanische Union, noch mit ihrer Consti- 
tuirung beschäftigt und von irdischen Angelegenheiten ganz in 
Anspruch genommen, konnte damals noch nichts für Himmels- 
kunde thun. Dennoch fanden sich Einzelne, die wenigstens ihren 
guten Willen, der Wissenschaft nützlich zu sein, bekundet haben. 

Andrew Ellicott, geb. 1753, gest. 1820, war Professor der 
Mathematik an der Militär-Akademie zu Westpoint, und von ihm 
besitzen wir aus dem Jahre 1799 zwei Schriften: 

On aberration of tlio fixed stars, nutation of eartlis axis and semi-annual 

equation. 
A method of calculating tlie eccentric anomaly of the planets. 

Samuel Williams (1743 — 1817), der bereits den Venus- 
durchgang von 1769 beobachtet und einen „Account" über den- 
selben veröffentlicht hatte, gab später noch einige andere Beob- 
achtungen in britischen Jahrbüchern. Wenn wir aus jener Periode 
einzelne Beobachtungen antreffen, die in aussereuropäischen Re- 
gionen angestellt wurden, waren es fast stets Eui'opäer, von 



4G GESCHICHTE DER HIMMELSKUNDE. 

denen sie aiisgingeu, und bei denen das Land als solches unbe- 
theiligt blieb. So beispielsweise die Beobachtungen, welche Nouet 
während Bonaparte's ägyptischer Expedition ausführte. Denn 
was Nordindien, Persien, die Euphratländer und Ägypten einst 
besessen und geleistet, war seit Jahrhunderten untergegangen; 
wir treffen keinen Ulugh Beigh, keinen Nasir- Eddin wieder 
an. China besass keine Jesuiten mehr und konnte trotz seines 
gelehrten Kaisers Kien -long sich aus eigener Kraft nicht wieder 
zur Hinimelsforschung aufschwingen. Zwar hatte Macartney 
1792 unter den Geschenken, die er herkömmlich überreichte und 
die der dortige officielle Sprachgebrauch als „Tribut" bezeichnete, 
auch ein grosses und sehr gutes Herschersches Teleskop mit- 
gebracht, aber es ruhte ungebraucht in Yuen-min-yuen, der Som- 
merresidenz des Himmelssohnes. — Die provisorischen Observa- 
torien in Sibirien (Tol)olsk, Irkutsk etc.), für Sonnenfinsternisse 
und Venusdurchgänge einst errichtet, lagen in Triuninern und 
waren vergessen. 

Doch verdient Erwähnung, dass Ludwig XVL durch den 
Bernhardinermönch Joseph de Beauchamp, französischen Consul 
in Arabien, das alte Bagdad, wo die Khalifen geherrscht und die 
Wissenschaft kräftig gefördert hatten, 1785 und 178(5 so weit 
wiederherstellen und ausrüsten Hess, dass Orte astronomisch be- 
stimmt und Karten berichtigt werden konnten. Abdul Hamid, 
in Konstantin opel herrschend, erfuhr durch Beauchamp, dass 
sein Reich gegen 800 Quadratmeilen grösser sei, als man bisher 
geglaubt, denn che Orte an der natolischen Nordküste mussten 
auf der Karte beträchtlich weiter nach Norden gerückt und das 
schwarze Meer ansehnlich verkleinert werden. Beauchamp Avard 
später von Bonaparte nach Ägypten berufen und mit einer 
Mission nach Konstantinopel 1)eauftragt, aber von den englischen 
Kreuzern gefangen, den Türken ausgeliefert und dort drei Jahr 
lang gefangen gehalten. Endlich frei gelassen, aber mit zerrüt- 
teter Gesundheit, ging er nach Nizza, wo er 1801 im 49. Jahre 
starb. 

In dieser Weise nahte der Schluss des Jahrhunderts, wenig- 
stens für alle Länder, in denen der gregorianische Kalender 
eingeführt war; also jetzt nur noch mit Ausnahme Russlands. 
Zwar hatte man in Frankreich den Versuch gemacht, den früheren 
Kalender ganz zu beseitigen, eine Zählung nach Jahren der Re- 
pul)lik, andere Monatsnamen, eine andere Eintheilung derselben 



DIE HIIIMELSKUNDE IM 19. JAHRHUNDERT. 47 

(in drei Decaden statt der Wochen) oin7-uführeii ; aber ein wahres 
Leben hat dieser Kalender in den vierzehn Jahren seines officiellen 
Bestehens nie gehabt. Das Volk konnte sich nicht an die Neue- 
rung gewöhnen, so wenig als an die zehntheilige Uhr des Palais 
des Tuilleries, und auch die Männer der Wissenschaft fanden es 
bequemer und angemessener, beim Alten zu bleiben, Avie man 
dies an Lalande's Bibliographie astronomiqiK' und anderen Werken 
jener Zeit sehen kann. Der 1. Januar 18()() machte, auf Befehl 
des Kaisers Napoleon, dem Scheinleben des Revolutionskalenders 
ein Ende. 

Dem schon bei früheren Säcularwechselu aufgetauchten Streite 
über das Anfangsjahr begegnen wir auch diesmal. Soll das neue 
Jahrhundert mit 1800 oder 1801 anfangen? Diese wunderliche 
Frage diente sogar zum Thema eines Theaterstücks. Lalande 
entschied sie kurzweg durch die Bemerkung, dass man im ersten 
Anfange nicht mit dem 0^'^", sondern dem 1. Jahre das Säculum 
begonnen, folglich auch diesmal 1801, und nicht 1800, das neue 
Säculum beginnen müsse. 



n. DIE HMMELSKUNDE IM 10. JAHRHUNDERT. 

§ 147. 

So war der Donnerstag herbeigekommen, der als 1. Januar 
1801 den denkwürdigen Zeitabschnitt bezeichnen sollte. Denk- 
würdig ganz besonders für Himmelskunde, wie wir bald sehen 
werden. 

Wir laden unsere Leser nicht ein, mit uns den Berg zu be- 
steigen, auf dem die Sternwarte Greenwich seit 1675 errichtet ist, 
und jetzt ihr fünfter Director Maskelyne seine langgewohnte 
Thätigkeit fortsetzt. Auch wollen wir sie nicht durch die langen 
und fast öden Säle des Observatoire de Paris führen, wo Mechain 
Ordnung zu stiften und die Spuren der Revolutionszeit vergessen 
zu machen bemüht ist. Wir fordern sie vielmehr auf, mit uns 
einen Ort zu besuchen, der bisher in der Himmelskunde wenig 
genannt ward, und wo sich heut wirkhch etwas Neues begiebt. 

Es ist Palermo, die Hauptstadt Siciliens, wo zehn Jahr vorher 
der Vicekönig Principe Caramanico eine schöne Sternwarte 
errichtet, und Joseph Piazzi, ein Theatinermönch, zum Director 
derselben ernannt hat. In seinem Arbeitszimmer sehen wir den 



48 GESciiiciiTi; i)i:i! nnr.iELSKUNDE. 

ööjälirigen Astronomen in ernstem Nachsinnen. Auf dem Tische 
vor ihm hegen Sternkatalogc, mit denen er eifrig beschäftigt ist. 
Er hat eben eine unerfreuliche Bemerkung gemacht. Wollaston's 
Sternverzeiclmiss und Mayer's Zodiakalkatalog sind an einer 
Stelle (im Sternbilde der Zwillinge) nicht in Übereinstimmung 
zu bringen, und er hat beide in unmittelbarer Benutzung bei den 
Beobachtungen, die zur Anfertigung seines Fixsternkatalogs dienen 
sollen. „Das muss genau untersucht werden. Noch heut Abend, 
wenn der Himmel es begünstigt, will ich alle in meinem Fernrohr 
bestimmbaren Sterne dieser Gegend aufzeichnen, und damit fort- 
fahren, bis der Dissens aufgehellt ist." 

Es wird heiter. Am Abend des Neujahrhundertstages beob- 
achtet Piazzi einige Sterne dieser Gegend und trägt alle übrigen 
in ihrer Nähe sichtbaren in eine Zeichnung ein. Er wiederholt 
dies am 2. Januar und findet einen der kleinen Sterne am 
gestrigen Orte nicht wieder, sondern statt seiner einen ähnlichen 
an einem andern Orte. Da auch am 3. dasselbe sich wiederholte, 
und weder der Ort vom 1., noch der vom 2. Januar durch einen 
Stern bezeichnet war, sondern ein Ort, wo er früher keinen ge- 
sehen, so ahnte er gleich, dass er nicht, wie anfangs vermuthet, 
einen Irrthum begangen, sondern ein ganz anderer Umstand hier 
vorliegen musste. Die Beobachtung am 4. und die darauf vor- 
genommene Untersuchung dessen, was an diesen vier Abenden 
erhalten worden, überzeugten ihn, dass er einen neuen Wandel- 
stern gefunden habe. 

Zuerst fiel seine Vermuthung auf einen Kometen. Schweif- 
lose Kometen, auch solclie mit schwacher Nebelliülle, waren be- 
reits mehrere erschienen; grössere auch ausser dem Meridian zu 
gebrauchende Instrumente besass er damals nicht, und so meldete 
er brieflich die gemachte Entdeckung nach Paris und an mehrere 
andere Orte, unter andern auch an Bode nach Berlin. Er selbst 
beobachtete fleissig fort bis zum 11. Februar, wo trübes Wetter 
eintrat, und bald darauf erkrankte er sehr schwer, und es währte 
lange Zeit, bis er sich ki'äftig genug fühlte, wieder zu beob- 
achten. Inzwischen aber culminirte die Himmelsgegend, wo der 
neue Wandelstern sich gezeigt, am hellen Tage, und ihm selbst 
war es also nicht möglich, den Findling wieder aufzusuchen. 
Er beruhigte sich in der Erwartung, dass dies an anderen Orten 
geschehen sein werde. 

Trügerische Hoß"nungI 



DIE HIMMELSKUNDK IM 19. JAHRIIUNDKKT. 49 

Die Briefe Piazzi's mussten sich auf den schwerfälligen, lang- 
samen Posten jener Zeit Bahn hrechcn durch feindliche Heere, 
die einander gegenüberstanden im erbitterten Kampfe. Einige ge- 
laugten gar nicht an ihre Adresse, die übrigen so spät, dass die 
betreffende Himmelsgegend schon in heller Abenddämmerung 
stand und keinem einzigen Astronomen die Wiederauffindung des 
Sternes gelang, 

Indess hatte der Reconvalescent seine bis zum 11. Februar 
1801 reichenden Beobachtungen nachgesandt, und sie langten an: 
in Berlin am 8. März als „Örter des Kometen." 

Bode verglich die Beobachtungen und fand, dass nur unter 
sehr gezwungenen und unwahrscheinlichen Annahmen eine Ko- 
metenbahn herauskomme, dass dagegen eine planetarische Bahn 
den Örtern viel besser entspreche. Da nun auch von einem ko- 
metenartigen Ansehen nichts gemeldet war, so war er der Mei- 
nung, dass hier nicht ein Komet, sondern der zwischen Mars und 
Jupiter längst vermuthete Planet beobachtet worden sei. Er 
schrieb dieses an Piazzi, der nach einigen Zweifeln der Meinung 
Bode's beitrat und erwiederte: „Ich umarme Sie aufs herzlichste, 
dass Sie meinen Planeten zuerst als solchen verkündigt haben." 
Als Entdecker übte er sein Recht der Namengebung und wählte 
den der alten Schutzgöttin Siciliens, Ceres. 

Der polnische Astronom Poczobut ist Verfasser des fol- 
genden Distichons: 

Quae segetum culmos docuisti faice secare, 
Falx dentata sacrum sit tibi stemraa, Ceres; 

und in der That führt Ceres das Zeichen 5. 

Aber der neue Bürger des Planetensystems ist nur teleskopisch; 
der Entdecker giebt ihm die achte Grösse. Kein unbewaffnetes 
Auge ist scharf genug; ihn zu erblicken, das Fernrohr also soll 
ihn herausfinden unter den Hunderttausenden von Sternen ähn- 
lichen Glanzes. 

Unter solchen Umständen war ein GeHngen nicht zu hoffen, 
ausser wenn man den Ort, wo er stehen muss, im Allgemeinen 
kennt. Vor dem Spätherbst 1801 können die Beobachter über- 
haupt nichts thun, denn erst dann wird die betrefi"ende Gegend 
fi'üh genug in den Morgenstunden untersucht werden können. 
Die Theoretiker haben folgHch Zeit, sich ihrerseits an der Auf- 
gabe zu versuchen. 

V. Madler, Geschickte der Himnielskunde. II. 4 



50 GESCHICHTE DER HniMELSKDNÜE. 

§ 148. 

]\Iit Recht können die Entdeckung der Ceres und die in den 
nächsten 6 ''4 Jahren ihr folgenden ähnliclien Entdeckungen als 
welthistorische Ereignisse bezeichnet «werden. Auch ohne den Um- 
stand, dass der Beginn derselben mit dem Anfange des Jahr- 
hunderts genau zusammenfiel, würde durch sie eine neue Epoche 
in der Himmelskunde bezeichnet werden. Denn wie jede grosse 
Entdeckung oder Erfindung hat auch diese die Wissenschaft ge- 
fördert; nicht allein durch das, was sie uns unmittelbar darbot, 
sondern mehr noch durch das, was sie veranlasste. Wir besassen 
bis dahin in der That keine praktisch anwendbare Anweisung zur 
Berechnung sämnitlicher Elemente einer noch ganz unbekannten 
Planetenbahn aus Beobachtungen, und es hätte sich auch noch 
keine Veranlassung zu einer solchen dargeboten. Für die alten 
Planeten hatte man lange Reihen von Oppositionen, aus denen 
sich ohne alle Theorie die synodische, und aus dieser die perio- 
dische Umlaufszeit ergab. Durch diese erhielt man nach dem 
Kepler 'sehen Gesetz die halbe grosse Axe und damit eine sichere 
Grundlage, um aus den Beobachtungen auch die übrigen Elemente 
abzuleiten; eine Arbeit, die schon im 17. Jahrhundert so weit 
gefördert war, dass man nur noch diejenigen Verbesserungen 
anzubringen hatte, welche durch die neuern Beobachtungen so- 
wohl ermöglicht als gefordert wurden: Verbesserungen, die man 
successiv vornahm, nicht wie Avir jetzt unter Anwendung der 
neueren Methoden zu tlmn pflegen, alle auf einmal. Die Arbeit 
drängte nicht, man konnte ruhig die günstigen Gelegenheiten ab- 
warten, und die höhere Analysis kam dabei nicht in erster Linie 
in Gebrauch. 

Wenig wurde in diesem Verhältniss durch die Entdeckung 
des Uranus geändert. Die grosse Langsamkeit der heliocentrischen 
wie der geocentrischen Bewegung, und seine leichtere Erkennbar- 
keit, sicherte vor dem Verlorengehen ; überdies machte die nahezu 
kreisförmige Bahn und sehr geringe Neigung hier alles so leicht, 
dass seine planetarische Natur ba,ld erkannt und die Bahnelemente 
bestimmt waren, ohne dass die Nothwendigkeit vorlag, neue theo- 
retische Wege einzuschlagen. 

Man hatte gleichwohl nicht unterlassen, eine allgemeine Lö- 
sung des Problems durch die Hülfsmittel der höheren Analysis zu 
suchen. Aber indem man eine völhg directe und für alle Fälle 



DIE HIMMELSKÜNDE IM 19. .lAIIRiroNDERT. 5 l 

gleicliinässig zum Ziele führende Lösung hal)en wollte, gelangte 
man zu Gleichungen von sehr hohen Graden, und die Schluss- 
formeln, hei denen die theoretische Untersuchung stehen hleihen 
musste, waren praktisch nicht verwendhar. Dies gilt von den 
Lösungen, welche Halle y (in seiner frühern Zeit), Lahire, La- 
grange und Andere gegehen hahen. Nicolic, Prosperin und 
Euler schlugen andere Wege, aber mit nicht wesentlich besserem 
Erfolge, ein; und einige der Genannten waren auch nicht hin- 
reichend vertraut mit dem, was die Himmelsforschung bedarf und 
bedingen muss. 

Das Ungenügende dieses Zustandes machte sich zuerst prak- 
tisch fühlbar, als die Entdeckung der Ceres verlautete. Sechs 
Wochen Beobachtungen, sämmtlich nur von einem einzigen Orte, 
waren alles, was vorlag; sie schlössen nicht einmal eine Op- 
position ein, und aus ihnen sollte, je schneller desto besser, 
eine Bahn bestimmt und daraus eine Ephemeride abgeleitet 
werden, hinreichend genau, um den Planeten wiederzufinden. 
Dazu genügten nicht jene äusserst künstlichen und vom Scharf- 
sinn ihrer Urheber zeugenden Theorien; dazu führten nicht Kreis- 
hypothesen und andere willkürliche Annahmen über die Bahn- 
form; und der Zufall, der Piazzi diese Entdeckung machen liess, 
hätte sich ein zweites Mal sicher so nicht wiederholt. 

Ein guter Genius war es, der den grössten Mathematiker 
seiner Zeit, gerade im richtigen Moment, der Astronomie sich zu- 
wenden liess. Karl Friedrich Gauss (geb. 1777, gest. 1855) 
hatte sich bis' dahin nur mit Gegenständen der theoretischen, 
oder — wie man sie noch häufig bezeichnet — reinen Mathematik 
beschäftigt. Seine Disquisifiories arithmeticae, seine Anleitung zum 
Zerlegen in Factoren enthalten nichts von einer Anwendung weder 
auf Astronomie, noch auf irgend einen andern praktischen Wis- 
senszweig. Mit ähnlichen Untersuchungen war er beschäftigt, als 
die Kunde von jener Entdeckung und gleichzeitig von der durch 
sie veranlassten astronomischen Verlegenheit zu ihm gelangte. 
Sein Scharfblick zeigte ihm in den Erörterungen, mit denen er 
gerade beschäftigt Avar, das Mittel zur Lösung des neuen Problems 
auf einem eigenthümlichen, noch nicht betretenen Wege. Von 
jeder Hypothese Abstand nehmend, setzte er sich die Aufgabe: 
die numerische Gleichung des Kegelschnittes zu finden, in welchem 
sich Ceres bewegen muss, um den Piazzi'schen Beobachtungen 
zu entsprechen. Die streng directen Lösungsversuche hatten sich, 

4* 



52 GESCHICHTE DER HnmKLSKIINDE. 

wie vnr oben erwiilmt, als ungenügend erwiesen; er verzichtete 
auf sie und suchte, was zu bestimmen war, durch Näherungen, 
die nach einem sicher leitenden Prinzip zum Ziele führen mussten. 
So hatte der 24jährige, noch Wenigen bekannte Mathematiker, 
der jetzt zum ersten Male ein astronomisches Problem behandelte, 
die Genugthuung, dass seine Lösung als die einzige unter allen 
zur Wiederaufüuduug führte; denn Zach wie Olbers fanden den 
Planeten an dem Orte des Himmels, den Gauss bezeichnet hatte, 
aber weit entfernt von den Orten, welche andere Berechner ge- 
geben hatten. 

Zach sah den Planeten am 7. Dec. 1801, doch ohne ihn als 
solchen zu erkennen; Olbers dagegen, der durch genauere Ein- 
sicht in die Gauss'schen Rechnungen ein grosses Vertrauen zu 
denselben gefasst hatte, fand Ceres am Jahrestage der Entdeckung, 
1. Januar 1802, wieder und erkannte sogleich die Natur des Fundes. 

Ein so glänzender Ei'folg musste naturgemäss dahin führen, 
bei den weiterhin folgenden Entdeckungen ähnlicher Art sich 
stets nach Göttingen an Dr. Gauss zu wenden. Sein Arbeits- 
zimmer wurde so zu sagen das Atelier, aus dem die neuen Bahnen 
hervorgingen, oder, w^enn man lieber will, das Orakel, das Wahr- 
heit verkündigte, nicht zweideutig, wie die der Alten, sondern 
fest bestimmt, sicher leitend, nie irre führend. 

So ist, die ursprünghche Ceresentdeckung allein ausgenommen, 
die Asteroidenwelt der ersten Periode r.usschliesslich eine geistige 
Errungenschaft deutscher Forscher: Bode's, der zuerst die plane- 
tarische Natur des räthselhaften Findlings erkannte, Gauss', der 
die Bahnen berechnete, wie er allein es damals verstand, Olbers' 
und Harding's, welche, die Fingerzeige benutzend, die drei 
übrigen Entdeckungen machten. Was Franzosen, Briten, Ameri- 
kaner und Italiener in dieser Beziehung leisteten, ist von spä- 
terem Datum. 

Bei diesen mehrfachen Wiederholungen des Problems musste 
sich unter den Händen eines Gauss die Methode ausbilden, läu- 
tern, vervollständigen. Und so entstand sein unsterbliches Werk: 
die Vicoria motus; ein Werk, das weder blos theoretisch noch 
blos praktisch ist, sondern beides, und beides in schönster Ver- 
einigung. Denn mit strengster Consequenz und in meisterhafter 
Durchführung gelangt er zu seinen Schlüssen, und nie bleibt er 
auf halbem Wege stehen, sondern das System von Formeln, mit 
dem seine Erörterung schhesst, kann der Berechner sofort an- 



DIE UniMELSKTINDE IM l'J. JAHHIIUXBE KT. 53 

wenden, wenn er anders sie riclitig versteht. Klassisch, wie alles 
an diesem Werke, ist aiicli die Bezeichnung: so die Constante k, 
die hier zum ersten ]Male in die Theorie' eingeführt ist. 

Von Störungen ist in diesem Werke noch nicht die Rede. 
Die Körper werden als Punkte betrachtet, die sich um andere 
Punkte in reinen Kegelschnitten bewegen. Das Ganze ist ein in 
sich abgeschlossener Kreis von Untersuchungen, ohne alle Ein- 
mischung des Fremdartigen. 

Doch noch ein zweites Werk von hoher Wichtigkeit, gleich- 
falls durch die Asteroiden -Entdeckung unmittelbar veranlasst, 
haben wir anzuzeigen: Harding's* Atlas novus coelestis. Bis 
dahin hatte man sich mit Flamsteed's, Bode's und einigen an- 
deren Kartenwerken beholfen, die sämmtlich wenig mehr als die 
mit scharfen unbewaffneten Augen erkennbaren Sterne enthielten. 
Im 18. Jahrhundert mochte dies hinreichen; der Astronom liess 
sich an seinen Katalogen genügen und brauchte die Karten we- 
niger; sie hatten überhaupt einen vorherrschend populären Zweck: 
allgemeine Überschau des Himmels und Erleichterung der Stern- 
bilderkenntniss. Jetzt w-ard dies anders: es galt nunmehr, te- 
leskopische Planeten, welche die frühere Zeit gar nicht gekannt 
hatte, aus den fast unzählichen kleinen Sternen, von denen sie 
sich äusserhch gar nicht unterschieden, herauszufinden. Harding 
begann diesen Atlas in Lilienthal, wo er bis 1805 Schröter als 



* Karl Luchoig HARDING, geh. 1765 am 29. Sept., gest. 1834 
am 31. Aug. Er war in Lauenburg geboren, und seine Eltern 
hatten ihn für den geisthchen Stand bestimmt. Als er jedoch als 
Hauslehi'er des Sohns des Oberamtmanns Schröter fungirte, ge- 
wann er Liebe zur Himmelskunde, der er sich fortan mit grossem 
Erfolge widmete. Von 1800 bis 1805 arbeitete er als Inspector 
auf Schröter's Sternwarte in Lilienthal bei Bremen. Nachdem 
er 1804 am 1. Sept. einen neuen Planeten, die Juno, entdeckt 
hatte, und diese Entdeckung durch Gauss' Bahnberechnung be- 
stätigt war, ward er 1805 nach Göttingen als Professor der 
Astronomie berufen. Schon 1801 hatte er Herschel's Unter- 
suchungen über die Natur der Sonnenstrahlen ins Deutsche über- 
setzt; 1822 vollendete er sein Hauptwerk: Atlas novus coelestis, 
welches Jahn 1856 neu herausgab. Es waren dies weitaus die 
vollstäudigten Himmelskarten, welche den ganzen in Eui'opa 



54 GESCHICHTE DER HDIMKLSKUNDE. 

Inspector zur Seite stand und an manchen Beobachtungen des 
Letzteren Antheil hat. 

Harding trug alle" Sterne, welche in ii-gend einem der da- 
mals veröffentlichten Kataloge zu finden waren, in seine 2G grossen 
Blätter ein. Die Sternhildfigui-en einzuzeichnen untcrhess er ganz, 
und mit Hecht. Er giebt nur in feiner Punktirung die Grenzen 
des Himmelsraumes, der einem solchen Bilde zugetheilt ist, an und 
gleichzeitig den Namen desselben. So finden sich auf seinen 
Karten die Sterne nicht, wie auf so vielen anderen, durch eine 
malerische Ausführung der Bildfiguren zurückgedrängt und ihi'e 
Überschau erschwert. Man hat Harding 's Verfahren vielfach 
nachgeahmt, ja die neuen Berliner Sternkarten sind noch weiter 
gegangen und haben auch die Grenzen und Namen fortgelassen, 
so dass für diese letzteren die Sternbilder gar nicht existiren. 
Da Harding sich nicht auf das Zusammentragen allein beschränkte, 
sondern alles Einzutragende mit dem Himmel selbst verglich, 
ward er bei dieser Arbeit selbst zu einem Entdecker: — er fand 
am 1. Sept. 1804 die Juno. In dieser Weise diente seine, durch 
die Planetoiden veranlasste Arbeit selbst wieder ihrerseits zum 
Auffinden eines neuen Planeten. 

Aber wri' sind hier der Zeitfolge vorausgeeilt, denn schon 
am 28. März 1802 hatte Olbers in Bremen einen zweiten Plane- 
toiden entdeckt, den er Pallas nannte. War die Ceres Jahrhun- 
derte lang (seit Kepler 1596) erwartet worden, so glaubte nun 



sichtbaren Himmel umfassen, und erst in neuester Zeit sind 
sie durch Argelander's Atlas überboten worden. Neben dieser 
Hauptarbeit veröffenthchte er noch viele andere: ein Sternver- 
zeichniss (in Zach's M. C); eine Beobachtung der Venus-Nacht- 
seite (in Bode), so wie des Saturnsringes um die Zeit seiner 
Verschwindung 1833 ; er gab Aufsätze über veränderhche Sterne, 
fand acht neue Nebelflecke, schrieb über Reduction der Längen 
auf die Ekliptik, über Göttingens neue Sternwarte u. a. m. 
Von 1830 bis 1835 erschien von ihm und Wiesen: Kleine astro- 
nomische Ephemeriden, in denen manche Aufsätze von ihm ent- 
halten sind. Harding vertrat in Göttingen vorzugsweise die 
praktische Astronomie, wie Gauss die theoretische. 

Über Harding 's letzte Tage hat uns Piper Nachricht 
gegeben. 



DIE IIIMMELSKUNDE IM 10. JAIlUlIimDEKT. 55 

nacli ihrer Entdeckung Jeder, die Lücke sei ausgelüllt und liier 
(falls nicht etwa Ceres einen Trabanten habe) nichts Planetarisches 
weiter vorhanden. Dazu kam, dass Pallas eine stärkere Neigung 
und Excentricität hatte, als ii'gend ein anderer l'lanet, dass für 
ihn fast ganz dieselbe mittlere Entfernung (und folglich auch 
Umlaufszeit), wie für Ceres, gefunden ward, und dass Schröter 
eine Nebelhülle von 14G Meilen Höhe um ihn beobachtet hatte. 
„Das ist gar kein Planet," hiess es fast allgemein. „Es ist ein 
Komet von kurzer ümlaufszeit." Indess die Nebelhüllen erwiesen 
sich als eine Täuschung, veranlasst durch die Unvollkonnnenheit 
der Lilienthaler Teleskopsiiiegel ; das ganze Verhalten des neuen 
Weltkörpers zeigte so gar nichts Kometenartiges, und auch nach 
Form und Lage der Bahn stand er den übrigen Planeten doch 
noch näher als den Kometen. — Lidess, der sonderbare Umstand, 
dass zwei Planeten in fast ganz gleichem Abstände ihre Bahn be- 
schreiben sollen (im Anfange war es sogar zweifelhaft, welcher 
von Beiden der entferntere sei), erzeugte einen andern Gedanken. 
Sollte hier nicht ursprünglich ein Planet vorhanden gewesen und 
sich in zwei getheilt haben? 01b ers hatte gezeigt, dass es eine 
Gegend des Himmelsraumes gebe, in welcher beide Planeten, 
wenn sie gleichzeitig hindurchgehen, einander ungewöhnlich nahe 
stehen. So nahmen Viele als ausgemacht an, dass hier die Kata- 
strophe erfolgt und der alte Planet zersprungen sei. Und als 
Gauss die Elemente der von Harding berechneten Juno in so 
kurzer Zeit entdeckt hatte, dass an vielen Orten die Nachricht 
von der Entdeckung und die Gauss 'sehen Bahnelemente gleich- 
zeitig eintrafen, und sich herausstellte, dass auch Juno dieselbe 
Region passire und der mittlere Abstand nur wenig geringer als 
bei Ceres und Pallas sei, da schien der letzte Zweifel gehoben 
und 01b ers selbst trat, allerdings vorsichtig und unter Modifica- 
tiouen, dieser Meinung bei. 

Wir werden dies am besten beurtheilen können, wenn wü- 
den denkwürdigen Brief, den Bode im April 1807 von Olbers 
erhielt, wörtlich getreu im Auszuge hier folgen lassen. 

Bremen, den o. April 1S07. 

„Mit dem grössten Vergnügen eile ich, Ihnen, theuerster 
Freund, anzuzeigen, dass ich so glücklich gewesen bin, am 29. März 
abermals einen neuen Planeten, von der Familie der Asteroiden, 
zu entdecken. Diesmal war die Entdeckung eigentlich kein Zu- 
fall, und hätten Witterung und Mondschein es nicht verhindert^ 



56 GESCHICHTE DER HIMMELSKIINDE. 

SO würde ich diesen Mitbürger unseres Sonnensystems wenigstens 
schon 14 Tage früher aufgefunden haben. Nach meiner Hypothese 
über diese Asteroiden nämUch, deren Wahrheit oder Falsch- 
heit ich übrigens dahingestellt sein lasse, und die ich nur 
benutze, wozu Hypothesen überhaupt nur nützlich sein können, 
nämlich: uns bei Beobachtungen zu leiten — habe ich, wie Ihnen 
bekannt ist, gefolgert, dass alle Asteroiden, deren es noch sehr 
viele geben mag, den nordwestlichen Theil des Gestirns der 
Jungfrau und den westlichen des Wallfisches passiren müssen. 
Regelmässig durchmustere ich also jeden Monat einmal einen mir 
mit allen seinen Sternen sehr bekannt gewordenen Theil des- 
jenigen dieser beiden Gestirne, der gerade seiner Opposition am 
nächsten ist." 

Für den neuen Planeten wählte er den Namen Vesta. Man 
hatte ihnen auch Zeichen, ähnlich den alten, gegeben; Ceres ?, 
Pallas ^, Juno | , Vesta ti ; und auch für die später zu erwäh- 
nenden Entdeckungen damit fortgefahren. Da jedoch die Zahl 
sich so unerwartet vermehrte, ist vorgezogen worden, ihnen 
blos eine Ordnungsuunimer nach der Zeitfolge der Entdeckung 
hinzuzufügen und die Zeichen nur für die längst bekannten alten 
Planeten beizuljehalteu. So hat nun Ceres (1), Pallas (2), Juno (3), 
Vesta (4) erhalten. 

Was die erwähnte Hypothese betrifft, so ist es nicht Olbers' 
Schuld, dass man von einem zersprungenen, zertrümmerten Pla- 
neten sprach, der früher in der oben bezeichneten Region ge- 
standen. Eine zersprungene Kugel giebt keine Kugeln, sondern 
kantige Stücke, und wenigstens für einige dieser Planetoiden lässt 
sich die Kreisform in starken Vergrösserungen gut erkennen; na- 
mentlich für den grössteu von ihnen, Vesta. 

Wenn wir die Darstellung Laplace's in seiner Exposition 
(nui' an dieser einen Stelle behandelt er den Gegenstand) gelten 
lassen, so hatte die eine ursprüngHche Nebelmasse, die den Keim 
des Planetensystems unserer Sonne enthielt, bei der von aussen 
nach innen fortschreitenden Abkühlung sich in concentrische 
Ringe gesondert, die sich einzeln Aveiter condensu-ten um den- 
jenigen Punkt, der dynamisch die andern Theile überwog: so dass 
sich schliessHch der Ring in eine Kugel ballte, die bei weiterer 
Condensation den Planeteukürper, mit oder auch ohne Trabanten- 
gefolge, bildete. Es ist nun sehr Avohl müghch, dass in einem 
dieser Ringe sich kein solcher dynamisch überwiegender Punkt 



DIE IIIMMELSKUNDE IM V). J.VHKlirNDEKT. _ o7 

fand, und die Concentration in Folge dieses Umstandes um meh- 
rere Punkte statt hatte. So ist kein Phinet zersprungen, son- 
dern er hat sich gar nicht erst gebildet, indem das, was sich in 
den übrigen Ringen auf einen Punkt concentrirte, hier gleichsam 
nothgedrungen um mehrere, aber demselben Ringe angehörende, 
sich vollzog. Doch genug von einem Gegenstande, der so ent- 
fernten Zeiträumen angehört, und bei dem das Menschengeschlecht 
wahrscheinlich nie über Vermuthung hinauskommen wird. 

Olbers hat seine Nachsuchungen noch zehn Jahr länger fort- 
gesetzt, und sie erst beendet, als zunehmendes Alter und damit 
verbundene Augenschwäche dies räthlich erscheinen Hessen. Er 
fand keinen weiteren Planeten, und auch Andere nicht, von denen 
wohl Mancher gern wenigstens das Dutzend complet gesehen 
hätte. Von der mit dem 8. December 1845 beginnenden neuen 
Entdeckuugsperiode später. 

Wir haben vorstehend nur zwei der -wdchtigsten Arbeiten her- 
ausgehoben, die am directesten darthun, Avelchem Ereigniss sie 
ihre Entstehung verdanken; wir hätten jedoch noch manche an- 
dere und darunter sehr interessante namhaft machen können, zu 
deren Abfassung ohne diese Entdeckungen sich keine Veranlassung 
geboten hätte. Man hat von der Kleinheit und Unscheinbarkeit 
dieser Körper gesprochen, und Unkundige haben wohl gewähnt, 
daraus auf ihre geringere Wichtigkeit schliessen zu können. Aber 
fragen wir uns, ob der Aufschwung, den die Himmelskunde im 
ersten Decennium uusers Jahrhunderts fast plötzlich nahm, und 
zwar in einer Zeit, die äusserlich nicht dazu angethan war, die 
Gemüther der Menschen auf friedHche Wissenschaften zu lenken, 
ob dieser so erfreuliche Aufschwung, der sich in steigender Pro- 
gression fortsetzte, erfolgt wäre ohne jene Entdeckungen? Wir 
haben durch sie, trotz ihrer Kleinheit, die Gesammtconstitution 
unsers Sonnensystems besser kennen gelernt, als dies je auf 
anderm Wege möglich gewesen wäre. Sie haben schlummernde 
Kräfte in Thätigkeit versetzt, sie haben der Himmelskunde' zahl- 
reiche Freunde und Beförderer gewonnen; sie gaben Anregung zu 
weiteren Forschungen, und durch sie erhielt mittelbar die ge- 
sammte Wissenschaft eine neue und würdige Gestalt. Sie zeigten 
uns eine bei weitem grössere Mannigfaltigkeit der Schöpfung, als 
man bisher geahnt; sie thaten dar, dass die Weltkörper nicht 
Exemplare nach einem und demsellieu ^lodell, sondern Individuen 
sind, und haben die Nichtigkeit aller, nicht auf Beobachtung, son- 



.j8 GESCmCUTE DER HIMMELSKUNDE. 

dem auf 1)losser Si^ecuhitioii beruhenden Schlüsse an einem schla- 
genden Beispiel klar gemacht. 

Hegel hatte philosophisch bewiesen, dass es nur sieben Pla- 
neten gelten könne, und Diejenigen, welche in der speculativen 
Philosophie die Quelle alles Wissens erblicken, so wie andererseits 
die, welche von der alten Heptomanie nicht lassen konnten, hatten 
freudig das Orakel vernommen. Doch kaum hatte Hegel's Beweis 
die Presse verlassen, als Piazzi's Entdeckung verlautete. Anfangs 
zwar wollten sich die Hegelianer nicht gefangen geben; Ceres war 
kein rechter Planet ; auch die anderen gehörten in eine ganz ver- 
scliiedene Kategorie u. s. w. Genug davon! 

Der auch von Olbers getheilteu Hypothese haben wir oben 
gedacht; doch eine Menge anderer tauchten auf, die eine ernste 
Widerlegung eigentlich gar nicht verdienen, Sie sollten „neu 
entstanden sein," ol^gleich jeder mit dem Stande der Astronomie 
Vertraute nichts Befremdendes darin finden konnte, dass man sie 
jetzt erst erbUckte und als Planeten erkannte. Sie sollten in ir- 
gend einer Vorzeit von anderen Planeten, vielleicht von unserer 
Erde selbst, sich losgelöst haben (v. Bieberstein) und Ähnliches 
mekr. Man wird sich schon darein finden müssen, dass, wenn in 
irgend einem Zweige des Naturwissens Ungew^öhnliches und Un- 
erwartetes zu Tage tritt, auch Unberufene hinaustreten auf den 
Markt der Literatur, eine kurze Zeit hindurch Aufsehen erregen 
und in gewissen Kreisen Beifall finden : den Gang der Wissenschaft 
vermag so etwas heut zu Tage nicht zu beeinfiussen. Noch immer 
verlangen Viele nur das Verwunderliche, ja Ungeheuerliche; sie 
können sich nicht gewöhnen an den Gedanken, dass ewige, feste, 
unerschütterliche Gesetze Alles beherrschen, und haschen be- 
gierig nach Allem, was diesen Gesetzen scheinbar sich nicht 
fügen will. 

Man hat auch von einer Rückwärtsrechnung gesprochen, um 
zu dem Zeitpunkte zu gelangen, wo alle diese Planetoiden in 
einer Masse vereinigt waren. Wir müssen es dahin gestellt sein 
lassen, ob irgend eins der kommenden Jahrhunderte Zeit und 
Mittel zu solch einer kolossalen Störungsrechnung finden wird; 
gegenwärtig haben alle unsere so rüstig und unermüdlich thätigen 
Berechner alle Hände voll zu thun, um dem unmittelbaren Be- 
dürfniss der Jetztzeit zu genügen und keinen der bereits aufge- 
fundenen Planetoiden wieder zu verlieren; und gewiss wii'd nie- 
mand, der den gegenwärtigen Standpunkt der rechnenden Praxis, 



DIE lllMMELSKUNDK IM 10. JAtWIIUNDKKT. 69 

bezüglich auf die riaiicicnwelt, nur eiuigermaassen kennt, an das 
li). Jahrlmudert eine solche Forderung stellen. 

Und diese vier Planetoiden, deren Entdeckung, und was durch 
sie veranlasst worden, wir im § 147 geschildert haben — bildeten 
sie alles, was aus dieser Zeit von Himmelskunde verlautet? Kei- 
neswegs. 

Fast genau zu derselben Zeit, wo Ceres entdeckt ward, trat 
ein Dr. Chladui mit einer Ansicht auf, die damals allgemeines 
Achselzucken erregte, die sich aber gleichwohl bestätigt hat und 
durch welche wir eine ganz neue Kategorie von kosmischen Kör- 
pern kennen gelernt haben. 

Die Meteorsteine, obgleich über einen der grössten und 
merkwürdigsten derselben (den bei Aegos Potamos gefallenen) 
schon das hellenische Alterthum berichtet, und obgleich einzelne 
dieser Steine in Kirchen an Ketten aufgehängt worden waren, 
hielt man dennoch fast allgemein für eine Fabel und verwies sie 
in das Reich des Aberglaubens. Als die baare Existenz nicht 
länger in Abrede zu stellen war, sollten sie Auswürflinge der 
Vulkane sein, obwohl sich nirgend ein Vulkan fand, der auf meh- 
rere hundert Meilen Weite Auswürflinge zu senden im Stande ge- 
wesen wäre, oder Producte der Hochöfen, von denen nur freilich 
nicht wohl anzunehmen war, dass sie in der Luft zu schweren 
Steinmassen sich condensiren konnten; — kurz in irgend einer 
Weise mussten sie aus unserer Erde oder deren atmosphärischer 
Umhüllung herstammen. 

Als auch das nicht länger haltbar war, wurde der Mond her- 
beigezogen. Er sollte aus seinen Vulkanen — und Herschel 
hatte sie ja gesehen — Steine ausschleudern, die ihren Weg zui- 
Erde nähmen. Dieser Gedanke verdiente nicht belacht zu werden, 
wie Viele gethan, wohl aber erforderte er eine strenge Untersu- 
chung. Konnten diese Steine den Punkt des Raumes, wo die An- 
ziehung der Erde der des Mondes das Gleichgewicht hält, und 
der etwa 6000 Meilen vom Monde entfernt ist auf der Linie, 
welche die Mittelpunkte beider Weltkörper verbindet, erreichen, 
so musste die kleinste Überschreitung desselben ihn unaufhaltsam 
der Erde zuführen, und nach etwa vier Tagen musste er sich an 
der Erde niederschlagen. Und 01b ers berechnete, dass eine Ge- 
schwindigkeit von mehr als 8000 Fuss in der Secunde dazu ge- 
höre, den gedachten Punkt früher zu erreichen, ehe der Mond so 
viel Kraft erlange, ihn zurückfallen zu machen. 



60 GESCHICHTE DER HIMMELSKÜNDE. 

Das war bei weitem mehr, als ein Erclvulkan erfahrimgsge- 
mäss vermochte, und die Moudvulkaue (selbst wenn ihre Existenz 
zugegeben wurde), die doch noch nie etwas gezeigt hatten, was 
auf eine noch fortdauernde eruptive Thätigkeit gedeutet werden 
konnte, sollten so gewaltiger Wirkungen fähig sein? Gab gleich 
Benzenberg in Düsseldorf noch ItSoG eine Schrift heraus unter 
dem Titel: ,.Die Sternschnuppen sind Steine aus den Mondvul- 
kanen," so glauben wir doch, dass er damals mit dieser Meinung 
ganz allein stand. 

Nun trat Chladui, ein kenntnissreicher Mann, der nie eine 
Professur oder ein ähnliches Amt suchte, sondern sich genügen 
liess am Ertrage seiner Schriften und privaten Vorlesungen, um 
desto ungehinderter seine grossen Reisen ausführen zu können, 
mit der Behauptung auf: die Meteorsteine seien weder terrestri- 
schen noch selenitischen, sondern kosmischen Ursprungs, und sie 
beschrieben ihre Bahnen in denselben Räumen, welche von den 
Planeten und Kometen durchstrichen werden. Der Ursprung in 
unserm Trabanten erschien Vielen schon als zu weit hergeholt, 
und nun gar erst der kosmische! Die 50000 Meilen sollten besei- 
tigt werden, aber nur, um an ihre Stelle MilHonen von Meilen zu 
setzen! In jener Zeit hatte Chladni kein anderes Argument für 
seine Schlüsse, als die ausserordentliche Geschwindigkeit der Be- 
wegung, und diese allein schien Manchem noch eine andere Er- 
klärung zuzulassen. Aber was so unbegreiflich erschien und so 
wenig Glauben fand — heut zu Tage lässt es keinen Zweifel 
mehr zu, und wir simnneln in unseren Kabinetten kleine Welt- 
körper, die wahrscheinhch seit unvordenklichen Zeiten ihre Bahn 
um die Sonne beschrieben, bis sie ihr Endziel an der Oberfläche 
unseres Planeten fanden. 

Chladni war es nicht vergönnt, cheseu endlichen Triumph 
seiner kühnen Hypothese zu erleben; er starb 1827 in Breslau, 
71 Jahr alt. — 'Greville in England gab 1803 gleichfalls eine 
Abhandlung über Meteoriten, die jedoch nur die Beweise für ihre 
wirkliche Existenz resumirt, ohne wesentlich Neues über sie zu 
geben. 

Maskelyne's langjährige Thätigkeit endete nur mit seinem 
Leben 1811, aber John Bond, sein Naclifolger, beobachtete und 
berechnete schon in den ersten Jahren des Jahrhunderts Fixstern- 
Declinationen und veröÖentlichte sie im Jahrgang 1806 der Tram- 
actions. 



DIE miBIELSKUNDE IM 19. JAHRHUNDERT. 61 

Wollast 011 setzte seine schon iiüher begonnenen Untersu- 
chimgen über Refraction, Dispersion und andere Optica fort und 
veröfientlichte bis 1803 zahkeiclie Aufsätze darüber. 

Pigott, der hauptsächlich mit veränderlichen Sternen be- 
schäftigt war, entdeckte am 28. Sept. 1807 den grossen Kometen, 
über den Bessel einen klassischen Aufsatz lieferte. 

Aus Ostindien (Madras) erhielten wir von Goldingham ein 
reichhaltiges Verzeichniss von Verfinsterungen der Jupiterstra- 
banten, beobachtet in den Jahren 1794 — 1802. 

Die Vervollkommnung der Instrumente war die Tendenz meh- 
rerer Aufsätze im Jahrgänge 1809: 

Troughton: Über Construction astronomischer und ter- 
restrischer Instrumente. 

Cavendish: Über Verbesserung der Theilungsmethoden für 
Instrumente. 

William Lex, Professor der Astronomie zu Cambridge : Über 
Prüfung der Theilungen. 

Stephen Groombridge begann 1806 die Beobachtungen, 
die er aufs eifrigste bis 1814 fortsetzte, und die später von Airy 
herausgegeben wurden. Der Katalog enthält über 4000 Sterne 
zwischen dem Pol und 40 Grad Declination, Diese Grenzen über- 
schritt er noch an einigen Stellen, und dies hat ihn zum Ent- 
decker des Sterns gemacht, welchen später Ar gelander als den 
erkannte, der unter allen Fixsternen die schnellste Eigenbewegung 
hat (Nr. 1831 des Katalogs). 1810 theilte er Beobachtungen über 
Strahlenbrechung mit und fuhr später in diesen Mittheilungen fort. 

§ 149. 

Über Herschel's vielseitige Thätigkeit ist bereits im vorigen 
Abschnitt berichtet. 

Zwei astronomische Kechner gleiches Namens sind 

Henry Andrews, Schullehrer und Buchhändler, erst in Cam- 
bridge, dann in Royston, berechnete 40 Jahre hindurch die Nmi- 
tical Ephemeris und Moore's Almanac. Er starb 1820, 76 Jahr alt. 

James Andrews, ein aus Schottland gebürtiger Geistlicher, 
Director der Gemeinschule der Ostindischen Compagnie, berechnete 
Astronomical and Nantical Tahles. London 1810. 

Dominique Frangois Jacques Arago, geb. 1786 am 26. Fe- 
bruar, gest. 1853 am 2. October, Director der Sternwarte Paris, 



62 GESCHICHTE DER HIMMELSKirNDE 

ZU welchem Amte er von dem eines Secretärs des Längenbüreaus, 
das er 1805 inne hatte, emporgestiegen war. Sein Vater, ein 
Jurist, besass in Estagel am Nordabhang der Pyrenäen ein kleines 
Gut, von dessen Ertrage eine zahlreiche Familie erhalten werden 
musste. In früher Jugend schon zeigte sich bei ihm das regste 
Verlangen nach der militärischen Laufbahn, und als er in Per- 
pignan, wohin sein Vater als Münzmeister versetzt worden war, 
einen sehr jungen Offizier auf den Wällen arbeiten sah, erkundigte 
er sich näher und erfuhr, dass er den Cursus der polytechnischen 
Schule absolvirt habe, und nun war Vorbereitung auf diese Schule 
sein eifrigstes Studium. In Estagel hatte er die Ortsschule, in 
Perpignan das College besucht, wo hauptsächlich literarische Stu- 
dien betrieben wurden; jetzt wurden Mathematik und Physik seine 
Lieblingsbeschäftigung. 

Mit 16 Jahren glaubte er sich stark genug, um in Mont- 
pellier das Aufnahme-Examen zu bestehen. Aber Monge's, des 
Examinators, Krankheit verzögerte dies noch. 1803 erfolgte, nach 
einem sehr strengen Examen, seine Aufnahme. Doch hatte er 
sich schon früher als populärer Schriftsteller Ruf erworben. Diese 
echte Popularität, deren nur der wahre und gründhche Gelehrte 
fähig ist, kennzeichnet alles, was wir von seiner Feder besitzen, 
und so ist es erklärlich, dass man sich in wissenschaftlichen 
Fragen an ihn wandte und seine Entscheidung fast immer gelten 
Hess. In seiner Histoire de ma jeiinesse giebt Arago selbst aus- 
führliche Nachricht über seinen Aufenthalt in obiger Schule. 

Mechain, mit der Gradmessung in Spanien beschäftigt, war 
in Castellon gestorben: man wünschte, seine Stelle zu ])esetzen, 
und trug Arago die Adjunctenstelle bei der Sternwarte an, die 
er nach einigem Zögern annahm. 1806 ging er mit dem Auftrage, 
die Gradmessung zu vollenden, nach dem östlichen Spanien ab. 
Diese Expedition war mit Gefahren aller Art verknüpft: Räuber 
lauerten ihm auf, denen er mehrmals auf fast Avunderbare Art 
entging; die politischen Conflicte, die zu den bekannten Bayonner 
Ereignissen führten, machten schon damals die Spanier zu erbit- 
terten Feinden der Franzosen. Seine Messungen erregten über- 
diess den Verdacht der Inquisition, wodurch sein Leben ernstlich 
bedi'oht war, — dem Gefängnisse entging er nicht; — schliesslich, 
schon im Angesicht der französischen Küste, fiel er noch See- 
räubern in die Hände. Allen Gefahren glücklich entronnen, kehrte 
er zurück: er hatte die Gradmessung über Barcelona hinaus bis 



DIE HIMIIELSKUNDE IM 19. JAHKHUNDEKT. G3 

zur Insel Formentera fortgefülirt. Nach seiner Rückkehr beschäf- 
tigte ihn der Plan einer Reise ins Innere Asiens, in Gesellschaft 
Humboldt's. Dies zerschlug sich, und 1809 ward er, mit Bei- 
behaltung seiner Stelle am Observatorium, zum Nachfolger Monge's 
am Polytechnikum ernannt und gleichzeitig zum Mitgliede der 
Akademie aufgenommen, als deren beständiger Secretär er bis an 
seinen Tod fungirte. 

An der Julii'evolution 1830 nahm er lebhaften Antheil, ward 
bei diesen Kämpfen am Fusse verwundet und in die provisorische 
Regierung gewählt; letzteres wiederholte sich bei der Revolution 
von 1848. Auch wollte er lieber sein Amt niederlegen, als der 
neuen kaiserlichen Regierung den Eid leisten; man fand für gut, 
ihm den Eid zu erlassen. 

Eine schmerzhafte Krankheit, die sich seit 1851 zeigte, und 
gegen welche der Gebrauch der Pyrenäenbäder sich unwirksam 
erwies, machte seinem thätigen und vielbewegten Leben im GS. Jahr 
ein Ende. 

In wissenschaftlicher Beziehung ist er eben so sehr, wo nicht 
noch mehr, Physiker als Astronom. Aljer indem er diejenigen 
Theile der Physik, die uns in astronomischer Hinsicht die wich- 
tigsten Aufschlüsse gewähren, vorzugsweise behandelte, wüxl man 
ihn am richtigsten den astronomischen Physiker nennen, denn 
er förderte gleichzeitig, und zwar durch dieselben Untersuchungen, 
Physik und Astronomie. 

Seine gesammten Werke hat Barral in 16 starken Bänden 
herausgegeben. 

Wir bemerken noch besonders: 

Astronomie populaire, ins Deutsche übersetzt von Ilankol, 4 Bände; ins Eng- 
lische von Kelly. 
L'eclipse totale du Soleil, observee le S. Acut ISöO ä Honolulu. 
Sur les instrumens astronomiques des Arabes. Rapport sur Sedillot. 
Sur les cometes qui sont niaintenant visibles (1S4G). 
Histoire de ma jeunesse; precedee d'une preface par Alex, de Humboldt. 

Johann Martin Christian Bartels, ein Braunschweiger, 
Professor der Mathematik zuerst im Collegium zu Reichenau 
(Schweiz), dann in Kasan, zuletzt in Dorpat, ist hier anzuführen 
als Übersetzer von Bailly's Histoire de Vastronomie ins Deutsche. 

Wilhelm Gottlieb Friedrich v. Beitier, der 1811, G6 Jahr 
alt, in Mitau starb, war schon zu herzoglicher Zeit Professor der 
Mathematik am Gymnasium illustre zu ]\Iitau und Astronom der 



64 GESCHICHTE DER HDIMELSKUNDE. 

Petrinisclien Akademie daselbst, und hat sich um Förderung der 
Himmelskunde in jenen Gegenden sehr verdient gemacht. Seine 
Beobachtungen finden sich in Bode's Jahrbuch und in Zach's 
monathcher Correspondenz. 

Johann Friedrich Benzenberg, gest. 184G im 69. Jahre, 
war von 1805 — 1810 Professor der Physik in Düsseldorf und 
machte an verschiedenen Orten Fallversuche, um durch die Ab- 
weichung von der Lothliuie die Axendrehung der Erde direct zu 
beweisen.* Mit Brandes verabredete er gleichzeitige Stern- 
schnuppenbeobachtungcn, um ihre Höhe und die Geschwindigkeit 
der Bewegung zu bestimmen. In Bilk bei Düsseldorf baute er 
sich eine Sternwarte Charlottenruhe, die er testamentarisch der 
Stadt Düsseldorf, nebst allen Instrumenten, vermachte. 

Friedrich Wilhelm Bessel's erste astronomische Arbeit 
datirt von 1804. Er hatte sich dem Kaufinannsstande gewidmet 
und fungirte als Comptoirgehülfe im Handlungshause Kulenkamp 
in Bremen. Hier hatte er sich ohne Anleitung durch eigenes Studium 
mit Mathematik und nautischer Astronomie vertraut gemacht, um 
sich zum Amte eines Supercargo auf Seeschiffen auszubilden. 
Zwanzig Jahre alt, berechnete er die Bahn eines Kometen, den 
200 Jahre früher Torporle^ in England beobachtet hatte, und 
sandte die Berechnung an 01b ers, der, freudig erstaunt, ein sol- 
ches Talent kennen zu lernen, sich des jungen Mannes mit Rath 
und That annahm und, als Harding von Lilienthal nach Göt- 
tingen ging, ihn Schröter empfahl. Von 1806 — 1809 arbeitete 
er bei Schröter und w-ard dann als Professor der Astronomie 
und Director einer (fast nur nominellen) Sternwarte nach Königs- 
berg berufen. Alles Weitere über ihn später. 

John Brinkley, 1763 in Woodbridge geboren, und am 
14. Sept. 1835 gestorben, ward, nachdem er mit Auszeichnung in 
Cambridge studirt, und es bald zum Lehrer desselben Collegs, wo 
er Schüler gewesen war, gebracht hatte, 1790 der Nachfolger 
Ussher's im Directorat der Sternwarte Dublin, welche die 
L'ish Academy gegründet und mit guten Instrumenten versehen 
hatte. Seine 35jährige Wirksamkeit ist am meisten gekenn- 



* Wir verkennen die Wichtigkeit solclier Versuche ganz und gar nicht, 
glauben jedoch, dass diese Axendrehung hingst bewiesen ist und dass es für 
die, welche jetzt noch daran zweifeln, nie einen Beweis geben wird, der sie 
überzeugt. 



DIE IIIMMELSKUNDI': IM 19. JAHRHUNDERT. 65 

zeichnet durch die beharrliche Bemühung, die Fixsternparallaxen 
zu finden. Dabei erhielt er zwar sehr gute Sternpositionen und 
anderweitige Data; seinen Hauptzweck aber hat er gleichwohl 
nicht erreicht. Er hat « Lyrae, « Aquilae, « Bootis und andere 
zweckmässig ausgewählte Sterne auf Parallaxe untersucht, anfangs 
mehrere Secundeu, zuletzt geringere Werthe gefunden, die er na- 
mentlich gegen Pond zu vertheidigen bemüht war. Pond hatte 
in Greenwich mehrere grosse Instrumente mauerfest auf einzelne 
Sterne gerichtet und die Örter der Sterne durch scharfe mikro- 
metrische Vorrichtungen gemessen, und war zu dem Schlüsse ge- 
langt, dass die Parallaxe von a Lyrae (er hatte durch ein Instru- 
ment 0,2", durch ein anderes — 0,1" im Mittel aus zahlreichen 
Beobachtungen erhalten) noch unfindbar sei. Brinkley repli- 
cirte, unter beständiger Fortsetzung seiner Observationen, allein 
die erfahrensten Astronomen haben Pond's Resultate für ent- 
scheidender erklärt. Müssen nun gleichfalls die heutigen Astro- 
nomen in diesem Dissens auf Pond's Seite treten, so kann 
doch nicht geleugnet werden, dass die scharfen und genau dis- 
cutirten Fixsternörter, die wü- Brinkley verdanken, eine schöne 
Frucht dieser Bemühungen waren, und dass die in den Philo- 
sophical Transactions uns aufbewahrte Discussion, von beiden Seiten 
in würdigster Weise geführt, mit Veranlassung war, dass andere 
Astronomen diese Parallaxen auf einem neuen Wege suchten — 
und fanden. 

Die britische Regierung ernannteBrinkley 1827 zum Bischof von 
Cluyne, um durch diese reiche Pfründe seine Verdienste zu belohnen. 

Die Geschichte kennt manchen Theologen, der sich der 
Astronomie zuwandte, theils mit, theils ohne Beibehaltung ihres 
geistlichen Amtes. Brinkley bietet das vielleicht einzige Bei- 
spiel des Gegentheils. „// divorca entierement avec Vastronomie,^' 
sagt Arago. Ganz den Pflichten seines bischöflichen Amtes sich 
weihend, gab er die Himmelskunde nicht nur als Beobachter, son- 
dern ganz und gar auf. In seinem Palaste zu Dublin sah man 
sich auch nach dem kleinsten Fernrohr vergebens um. 

Sein echt humaner. Hebenswürdiger Charakter hatte ihm die 
allgemeinste Verehi'ung erworben, und gross war die Trauer bei 
seinem Ableben. Die irische Akademie hatte ihn zu ihrem lebens- 
länglichen Präsidenten ernannt, und seine zahlreichen Schriften 
finden sich in ihren Publicationen und den FhilosopJdcal Ti^ans- 
actions, so wie in den Actis der Sternwarte. 

r. Mädlcr, Geschichte der Himraelskunde. U. «* 



6G GESCHICHTE DEK HIMMELSKÜNDE. 

Brinkley's Elements of Astronomy, Dublin, haben eine grosse 
Verbreitung gefunden und mehrere Auflagen erlebt. 

Älit Andrews gab er heraus: The quantity of solar nutation. 
Dublin 1822. 

Nachdem Brinkley 1827 zum Lord-Bischof von Cluyne er- 
nannt worden war, ist nichts mehr über Himmelskunde von ihm 
geleistet worden. 

Wenn Brinkley's genaue und im Übrigen sehr werthvolle 
Bestimmungen zur Auffindung der Parallaxe erfolglos blieben, 
also noch immer nicht genau genug waren, so wird man von an- 
deren gleichzeitigen Bemühungen sich noch weniger befriedigt 
fühlen. So giebt Calandrelli für die Parallaxe von «. Lyrae 
5,3"; er hätte sich sagen können, dass eine so grosse Parallaxe 
schwerlich auf ihn gewartet hätte. Piazzi glaubte für diesen 
Stern 3" zu finden; Arago und Matthieu hatten für den Stern 
61 Cygni 0,5" zu finden geglaubt; eine schärfere Reduction mit 
verbesserten Constanten, die Arago unternahm, zeigte das Re- 
sultat Null. 

Der beständige Misserfolg entmuthigte die Astronomen nicht, 
veranlasste sie jedoch, nicht ferner die Parallaxe durch absolute 
Ortsbestimmungen einzelner Sterne, sondern ihre Summen oder 
Differenzen, wie sie sich durch Vergleichung zweier Sterne ergaben, 
in Betracht zu ziehen, auch die therm ometrischen und anderen 
Correctionen, namentlich solche, die wie die Parallaxe von der 
Jahreszeit abhängen, oder doch abhängen können, schärfer als 
l)isher ins Auge zu fassen. Doch davon später. 

Am thätigsten waren, wie man schon aus dem bisherigen ab- 
nehmen kann, in dieser Zeit die Briten, die auf ihrer Insel von den 
Kriegswirren direct verschont blieben. Aber unthätig blieb der Con- 
tinent keineswegs, obwohl Süddeutschland von Norddeutschland sehr 
in den Schatten gestellt ward und die vielversprechenden Anfänge 
in den östlichen Ländern eben Anfänge blieben. Der schon alternde 
Lalande hatte in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts die 
Beobachtung der IJistoire Celeste beendet; aber nur zwei Jahre vor 
seinem 1807 erfolgten Tode gab er uns seine Bibliographie astro- 
nomique, von deren grossem Umfange er hofft, sie werde dadurch 
um so sicherer auf die Nachwelt kommen; wir hegen die gleiche 
Hoffnung, aber aus inneren, wesentlicheren Gründen. 

Laplace, „le Newton francais," wie ihn seine Landsleute 
nannten, arbeitete seine grossen Werke, die Mecanique Celeste, den 



DIE IIIMMKLSKUNDE IM 19. JAHRHUNDERT. C7 

Calcul des 2'>^obab{liü's und Anderes, was auch den Astronomen 
sehr zu statten kam. 

Die vielbesprochene Antwort Laplace's an Napoleon, der 
ihn fragte, ob er an Gott glaube: „Ich habe bei meinen Unter- 
suchungen dieser Hypothese noch nie bedurft," hätte vielleicht in 
den Worten anders und besser lauten können; in der Sache ist 
sie richtig. Auch wir hoffen, mit allen Astronomen und allen 
Naturforschern, den Gott nie zu bedürfen, der einem Clavius 
zu Gefallen den Mond rückwärts schiebt (und zwar nur für Jeru- 
salem, da andere gleichzeitige Beobachter nichts davon wahr- 
nahmen) und ähnliche JMirakel bei anderen Gelegenheiten ver- 
richtete. Unser Gott ist ein Gott der ewigen Ordnung und 
der unerschütterlichen Gesetze, in die er weder selbst störend 
eingreift, noch irgend einem andern Wesen einzugreifen gestattet. 
Diesen Gott verehren wir, und diesen verehrte auch Laplace; 
denn gerade er ist einer der Koryphäen, die uns diese Ordnung 
und Gesetze durch ihre scharfsinnigen Untersuchungen näher 
kennen gelehrt haben. Unser Gott braucht nie einer Unordnung 
abzuhelfen, denn in seiner Schöpfung entsteht eine solche nie. 

In der Mecanique Celeste, die unter allen seinen Werken den 
directesten Bezug auf Astronomie hat, untersucht er hauptsächlich 
die Bedingungen des Gleichgewichts, zu dem im Kosmos Alles 
streben muss und durch welches allein eine dauernde Erhaltung 
gesichert ist. Es ist ins Deutsche (von Grelle) und in mehrere 
andere Sprachen übersetzt worden. Peinige Punkte in demselben 
lassen Zweifel zu; dahin gehört beispielsweise die Behauptung, 
dass der Saturnsring deshalb nicht auf Saturn herabstürze, weil 
sich Ungleichheiten in seinen einzelnen Theilen vorfinden. Man 
sieht nicht ein, wie Ungleichheiten in der Form eines festen Kör- 
pers im Stande sein sollen, an jedem Punkte des gesammten 
Umfangs das Gleichgewicht herzustellen, wenn es gestört ist, 
oder zu werden droht. Besser scheint ein neuerer amerika- 
nischer Astronom das Richtige zu treffen, der die Ringe füi' 
flüssig hält. 

Legendr e, schon durch mehi'ere sehr grün dh che theoretische 
wie praktische Arbeiten bekannt, begann 1806 seine Untersu- 
chungen über die Methode der kleinsten Quadrate, die Gauss 
weiter ausbildete. Der stets zum Tadel geneigte Delambre hielt 
zwar dafür, dass man einer so weitläufigen Arbeit nicht bedürfe, 
da man auf andere und leichtere Weise zum Ziel gelange, allein 

5* 



(59 GESCHICIITK DER HDOIELSKirNDE. 

er ward von Logendre gründlich und erfolgreich widerlegt. 
Er und Gauss sind von der gelehrten Welt als Erfinder dieser 
nicht genug zu schätzenden Methode anerkannt. 

Piazzi fuhr nach seiner Ceresentdeckung eben so unermüdet, 
wie vor derselben, fort, die Örter der Fixsterne zu beobachten. 
Die Originaltagebücher, die im Besitz von Eagona Scina, seinem 
Nachfolger im Directorat von Palermo waren, hat Littrow in 
Wien jetzt vollständig herausgegeben; ohne Zweifel wird eine 
neue Reduction, mit den gegenwärtig berichtigten Constauten, 
dieser Veröffentlichung folgen. 

Jean Baptiste Joseph Fourier, geb. 1768 als Sohn eines 
Schneidermeisters in Auxerre, einer der eminentesten Mathematiker, 
seit 1796 Professor an der Ecole militaire und bald darauf an der 
Ecole polytechnique, hatte die ägyptische Expedition Bonaparte's 
mitgemacht und bekleidete später hohe Ämter, auch das eines 
Präfecten des Isere-Departements. Seine tiefgehenden Untersu- 
chungeji über Wärmeverbreitung dehnte er aus auf solche über 
die Wärme des Weltraumes. Auch Svanberg in Stockholm war 
mit ähnlichen kosmischen Untersuchungen beschäftigt, und er ge- 
langt zu den gleichen Resultaten wie Fourier. 

Philippe Henri v. Girard (1775 — 1845), der nach man- 
chen wechselvollen Lebensschicksalen zuletzt Chef des Bergwesens 
war, erfand ein achromatisches Fernrohr, in welchem das Flint- 
glas durch eine Flüssigkeit ersetzt war. 18UG gab er ein solches 
zur damaligen Pariser Ausstellung. 

Pierre Louis Guinand, ein Neufchateller, arbeitete um 
diese Zeit in Utzschneider's Anstalt in München, von der er 
sich 1814 trennte, um eine eigene zu gründen. Seine Ideen, gute 
Flintglasgläser von bedeutender Dimension zu verfertigen, hat 
Fraunhofer ausgeführt; ihm selbst war dies nicht nach Wunsch 
gelungen. 

James Archibald Hamilton, der 1816 als Director der 
Sternwarte Annagh starb, hat verschiedene' Werke verfasst: 

Method on determining longitiide. 

On eoniparative microiuetrical measures. 

On the prcsent State of astronomical certainty, * ' 

und mehreres Andere. 

Conrad v. Heiligenstein (1774 — 1849), Hofgerichtsrath in 
Mannheim, war als rechnender Astronom sehr thätig und gab: 



DIK HIMMKL.SKIJNUK IM l'J. .JAlIRIlUiNDKKT. G'J 

Tafeln für die JMittagsverbessorung aus correspondirenden Sonnenhöhen. 
Verfahren, Aberration und Nutation für entfernte Epochen zu bestimmen. 
Beobachtungen von Kometen. 

Auch nahm er Tlieil an Bode's und später an Encke's 
Jahrbuch. 

Maurice Henry, aus Sauvigny bei Tuul 1763 gebürtig, 
ward 1790 Adjunct in Mannheim und fungirte als Astronom an 
der Petersburger Sternwarte 1795 — 1801. Seine unvollkom- 
menen Instrumente trugen wohl die Schuld an seiner um acht 
Secunden verfehlten Polhöhenbestimmung von Petersburg. Er 
schrieb über Parallaxenformcln und über Berichtigung des Mit- 
tagsfernrohrs. 

William Lambton, einem Offizier der britischen Armee 
(1748 — 1823), verdanken wir die grosse Gradmessung in Ost- 
indien, mit der er über 20 Jahr lang beschäftigt war. Sie ging 
von Süden aus, und am nördlichsten Punkte (Kallianpoor) knüpfte 
Everest an, der in neuerer Zeit die Gradmessung bis an den 
Fuss des Himalaja fortsetzte. Lambton verband die Meri- 
dianbestimmung zugleich mit einer ausgedehnten Landmessung 
durch Triangulation, die, von Anderen fortgesetzt, uns eine 
schöne und sehr detaillirte Karte von Vorder-Indien gehefert 
hat. Keine einzige Gegend Asiens ist so gründhch vermessen 
als diese. 

Henry Lawson, 1774 am 23. März in Greenwich geboren 
und am ^I^l. August 1855 in Bath gestorben, ein begüterter Privat- 
mann und grosser Freund und Beförderer der Himmelskunde. 
Der Verlust sämmthcher Familienpapiere ist Schuld, dass über 
sein früheres Leben nur wenig bekannt ist. Er ist ein Ab- 
kömmling von Katharina Parr, und Reliquien aus jener Zeit 
waren in seinem Besitze ; unter andern ein goldener Ring mit dem 
Haar jener Königin. — Nach seines Vaters, Johnson Lawson, 
Tode vermählte sich die Wittwe mit dem bekannten Optiker 
Edward Nairne. — Erst mit 50 Jahren heirathete er und nahm 
einen festen Wohnsitz in Herefort und seit 1841 in Bath. 

Dort stellte er die von Dollond erhaltenen Instrumente 
(drei achromatische Fernröhi-e von 2V2> ^ ^nd 11 Fuss Brenn- 
weite), nebst mehrerem Andern, in einem Privat-Observatorium 
auf, zu dessen würdiger und angemessener Ausstattung er keine 
Kosten sparte. Wöchentlich versammelte sich bei ihm ein wissen- 
schaftlicher Ki-eis, wobei dann namenthch das grosse Fernrohr in 



70 GESCHICHTE DER limMELSKUNDE. 

fleissige Anwendung kam. Seine astronomisclien Tagebücher sind 
leider niclit im Besitz der Familie geblieben, sondern zerstreut worden. 

Seit dem Jahre 1833 war er Mitglied der Astronomical So- 
ciety und mehrerer anderen wissenschaftlichen Gesellschaften, die 
er bei seinen reichen Mitteln auch mit ansehnlichen Summen un- 
terstützte. Allein schon 1796 hatte er im Verein mit anderen 
jungen strebsamen Männern (unter ihnen Allen, Babington, 
Tilloch, Woods) eine „Askesian Society" gestiftet, zu dem 
Zwecke, interessante wissenschaftliche Facta, namentUch neue Ent- 
deckungen, experimentell zu prüfen; ein Verein, aus dem später 
die Geological Society hervorging. — Vom August 1831 bis 
August 1832 hat er die Sonnenflecke regelmässig beobachtet und 
die Ergebnisse der Astronomical Society mitgetheilt. — 1846 gab 
er eine detaillirte Beschreibung seiner Sternwarte unter dem Titel : 
Ute arrangement of an Ohservatory for practical Astronomy and 
Meteorologe heraus, in welcher Schrift noch mehrere seiner Beob- 
achtungen enthalten sind. Auch schrieb er: Brief history of neio 
planets. Bath 1820. 

Kurz vor seinem im 82. Jahre erfolgten Tode schenkte er 
seinen llfüssigen Dollond au die Marineschule zu Greenwich; 
die übrigen Instrumente theils an E. J. Lowe (der sie in einem 
Privat-Observatorium zu Beeston bei Nottingham aufstellte), theils 
an G. W. Lettsom. 

Sein ansehnhches Vermögen vertheilte er testamentarisch an 
139 . Erben. Unter ihnen finden wir das allgemeine Hospital zu 
Bath mit 200 L., das United Hospital eben daselbst 200 L., die 
Bäder zu Bath 300 L., das Walcot Dispensary 200 L., die Taub- 
stummen- und Blinden-Anstalt 100 L. Seine geistigen Fähigkeiten 
und sein scharfes Auge blieben ungeschwächt bis zu seinem 
Todestage. 

Noel Jean Lerebours (1761 — 1840), Optikus der franzö- 
sischen Marine und des Observatoire Royal, gründete das be- 
rühmteste optische Institut in Paris, vereinfachte die Construction 
des achromatischen Mikroskops und gab in den Astronomischen 
Nachrichten Bd. IV. 229 eine Nachricht darüber, insbesondere 
über seinen grossen Refractor. Nachdem er lange Jahre hindurch 
an der Spitze des Instituts gestanden, vennachte er es seinem 
Sohne Nicolas Marie Paymal Lerebours, der es bis 1853 in 
Gemeinschaft mit Serestan, dann allein fortsetzte. Er brachte 
ein Objectiv zu Stande, dessen chemischer Brennpunkt mit dem 



DIK IHJl.MKLSKTWDH DI 19. JAHRHUNDERT. 71 

optischen genau zu.summenfällt. In neuester Zeit lieferte er sehr 
gute photügraphische Apparate. 

Johann Georg Repsold, 1771 geboren, dessen mechanisches 
Institut in Haniljurg bald das berühmteste in Deutschland wurde 
und auch den Sternwarten des Auslandes, namentlich lUisslands, 
treffliche Instrumente geliefert hat. Der sehr tliätige Manu war 
zugleich Brandmeister in Hamburg, und in Ausübung dieses Amtes 
ward er am 14. Januar 1830 bei einem grossen Feuer von ein- 
stürzendem Gemäuer erschlagen. — Seine Söhne Adolph (ge- 
boren 1804) und Georg (1806) haben das Geschäft des Vaters, 
in dem sie längst heimisch waren, erfolgreich fortgesetzt. 

Edward Troughton, ein berühmtes mechanisches Institut 
in London gründend, arbeitete astronomische und geodätische 
Instrumente aller Art, die grosse Verbreitung fanden. 

Jacob Maurits Carel van Utenhove van Heemstede, 
geb. 1773 in Utrecht, gest. 1S36 in Lienden, ein w^ohlhabender 
Privatmann und Freund, der Astronomie, berechnete die Bahnen 
der Kometen von 1799 und 1811, und die Bo de 'sehen Jahrbücher 
enthalten manche Mittheilungen von ihm aus jener Zeit. Auch 
schrieb er: VerJiandelincj över de hestendigheit der middelpunctvlie- 
äende, Ter achten. 

Schliesslich noch die Bemerkung, dass in dieser Zeit auch in 
Dorpat die Himmelskunde in Aufnahme kam. Bereits gegen Ende 
des vorigen Jahrhunderts besass v. Lambert!, geb. 1771 in 
Brüssel, dort eine kleine Privatsternwarte, deren Instrumente 
theilweis an die Universität übergingen; und Knorre (Vater des 
Nicolajewer Astronomen), hatte schon 1794 einen Versuch gemacht, 
die Polhöhe ohne Instrument, durch senkrecht über einander an- 
gebrachte Löcher, an Zenithsternen zu bestimmen, was ein um 
acht Minuten fehlerhaftes Resultat ergab. Später, von 1802 an, 
war er in den Besitz mehrerer Instrumente, insbesondere eines 
Sextanten, gelangt, mit dem er den Fehler zuletzt auf einige Se- 
cunden herabbrachte. Bei Errichtung der Universität 1802 war 
der Professor der Mathematik (seit 1808 Huth, früher in Frank- 
furt und Charkow lehrend,) zugleich zum Conservator der astro- 
nomischen Instrumente ernannt worden, und eine Sternwarte ward 
in Aussicht genommen, deren Observator Knorre werden sollte. 
Aber Knorre starb plötzlich (am 1. Dec. 1810J, ohne auch nur 
den Anfang des Baues gesehen zu haben. Sie ward 1811 und 
1812 erbauet unter, Leitung Parrot's.- 



72 GESCHICHTE 1)KK HIMMKLSKINDE. 

Übersclmuen wir das bisher IMitgetheilte, so erblicken wir 
eine höchst erfreuliche und sich immer weiter ausbreitende astro- 
nomische Thätigkeit gerade in dem Jahrzehend, wo die Napo- 
leonischen Kriege am verheerendsten wütheten, und auch da, wo 
sie nicht unmittelbar empfunden wurden, alle Gemüther zu be- 
schäftigen, wie alle geistigen und materiellen Kräfte in Anspruch 
zu nehmen schienen. Wenn nun gleichwohl in diesem Decennium 
mehr und Besseres als je in einem früheren für praktische Aus- 
übung und Förderung der Himmelskunde, wie nicht minder in 
ihrer theoretischen Fortentwickelung geschah, so kann dies nur 
dem Umstände zugesclirieben werden, dass dieser Wissenschaft 
eine innere Kraft eigen ist, die sie über alles IMissgeschick erhebt. 
Wer sie einmal kennen und lieben gelernt, wird bis zum Tode 
nicht von ihr lassen, mögen seine äusseren Lebeusschicksale sich 
gestalten wie sie wollen. Sie erhebt sich über den Erdenjammer, 
denn sie stammt vom Himmel und sie führt zum Himmel. 

Wir leben der Hoffnung, dass ein Jahrzehend, wie es die 
Völker im Beginn dieses Säculums sehen mussten, nie wieder- 
kehren wird. Sollte aber selbst diese Hoffnung trügen, sollten 
neue Weltstüi-mer auftreten und ihre Vernichtungskämpfe auf un- 
sere Fluren tragen, so dürfen wir auch dann erwarten, dass die 
Himmelskunde sich erhalten und fortentwickelt werden wu*d. Sie 
hat die schwerste Feuerprobe siegreich bestanden, sie ist nicht 
gesunken vor dem Donner der Kanonen, wie sie nicht ertödtet 
werden konnte dui'ch die Flammen der Scheiterhaufen und durch 
die Folterkammern der Inquisition. Darum Muth gefasst: ewig 
wie der Himmel ist auch die Himmelskunde, sie wird ihre Auf- 
gaben eine nach der andern lösen, wenn auch erst in späten 
Jahrtausenden; denn sie fordern Jahrtausende, um zu einer be- 
friedigenden Antwort zu gelangen. 

§ 150. 

Eintretend in das zweite Decennium, treffen wir zuerst auf 
die Entdeckung des grossen Kometen, welche Flaugergues in 
Viviers am 26. März 1811 machte. Damals nur noch teleskopisch, 
zeigte sich bald, dass er hinter die Sonne treten, bei seiner weit- 
läufigen Bahn jedoch nicht lange durch dieselbe für uns unsicht- 
bar sein werde. Man beobachtete ihn bis zum 2. Juni und konnte 
so eine vorläufige Bahn berechnen. Am 20. August trat er aus 



DIE HIMMELSKUNDE IM 19. JAHRHUNDERT. 73 

den Sonnenstrahlen heraus, und nun erst entfaltete sicli die 
Pracht, die ganz geeignet war, die Aufmerksamkeit auch des 
Gleichgültigsten zu erregen. Der Verfasser dieses Werkes hat ihn 
zu bezeichnen als den Weltkörper, der zuerst seine Liebe zur 
Himmelskunde rege machte. — Am 15. October erreichte er seine 
Erdnähe (die Sonnennähe hatte schon im September stattgefunden), 
und obgleich auch in dieser noch 25 '/'a Milhon Meilen entfernt, 
war doch alles in ihm mit grosser Deutlichkeit erkennbar. Der 
12 bis 15 Millionen Meilen lange Schweif ging nicht vom Kopfe 
aus, sondern umgab diesen mautelartig in Form eines Konoiden, 
in dessen Breinn:)unkt der Kopf stand, in welchem Kern und Ne- 
belhülle zu unterscheiden waren. Der Kern sehr klein und stern- 
punktartig, nach Herschel am 15. October 93 geogr. Meilen im 
Durchmesser. Am 1. Deceinber bedeckte der Komet den Stern 
« Aquilae so central, dass dieser einige Stunden hindurch seinen 
Kern zu bilden schien, was zur Erhöhung des Glanzes diente. 
Noch im Januar 1812 war er deutlich zu sehen, dann verschwand 
er in den Sonnenstrahlen und entfernte sich nun beträchthch von 
Erde und Sonne. 

B es sei hatte aus den vorläufigen Bahnberechnungen gefol- 
gert, dass er, obgleich nach seinem zweiten Heraustreten aus den 
Sonnenstrahlen, schon über 60 Milhonen Meilen entfernt, doch 
möglicherweise noch mit Feriu'öhren wahrgenommen werden 
könnte. Fast alle Astronomen bezweifelten, ja belächelten diese 
Idee Bessel's — und gleichwohl hat sie sich bewahrheitet, und 
zwar an einem Orte, wo man es nicht erwartete. Herr v. Wis- 
niewsky in Neu-Tscherkask am schwarzen Meere fand ihn am 
31. Juh auf und konnte ihn noch bis zum 17. August, zuletzt in 
einer Entfernung von fast 80 Millionen Meilen beobachten. Ein 
scharfes Auge und ein sehr durchsichtiger Himmel müssen ihn 
begünstigt haben, denn auf anderen Warten hat man nichts ge- 
sehen, und das Fernrohr, dessen er sich bediente, war ein guter 
Achromat von nur 3'/2 Fuss Brennweite. — 511 Tage ist er — 
die beiden Unterbrechungen mitgerechnet, den Erdbewohnern 
sichtbar gewesen; beträchtlich länger als jemals ein anderer 
Komet. 

Ar gelander hat es unter Bessel's Leitung und Mithülfe 
unternommen, die Bahn, trotz der grossen Umlaufszeit, elliptisch 
zu berechnen, und es ist gelungen; noch um vieles vollständiger 
würde das Gelingen gewesen sein, wenn ihm bessere Beobach- 



74 GESCHICHTE DER HIMMELSKUNDE. 

tungen zu Gebot gestanden hätten. Aber wenn jetzt Abweichungen 
von zehn Secuiulcn in den Beobachtungen einen Rechner zum Ver- 
werfen berechtigen, so musste Argelander, wollte er überhaupt 
Berechnungsmaterial zusammenbringen, sich Abweichungen von 
zwei Minuten gefallen lassen. Die Beobachtungskunst war noch 
nicht so fortgeschritten wie jetzt, es mangelte sehr an gut be- 
stimmten Sternen; denn Bessel war noch mit Reduction der 
Bradley'schen Beobachtungen, wie Piazzi noch mit diesen selbst 
beschäftigt, und zudem erschien der Kopf des Kometen stark ver- 
waschen; kurz, Argelander musste nehmen, was er vorfand, ob 
gut oder schlecht. 

Doch noch in einer andern Beziehung bot dieser Komet eine 
Schwierigkeit eigener Art, wodurch allerdings auch die Arbeit 
einen eigenthümlichen Werth erhielt. Wenn ein Komet nur in 
einer Erscheinung Wochen oder selbst Älonate lang beobachtet 
ist und ches berechnet werden soll, so kann man sich meist er- 
lauben, die Störungen zu vernachlässigen. Man erhält dann Ele- 
mente, streng gültig für die Zeit des Perihels, und hinreichend 
genähert für die Zeit vorher und nachher. Nur in dem Falle, 
wo die Parabel nicht befriedigt und eine Ellipse oder Hyperbel 
angedeutet ist, wird der Rechner wohl thun, etwas weiter zu 
gehen. — Hier lag allerdings auch nur eine Erscheinung, aber 
getrennt in drei sehr bestimmte, durch grosse Zwischenräume ge- 
theilte Perioden vor. Der Beginn sechs Monat vor dem Perihel, 
der Schluss elf Monate nach demselben. Ein solcher Fall war 
noch nie vorgekommen, und die Hoffnung, hier eine elliptische 
Bahn zu erhalten, war zwar sehr begründet, aber eben dies 
zeigte die Nothwendigkeit, die Störungen in aller Strenge zu 
berechnen. 

Sehr bald erwies sich, dass an die Identität mit 1301 nicht 
zu denken sei und dass ferner kein früher gesehener Komet auf 
diesen bezogen werden könne. Eine ganz vorläufige Berechnung 
ergab 3300 Jahre Umlaufszeit, und schon dieser Umstand zeigte 
die Vergeblichkeit jeder Bemühung, in den Kometenverzeichnissen 
nachzusuchen. Argelander gelang es nicht, eine völlig befrie- 
digende Übereinstimmung zwischen den drei Perioden hervorzu- 
bringen; allein die Beschaffenheit des vorliegenden Beobachtungs- 
materials Hess dies auch nicht anders erwarten. Seinen Schluss, 
dass sie nicht der gleichen Kepler'schen Ellipse angehören, hat 
er später selbst nicht weiter angenommen. 



DU-, llIiMMELSKUNDE IM 19. JAHRHUNDERT. 75 

Die streng berechneten Elemente sind 

Durchgang durch das rcrihel, mittlere Parisei- Zeit 1811 Sept. 12, 6^ 19' 53" 

± 82,77" Zeit 
Länge des Perihels 75« 0' 33,926" d= 3,941" Bogen 
Aufsteigender Knoten HO» 24' 43,952" ± 1,610" „ 
Neigung der Bahn 73» 2' 21,235" ± 1,270" „ 

Kleinster Abstand 1,03542283 zt 0,00000826 

Excentricität 0,99509330 db 0,00004276 

llnilaufszeit 3065,56 Jahre dz 42,87 Jahre. 

Die vorletzte Erscheinung dürfte also beiläufig in die Zeit 
des trojanischen Krieges zu setzen sein, und Avir finden in der 
That die Erzählung, dass eine der Plejaden, aus Schmerz über 
den Untergang der herrlichen Priamusstadt, die Gesellschaft ihrer 
Schwestern verlassen und mit aufgelösten, lang herab- 
hängenden Haaren sich nach dem Polarkreise zu gewendet 
habe. Höchst wahrscheinlich also ein grosser Komet, aber sicher 
nicht der Argelander'sche. Der blosse Anblick der obigen 
Elemente wird auch ohne Rechnung Jeden überzeugen, dass dieser 
nie in der Plejadengegend uns erscheinen kann. Sollte man nun 
alle Störungen fiu' die ganze Zeit von Agamemnon bis Napo- 
leon rückwärts rechnen, ja war diese Riesenarbeit auch nur 
möglich? Man bedenke, dass der Komet 21 Uranusweiten (420 
Erdweiten) im Aphelio von der Sonne sich entfernt, und was 
wissen wir, was wusste man vor 50 Jahren von dem, was sich in 
diesen Räumen befindet? Ist es nicht vielmehr höchst wahr- 
scheinhch, dass die nächsten Fixsterne, und namentlich a Lyrae 
an den Störungen dieses Kometen auch ihren Theil haben? 

Deshalb hat es Arg el and er auch unterlassen, die Störungen 
bis zur nächsten Wiederkehr scharf zu berechnen. Es hat für 
die Gegenwart ein zu geringes Interesse, so entfernten Zeiten eine 
mehrere Jahre in Anspruch nehmende Arbeit zu widmen, während 
noch so viele weit drängendere Fragen der Erörterung harren. 
Nur für die Störungen von -^, also der Umlaufszeit, hat er uns 
ein Resultat gegeben, wonach diese bis zum Jahre 4700 n. Chr. 
die Summe von 177 Jahr, und zwar beschleunigend, erreichen. 
— Argelander's Arbeit erschien 1822. 

Überhaupt aber kam die Kometen-Astronomie auch dadurch 
sehr in Aufnahme, dass sich im neunzehnten Jahrhundert die 
Kometen häufiger zeigten als im achtzehnten, und dass dies auch 
rücksichthch derer, die dem blossen Auge sichtbar wurden, der 



76 GESCHICHTE ÜEK IIIMMK.LSKUNDE. 

Fall war. Scliou der von 1807 hatte alle seit 1769 geseheueu 
an Glanz übertrofFen, obgleich er dem von 1811 nicht entfernt 
gleich kam. Bessel hat über ihn eine classische Arbeit geliefert. 
Er findet für ihn 1713,5 Jahre Umlaufszeit, die jedoch bis zum 
nächsten Umlaufe durch die Störungen auf 1543,1 Jahre vermin- 
dert wird. Eigentlich ist die Verminderung noch etwas grösser 
anzunehmen. Bessel rechnete mit einer Jupitersmasse, wie sie 
damals nach Laplace zu r^„— angenommen ward. Allein aus 
Bessel's eigenen, sehr genauen Untersuchungen ergieht sich diese 
Masse zu ^[^^j^, und die Laplace 'sehe Angabe liegt weit ausser- 
halb der Fehlergrenzen, die bei Bessel noch annehmbar er- 
scheinen; sie ist also antiquii't und beseitigt. Dann aber beträgt 
die Beschleunigung noch gegen drei Jahre mehr; Näheres müsste 
eine genauere Untersuchung geben, welche auch die seit 1810 be- 
kannt gewordenen Änderungen der übrigen Planetenmassen, so wie 
den Neptun, in Betracht zöge. Bessel's Arbeit geht jedoch über 
ihren nächsten Zweck noch hinaus; sie giebt allgemeine höchst 
\vichtige Andeutungen über Erkennung der elhptischen Bahüformen 
und Anderes, was den Berechnern sehr zu Statten kam. 

Ar gelander 's oben erwähnte Arbeit erregte die Aufmerk- 
samkeit der russischen Regierung; er ward an Stelle des unglück- 
lichen Walbeck, der 1822 in einem Anfalle von Schwermuth 
seinem Leben im 29. Jahre ein freiwilliges Ende gemacht, zum 
Du-ector der Sternwarte Abo berufen. Walbeck's Andenken wird 
sich durch mehrere wichtige Schriften, wie wir hofi'en, erhalten: 

De forma telluris. (1819.) 

Über die Genauigkeit der Beobachtungen am Dorpater Mittagsferurohr, 

und verschiedene andere. 

Das Jahr 1811 brachte noch einen zweiten periodischen Ko- 
meten, am 15. November von Pons entdeckt und drei Monat hin- 
durch, zuletzt am 15. Februar 1812 von Olbers, beobachtet. 
Nicolai berechnete ihn und fand 763'/o Jahi-e Umlaufszeit. Das 
würde etwa auf 1066 rückwärts führen; aber eine Identität mit 
dem Kometen von 1066 ist deshalb nicht möghch, weil die Pe- 
riheldistanz zu grosse Verschiedenheit zeigt, und auch aus anderen 
Ursachen. 

Und am 20. Juli 1812 entdeckte Pons abermals einen Ko- 
meten, der sich periodisch zeigte, da Encke für ihn eine Um- 
laufszeit von 70,684 Jahren fand. 

So waren zu dem Halley 'sehen, den man bisher als einzigen 



DIE HIMMELSKUNDE DI 19. JAHRHUNDERT. 77 

periodischen Kometen kannte, in kurzer Zeit vier neue hinzu- 
getreten, die allerdings auf eine bestätigende Wiederkehr lange 
warten lassen werden, wogegen aber die Sorgfalt wie die gründ- 
liche Einsicht bewährter Berechner eine gute vollwichtige Büi-g- 
schaft giebt. Es ging nicht mehr, wie früher häufig vorkam: der 
Komet wurde so schnell als möglich aus einigen Beobachtungen 
parabolisch berechnet und dann seinem Schicksal überlassen. 
Jetzt dagegen übereilte man sich nicht; eine provisorische Bahn, 
nur um eine Ephemeride bei den Beobachtungen zu besitzen, ergab 
sich nach 01b ers' Methode sehr schnell; für die schärfere und 
definitive Bestimmung der Elemente wartete man die Zeit ab, wo 
alle an den verschiedensten Orten gemachten Beobachtungen, genau 
reducirt, vorlagen: freilich hatte dies zur Folge, dass die defini- 
tiven Elemente erst dann an die Öflfenthchkeit traten, wenn im 
grossen Publicum längst alles Interesse an dem betreffenden Welt- 
körper geschwunden war. Aber dieser Nachtheil (wenn es ein 
solcher ist) wird reichhch aufgewogen durch den Gewinn, dass die 
Wissenschaft jetzt solidere und zuverlässigere Data statt der frü- 
heren wenig brauchbaren erhielt. 

Doch die Zahl der denkwürdigen elliptischen Kometen sollte 
sich noch mehr häufen. Am 6. März 1815 entdeckte 01b ers 
einen Kometen, den man, obgleich er dem blossen Auge nicht 
sichtbar war, fast ein halbes Jahr hindurch beobachten konnte; 
denn die Gauss 'sehen Ort er schliessen erst mit dem 26. August 
ab. Er fand vier Berechner: Nicolai in Mannheim, Gauss, 
Nicollet in Paris und Bessel, die sämmthch nahe überein- 
stimmen. Bessel findet eine Umlaufszeit von 74 Jahren 18 Tagen 
(74,04913). Da jedoch die planetaren Störungen bis zur nächsten 
W^iederkehr ihn um 824 '/o Tag verfi-ühen, so setzt Bessel seine 
nächste Wiederkehr auf 1887 9. Februar, Abends 10 Uhr, mittlere 
Pariser Zeit; wobei er der Erde besser zu Gesicht kommen wird, 
als es 1815 der Fall war. 

Von den vier teleskopischen Kometen der Jahre 1817 und 
1818 gestattete nur einer eine Bahnberechnung; aber 1819 ward 
ein Komet, der vorher in den Sonnenstrahlen unsichtbar gewesen, 
in der Nacht vom 30. Juni zum 1. Juli plötzhch mit blossem 
Auge gross und langgeschweift gesehen, so dass es unbestimmt 
und im Grunde auch ganz einerlei ist, wer ihn zuerst entdeckte. 
Unter andern machte ein Berliner Nachtwächter darauf Anspruch. 
Bald aber war er nur noch teleskopisch, und im October ver- 



7S GESCHICHTE DER HDIMELSKUITOE. 

schwand er auch dem Fernrohr. Sehr zu bedauern ist, dass man 
am 26. Juni noch keine Kenntniss von ihm hatte; denn an diesem 
Tage muss er auf der geraden Linie zwischen Sonne und Erde, 
und dieser letzteren so nahe gestanden haben, dass sie von seinem 
Schweife umhüllt war. Es hätte sich dann herausgestellt, ob ein 
gerade vor der Sonnenscheibe stehender Komet auf dieser wahr- 
nehmbar ist oder nicht. Der Tag jener Zusammenkunft war 
übrigens ein sehr gewöhnlicher, schöner warmer Sommertag, vne 
die meisten des Jahres 1819. 

Für einen zweiten, in Mailand und Marseille gesehenen 
Kometen (12. Juni bis 19. Juli 1819) findet Encke eine Umlaufs- 
zeit von 5 Jahren 225 Tagen, und ein dritter Komet des Jahres 
1819, von Blanpain am 28. November entdeckt, zeigte abermals 
nach de Vico's Berechnung eine Umlaufszeit von öVs Jahren. 
Doch kann er der Erde imr bei sehr günstiger Stellung sichtbar 
werden, und in der That müssen sechs Perihele unbemerkt vor- 
übergegangen sein. — Win necke sah ihn in Bonn am 8. März 
1858 wieder. 

So wurde, in verhältnissmässig kurzer Zeit, nicht allein die 
Kenntniss der Kometenbahnen überhaupt, und der elliptischen 
insbesondere, erheblich erweitert, sondern auch der Grund gelegt 
zur Kenntniss zweier besonderen Gruj^pen von Kometen. Die eine, 
jetzt neun Glieder zählend, enthält die sogenannten inneren Ko- 
meten mit kurzen Undaufszeiten (von SV'u bis 7 Jahren), sämmt- 
lich rechtläufig und meist von nur massigen Neigungen, den Pla- 
netoiden in vielen Beziehungen nahe stehend. Die andere von 
60 — 77 Jahren Umlaufszeit, gleichfalls rcchtläulig mit einer ein- 
zigen Ausnahme (dem Halle y 'sehen), bis jetzt fünf. Der Wieder- 
kehr, namentlich des am genauesten berechneten Olbers'schen, 
sieht man mit Spannung entgegen. 

§ 151. 

Bessel hatte nun die bereits in Lilienthal begonnene Arbeit, 
die Reduction der Bradley 'selten Beobachtungen, beendet. Bald 
gewahrend, welch treffhches Material er jetzt unter Pländen habe, 
beschloss er, den möglichsten Vortheil für die Wissenschaft daraus 
zu ziehen und keine noch so grosse Mühe zu scheuen. Er be- 
gnügte sich nicht, die bereits bekannten Reductionselemente an- 
derer Forscher darauf anzuwenden, sondern alles dahin Gehörige 



DIE HIMMELSKUNDE IM ]'J. .lAIIKHlINDERT. 79 

aus den Beobaclitungen scll)st zu entwickeln: Refiaction, Präces- 
sion, Aberration, Nutation; und wo sich irgend Ungenügendes 
fand, mit Zuzielmng eigener IJeobachtuugen dies zu ergänzen. 
Viele Sterne hatte Bradley nur in einer Coordinate beobachten 
können; bei einigen anderen nur einmal beobachteten entstanden 
andere Zweifel. Um ganz sicher zu gehen, suchte er jeden 
Bradley 'sehen Stern in Piazzi's Katalog auf, und wenn er sich 
in diesem nicht fand, am Himmel selbst: nicht um seine Örter 
mit den Bradley'schen zu verbinden, oder sie diesen zu substi- 
tuiren, sondern nur um der reellen Existenz des Objects am Himmel 
gewiss zu sein. Dies ist im Katalog durch Regiomonti ohservafa 
bezeichnet. Nur bei einigen 20 Sternen (unter mehr als 3000) 
gelang dies nicht; er bildete aus diesen einen besonderen Anhang 
als zweiten Katalog, mit Hinzufügung derjenigen Angaben, die 
möglicherweise in Zukunft zur Identificirung führen konnten. Da 
vielleicht ein solcher am Himmel noch nicht aufgefundener Stern 
ein damals unerkannt gebliebener Planet gewesen sein konnte, 
so rechnete er deren Örter rückwärts für die von Bradley no- 
tirte Zeit und fand so einen Uranusort auf. 

Jeder Bradley'sche Stern ward mit Piazzi's Katalog ver- 
glichen und der bemerkte Unterschied angegeben. Diese Unter- 
schiede, sofern sie nicht ihren Grund in Beobachtungs- oder Re- 
ductionsdifferenzen haben, sind auf Eigenbewegung zu beziehen; 
und namentlich bei den stärkeren Unterschieden nahm er diese 
als erwiesen an. So fand er die starke Eigenbeweguug des Sterns 
61 Cygni, von der Einige Veranlassung nalimen, ihn den „flie- 
genden Stern" zu nennen. 

Noch immer fiel es Manchen schwer, sich an den Gedanken 
zu gewöhnen, dass Fixsterne eine Eigenbewegung haben sollten, 
und sie betrachten die nicht abzuweisenden Data als besondere 
Ausnahmefälle, die einer eigenen Classe von Weltkörpern an- 
gehören. — B es sei nahm nur dann alle Bradley'schen Beob- 
achtungen mit, wenn ihi'e Zahl nicht fünf überstieg, oder sie zu 
den Hauptsternen gehörten. Waren mehr Beobachtungen gegeben, 
so nahm er die fünf ersten und hess die in Bradley 's höherem 
Alter angestellten weg. „Er scheint," sagt Bessel an einer Stelle, 
„mit seinen Instrumenten gleichzeitig alt geworden» zu sein." 
Jedes der angewandten Instrumente wurde besonders untersucht 
und seine Fehler aus den Beobachtungen ermittelt. 

Der Bestimmung der Hauptsterne liegen die Sonnen-Decli- 



80 GESCHICHTE DER HIMMELSKIINDE. 

nationen zu Grunde, aus denen die Sonnen-Rectascensionen durch 
Berechnung aus zuverlässigen Elementen der Sonnen1)ahn erhalten 
werden können. Um diese Grundlage mit aller Sicherheit zu er- 
halten, machte er die Sonnenörter zu einem Hauptgegenstande 
seiner heobachtenden Thätigkeit, und er erklärt diese Elemente 
für die wichtigsten aller astronomischen Grundlagen. Den Zusatz 
„gewiss mit Recht" halten wir bei Bessel für einen Pleonasmus 
und lassen ihn weg. 

Ein sehr inhaltreicher Anhang beschliesst das Werk, und in 
diesem kommen noch manche wichtige Anmerkungen und Unter- 
suchungen vor, wie über die Polhöhe von Greenwich und über 
die Masse der Venus. Jedem Sternort ist der Betrag der Prä- 
cession für die beiden Epochen 1755 und liSOO hinzugefügt. 

Dass es für ein solches Werk schwer hielt, einen Verleger 
zu finden, führen wir als ein Zeichen jener Zeit an, deren nähere 
Charakterisirung wir der Weltgeschichte überlassen. Nur indem 
Bessel fast auf alles Honorar verzichtete, entschloss sich die 
Handlung Gebrüder Bornträger in Königsberg, den Druck zu 
unternehmen. Es erscliien unter dem Titel: Fundamenta Astrono- 
miae, deduda ex observationibus viri incomparabilis James Bradley, 
auctore Friederico Guilielmo Bessel. 

Dass die Arbeit in einer so classisch vollendeten Gestalt er- 
scheinen konnte, war dem umsichtigen Verfahren Bradley 's zu 
verdanken, der die Nivellements und alles, was die Berichtigung 
seiner Instrumente betraf, stets sorgfältig notirt hatte. Denn 
nicht Alles ist so angethan, dass ein später hinzukommender 
Bearbeiter es den Beobachtungen allein abgewinnen kann, und 
dass bei den 90000 Observationen Maskelyne's dies nicht ge- 
nügend geschehen ist, bedauert Bessel sehr, da die grosse Mühe, 
die er sich mit diesen letzten Beobachtungen gegeben hat, in der 
Hauptsache eine vergebliche geblieben ist. — Bessel selbst hat 
alle Instrumente, mit denen er arbeitete, mit einer mustergültigen 
Sorgfalt untersucht und nichts, mochte es auch noch so zeit- 
raubend und schwierig sein, unterlassen, um alles in höchster 
Vollständigkeit und Vollendung zu geben. Ein Benutzer Bes- 
sel'scher Beobachtungen, auch wenn inzwischen Jahrhunderte 
verstrichen «sein sollten, wird die Klage nicht zu erheben haben, 
die dieser über Maskelyne führt. 

Kein Menschenwerk ist so gut, dass es nicht noch besser 
werden könne; und dies gilt insbesondere in einem Falle, wo der 



DIE IinniELSKUNDE HI I!). .TAlIiainNPERT. 81 

Autor selbst die Mittel bezeichnet, ja zum Theil selbst dargeboten 
hat, durch die es besser werden kann und muss. Die Reductions- 
elemente machte B es sei sofort, und nachdem er in den Stand 
gesetzt war, kräftigere und überhaupt bessere Instrumente in An- 
wendung zu bringen, zu einem Hauptgegenstande seiner eigenen 
Untersuchung. Er fand eine nicht unerhebliche Correction für 
die Präcessionsconstante, er bestimmte genau die Änderungen, 
denen sie im Verlaufe der Zeit unterliegt; Änderungen für die 
übrigen Reductionselemente waren damit nothwendig verbunden. 
Die besonders zu bestimmende Eefraction ermittelte er aufs 
sorgfältigste. Er beobachtete selbst und mit seinem Gehülfen Ar- 
gel ander die Refraction am Horizonte, wobei sich herausstellte, 
dass kein einziger Fixstern bis zum wirklichen Horizont hin 
sichtbar blieb; er entwickelte die Formeln für die Reduction in 
extremen Lagen, insbesondere für die dem Pol nahen Sterne, un- 
tersuchte in aller Schärfe die Theilungsfehler seines Instruments 
durch eine eigenthümliche Vorrichtung, was nur für den haupt- 
sächlichsten Theil der Arbeit ein Werk von 42 Tagen war, beob- 
achtete in häufiger Wiederholung die Örter der Hauptsterne u. s. w. 

Alle diese Untersuchungen finden sich zusammengestellt in 
den Tahulis Regioinontanis, von denen Encke bemerkt, dass nicht 
eine einzige Zahl darin vorkomme, die nicht aufs genaueste ge- 
prüft worden. 

Diese Tafeln haben der Willkür ein Ende gemacht, mit der 
bis dahin Jeder nach seiner Weise, und mit den Formeln und 
Constanten, die nach seiner individuellen Ansicht die besten waren, 
reducirt hatte. Sie empfahlen sich zu diesem Zwecke nicht allein 
durch die grosse Sicherheit der Grundbestimmungen, sondern auch 
durch die geschmeidige und bequeme Form, welche er den Re- 
ductionen gab. Mit Ausnahme der Refraction, die stets gesondert 
bestimmt werden muss, ist alles Andere in vier Functionen der 
Zeit, durch Ä, B, C, D bezeichnet, und vier Functionen des 
Ortes, für die Rectascension durch fl, h, c, cZ, und für Declination 
a', b', c', d' gegeben. Die ersten vier enthalten die Ephemeriden, 
die übrigen finden sich in den Sternkatalogen, und so weit sie sich 
hier nicht finden, können sie leicht nach Bes sei's Formeln be- 
rechnet werden. Ihre allgemeine Annahme konnte so keinem 
Zweifel unterliegen, und alle späteren Verbesserungen der Con- 
stanten lassen sich leicht und bequem in diese Formeln substituiren. 

Zu einer von Grund aus neuen Umarbeitung der Bradley'- 

r. Mädler, Gescliiclite der Hiiiiinelskunde. 11. v) 



82 GESCHICHTE DEK HIMMELSKUNDE. 

sehen Örter auf Grundlage dieser Verbesserungen fand Bessel 
selbst keine Zeit. Andere wichtige Arbeiten beschäftigten ihn 
und seine Gehülfen in solchem Maasse, dass er an eine so um- 
fassende Arbeit nicht zum zweiten Male gehen konnte. Es kam 
aber noch Folgendes hinzu: 

1) ist sehr zu wünschen, dass nicht blos fünf, sondern alle 
sich bei Bradley vorfindenden Bestimmungen in Kechnung ge- 
zogen werden. Beispielsweise sei hier angeführt, dass die Fnnda- 
menta bei i] Tauri die Rectascensiou aus 10 Bradley'schen Be- 
obachtungen angeben, während 27 derselben vorHegen. 

2) es haben sich später in Greenwich nicht wenige Beobach- 
tungen B r a d 1 e y 's vorgefunden, welche H o r n s b y und Robertson 
nicht veröffentlicht haben, da sie dieselben wahrscheinlich nicht 
kannten. 

3) sind die Beobachtungen von Charles Grant, der unter 
der Direction von Bliss die Bradley'schen Beobachtungen ganz 
in früherer Weise fortsetzte, so wie andere mit den noch ungeän- 
derten Instrumenten Bradley 's angestellte, zu untersuchen und, 
falls sie sich in der Prüfung hinreichend bewähren, eben so wie 
die Bradley'schen selbst zu bearbeiten. 

4) die späteren weiteren Verl)esserungen und Vervollständi- 
gungen der Constanten, die wir Peters und Anderen verdanken, 
in gehöriger Weise mit zu benutzen. 

Wenn daher gegenwärtig Arthur Auwers, ein bewährter 
astronomischer Rechner, die ganze Arbeit von Grund aus aufs 
neue vornimmt (wozu die russische Regierung den Impuls gegeben 
hat und die Kosten bestreitet), so wird dadurch nur Bes sei's 
eigener, mehrfach ausgesprochener Wunsch erfüllt, wie seinen 
Manen die verdiente Anerkennung gezollt. Wir fügen hinzu, dass 
noch manche andere Beobachtungen einer solchen wiederholten 
Reduction warten, namentlich die Pond'schen, von denen Bessel 
an einer Stelle äussert: „Ich habe vergebens gewünscht, dass 
einer unserer jüngeren gewandten Rechner diese schönen Beob- 
achtungen neu und gründlich bearbeite." Und in der That eignen 
sich so umfangreiche Arbeiten am meisten für jüngere, aber kun- 
dige Kräfte, wie denn Bessel selbst die Fundamenta in seinem 
28. Jahre begann. 

Nahe gleichzeitig erschien auch der Piazzi'sche Katalog, der 
den Namen des zweiten führt, da ihm ein erster bereits seit 
längerer Zeit vorangegangen. Von ihm gilt das oben Gesagte im 



DIE HIMMELSKÜNDE IM 19. JAJUJIIUNDERT. 83 

vollen Maasse, und der wahre ^Verth dieser fleissigen, von einem 
herrlichen Klima begünstigten Arl)eiten wird sich erst heraus- 
stellen, wenn sie in einer Bearbeitung, wie die der Fumlamenta, 
vorliegen werden. — Unkundige hört man oft sich dahin äussern, 
die Arbeit der Astronomen sei nun gethan, und man könne dabei 
stehen bleiben. Wir dagegen wissen sehr wohl, dass die Beendi- 
gung unserer Arbeiten im Unendlichen liegt; wir wissen es, und 
wir freuen uns dessen. 

Die Frage, welche sich seit Copernicus durch die Jahr- 
hunderte hingezogen hat: die Parallaxe der Fixsterne, hat Bessel 
schon in dieser frühen Periode eingehend beschäftigt. Er hoffte, 
der Beantwortung dadurch näher zu rücken, dass er Sterne, die 
in Declination nur wenig, in Rectascension jedoch nahezu 12'' von 
einander verschieden waren, durch geeignete Beobachtungen so 
combinirte, dass er die Summen ihrer Parallaxen erhielt, unter 
gleichzeitiger Elimination der etwaigen instrumentalen Abwei- 
chungen. Das Ungenügende der erhaltenen Resultate überzeugte 
ihn, dass dieser Weg nicht zum Gesuchten führe, und wir werden 
sehen, dass er später einen ganz verschiedenen einschlug, dessen 
Resultat besser befriedigte. 

Wir haben die Gründung der Sternwarte Dorpat erwähnt, 
jetzt haben wir über die ersten dort ausgeführten Arbeiten zu 
berichten. Professor Huth hatte, noch vor Errichtung der Stern- 
warte, den Kometen von 1811 beobachtet; seine Beobachtungen, 
so wie die von ihm daraus gezogenen Folgerungen über die phy- 
sische Natur des Kometen, sind jedoch Manuscript geblieben und 
nie veröffentlicht worden. Zum Beobachter an der neuen Stern- 
warte war Dr. G. W. Struve, der sich bis dahin der Philologie 
gewidmet hatte, designirt, und er machte seine erste Beobachtung 
am 20. Januar 1814. Auch er richtete sein Augenmerk, nachdem 
die Stellung der Instrumente und die weiteren Berichtigungen ge- 
nügend untersucht und befriedigend festgestellt waren, zunächst 
auf die bisher noch immer unfindbaren Parallaxen. Er suchte sie 
durch Combination der Rectascension von Cü'cumpolarsternen, so 
dass er immer die Summe der Parallaxen je zweier derselben er- 
hielt. Absolute Parallaxen hätten also hier nur erhalten werden 
können, wenn anderweitig entweder die Parallaxe eines dieser 
Sterne, oder die Versicherung, dass sie gleich Null zu setzen sei, 
erlangt wnirde. Da dies nicht möglich war, so erhielt Struve -^vie 
Bessel nur die Überzeugung: 



84 GESCHICHTE DER HIMMELSKTINDE. 

1) die Parallaxen der Fixsterne sind zu klein, um durch die 
bisher angewandteii Mittel gefunden Averden zu können; 

2) sie stehen gleichwohl der Null nicht so nahe, dass jede 
Hoffnung zu ihrer Auffindung verschwinden müsste. 

Mehr konnte durch eine Fortsetzung dieser Beobachtungen 
nicht erlangt werden, und da beide Astronomen dies erkannten, 
so setzten sie die Arbeit auch nicht weiter fort und warteten die 
Zeit ab, wo geeignetere IMittel ihre Wiederaufnahme gestatten 
würden. 

§ 152. 

Diese Mittel sollten in einem Institut gefunden werden, das 
wir bereits erwähnten, das jedoch eine genauere Beachtung an 
dieser Stelle erfordert. 

Joseph Fraunhofer war als Sohn unbemittelter Eltern am 
6. März 1787 in Straubing geboren und einem Glasermeister in 
München, Weichselberger, als Lehrling übergeben worden. Da 
seine Eltern nichts für ihn bezahlen konnten, so musste er sich 
zu einer Lehi'zeit von sechs Jahren verpflichten. Im Hause seines 
Lehrherrn entstand ein Brand, der es grösstentheils zerstörte, und 
bei welchem durch Einsturz von Decken und Wänden er in Ge- 
fahr kam, durch Verschüttung ums Leben zu kommen. Indess 
ward er, obwohl erheblich verletzt, gerettet, und König Maximi- 
lian I., der an den Ort der Gefahr geeilt war, und dem die Ant- 
worten des Knaben gefielen, machte ihm ein ansehnliches Geld- 
geschenk. Er verwandte einen Theil davon zur Anschaffung von 
Büchern, durch deren Studium er den höchst mangelhaften Schul- 
unterricht, der ihm zu Theil geworden, ergänzte, namenthch auch 
an der Mathematik Geschmack gewann. Die Sonntage und die 
Nächte bildeten seine Studienzeit, von deren Gegenstand er vor- 
sichtig nicht viel verlauten Hess. Die Glaserarbeit führte ihn auf 
das Schleifen der Linsengläser, worin er sich heimlich übte. Er 
ward mit Herrn v. Utzschneider bekannt, und da die be- 
dungenen sechs Jahre noch nicht abgelaufen waren, so verwandte 
er den Best des Königsgeschenkes, um sich frei zu kaufen. 

Nun trat er als Gehülfe in die Anstalt, die v. Utzschneider 
und Reichenbach leiteten. Letzterer schied aus, um ein eigenes 
mechanisches Institut zu gründen, und Fraunhofer so wie Gui- 
nand arbeiteten nun hauptsächhch an Versuchen zur Hervor- 
bringung reinen Flintglases in grossen Stücken. Nachdem Gui- 



DIE lIlMMELbKUNDE IM 13. JAHBllUNDIOltT. ' 85 

naud 1814 abgegangen war, blieb Fraunhofer einziger Haupt- 
arbeiter im Institut. Nach langen vergeljlichen Bemühungen ge- 
lang es ihm am 12. Deccmber 1817, die Flintgluslinse zu Stande 
zu bringen, die gegenwärtig im Dorpater liefractor das Objectiv 
bildet. Das Fernrohr zu diesem Objectiv ist mit grosser Meister- 
schaft ausgeführt und das Ganze von der russischen Regierung 
für die neue Sternwarte Dorpat erworben. Es ist das einzige 
grössere von Fraunhofer's Hand, da er bald nach dessen Voll- 
endung mit Tode abging (nur 39 Jahr alt). 

Er trat jetzt als Theilnehraer in das Institut und ward bald 
darauf in den Freiherrnstand des Königreichs erhoben. Seine in 
das Gebiet der Physik und Chemie gehörenden xVrbeiten über- 
lassen wir Denen zu schildern, welche die Geschichte dieser Wis- 
senschaft schreiben; ihre hohe Wichtigkeit wird niemand in 
Zweifel ziehen. Er war die eigentliche Seele des Instituts, und 
dessen welthistorischer Ruf ist sein Werk. Sofort ward das In- 
strument, dem diese Linse als Objectiv dienen sollte, in allen 
Theilen mit einer Meisterschaft vollendet, wie man ein ähnliches 
zuvor nie gesehen. Struve, der es in München sah und prüfte, 
vermittelte dessen Ankauf durch die russische Regierung. 

Es kam im November 1824 in Dorpat an und wiu'de im fol- 
genden Jahre in dem neuerljauten Drehthurm der Dorpater Stern- 
warte aufgestellt. — Struve hat es bis 1840, der Verfasser 
dieses bis 1865 benutzt, und es hat sich in diesen 40 Jahren 
aufs trefflichste bewährt. Aber auch das Heliometer, das in seiner 
früheren Form nur wenig Nutzen gewährte, ward durch Fraun- 
hofer zu einem der wichtigsten Instrumente. Er setzte an die 
Stelle von zwei vollen Objectiveu zwei Objectiv hälften, indem er 
ein ackromatisches Objectiv so spaltete, dass der durch das Cen- 
trum gehende Schnitt vollkommen rein und scharf erschien. Durch 
die geeignete mechanische Vorrichtung werden diese Hälften längs 
des Spaltes verschoben, wodurch die Distanzen der Objecte er- 
halten werden, und eben so um ihre Axe gedreht, Avas zur Be- 
stimmung der Positionswinkel führt. Ein wichtiger Vortheil ist 
hierbei der Wegfall jeder künstlichen Beleuchtung, da das Feld 
vollkommen dunkel bleibt und Lampen nur als Haudlampen zum 
Ablesen der Einstellungen erforderlich sind. Mehrere grössere 
Sternwarten (wir nennen darunter Königsberg und Bonn) besitzen 
gar keine grösseren Refractoren, sondern satt dessen ein grosses 
Heliometer nach Fraunhofer 'scher Construction. 



86 GESCHICHTE DER HLMMELSKUNDE. 

Fraunhofer beabsichtigte, nachdem er die Theorie der 
achromatischen Fernröhre erschöpfend dargestellt und praktisch 
bewährt hatte, auch die Teleskope in ähnlicher Weise zu be- 
arbeiten ; seine wankende Gesundheit — noch eine Folge des oben 
erzählten Unglücksfalles — sollte durch eine Reise nach Italien 
gekräftigt werden; doch ein fi'üher Tod (im Mai 1826) machte 
allen diesen Plänen ein Ende. 

Auf dem schönen Friedhofe in München liest man in einer 

Nische: 

Joseph von Fraunhofer. 

(Darunter in Miniatur, in Relief-Darstellung, den für Dorpat 
gelieferten Refractor, und weiter): 

Approximavit sidera. 

Es genügt wahi'hch an diesen zwei inhaltschweren Worten: 
denn so lange es auf Erden eine Wissenschaft giebt, wird Fraun- 
hofer 's Name nicht erlöschen. 

Hier dürfte der Ort sein, die Liste der grössern aus der 
Münchener Werkstatt hervorgegangenen Fernröhre (Kefractoren 
und HeUometer) folgen zu lassen. 

I. Fraunhofer (bis 1S2G). 

ZoH Par. Objectivöffnnng. 

Refractor für Dorpat 9'/^ 

Refractor für Neapel 7 

II. G. Merz (bis 1S39 allein). 

Zoll rar. Objectivöffnuiig. 

Refractor für Berlin 9'/., 

Refractor für Kasan (beim Brande der SteniAvarte 

1842 gerettet) 91/2 

Refractor für Bogenhausen IOV2 

Heliometer für Königsberg G 

in. Merz & Mahler (bis 1845). 

Zoll Par. Objectivöffnuug. 

Refractor für Pulkowa 14 

Refractor für Kiew 9 

Refractor für Washington 9 

Refractor für Cincinnati IOV2 

Heliometer für Pulkowa . 7 

Heliometer für Bonn 6 

IV. Merz & Sohn (von 1847 bis 1858 Merz & Söhne). 

Zoll Par. ObjectivöiFnung. 

Refractor für Cambridge (Massachusets) 14 

Refractor für die Capstadt G'/j 



DIE IiniMELSKUNDE DI 19. JAJlKinJNDEKT. 87 

Zoll Par. Oljjoctivüffnuntj. 

Objectiv für Airy in Greenwicli 12 

Fernrohr für den Optiker Ross in London .... 8 

Refractor in Moskau (im W. der Stadt) 10 

Refractor für Madrid 10 

Refractor für Rom (Collegio Romano) 9 

Refractor für Shelbyville (Amerika) 7 

Refractor für Christiania 7 

Objectiv zum Heliometer für Oxford 7 

Refractor für Palermo 9 

Refractor für Kopenhagen 10'/, 

Refractor für Lissabon 14 

Refractor für Leyden (neue ^Varte) 7 

Refractor für Baron Dembowsky in Florenz . ... 7 

Refractor für Sidney 7 

Ein IGzölliges Objectiv liegt noch vorräthig. 



§ 153. 

Auf Seeberg waren inzwisclien Veränderungen vorgegangen. 
Der astronomische Mäcen, Herzog Ernst II. von Gotha, war ge- 
storben, von Zach legte die Direction des Seeberg 1808 nieder 
und übergab sie an Bernhard Freiherrn von Lindenau. Wh- 
verdanken diesem während seines zehnjährigen Directorats neue 
Tafeln der Planeten Merkur und Mars, und eine sehr umfang- 
reiche Berechnung der Polarsternbeobachtungen in Greenwich und 
andern Orten. Er entwickelte daraus Werthe für den Ort und 
die Eigenbewegung des Polaris sehr scharf, und ausserdem seine 
Parallaxe (0/'144) so wie neue Bestimmungen für Aberration und 
Nutation, In den letzten Jahren war Encke sein Adjunct und 
dieser übernahm 1818 das Directorat. v. Lindenau trat in al- 
tenbui'gischen und später in königlich sächsischen Staatsdienst, 
und war längere Zeit Premierminister in Dresden. Sein lebhaftes 
Interesse an dem Gedeihen der Astronomie blieb stets ungeschwächt, 
und fortwährend finden wir von ihm Mttheilungen in den Astro- 
nomischen Nachrichten. 

Encke hatte als Artillerieofficier die Befreiungskriege 1813 
bis 1815 mitgemacht, darauf seinen Abschied genommen und ward 
bald darauf Lindenau's Gehülfe. Durch eine höchst wichtige 
Entdeckung sind die sieben Jahre seines dortigen Dü'ectorats be- 
zeichnet, über die wir ausführlicher zu berichten haben. 

Im Jahre 1786 im Januar entdeckte Mechain einen tele- 
skopischen Kometen, allein ungünstiges Wetter war die Ursache, 



38 GESCHICHTE DEK HUDIELSKUNDE. 

dass er nicht mehr als zwei Beübuchtiingen erhalten konnte. Unter 
diesen Umständen war selbstverständlich eine Bahnberechnung un- 
möglich. 

Im Jahre 1795 entdeckte Caroline Herschel im Sternbilde 
der Leyer einen teleskopischen Kometen, und es gelang, eine hin- 
reichende Zahl von Beobachtungen zur Berechnung einer parabo- 
lischen Bahn zu erhalten. Eine ähnliche Entdeckung machte 
Bouvard* 1805 und Pons (so wie Huth) 1819. Die drei zuletzt 
erwähnten Entdeckungen hatten parabolische Elemente geliefert, 
die Ähnlichkeit mit einander hatten. Encke untersuchte die 
Sache näher und fand, dass die vier Kometen von 178G, 1796, 
1805 und 1819 einer und derselbe sei, der zwischen 1786 und 
1796 drei, zwischen 1796 und 1805 abermals drei, und von da 
bis 1819 vier Umläufe gemacht habe, und in der erwähnten Zeit 
sieben INlal, ungesehen von der Erde, durch sein Perihel gegangen 
sei. Die Umlaufszeit war 1208 Tage. 



* Alexis BOUVARD, geb. 1767 am 27. Juli, gest. 1843 am 
7. Juni. In einer Sennhütte am Montblanc erbUckte er das Licht 
der Welt; ein armer Bauerknabe, hatte er nur die Aussicht auf 
das Hifthorn, um das Vieh von der Weide zu rufen, oder auf 
die Flinte des sardiuischeu Soldaten. 18 Jahr alt, trieb es ihn, 
nach Paris zu gehen. Ohne Bekanntschaft, ohne Empfehlung, 
ohne Mittel, ohne zu wissen was beginnen, langte er in der Haupt- 
stadt an, einen Sack auf dem Rücken, einige Francs in der Tasche. 
Aber ob auch manchen Mittag für ihn kein Tisch sich deckte, 
die öffentlichen unentgeltlichen Vorlesungen im College de France 
versäumte er nie. Er gewann Geschmack an der Mathematik, 
und nicht lange, so war er selbst im Stande, Privatunterricht zu 
ertheilen. 

Ein Zufall machte ihn einst zum Zeugen bei den Arbeiten der 
Sternwarte, und augenblicklich erwachte in ihm die glühendste 
Leidenschaft für die Astronomie. 

Die immensen Rechnungen, welche Laplace für seine Meca- 
nique Celeste bedurfte, machte es ihm nothwendig, sich nach einem 
Hülfsrechner umzusehen; man nannte ihm Bouvard, und der 
rechte Mann war gefunden. Ihn schreckten nicht die unüber- 
sehhchen Ziffernmassen; er wich nicht zurück vor der Aussicht, 
Wochen, ja Monate zu einer einzigen Rechnung zu bedürfen. 



DIE HIJDIELSKUNDE IM 10. JAHRHUNDEET. 89 

Aber noch mehr. Wciui dio Störungen des Kometen durch 
diejenigen Körper, die hier in Betracht kommen falle Planeten 
bis auf Saturn, so dass nur Uranus und Neptun ausgeschlossen 
werden konnten) scharf berechnet wurden, so fand sich, dass der 
Komet jedesmal 2- 3 Stunden früher gekommen war, als die Rech- 
nung ergeben hatte. 

Die Thatsache blieb bestehen, auch wenn mau die Planeten- 
massen so weit abänderte, als dies zulässig erschien, und somit 
lag die Nothwendigkeit vor, sie zu erklären. 

Encke's Erklärung, an der er trotz alles Widerspruchs lebens- 
lang festgehalten, ist die folgende: 

Die Bewegung des Kometen erfolgt .nicht im absolut leeren 
Räume, sondern in einem mit einer höchst verdünnten, direct 
nicht wahrnehmbaren Materie (dem Äther) erfüllten. Diese Ma- 
terie leistet der Bewegung des Kometen einen Widersand, da 
jedoch dieser Widerstand nur in der Richtung der Tangente der 
Bewegung, nicht aber auf den Radius vector wrkt, so vermindert 



Laplace erkannte seinen Werth, und auf seine Empfehlung ward 
er Mitglied des Bureau des longitudes, so wie der Akademie der 
Wissenschaften; auf der Sternwarte hatte er bereits seit 1793 
mitgearbeitet. Eine Preisaufgabe der Akademie, die Mondstheorie 
betreffend, hatte er 1800 gelöst; eine andere Lösung war von 
Bürg eingegangen; man erkannte diesem zwei Drittel und Bou- 
vard ein Drittel des Preises zu; der erste Consul Bonaparte 
erhöhte aber die Belohnung des Letztern auf 6000 Franken. 

Der Eifer, mit dem er den Beobachtungen und Berechnungen 
oblag, liess ihn an allem Ü Irrigen wenig Antheil nelimen. Er 
ward Entdecker mehrerer Kometen; er lieferte Tafeln des Jupiter, 
Saturn und Uranus; er erkannte zuerst die Unvereinbarkeit der 
alten und neuen Beobachtungen dieses Planeten, eine Bemerkung, 
die den ersten Anstoss zu den Verhandlungen gab, die schliesslich 
zur Neptunserrechnung führten. Auch die meteorologischen Be- 
obachtungen discutirte er, nm die Frage über den Mondseinfluss 
zu untersuchen. Rechnen war ihm zum unabweisbaren Bedürfniss 
geworden: noch am Vorabend seines Todes sah man ihn mit 
sterbender Hand Zahlen auf den Tisch zeichnen. 

Ein solcher war Alexis Bouvard, der Hirtensohn von der 
Hochalpe. 



90 GESCHICHTE DER IIDmELSKUNDE. 

er auch nur die erstere, nicht jedoch die Attraction, was zur 
Folge haben muss, dass sich die Bahn verengert, mithin ein 
kleineres Areal umfasst und in kürzerer Zeit durchlaufen wird. 

Nicht allein sind verschiedene Einwürfe gegen diese Erklärung 
an sich gemacht worden; man hat auch die Thatsache der Ver- 
frühung des Perihels theils zu bestreiten, theils anderweitig zu 
erklären versucht. 

Was die Thatsache selbst betrifft, so hat Encke diese in 
mehreren Schriften, zuletzt in einem besonderen Anhange zum 
Berliner Jahrbuch, mit so entscheidenden Gründen aufrecht er- 
halten und vertheidigt, dass er hier wohl nicht widerlegt werden 
kann. Auf den ersten Anblick scheint es allerdings gewagt, ein 
Kometenperihel auf Stunden zu verbürgen ; in gegenwärtigem Falle 
aber haben wir es mit einer sekr kurzen Umlaufszeit und zwar 
der kürzesten, die bei Kometen vorkommt, zu thun, andererseits 
hegen hier nicht zwei oder di"ei, sondern jetzt schon 18 Erschei- 
nungen vor, unter denen mehrere so gute und zahlreiche Beob- 
achtungen es gestatteten, dass selbst noch Bruch theile der Stunde 
zu verbürgen waren. 

Was jedoch die Erklärung betrifft, so giebt Encke selbst 
zu, dass sein Beweis ganz isolirt steht, und dass, wenn eine andere 
und noch besser zutreffende gegeben werden könne, er die seinige 
zu unterdrücken habe. Dies ist aber bis jetzt von keiner Seite 
geschehen. Freihch äusserte Bessel; „Es sind hundert Ursachen 
möghch, durch welche die Thatsache erklärt wird," allein wir 
können Encke nicht Unrecht geben, wenn er entgegnete, die 
blosse Erwähnung von hundert Ursachen, auch selbst aus Bes- 
sel's Munde, könne ihn nicht bestimmen, seine These aufzugeben. 

Encke selbst, der inzwischen 1825 an die Stelle des emeri- 
tirten Bodo als Director der Sternwarte nach Berlin abgegangen 
war, hat einige dieser Möglichkeiten untersucht. Bei allen aber 
ergaben sich Änderungen, nicht des Bahnhalbmessers, resp. der 
Geschwindigkeit allein, sondern gleichzeitig auch der übrigen Ele- 
mente. Nun aber kommen, nach Ausweis der Beobachtungen, solche 
Änderungen, die nicht anderweitig vollständig genetisch nachweis- 
bar wären, bei diesem Kometen gar nicht vor, mit Ausnahme einer 
höchst geringen der Excentricität, die bei einem solchen Wider- 
stände des Äthers nothwendig ist. Somit bleibt der Nachweis 
einer andern eben so vollständig erklärenden Ursache eine wissen- 
schaftliche Forderung, die der Gegner erfüllen muss. Mit blossem 



DIE lUMMELSKDNDE IM VJ. JAllIUiUNBEUT. 91 

Zweifeln und Erlieben von Schwierigkeiten ist es liier nicht 
gethan. 

An noch uiibekaiiiit goLhebene Massen im Planetenraume, die 
gerade nur diese eine Wü'kung, und keine andere weder auf 
diesen noch auf andere Wcltkörper hätten, ist nicht zu denken, 

Indess zeigen sich zwei Schwierigkeiten, welche eine nähere 
Erörterung zu verdienen scheinen: 

1) Warum zeigen weder die Planeten, noch auch die übrigen 
Kometen, etwas von dieser Wirkung auf? 

Was die Planeten betriÖ't, so sind diese vielemillionenmal 
dichter als ein Komet; es würde also eine solche Wirkung auch 
um eben so vielmal geringer sich zeigen, die Veränderung der 
Umlaufszeit also erst in den Zehntausendtheilen der Secunde, 
d. h. gar nicht merklich sein. Wichtiger scheint, dass auch die 
Kometen, mit Ausnahme dieses einen, von einer solchen Wirkung 
nichts verrathen. Allein wie wenig Kometen sind in der Lage, 
scharf geprüft werden zu können? Um eine Verkürzung der Um- 
laufszeit darzuthun, müsste man mindestens zwei Umläufe zu- 
sammenstellen, also drei Erscheinungen oder mehr beobachtet 
haben. Wir haben nun ausser dem hier in Rede stehenden nur 
den Ha Hey 'sehen, Biela 'sehen und Faye 'sehen Kometen; bei 
letzterem ist eine Vergleichung, bei den beiden anderen sind 
mehrere ausführbar. 

Beim H all ey 'sehen haben die früheren Rechnungen eine 
Frage, wie sie hier vorliegt, nicht entscheiden können; Clairaut's 
Rechnungen wichen um einen Monat, Rosenberger's um 
2V2 Tag von dem Erfolge ab; und wenn einerseits die grössere 
Umlaufszeit auch eine grössere Gesammtwirkung innerhalb einer 
Umlaufsperiode erwarten lässt, so muss andererseits erwogen 
werden, dass der Halley'sche Komet während ^Vso seines 76jäh- 
rigen Umlaufs Fernen durchläuft, in die der Komet von 1208 Tagen 
nie gelangt. Es fehlt uns jeder Anhaltpunkt das Gesetz der 
Dichtigkeitsabnahme als Function des Abstandes darzustellen; 
im Allgemeinen jedoch ist es sehr wahrscheinlich, dass eine Ab- 
nahme, und nach allem Anschein eine sehr bedeutende, stattfinde. 
Ferner ist Halley's Komet rückläufig, und wie man sich auch 
den Widerstand denken möge, er muss unter solchen Umständen 
sich in ganz anderer Art äussern. 

Westphalen, ein frühverstorbener, zu grossen Hofinungen 
berechtigender Schüler Bessel's, hat uns unter Anleitung seines, 



92 GESCmCHTH DEU HIMMELSKUNDE. 

gleich ihm schon erkrankten Lehrers aus der letzten Erschei- 
nung Resultate gezogen, die zu dem Sclilusse fühi-en, dass nur 
die allgemeine Gravitation, und sonst keine von ilu- verschiedene 
Kraft auf die Bewegung dieses Kometen in erkennbarer Weise 
gewirkt habe. So wichtig nun auch diese Bearbeitung ist, und 
so sehr sie von dem Talent und der Einsicht ihres Verfassers 
Kunde giebt, so kann sie gleichwohl weder für noch gegen 
Encke's Annahme urgirt werden. 

Der Biela'sche Komet hat ungeachtet aller Preisfragen noch 
keine Arbeit an die ÖfFenthchkeit gefördert, die sämmthche Er- 
scheinungen so gründlich untersucht und so verglichen hätte, als 
liier erforderlich ist; und die Räthsel, die er uns 1845 und 1866 
dargeboten, welche gleichfalls noch ungelöst sind, scheinen wenig 
Aussicht zu bieten, neben und mit ihnen eine Frage zu discutiren, 
die nicht nur die feinsten Beobachtungsdata, sondern auch eine 
vorhergegangene gründliche Ermittelung aller anderweitig störenden 
Ursachen zu ihrer Lösung bedingt. 

Beim Faye'schen Kometen endlich hatte Axel Möller in 
Lund aus Vergleichuug der beiden jetzt vorliegenden Zwischen- 
zeiten eine Einwh-kung der fi'aglichen Art zu erkennen geglaubt, 
die sogar noch stärker hervortreten sollte als bei den oben dis- 
cutü-ten. Eucke hatte davon Veranlassung genommen, in seinem 
Berliner Jahrbuch einen Aufsatz „Über den Faye-MöUer'schen 
Kometen" zu veröffentlichen. Allein die neueste Veröffentlichung 
Möller 's nimmt alles wieder zurück. Er hat in seinen Störuugs- 
rechnungen bei abermaliger Durchsicht einen früher nicht gehörig 
beachteten Umstand entdeckt, den er mit aller Offenheit, wie es 
dem Forscher geziemt, darlegt, und die drei Erscheinungen ver- 
einigt, ohne irgend eine andere der Gravitation fremde Ki-aft 
anzunehmen. 

So haben also die drei Kometen, auf die allein jetzt recurrirt 
werden kann, keinen Beweis für Encke's These, aber eben so 
Avenig einen entscheidenden gegen dieselbe geliefert, und bei dem 
Kometen, dem die allgemeine Stimme den Namen des Encke 'sehen 
gegeben hat,* vereinigen sich alle Umstände zur Erkennung einer 



* Nur Eucke selbst that dies nicht und bezeichnete ihn beharrlich als 
„den Kometen von Pons." Da aber Pons Entdecker mehrerer Kometen ist, 
so genügt diese Bezeichnung nicht, und wir würden die Benennung der Fran- 
zosen : comete ä courte pe'riode, immer noch passender als diese finden. 



DIE IIIMMELSKUNDE IM 10. JAIIKIIUNDEUT. 93 

kleinen Einwirkung so sehr, dass wir uns niclit wundern dürfen, 
eine anderweitige Bestätigung bis jetzt noch nicht gefunden zu 
haben. Denn : 

a) der Encke'sche Komet hat unter allen uns bekannten die 
kürzeste Umlalifszeit und gestattet eine Reihe von Vergleichungen, 
wie sie bei keinem andern stattfindet, noch jemals zu erwarten ist; 

h) der Encke'sche Komet verliisst nie die sonnennahen Ge- 
genden. Er überschreitet nur wenig, und nur in seinem Aphelio, 
die Ceresbahn; alle anderen erreichen oder überschreiten die des 
Jupiter und halten sich nur eine verhältnissmässig kurze Zeit in 
den Gegenden auf, die der Encke'sche nie verlässt; 

c) endlich gehört der Encke'sche Komet zu den am aller- 
wenigsten verdichteten. Er zeigt nur eine nicht sehr bedeutende, 
allmälige Verdichtung nach einem Punkte im Innern hin, keinen 
nur einigermaassen messbaren Kern, wie ihn die drei übrigen 
mehr oder weniger darbieten. Nun aber hängt, wie dies auch 
Encke hervorhebt, die Quantität der Wirkung ab von dem Ver- 
hältniss der Dichtigkeit des Widerstand leistenden Mittels zu der 
des Kometen, die Encke 1:880 fand. 

Hansen hatte wahrgenommen, dass der Umfang des Ko- 
meten abnehme, wenn er sich der Sonne nähere. Wiewohl dies 
nun auch dem Umstände zugeschrieben werden kann, dass in 
Sonnennähen, also auch helleren Räumen die dünneren, äusseren 
Theile für uns nicht mehr sichtbar bleiben, so hoffte er gleich- 
wohl, ein bestimmtes Gesetz der Dichtigkeitsabnahme des wider- 
stehenden Mittels daraus ableiten zu können. Aber nach seinem 
eigenen Urtheil ist ihm dies nicht gelungen, denn die wenigen 
und ziemlich unsicheren Data, die er zum Grunde legen konnte, 
vertrugen sich ungefähr gleich gut mit jeder Form des fraglichen 
Gesetzes, ja selbst noch mit einer constanten Dichtigkeit. Auch 
bemerkt Humboldt, dass es seine Schwierigkeit habe, sich den 
Kometen als impermeabel für das allseitig umgebende Medium, 
also gleichsam blasenartig vorzustellen. 

2) Aber noch eine zweite Frage erhebt sich : Wird der Komet 
bei dieser beständig fortschreitenden Verkürzung seiner Bahn 
nicht schliesshch, wenn auch vielleicht erst nach Jahi-millionen, 
in die Sonne stürzen, ja wird nicht dies, früher oder später, das 
einstige Schicksal aller in demselben Medium um die Sonne krei- 
senden Körper sein? 

Wäre freilich das Universum, in specie der Encke'sche Komet, 



94 GESCHICHTE DER HLMMELSKUNDE. 

von Ewigkeit lier, so würde diese Frage gar nicht erhoben werden 
können. Al)er gerade die Thatsache der Umlaufsverkürzung zeigt, 
dass diese Annahme unstatthaft ist. 

Indess, bevor wir diesen allgemeinen Herabsturz, diesen End- 
klumpen, wie man es genannt, als unentrinnbares Endziel alles 
Existirenden uns vor Augen stellen, wollen wir abwarten, wie der 
weitere Fortgang dieser Verkürzung sich gestaltet, und uns im 
Planetensystem etwas umsehen, ob nicht ein Gegengewicht aufzu- 
finden sei, das hier modificirend wirkt? und wir ersuchen unsere 
Leser, noch einige Zeit verweilen zu dürfen bei einer Frage, deren 
Wichtigkeit nicht in Abrede gestellt werden kann. 

Wenn sich ein Weltkörper in solcher Entfernung befindet, 
dass alle übrigen zum Sonnensystem gehörenden Körper von ihm 
aus nach derselben Gegend hin erbhckt werden, so wird auch die 
Wirkung aller dieser Körper gedacht werden können als eine vom 
gemeinschafthchen Schwerpunkte ausgehende. Die Sonnenmasse 
erscheint also in diesem Falle vergrössert um die Masse aller 
übrigen secundären Körper ihres Systems. 

Nähert sich der gedachte Körper der Sonne, so werden die 
anderen Planeten, zuerst die entferntesten, nach und nach auch 
die üljrigen, aus dieser Gemeinschaft heraustreten; man wird, 
analytisch ausgedrückt, die Reduction auf den allgemeinen Schwer- 
punkt aufgeben müssen und nur noch einen particulären bei- 
behalten können, während die Wirkung der ausgeschiedenen 
Massen besonders berechnet werden muss, und sie sich nicht 
mehr einfach zur Sonnenmasse summirt, sondern oft auch dieser 
entgegengesetzt ist. 

Bei immer weiter fortschi-eitender Annäherung zur Sonne 
wird diese Sonderung immer weiter fortgehen, und man muss, wie 
jetzt schon beim Encke'schen Kometen, jeden einzelnen Körper, 
rücksichtHch seiner Einwirkung, gesondert in Rechnung ziehen. Das 
geschlossene Integral, wie Lehmann es nannte, findet hier nicht 
mehr statt, die Sonnenmasse ist jetzt einfach die dieses Körpers 
allein; und es lässt sich eine allgemeine Formel, w^ie die übrigen 
Massen sich rücksichtlich ihrer Wirkung gestalten, nicht mehr 
aufstellen. 

Aber erinnern wir uns, dass die Sonne, auf die Bahn des 
Mondes um die Erde als störender Körper wirkend, die Bahn des 
Mondes bald vergrössert (in den Stellungen 0*^ und ISO^), bald 
verkleinert (in den Stellungen ItO« und 210% im allgemeinen 



DIE HIMMELSKUNDE IM 19. JAJIKIIUNDERT. 95 

Durchschnitt jedocli mehr und öfter vergrössert als verkleinert; 
also auch die Bewegung des Mondes mehr verlangsamert als be- 
schleunigt. Bei unserni Monde ist die Wirkung nahezu gleich 
einer Constante, und nur die Säculargleichung enthält den- 
jenigen geringen Theil dieser Wirkung, der nicht constant, son- 
dern periodisch ist. 

Bei einem Kometen, der sich schon in den sonnennahen Ge- 
.genden aufliält, also Planetenmassen nach allen Seiten und in den 
verschiedensten Entfernungen um sich herum hat, wird nun Ähn- 
liches eintreten. Die störenden Massen werden, im Ganzen und 
durchschnittlich genommen, den Lauf des Kometen mehr verzögern 
und seine Entfernung von der Sonne vergrössern, als umgekehrt, 
und diese Differenz nimmt zu, je mehr der Komet der Sonne sich 
nähert, d. h. je mehr seine Bahn sich anderweitig verengert. 

Es wird, beziehentlich es kann also ein Zeitpunkt eintreten, 
wo die bahnerweiternde Tendenz der störenden Massen der bahn- 
verengenden des widerstehenden Mittels das Gleichgewicht hält, 
und in diesem Punkte wird die Bahn aufliören, sich constant zu 
vermindern. Dieser Zeitpunkt scheint beim Encke'schen Kometen, 
wenn nicht schon eingetreten, doch ziemlich nahe bevorstehend 
zu sein. Denn vergleicht man die Zwischenzeiten ganz einfach, 
ohne weder die Störungen noch das widerstehende Mittel zu be- 
rücksichtigen, so ergiebt sich keine deutlich fortschreitende Zu- 
oder Abnahme, sondern nur Schwankungen um ein Mittel. Doch 
greifen wir dem weiteren Fortgange nicht voraus; warnende Bei- 
spiele liegen vor, dass den Kometen Manches widerfährt, was der 
Calcul noch unberührt lassen muss. Auch nachdem Encke ins 
Grab gestiegen, wird der Komet, der seinen Namen trägt und 
verewigt, nicht unbeachtet bleiben, und gewiss die Zeit herbei- 
kommen, wo er keine ähnliche Fragestellung mehr veranlasst. 

In der Pariser Akademie veranlasste dieser Komet eine ein- 
gehende Discussion, namentlich zwischen Leverrier und Faye. 
Beide stimmen darin überein, dass die Thatsache der Umlaufs- 
verkürzung anerkannt werden müsse, aber in der Erklärung der- 
selben weichen sie von einander ab. Während Leverrier der 
Erklärung Encke's in der Hauptsache beistimmt, bemerkt Faye, 
dass der allgemeine imponderable Lichtäther nicht das Medium 
des Widerstandes sein könne. Man müsse vielmehr ein wenngleich 
äusserst dünnes, doch aber nicht gänzlich masseloses Etwas 
denken, was sich innerhalb der Planetenräume befinde und das 



96 GESCHICHTE DER HnnfELSKUNDE. 

dem Zodiakiilliclit verwandt sein könne. Es müsse sich ferner in 
Ruhe hefinden, weil ausserdem die ü])rigen Elemente der Kometen- 
bahn gleichfalls geändert werden müssten, und er glaubt, dass 
ein solches Medium, wenn es materiell existirte, auch von uns 
gesehen Averden müsste. 

Das Letztere können vär nicht für nothwendig erachten, 
noch in dem, was Faye weiter beibringt, eine genügende Erklä- 
rung der Thatsache finden, um die es sich hier handelt. Er re- 
currirt auf eine Untersuchung Roche's, der durch eine Formel 
den Grenzwerth für die Ausdehnung des Kopfes eines Kometen 
festzusetzen sucht, und Faye kehrt die Formel um und bestimmt 
aus der beobachteten Grösse des Kernes seine Masse. Auf 
den Donati'schen Kometen angewandt, findet er seine Masse 
= 0,0000000043 der Erdmasse, was etwa GOOOO Billionen Pfund 
gleichkommen würde. Er untersucht weiter die Dichtigkeit des 
Schweifes und Ähnhehes : wir geben die Wichtigkeit dieser Unter- 
suchungen gern zu, können aber in allen diesen keine Erklärung 
finden, die besser als Encke's Annahme die unleugbare That- 
sache erklärt. — Bessel erinnerte daran, dass die Abstossung 
der den Schweif bildenden ]\Iaterie einen Rückstoss des Kometeu- 
kopfes zur Folge haben könne, ähnlich wie eine Kanone in dem 
Augenblick, wo die Kugel herausfliegt, etwas zurückläuft. Dann 
aber müsste bei Wiedereinziehung des Schweifs das Gegentheil 
erfolgen. 

§ 154. 

Wenden wir uns zum Planetensystem, so finden wir, dass 
Uranus Veranlassung giebt, eine wichtige Frage anzuregen. Man 
hatte anfangs die Bahnbestknmung dadurch wesentlich gefördert, 
dass eine Reihe älterer, mehr als einen vollen Umlauf des Pla- 
neten umfassender Beobachtungen aufgefunden w^orden war. Denn 
die langsame Bewegung in einer 84 Jahr Umlaufszeit erfordernden 
Bahn hätte aus den mit der Entdeckung beginnenden nicht so 
schnell zu Bahnelementen geführt, wenn diese älteren nicht hätten 
mitgenommen werden können. Nun jedoch zeigte sich, je länger 
desto mehr, eine nicht unerhebliche Abweichung der Beobach- 
tungen von der nach der ersten Bahn berechneten Ephemeride, 
dass Bouvard sich zu einer gründlichen Untersuchung der Sache 
entschloss. Nahezu ein halber Umlauf war jetzt seit Herschel's 
Entdeckung verflossen, und der Berechner konnte es also wagen, 



DIK IIIMMELSKUNDE IM 19. JAHRHUNDERT. 97 

die Beobachtungen dieser Periode selbständig und ausschliesslich 
einer Bahnbestimniung zum Grunde zu legen. Wurden in ähn- 
licher Weise die älteren vorherschelschen Beobachtungen allein 
behandelt, so ergaben diese ein nicht unwesentlich abweichendes 
Elementarsystem, und der Versuch, beide in eine und dieselbe 
Bahn zu vereinigen, gelang nicht so, dass Bouvard sich dabei 
befriedigt fühlen konnte. Gleichwohl blieb unter den gedachten 
Umständen kaum etwas Anderes übrig. Bouvard gab eine auf 
beide Reihen basirte Bahn; indcss hatte er den älteren Beobach- 
tungen, wobei der Planet noch nicht als solcher erkannt worden 
war, ein geringeres Gewicht als den späteren beigelegt. Jedoch 
fügte er eine Bemerkung hinzu, die die Vermuthung aussprach, 
dass vielleicht ein jenseit des Uranus kreisender, noch unbekannter 
Planet auf diesen störend einwirke; eine Vermuthung, die sofort 
von Mehreren getheilt ward. Der Gedanke brach sich Bahn, dass 
es vielleicht möglich sein möchte, nur mit Zugrundelegung dieser 
Störungen die Elemente des unbekannten Planeten zu finden. 
Indess sollte eine geraume Zeit verstreichen, bevor der kühne 
Gedanke zur That ward. Linden au in seinem gehaltreichen 
Aufsatz „Zur Geschichte der Neptuns-Entdeckung" giebt uns die 
vollständigste Nachricht über die Verhandlungen, welche der be- 
rühmten Entdeckung vorangingen, und über die wir später berichten 
werden. Denn damals machten sich die Astronomen Aveit mehr 
mit den Ptäumen zu schaffen, in denen statt des einen erwarteten, 
vier kleine Weltkörper kreiseten. Hatte gleich Olbers, der bis 
1817 seine Nachsuchungen eifrig fortsetzte, nichts weiter in den 
oben bezeichneten Ptäumen finden können, so hätte man doch gar 
zu gern das Dutzend voll gesehen. Stark in Augsburg hatte 
1820 einen Sonnenfleck beobachtet, aus dessen eigenthümhchem 
Verhalten und raschem Verschwinden er auf einen vorüber- 
gehenden Planeten schloss; und um dieselbe Zeit hatte ein öster- 
reichischer Militär, V. Steinheibel, auf einer Fahrt von Wien 
nach Nussdorf einen Sonnenfleck gesehen, der eine ähnliche Ver- 
muthung erregte. Allein weder über die eine noch die andere 
dieser Wahrnehmungen verlautete Weiteres, und eben so wenig 
wollten sich Cacciatores' und Wartmann's Wandelsterne wieder- 
finden. Sie hatten Ähnliches, wie Piazzi bei der Ceres-Ent- 
deckung, wahrzunehmen geglaubt; ungünstiges Wetter hatte dann 
längere Zeit die Beobachtung verhindert, und nachher w^ollte der 
Himmel nichts weiter darbieten. 

V. Mädler, Geschichte der Himmelslcunde. II. ' 



98 GESCHICHTE DER HIMMELSKUNDE. 

Übrigens boten die bereits entdeckten Planetoiden den Be- 
rechnern Arbeit genug. Die bei den älteren grösseren Planeten 
anzubringenden Störungen waren so gering, dass man von der 
durch sie bewirkten Veränderung der Elemente auf längere Zeit, 
ja auf Jahrhunderte, Abstand nehmen konnte. Man berechnete 
einfach den mittleren Ort aus den Tafeln, brachte an diese die 
Störungen, wie die Tafeln sie ergaben, an; die Veränderungen 
des Knotens, der Neigung u. s. w. nahm man als gleichförmig, 
und so erhielt man den heliocentrischen und durch die bekannten 
Berechnungsarten den geocentrischen Ort, in beliebigen Polar- 
coordinaten ausgedrückt. Bald jedoch gewahrte man, dass dies 
Verfahren bei den neuen Planeten unthunlich sei. Zu schnell, zu 
bedeutend, zu ungleichmässig änderten sich die Elemente selbst; 
in jeder Opposition zeigten sie sich anders: es gestaltete sich der 
Begriff „osculirende Elemente," und diese galten dann immer zu- 
nächst nur für eine Opposition. Wenn dies neue Verfahren sich 
bei Ceres und Vesta noch verhältnissmässig leicht gestaltete, so 
war Pallas bei seiner starken Neigung und E^xcentricität, Juno 
bei der noch stärkeren letzteren, nicht so leicht in zuverlässige 
Ephemeriden zu bringen und die französische Akademie machte 
die Störungen, welche Pallas erleidet, zu einer besonderen Preis- 
aufgabe. Anfangs glaubte man nur die Jupiterstörungen schärfer, 
die übrigen mehr generell behandeln zu können; auch dies zeigte 
sich ungenügend. 

So kam man dahin, die Ephemeriden in ganz anderer Form 
für die neuen Planeten als für die älteren zu geben. Bei den 
letzteren berechnete man den ganzen Umlauf nach einem für den- 
selben Weltkörper gleichbleibenden Zeitintervall, sowohl heliocen- 
trisch, als geocentrisch, wie dies' längst herkömmlich war. Bei den 
neuen Planeten hätte dies zu unabsehbaren Rechnungen geführt, 
die zudem praktischen Beobachtern nichts genützt hätten, da 
diese kleinen und lichtschwachen Körper nur um die Zeit der 
Opposition sichtljar waren. Mau entwickelte also die Störungen 
in einer solchen Form, dass aus ihnen die für die jedesmalige 
Opposition geltenden Bahnelemente möglichst direct und zugleich 
möglichst scharf erhalten wurden, und daraus eine genaue Ephe- 
meride für die Zeit, Avelche zunächst um die Opposition herum 
lag, und zwar, wie im Berliner Jahrbuch, von Tag zu Tag. (Wir 
haben hier die Form vor Augen, die ihnen Encke gab, denn 
vorher waren die Planetoiden nur sehr ungenügend bedacht 



UIE HISIMELSKUNDE IM 19. .lAIlKHUNDKKT. 99 

worden.) Der ül)rige Theil des Umlaufs war nur zum etwaigen 
Auffinden, nicht zur scharfen Vergleichung hestimmt; die Angal^en 
enthielten nur Minuten und etwa deren Zehntheile, das Intervall 
ward viel grösser genommen und das Ganze nicht schärfer be- 
rechnet. 

Auf eigentliche Tafeln verzichtete man anf;ings ganz; die Er- 
wägung, dass sie doch nur höchstens einige Jahrzehende unmittel- 
bar brauchbar sein würden, schien mit der grossen Mühe ihrer 
Anfertigung nicht im Einklang zu stehen. 

Wenn jedoch einerseits die stärkeren und so sehr veränder- 
hchen Störungen, man mochte eine Berechnungsmethode wählen, 
welche man wollte, die Arljeit des Astronomen sehr vermehrten, 
so boten sie andererseits ein willkommenes Mittel, die Massen der 
Planeten, und namentlich Jupiters, schärfer zu bestimmen. Encke 
entwickelte sie aus den Störungen der Vesta, die sich in der Erd- 
nähe sehr scharf beobachten Hess, Nicolai aus denen der Juno. 
Es zeigte sich, dass die Laplace'sche Masse Jupiters um wenig- 
stens den vierzigsten Theil vergrössert werden müsse. Man wu'd 
fragen: weshalb denn dieser weitläufige Weg? Kann man sie 
denn nicht aus den Jupiters-Trabanten viel leichter nach der 
Kepler'schen Regel bestimmen? Allerdings, wenn man sehr ge- 
naue Messungen ihres Abstandes besitzt und überdies ihre Theorie 
erschöpfend dargestellt ist. Aber im zweiten Decennium dieses 
Säculums hatte man noch keine Fraunhofer'schen Mikrometer, 
und die Brander'schen und andere ähnliche Vorrichtungen ge- 
währten keine auf Bruchtheile der Secunde zu verbürgenden 
Abstände, wie sie hier erforderlich waren, wo die bezügliche 
Formel Erhebung der Distanzen in den Cubus bedingte. Bei der 
Saturnsmasse war es derselbe Fall, oder besser gesagt, es war 
hier noch viel weniger möglich, aus den Distanzen auf die Masse 
zu schliessen, als bei Jupiter. 

Dazu kam noch ein anderer Umstand. War es so ganz ge- 
wiss, dass Jupiter dieselbe Masse habe für seine Trabanten und 
füi" die Störungen fremder Planeten? Oder deutlicher, konnte 
nicht eine chemische Affinität, oder wie man es sonst nennen will, 
bestehen zwischen Jupiter und seinen ihm eigenen Trabanten, die 
anderen Weltkörpern gegenüber nicht besteht? Dies und manches 
Andere war damals noch mehr oder weniger zweifelhaft. Glaubte 
doch noch viel später Bessel, es nicht ohne Weiteres annehmen 
zu dürfen, dass Meteormassen, also solche Producte, die der Erde 



100 GESCHICHTE DER HDQIELSKUIJDE. 

ursprünglich und bis zu ihrem Hernbsturz nicht angehörten, dem 
gleichen Fallgesetz, wie irdische Körper, unterliegen, und erst 
seine Peudelversuche, in denen er absichtlich auch Meteorstein 
und Meteoreisen mit aufnahm, überzeugten ihn, dass ein solcher 
Unterschied nicht l^estehe. 

Alle diese Bedenken fielen weg, wenn man die Massen der 
mondenbegleiteten Planeten ganz eben so bestimmte, wie die 
mondlosen, nämlich aus den Störungen selbst, für die man sie ja 
zunächst auch brauchen wollte. Konnten sie später ebenfalls auf 
die andere Weise, durch die gemessenen Abstände und die Um- 
laufszeiten, bestimmt werden, und zeigten beide Methoden dasselbe 
Resultat, so war man dessen nur um so sicherer. 

Encke gebührt das Verdienst, nicht allein die durch die 
Planetoiden erheblich vermehrte Arbeit am erschöpfendsten theils 
selbst, theils durch seine Mitarbeiter dui'chgeführt, sondern auch 
die Ableitung und Entmckelung der Störungsformeln am ein- 
gehendsten behandelt zu haben; aber auch andere Analysten 
nahmen den wichtigen Gegenstand in die Hand, und diese Be- 
mühungen trugen viel bessere und namentlich praktisch verwerth- 
barere Früchte als die Speculationen der französischen in den sieb- 
ziger und achtziger Jahren des vorigen Säculums. Denn die, 
welche die Planetoidentheorie bearbeiteten, waren zugleich prak- 
tische Beobachter, was die Lagrange und Andere nicht waren. 
Für unsere deutschen Forscher bildeten diese Aufgaben nicht 
blosse exercitia ingenii, sondern das praktische Bedürfniss, das sich 
ihnen selbst fühlbar gemacht, war die Veranlassung derselben, 
und so wurden sie nicht für blos mögliche, resp. unmöghche Ver- 
hältnisse gelöst, sondern für den unmittelbaren Gebrauch. 

So haben diese Minima des Sonnensystems, von denen wir 
ohne Fernrohr gar nichts wissen würden, uns die wichtigsten 
Aufschlüsse gegeben über die Gesammtconstitution des Sonnen- 
systems sowohl, als über dessen einzelne Glieder. Sie selbst 
kennen wir, individuell betrachtet, sehr wenig, und werden sie 
wahrscheinlich nie viel besser kennen lernen, wir wissen nichts von 
ihrer Axendrehung, ihrem Äquator und ähnhchen Dingen; sie 
haben eine bestimmbare Masse noch durch nichts verrathen, und 
über ihre Durchmesser wagen wü* nur unter Voraussetzungen und 
Vorbehalten zu schhessen. Aber den inneren Haushalt des Systems, 
von dem auch unser Wohnort einen Theil ausmacht, und den 
wir früher so wenig und nur fragmentarisch kannten, haben sie 



DIE niJMELSKÜNDE IM 19. JAURIIUNDERT. 101 

wesentlich besser zu unserer Kenntniss gebracht und wcideu dies 
in Zukunft gewiss noch mehr. Auch das betrachten wir als eine 
nicht geringe Förderung der Wissenschaft, dass diese Planetoiden 
Veranlassung zur beträchtlichen Vermehrung der Kräfte geworden 
sind, die sich der Himmelskunde widmen, und dass Gausse ns 
Arbeitszimmer in Göttiugen nicht mehi- die einzige Planetenbahn- 
fabrik ist, sondern zahlreiche und kundige Rechner an vielen 
Orten und mit gleichem Erfolge sich chesen Aufgaben widmen. 

181 G am 19. November trat eine Totalfinsterniss der Sonne 
ein, deren Zone nahe an BerHn nördlich vorüberzog und hier 
nur V/i4 tler Sonne unbedeckt Hess. Die Beobachtung wui'de, wie 
die Jahreszeit es allerdings erwarten Hess, an den meisten Orten 
durch Bewölkung vereitelt, aber auch wo sie sichtbar war, finden 
wir fast nur sorgfältig beobachtete Zeitmomente, die wir sehr ^^dll- 
kommen heissen, und ausserdem höchstens noch Bemerkungen über 
den Grad der Dunkelheit und die sichtbaren helleren Sterne. Die 
eigenthümlichen Erscheinungen, obgleich schon von Stannyan 
170G, Vassenius 1733 und Ulloa 1776 wahrgenommen, blieben 
unbeachtet. Die Zeit war noch nicht gekommen, wo man bei 
solchen Veranlassungen dem physischen Verhalten der Weltkörper 
eine mehi' als bloss beiläufige Beachtung schenkte, und Vielen 
galten sie nur wegen Berichtigung der geographischen Meridian- 
differenzen der Aufmerksamkeit werth. In BerHn hatte sich die 
gesammte königliche FamiHe bei Bode auf der Sternwarte ein- 
gefunden, um sich das seltene Schauspiel mit anzusehen. — Nach 
vier Jahren, im August 1820, trat für nahezu dieselben Orte eine 
ringförmige Finsterniss ein. 

Man konnte die Vorausberechnungen solcher und ähnHcher 
Phänomene jetzt genauer und sicherer ausfühi'en, da treffliche 
Tafeln des Mondes (Burckhardt) und der Sonne (Carlini) 
vorlagen. Die ersteren, rücksichtlich der Schwierigkeit die be- 
deutenderen, hatten schon seit längerer Zeit die astronomischen 
Rechner beschäftigt. May er 's und Mason's Tafeln, wie gross 
auch ihr Nutzen im abgewichenen Jahrhundert gewesen — jetzt 
genügten sie nicht mehr-; Bürg in Wien hatte bessere gegeben, 
aber noch immer konnten sie nicht befriedigen. Da unternahm 
Burckhardt, den die Herzogin Louise von Gotha an Lalande 
empfohlen und der sich schon durch Kometenbahnen und andere 
Berechnungen als sehr tüchtig bewährt hatte, die Berechnung 
neuer Mondtafeln auf Grund sehr zahlreicher Beobachtungen, 



1 02 GESCHICHTE DER IIIMMKLSKCNDE. 

Eine Commission unternahm die Vergleicliung mit Bürg's Tafeln 
durch die in Greenwich und auf der Sternwarte Ecole militaire 
in Paris angestellten Beohachtungen. Sie fiel entschieden zu 
Gunsten der Burckhardt'schen aus; auch war die Einrichtung 
der Tafeln sehi' hequem. Durch mehrere Anhänge wurde für be- 
sondere Fälle, wie zur Berechnung der Syzygien und der für sehr 
entfernte Epochen, das Nöthige gegeben. Encke führte sie, als 
er die Berechnung des Berliner Jahrbuchs in die Hand nahm, als 
Grundlage der Berechnung ein, und länger als 30 Jahr ist es 
dabei geblieben; allein schon ül)erstiegen einzelne Abweichungen 
eine halbe Minute, und es war vorauszusehen, dass dies in Zu- 
kunft noch zunehmen werde. So wurden Hansen's neue ]\Iond- 
tafeln an ihre Stelle gesetzt. 

Carlini's Sonnentafeln erhielten eine Verbesserung durch 
Bessel, auf Grund der Königsberger Sonnenbeobachtungen. Auch 
sie blieben lange in Gebrauch. 

§ 155. 

Die früher so wenig gekannte und noch weniger beachtete 
Welt der Doj)pelsterue war uns zwar dui'ch W. Her sc hei be- 
kannter geworden, aber nachdem dieser seine darauf bezüglichen 
Arbeiten 1804 geschlossen, wollte sich vorerst kein Nachfolger 
finden. Wir haben gesehen, dass die deutschen Astronomen mit 
anderen Dingen vollauf beschäftigt waren und die französischen 
noch gar nicht an Doppelsterne glaubten. Dazu kamen die po- 
htischeu Begebenheiten, welche auch die Himmelsforscher vielfach 
benachtheiligten und ihre Arbeiten störten; die Doppelsterne waren 
so ziemlich vergessen; überdies fehlte es an den geeigneten 
Hülfsmitteln, diese Arbeiten so wieder aufzunehmen, wie Her seh el 
dies gethan. 

Im Osten Europa's, aus dem bisher, wenn wh' wenige ver- 
einzelte Facta ausnehmen, nur selten etwas Astronomisches ver- 
lautete, sollte jetzt eine noch gründlichere Bearbeitung dieses 
neuen Feldes beginnen. Die Sternwarte Dorpat, eine Schöpfung 
Alexander's L, war 1813 fertig geworden und W. Struve, zum 
Observator derselben ernannt, begann unverzüglich die Arbeiten. 
Ein DoUond'sches Passagen-Instrument, das einzige grössere, 
was die Sternwarte damals besass, Avui'de angewandt, Bectascen- 
sious-Difierenzeu zwischen den einzelnen Ghederu eines Doppel- 



DIE imiMELSKUNDE IM 10. JAHEHUNDERT. 103 

Sterns zu bestimmen; bald konnte diesem der Reichenbach'sche 
Meridiankreis substituirt werden, und so wurden gegen 2000 ein- 
zelne Beobachtungen der Art erhalten und in den seit 1817 be- 
ginnenden Bänden der Observationes Dorj^atenses mitgetheilt. Im 
Jahre 1819 erwarb die Sternwarte einen Troughton'schen Be- 
fractor von 5 Fuss Brennweite, an welchem nun auch Positions- 
winkel bestimmt werden konnten. Aber alles dies konnte Struve 
nicht genügen, denn nicht allein reichte die optische Kraft der 
erwähnten Instrumente für die feineren Doppelsterne nicht aus, 
sondern auch bei den übrigen konnte, aller Sorgfalt und Ge- 
schicklichkeit des Beobachters ungeachtet, der Grad von Präcision 
nicht erreicht werden, der hier erforderlich war, wenn genügende 
wissenschaftliche Resultate erhalten werden sollten. 

Dies gestaltete sich anders, als das Meisterstück Fraun- 
hofer 's, ein Refractor von 14 Fuss Brennweite und 9V2 Zoll 
Objectivöffnung, füi- Dorpat erworben wurde; ein würdiger Rival 
der Herschel'schen Teleskope, und weit bequemer als diese zu 
handhaben. Nicht Avie diese letzteren ward er im Freien auf- 
gestellt — in einem Klima, wie das von Dorpat, wäre dies auch 
ganz unthunlich gewesen, — sondern es ward unter Parrot's 
Leitung ein besonderer Aufbau ausgeführt, und der Thurm, den 
die Sternwarte jetzt erhielt, ward in seinem obersten Räume für 
den Refractor eingerichtet, wo er unter einer Drehkuppel steht. 
Dies Instrument diente fortan hauptsächlich zur Messung der 
Doppelsterne. Bald erkannte Struve, dass hier — um mich seines 
eigenen Ausdi'ucks zu bedienen — nicht eine blosse Nachlese zu 
halten, sondern die volle Ernte erst zu beginnen sei; er übertrug 
deshalb die Beobachtungen am Meridiankreise seinen Gehülfen, 
insbesondere Preuss, und widmete sich nun ganz den Beobach- 
tungen am Refractor. 

Die nächste Arbeit war eine Durchmusterung des ganzen in 
Dorpat deutlich sichtbaren Himmels (bis zu 15*' südlicher Decli- 
nation, beiläufig Vs ^^^ gesammten Firmaments umfassend), welche 
zwei Jahre in Anspruch nahm. Es wurden 3112 Doppelsterne bis 
zu 32'' Distanz gefunden, eine unerwartete Zahl. W. Herschel 
hatte in allem 700 aufgeführt, und darunter nicht wenige, die 
32" Distanz weit überschritten, also nicht den vier Ordnungen 
Herschel's angehörten, sondern in die fünfte (bis 1'), sechste (bis 2') 
und noch höhere hinaufreichten. Struve schloss diese aus, nicht 
allein, weil die übrigen schon eine so bedeutende Anzahl bildeten, 



104 GESCHICHTE DER HnfflELSKIMDE. 

sondern hauptsächlich, weil bei ihnen die grössere Wahi'schein- 
Hclikeit nicht für einen physischen Connex, sondern für ein bloss 
optisches Nahestehen sprach. 

Wenn schon die von Herschel aufgefundenen bei genauer 
Untersuchung Jeden überzeugen mussten, dass hier bei der grossen 
Melirzahl ein physischer Connex zum Grunde liege, so musste 
vollends die Durchmusterung Struve's allem Streit ein Ende 
machen. Struve wies durch consequente Anwendung der Wahr- 
scheinlichkeitsrechnung nach, dass von den 178 helleren Sternen 
innerhalb 2'^ Distanz nicht ein einziger als bloss optisch, von den 
369 zwischen 2" und 16'' Distanz nur 12, und selbst von den 
106 der letztern Klasse nur 36 als bloss optisch anzunehmen sind. 

Auf die schwächeren Doppelsterne, zu denen fast Vs sämmt- 
Hcher Paare gehören, lässt diese Methode deshalb keine strenge 
Anwendung zu, weil wir keine sichere Angabe über die Zahl 
sämmtlicher am Himmel vorkommenden Sterne dieser Grösse be- 
sitzen. Allein Struve weist durch eine andere Schlussfolge nach, 
dass selbst dann, wenn man alle 16" Distanz überschreitende als 
optisch annehmen wollte, gleichwohl unter den übrigen nur etwa 
V5 als bloss optische, alle übrigen jedoch als physische anzunehmen 
sind. Die Einwendungen von Forbes, der diese Beweisart nicht 
gelten lassen will und für jedes Sternenpaar den speciellen Nach- 
weis verlangt, sind unerheblich, und überdies ist dieser specielle 
Nachweis für eine nicht unbeträchtliche Zahl bereits gegeben. 
So mussten denn die Zweifel Lalande's und anderer Himmels- 
forscher schwinden, und Jeder überzeugt sein, dass hier wirklich 
ein neues Feld der Forschung eröffnet sei, auf dem höchst wich- 
tige Resultate bereits gewonnen sind, und noch weit wichtigere 
von der Zukunft gehofft werden können. 

Die anfängliche, namentlich auch von W. Herschel selbst 
getheilte Hoffnung, dass man durch genaue mikrometrische Be- 
obachtung der Doppelsterne die Parallaxen (richtiger Parallaxen- 
unterschiede) der Fixsterne werde finden können, musste nun auf 
die wenigen Fälle beschränkt werden, wo die Verbindung eine bloss 
optische ist. Und die früher von Vielen angenommene Hypotliese, 
als ob selbstleuchtende Körper nicht umlaufende (und eben so 
umgekehrt) sein könnten, erwies sich jetzt als haltlos. 

Die Durchmusterung war beendet, allein nun begann die 
grössere Arbeit, die Durchmessung. Hier schloss Struve die 
schwächeren über 16" Distanz grösstentheils aus, wonach gegen 



DIE IIIJQIELSKUNDE IM 19. JAHKHÜNDERT. 105 

2400 übrig blieben. Für diese wurden in wiederholten Beobach- 
tungen bestimmt: die Distanz, der Positionswinkel, die Grössen- 
classe für jedes einzelne Glied, endlich, so weit dies möglich, die 
Farbe. So lauten beispielsweise die Beobachtungen von o Cephei, 
wie folgt: 

o Cephei . « 22,^ 11,G' . ^ + 67« 9'. 
Major b,'2 egregie flava, minor 7,7 egregie coerulea. Colores insignes. 
ami»liticatio 

1832,29 480 2,42" 173,2° 5 8 

1832,42 320 2,41 176,3 5 7,5 

1833,80 480 2,23 175,4 5,5 7,5 

Medium lSo2,84 2,353 174,97 5,2 7,7. 

Bei einzelnen wichtigeren Sternen hat er eine weit grössere 
Zahl von Beobachtungen; für p Ophiuchi z. B. steigt die Zahl 
auf 57. Im Ganzen sind es über 10000 Beobachtungen, von 
denen nur sehr* wenige in Folge plötzlicher Bewölkung, oder aus 
anderen Ursachen, nicht ganz vollständig sind. Nachdem mehrere 
einzelne PubHcatiouen vorangegangen waren, sammelte Struve 
das Ganze in seinem Werke: Mensurae micrometricae, ein Band 
von 130 Bogen Grossfolio. Petersbui'g 1837. — Ihm folgte später 
noch ein Ädditamentum. Dem Ganzen geht eine detaillii'te Über- 
sicht voran, in welcher viele interessante Fragen erörtert werden. 
Die wichtigste darunter betrifft die Parallaxe von « Lyrae. 



§ lo6- 

Vergebens hatten Brinkley, Calandrelli und Piazzi alles 
aufgeboten, dieses Sterns Parallaxe zu ermitteln; sie hatten durch 
ihre Ptesultate nur Zweifel wach gerufen, die diesmal berechtigte 
Avaren. Denn statt der 2, ja 5 Secunden, welche jene Genannten 
zu finden glaubten, erhielt Struve durch mikrometrische Ver- 
gleichung mit einem 43" entfernten schwachen Sterne nur 0,125". 
Die spätere Fortsetzung dieser Beobachtungen gab 0,2623"; noch 
weitere Untersuchungen in Pulkowa Hessen 0,156" finden, wäh- 
rend Peters am Verticalkreise 0,102" gefunden hatte. So ge- 
ringe Grössen hatten nur durch die vollkommensten Hülfsmittel 
so erhalten werden können, dass sie Vertrauen erweckten. Die 
erste Beobachtungsreihe Struve's reichte vom 17. Nov. 1835 bis 
31. Dec. 1836 und bestand aus 17 vollständigen Bestimmungen, 

Piasch folgte dieser ersten Fixsternparallaxe die eines zweiten 



10(5 GESCHICHTE DER lUMMELSKUNDE. 

Sterns. Bessel in Königsberg liatte den Stern 61 Cygni unter- 
sucht, der zwar nicht wie u. Lyrae durch grossen Glanz aus- 
gezeichnet ist, aber eine (gleichfalls von Bessel zuerst ermittelte) 
sehr starke Eigenbewegung zeigt, und deshalb die Vermuthung füi* 
sich hat, er möge der Erde (oder der Sonne, was hier gleich- 
viel ist) verhältnissmässig näher stehen. Die Vermuthung täuschte 
nicht. Aus 402 Bestimmungen am Königsberger Heliometer erhielt 
er eine Parallaxe := 0,348". Er hatte nicht die beiden Glieder 
des Sternenpaares unter sich verglichen, denn die physische Zu- 
sammengehörigkeit dieses Binarsystems konnte keinem Zweifel 
mehr unterliegen, sondern er hatte zwei benachbarte Sterne, die 
a und h heissen mögen, am HeHometer so eingestellt, dass ihi" 
zweites Bild genau in die Mitte zwischen beiden Gliedern des 
Doppelsterns zu stehen kam. Einer dieser Sterne stand nahezu 
in der verlängerten Richtung des Doppelsterus, und er gab also 
die Distanzparallaxe; der andere h dagegen senkrecht gegen diese 
Linie, hier also fiel die Hauptwirkung auf den Positionswinkel. 
Peters erhielt später am Pulkowaer Verticalkreise denselben 
Werth, 0,348". 

In beiden Fällen also waren es Fr aunhof er 'sehe Instrumente, 
welche zu diesen wichtigen Resultaten gedient hatten; hier ein 
Refractor, und zwar der einzige grössere von seiner eigenen Hand, 
dort ein Heliometer, zwar von Merz verfertigt, aber nach Fraun- 
hofer 'scher Vorschrift und Angabe. Dieser grosse Mann also ist 
es, der die Mittel gehefert hat, durch welche die bisher stets un- 
messbaren Entfernungen der Fixsterne messbar wurden, und an 
die Stelle relativer UnendHchkeit eine in bestimmten Zahlen an- 
gebbare endliche Entfernung gesetzt wurde. Jetzt durfte man 
hoffen, auch andere Fragen, an die bis dahin niemand sich ge- 
wagt, in lösbare verwandelt zu sehen. 

Doch noch von einem dritten Sterne sollten wh- ein unerwar- 
tetes Resultat derselben Art erhalten. Die Beobachter der Cap- 
sternwarte, Henderson und Maclear, hatten den Stern erster 
Grösse « Centauri sowohl in Rectascension als Declination beob- 
achtet und eine Parallaxe erhalten, die unter allen damals wie 
später bekannt gewordenen die grösste ist. Nach der fortgesetzten 
Untersuchung findet sich diese Parallaxe =^ 0,918". 

So hat dasselbe Jahr (1837) uns mit drei Fixsternparallaxen 
beschenkt; erhalten an drei verschiedeneu Orten und durch drei 
besondere Methoden, und so ist das, was Jahrhunderte lang er- 



DIK HIMMELSKUNDE IM VX JAIIKIIUNDEKT. 107 

sehnt, verschiedentlich versucht und wieder aufgegeben, einigemal 
auch als gefunden veröffentlicht wurde, ohne dass es sich bestä- 
tigte, endlich als astronomisches Factum zu registriren, — und 
diese letzte und alles entscheidende Bestätigung des Copernica- 
nischen Systems wird nun nicht mehr vermisst. Den Manen 
des grossen Frauenburger Astronomen ist dieser Triumph gewiss 
zu gönnen, 

Dass mau nun auch andere Sterne in Untersuchung nahm, 
ist selbstverständlich; auch ist in einigen Fällen dies nicht ohne 
Erfolg geblieben. Einer dieser Sterne, Nr. 1810 des Katalogs 
von Groombridge, der kaum die siebente Grösse zeigt, und also 
nur teleskopisch ist, hat zu einer unerfreulichen Controverse Anlass 
gegeben. Argelander hatte gefunden, dass er eine noch stärkere 
Eigenbewegung als 61 Cygni hat, nämlich 1" in einem Jahre; so 
dass er, wenn diese Bewegung in gleicher Stärke und Richtung 
fortgesetzt wird, in beiläufig 31 Jahrtausenden, um den ganzen 
Himmel herumwandernd, zu seinem gegenwärtigen Orte zurück- 
kehi'en würde. Diese starke Eigeul^ewegung liess eine verhält- 
nissmässig grosse Nähe als w^ahrscheinlich annehmen. Nun aber 
stehen wenige Sterne für Parallaxe so ungünstig wie dieser, denn 
erst in ^ U Grad Entfernung zeigen sich einige sekr schwache 
Sterne. Weder das Fadenmikrometer noch das Heliometer sind 
geeignet für solche Abstände; dennoch sind beide versucht worden, 
und wir treffen auf folgende Resultate: 

Peters (Vertikalkreis) . . . 0,224" 

Wiehmann (Heliometer) . . 0,181 

O. Struve (Fadenmikrometer) 0,034 

Johnson (Heliometer) . . . 0,029. 

Dem erstem Werthe, als einem absoluten, würde in diesem 
Falle noch das meiste Vertrauen gebühren, wenn nicht Peters 
selbst bemerkte, dass die Unmöglickeit, ihn am Tage zu beob- 
achten, den Werth des für ihn erhaltenen Resultats sehr beein- 
trächtige, indem die Beobachtungen auf eine Jahreszeit beschränkt 
bleiben. 

Nun hatte Faye aus Rectascensions-DiÖerenzen eine Parallaxe 
von etwas über 1" zu finden geglaubt, und Wich mann durch 
eine eigenthümliche Combination seiner Beobachtungen eine Pa- 
rallaxe von 1,076 herausgebracht, wobei sich die Annahme als 
nothwendig herausstellte, dass auch die Yergleichsterne ähnliche, 



108 GESCHICHTE DEK HIMMELSKUNDE. 

nur wenig Icleinere, Parallaxen zeigen mussten. Die darüber ge- 
fülirtc Controverse überschritt in einem Falle die Grenzen, die 
ein wissenschaftlicher Streit inne zu halten hat. Wichmaun 
hatte in seinem Aufsatze den Pulkowaer Beobachtungen eine Ent- 
scheidungskraft abgesprochen, und von Pulkowa aus veröffentlichte 
man deshalb eine sehr heftige Replik, in der es geradezu als 
Verbrechen bezeichnet war, solche Schlussfolgen zu ziehen. Der 
schon schwer erkrankte Wichmann suchte in seiner Entgegnung 
die grosse Parallaxe nicht weiter aufrecht zu erhalten und äusserte 
nur den gewiss bilhgen Wunsch, es möge eine mindere Gereizt- 
heit in der Widerlegung sich gezeigt haben. Wichmann starb 
bald darauf. 

Man hatte nachgewiesen, dass das Heliometer für so grosse 
Distanzen nicht wohlverlässliche Resultate liefern könne und auf 
mehi'ere Ursachen aufmerksam gemacht, welche über gewisse 
Grenzen der Distanz hinaus die Anwendung bedenkhch machen. 
Bessel hatte, wie auch anerkannt ward, diese Grenzen nicht 
überschi'itten. Gleichwohl hat 0. Struve davon Veranlassung 
genommen, bei seiner Mittelziehung B es sei's Resultat ganz aus- 
zuschliessen, was um so auffallender ist, als Peter's Resultat, der 
genau dasselbe findet, was Bessel fand, mitgenommen ist. 

Doch wir lassen diese Controversen bei Seite und freuen uns, 
constatü-en zu können, dass nun auch diese Kluft überbrückt und 
dass der Maassstab des Astronomen bis in Fernen getragen worden 
ist, zu deren Dui'chmessung der Lichtstrahl Jahre, selbst Jahr- 
zehende bedarf. Wollte man die Entfernung selbst des nächsten 
Fixsterns (« Centauri) in geographischen Meilen ausdrücken, so 
würden 13 Zifiern erforderlich sein. 

Wir erwähnen hier noch die Worte, mit av eichen J. Her sehe 1 
am 12. Febr. 1841, bei Gelegenheit der Zuerkennung der goldenen 
Medaille an Bessel, in der Generalversammlung der britischen 
astronomischen Gesellschaft dieser Entdeckungen gedachte: 

„Gentlemen of the Astronomical Society, I congratulate you 
and myself, that we have lived to see the great and hitherto im- 
passable barrier to our excursions into the sidereal universe; 
that barrier agaiust which we have chafed so long and so vainly 
— almost simultaneously overleaped at thi-ee diöerent points. 
It is the greatest and most glorious triumph which practical astro- 
nomy has ever witnessed. — Let us accept the joyful omens of 
the time, and trust that, as the barrier has begun to yield, it 



DIE HIMMELSKIINDE IM 19. JAIIRHÜNDEET. 109 

will speedily be effectually prostrated. Such rcsults are among 
the i;iirest fiowers of civilisatiou. 

Wir fügen noch hinzu, dass das Oxforder Heliometer die Pa- 
rallaxe von 61 Cygni := 0,4" macht, und dass 0. Struve am 
Pulkowaer Refractor 0,51 erhält. 

Noch andere bis jetzt ermittelte Parallaxen sind 

Polaris .... 0,07(i" (Peters) 
■ Sirius .... 0/230 (Maclear) 
ß Centauri . . 0,496 (Maclear) 
T] Cassiopejae 0,371 (Clausen) 
p Opliiuchi. . 0,16G (Krüger). 

Unter diesen auf Parallaxe geprüften Sternen sind mehrere 
physische Doppelsterne. Man kann also, unter Zugrundelegung 
dieser Parallaxen, für ihre Distanz wie für ihre Bahngeschwindig- 
keit lineare Grössen ermitteln, und dies genügt, um die Masse 
zu finden. In dieser Weise hat Jacob* in Poonah die Masse 
von a Centauri 0,81 der Sonnenmasse gefunden; für 61 Cygni er- 
giebt sich annähernd 0,35, für den Polaris 0,55, und nur für 
einen der obigen, p Ophiuchi, 2,84, also grösser als die Sonnen- 
masse. Dabei ist zu beachten, dass, was in dieser Weise ermittelt 
wird, stets die Summe der Massen beider Glieder des Doppel- 
gestirns bezeichnet, und Bessel bemerkt, dass man die einzelnen 
Massen erst dann bestimmen könne, wenn die Lage des Schwer- 
punkts zwischen beiden gefunden ist. Da dies nun ein unsicht- 



* W. S. JACOB, gest. 1864. Er stand als Hauptmann bei 
der britischen Armee in Ostindien, und als ein Freund der Astro- 
nomie beobachtete er in Madras auf der durch Goldingham's 
und Taylor 's Arbeiten bekannt gewordenen Sternwarte. Allein 
das gemässigtere Klima der Westküste versprach günstigere Pte- 
sultate als das glühendheisse Madras, und Jacob fasste daher 
den Entschluss, in Poonah, nahe bei Bombay, ein Observatorium 
zu errichten. Zuvor bereiste er Europa, um die dortigen Stern- 
warten kennen zu lernen, und bei dieser Veranlassung beobachtete 
er 1860 im nördlichen Spanien die Totalfinsterniss der Sonne am 
18. Juli d. J. Er verschaffte sich ein achromatisches Fernrohr 
von 10 Fuss Brennweite und 9 Zoll Objectivöffnung von Cooke & 
Sohn in York, nebst einem guten Chronometer und anderen In- 
strumenten, um sie in Poonah aufzustellen; allein kaum war er 



1 10 GKSCIUCIITE DKK imniELSKUNDE. 

barer Punkt ist, so kann er nicht niikjomctrisch, sondern nur 
durch sehr genaue Beobachtungen am Meridiankreise oder dem 
Verticalinstrument ermittelt werden. 

Doch wir sind hier der Zeit etwas vorausgeeilt und fahren 
jetzt fort in Darstellung dessen, was Struve für die Wissenschaft 
gethan. Er fand ungeachtet des grossen Umfanges seiner Haupt- 
arbeit noch Zeit zu genauen Beobachtungen der Kometen, ins- 
besondere des Encke 'sehen und Hall ey 'sehen, von denen er Ab- 
zeichnungen lieferte, zu Messungen von Planetendurchmessern und 
anderen sich gelegenthch darbietenden Arbeiten. Überall die 
grösste Sorgfalt nicht nur unmittelbar bei der Beobachtung selbst, 
sondern auch in Ermittelung aller, selbst der feinsten Correctionen 
und die sorgfältigste wiederholte Prüfung der Instrumente. 

§ 157. 

Seine Gradmessung haben wir noch nicht erwähnt. Ihr ging 
eine Landmessung Livlands voraus, und wir verdanken dieser Ar- 
beit eine sehr detaillirte Karte dieses Gouvernements in sechs 
grossen Blättern. Die Gradmessung, die ihr folgte, erstreckte sich 
in ihrem zuerst ausgeführten Theile von der Insel Hochland im 
finnischen Meerbusen bis Jacobstadt an der Düna. Die Sternwarte 
Dorpat bildete den Grund- und Ausgangspunkt. Die späteren 



damit zu Stande, so befiel ihn die Krankheit, die seinen Tod 
herbeiführte, und nun bot sein Erbe die Instrumente zum Verkauf 
aus. Man findet das Nähere darüber in den Monthhj Notices, 
Vol. XXV, Nr. 1, S. 32. 

Wir verdanken Jacob's nur wenige Jahre umfassender astro- 
nomischer Wirksamkeit unter andern die erste genauere Bestim- 
mung der Bahn des merkwürdigen Doppelsterns « Centauri aus 
seinen eigenen und früheren Beobachtungen, und diese Bahn- 
elemente haben, da wir die Parallaxe dieses Sterns durch H en- 
ders on und Maclear kennen, auf die Masse dieses wahrschein- 
lich nächsten aller Fixsterne 0,81 der Sonnenmasse für die Summe 
beider Sterne, geführt. 

Für die Wissenschaft wäre es ein grosser Verlust, wenn eine 
astronomisch so wichtige Localität als Poonah in Folge dieses 
Todesfolls aufliören sollte, Sternwarte zu sein. 



DIE HIMMELSKUNDE IM Itt. JAHRHUNDERT. 111 

Fortsetzungen gingen zwar nicht von Struve selbst, aber nach 
den von ihm getroffenen Dispositionen, theils von Mihtärs (den 
Generalen Schubert und Tenner), theils von Schülern Struve's 
aus, und so haben wir eine Gradmessung erhalten, die unter allen 
bis jetzt ausgeführten die längste ist. Von Hammerfest in Nor- 
wegen bis Nekrasofka an der Donau (bei Ismail) umfasst sie 
25*' 20', also fast den vierzehnten Theil des gesammten Erd- 
umfanges. Solide Steinpfeiler bezeichnen diese Punkte, und ihrer 
Fortsetzung nach Süden stehen locale Hindernisse nicht im Wege; 
wh hoffen auf ihre Ausführung, sobald die pohtischen ganz ge- 
hoben sind. 

Wenn wh- die Erdkugel als Himmelskörper auffassen, so ist 
die Geographie in ihrem mathematischen Avie in ihrem allgemein 
physikalischen Theile ein integrirender Bestandtheil der Astro- 
nomie. Eine solche allgemeine Frage hatte sich rücksichtlich des 
Caspischen Meeres erhoben. Aus den Barometerbeobachtungen des 
Apothekers s s e zu Astrachan schien gefolgert werden zu müssen, 
dass dieser grösste aller Binnenseen 300 Fuss tiefer als das 
schwarze Meer liege, d. h. tiefer als der Ocean. Diesem Resultat 
glaubten die Physiker, namentUch die französischen, widersprechen 
zu müssen; sie hielten dafür, dass kein Punkt der Erde, möge er 
Festland oder wasserbedeckt sein, tiefer liegen könne als der 
Ocean. Verschiedene Versuche Parrot's und anderer Physiker 
hatten die Sache nicht zur definitiven Entscheidung bringen 
können. Struve entwarf deshalb einen Plan, durch dessen con- 
sequente Ausführung die Frage endgültig gelöst werden musste. 
Es sollte zu diesem Zwecke eine Folge von Punkten im Kuban- 
thale festgestellt werden, so ausgewählt, dass man von jedem der- 
selben die zunächst im Osten und Westen gelegenen sehen konnte. 
Zwei solcher Punkte, mögen sie A und B heissen, waren nun mit 
Beobachtern und Nivellirapparat so versehen, dass gleichzeitig 
von A aus der Punkt B und von B aus der Punkt A nivellü-t 
wurde, so dass bei Zusammenstellung beider Differenzen die ter- 
restrische Refraction eliminirt ward. Ausserdem aber sollten mit 
scharf vergHchenen Barometern an beiden Endpunkten der ge- 
sammten Messungslinie fortgesetzte gleichzeitige Beobachtungen 
angestellt werden. 

Das von S abier und Ssawitsch ausgeführte Nivellement 
hat ein sehr befriedigendes Resultat geliefert. Das Caspische Meer 
liegt in der That tiefer als das schwarze, jedoch nicht 300, son- 



112 GESCHICHTO DER HimiELSKUNDE. 

dem nur 94 Fuss, und die übrig bleibende Unsicherheit des Re- 
sultats beträgt kaum zwei Fuss. 

Beiläufig sei hier bemerkt, dass jenes physikalische Bedenken 
an einer anderen Stelle der Erdkugel noch viel entscheidender 
widerlegt ist. Längst hatte man vermuthet, dass der Asphaltsee 
(das sogenannte Todte Meer) beträchtlich tiefer liegen müsse als 
das mittelländische bei Jaffa, und die dort ausgeführten Arbeiten, 
namentlich die des Amerikaners Lynch, bestätigen dies in uner- 
warteter Weise, denn die Niveaudifferenz beträgt hier 1350 Fuss. 

Es folgt also, dass weder beim Caspischen Meere noch beim 
Asphaltsee eine unterü-dische Wasserverbindung mit den oceani- 
schen Gewässern angenommen werden könne, wie jene Bestreiter 
es voraussetzten. 

Schon im Anfang des vierten Decenniums unseres Jahrhunderts 
war der Plan gereift, eine noch grössere und besser ausgerüstete 
Sternwarte in der Hauptstadt oder in deren unmittelbarer Nähe 
zu errichten, und nachdem Kaiser Nicolaus L den von der dazu 
ernannten Commission eingereichten Plan genehmigt hatte, schritt 
man zur Ausführung. Ein vermögender Petersburger, Graf Ku- 
schelew-Besborodko, hatte dazu ein Terrain in einem der 
äusseren Stadttheile angeboten; man lehnte dies jedoch ab, da 
bei der w^ahrscheinlichen Vergrösserung der Metropole die Ar- 
beiten der Sternwarte sehr gehemmt werden konnten, und der 
Kaiser entschied dahin, dass eine Kronsdomaine, die Anhöhe von 
Pulkowa, in einer Ausdehnung von 20 Dessätinen, zui" Sternwarte 
bestimmt werde. Die bauHchen Arbeiten begannen sofort, und 
Struve reiste 1834 ins Ausland, um in München, Wien und Ham- 
burg die Listrumente zu bestellen. 

Der Refractor, von 22 Fuss Brennweite und 14 Zoll Objectiv- 
öffnung, ist aus der Werkstatt von Merz und Mahler in Mün- 
chen hervorgegangen. Struve Hess ihn in München auf einem 
freien Platze am Ende der Fraunhoferstrasse provisorisch auf- 
stellen, um ihn an terrestrischen Objecten zu prüfen. Der Bau 
war 1838 beendet, und diese Jahrzahl ist das einzige, was man 
über dem Haupteingange liest; so sollte es sein nach der Be- 
stimmung des Gründers. 

Wir verweisen hier auf den im Anhange gegebenen Artikel 
Pulkowa und sehen uns im übrigen Europa um, wo wir wichtige 
Fortschritte der Himmelskuude zu verzeichnen haben. 



DIE HIMMELSKUNDE IM 19. JAHRHUNDERT. 113 

§ 158. 
Encke, der im October 1825 das Directorat der Berliner 
Sternwarte antrat, hatte dies in der Erwartung getlian, dass eine 
gänzlich neue, den Forderungen der vorgeschrittenen Wissenschaft 
entsprechende Sternwarte in Berlin errichtet werden sollte. Die 
Erfüllung dieses Wunsches ward durch Humboldt* beschleunigt; 
insbesondere durch die Vorträge, Avelche er 1828 bei seiner Über- 
siedelung in seinen Geburtsort hielt, und denen der König und 
der ganze Hof beiwohnte. Die Astronomie nahm in diesen Vor- 



* Ale.rander v. HUMBOLDT, geh. 1769 am 14. Sept., gest. 
1859 am 6. Mai. Wiewohl die staunenswürdige Thätigkeit dieses 
berühmten Forschers vorherrschend auf anderen, zum Tlieil von 
ihm selbst erst geschaflfenen Wissensgebieten sich entfaltete und 
auf diesen gewürdigt werden muss, so hat er doch auch der 
Astronomie seine Aufmerksamkeit zugewendet. Auf einer süd- 
amerikanischen Reise beobachtete er viele Sternbedeckungen und 
ähnliche Phänomene: Jabbo Oltmanns hat diesen Theil seiner 
Reisebeschreibung ins Deutsche übersetzt und bearbeitet. — Er 
schrieb ferner über Bestimmung der Lichtstärke südlicher Sterne, 
und in seinem Kosmos sind ein Theil des ersten und fast der 
ganze dritte Theil astronomischen Inhalts. Baranowsky und 
Z eisner haben ihn ins Polnische, Froloff und Gusse w ins Rus- 
sische übersetzt; Übertragungen in andere Sprachen sind vielfach 
vorhanden. Seinen gewichtigen Vorschlägen verdanken wir auch 
die Errichtung der neuen Sternwarte in Berlin, und zu der grossen 
Zahl Derer, die von ihm die erste Anregung wie die kräftigste 
Ermuthigung zu wissenschaftlichen Arbeiten empfingen, rechnet 
sich auch mit Stolz und Freude der Verfasser des gegenwärtigen 
AVerks. 

Humboldt vereinigte und repräsentirte, wie kein anderer 
Zeitgenosse, die Gesammtheit unseres Naturforschens, und wenn 
wir ein ähnliches Universalgenie vielleicht nie wieder besitzen 
werden, so ist dies gerade dem grossen Umfange zuzuschreiben, 
den die einzelnen Wissenschaften gewonnen haben, und Humboldt 
ist es, der zu diesem Aufschwünge am meisten beigetragen hat. 

1853 erschien von ihm: Kleinere Schriften, nebst Atlas. Stutt- 
gart und Tübingen. 

V. Mädler, Geschichte der nilnmolsliunde. II. ö 



114 GESCHICHTE DEB HDOTELSKUITOE. 

trägen eine vorzügliche Stelle ein, und sie fanden einen un- 
gemeinen Anklang. Dadurch ermutliigt, hatte Humboldt am 
10. Oct. 1828 heim König die Anschaffung geeigneter Instrumente, 
insbesondere eines dem Dorpater ganz gleichen Refractors und 
den Bau einer neuen Sternwarte beantragt, und die Genehmigung 
war unverzüglich gefolgt. 

Ein Grundstück (Lindenstrasse Nr. 103) ward angekauft: das 
acquirirte Terrain umfasst fünf Morgen, und hier ward am 22. Oc- 
tober 1832 der Grundstein gelegt. Der Plan zur neuen Stern- 
warte rührte vom Oberbaurath Schinkel her. 

Die Hauptinstrumente sind der Pistor'sche Meridiankreis 
und der Münchener Refractor. Andere Instrumente wurden theils 
aus der alten Sternwarte herübergenommen, theils neu beschafft, 
und Berlins Sternwarte gehört zu den bestausgerüsteten der Neu- 
zeit. Sie ward zugleich mit den baulichen Einrichtungen und 
Instrumenten versehen, um auch meteorologische und magnetische 
Beobachtungen anzustellen. 

Dem Director wurde Galle, bis dahin Gymnasiallehrer, 
als Gehülfe beigeordnet. Auch der Verfasser dieses Werks trat 
als Observator ein; da er jedoch gleichzeitig auf einer andern 
Sternwarte mit der Mondkarte und der zugehörigen Schrift be- 
schäftigt war, so konnte seine Theilnalime an den Arbeiten der 
akademischen Warte nur eine beschränkte sein. 

Mit dem 1. Januar 1836 begann die regelmässige Thätigkeit. 

Über die eben erwähnten Arbeiten des Verfassers möge das 
Folgende hier Platz finden. 

Wilhelm Beer, ein wohlhabender Freund der Natm-wis- 
senschaften, dessen Bekanntschaft ich schon seit 1824 gemacht, 
hatte aus dem Nachlasse des Geh. Rath Pastorff zu Buchholz 
ein schönes achromatisches Fernrohr von 414 Fuss Brennweite 
und 43 Pariser Linien Öffnung erworben, und auf seiner Villa im 
Thiergarten bei Berlin einen Aufbau mit Drehthurm errichtet, 
um dieses Instrument, so wie einen Kometensucher und eine 
Tiede'sche Pendeluhr, zweckmässig aufzustellen. 1828 begannen 
hier die Arbeiten, an denen der in seinem Comptoir vielbeschäf- 
tigte Besitzer möglichst Theil nahm, die jedoch hauptsächlich von 
mir besorgt wurden. Den Anfang machte eine Marsoppositiou 
1828, und diese Beobachtungen wurden in vier folgenden Oppo- 
sitionen dieses Planeten, 1830, 1832, 1835 und 1837, fortgesetzt. 

Nun hatte Lohrmaun in Dresden 1824 die ersten 4 Blätter 



DIE imi.MKLSKUXDE IM 19. .lAIIRIIUNDEHT. 1 1 5 

einer auf 25 bereclmeteu Mondkarte, nach eigenen Messungen 
und Beobachtungen, erscheinen lassen, ihnen auch eine detaiUirte 
Topographie der gezeichneten Mondlandschaften heigefügt. In 
drei bis vier Jahren hoffte er mit dem Ganzen fertig zu sein und 
dasselbe publiciren zu können. 

Diese Erwartung ging jedoch nicht in F.rfüUung, und ein 
Jahr nach dem andern verfloss, ohne dass von Lohrmann's Ar- 
beiten irgend etwas verlautete. Ich hatte 1829 die 4 Blätter, 
welche vorlagen und die Mittelgegend des Mondes einschlössen, 
mit dem Himmel verglichen und mich von der Correctheit in Be- 
ziehung auf die Lage der Hauptpunkte, zugleich aber auch davon 
überzeugt, dass hier nicht unerhebliche Correctiouen und Zusätze 
zu machen waren. Als jedoch auch im Jahre 1830 noch immer 
nichts von Lohrmann zu hören war, machte ich mich selbst an 
die Arbeit und begann im März 1830 mit einer Abzeichnung und 
vorläufigen IMessung des Mare Crisium. 

Vorher hatte ich den Versuch gemacht, aus Schrot er 's 
Fragmenten, wie aus Hevel, Riccioli und Mayer eine General- 
Übersichts-Karte, nicht zum Zwecke der Veröffentlichung, sondern 
nur zur Leitung bei den weiteren Arbeiten, zusammenzusetzen, 
was jedoch nur theilweis gelang, und nur dazu diente, die Un- 
brauchbarkeit aller bisherigen Versuche deutlich zu erkennen. 
Am meisten half noch die kleine, sechs Zoll im Durchmesser hal- 
tende May er 'sehe Karte. 

Die 104 Hauptpunkte (Lohrmann's mit eingeschlossen) wurden 
durch 919 Coordinaten-Messungen vom 19. April bis 20. De- 
cember 1831 bestimmt und die Berechnung nach Encke's For- 
meln durchgeführt, wobei Dr. Wolfers als gewandter Berechner 
mitwh'kte. Diese Punkte wurden als solche erster Ordnung be- 
zeichnet, aus den berechneten selenographischen Längen und 
Breiten ihre Mittelpunkts-Coordinaten für mittlere Libration ab- 
geleitet und aus ihnen die Winkel und Seiten der 176 Dreiecke. 

Doch dies genügte nicht; es mussten Punkte zweiter Ordnung 
von den Hauptpunkten aus durch Richtungs- und Distanzmes- 
sungen bestimmt werden; dann erst konnten die inzwischen er- 
haltenen einzelnen Zeichnungen .an ihren richtigen Ort nach 
mittlerer Libration eingetragen und mit der Detailzeichnung fort- 
gefahren w^erden. 

Um die Reductionen auf mittlere Libration auf das möglichst 
geringste Maass zu bringen, wurde sowohl bei den Dreieckspunkten 



1 1 G GESCHICHTE DER HIMMELSKÜNDE. 

zweiter Ordnung als bei der Detailzeichnung darauf Bedacht ge- 
nommen, stets nur in derjenigen Gegend der Mondfläche zu ar- 
beiten, welche durch die jedesmalige Libration keine oder doch 
die möglichst geringste Verschiebung, beziehentlich Projections- 
Änderung, erleidet. 

Ohne weiter in das Detail einzugchen, bemerke ich nur noch, 
dass im weitern Verlaufe der Arbeit noch 150 Durchmesser von 
Kratern und 1095 Berghöhen gemessen wurden, d. h. Höhen über 
dem Endpunkte des Schattens; denn Anderes auf dem Monde zu 
bestimmen, ist nicht möglich, da wir selbst in dem Falle, dass 
die grossen grauen Flächen, ähnlich wie unser Ocean, ein gleiches 
Niveau hätten, dies weder erkennen, noch auch die Höhenpunkte 
auf sie beziehen könnten. 

Die Arbeit, welche vorbereitend 1829, vollständig geordnet 
1830 im Frühling begann, war im August 1836 beendet, und im 
September 1836 konnte ich der Jenaer Naturforscher- Vei'samm- 
lung das erste aus der lithographischen Presse hervorgegangene 
Exemplar vorzeigen. 

Das zugehörige Werk: „Der Mond, oder allgemeine verglei- 
chende Selenographie," -54 Bogen Grossquart, mit mehreren litho- 
graphirten Tafeln, erschien 1837, so wie im folgenden Jahre eine 
kleine Mondkarte als Auszug aus der grösseren und eben so ein 
Auszug aus dem erwähnten grösseren Werke. 

Beurtheilungen finden sich in verschiedenen Organen, am ein- 
gehendsten von B es sei in den Blättern für wissenschaftliche 
Kritik, Berlin 1838. 

Neben dieser Hauptarbeit boten andere Vorgänge, namentlich 
in mondfreien Nächten, Veranlassung zu Beobachtungen: Doppel- 
sterne, der H all ey 'sehe Komet und Ähnliches; und auf der 
grossen Sternwarte in der Lindenstrasse beobachtete ich am 
Durchgaugs-Instrument im ersten Vertical; diese Arbeiten befinden 
sich im ersten Bande der Berliner Beobachtungen. 

Im Frühjahr 1840 erhielt ich den Huf nach Dorpat als Nach- 
folger Struve's, der 1839 nach Pulkowa übergesiedelt war. 

Da W. Beer im Jahre 1849 starb, gingen die Instrumente 
in andere Hände über; die Warte selbst benutzte der Miether des 
Hauses, Stenzler, zu eigenen Beobachtungen, aber mit anderen 
Instrumenten. 



DIK HI3LMELSKUNDE IM 10. JAHRHUNDERT. 117 

§ 159. 

Argelander, der in Helsingfors die wichtigen Aboer Beob- 
achtungen reducirt und veröÖentlicht hatte, während die neue 
Sternwarte im Bau begriffen war (nach dem grossen Brande in 
Abo war die Universität und mit ihr die Sternwarte in die 
neue Hauptstadt Helsingfors verlegt worden), verliess 1837 sein 
dortiges Directorat und ging nach Bonn, wo eine neue und gut 
ausgerüstete Sternwarte erbaut wurde. Während dieses längere 
Zeit beanspruchenden Baues hatte er sich in einem kleinen Hause 
auf dem alten Zoll, wo jetzt das Denkmal von Ernst Moritz 
Arndt steht, so gut es ging, zu Beobachtungen eingerichtet; er 
publicirte hier seine neue Uranometrie und eine reiche Folge von 
Zonenbeobachtungen, den Lalande'schen und Bessel'scheu ähn- 
Uch; wiewohl nur die letzteren denen Argelander's an Genauig- 
keit gleich stehen. Betrachten wir diese Arbeiten im Einzelneu. 

Die Aboer Beobachtungen hatten insbesondere solche Sterne 
zum Gegenstande, bei denen eine Eigenbewegung gewiss oder 
doch wahrscheinhch war, und die Ermittelung eben dieser Eigen- 
bewegungen war ihr nächster Zweck. Bei der Reduction zeigte 
sich für etwa drei Viertel dieser Sterne die Vermuthung bestätigt; 
ihre Eigenbeweguug betrug für die 75 Jahre zwischen Bradley und 
Argelander (1755 und 1830) 15 Secunden und darüber. Auch 
die übrigen sind keineswegs als stillstehend zu betrachten; der 
Katalog (von 540 Sternen) führt deren Eigenbewegungen auch auf, 
aber als noch ungewiss, wenigstens in Beziehung auf eine ver- 
lässliche Bestimmung der Quantität und Richtung der Bewegung. 
In seinem Katalog hatte er die Hoffnung ausgesprochen, diese 
Sterne zur genaueren Bestimmung der Bewegungsrichtung unseres 
Sonnensystems anzuwenden. 

Eine solche Anwendung machte er in einer bei seinem Ab- 
gange aus Russland veröffentlichten Broschüre. Er hatte die 
390 Sterne, die seit Bradley 15 Secunden oder darüber sich be- 
wegt hatten, der Arbeit zum Grunde gelegt und theilte diese 
Sterne in drei Classen: 21 von jährlich 1" und darüber Eigen- 
bewegung, 50 von 0,5" bis 1" und 319 von 0,2" bis 0,5". Nun 
fand er den Punkt, Avohin die Bewegung des Sonnensystems sich 
gegenwärtig richtet, aus Classe 

I. « = 256° 25,1' und ,J = + 38° 37,2' 
LI. « =z 255 9,7 und ^' = -j- 38 34:,3 
m. a = 261 10,7 und cf = -}- 30 58,1. 



118 GESCHICHTE DER HIMMELSKUNDE. 

Der Abstand dieses Punktes von dem, welchen Herschel be- 
zeichnet hatte, ist nicht sehr beträchtlich; auch besteht das 
Hauptverdienst der wichtigen Arbeit Ar gelander 's nicht sowohl 
in dieser Correction, sondern darin, dass nunmehr die so be- 
harrlich von den ersten Autoritäten festgehaltenen Zweifel an 
dieser Bestimmung schwinden mussten. Fortan galt es nicht mehr 
die Frage: ob dem Sonnensystem eine Bewegung zukomme oder 
nicht, sondern nur noch die weitere und möglichst genaue Fest- 
stellung des Punktes, wohin die in Rede stehende Bewegung sich 
richtet. Die Argelander'sche Ermittelung bezieht sich auf die 
Epoche, welche zwischen 1755 und 1880 in der Mitte liegt, also 
auf 1792,5. Denn abgesehen davon, dass in Folge der Präcession 
der bezeichnete Punkt seine Piectascension und Declination ändert, 
wird gewiss auch eine Zeit kommen, wo die Tangente der Sonnen- 
bewegung nach einem andern Punkte gerichtet sein wird, wenn 
man nicht annehmen will, diese Bewegung erfolge in einer geraden 
Linie, was sehr unwahrscheinlich ist. 

Wir wollen hier, des inneren sachlichen Zusammenhanges 
wegen, die weiteren, an Argelander's Resultat sich anschhessenden 
Arbeiten folgen lassen. 

Lundahl fügte noch 147 Sterne aus Pond's Beobachtungen 
hinzu, die seit Bradley eine Eigenbewegung von jährlich 0,08" 
bis 0,2" gezeigt hatten, und die mit Argelander's Resultat ver- 
bunden, die Declination des Punktes etwas südlicher setzten. 
Otto Struve versuchte eine neue Bestimmung, indem er 400 von 
seinem Vater in Dorpat beobachtete Sterne mit Bradley verglich 
und bei der Berechnung ein anderes Princip befolgte, indem er 
die Stei-ne nicht nach ihrer grössern oder geringern Eigenbewegung, 
sondern nach Grössenclassen eintheilte. Dessenungeachtet ward 
nahezu dasselbe Resultat erhalten, nämlich 

« = 2610 21,8' und 5 z= -f ST«. 36,0'. 

Bald darauf trat Galloway mit einer Untersuchung der süd- 
lichen, in Europa nicht mehr zu beobachtenden Sterne auf, indem 
er ihre Bewegung aus der Vergleichung von Lacaille (1750) 
und Johnson (1830) herleitete. Auch hier ward* ein nahe zu- 
stimmendes Resultat erhalten, nämlich 

a = -2610 1' und S = -{- ;j4o 23-. 

Noch blieb eine Ungewissheit übrig, deren Erledigung zu 
wünschen war. Die Beobachtungen Bradley 's, dessen Positionen 



DIE HTTVTMELSKÜNDE DI 19. JAHRHUNDERT. 119 

bei den Arbeiten aller hier Genannten, (Gallo way ausgenommen) 
zum Ausgangspunkte gedient hatten, waren mit einem Mauer- 
quadranten erhalten, dessen Coustruction und Aufstellung ihn we- 
senthch unterscheidet von den Werkzeugen, welche in gegenwär- 
tigem Jahrhundert angewandt werden. Es blieb, aller Umsicht 
und Sorgfalt Bradley's ungeachtet, möglich, dass sich eine, Avenn 
gleich kleine, doch constante instrumentale Differenz in Bra dl ey 's 
Beobachtungen, verglichen mit den unsrigen, zeigte; und existirte 
diese, so musste der gesuchte Punkt zu nördHch gefunden werden, 
wenn Bradley's constante Correction eine positive, und zu südUch, 
wenn sie eine negative war. Einer solchen Correction glaubte 
W. Struve dadurch auf die Spur gekommen zu sein, dass die 
Polhöhe von Greenwich, wie sie aus Bradley folgte, von der, 
welche Airy bestimmt hatte, etwas abwich. Er brachte also eine 
hypothetische Correction an die Beobachtungen an und erhielt 
nun für den Punkt, wohin die Sonnenbewegung sich richtet, 

2590 9' und 4- 12" 51'. 

Dagegen erhebt sich folgendes Bedenken : Existirte eine solche 
Correction wirklich, so müsste sie auf das Resultat schwach be- 
wegter Sterne einen grossen, auf das stark bewegter einen ge- 
ringen, resp. verschwindenden Einfluss haben, was sich bei Ar- 
gelander, der die di-ei Classen unterschied, nicht herausstellt. 
Indess musste zugegeben werden, dass die Zahl von 21 Sternen 
der ersten und 50 der zweiten Classe zu gering ist, um hier end- 
gültig zu entscheiden, und dass bei allen hier aufgeführten Arbeiten 
auch selbst die Gesammtzahl noch unter 400 steht; viel Aveniger, 
als bei dieser eigenthümlichen Aufgabe gewünscht werden muss. 

Deshalb erschien es mir nicht überflüssig, die Gesammtsumme 
von 2163 Sternen, für welche ich bei meinen später darzustellenden 
Vergleichungen eine Eigenbewegung von 4" und darüber im Jahr- 
hundert gefunden hatte, zu einer neuen Berechnung der Sonnen- 
bewegung anzuwenden. Ich folgte dabei dem Principe Arge- 
landers, indem ich drei Classen bildete, 

Säeulaitewegung. Mittlere Bewegung. 

I. 225 Sterne von 25" und darüber; 55,40" 

n. 663 „ .., 10" bis 25" 15,25" 

m. 1273 „ ,. 4" bis 10" 7,79", 

und da die erste Rechnung gezeigt hatte, dass die zum Grunde 
gelegten Näherungswerthe zu stark abwichen, so wiederholte ich 



120 GESCHICHTE DER IIIMMELSKUNDE. 

sie mit verbesserten Näherungswerthen, dui'ch die ich erhielt aus 

Chisse 

I. 2620 8,8' und + 30° 25,2' 
II. 261 U'4: „ 4- 37 53,6 
III. 261 32,2 „ + 42 21,9 
Mittel 261" 38,8' und + ^9° 53,9' für 1800, 

woraus mit aller Bestimmtheit folgt, dass eine Correction der an- 
genommenen Art bei Bradley nicht stattfinde. Der Punkt liegt 
am Himmel zwischen () und i Herculis, etwas näher dem ersteren 
Sterne. 

In den oben mitgetheilten Ilesultaten erscheint nur die Rich- 
tung der Sonnenbewegung, nicht die Quantität. Bei den Arbeiten 
von W. und 0. Struve ist allerdings der Versuch gemacht worden, 
auch diese zu bestimmen. Aber dies konnte nur geschehen, indem 
mehrere Hypothesen eingeführt wurden, insbesondere die, welche 
die von uns gesehene Winkelbewegung eines Sternes seiner Hel- 
ligkeit proportional setzt, und seine Entfernung von Sonne und 
Erde diesem Glänze umgekehrt proi)ortional. Dies ist nun ganz 
entschieden, auch selbst nur durchschnittlich, nicht der Fall; 
so zeigen beispielsweise die 47 Sterne zweiter Grösse im Mittel 
eine geringere Eigenbewegung als die 154 der dritten, und 
dasselbe Verhältniss zeigt sich auch dann, wenn man die süd- 
lichen, in Europa nicht sichtbaren Sterne hinzuzieht. Wir können 
auf diesem Wege nichts über die Quantität der Sonnenbewegung 
ermitteln. Es kommt noch hinzu, dass die beiden Fixsternparal- 
laxen, die bei 0. Struve zum Grunde liegen, durch spätere Un- 
tersuchungen auf ihre Hälfte herabgesetzt sind, und dass die ein- 
zige damals verlässlich bestimmte, die von Gl Cygni, von dem 
Berechner nicht angewendet wurde. 

Erst wenn mehrere Sternparallaxen mit verhältnissmässiger 
Sicherheit gegeben sind, wird bei Berechnung der Sonnenbewegung 
auch die dritte Coordinate in Anwendung kommen können, und 
wir haben wenig Aussicht, dass dies so bald geschehe. 

Später sind auf der Sternwarte Greenwich, auf Grund der 
von Main ermittelten 1176 Eigenbewegungen von Fixsternen, von 
Airy, Stone und Dunkln neue Untersuchungen über die Eigen- 
bewegung unserer Sonne angestellt worden, welche für die Dech- 
nation des betreffenden Punktes N. 34° 23' und für die Rect- 
ascension 261*^ 14' ergaben. 



DIE lUMMELSKUNDE IM 19. JAHRHUNDEKT. 121 

§ 160. 

Den Sternfarben war früher fast gar keine Beachtung zu 
Theil geworden, und allerdings aus leicht begreiflichen Ursachen. 
Dem freien Auge kommt nur , wenig davon zu Gesicht und selbst 
bei diesem Wenigen ist es schwierig, Täuschungen mancher Art 
zu vermeiden. Der Ptolemäi'sche Katalog führt nur drei Sterne 
als roth (vnoy.ioQog) auf, von denen einer, Sirius, jetzt ganz weiss 
ist. Sie gehören alle der I. Grössenklasse an, und in der That 
wird ein Auge von mittlerer Schärfe ohne Bewaffnung nicht viel 
weiter im Erkennen von Sternfarben gehen können. Die Kataloge, 
von Hevel bis Piazzi und selbst die meisten späteren, wobei 
Fernröhre in Anwendung kamen, gaben gleichwohl keine Notizen 
über Sternfarben. Im Drange der nothwendigen Arbeiten, der 
Ortsbestimmungen, fanden die Beobachter keine Zeit, sich einge- 
hend um Farben zu bekümmern; auch sind nicht alle dazu be- 
fähigt. Es giebt Augen, die nichts davon sehen, obgleich sie 
übrigens eines guten Sehvermögens sich erfreuen, so z. B. die des 
Nicolajewer Astronomen Knorre, der ausdrücklich erklärt, dass 
ihm alle Sterne, auch im Fernrohr, einfach weiss erscheinen. Auf 
der anderen Seite giebt es Augen, welche die Complementärfarben 
nicht unterscheiden, also z. B. nicht Grün und Roth. Da alle 
solche Unvollkommenheiten sich fast ausschliessHch beim männ- 
lichen Geschlechte zeigen, und Damen überhaupt zur Unterschei- 
dung feiner Farbennüancen bei weitem fähiger sind als Männer, 
so habe ich bereits vor längerer Zeit einen Wunsch nicht unter- 
drücken können: Wir zählen von Hypatia bis Willielmine 
Witte nicht wenige Frauen, die sich erfolgreich mit Himmelskunde 
beschäftigt haben; wir zweifeln nicht, dass sich deren auch in 
Zukunft finden werden. Würden diese nicht am besten thuu, wenn 
sie den Sternfarben ihre Aufmerksamkeit zuwendeten? 

Gute farbenfreie Achromate und ein heiteres Klima mit Näch- 
ten, die auch im Sommer hinreichende Dunkelheit zeigen, also 
massige geographische Breiten, sind Bedingungen des Fortschritts 
auf diesem Felde. Nichtachromatische Fernröhre sind ganz aus- 
zuschliessen, und Teleskope nur dann anzuwenden, wenn man sie 
auf andere Weise geprüft und sich versichert hat, dass sie far- 
benfrei sind; denn weder die Farbe des Instruments, noch die 
der Atmosphäre darf hinzutreten, wenn man die wahre Farbe des 
himmlischen Objectes ermitteln will. 



122 GESCHICHTE DEK HIM5IELSKUNDE. 

William Herschel ist es, der zuerst die von ihm entdeckten 
Doppelsterne nach ihrer eigeuthümlichen Farbe bezeichnet hat, 
und durch den uns zuerst eine Mannigfaltigkeit erschlossen wurde, 
von der die meisten seiner Zeitgenossen nichts geahnt hatten. 
Indess kommt Roth bei ilim auffallend häufig vor, wogegen er 
einige Sterne, die wir als blaue wahrnehmen, wie beispielsweise 
den Begleiter von y Leonis, ausdrücklich als weiss bezeichnet hat. 
Wahrscheinlich wai'en seine Teleskope nicht ganz frei von Roth. 

Nach ihm war es vorzugsweise W. Struve, der in seinen 
Dorpater Doppelstern-Beobachtungen dem Beispiele Herschel's 
folgte und bei Sternen bis zur neunten Grösse herab die Farbe 
stets notirte. Weiter zu gehen und auch die noch schwächeren 
teleskopischen Sterne auf Farbe zu prüfen, scheint nicht möglich, 
wenn nicht wie bei o Ceti das Roth eine ungewöhnliche Intensität 
zeigt. Struve's Farben scheinen ganz frei von äusseren Ein- 
flüssen zu sein; wären sie in einem südlicheren Klima erhalten 
worden, so würden sie noch grösseres Vertrauen verdienen. 

Wenn beide Genannte, Herschel und Struve, uns fast nur 
Farben von Doppelsternen geben, so haben dagegen die Beob- 
achter in Rom, de Vico und Secchi, die Sterne des Baily 'sehen 
Katalogs sehr sorgfältig auf Farbe geprüft und den Beweis ge- 
hefert, dass hier noch ungemein viel geschehen kann und ge- 
schehen muss, bevor man hoffen darf, etwas über die veranlas- 
sende Ursache zu ermitteln. Das Wahrscheinlichste ist allerdings 
die Annahme, dass wir die Farben der Photosphären dieser Fix- 
sterne vor uns haben, A\de wir ja auch bei unserer eigenen Sonne 
im Allgemeinen nur die Photosphäre, nicht den Innern festen 
Kern, zu Gesicht bekommen. 

Denn der Versuch Dop.pler's, diese Farben einzig durch 
die Bewegung des Lichtstrahls entstehen zu lassen, muss als ein 
durchaus verfehlter bezeichnet werden. Petzval hat nachgewiesen, 
dass dem Gaüzen ein theoretischer Irrthum zum Grunde liege, und 
praktisch genommen, werden hier Bewegungen von solcher Stärke 
erfordert, wie sie im ganzen Universum nirgend auch nur an- 
nähernd angetroffen werden. Alle, auch die raschesten kosmischen 
Bewegungen der Weltkörper sind verschwindende Grössen, ver- 
glichen mit der Fortpflanzungsgeschwindigkeit des Lichts; und 
wenn Dr. Mach in Wien den Versuch gemacht hat, die bereits 
entscheidend widerlegte Hypothese Doppler's wieder ins Leben 
zu rufen, ja sogar in ihr ein Mittel erbhckt, die Eigenbewegung 



DIE HIMMELSKÜNDE IM 19. JAHRHUNDERT. 123 

des Sonnensystems nach Quantität und Richtung zu bestimmen, 
so muss entgegnet werden: dass alles, was wir über Fixstern- 
beweguugen und speciell über die unserer Sonne aus directen Be- 
obachtungen ableiten können, nicht die mindeste Hofihung ge- 
währt, eine solche Erwartung jemals realisirt zu sehen. Mehr 
hoffen wir von dem, was man Chemie der Gestirne genannt hat, 
so wie von den zu erwartenden künftigen Fortschritten der Photo- 
graphie in ihrer Anwendung auf astronomische Objecte. 

Für jetzt und noch eine geraume Zeit hin handelt es sich, 
wie gesagt, um ein Sammeln der Facta, so wie um ein Mittel, wo- 
durch in allen Fällen entschieden werden kann, ob das Licht der 
Gestirne ein eigenes oder erborgtes sei, oder ob, was in manchen 
Fällen nicht unwahrscheinHch ist, beides sich vereinige? Besässen 
Avir ein solches, auch auf die schwächsten teleskopischen Sterne 
noch anwendbares Mittel, so würden wir leicht dahin gelangen, 
che noch unentdeckten Planetoiden aus dem grossen Heere der 
Fixsterne herauszufinden. 

Wenn es übrigens noch einer entscheidenden Widerlegung 
der Doppler'schen H}q3othese bedürfte, so hat uns Arago eine 
solche dargeboten. Wären wirklich nicht bloss die Wellenlängen, 
sondern die Fortpflanzungsgeschwindigkeiten für die verschiedenen 
Strahlen des Spectrums verschieden, so müsste bei den veränder- 
lichen Sternen, welche in ihrem Minimo ganz für uns ver- 
schwinden, uns diejenige Farbe zuerst zu Gesicht kommen, 
welche die rascheste ist, und successiv, je nach dem Maasse der 
Geschwindigkeit, auch die übrigen. Da wir wissen, dass lange 
Jahre erforderlich sind, damit der Strahl von den Fixsternen zu 
uns gelange, so wäre Zeit genug gegeben, dieses Farbenspiel beim 
Wiedererscheinen und eben so beim Verschwinden wahi'zunehmen ; 
aber noch nie haben die Beobachter Ähnliches bemerkt. 

Wir können den Wunsch nicht zurückhalten, es möchten Die- 
jenigen, welche sich berufen fühlen, mit neuen Ansichten über 
kosmische Verhältnisse hervorzutreten, sich vorher mit allen That- 
sachen, die in ü-gend einer Beziehung zu ihrer Ansicht stehen, 
genau bekannt machen. Hätte Doppler dies gethan, er würde 
nicht von Kometen gesprochen haben, die Hunderte von Meilen 
in der Secunde fortrücken, und eben so wenig Boucheporn, der 
ähnliche Geschwindigkeiten gebraucht, damit die Erdkugel einen 
wirlcsamen „Anstoss'* von einem Kometen erlange. Die Zeit des 
praktischen Astronomen ist für ihn zu kostbar, um sie mit fort- 



124 GESCHICHTE DER HIMMELSKUNDE. 

währenden Widerlegungen von Dingen zu verschleudern, die sich 
fiii- jeden mit den bestehenden Verhältnissen hinreichend Be- 
kannten von selbst Aviderlegen; und der Wissenschaft ist' mit dieser 
Art von Controversen nicht gedient. Vollends aber wird die Hef- 
tigkeit und Gereiztheit, mit der so mancher seine einmal aus- 
gesprochene Ansicht aufrecht zu erhalten sucht, nichts gut 
machen und nichts helfen. 



§ 161. 

Gehen wir zu erfreulicheren Gegenständen über. Wir haben 
der ersten Ai-beiten Bessel's, bis zum Erscheinen der Tabidae 
Regiomontanae, wie seiner Bestimmung der Parallaxe von 
61 Cygni, bereits oben gedacht. Er setzte die Beobachtungen, 
welche beide W^erke, und namentlich das letztere, erfordert 
hatten, ununterbrochen fort, und seine Sternörter, die an 
Genauigkeit und Sicherheit unübertrefflich dastehen, werden in 
allen künftigen Untersuchungen eine Grundlage bilden. xVber 
darauf beschränkte sich seine Thätigkeit keineswegs. Er hatte 
den Mangel guter Vergleichsterne bei seinem Kometenbeobachten 
zu sein- empfunden, um nicht auf Abhülfe bedacht zu sein; und 
er unternahm eine neue Zonenbeobachtung, ähnhch der La- 
lande'schen, aber mit geeigneteren Hülfsmitteln, und in seinen 
jährlichen Publicationen wurden diese Beobachtungen mitgetheilt. 
Sie erstreckten sich vom 15. Grad südlicher bis zum 45. Grad 
nördhcher Declination. Ihm war es hauptsächlich darum zu thun, 
in jeder Himmelsgegend eine genügende Anzahl von Vergleich- 
sternen zu bestimmen, um den Beobachtern von Kometen, oder 
überhaupt solchen Objecteu, die aus irgend welchem Grunde nicht 
durch Meridianbeobachtungen, sondern nur durch Vergleichungen 
mit anderweitig bestimmten Sternen erhalten werden, Vergleich- 
sterne zu liieten. Man hatte bis dahin für die nicht bei 
Bradley und Piazzi vorkommenden Sterne nur die Lalande'- 
schen Zonen, für deren Reduction noch Avenig geschehen war 
und die an manchen Mängeln Htten, Avelche bei Bessel beseitigt 
waren. Er gab für den künftigen Gebrauch die erforderhchen 
Reductionselemente, und Maximilian Weisse, Dü-ector der Kra- 
kauer Sternwarte, unternahm die verdienstliche Arbeit, aus ihnen 
einen Katalog zu bilden, dessen erste Abtheilung die Sterne von 
— 15** bis -j- lö'', der zweite später erschienene die von -}- 15*' 



DIE HIMMELSKÜNDE IM 19. JAHRHUNDERT. 125 

bis 45<^ enthält. Wir ])cdauern die Berechnungs- und Druckfehler, 
die den Wertli des Werks henachtheihgen, die jedoch durch seinen 
grossen Umfang erklärlich sind. 

Bessel war aus dem Leben geschieden, bevor diese Reduction 
zur Veröffentlichung gelangte, und wir zweifeln, dass er einen 
Gebrauch gebilligt haben würde, den W. Struve in der Vorrede 
zu Weisse's* Arbeit davon machte. Er untersuchte auf Grund- 



* Maai7niUan v. WEISSE, geh. 1798 am 16. Oct, gest. 1863 
am 10. Oct. Sein Vater J. H. Weisse war Oberamtmann in La- 
dendorf (Niederösterreich), und Maximilian war von zehn Kin- 
dern das dritte. Im zehnten Jahre ward er Convict-Zögling des 
Wiener akademischen Gymnasiums; später bezog er die Univer- 
sität, wo er Philosophie und Rechtswissenschaft studirte und 1822 
als Doctor der Rechte promovirte; das Studium der Mathematik 
und Astronomie hatte er daneben eifrig getrieben. 

1823 ward Weisse Assistent der Wiener Warte, und am 
24. Mai 1825 ward er Professor an der Jagellonischen Universität 
in Krakau und Director der Sternwarte. 

Eine schwere Kränkelt, die er sich durch sehr angestrengtes 
Arbeiten zugezogen, veranlasste ihn im Mai 1861, sein 36 Jahre 
hindurch verwaltetes Amt niederzulegen. Doch auch jetzt blieb 
er nicht müssig, sondern setzte seine Reductionsrechnungen fort. 
In Wels unterlag er, nur sechs Tage vor Vollendung seines 
65. Jahres, einer Entzündung der Unterleibsorgane. 

Unter den von ihm veröffentlichten Schriften (der Nekrolog 
in Nr. 1448 der Astr. Nachrichten zählt deren 17, theils in latei- 
nischer, theils in deutscher, theils in polnischer Sprache auf) 
zeichnen wir besonders aus die Reduction sämmtlicher Bessel'- 
schen Zonenbeobachtungen in den beiden Bänden: 

Positiones mediae stellarum fixarum in Zonis Regiomontanis a Besselio inter 
— 15° & -\- 15° decllnationis observatarum ad annum 1825 reductae et 
in calc. ord. Petersburg 1846. Und im zweiten Bande die Fortsetzung 
unter gleichem Titel für die Sterne zwischen -(-15° und 45°. Peters- 
burg 1853. 

1829 gab er die Coordinaten sämmtlicher alten Planeten und eine Schrift : 
De correctione temporis ex altitudinibus correspondentibus caiculata. 

1829 — 31. Bestimmung der Breite der Krakauer Sternwarte. 

1858. Vergleichungen von Struve's Positiones mediae mit den beiden Kata- 
logen aus Bessel's Zonen. 



126 GESCHICHTE DER HOniELSKUNDE. 

läge derselben die Häufigkeit des Vorkommens teleskopisclier 
Sterne am Himmel nnd speciell die Constitution des Milchstrasse- 
gürtels. Wir glauben mit Encke, dass die Bessel'schen wie 
alle anderen Zonen dazu ungeeignet sind. In den mit Sternen 
überreich besetzten Gegenden konnten bei den Zonalbeobachtungen 
nicht alle Sterne mitgenommen werden, und es war dies auch 
gar nicht nöthig. Dann aber kann eine Formel, welche auf Be- 
obachtungen einer Zone von nur .30 Grad Breite basirt ist, nur 
durch eine Integration auf die übrigen Gegenden des Himmels 
ausgedehnt werden, und eine solche ist, wüe Encke bemerkt, 
hier unzulässig. Denn ähnlich, wie man in der historischen Exe- 
gese den Grundsatz festhält, dass eine Äusserung eines Schrift- 
stellers nur dann beweisend ist, wenn es in der bestimmten Ab- 
sicht des Verfassers lag, den Gegenstand nicht blos zu erwähnen, 
sondern über ihn zu sprechen, so muss auch in der Himmels- 
kunde der Zweck im Auge behalten werden, den der Beobachter 
verfolgte. Sollen Beobachtungen über die verhältnissmässige Ster- 
nenfülle einzelner Gegenden angestellt werden, so bedarf es keiner 
Sternörter, sondern Stern- Aichungen (dar-gauges, nach W. H er- 
sehe 1 's Ausdruck,) führen hier zum Ziele. 

Deshalb können wir auch den Schluss, dass die Milchstrasse 
nichts weiter sei als der Band der linsenförmigen Sternschicht, 
nicht annehmen. Vielmehr glauben wir, dass J. Herschel, der 
beide Hemisphären aus eigener Anschauung kennt und in beiden 
die Milchstrasse genau untersucht hat, ganz Recht habe mit seiner 
Behauptung, die Milchstrasse sei „not a mere Stratum, but nn 
annulus," wofür auch der äussere Anblick spricht. Die Milch- 
strasse hat erkennbare, Avenn auch nicht überall scharf bestimm- 
bare Grenzen; es würde ganz unmöglich sein, eine Darstellung 
derselben, wie sie uns Herschel gegeben, durchzuführen, wenn 
ein anderes Verhältniss bestände. 

Die Verschwindung des Saturnsringes 1833 veranlasste Bessel, 
der sich schon früher mit diesem Planeten eingehend beschäftigt 
hatte, zu einer genauen Untersuchung der Lage des Ringes; so- 
w^ohl nach eigenen Beobachtungen, als Vergleichungen fremder. 
Er stellte diese Neigung, die bisher fast nur auf einer conven- 
tionellen Annahme beruhte, mit grosser Genauigkeit fest und er- 
mittelte gleichzeitig, was auch schon aus früheren Untersuchungen 
sich als wahrscheinlich ergeben hatte, dass die Ringe Un- 
gleichheiten mancher Art, namentlich auch windschiefe Ver- 



DIE irnnrELSKUNDE im 19. JAHKmiNDERT. 127 

biegungen, haben müssteu, denn oft hatte der Ring sich noch 
(oder auch schon) sichtbar gezeigt, wenn er der mittlem Lage 
nach und unter Voraussetzung einer mathematisch regelmässigen 
Figur, uns nur seine dunkle Seite hätte zuwenden müssen. 

Diesen Beobachtungen verdanken wir auch die Dimensionen 
sowohl des Planeten selbst als seines Ringes, und Messungen des 
Abstandes der Trabanten, insbesondere des zuerst entdeckten 
Huyghens'schen. Xach einer kritischen Prüfung der früheren 
von Bernard und Cassini IL angestellten Messungen, die für 
Nichtbenutzung derselben entschied, stellte er eine lange Reihe 
von Heliometermessungen an und bestimmte aus ihnen, unter ge- 
nauer Berücksichtigung aller Perturbationen, die Bahnelemente 
dieses Trabanten, bezogen auf das Saturnscentrum, die wir nun 
fast so genau als die unseres eigenen Mondes kennen. Er be- 
stimmte aus diesen Störungen, wie die Beobachtungen sie gezeigt 
hatten, rückwärts rechnend die Masse des Ringes zu ^ der Sa- 
turnsmasse, und da wir, mit Ausnahme der Dicke, über alle an- 
deren Dimensionen des Ringes durch die Beobachtungen hin- 
reichend belehrt sind, so ergab sich, unter Voraussetzung einer 
gleichen Dichtigkeit Saturns und seines Ringes, die erwähnte 
Dicke zu 28 geogr. Meilen; was natürlich nur von der mittlem 
Dicke gilt, da nach Laplace der Durchschnitt des Ringes eine 
Linsenform zeigt. 

Zu diesen letzteren Bestimmungen hatte das Königsberger 
Heliometer gedient; das einzige grössere, was sich damals in regel- 
mässiger Thätigkeit befand. Er benutzte es weiter zu einer Be- 
stimmung von 53 Sternen der Plejadengruppe, deren Coordinaten 
(Alcyone als Nullpunkt gesetzt) durch wiederholte Messungen be- 
stimmt wurden. Schon früher hatte er einen grossen Theil dieser 
Sterne durch Meridianbeobachtungen bestimmt. Allein, wie auch 
B es sei selbst bemerkt, sind die Sterne dieser Gruppe so dicht 
gedrängt, dass, wenn alle im Meridianfernrohre sichtbaren GUeder 
derselben auch so bestimmt werden sollten, eine lange Reihe von 
Jahren erforderlich sein würde; was die allgemeine Beziehung auf 
eine Epoche unthunlich machen müsste. Die Bessel'schen, für 
die Epoche 1840 geltenden Bestimmungen werden es künftigen 
Zeiten möglich machen, die Eigenbewegungen im Innern dieser 
Gruppe mit einer Genauigkeit abzuleiten, die sehr erwünscht sein 
muss, denn (wie Bessel sich ausdrückt) „ich glaube, dass eine 
Zeit kommen wird, wo die Bewegungen dieser Sterne ein beson- 



128 GESCHICHTE DER HBOIELSKUNDE. 

deres und erhöhtes Interesse gewinnen werden." Wir theilen 
diesen Glauben in vollem Maasse. 

Struve's bereits oben erwähnte Doppelsternmessungen blieben 
nicht ganz isolirt. Ihnen gingen Bessel'sche zur Seite, und beide 
Astronomen kamen überein, eine Zahl von 38 Doppelsternen 
auszuwählen, welche beide möglichst oft und in nahezu gleicher Zeit 
beobachten wollten. Bei diesen Messungen stellte sich rücksicht- 
lich der Positionswinkel hinreichende Übereinstimmung heraus; 
rücksichtlich der Distanzen zeigte sich jedoch, abgesehen von den 
kleinen rein zufälligen Fehlern, ein constanter Unterschied der 
Art, dass Bessel's Heliometerdistanzen 0,188" grösser waren als 
Struve's am Refractor erhaltene. Der Gegenstand veranlasste 
beide Astronomen zu anderweitigen Beobachtungen, denn nur für 
zwei dieser Sterne zeigte sich Struve's Distanz etwas grösser, 
nämlich für y Virginis um 0,019" und für J Piscium um 0,092". 
In den übrigen 36 Fällen war die Bessel'sche Distanz die 
grössere, und in einem derselben, 38 Geminorum, stieg der Unter- 
schied auf 0,397. Struve suchte diesen durch eine empirische 
Curve darzustellen, nach welcher er für 6" Distanz ein Maximum 
=: 0,265" zeigte und für 26" auf Null herabsank. Damit aber 
war die Ursache der Differenz nicht ermittelt, und noch weniger 
eine Antwort auf die Frage gegeben: welche Distanzen die eigent- 
lich richtigen seien? 

Struve liess in einer genau gemessenen Entfernung Stäbe 
aufstellen, die auf schwarzem Grunde weisse ^Theilstriche zeigten, 
welche gleichfalls mit aller Sorgfalt abgemessen waren. Man konnte 
folglich den Winkel berechnen, unter dem die Zwischenräume er- 
scheinen mussten. Auf ähnlichen Stäben wurden kleine weisse Kreise 
gesetzt, die künstliche Doppelsterne darboten, und deren Distanz 
in gleicher Weise durch Berechnung bestimmt war. Diese Grössen 
maass er nun mit dem Refractor und erhielt im Durchschnitt die- 
selben Grössen, so dass er annahm, die mit dem Refractor ge- 
messenen Distanzen seien die richtigen. 

Bessel schlug ein anderes Verfahren ein. Er bestimmte die 
Distanz des Doppelsterns p Ophiuchi sowohl direct, als durch 
Zuziehung eines dritten Sterns, der mit den beiden Gliedern des 
Doppelsterns ein sehr spitzwinkliges Dreieck bildete. Die ver- 
schiedenen, sehr sinnreich entworfenen Methoden der Messung er- 
gaben das gleiche Resultat; sie hätten jedoch verschiedene geben 
müssen, wenn die gemessene Distanz nicht die richtige war. 



DIE HnnrELSKUNDE IM ]9. JAIIRIIUNDERT. 129 

Indem so jeder sein Resultat für das wahre hielt, erfolgte 
keine Entscheidung, was wir im Interesse der Sache bedauern. 
Die Prüfungsmethoden waren allerdings sehr verschieden, und wir 
müssen uns dahin ausspreclien, dass für Beobachtungen am Himmel 
auch der Himmel die Entscheidung geben müsse, und dass das 
Herbeiziehen terrestrischer Messungen bei Prüfung astronomischer, 
mehrfachen Bedenken unterliege. Letztere können nur in hori- 
zontaler Richtung erhalten werden, die terrestrische Refraction 
afficirt sie in sehr verschiedener Weise, während die astrono- 
mischen Objecto in beständiger Bewegung sind und keineswegs so 
scharfbegrenzte kleine Kreisflächen darbieten wie die künsthchen 
Doppelsterne. Dreifache Sterne, die in einer geraden Linie liegen, 
und eben so solche, die ein ungleichseitiges Dreieck bilden und in 
denen alle Seiten und Winkel gemessen werden, lassen mannigfal- 
tige Prüfungsmethoden zu, und wenn neben diesen auch die terrestri- 
schen ausgeführt werden, wh'd man zu verlässlichen Resultaten, auch 
rücksichtlich des Werthes der verschiedenen Methoden, gelangen. 

Die sorgfältigste und genaueste Prüfung der Instrumente, 
mochte sie auch noch so zeitraubend und umständlich sein, ging 
bei Bessel stets Hand in Hand mit den Beobachtungen, und 
auch die Hülfsinstrumente, wie Thermometer und Barometer, 
wurden mit gleicher Sorgfalt untersucht. Bei den von ihm unter- 
nommenen Land- und Gradmessungen wurde das Metall der Mess- 
stangen und Messapparate in Bezug auf Wärmeausdehnung genau 
geprüft, und da er sich überzeugte, dass verschiedene Stücke des- 
selben Metalls sich in diesem Punkte merklich verschieden zeigten, 
so Avurde jede Messstange besonders untersucht und jede mit 
einem Thermometer so verbunden, dass die Temperatur des Me- 
talls in jedem Moment erhalten werden konnte, um die Reduction 
mit Sicherheit ausfülu-en zu können. 

Durch einen sehr sinnreichen Pendelapparat bestimmte er die 
Länge des Secundenpendels für Königsberg und für Berlin. Be- 
sässen wir für viele über den Erdball zerstreute Punkte Pendel- 
beobachtnngen von gleicher Genauigkeit, so könnten diese eine 
Grundlage nicht bloss für die Erdgestalt im Allgemeinen, sondern 
auch für locale Abweichungen gewäbren; denn, soll ein definitiv 
genügendes Resultat für die Erdgestalt erhalten werden, so müssen 
Gradmessungen (namentlich auch der Parallelen), Pendelbeobach- 
tungen und Mondstheorie nicht gesondert, sondern vereinigt in 
Berechnung gezogen werden. 

V. Mädler, Geschickte der Himmelskunde. 11. "^ 



130 GESCHICHTE DER KIMM I XSK UND K. 

Zwei andere Arbeiten standen mit diesen Pendellängen in 
Verbindung: die Untersuchung, ol) verschiedene Körper (auch 
nichtirdische), als Pendelkugeln schwingend, dieselbe Gravitations- 
constante ergeben oder nicht. Bereits Newton hatte derartige 
Versuche angestellt; allein bei ihnen war, nach seiner eigenen 
Angabe, nur etwa die halbe Linie zu verbürgen. Bei Bessel's 
Versuchen zeigte sich eine Übereinstimmung, welche die Verbür- 
gung von ,7qp„„ der gemessenen Länge, also ^^^ Linie, gestattete. — 
Sodann die Regulirung des preussischen Maasses und eine solche 
Einrichtung des Normal -Maassstabes, dass zuverlässige Copien 
desselben leicht und sicher zu jeder Zeit erhalten werden können. 

Da B es sei nie unterlassen hat, von seiner Verfahrungsweise 
die genaueste Rechenschaft zu geben, und die Bände der Königs- 
berger Beobachtungen, die Astronomischen Nachrichten und an- 
dere Schriften alles enthalten, w^as zum genauen Verständniss 
seiner Arbeiten erforderlich ist, so können wir uns auf diese be- 
ziehen. Durch ihn und Gauss in Göttingen wurde die Astro- 
nomie so gut als völlig umgestaltet, und nicht wenigen Irrthümern, 
die sich lange in Ansehen erhalten hatten, ein Ende gemacht. 
Seine Refractionstafeln, um nur ein Beispiel anzuführen, haben 
den Beweis geliefert, dass ein und dasselbe Refractionsgesetz lür 
alle Erdorte genüge, und den Tafeln eine Form gegeben werden 
könne, die sie für alle Prunkte brauchbar macht, statt dass früher 
die Meinung bestand, jeder Erdort müsse seine eigene Refractions- 
tafel haben. 

Zahlreiche Schüler hat er gebildet. Zwei derselben, Busch* 



* August Ludioig BUSCH, geh. 1804 am 7. Sept., gest. 1855 
am 30. Sept. Mehrjähriger Schüler Bessel's, und nach dessen 
Ableben sein Nachfolger im Directorat von Königsberg. Er setzte 
die Beobachtungen in derselben Weise fort, Avie sein Lehrer sie 
begonnen, er besorgte die Herausgabe der bis dahin noch nicht 
veröffentlichten Observationen Bessel's, gab uns seinen Nekrolog 
und ein vollständiges Verzeichniss seiner Schriften. Er erhielt 
einen Mitdirector in Peters, seit dessen Abgange von Pulkowa 
bis zu dessen Anstellung in Altona. — Die Totalfinsterniss vom 
Juli 1851 beobachtete er und veröffentlichte diese Wahrnehmun- 
gen, nachdem er vorher eine Schrift über die dabei zu erwartenden 
Erscheinungen publicirt hatte. Aus Bradley's Beobachtungeu 



])IE IIIMMELSKUNDE IM 19. JAURHIINDERT. 131 

und Luther, sind seine Nachfolger geworden; zwei andere, Ar- 
gelander und Plantamour, sind Directoren anderer Sternwarten. 
Der hoffnungsvolle Wcstphalen, der, selbst schon erkrankt, unter 
Anleitung seines gleichfalls erkrankten Lehrers die Bahn des Hai - 
ley 'sehen Kometen berechnete, sank ins Grab, und Bessel selbst 
folgte ihm bald. Sein Sohn Wilhelm hatte sich der Architektur 
gewidmet, es sind aber gleichwohl einige werthvolle Mittheilungen 
von ihm in den Astronomischen Nachrichten gegeben. 

Wir haben aber noch einer wichtigen Untersuchung zu ge- 
denken, die gleichsam sein letztes Vermächtniss bildet. Stets war 
eine genaue Bestimmung der Eigenbewegungen der Fixsterne, und 
insbesondere der Hauptsterne, sein Augenmerk gewesen, und er 
hatte richtig erkannt, dass man bei Doppelsternen nur die Be- 
wegung des Schwerpunktes, nicht die der einzelnen Glieder, gleich- 
förmig setzen dürfe. Nun fanden sich zwei einzslne Fixsterne, 
a des grossen und o. des kleinen Hundes, deren Bewegung nicht 
gleichförmig war. Bei Sirius fügten sich die Rectascensionen, bei 
Procyon die Declinationen nicht. Nachdem er zuerst durch eine 
sehr umfassende Arbeit, die unter andern eine kritische Sichtung 
der älteren Kataloge erforderte, den Thatbestand selbst genügend 
festgestellt hatte, versuchte er verschiedene Erklärungen, die sich 
jedoch sämmtlich als unanwendbar zeigten, so dass er bei einer 
gänzlich neuen stehen blieb: es stehen bedeutende, aber nicht- 
leuchtende (oder auch zu schwach leuchtende) Massen in der 
Nähe dieser Sterne, und diese haben folglich ausser der gemein- 



leitete er die Aberrations-Constante und bald darauf auch die 
Nutation ab. Beide (in den Astr. Nachrichten) erschienene Ab- 
handlungen gab er auch in englischer Sprache. Die Königsberger 
naturwissenschaftlichen Unterhaltungen bereicherte er durch einen 
Aufsatz über die ^Bemühungen zur Erlangung unserer Kenntniss 
des Fixsternhimmels. 

Kränklichkeit unterbrach in den letzten Jahren seine Beob- 
achtungen, so wie seine literarische Thätigkeit, und fühi'te im 
5 L Jahre seinen Tod herbei. J)ie Montldy Noüces haben in Nr. 16 
seinen Nekrolog gegeben. 

Er war aufs eifrigste bemüht, seinem grossen Lehrer nach- 
zustreben, und wir dürfen ihn als einen würdigen Nachfolger 
Bessel 's bezeichnen. 

9* 



132 GESCHICHTE DER imiMELSKUNDE. 

schaftliclieu Eigenbewegung noch eine besondere um einen Schwer- 
punkt. Wie sich leicht erwarten hess, war man in der astrono- 
mischen Welt nicht sonderlich gewillt, ein so befremdliches Resulat 
anzunehmen, namentlich diejenigen nicht, welche sich gewöhnt 
hatten, den Glanz der Fixsterne als das sicherste Kriterium zu 
betrachten, aus dem alle übrigen Verhältnisse gefolgert werden 
könnten. So gewichtige Argumente auch einer solchen Ansicht 
entgegenstanden, sie hatte sich gleichwohl eingebürgert, und der 
bei einer Untersuchung der Doppelsterne ganz unabweisbare 
Schluss, dass die specifische Leuchtkraft der Sterne ungemein ver- 
schieden sein müsse (sie findet sich beispielsweise bei ? Bootis 
um viele tausend Mal grösser als bei § Ursae majoris), war wenig 
beachtet worden. Und nun sollte der glänzendste aller Fixsterne, 
in dem Kant schon die Centralsonne des gesammten Universums 
zu sehen glaubte, nichts weiter sein als der Begleiter einer Masse, 
die uns nicht einmal ihr Dasein direct kund geben kann? 

Struve machte den Versuch, die Thatsache zu leugnen; 
Airy suchte die Unterschiede geltend zu machen, die sein Vor- 
gänger Pond bei einer grössern Anzahl von Sternen gefunden 
hatte, und noch andere Gegengründe wurden versucht. In Pul- 
kowa wurden Beobachtungen des Sirius und anderer benachbarter 
Sterne angestellt, und der Beweis versucht, dass für vier Punkte 
der Siriusbewegung eine gleichförmige Kectascensionsänderung re- 
sultire, und bei den übrigen nicht übereinstimmenden wahrschein- 
lich Beobachtungs- und Reductionsfehler die Nichtübereinstimmung 
bewirkt hätten. Doch es handelte sich hier um ein Bessel'sches 
Resultat, und bei einem solchen konnte man stets gewiss sein, 
dass kein Umstand, der möglicherweise von Einfluss sein konnte, 
übersehen worden wäre. So leichten Kaufs war dieser Heros, 
auch nachdem er vom Leben geschieden, nicht zu widerlegen; 
alle Einwürfe, die irgend begründet erschienen, hatte er sich 
selbst schon gemacht. Namentlich hatte er bei seinen Verglei- 
chungen nicht die absoluten Örter, sondern die Unterschiede der- 
selben von andern Hauptsternen in nahezu gleichem Parallel, von 
demselben Beobachter und für die gleiche Epoche gegeben, an- 
gewandt. Dies erkannte sehr bald einer der frühern Gegner, 
Peters, der inzwischen aus seiner Stellung in Pulkowa geschieden 
und Mitdirector in Königsberg geworden war. Er wies nach, 
dass alle Ungewissheit, die noch über die Reductionselemente be- 
stehe oder bestanden haben könne, verschwindend klein sei gegen 



DIE HDIMELSKiraDE IM 19. JAUKIIUNDEET. 133 

die von B es sei ermittelten Ungleichheiten in der Kectascensions- 
bewegung; und indem er neuere Beobachtungen mit hinzunahm, 
konnte er den Versuch wagen, die Bahn zu bestimmen, die Sirius 
luu den Schwerpunkt des Partialsystems beschreibt. Er fand 
einen mittlem Abstand von 2,56", eine Umlaufszeit von 50,1 Jahren 
und eine Excentricität = 0,7994. Die nahe gleichzeitigen Be- 
rechnungen von Schubert, wie die späteren von Auwers und 
Klinker fues, geben nahezu dasselbe Resultat, und so hat sich 
Bessel's Annahme vollkommen bestätigt. 

Bezüglich des Procyon ist gleichfalls eine Untersuchung von 
Auwers unternommen worden, die für diesen Stern eine kreis- 
förmige Bahn ergiebt, und somit ist der Forschung in den ent- 
legenen Fixsternräumen ein ganz neues Feld eröftnet, und Bessel 
ist es, der uns diese Bahn erschlossen. Wh- fügen noch hinzu, 
dass man in neuerer Zeit einen schwachen teleskopischen Stern in 
derjenigen Pachtung gesehen hat, die Peters' Berechnung füi- den 
partiellen' Schwerpunkt, vom Smus aus gesehen, ergiebt; und dass 
die Erwartung, auch in den Declinationsbeobachtungen des Sirius 
ähnUche Änderungen zu finden, in Erfüllung zu gehen beginnt. 

Auwers neueste Berechnungen ergeben für Sii'ius und Procyon: 

Sirius. 

Durchgang durch die untere Apside 1793,890 ± 0,443 Jahr. 

Umlaufszeit 49,418 =fc 0,325 Jahr. 

Mittlere jährliche Bewegung . . . 7,28473° ± 0,047S9o. 

Excentricität 0,'6010 ± 0,0363. 

Procyon. 

Durchgang durch die untere Apside 1795,5676 ± 0,44 Jahr. 

ümlaufszeit 39,972 ± 0,404 Jahr. 

Mittlere jährliche Bewegung . . . 9,00634°. 

Halbe grosse Axe 1,0525'^ ± 0,0275'^ 

Excentricität unmerkHch. 

Wie sehi* wäre zu wünschen, dass auf Otaheite eine feste, 
mit hinreichend kräftigen Instrumenten versehene Sternwarte er- 
richtet würde. Südus geht nahezu durch das Zenith dieser Insel; 
hier wäre der rechte Ort, seine Parallaxe zu finden, und so eine 
Grundlage für alle weiteren Untersuchungen des interessanten 
Partialsystems zu erhalten. In Rom glaubte man noch mehrere 
Begleiter sowohl des Süius als auch einiger anderen hellen Fix- 
sterne gesehen zu haben; allein Tempel in Marseille hat gezeig-t, 
dass hier Augentäuschungen zum Grunde lagen. 



134 GESCHICHTE DEK HIJUIELSKUNDE. 

Eine frülier sehr verbreitete Ansicht erhhckte in den leuch- 
tenden Gestünien nur centrale und gleichzeitig ruhende, in den 
beleuchteten umlaufende Körper, und wh' haben gesehen, wie 
ernstlich man die erste Idee von physischen Doppelsternen be- 
kämpfte und wie beharrlich dieser Kampf in Frankreich fort- 
geführt wurde. Diese beschränkte Ansicht hat durch B es sei's 
letzte grosse Entdeckung den Todesstoss erhalten, denn es sind 
jetzt nachweisbar 

1) leuchtende Centralkörper mit dunkelu umlaufenden (Sonne, Planeten), 

2) dunkle Centralkörper mit dunkeln umlaufenden (Planeten, Monde), 

ö) leuchtende Centralkörper mit leuchtenden umlaufenden (Dojspelsterne), 
4) dunkle Centralkörper mit leuchtenden umlaufenden (die BesseTsche 
Entdeckung), 

und so dürfen wir hoffen, dass der Umstand des Selbstleuchtens 
nicht ferner zum Fundament der wichtigsten allgemeinen Fol- 
gerungen gemacht werde. 

Als Ar gelander im Anhange zu seiner Abhandlung seiner 
Versuche erwähnte, den Centralkörper des Fixsterncomplexes zu 
finden, und den Perseus als diejenige Gegend bezeichnete, auf 
welche seine Combinationen ihn geführt, ward ihm entgegnet, im 
Perseus stehe kein heller Stern, dass eine so wichtige Function 
ihm zugesprochen werden könne, und die Annahme eines dunkeln 
Centralkörpers habe etwas dem Gefühle Widersprechendes. Wh- 
gestehen einem gebildeten Gefühle in den schönen Künsten sein 
Recht willig zu, sind jedoch der Meinung, dass die Himmelskunde 
nicht auf Gefühlen beruhe, und wir von der Natur nur zu lernen, 
nicht aber ihr Gesetze zu geben haben. 

Was Hipparch seiner Zeit gewesen, das war Bessel der 
unsrigen, nur mit dem Unterschiede, dass Bessel's Beobachtungen 
tausendmal genauer sind als Hipparch's, und dass wir nicht be- 
sorgen dürfen, seinen W^erken werde ein ähnliches Verhängniss 
bereitet sein als denen des grossen Nicäaners. Denn so lange auf 
Erden eine Himmelskunde lebt, wird auch der Name Bessel 
leben, und nach Jahrtausenden noch werden seine Forschungen 
den Ausgangspunkt bilden, wenn die grossen kosmischen Fragen, 
die wir jetzt kaum noch zu bezeichnen wagen, einst zur Erör- 
terung herangereift sein Averden. 

Das Verzeichniss seiner Werke, was Busch veröfientlicht hat, 
zählt weit über 300 grössere und kleinere auf, und nur sehr we- 
nige sind darunter, die keine Beziehung auf Sternkunde haben, 



DIE HIMMELSKUNDE IM 19. JAJIIUILNDERT. 135 

z. B. seine Rede bei der Taufe eines Seeschiffes. — Die schönste 
Zeit der 1822 gegründeten Astronomischen Nachrichten war die, 
wo man sicher sein konnte, in jedem Bande Abhandlungen von 
B es sei anzutreffen, und einiges aus seinem Nachlasse hätte auch 
hier noch Platz finden können. Leider ist ein posthumer Aufsatz, 
in dem 20 Druckseiten hindurch nur schwierige Integrationen, 
Entwickelung von Reihen und Ähnliches dargeboten werden, nicht 
am passenden Orte, sondern in einer Zeitschrift für populäre 
Astronomie ans Licht getreten, wo die, Avelche solche Dinge ver- 
stehen, sie nicht suchen, und die, welche sie finden, sie nicht 
verstehen werden. Der lebende Bessel zeigte hierin einen rich- 
tigeren Tact, und seine Abhandlungen in der Königsberger natur- 
wissenschaftHchen Zeitschrift sind ein Muster echter und würdiger 
Popularität. 

§ 162. 

"Wir haben bereits eines verwandten, obgleich in anderer 
Weise wirkenden Geistes erwähnt, Gauss in Göttingen. Er war 
als Professor der Mathematik für Göttingen gewonnen worden, 
und zu seinen Fächern zählte auch die Himmelskunde. Wo man 
das seltene Glück hat, einen Mann wie Gauss zu besitzen, kann 
eine solche Vereinigung nur Yortheile haben; ein solcher ist ge- 
wissermaassen eine ganze Akademie. Wo es jedoch Regel sein 
soll, und die Himmelskunde nur ein Nebenfach des Mathematikers 
vorstellt, da ist für sie keine Erweiterung zu hoffen, namentlich 
nicht in einer Zeit, wo sie einen so grossen Umfang gewonnnen 
hat, dass es viel richtiger wäre, sie selbst unter mehi^ere Docenten 
zu vertheilen, als sie nur gleichsam nebenhergehen zu lassen. 
Doch freuen wir uns des Mannes, dem Mathematik und Astro- 
nomie so Grosses verdanken, und streiten wir nicht darüber, 
welches von beiden er mehr gewesen. In seinem Geiste gewann 
beides Gestalt und Leben, und noch manches Andere, nur schein- 
bar Heterogenes, hat er bearbeitet. So hat er sich sehi* eifrig 
des Eisenbahnwesens angenommen und Vorschläge auf diesem da- 
mals noch so wenig bekannten Gebiete der praktischen Mechanik 
gemacht, die sehr zu Statten kamen. Er zählt unter denen, wel- 
chen wir die elektrische Telegraphie verdanken, und dem Erd- 
magnetismus wusste er eine neue Seite abzugCAvinnen, wodurch 
er uns von dem Magnetkern befreite, der in der Erde stecken 
sollte. Überall schöpferisch, überall neugestaltend, hat er auch 



136 GESCHICHTE DER HQLMELSKÜNDE. 

solche Gebiete wesentlich erweitert, die man schon für immer ab- 
geschlossen und keiner weitergehenden Entwickehmg mehr fähig 
hielt, z. B. die Arithmetik und die Trigonometrie. Weniger als 
B es sei praktischer Astronom, war er gleichwohl ein guter Beob- 
achter mit den ihm zu Gebot stehenden Hülfsmitteln. Zwar war 
die alte unzweckmässige Sternwarte durch eine neue und bessere 
ersetzt, allein ausser einem guten Meridiankreise war nicht viel 
vorhanden, denn die langen Schrot er "sehen Teleskope beengten 
hier nur den Raum, sind aber, und wie wir glauben mit Recht, 
nie in Gebrauch gekommen. 

Die Verdienste, die er sich um die vier ersten Planetoiden 
erwarb, sind schon oben erwähnt worden. Wie beispiellos rasch 
auch seine Berechnungen zu Stande kamen, sie trafen das Rechte 
meist so nahe, dass nachfolgenden Berechnern wenig mehr zu ver- 
bessern übrig blieb. Er hat noch gesehen, was Bessel nicht mehr 
sehen sollte, den Anfang der weiteren Entdeckungen auf diesem 
Felde, der so unaufhaltsam vorschritt, dass er sich zu der Äusse- 
rung veranlasst fand: Die Zahl dieser ]\Iinima des Sonnensystems 
sei zu gross und wachse immer mehi' an; es werde an Kräften 
fehlen, sie alle fortwährend zu berechnen, man möge einige der 
interessantesten füi' genauere Untersuchung auswählen, und die 
anderen ihrem Schicksal überlassen. Aber zui* Ehre unserer an- 
gehenden Himmelsforscher sei es gesagt: der Rath ist nicht be- 
folgt worden. Das erste Hundert schon überschreitend, ist doch 
noch kein einziger dieser Körper seinem Schicksal überlassen 
worden, und einigen wenigen, die sich Jahre lang nicht sehen 
Hessen, hat man rechnend und beobachtend so eifrig nachgeforscht, 
dass sie bis auf einen einzigen, Erato, wiedergefunden Avorden sind. 

Die uns ganz unentbehrlichen Logarithmentafeln hatten überall, 
wo nicht bloss multiplicirt und dividht, potenzirt und radicirt 
werden sollte, den Berechner in die Xothwendigkeit versetzt, zu 
den Logarithmen die entsprechenden Zahlen zu suchen, an diesen 
die additiven und subtractiven Operationen auszufühi-en, und dann 
wieder alles in Logarithmen umzusetzen. Gauss zeigte, was Nie- 
mand erwartet hatte, dass auch Additions- und Subtractions-Lo- 
garithmen möglich seien, und er gab sie uns, begleitet von Rech- 
nungsvorschriften und Beispielen. Bald kam es dahin, dass diese 
Gauss'schen Logarithmen einen nothwendig erachteten Anhang 
zu allen Tafeln der Briggischen bildeten. 

Mit der Trigonometrie glaubte man schon seit Vieta in Rieh- 



DIE IIIMMELSKUNDE IM 10. JAHKIIUNDEKT. 137 

tigkeit zu sein, und die Differentialrechnung hatte zwar in der 
Theorie manches umgestaltet, geschmeidiger und bequemer ge- 
macht, auf die Form der praktischen Berechnung jedoch keinen 
wesentlichen Einfluss ausgeübt. Gauss war es, der auch hier 
zeigte, wie viel noch zu thun übrig sei, der neue und elegante 
Formeln aufstellte, die freihch die älteren nicht ganz verdrängten, 
was Gauss auch gar nicht beabsichtigte; die aber für die prak- 
tischen Fälle nicht allein sehr bequeme, sondern auch sich scharf 
controHrende Resultate lieferten. 

Die Methode der kleinsten Quadrate, wie sie noch immer 
genannt wkd, ist zwar gleichzeitig auch von Legendre* erfunden, 
Gauss jedoch ist es fast allein, der sie ausgebildet und fortwäh- 
rend weiter entwickelt hat. Anw^eudbar auf alle Fälle, wo die 
Zahl der numerischen Daten grösser ist als die der gesuchten 
Unbekannten, findet sie ihi'e Verwerthimg also vorzugsweise in 
der Astronomie, die sich fast immer in dem bezeichneten Falle 
befindet. Später hat er durch Einführung von Winkelgrössen die 
Berechnung wesentlich erleichtert und war fortwährend bemüht, 
die Methode sowohl tiefer zu begründen und alles WillkürHche, 
das ihr mehr scheinbar als wirklich anhaftete, daraus zu ent- 
fernen; als auch für die praktische Ausführung, wie für Bestim- 
mung der mittleren und wahrscheiuUchen Fehlergrenzen alles so 
einzurichten und anzuordnen, dass gegenwärtig die Anwendung 
der Methode das Abschreckende, was sie anfangs darbot, grössten- 
theils verloren hat. 



* Adrien Marie LEGENDRE, geh. 1752 am 18. Sept., gest. 
1833 am 10. Jan., Professor der Mathematik zu Paris und einer 
der gründlichsten Forscher, dessen Werke vorherrschend der 
reinen höhern Mathematik angehören. Für Theorie der Astro- 
nomie finden wh' zunächst: 1784 Recher dies sur la figure des pla- 
netes, und er ist der erste, w^elcher den Beweis lieferte, dass eine 
flüssige, rotirende Masse nach den Gravitationsgesetzen nothwendig 
die sphäroidische Gestalt annehmen müsse; 1791 ein (mit Cas- 
sini und Mechain herausgegebenes) ExposS des Operations pour 
la jonction des observations de Paris et de Greemoich en 1787; 
1799 ein Memoire sur la determination d'un arc de mSridien; 
1806 eine Nouvelle methode pour la determination des orhites des 
cometes. In demselben Jahre begannen seine wichtigen Unter- 



1 38 GESCHICHTE DEK UIMMELSKUNDE. 

Wir übergehen seine rein mathematischen Untersuchungen, 
wie die Disquisitiones arithmeticae und anderes, zum Theil erst 
jetzt dem Drucke Übergebenes, und bemerken nur, dass er, so 
wenig auch das Halten öffentUcher Vorträge seiner persönlichen 
Neigung zusagte, doch manche sehr tüchtige Schüler gebildet hat. 
Encke steht unter letzteren wohl obenan, und da die Hoffnung 
auf ein eigenes Werk von Gauss über die Methode der kleinsten 
Quadrate so gut als verschwunden war, so gab Encke in den 
Anhängen zu seinem Berhner Jahrbuch einen längeren Aufsatz 
über diesen Gegenstand, nach Vorträgen seines I^ehrers wie nach 
eigenen Forschungen. 

Der vielbeschäftigte alternde Mann fand nicht mehr so gut 
als anfangs die Zeit zu grösseren Werken, und wir müssen es für 
ein Glück achten, dass die Theoria motus, seine umfassendste Ar- 
beit, schon 1809 veröffentHcht werden konnte. 

Diese Theoria motus, in welcher die bekannte Constante des 
Sonnensystems h zuerst definh't und angewandt wird, soll gegen- 
wärtig in einer deutschen Übersetzung von Haase, der früher in Han- 
nover lebte, erscheinen. Sie ist das einzige grössere astronomische 



suchungen über die Methode der kleinsten Quadrate, als deren 
Erfinder er und gleichzeitig Gauss zu bezeichnen sind. De- 
lambre's Einwendungen gegen diese Methode widerlegte er 
gründlich. 

Wiewohl er an den Vermessungs-Ai'beiten in Frankreich 
keinen praktischen Antheil nahm, so hat er sich doch um sie 
wesentlich verdient gemacht durch die strenge Berechnung der 
zahh'eichen Messungen und Ableitung der wahrscheinlichsten Re- 
sultate. Auch hatte er bereits 1787 die schwierige Messung in 
der Nähe von Dünkirchen beendet, wo eine Basis von 8167 Toisen 
gemessen worden war. 

1812 gab er eine Abhandlung: 8nr rattraetion des ellipsoides 
homogenes. Seine letzte Arbeit (mit Laplace und Poisson) ist 
eine Notice siir la comete de 1819, vom Jahi'e 1827. Dieser Komet 
war als elliptisch erkannt worden. 

Poisson gab: Discours prononce aux fxinSrailles de Le- 
gendre. 1833. 

Wir bemerken noch, dass ein F. Legen dre 1735 zu Paris 
erscheinen liess: f Arithmi'tique en sa 'perfection. 



I»IE llllIMELSKUNDE IM 19. JAHHIIUNDERT. 139 

Werk, das wir Gauss verdanken. Al)er zahlreiche kleinere Ab- 
liandlungen hat er in den Göttinger gelehrten Anzeigen, Zach's 
monathcher Correspondcnz, Bode's Jakrbtich und anderen Or- 
ganen erscheinen lassen, welche die Gesammtausgabe mit mehreren 
noch ungedruckten sammelt. — Als seine Gehülfen an der Stern- 
warte fungirten Goldschmidt* und Klinkerfues; — in den 
magnetischen Beobachtungen und Publicationen ist Wilhelm 
Weber sein Mitarbeiter. — Sein frühestes Werk, die JJüquisitiones 
arWimcticae, erschien 1861 in Leipzig. 

Hatte gleich Olbers seine so erfolgreichen Nachsuchungen 
seines vorgerückten Alters wegen geschlossen, so ward seine Stern- 



* Carl Wolfgang Benjamin GOLDSCHMIDT, geh. 1807 am 
4. Aug., gest. 1851 am 15. Fehr. Er erhielt seine erste Unter- 
weisung in seinem Geburtsort Braunschweig im Collegium Caro- 
linum, von wo er die Universität Göttingen bezog und hier 
vorzugsweise Astronomie und Mathematik studirte. Für eine Ab- 
handlung über Variationsrechnung erhielt er hier einen Preis von 
der philosophischen Facultät. Nachdem er 1831 die Doctorwürde 
erlangt, ging er nach der Schw^eiz und lehrte Mathematik am 
Fellenberg'schen Institut in Hofv.yl. Doch schon nach zwei 
Jahren ging er nach Göttingen zurück, erhielt die venia docendi 
und ward 1834, nach Harding's Tode, Assistent der Sternwarte, 
so wie 1844 Professor an der philosophischen Facultät. Eine 
Herzkrankheit, deren Symptome sich schon seit einigen Jahi-en 
gezeigt hatten, machte seinem Leben im 44. Jahre plötzlich ein 
Ende. — Von jüdischen Eltern geboren, trat er 1834 zum Luther- 
thum über. 

Seine hauptsächlichsten Werke waren: 

Determinatio Superficiei minimae rotatione curva, dato duo puncta jungentis, 

circa datum axem ortae. 1S34. (Preisgekrönt.) 
(Mit Weber) Atlas des Erdmagnetismus nach Gauss' Theorie. 1S40. 
Unterbrechungen über die magnetische Declination zu Göttingen (in den 

Göttinger Schriften, 1S45). 

Nach dem plötzlichen Tode von Eduard Schmidt gab er 
1834 dessen hinterlassene Analytische Optik heraus. 

Viele seiner Beobachtungen und Berechnungen finden sich 
in Schumacher's Astronomischen Nachrichten und in den Re- 
sultaten der Göttinger magnetischen Gesellschaft. 



140 GESCHICHTE DER HIMMELSKUOT)E. 

warte doch erhalten iiud er seihst bheb fortwährend literarisch 
thätig. Wh- verdanken ihm das bis dahin vollständigste Kometen- 
verzeichniss und mehrere gehaltreiche Aufsätze in den Astrono- 
mischen Nachrichten wie in Schumacher's Jahrbuch, das nach 
seinem Tode erschien. Doch ist die Anleitung zur Berechnung 
von Kometenbahnen sein einziges selbständiges Werk gebheben; 
es erschien in einer zweiten Auflage 1847, von Encke besorgt 
und mit vielen Zusätzen vermehi-t. Seinen Briefwechsel mit 
Bessel, der 33 Jahre umfasst, gab A. Ermann 1852 heraus. 

Vor dem Osterthore in Bremen, auf einem freien Platze, hat 
ihm seine Vaterstadt ein Standbild errichtet, zu dem 1844 bei 
Gelegenheit der Naturforscher -Versammlung der Grund gelegt 
wurde. Das Piedestal enthält auf zwei Seiten die Köpfe der 
Pallas und der Vesta; eine dritte zeigt uns 01b er s, den Ai'zt, 
am Krankenbett; und die vierte Olbers, den Astronomen, dem 
ein Genius das Fernrohr richtet. Die hohe Verehrung, die ihm 
von seinen Mitbürgern gezollt wird, gilt nicht weniger der Milde 
und Liebenswiii'digkeit seines Charakters, als seineu wissenschaft- 
hchen Leistungen. Seine reichhaltige Bibliothek, die manche selten 
gewordene Werke enthielt, ist durch Ankauf an die Sternwarte 
Pulkowa übergegangen. Er stai'b 1840. 



§ 163. 

Maskelyne, in den 47 Jahren seines Dii'ectorats bis an sein 
Lebensende thätig, war 1811 gestorben; John Pond ward sein 
Nachfolger. Er hat die Arbeiten in gleicher Weise fortgesetzt und 
ist unter Greenwichs Directoren der erste, der die Beobachtungen 
vollständig in jährhch erscheinenden Bänden veröffentlichte; sie 
werden einem künftigen Berechner derselben ein treffhches Ma- 
terial hefern. Zwar hat Pond es auch daran nicht fehlen lassen, 
und es erschien 1833 ein wohlgeordneter Katalog von 1112 Sternen, 
auf eigene Beobachtungen basirt; allein sowohl che in Anwendung 
gekommene Befi'action, als auch die übrigen von Pond gebrauchten 
Reductionselemente sind nicht die, Avelche wir heut zum Grunde 
legen: Bessel's Wunsch, dass sie neu reducü't werden möchten, 
ist bis jetzt unerfüllt geblieben, und so haben diese schönen und 
sorgfältigen Beobachtungen den Nutzen noch nicht gewährt, den 
sie gewähren könnten. 

Ausserdem hat Pond zahkeiche Abhandlungen für die Me- 



DIE IIIMJIELSKUNDE 151 19. JAimnUNDERT. 1 4 1 

moirs of the Astronomical Society so wie für die Philosophical Trans- 
aetions gegeben, welche sich über Aufgaben der praktischen Astro- 
nomie, über Orter und Eigenbewegungen der Fixsterne, Scliiefe der 
Ekhptik und andere Gegenstände erstrecken. Mit Brinkley in 
Dublin gerieth er in eine Controverse wegen der von letzterm 
publicirten Fixsternparallaxen. Über diese Controverse s. p. 05. 

Pond reichte geschwächter Gesundheit halber 1835 seinen 
Abschied ein und starb im darauf folgenden Jahre. Er hinter- 
lässt uns das Andenken eines Mannes, der seiner wichtigen Stel- 
lung würdig entsprach, und wir können nur mit Bessel wünschen, 
dass eine mit besseren Eeductions-Elementen ausgeführte Bear- 
beitung seiner Beobachtungen uns den ganzen Werth dieses Astro- 
nomen zeigen möge. 

An seine Stelle trat der gegenwärtige Director, George 
Biddel Airy. Er hatte eine Reihe von Jahren hindurch das 
Directorat von Cambridge geführt, auch einen Katalog der dort 
l)eobachteten Sterne gegeben, dies übergab er jetzt an Challis. 
Über seine Wirksamkeit in Greenwich späterhin. 

Gleichzeitig waren aber auch andere Forscher thätig. Lub- 
bock bearbeitete mehrere wichtige Punkte der Mondstheorie; 
auch die Störungstheorie im Allgemeinen und andere Gegenstände 
der Himmelsforschung hat er eingehend untersucht. Ivory machte 
die Attractionsverhältnisse der Sphäroiden, der wasserbedeckten 
Körper und Ähnliches zum Gegenstande seiner Untersuchungen. 
In mehreren seiner Abhandlungen bearbeitet er die Refraction 
und giebt Formeln flu' dieselbe. 

Auf der Pariser Sternwarte hatte Lalande* bis an seinen 



* Joseph Jerome Lefrancois de LALANDE, geh. 1732 am 
11. Jnli, gest. 1807 am 4. April. Der Komet von 1744 und die 
Sonnenfinsterniss von 1748 waren es, die in Lalande jene un- 
besiegbare Liebe zur Himmelskunde erzeugten; sehr gegen den 
Willen seiner Eltern, die alles daran setzten, dies zu verhindern. 
Er ist ein Schüler Beraud's in Lyon, der am dortigen Jesuiten- 
collegium Mathematik und Astronomie lehi'te. In Paris hörte er 
die Vorlesungen Lemonnier's, und als 1752 ein Astronom ge- 
sucht ward, der in Berlin die Beobachtungen machen sollte, die 
mit Lacaille's am Cap verghchen die Bestimmung der Mond- 
parallaxe zum Zweck hatten, schlug Monnier Lalande 



142 GESCHICHTE DI-U HßnrELSKIMDE. 

Tod (1807) das Directorat geführt. Jetzt kam es an Arago. der 
46 Jahre hindurch dem Institut vorstand. Eigenthch astrono- 
mische Beobachtungen hat er verhältnissmässig nur wenige ge- 
macht; wir bezeichnen als solche die Beobachtungen von 61 Cygni 



vor. Er erfüllte seine Mission und widerlegte so die Bedenken 
Friedrich' s IL, dem es schien, dass eine so wichtige Arbeit 
nicht einem so jungen Manne hätte anvertraut werden sollen. 
Wir würden vergebens versuchen, aller Arbeiten dieses thätigen 
Astronomen einzeln zu gedenken, da er fast auf allen Gebieten 
der Wissenschaft verbessernd eingewirkt hat, und überdies als 
Schriftsteller unablässig arbeitete. In letzterer Beziehung nennen 
wir die 15 Bände der Connaissance des temps, die er redigirte 
und in welche er die Berechnungen der Mondsdistanzen ein- 
führte; seinen voluminösen Traue de V Astronomie, das Hauptwerk 
für die damalige Zeit; seine Bibliographie astronomique, die von 
einer ungemeinen Belesenheit zeugt; die neue Ausgabe der Histoire 
des MathSmatiques von Montucla, deren letzte Theile von ihm 
herrühren; die zahlreichen Biographien verstorbener Akademiker 
und vieles Andere. Er führte zuerst die Harrison'schen Pendel 
in Frankreich ein, construirte ein eigenthümliches Heliometer zur 
Bestimmung des Sonnen- und Monddurchmessers und stellte die 
Sternwarte der Ecole militaire wieder her, auf welcher er mit 
seinen Gehülfen, meist Gliedern seiner Famihe, gegen 50000 Sterne, 
die den Inhalt der Histoire Celeste bilden, beobachtete. An Her- 
schel's Doppelsterne glaubte er nicht, wiewohl er sonst ihn sehr 
hoch stellte. Als Schriftsteller war er bis ins höchste Alter hinein 
thätig, und seine Chronique, die einen Anhang zur Bibliographie 
bildet, ist eine der Hauptquellen für die Geschichte der franzö- 
sischen Astronomie jener Zeit. 

Der Name Lalande ist in der Geschichte der Plimmelskunde 
nicht an seinen Hauptvertreter allein geknüpft. Dieser selbst hat 
folgenze Notiz: 

1720. Cette annee, un jeune astronome nomm^ de Li Lande, disciple du 
Chevallier de Louville, observait ä Carri pres d'ürleans; je trouve 
de lui rdmersion du prämier satellite de Jupiter du 18. Mai. 

Besser unterrichtet sind wir über 

Michel Jean Jerome Lefrangais de LALANDE, Neffe Josep-h 



DIE HIMMELSKUNDE IM ]9. JAHIilirNDKRT. 143 

zur Bestimmung der Parallaxe dieses Sternes, in Gemeinschaft mit 
Mattliieu, die ein Resultat von 0,5" zu ergeben schienen (was 
jedoch, nach dem eigenen Geständniss Arago's, bei einer späteren 
genaueren Reduction sich als eine Täuschung herausstellte); ferner 



Jerome's, geh. 1766 am 21. Aj>ril, gest. 1839 am 7. April. Von 
ihm sollen die meisten, wo nicht alle Beol)achtungen der Ilistoire 
Celeste herrühren. Nachdem er schon im 19. Jahre (1785) im 
Journal des Savans verschiedene von ihm herrührende Beobach- 
tungen veröffentlicht hatte, begann am 5. August 1789 die grosse 
Arbeit, die über den Schluss des Jahrhunderts fortdauerte und 
durch die französische Revolution, deren ganzer Verlauf in die 
Zeit dieser Beobachtungen fiel, nicht aufgehalten, kaum etwas ver- 
zögert wurde. 1799 gab er einen Catalogue de 600 etoiles princi- 
paks, perfectionne d^apres ses propres ohservations, und 1800 folgten 
(in der Connaissance des temps) 1500 etoiles nouvelles. 

Die Histoire Celeste, mit Hülfstafeln für die Reduction ver- 
sehen, diente schon lange Zeit den Astronomen, bis nach einem 
vollen Hall)jahrhundert die British Association eine vollstän- 
dige Durchberechnung veranlasste und den Katalog herausge- 
geben hat. 

Mane Jeanne Lefrancais de LALAXDE, geh. Harlay, Gattin 
Michel's, geb. 1768 und verheirathet 1788. Aber schon früher 
hatte sie sich durch zahlreiche Arbeiten als geschickte astrono- 
mische Rechnerin bekannt gemacht. In den zu London veröffent- 
lichten Tafeln fehlte noch eine allerdings sehr umfassende, aber 
auch wichtige: die Stunden für alle Sonnenhöhen \äe für alle 
geographischen Breiten. Marie schreckte nicht zurück vor der 
grossen Arljeit; sie begann 1789, vollendete das Ganze 1791 und 
die Assemblee nationale beschloss den Druck. — Sehr viel Mühe 
gab sie sich, zu den vier Cassini 's noch einen fünften heranzu- 
bilden, auch machte er einige Beobachtungen, hielt aber nicht 
aus und wählte einen andern Lebensberuf. 

3000 Sterne für die Connaissance des temps veröffentlichte sie 
1799 und sie hat später diese Reductionen noch weiter fortgesetzt. 
Auch ihre 1790 geborene Tochter Caroline führt Lalande in 
seiner Histoire mit auf, ohne jedoch Näheres über sie hinzu- 
zTiifügen, 



144 GESCHICHTE DER HDIilELSKirNTtE. 

eine Anzahl von Messungen des Jiipitcrsphäroids, die eine Be- 
stimmung des Abplattungscoefficienten zum Zweck hatten; es ergab 
sich ■^, Dagegen richtete er seine hauptsächlichste Thätigkeit 
auf physikalische, aber mit der Ilimmelskundc in naher Beziehung 
stehende Fragen. Namentlich wüssten wir unter den Physikern 
kaum einen namhaft zu machen, der so eingehend und erfolgreich 
das Licht, sowohl im Allgemeinen als das der "Weltkorper ins- 
besondere, experimentell bearbeitet hätte, als Arago. Wenn daher 
gleich eine vollständige und ausführliche Darstellung seiner Ar- 
beiten, die sich auch über Elektricität, Magnetismus und vieles 
Andere verbreiteten, einer Geschichte der Physik überlassen werden 
muss, so haben wir doch auch hier die Verpflichtung, diese wich- 
tigen Untersuchungen zu erwähnen. 

Die Arbeiten von Malus und andere gleichzeitige franzö- 
sischer und englischer Physiker im ersten Dccennium dieses Jahr- 
hunderts hatten der Undulationstheorie, die keinesweges neu, aber 
noch nicht entscheidend bewiesen war, den 8ieg verschafft. Die 
Sonne war nun nicht mehi' genöthigt, durch Aussenden materieller 
Strahlen fortwährend sich zu schwächen und zu verkleinern, und 
zwar, wie Maskelyne gefunden zu haben glaubte, um volle 
drei Secunden in vierzig Jahren. Eben so wenig brauchten die 
Fensterscheiben sich fort und fort von unzähligen Löchern durch- 
bohren zu lassen. Noch Newton hatte in dieser Beziehung ge- 
schwankt, und es bedurfte neuer Thatsachen der Beobachtung, 
um ganz sicher zu entscheiden. Die Polarisation des Lichts, die 
man jetzt entdeckte und allmälig genauer und an mehreren Kör- 
pern kennen lernte, gab endlich der Undulationstheorie ihr Recht 
und gleichzeitig ihr wahres Verständniss. Fortan waren Licht- 
wellen und Luftwellen, wenn gleich in ilirer Fortpflanzungs- 
geschwindigkeit millionenfach verschieden, doch in der Art, sie 
zu erklären, nahe verwandt und beide durch die Wasserwellen 
auch sinnhch repräsentirt. Arago, im Verein mit Ampere, hat 
am meisten dazu beigetragen, dieser noch neuen Lehre, in der 
fast alles erst festzustellen war, ein sicheres Fundament zu geben, 
ihren Zusammenhang mit anderen Erscheinungen, wie denen des 
Magnetismus und der Elektricität, nachzuweisen und insbesondere 
astronomische Fragen durch sie zu lösen. War es gleich längst 
ausgemacht, dass die Planeten und Monde mit erborgtem, die 
Sonne und die Fixsterne mit eigenem Lichte leuchten, so blieben 
doch noch andere Objecte, namentlich die Kometen, übrig, wo 



DIE IinniELSKUNDK IM 19. .lAHRIHNDKRT. 145 

verschiedene Annahmen als zulässig erschienen. Arago unter- 
suchte deshalb den Hall ey 'sehen Kometen 1835, indem er sein 
Licht im Polarisationsapparate auffing. In Gegenwart Humboldt's 
wurden die bezüglichen Versuche vorgenommen, und es ergab sich, 
dass der Komet zwei verschiedene Bilder gab, also mit er- 
borgtem Lichte strahle. Zw^ar waren auch bei diesem ziemlich 
hellen Kometen die Versuche schwierig, und die Farben der Bilder 
kaum oder gar nicht mehr erkennbar, aber die verschiedene In- 
tensität zeigte deutlich, dass hier nicht eigenes Licht vorkomme. 
Das Licht der Objecte, die untersucht werden sollen, muss nämlich 
eine gewisse Intensität besitzen, um polarisirt werden zu können, 
oder genauer gesprochen, diese für uns wakrnehmbar zu machen, 
und die schwächeren teleskopischen Sterne, so wie die Planetoiden, 
sind für solche Versuche zu lichtschwach. 

Arago's Arbeiten bilden den Ausgangspunkt aller späteren 
Entdeckungen und Ejiweiterungen auf diesem Felde. Die Photo- 
graphie, namentlich in ihrer Anwendung auf Astronomie, die 
Photometrie, die neueren Versuche deutscher Physiker, die man 
als Chemie der Gestirne bezeichnet hat, alles dies w^urzelt in den 
Arbeiten Arago's und der Physiker, die seinen Ansichten und 
Erörterungen sich anschlössen und mitwii'kten. 

Aber nichtsdestoweniger hat er auch für die Astronomie im 
engeren Sinne sich wesentliche Verdienste erworben. Seine Mit- 
arbeiter und Geliülfen an der Sternwarte fanden in ihm einen 
kundigen Rathgeber und Beförderer. Mauvais und Faye ent- 
deckten Kometen und fühi'ten unter seiner Leitung andere Ar- 
beiten aus. Das Annuaire de Paris, dessen Wohlfeilheit mit seinem 
reichen und wichtigen Inhalt ausser allem Verhältniss steht, giebt 
uns fast in jedem Bande, so lange er thätig sein konnte, Arbeiten 
von Arago über die verschiedensten Gegenstände. Wir führen 
von seinen zahlreichen Schriften hief nur einige der wichti- 
geren auf: 

Astronomie populaire. Paris 1S54 — 56. 3 Bde. 

Des Cometes en general, et en particulier de la Comete qiii doit reparaitre 
en 1S32. Paris 1S31. 

In diesem Werke tritt er einer damals in Paris sehr verbrei- 
teten Meinung entgegen: dieser (der Biela'sche) Komet werde die 
Erde „zertrümmern." Wir haben in Deutschland ähnliche Schriften 
gesehen, und es ist im hohen Grade beklagenswert!!, dass noch 

r. Mdiller, Geschichte (ler HiminRisTrunde. H. lU 



1-1 G GESCHICHTE DER niiIMi;LSKU>-DE. 

im 1 9. Jaluliundert Naturforscher sich genöthigt sehen, mit Wider- 
legung solcher Meinungen ihre kostbare Zeit zu vergeuden. 
Noch erwähnen wir: 

Analyse de la vie et des traveaiix de Sir "'/Villiani Ilerschel. Paris 1S43. 

Wir verdanken Arago eine beträchtliche Anzahl sehr instruc- 
tiver Biographien, besonders seiner Collegen in der französischen 
Akademie, in der er als secretaire jierpkuel fungirte. — ■ Seine 
eigene gab uns Flourens, auch Humboldt und Vrolik haben 
uns Beiträge gegeben, und ihm selbst verdanken wii* eine Hhtoire 
de ma jeunesse. 

Kleinere, meist in Zeitschriften zerstreute Abhandlungen sind 
in grosser Zahl vorhanden. — Nach seinem Tode begann man 
eine Gesammtausgabe seiner Werke, die in zwölf starken Bänden 
erschien und innerhalb acht Jahren vollendet war. 

Sein öffentliches politisches Leben gehört nicht in den Plan 
unseres Werks, wohl aber kann es als ein Beweis ,der hohen Ach- 
tung, die ihm in allen, auch den höchsten Kreisen gezollt wurde, 
angeführt werden, dass, als er 1851 es seineu Grundsätzen schuldig 
zu sein glaubte, den von der neuen kaiserlichen Regierung ver- 
langten Eid nicht zu leisten und lieber auf seine amthche Stel- 
lung ganz zu verzichten, ihm regierungsseitig der Eid erlassen 
und er in seiner Stellung bestätigt Avurde, die er auch bis zu 
seinem Tode inue hatte. 

Aber schon nagte der Wurm au seinem Leben; eine Reise 
in die Pyrenäenbäder, von der er Heilung erwartete, war wir- 
kungslos geblieben und am 3. October 1853 war ein thatenreiches 
Leben erloschen; er hat nahezu 68 Jahre erreicht. 



, § 164. 

Noch während seines Directorats ward in Paris eine der 
wichtigsten Arbeiten beendet, die je in der Himmelskunde ge- 
macht ivurden und die Avir in möglichster Vollständigkeit hier 
mittheilen wollen. 

Es ist oben der Arbeit von Bouvard über den Uranus ge- 
dacht worden, bei der es nicht gelungen war, die vorherschelschen 
Beobachtungen mit denen in Übereinstimmung zu bringen, die 
nach 1781 erhalteu worden waren. Aber nicht lange, so zeigten 
sich neue Abweicliungen, und man gewahrte, dass die Beob;ich- 



DIE HIMMELSKUNDE IM IIA .lAHRHUNDEKT. 147 

tungeu nach 1820 weder mit der ersten, noch der zweiten Pe- 
riode in befriedigender Weise stimmten. Eine erhebliche Einwir- 
kung auf die Uranusbahn können nur Jupiter und Saturn haben; 
die übrigen Planeten sind theils zu massenanu, theils der Sonne 
zu nahe, um noch auf Uranus zu wirken. Es lag nun nahe, an 
eine Änderung der Massen dieser beiden gewichtigsten Planeten 
zu denken. Al)er die noch zulässigen Änderungen bei ihnen 
zeigten sich ganz ungeeignet zui* Herstellung der gewünschten 
Harmonie. 

So entstand schon im Beginn des vierten Jahrzehends die 
]\Ieiuung, dass jene unerklärüchen Abweichungen von Störungen 
entstehen möchten, die von einem noch unbekannten Körper 
herrühren. Zum Sonnensystem musste er jedenfalls gehören, denn 
selbst angenommen, dass ein Fixstern noch in unser Sonnensystem 
herüber zu wirken im Stande sei; so waren die Differenzen viel 
zu stark, um so erklärt werden zu können, und überdiess, wie 
war es denkbar, dass Uranus so bedeutende, Satui'n und Jupiter 
dngegen keine solche Abweichungen zeigten. Ein Briefwechsel, 
bezüglich auf diesen Gegenstand, zwischen Bessel, John Her- 
schel und Gauss beginnt schon um diese Zeit, und die Mög- 
lichkeit, einen Weltkörper durch Rechnung zu entdecken, ist Ge- 
gegenstand lebhafter Verhandlungen. ]\Ian vergleiche darüber 
V. Lindenau* in seiner Abhandlung: ,,Zur Geschichte der Nep- 
tuns-Entdeckung," die er in den Astronomischen Nachrichten ver- 
öfientlichte. 



* Bernhard Aiajmt v. LTNDENAU, geh. 1780 am 11. Juni, 
gest. 1854 am 21. Mai Er hatte die juristische Laufbahn erwählt 
und fungirte im Anfange des Jahrhunderts als Assessor beim Kam- 
mercoUegium in Altenburg. Aljcr früh schon erwachte die Nei- 
gung zur Astronomie, und 1804 übernahm er für den im süd- 
lichen Frankreich weilenden Zach die Leitung der Sternwarte 
Seeberg, anfangs interimistisch, seit 1808 als wirklicher Director. 
Die 1813 beginnenden Kriege zogen ihn in die militärische Lauf- 
bahn, die er nach dem Frieden mit der administrativen vertauschte 
und in Weimar, Altenburg und Dresden hohe Stellungen, zuletzt 
die eines königlich sächsischen Premierministers, bekleidete. Aber 
seine Liebe zur Wissenschaft erkaltete nicht, und als er 1843 in 
die Buhe des Pjivatlebens sich zurückzog, bezeugten mehrere ge- 

10- 



148 GESCHICHTE DER HIHDIELSKÜNDE. 

Im Jahre 1833 beobachtete Airy eine Uranus-Opposition, aus 
der er den Schluss zog, dass Uranus in dei-selben gegen 80000 Meilen 
weiter Ton Erde und Sonne stand, als die Tafeln ergaben. Bisher 
war nur die Rede von Abweichungen in Länge und Breite gewesen; 
nun zeigte sich eine solche auch in der dritten Coordinate und es 
ward immer klarer, dass die Uranus-Elemente ungenügend waren. 
Wir wissen bestimmt, dass Bessel ernstlich an eine ähnhche Lö- 
sung dachte, wie sie ein Jahr nach seinem Tode Leverrier ge- 
lang. Aber er wollte zuvor noch mehrere Beobachtungsdata sam- 
meln, und so überraschte ihn Krankheit und Tod, bevor er die 
Arbeit beginnen konnte. 

Leverrier hatte bereits früher eine Arbeit unternommen, 
welche als Vorstudie zu seiner späteren angesehen werden kann. 
Er hatte die säculären Gleichungen von grosser Periode gründ- 
licher als seine Vorgänger untersucht und dabei sein Augenmerk 
namentlich auf Uranus gerichtet, wiewohl diese Arbeit noch durch 



haltvolle Aufsätze in den Astronomischen Nachrichten seine le- 
bendig gebliebene Theilnahme. 

Er redigirte längere Zeit die Monatliche Correspondenz und 
nach deren Aufhören mit Bohnenb erger die Zeitschrift für 
Astronomie. Wir verdanken ihm ferner die Tafeln für Mars, 
Venus und Merkur, von denen die beiden ersten noch im Ge- 
brauch sind; er gab den ersten annähernd richtigen Werth für 
die Parallaxe des Polarsterns, lange bevor die irgend eines andern 
Sterns ermittelt worden war. — So ist dieser wahrliaft edle und 
grosse Mann im 74. Jahre von uns geschieden, und sein letzter 
Wille noch war ein Act hoher Wohlthätigkeit. 

Wir führen hier noch an: 

1S05. Folgerungen aus Präcession und Nutation für Mondmasse, Erdabplattung 
und Mondparallaxe. 

1810. Dichtigkeit der Erde und deren Einüuss auf geographische Ortsbestim- 
mungen. 

1811. Versuch einer geschichtlichen Darstellung der Fortschritte der Stern- 
kunde im verflossenen Decennium. 

1841. Bestimmung der Nutations- und Aberrations-Constante. 
1849. Beitrag zur Geschichte der Neptuns-Entdockung. 

Die Montldy Notices von 1855, Nr. 15, enthalten biographische 
Notizen über ihn. 



DIR HLAIMEL.SKUNDK IM VJ. JAlIRHI'NüKIiT. 149 

nichts auf seine weiteren Untersuclumgen hindeutete, überhaupt 
die ganze Sache nur zwischen einigen Wenigen, und gleichsam in 
der Stille, verhandelt wurde. 

Es war im Januar 1846, wo Leverrier in der französischen 
Akademie anzeigte, dass er sich von der Existenz eines Planeten 
jenseit Uranus jetzt überzeugt habe und dessen Elemente zu be- 
stimmen hoffe. Wir müssen jedoch einiges Nähere in Betracht 
ziehen. 

Obgleich schon früher die Hoffnung, in den bekannten Kör- 
pern irgend einen Grund zu entdecken, der die Uranusstöruugen 
erkläre, aufgegeben war, so begann Leverrier dennoch mit einer 
solchen Untersuchung und gelangte zu folgendem Ergebniss: 

1) Die Störungen des Jupiter und Saturn können in keiner 
Weise, man setze ihre i\Lisse wie man wolle, die Abweichungen 
des Uranus erklären. 

2) Eben so wenig könnte eine Modilication der Schwerkraft 
wie etwa ein weiteres von höheren Potenzen der Entfernung ab- 
hängendes und in Xewton's Formel noch nicht vorkommendes 
Glied gerade diese Abweichungen erklären. 

3) Der unbekannte Körper, welcher diese Abweichungen her- 
vorbringt, kann sich nicht in der Gegend befinden, wo Jupiter 
und Saturn stehen, auch nicht diosseit oder jenseit nahe bei 
Uranus, sondern in einer beträchtlich grösseren Entfernung. 

Erwägen wir, dass, wenn ein solcher Körper existii'e und auf 
Uranus wirke, dann auch die Elemente, die ohne Berücksichtigung 
desselben für Uranus gefunden waren, also einer Verbesserung 
bedurften, die nicht einer abgesonderten Rechnung zugewiesen, 
sondern in der Hauptaufgabe als integrirender Theil derselben mit 
zu berücksichtigen waren, so ergaben sich als Unbekannte 

1) die Bahnelemente des gesuchten Uranusstörers, 6 Elemente, 

2) die Verbesserungen der Uranusbahn, ß Elemente. 

3) die Masse des störenden Körpers, 1 Element. 

Dreizehn Unbekannte also sollten ermittelt werden aus Daten, 
die nicht allein an sich selbst schon sehr klein erschienen, son- 
dern auch der Befürchtung Raum gaben, dass sie durch Beob- 
achtungsfehler vielfach anders erschienen, als sie in der That waren. 

Leverrier erwog, dass Breitenstörungen von einiger Erheb- 
lichkeit gar nicht vorlagen, der unbekannte Körper also von der 
Ebene der Urauusbahn nur wenig abweichen könne und die 
weitere Untersuchung also Neigung und Knoten, sowohl bei 



150 GESCHICHTE DEK HIMMEI,SKINDE. 

Uranus als seinem Störer, vorerst weglassen könne, und so ver- 
minderten sich jene dreizehn Unbekannte auf neun, immer noch 
eine weit grössere Anzahl, als hier zu wünschen war. 

Noch eine Erwägung trat hinzu. Der unbekannte Störer 
konnte nicht in sehr grossen Fernen gesucht werden; denn in 
diesem Falle würden die Unterschiede zwischen seinem Bahnhalb- 
messer und denen der übrigen Planeten relativ wenig verschieden 
gewesen sein, während doch die unerklärten Ungleichheiten nur 
in der Bahn des Uranus sich zeigten, was unvereinbar war. 
Nach der Titius' sehen Reihe, die für die übrigen Planeten 
nahezu stimmte (nämlich von Venus an gerechnet = a -\- b^~'^ . c 
für den n^^^ Planeten) ergab sich für den nächsten hinter Uranus 
stehenden die hypothetische Distanz 38, die der Forderung zu 
entsprechen schien, dass er weder sehr nahe, noch gar zu ent- 
fernt hinter Uranus zu suchen sei. 

Alles hier Angeführte trifft nur die Vorbereitungen zur Piech- 
nung, nicht diese in ihrer Ausführung, über die man das Detail 
bei Leverrier selbst, in seinem von den Astronomischen Nach- 
richten und an anderen Orten gegebenen Aufsatze, vergleichen 
kann. Selbstverständlich musste Leverrier bei einer so durchaus 
neuen Aufgabe sich alle Berechnungsformeln selbst entwickeln. 

Im August 1846 legte er der französischen Akademie vor 
(Comptes rendus 31. August 1846): 

Errechnete Elemente des noch ungesehenen Planeten. 
a = 36,154 
T z= 217,387 Jahre 
M= 318° 47' für 1. Jan. 1847 
n = 2840 45^ 
e — 0,10761 

woraus die Länge für jeden beliebigen Zeitpunkt ermittelt werden 
konnte. 

Es war sehr begreiflich, dass ein solches Resultat gerade von 
den gründlichsten Forschern mit einigem Misstrauen aufgenomme'n 
Avurde; dies aber hätte billig die Beobachter in Paris nicht ver- 
hindern sollen, am Himmel nachzusehen. Gleichwohl geschah dies 
nicht, und Leverrier sah sich veranlasst, ein Schreiben an 
Dr. Galle, der durch mehrere glückliche Kometen-Entdeckungen 
sich verdient gemacht hatte, zu richten und ihn zu Nachsuchungen 
aufzufordern. Das Schreiben kam am 23. September in Berlin 



DHC ]IIMMKLSKUNÜE IM l'J. JAIIIUICNDEUT. 151 

an, und ein glücklicher Umstand hatte Dr. Brom ick er kurz 
vorher seine Karte dieser Himmelsgegend im Manuscript vollenden 
lassen. Galle verglich sie noch an demselben Abend mit dem 
Himmel in der bezeichneten Gegend, fand einen Stern achter Grösse 
nahe an dem durch Leverrier's Bahnelemente bezeichneten Orte 
und überzeugte sich bald, dass dies wirklich der errechnete Planet 
sei. Noch nie hatte, wie Encke bemerkt, die Theorie einen so 
grossen Triumph gefeiert. 

Professor Zeune in Berlin schlug für den neuen Planeten 
den Namen Janus vor, den Leverrier nicht billigte, da nichts 
dafür spreche, dass dies der äusserste Planet sei. Vielmehr ver- 
lautete bald: „L'Academie s'est decide pour le nom Neptuns, 
le signe un trident." 

Der Name ward allgemein als passend befunden und von den 
übrigen Astronomen angenommen. 

Später machte Arago einen anderen Vorschlag: der neue 
Planet sollte Leverrier heissen. Dagegen erhob sich jedoch ge- 
wichtiger Widerspruch; und wenn gleich Schumacher in Altona, 
der die Astronomischen Nachrichten herausgab, sich geneigt zeigte, 
diesen Namen zu adoptiren, drang er doch nicht dui'ch: es ist bei 
Neptun geblieben. 

Kurz nach der Entdeckung erschien eine Abhandlung von 
Challis in Cambridge, durch den man ganz unerwartet erfuhr, 
dass ein junger britischer Astronom, John Cough Adams, sich 
dieselbe Aufgabe wie Leverrier gesetzt und auch zu einer ähn- 
Mchen Lösung gekommen war, die er aber nur Challis und Airy 
mittheilte. Letzterer hatte gewünscht, dass Adams untersuchen 
möge, ob die 1833 von ihm bemerkte grössere Entfernung des 
Uranus sich gleichfalls durch diesen Planeten erklären lasse, was 
Adams zu einer Pievision seiner Rechnung und zur Aufnahme 
dieses Umstandes in seine Untersuchungen veranlasste. Es fand 
sich in der That, dass der grössere Abstand sich so erklären 
lasse, er schrieb dies an Airy; allein bevor eine Bekanntmachung 
von dort aus erfolgen konnte, verlautete die in Berlin gemachte 
Entdeckung. 

Mit seiner gewohnten Heftigkeit erklärte sich Arago gegen 
diese „angebliche" Mitentdeckung, in der er geneigt war, nichts 
zu erblicken als einen Versuch, den Ruhm französischer Wissen- 
schaft zu schmälern. Indess spricht alles dafür, dass hier kein 
Plagiat vorlag: Adams hatte eben so wenig von Leverrier's 



15-2 GESCHICHTK DKK H1MMELSKU^D1:;. 

Arbeit, als dieser von Adams Kunde gehabt, und dass dieser erst 
nacli der Entdeckung damit hervortrat, war nicht seine Schuld, 
sondern durch Airy's Bemerkung veranlasst. Er hat später das 
ganze Detail seiner Rechnung in einer eigenen Schrift bekannt 
gemacht. 

So hat die Geschichte hier abermals, Avie bei der Buch- 
druckerkunst, dem Fernrohr und der Difi'erentialrechnung, eine 
Doppelentdeckung, und zwar von beiden Seiten bona fiele ge- 
macht, zu registriren. Wir glauben nicht, dass dies ein Zufall 
sei, doch gehört die weitere Entwickelung dieses Gedankens nicht 
hierher. 

Wir haben der Zweifel gedacht, die vor der Entdeckung von 
competenter Seite gebegt wurden; wir übergehen die Kritteleien 
Unberufener, die dies und jenes auszusetzen hatten an einer Ent- 
deckung, die zu verstehen sie unfähig Avaren, erwähnen jedoch 
einer Äusserung Babinet's in der französischen Akademie. Dieser 
wollte aus dem Umstände, dass die wirkHchen aus den Beobach- 
tungen berechneten Neptunselemente von Leverrier's errech- 
neten nicht unerheblich abweichen, den Schluss ziehen, dass nicht 
ein, sondern zwei Planeten diese Uranusstörungen veranlassten, 
nämlich ausser Neptun noch ein Planet in der Distanz 45. Aber 
Leverrier wies mit entscheidenden Gründen nach, dass ein solcher 
Schluss ganz unzulässig sei. 

Allerdings weichen die Elemente, wie wir sie jetzt kennen, 
von denen ab, Avelche Leverrier vor der Entdeckung gab. Die 
Distanz ist nicht 36, sondern nur wenig über 30, die Umlaufszeit 
folghch nicht '211 Jahre, sondern 166, und die Excentricität sehr 
gering. Aber zu der Zeit, wo Galle ihn entdeckte, stimmte der 
aus Leverrier's Bahn berechnete Ort nahe mit dem zusammen, 
der aus der wahren folgte, und hierin erblickten Viele nichts als 
„auch einen glücklichen Zufall." Betrachten wh' diesen „Zufall" 
etwas näher. 

Das Material, welches der liechnung zum Grunde lag, begann 
mit Flamsteed's Beobachtung 1690 und schloss mit denen von 
1845. Die Zwisclienzeit ist von der Umlaufszeit Neptuns nur um 
— verschieden. Nun wird in allen Fällen, wo Beobachtunsgreihen 
ZU untersuchen sind, das Hauptgewicht, caeteris paribus, auf An- 
fang und Ende der Reihe ftdlen, und zwar in diesem Falle vor- 
wiegend auf das Ende, da vorausgesetzt werden konnte, dass die 
Uranusörter von 1845 bei weitem genauer waren, als der isolhte 



DIK HIMMKI.SKI'NÜK IM 10. JAIIRHUNDKRT. 153 

von 16iJ0. So musste, bei richtigein Verfalireii, Levcrrier eine 
Bahn linden, die, wie verschieden auch immer von der wahren, 
doch um 1845 iicrum Örter Keferte, die nahezu üliereinstimmten 
mit denen, welche die wahre Bahn um dieselbe Zeit ergab. Will 
man nun gleichwohl von einem Zufall sprechen, so muss mindestens 
gesagt werden dass ein solcher Zufall nur dcij begünstige, der 
dessen würdig ist, und dass sich hier, wenn irgendwo, das Wort 
Sc hiller 's bewähre: 

Mit dem Genius steht die Natur iin ewigen Bunde, 
Was der eine A'er?prioht, leistet die andre gewiss. 

Es ist erinnert worden, man hätte den Uranus in ähnlicher 
Weise entdecken können, wir fügen indess zwei Bedingungen hinzu: 
1) sehr genaue Satui'nsörter, 2) einen Leverrier. Und was die 
Frage betrifft, ob man nicht den oder die etwaigen transneptu- 
nischen Planeten in ähnlicher Weise finden werde, so erinnern 
wii' daran, dass nahezu zwei Uranusumläufe bei Leverrier 's Arbeit 
zur Vergleichung vorlagen, zwei Xeptunsumläufe dagegen 332 Jahre 
umfassen. Mit unsern jetzigen Hülfsmitteln dürfte übrigens ein 
transneptunischer Planet noch immer sichtbar werden können, da 
es sogar möglich geworden ist, einen Trabanten Neptuns zu sehen. 

Nachdem Challis aus Gesundheitsrücksichten vom Directorat 
in Cambridge zurückgetreten war, ward Adams Director. 



§ 165. 

Wenn wü' aus der westlichen Halbkugel bisher nur wenige 
und sehr vereinzelt stehende Beiträge zur Himmelsforschung ver- 
zeichnen konnten, die überdiess noch meistens von dort wirkenden 
Europäern herrühren, so war jetzt ein Zeitpunkt herbeigekommen, 
wo auch dort ein Wetteifer sich zeigte, der zwar erst ein Men- 
schenalter umfasst, gleichwohl aber schöne und zahlreiche Früchte 
getragen hat. 

Die Unionsregierung in Washington hatte längere Zeit hin- 
durch von Astronomie nichts hören wollen, obgleich Avir unter 
ihren Präsidenten und anderen hohen Staatsbeamten Männer von 
sehr tüchtiger wissenschaftlicher Bildung antreffen, und Benjamin 
Franklin keineswegs vereinzelt dasteht. Gleichwohl schien es 
ihnen noch nicht an der Zeit, öffentliche Institute für Astronomie 
ins Leben zu rufen; und als Hassler mit einer Küstenvermessung 
der atlantischen Staaten beauftragt wurde, und er vorstellte, dass 



154 GESCHICHTE DEK HUraELSKUNDE. 

eine solche nicht ausgeführt werden könne, ohne auf gewissen 
Punkten die geographischen Coordinaten zu hestinimen, für die 
noch heinahe nichts vorlag, genehmigte der Senat zwar die Er- 
richtung temporärer Sternwarten zu diesem Zweck, jedoch mit 
der ausdrücklichen Verwahrung, dass dies nicht so verstanden 
werden dürfe, als sei damit die Gründung fester Sternwarten re- 
gierungsseitig heabsichtigt; diese Avolle man ganz entschieden 
nicht erbauen, 

Nichts ist gewöhnlicher als ungerechte Urtheile über trans- 
atlantische Zustände, und sie haben fast ausnahmslos ihren Grund 
darin, dass man sie mit europäischem Maassstabe messen will. 
Wir wollen uns des erwähnten Fehlers nicht schuldig machen. 
Noch war kein Halbjahrhundert seit Gründung des Staates ver- 
flossen, alle materiellen Kräfte des Landes waren aufs höchste ge- 
spannt worden, die Unabhängigkeit zu erringen; es galt nun 
Cultur des noch fast ganz jungfräulichen Bodens und andere Ar- 
beiten, die in Europa in ferner Vorzeit durchgeführt waren. Wer 
sich nur einigermaassen in der Geschichte der Union umgesehen, 
wird leicht erachten, dass hier noch kein Raum und keine Müsse 
für geistige Schöpfungen gegeben war. Verwechseln wir die 
Männer, die das meist undankbare Geschäft der Leitung der 
öffentlichen Verhältnisse übernommen hatten, nicht mit den Mönchs- 
orden des 16. und 17. Jahrhunderts, deren Feindschaft gegen die 
Wissenschaft eine principielle war. Das war sie dort entschieden 
nicht, und wer sich mit Naturwissenschaft beschäftigte, er konnte 
sicher sein vor den Unbilden, die einen Kepler und Galiläi 
trafen. 

Bei der erwähnten Küstenvermessung war auch in Washington 
eine solche „temporäre" Sternwarte errichtet .worden, und die 
Vermessungen wurden hier deponh-t. Dies schien den Astronomen 
eine günstige Veranlassung, um eine Sternwarte gewissermaassen 
einzuschmuggeln. Der Antrag auf Errichtung eines ,, Depot for 
Charts and Instruments" erhielt die officielle Genehmigung, und 
dieses Depot gehörte zum Ressort des Kriegsministeriums. Die 
Einrichtung datirt von 1831. Der erste Vorsteher Wilkes trat 
bald zurück und der Flottenlieutenant Gilliss* ward zu seinem 



"^ James GILLISS, geh. 1811 am 6. aS^;^^., gest. 1865 am 9. Fehr. 
Zu Georgetown im District Columbia geboren, trat er 1827 in die 



DIE HnDrELSKUNDE IM 19. JAHEHUNDEBT. 155 

Nachfolger bestimmt. Dieser benutzte sofort ein Passagen-Instru- 
ment zur Anstellung einer bedeutenden Reihe von Rectascensions- 
beobachtungen und veröffentlichte sie als erste Frucht einer Stern- 
warte, der es noch nicht gestattet Avar, sich als solche zu be- 
zeichnen. W. C. Bond stand einem ähnlichen Depot in Dor- 
chester vor. 

Bartlett kam von seiner nach Westpoiut unternommenen 



Marine der Vereinigten Staaten, in welcher er rasch zu höheren 
Graden betordert wurde. Er nahm Theil an der Küstenvermessung 
unter Wilkes, und als dieser zu einer "tt-issenschaftlichen Reise ab- 
ging, besorgte Gilliss die Beobachtungen, welche behufs jener Ver- 
messung anzustellen waren, in oben erwähntem kleinen zum „Depot 
für Kai-ten und Instrumente" bestimmten Local, nahe dem Capitol in 
Washington. Der Eifer, mit dem er hier den astronomischen Ar- 
beiten, gleichsam unter den Augen des Congresses, oblag, trug 
bedeutend dazu bei, dass dieser den Beschluss fasste, ein grösseres 
und AAÜrdiger ausgestattetes „National Observatory" zu errichten, 
zu dessen Director Maury ernannt wurde, während Gilliss bei 
verschiedenen Expeditionen thätig war und bald nach Südamerika 
abging, wo in S. Jago de Cliile eine interimistische Sternwarte 
errichtet ward, auf welcher Gilliss zahbeiche Beobachtungen 
machte. Bald nach seiner Rückkehr verliess Maury dieselbe, 
um sich dem südstaatlichen Aufstande anzuschliessen, und Gil- 
liss ward an seiner Stelle Director. Nur wenige .Jahre sollte 
der thätige Manu sich dieser Stellung erfreuen. Ohne vorange- 
gangene Ki'ankheit und im kräftigsten !Mannesalter machte am 
Morgen des 9. Februar ein Schlagfluss seinem Leben ein plötz- 
Kches Ende. Eine Wittwe und fünf Kinder betrauern ihn. 

Unter seinen zahlreichen Schriften nennen wir insbesondere 
das umfassende, die südamerikanische Expedition betreffende Werk, 
unter dem Titel: 
The U. S. Naval Astronomical Expedition in the Southern Hemisphere 
during the years 1S49 — 52, 6 vols in 4. "Washington 1S55 — 59, 

dessen astronomischen Theil Gilliss verfasste, wäkrend er auch 
an den übrigen mitgearbeitet hat. Auch schrieb er über die Fin- 
sterniss von 1858. Hotfentlich wird von seinen liinterlassenen 
Manuscripten noch Manches der Öffentlichkeit übergeben werden 
können. 



156 OESCHICIITE DEK HlMilELSKUKDE. 

Inspectionsreise zurück und empfahl aufs dringendste die Erwei- 
terung des seit neun Jahren bestehenden Instituts, und nach zwei- 
jährigen unablässigen Bemühungen erwirkte er einen Beschluss, 
der 25000 Dollars zu diesem Zwecke bewlligte. Mau hatte in- 
dess für nöthig befunden, das Gutachten nicht allein mehrerer 
amerikanischen Gelehrten, sondern auch europäischer von an- 
erkanntem Ruf darüber einzuholen. So entstand ein Bau von 
120 Fuss Front, dessen Mitteltheil ein Dachthurm überwölbte. 
Grosse Instrumente wurden in Europa bestellt, das Münchener 
Institut lieferte einen Refractor von 15 Fuss Brennweite, und es 
entstand eine der Hauptstadt eines grossen Staatenbundes in der 
That würdige Sternwarte, aber noch immer unter dem obigen 
Namen. Dieser ward später allerdings mit dem eines National 
Observatory vertauscht; die Ressortverhältnisse aber blieben die 
alten. Der Kriegsminister, speciell der Secretär des Navy Depar- 
tement, bildet die Oberbehörde. 

Inzwischen war auch an mehreren Punkten des Unionsgebietes 
ein Eifer erwacht, der es sich ernstlich angelegen sein Hess, das 
früher Versäumte nachzuholen. Der grosse Komet von 1843 war 
erscTiienen und am hellen Tage dicht neben der Sonne gesehen 
worden. In Cambridge (im Staate Massachusets) beschäftigten 
sich damals mehrere Private mit Astronomie, das Pubhcum ver- 
langte von ihnen Auskunft über das nie gesehene Phänomen: 
„Wir können sie nicht ertheilen," entgegneten diese, ,,denn es 
fehlen uns die Mittel, die Sache zu untersuchen." Die Antwort 
war nicht nur richtig an sich selbst, sie war es auch in Beziehung 
auf den Charakter des dortigen Publicums. Schnell trat ein Co- 
mite zusammen, reiche Beiträge wurden unterzeichnet und, noch 
ehe der Komet verschwunden war, hatte man die Älittel in Be- 
reitschaft, dem europäischen Pulkowa ein amerikanisches gegen- 
überzustellen. 

Im fernen Westen, in Cincinnati (sonst auch Porcopolis ge- 
nannt, da Schweinezucht den Hauptgegenstaud des dortigen Be- 
triebs und Handels ausmacht) hatte der energische 0. M. Mitchell* 



* Ormshy Mac Knigld MITCHELL, geh. 1810 am '2S. August, 
gest. 1862 am 30. October. Als die Sternwarte in Cincinnati 
fertig war, beobachtete er vorzugsweise Doppelsterne und Nebel- 
flecke. Gleichzeitig gab er den Sidereal-Messenger, das erste 



DIK HTMMELSKÜNDE IM 19. JAimnUNDERT. 157 

Öffentliche Vorträge über Himmelskunde gehalten. Glühender 
Eifer für seinen Gegenstand, und eine ansprechende Diction des 
Vortrags begeisterten die biederen Handwerker, Landwirtlie und 
Viehzüchter, und am Schlüsse trat er mit dem Vorschlage auf, 
eine astronomische Gesellschaft zu gründen, eine Sternwarte zu 
erbauen und ein grosses Fernrohr anzuschati'en, damit jeder 
der Zuhörer Gelegenheit habe, die Wunder des Himmels, von 
denen sie vernommen, selbst anzuschauen. Dies wirkte; eine 
ansehnliche Summe ward unterzeichnet und Mitchell von dem 
ernannten Comite beauftragt, nach Europa zu reisen und die 
Instrumente in Bestellung zu geben. Er reiste ab, besorgte 
alles, aber inzwischen war eine schwere Geldkrisis in den Ver- 
einigten Staaten ausgebrochen und entmuthigte die Subscribenten. 
Bei seiner Rückkehr drang man in ihn, alles wieder rückgängig 
zu machen. „Das sei unmöglich, die Arbeit schon zu weit vorge- 
rückt, jetzt solle und müsse ausgeführt werden, was beschlossen 
worden." Und er führte es aus. Wo kein Geld zu erlangen war, 
nahm er vorlieb mit ^laterial, ja mit Handarbeit. Er selbst griff 
zu Spaten und Maurerkelle, arbeitete rüstig am Bau mit, und so 
ist diese Warte sein Werk im buchstäblichsten Sinne des Wortes. 
Schon 1846 hatte er die Freude, seine Sternwarte erstanden und 
ausgerüstet zu sehen mit einem Befractor von 16 Fuss Brennweite, 
einem schönen Meridiankreise und anderen kleineren Instrumenten. 
Der Besuch war so zahkeich, dass er nur mit Mühe einen Tag 
in der Woche für sich selbst zu eigenen Arbeiten reserviren 
konnte. Mitchell war nach Gould's Abgange zum Director der 
Sternwarte Albany berufen, starb jedoch bald darauf, 52 Jahr alt, 
nachdem man ihn zum Generalmajor befördert hatte. 

Dem Amerikaner fällt es schwer, die wissenschaftliche Su- 



astronomische Journal Amerika's, heraus. Seine amtliche Stel- 
lung als Ingenieur bei der Armee der Vereinigten Staaten 
unterbrach diese Thätigkeit, da er mit dem Baue von Eisen- 
bahnen in den westlichen Districten beauftragt war. Zu seinen 
Entdeckungen gehört der schwer sichtbare Begleiter des Antares; 
auch die Rotation des Mars bestimmte er durch eigene Beobach- 
tungen. Der Siilereal-Messenger konnte sich dagegen nicht er- 
halten; mit dem vierten Bande ging er ein. 

Noch erschien von ihm: The orhs of heaven. London. 



1 58 flESCHICHTE DER HliDIELSKC^'DE. 

periorität des Europäers anerkennen zu müssen, während er sich 
im Politischen hoch über ihn erhaben hält; und wer es ver- 
steht, ihm von dieser Seite beizukommen, kann seines Erfolges 
gewiss sein. 

Wir fügen hier noch die Sternwarte Albany hinzu, die grössten- 
theils der Freigebigkeit einer Dame, Blandina Dudley, ihre 
Entstehung verdankt. Sie galj anfangs loOOO, später noch 14500 
Dollars zu den Kosten, iiberhaupt zwei Drittel der gesammten 
Summe; und die Ausrüstung ist eine vortreffliche. 

So bestehen jetzt ausser dem National Observatory in Washing- 
ton gegen dreissig grössere und kleinere Warten iu der Union, 
indess nur zwei in den vormaligen Sklavenstaaten (Tuscaloosa in 
Alabama und Charleston in Süd- Carolina); alle übrigen in den 
Gebieten, die im letzten Kampfe auf der Seite des Nordens standen. 
Zwei derselben, das National Observatory und eine kleine zu 
Georgetown, sind von der Centralregieruug gegründet, die anderen 
von Communen, Corporationen und einzelnen Privaten. 

Der Geist der Forschung, der fast plötzlich in der Union er- 
wacht ist, hat nach den Grenzländern hinübergewirkt; in Quebeck 
(Canada) und in Mexico sind gut ausgerüstete Sternwarten ent- 
standen, und wir werden sogleich sehen, dass auch Südamerika 
nicht theilnahmlos geblieben ist. 

Man wünschte nämlich, der noch immer statttindendeu und 
auf viele wichtige Fragen so nachtheilig einwirkenden Ungewiss- 
heit rücksichtlich der Sonnenparallaxe dadurch ein Ende zu 
machen, dass man die Parallaxen der Venus und des Mars unter- 
suchte. Gerling in Marburg hatte den Plan dazu entworfen und 
Gilliss ging mit mehreren Begleitern und ausgewählten Instrumenten 
nach S. Jago de Chili, um hier, in einem herrlichen Klima funter 133 
auf einander folgenden Nächten waren nur fünf nicht ganz heiter j, 
die beiden Planeten mit Sternen, die voraus verabredet und Ije- 
rechnet waren, zu vergleichen; dieselben Beobachtungen sollten 
dann in Washington und anderen gut ausgerüsteten Sternwarten 
der Union angestellt werden und die Vergleichuug der im Norden 
und Süden gemachten Observationen die Parallaxen dieser Planeten 
geben, woraus man die der Sonne folgern kann. 

Die Arbeiten der Expedition, die auch andere wissenschaft- 
liche Zwecke verfolgte, dauerten über ein Jahr. Allerdings ver- 
fehlte sie ihren Hauptzweck, denn Ungunst der Witterung und 
andere Umstände hatten die Beobachtungen im Norden so be- 



DTE IIIMMELSKUNDF. IM 19. JAlIRlirNDKRT. 1 59 

einträchtigt, dass viel ;^u wenig unmittelbare Vergleichungen ge- 
macht werden konnten. Durch Zuziehung anderer, namentlich 
auch euro2:)äischer Beobachtungen, suchte zwar Gilliss Aushülfe 
zu verschaffen, jedoch auch hier war der Erfolg wenig befriedi- 
gend. Da die Beobachtungen bei der Culmination in Europa und 
Amerika der Zeit nach um etwa sechs Stunden auseinander liegen, 
so war schon allein deshalb von der Vergleichung nicht viel Er- 
folg zu erwarten. 

Dagegen wurde etwas erreicht, worauf ursprüuglich gar nicht 
gerechnet war. Als Gilliss und seine Begleiter sich zur Abreise 
anschickten, machte die chilenische Regierung der nordamerika- 
nischen den Vorschlag, ihr die astronomischen Instrumente und 
die in S. Jago getroffenen localen Einrichtungen käuflich zu über- 
lassen, da sie wünsche, in S. Jago eine permanente Sternwarte zu 
errichten. Das für beide Tlieile vortheilhafte Anerbieten ward 
angenommen, der Ankauf kam zu Stande, und so hat das west- 
liche Litoral Südamerika's seine erste feste Sternwarte erhalten. 
Begreiflicherweise fand sich kein Landeseiugeborener befähigt 
zur Leitung des Instituts; G erlin g schlug einen Hessen, Karl 
Moesta, zum Director vor; er und sein Gehülfe Volkmann sind 
jetzt an dieser Sternwarte thätig. 

Schon früher hatte die Ostküste Südamerika's einzelne Stern- 
warten gesehen; einige haben nur temporär bestanden. Gegen- 
wärtig können Buenos Ayres (wo Dwerhagen und Mossotti 
längere Zeit wirkten) und Rio Janeiro, mit Liais als Director, 
aufgeführt werden. Auf einigen westindischen Inseln bestehen 
oder bestanden kleine Sternwarten; das Innere Südamerika's hat 
noch nie eine solche gehabt und scheint nach seinem Cultur- 
verhältniss auch wenig geeignet, xihnliches so bald ins Leben 
treten zu sehen. 

§ 166. 

Wenden wii' uns nach Afrika, so finden wir Cairo und die 
Cap-Sternwarte in erfreulicher Thätigkeit; erstere gegründet von 
Mehemed, Pascha von Egypten, letztere von der britischen Re- 
gierung. Director der erstem ist Mahmud Ismail, der an Stelle 
des entlassenen ersten Directors, Lambert Bey, getreten ist; auf 
letzterer wdrkt Maclear, nachdem Fearon 1830, bald nach Voll- 
endung des Baues, gestorben, und Henderson, sein Nachfolger, 
nach Edinburgh versetzt wurde. S. Helena war unter Johnson's 



160 GESCHICHTE DEK HIMMELSKUNDE. 

Direction sehr thätig; seit seinem Abgänge nach Oxford 1838 ver- 
lautet von dort nichts mehr. Einzelne Beobachtungen, namentlich 
über Kometen und Sonnenfinsternisse, sind von verschiedenen 
Orten her bekannt geworden; eine feste Sternwarte jedoch scheint 
weder die Insel Bourbon, auf welcher la Nux um die Mitte des vorigen 
Jahrhunderts beobachtete, noch Algier zu besitzen, wo Laussedat 
die Sonnenfinsterniss von 1860 besser beobachtete, als der ver- 
worrene und unverständliche Bericht im Ahhhar vermuthen hess. 
Auch der Pic von TeneriÖa, dessen unvergleichlich schönes Klima 
wir durch Piazzi Smyth's Beobachtungen kennen gelernt haben, 
hat noch Niemand bewogen, dort etwas für Himmelsforschung zu 
thun, und doch wie Vieles könnte hier ausgeführt werden, was 
an anderen Orten selbst mit den kräftigsten Instrumenten ver- 
gebens versucht werden möchte ! Umsonst wartet auch Alexandria's 
Museum der Wiedererstehung, und in Marocco scheint man ganz 
vergessen zu haben, dass hier vor 7 — 800 Jahren arabische Him- 
melsforscher wirkten und ihre Wissenschaft über die Meerenge, 
nach Spanien, hinübertrugen, wo Alphons der Weise sie mit 
offnen Armen aufnahm. Hofi'en wir, dass dies nicht auf immer 
fromme Wünsche bleiben; denn wenn gleich die Schrecken der 
Wüste einerseits und der Fanatismus andererseits für das Innere 
des Continents nichts erwarten lassen, so sind doch Küstenpunkte 
und Inseln genug im Besitz oder doch unter dem Einfluss euro- 
päischer Mächte, die es wohl zu würdigen wissen, welch Avohl- 
thätige Folgen für alle anderen Verhältnisse die Cultur der Hini- 
melskunde darzubieten im Stande ist. 

Asien, das uns an mehreren Punkten alte Culturstätten 
zeigt, die schon in frühester Zeit Himmelskunde cultivirten, bietet 
gegenwärtig im Ganzen und Grossen kein erfreuliches Bild. Der 
gesammte Norden, wie sehr auch den dort ausgeführten, und 
mehi' noch den künftig auszuführenden Arbeiten mindestens eine 
feste Sternwarte nöthig wäre, hat bis jetzt nur temporäre gesehen. 
Die Venusdurchgäiige, so wie die seit de l'Isle und Krassilnikoff 
dort wiederholt ausgeführten geographischen Arbeiten, namentlich 
die jüngste von Ludwig Schwarz in Ostsibirien, machten die 
Aufstellung von Beobachtungs-Instrumenten an gesicherten Orten 
erforderlich; aber sie wurden nach Erreichung des speciellen 
Zweckes wieder abgenommen. 

Eben so wenig finden wir in Mittel- und Hochasien noch ir- 
gend etwas erhalten, was an die Blüthenzeit usbekischer, nioiigo- 



DIE HIAIMELSKUNDE IM 19. JAHRHUNDERT. 161 

lischer, armenischer Wissenschaft erinnerte. Theilnahmlos geht 
der Araber und Perser an den Stätten vorüber, die einst das 
heilige Feuer wahrten, dass es nicht ganz ericische auf Erden. 
Die Wiederherstellung Bagdads beabsichtigte nur, den Vermes- 
sungen Beauchamp's einen festen Ausgangspunkt zu verschaffen; 
als diese vollendet waren, ging sie wieder ein. 

So bleiben nur Indien und China, wo wir Madras, Poonah, 
Bombay und Trevandrum, wie Chouringhy bei Calcutta und noch 
einige andere Orte antreffen, die indess auch nicht alle fortwäh- 
rend thätig sind, weniger aus Mangel an Instrumenten, als an 
Beobachtern. So ging Lucknow ein, weil Major Wilcox von dort 
versetzt wurde. — Noch stehen die hohen gemauerten Warten 
in Delhi, Benares und anderen Orten, zu denen man auf sehr 
breiten steinernen Treppen hinanstieg, um auf der oberen Platt- 
form die Beobachtungen anzustellen; dass sie jedoch dem heutigen 
Bedürfniss in keiner Weise genügen können^* bedarf kaum der 
Erwähnung. 

Auf verschiedenen Punkten dieser weiten Gebiete treffen wir 
auf historische Erinnerungen: Ceylon, Madura, Siam haben ihre 
Blüthenzeit gehabt, und die in Verse gebrachten Hegeln, nach 
denen sie höchst mühsam Sonnenfinsternisse berechneten und sy- 
nodische Planetenumläufe bestimmten, sind noch erhalten; alles 
Andere jedoch ist längst verschwunden. 

Batavia auf Java war zu verschiedenen Zeiten, nicht dauernd, 
eine Sternwarte; sie ist es auch in jüngsten Jahren wieder ge- 
worden, seit Oudemanns dort seine geodätischen Arbeiten aus- 
führt und dieselben von Zeit zu Zeit unter dem Titel: Verslag van 
de Dienstreizen nach Europa gelangen lässt. Eine feste, wohl- 
ausgerüstete Sternwarte auf einer der sundischen Inseln wäre von 
grösster Wichtigkeit. Wie viele interessante Momente, die jetzt 
ganz verloren gehen, könnten dort erhalten werden I 

China, über dessen Sternkunde Avir an mehreren Orten dieses 
Werkes berichtet haben, war seit Aufhebung des Jesuitenordens 
für die Wissenschaft erstorben, denn dass Macartney's Gesandt- 
schaftsreise unter anderen Geschenken auch ein kostbares Her- 
schel'sches Teleskop für den Kaiser Kien -long mitbrachte, hatte 
nicht die erwarteten folgen. In Yuen-min-yuen, einem Lust- 
schlosse in der chinesischen Tatarei, lagen die Geschenke unbe- 
nutzt, und wir zweifeln billig, ob jenes Teleskop noch vor- 
handen sei. 

V. Mädler, Geschichte der Hiirimelskunde. II. ■'■■' 



1C2 GESCHICHTE DER HIMMEl.SKUXDE. 

Gegenwärtig ist mit dem Hutcl der russischen Gesandtschaft 
in Peking eine kleine Sternwarte verbunden, und Neumann war 
bestimmt, ihre Leitung zu übernehmen. Aber er hat China gar 
niclit erreicht, sondern ist in Nertschinsk gebheben, um einem 
andern Berufe sich zu widmen. Die Geographische Gesellschaft, 
die in Petersburg unter dem Präsidium des Grossfiu'sten Con- 
stantin besteht, hatte also eine andere Wahl zu treffen; einst- 
weilen aber ruhte in China wäe in den übrigen Ländern Ostasiens 
die Wissenschaft. Jetzt ist Pritsche von Petersbm-g dorthin ab- 
gegangen. 

Noch bleibt uns übrig, von Australien zu sprechen. Bis 
jetzt ist nur der Continent an einigen Punkten der Südostküste 
mit Sternwarten ausgerüstet; insbesondere hat der Gouverneur 
Thomas Macdougall Brisbane, ein warmer Freund der Him- 
melskunde, in Paramatta eine schöne Sternwarte gegründet, auf 
der zuerst Rümcker, sodann Dunlop arbeitete. Hobarttown auf 
Tasmanien ist hauptsächlich meteorologische Station; doch finden 
sich auch astronomische Instrumente hier, die zur Zeitbestimmung 
wie zu anderen gelegenthchen Beobachtungen ebenen. 

Wir dürfen hoffen, dass Neuseeland, als Antipode West- 
europa's eine der wichtigsten Localitäten, nicht mehr allzulange 
auf eine gute Sternwarte harren wird. Wir finden auf Otahiti 
das Vorgebirge, wo Cook 1769 den Venusdurchgang beobachtete, 
mit Cap Venus bezeichnet; gönnen ihm den schönen Namen, aber 
noch freudiger würden wir es begrüssen, wenn in dieser herrlichen 
Gegend, die den Sirius im Zenith erblickt, ein bleibendes Obser- 
vatorium errichtet würde, wozu sich noch mancher andere Punkt 
des grossen Oceans eignen möchte. 

Wir erinnern uns und wissen es zu würdigen, dass Gauss 
geäussert hat: ein neuer Berechner sei mehr werth als zwei 
neue Sternwarten. Für Mitteleiu'opa sind wu' gern bereit, es' zu 
unterschreiben, doch auch nur für dieses. Aber soll eine Zeit 
kommen, wo es keinen ungesehenen Kometen, keine versäumten 
Sonnenfinsternisse und Ähnliches mehr giebt, wo die Fixsteni- 
kataloge über alle Zonen sich gleichmässig verbreiten, so kann es 
nur eine solche sein, wo die Cultm- der Himmelskunde in jenen 
weiten aussereui'opäischen Gebieten nicht mehr brach liegt. 



DIE HIMMELSKTINDE nr 19. JAIIEIIUNDERT. 1G3 

§ 167. 

Fast vier Deccnuien waren verflossen, seit Olbers die Vesta 
entdeckt hatte, und schon hatte man die aiifilngliche Hoffnung, 
noch mehrere kleine Planeten zu finden, aufgegeben. Das 1824 
begonnene Unternehmen der Berliner akademischen Sternkarten 
ward unter andern auch dadurch motivirt, dass bei dieser Ge- 
legenheit die noch übrigen Planetoiden entdeckt werden würden; 
allein auch hier wollte sich nichts finden. Da erschien unerwartet 
in der Berliner Zeitung vom 12. December 1845 die Anzeige eines 
in der Himmelskunde jetzt zum erstenmale genannten i\Iannes, des 
Postmeisters Hencke in Driesen, dass er in der Nacht des 8. De- 
cember einen neuen Planeten gefunden habe. Er hatte die Ent- 
deckung brieflich an Encke gemeldet, eine allerdings nur auf 
Schätzung beruhende Ortsangabe beigefügt und gleichzeitig ge- 
l)eten, ihm einen Namen zu geben. Man sah in Berlin nach, fand 
die Entdeckung bestätigt, und Encke wählte für den neuen 
(zwölften) Planeten den Namen Astraea. 

.Jetzt erfuhr man, dass Hencke in aller Stille schon 20 Jahr 
lang den Himmel eifrig studirt und sich Sternkarten entworfen 
hatte, welche für die von ihm untersuchten Gegenden nocb de- 
taillirter als die Berliner akademischen waren. So lange hatte 
der unverdrossene Mann „zu seiner Erholung" nach Planeten ge- 
sucht, bevor ihm diese Genugthuung ward. Aufs eifrigste ward 
Astraea nun in Berlin und an anderen Orten, namentlich auch 
in Pulkowa, beobachtet, und sehr bald zeigte sich, dass sie zur 
Kategorie der Planetoiden zähle; die Elemente wurden bestimmt 
und die Arbeit für die Ephemeriden war um einen Planeten ver- 
mehrt. Es ergab sich, dass sie nicht in die Himmelsgegend ge- 
langte, wo die Bahnen der vier älteren Asteroiden nahe zusammen- 
kommen. 

Dem unermüdlich forschenden, einfachen Manne gelang im 
Sommer 1847 noch eine zweite ähnliche Entdeckung. Diesmal 
ersuchte er Gauss um einen Namen: dieser wählte Hebe. Man 
hatte einmal angefangen, den zwischen Mars und Jupiter aufgefun- 
denen Planeten die Namen weiblicher Gottheiten zu geben, nnd 
fuhr darin fort. 

Die Bahn war nun gebrochen, und was im Posthause zu 
Driesen begonnen worden, setzte sich- fort in den folgenden Jahren, 
und setzt sich noch heut fort. Wenn man anfangs sich damit 

11* 



1 64 GESCHICHTE DER HIJniELSKÜNDE. 

begnügte, das Dutzend voll zu sehen, so haben wir jetzt schon 
das volle Hundert überschritten. Nachdem 1846 ohne eine solche 
Entdeckung vorübergegangen, — denn die Neptuns-Entdeckung 
gehört nicht hierher, — folgte 1847 mit drei neuen Planetoiden, 
1848 und 1849 mit je einem, 1850 mit drei, 1851 mit zwei, 1852 
mit acht Planetoiden u. s. w. Die Entdecker gehörten verschie- 
denen Ländern Europa's und Amerika's an; Hiud und Gasparis 
wetteiferten mit einander, wer die meisten entdecken könne, doch 
wurden beide von Goldschmidt, noch übertroflfen, der, nach- 
dem ihm 1852 die Entdeckung der Lutetia gelang, in allem vier- 
zehn aufgefunden hat. Luther in Bilk kommt ihm mit dreizehn 
am nächsten. Weiter folgen Hind, Gasparis, Chacornac, 
Pogson, Ferguson, Tempel, Tuttle, Förster, Graham, 
Marth, Safford, Searle, Schiaparelli. 

Man hatte anfangs für die neuentdeckten Planeten Zeichen 
gewählt, ähnlich wie für die alten. Bald jedoch zeigte sich die 
Schwierigkeit, der rasch wachsenden Anzahl durch einfache Zei- 
chen zu genügen. Deshalb schlug Encke vor, statt der Zeichen 
für die Planetoiden eine einfache Zahl, nach der Reihenfolge der 
Entdeckung, zu setzen: Ceres (1), Vesta (4), Asträa (5) u. s. w., 
was auch allgemeine Annahme fand und zugleich einen Vortheil 
der Übersicht darbietet, den die bisher üblichen Zeichen nicht 
gewähren können. 

Doch auch die Namengebung machte Schwierigkeit. Nachdem 
alle Töchter Jupiters, alle Grazien und Musen an den Himmel 
versetzt waren, begann es bald an Namen zu fehlen, wenn man 
bei den in der Mythologie gangbaren bleiben wollte. Auch die 
Zuziehung der altnordischen Mythe, die überdies nur wenig Göt- 
tinnen aufführt, konnte nicht viel helfen. So haben denn Lutetia, 
Massalia, Nemausa und Parthenope von der prosaischen Erde an 
den Himmel versetzt, und da an einzelnen dieser Orte die Ent- 
deckungen sich vervielfältigten, auch Maximiliana, Doris, Victoria, 
Eugenia u., s. w. glorificii't werden müssen. 

Es ist unmöglich, vorauszusehen, wie viel solche Minima des 
Sonnensystems sich noch darstellen werden. Denn wenn gleich 
Leverrier ein Maximum für ihre Gesammtmasse dadurch ermit- 
telt hat, dass sie bei Überschreitung desselben durch ihre störende 
Wirkung sich verrathen müssteu, so sind die Volumina doch zum 
Theil so klein, dass nicht nur Hunderte, sondern Tausende von 
Planetoiden vorhanden sein könnten, bevor ein Viertel der Mars- 



DIK HUniELSKUNDi: DI VJ. JAHRHUNDERT. 165 

masse erreicht ist. Für Hestia z. B, muss aus dem Lichtglanze 
auf einen Durchmesser von 3,5 Meilen geschlossen werden; und 
zwei Millionen solcher Kugeln müssteu sich vereinigen, um nur 
die Grösse unseres Mondes zu erreichen. 

Wir werden uns also darauf gefasst machen müssen, dass es 
schhesslich nicht bloss, wie schon jetzt, an Zeichen, sondern auch 
an Namen fehlen werde, und dass dann Bezeichnungen wie (365) 
das Einzige sein werden, woran man sie unterscheidet. Hat doch 
schon Goldschmidt einst an einem und demselben Abend zwei 
Planeten entdeckt. Wenn nun auch ein so geübtes Auge und ein 
so rascher Blick, als diesem Mann eigen war, vielleicht nicht zum 
zweitenmale gefunden werden,* so zeigt doch die Erfahrung, was 
in etwa einem Vierteljahrhundert geleistet worden, und eine Er- 
schlaffung des gegenwärtigen Eifers wd hotfentlich nicht ein- 
treten. 

Aber die schon bei den ersten vier Planetoiden aufgeworfene 
Frage: was diese Entdeckungen nützen sollen? hat sich Avieder- 
holt und ist sogar Thema einer Preisaufgabe geworden. Man soll 
freilich eigentlich nicht fragen, wozu eine neue Wahrheit nütze? 
denn, wie Salomon Mairaon sagt, die günstigste Antwort für 
die Wahrheit ist die: sie nützt zu nichts. Nützen heisst: Mittel 
sein zu etwas Gutem; wenn nun aber die Wahrheit selbst schon 
das höchste Gut ist, — und hierin befüi'chteu wir selbst von den 
Theologen keinen Widerspruch, — wozu soll sie noch nützen? 
Aber, wird man entgegnen, dies gilt vom Geistigen; soll denn 
aber gar kein materieller Gewinn dabei herauskommen? 

Freilich, eine blosse Kalenderwissenschaft kann durch alle 
Planetoiden nichts gewinnen; sie ist überhaupt von allem, was 
noch entdeckt werden kann, unabhängig oder, wie man es aus- 
zudrücken pflegt, fertig. Ebenso wird der Völkerverkehr, spe- 
ciell die Seefahi't, durch die neuen Entdeckungen nicht berührt; 
den Piloten gehen weder Doppelsterne noch Nebelflecke, weder 
Kometen noch Planetoiden etwas an; wenn sein Instrument ihm 
noch die Jupitersmonde und ihre Verfinsterungen zeigt, so ist er 
ganz befiiedigt. — Aber, fragen -wii', hat denn die Wissenschaft 



* Bei der Totalfinsterniss am 18. Juli in Vitoria, wo nur 2'/., Minute Zeit 
gegeben war, hat er allein unvergleichbar mehr gesehen, verzeichnet und be- 
schrieben, als wir übrigen Dreizehn zusammengenommen. War es ihm viel- 
leicht möglich, teleskopische Fixsterne und Planeten schon durch den blossen 
Anblick zu unterscheiden? 



166 GESCmOHTK DEK HIJUIELSKINÜE. • 

als solche keinen Werth? Wir \Yollcn das Sonnensystem kennen 
lernen, so weit wir es vermögen, wir wollen namentlicli die Massen 
der störenden Planeten ermitteln, nnd zwar, um ganz gewiss zu 
sein, auf verschiedenen Wegen. Bieten nun nicht die kleinen Pla- 
neten hierzu das trefflichste Mittel? Encke fand aus den Stö- 
rungen der Vesta, Nicolai aus denen der Juno eine richtigere 
Jupitersmasse, als man früher hesass, und sie fand sogleich ihre 
Verwendung beim Encke'schen Kometen. Doch es bedarf der 
Einzelheiten wahrlich nicht. Man vergleiche einfach den Zustand 
der Himmelskunde vor und nach diesen Entdeckungen, und die 
Antwort wird sich von selbst ergeben. 

Indess dürfte es gleichwohl nicht überflüssig sein, auf einige 
specielle Verhältnisse hinzudeuten, zumal sie bis jetzt noch wenig 
Beachtung gefunden haben. Brorsen machte 1849 zuerst darauf 
aufmerksam, dass die Perihelien der Planeten, auch der älteren, 
merklich überwiegend nach einer Seite des Himmels fallen. Bei 
der geringen Anzahl der älteren Planeten liel dies nicht besonders 
auf, als jedoch die Zahl so rasch zunahm, konnte es nicht länger 
ganz übersehen werden. Im Jahre 1858 untersuchte ich diesen 
Gegenstand in einem Anhange meines Werks: ..Der Fixstern- 
himmel," und fand, dass die Perihelien der 58 Planeten, — so 
viel waren damals bekannt, — gegen den Punkt 52" 25' 7,3" Länge 
(in der Ekliptik) convergiren mit einem Übergewicht von 0,26015, 
so dass, wenn man von diesem Polpuukte aus den Himmel in zwei 
Hemisphären A und B theilt, o9 Perihelien der Halbkugel A, 
und nur 19 der B angehören; es ergab sich ferner, dass die Pe- 
rihelien der fünf Planeten, welche die stärkste Excentrität zeigten, 
sämmtlich der Halbkugel A angehören. Ich untersuchte ferner 
die 26 Kometen, deren Periodicität ganz sicher oder doch über- 
wiegend wahrscheinhch ist, und bei denen schon Cooper auf ein 
ähnliches Verhalten der Perihelien hindeutete. Auch hier ergab 
die Rechnung, bei der ich auch die Breite beachtete, für den 
Convergenzpunkt Tl*' T 20,3" in Länge und -|- l*' 7' 22,5" in 
Breite mit dem Übergewicht 0,45431. Vereinigt man beide Re- 
sultate, das für 58 Planeten mit dem für 2ß Kometen erhaltenen, 
so wii'd 590 22' 4,4" mit dem Übergewicht 0,28275 (Aequin. 1850) 
gefunden. 

Angström und Leverrier betrachten diese Convergenz der 
Bahnperihelien als eine Andeutung des gemeinsamen Ursprungs 
der Planetoiden; nicht, wie man früher wohl annahm, durch Zer- 



DIK lUMMKLSlvlNDK m 19. JAllKHIJNDEKT. 167 

springung eines frühern grössern Planeten, sondern so, dass der 
ursprüngliche Nebeh'ing, in dem sich die Masse mn mehrere dy- 
namisch überwiegende Punkte concentrirte, schon eine elliptische 
Gestalt hatte. Es ist gewiss gegen diese Annahme nichts Wesent- 
liches einzuwenden, wohl aber zu bemerken, dass nicht bloss dieser 
eine Nebelring, sondern die gesammte ürmasse, aus der sich die 
einzelnen Küiper des Sonnensystems bildeten, diese elliptische Ge- 
stalt gezeigt haben müsse. 

Hier also haben wir ein Factum, das vor Entdeckung der 
Planetoiden ganz unbeachtet geblieben war, und erst durch diese 
so deutlich hervortrat, dass es hinreichend constatirt Averden 
konnte. Es ward sich nun im Verlaufe der Zeit herausstellen, ob 
die Convergenz bei Veränderung der Perihelien bestehen bleibt 
oder nicht. Und wenn sich auch mit Zuziehung der noch nicht 
verglichenen, so wie der künftig zu entdeckenden Planeten dies 
Verhältniss erhält, dann wird es sich darum handeln, zu un- 
tersuchen, welche bleibende Ursache der Convergenz zum Grunde 
liegt. 

Sonndorf er in Wien hat darauf hingewiesen, dass die Pla- 
netoiden ein Mittel darbieten können, numerisch zu bestimmen, 
wie sich die angenommenen Grössenclassen der Lichtquantität 
nach zu einander verhalten. Denn da sich diese Lichtquautität 
aus dem bekannten Abstände von Sonne und Erde berechnen 
lässt (im BerUner Jahrbuch Averden diese Relativzahlen regel- 
mässig angegeben), so Hesse sich genau der Unterschied bestim- 
men, der bei denselben Planetoiden beim Übergang von der n^'^^ 
zur n -\- 1*«" Grössenclasse stattfindet, und wenn gleich hier von 
erborgtem, bei den Fixsternen aber von eigenem Lichte die Rede 
ist, so würde gleichwohl, da sich für den Augenschein kein Un- 
terschied herausstellt, von Einem auf das Andere geschlossen 
werden können, mit mehr Sicherheit, als wenn man die Häu- 
tigkeit des Vorkommens zur Grundlage nimmt. Denn bei 
diesem hat man die wenig wahrscheinliche Hypothese nöthig, 
dass die Sternfrequenz in allen Gegenden des Fixsternraumes die- 
selbe sei. 

Für einen grossen Gewinn aber müssen wir es erachten, dass 
die immer zahlreicher sich darbietenden Planetoiden eine verhält- 
nissmässige Anzahl schlummernder Kräfte geweckt und für die 
Himmelskunde gewonnen haben. Als in der Mitte des vorigen 
Jahrhunderts der Halley's(;he Komet berechnet werden sollte. 



168 GESCmCHTE DEK HLMMELSKUNDE. 

fand sich nur der einzige Clairaut* dazu befähigt. Jetzt würden 
hundert unserer jüngeren Astronomen bereit sein, ähnliche Rech- 
nungen zu unternehmen und durchzuführen. Eine zufällige Zu- 
sammenkunft einiger derselben im September 1860 in Berlin ver- 
anlasste eine Besprechung: in welcher Weise es am sichersten 
und erfolgreichsten möghch sein werde, der so stark angewach- 
senen Zahl der Planeten durch Rechnung so zu genügen, wie 
schon seit längerer Zeit den älteren. Man verabredete eine Zu- 
sammenkunft in Dresden 1861, auf der die Grundzüge eines ge- 
meinsam und gleichmässig durchzuführenden Berechnungssystems 



* Ak^ris Claude CLAIRAÜZ geh. 1713 am 13. Mai, gest. 
1765 am 17. Mai. Nach seiner Rückkehr von der von Lud- 
wig XV. verfügten Gradmessung in Lappland nahm er 1738 
Theil an Maupertuis Figur e de la terre und 1740 an der 
Verification des zwischen Paris und Amiens gemessenen Bogens. 
Selbständig veröffentlichte er 1743: La tMorie de la ßgure de la 
terre, tiree des pi^incipes de Vhijdrostatique (1808 erschien eine 
zweite Ausgabe). 1752 begannen seine Publicationen über die 
Mondtheorie. Er ist der erste, der diese Theorie auf das Problem 
der drei Körj)er gründete, und von dieser Theorie de la lune er- 
schien eine zweite Ausgabe 1765 in Petersburg. Es folgten 1754 
Tables de la lune, calculees sur la tlieorie de la gravitation univer- 
selle und eine Nouvelle theorie sur la figure de la terre. (im Journal 
des savans). Aber der wichtigste Dienst, den er der Wissenschaft 
geleistet, ist die Vorausberechnung der Wiedererscheinung des 
Kometen von 1682, jetzt der Halley'schc genannt, über welche 
wir früher schon ausführlicher berichtet haben. Diese bis 
dahin in ihrer Art einzig dastehende Arbeit, nach 18monatlichen 
unablässigen Rechnungen Clairaut's und der Madame Lepaute 
vollendet und sofort am 14. November 1758 publicirt, ward vom 
Erfolge gekrönt.* Später erschien noch 

1759. Memoire sur le probleme des trois corps, 

17C0. Memoire sur le mouvement des cdrps Celestes, 

1761. Lettre de Clairaut li d'Alembort sur la tlieorie de la lune (der 

einen fortgesetzten Briefwechsel zur Folge hatte) und 
17t)2. Sur l'aberration des rayons dans les Inuettes achrouiatiques. 

Fouchy gab in der Akademie seine Eloge. 



Siehe 1. Bd., pag. 458. 



DIE HIMMELSKUNDE IM 10. .lAllKIlUNDERT. 169 

discutirt und festgestellt wurden, und dies war der erste Anfang 
einer erweiterten Vereinigung, die 1863 in Heidelberg zu Stande 
kam als Deutsche astronomische Gesellschaft. Der Central- 
ort ihrer Archive und Bibliothek ist Leipzig, wo 1865 die zweite 
Versammlung stattfand, die dritte 1867 in Bonn. Die Zahl der 
Theilnehmer, die in Heidelberg 26 betrug, stieg rasch auf 150 
und darüber. 

§ 168. 

Zu den seltensten Erscheinungen für eine bestimmte Erd- 
gegend gehören totale Sonnenfinsternisse. Berlin z. B. hatte 1706 
eine solche, und erst 1887 wird sie sich wiederholen. Die stets 
sehr geringe Breite der Finsternisszoue für Totalität ist die haupt- 
sächhchste Ursache dieser Seltenheit. 

Die Finsterniss vom 16. Juni 1806 war für mehrere Gegenden 
Nordamerika's total, und sie blieb, obgleich damals in der Union 
noch an keine Sternwarte zu denken war, nicht unbeachtet. Die 
damals dort stattfindende Uumöghchkeit, die Zeitmomente genau 
zu bestimmen, war vielleicht Veranlassung, dass die Beobachter 
das Physische des Vorganges desto genauer ins Auge fassten. 
Bowditch in Salem sah, sobald der letzte Sonnenstrahl ver- 
schwunden war, um den schwarzen Mond einen leuchtenden Ring 
von beträchthcher Grösse und ein Dämmerhcht am Horizont. Er 
erkannte mit blossen Augen Venus, Mars, « Aurigae, a Tauri, 
a Can. maj. und « Can. min., « Orionis und die drei Sterne 
zweiter Grösse am Gürtel des Orion. 

Adams in Boston bestätigt diese Umstände durch seine Be- 
obachtungen. Zwei Secunden vor dem Ende der Totalität war 
die Zunahme des Lichts schon merklich, beim wirklichen Ende 
brach das Licht mit grossem Glanz hervor und nahm schneller 
zu, als es abgenommen hatte. 

Ferrer in Albany setzt den leuchtenden Ring 45' bis 50' 
breit. Er konnte sechs Sterne während der Totalfinsterniss mit 
freiem Auge sehen. Der leuchtende Ring war nach seiner Zeich- 
nung und Beschreibung in zwei concentrische Schichten getheilt. 
Ähnliches hatte bereits la Pech bei der Finsterniss von 1706 
wahrgenommen. 

Die Finsterniss von 1842 kam heran, und verschiedene Um- 
stände veranlassten, dass sie auch in physischer Beziehung auf- 
merksamer beobachtet wurde, als dies früher der Fall war. Zwar 



170 GESCHICHTK DKK IIlMMi:i,SKlNUE. 

eine vorhergehende Schrift von Lchmunu iu Berhii hat nur die 
Momente im Auge und er entwickelt das dahin Gehörende mit 
einer bis dahin ungekanuten Ausführlichkeit. Es traf ihn das 
Missgeschick, dass der Brand von Hamburg die ganze Auflage 
vernichtete, und eine zweite erst nach dem Phänomen an die 
Öffentlichkeit treten konnte. Indess die Beobachter blieben dabei 
nicht stehen. Sie erkannten, dass eine Sonnenfinsterniss , wenn 
man nur die Momente beobachtet, nichts anderes als eine Stern- 
bedeckung ist, ja selbst in manchen Beziehungen gegen diese noch 
im Nachtheil steht. Dagegen waren eine grosse Zahl der wich- 
tigsten Fragen, über die bei Totalfinsternissen eine Lösung gehofft 
werden konnte, noch unbeantwortet. Auch die wenige Jahre vor- 
her gemachte Entdeckung der photographischen p]igenschaft des 
Lichts regte zu Hoffnungen an, die freilich erst später erfüllt wer- 
den sollten. Daguerre's glücklicher Fund musste erst manche 
Phasen durchmachen, bevor ein astronomischer Gebrauch davon 
gemacht werden konnte. 

Schumacher* reiste eigens von Altona nach Wien, um die 



* Heinrich Christian SCHUMACHER, geh. 1780 a?n 3. Sept., 
gest. 1850 am 28, JJec. Seinen Vater, den Amtmann und Kanmier- 
lierrn in Bramstedt, verlor er schon im 10. Lebensjahre, doch hatte 
dieser möghchst für seine Zukunft gesorgt und ihn der Pflege des 
Pastor Dörfer übergeben, der seine Erziehung leitete. Bald be- 
zog er das Gymnasium in Altona. Schon hier trieb er, meistens 
durch Selbststudium, Mathematik und Astronomie, beobachtete 
auch mit theilweis selbstverfertigten Instrumenten; musste jedoch, 
seiner angegriffenen Gesundheit wegen, che Studien wiederholt auf 
einige Zeit einstellen. - Auf Anrathen seines Erziehers wählte er 
die juristische Laufbahn, studirte in Göttingen, ging hierauf als 
Hauslehrer einer angesehenen Familie nach Liefland, und habi- 
litirte sich 1805 in Dorpat als juristischer Privatdocent. Doch 
die Bekanntschaft mit Pf äff und Knorre (Vater des jetzigen 
Directors von Nikolajew) erweckte aufs Neue die Liebe zur Astro- 
nomie, und da sich ihm hierin eine Aussicht in der Heimath er- 
öffnete, kehrte er 1807 zurück, studirte mit Hülfe eines Stipen- 
diums Astronomie bei Gauss, fing dann auf der Hamburger 
Sternwarte eine "Reihe von Beobachtungen an und w^ard 1810 
Professor der Mathematik in Kopenhagen, mit der Erlaubniss, 



DIE IIIMMELSKUNDK IM VJ. .lAllKHUNDEK'l. 171 

dort totale Fiusterniss zu Ijcübachtcu ; zu gleichem Zwecke ging 
Arago nach der Lombardei; das mittlere Russland, namentlich 
Lipezk, wurde mit mehreren Beobachtern besetzt. Auch diesmal 
haben mehrere eine Theilung des Ringes in zwei concentrische 
Zonen wahrgenommen, die nach Piola durch einen dunklen Ring 
getrennt waren. Arago fand den inneren Ring heller, und 
sein Licht gleichmässig, den äusseren weniger lebhaft, nach 
aussen abnehmend und sich allmälig verlierend. Von allen Be- 
obachtern finden sich nur drei, die diese Theilung nicht ge- 
sehen haben: Baily in Pavia, Otto Struve und Schidloffsky 
in Lipezk. 

Aber nicht dieser Umstand allein erschien an verschiedenen 
Orten verschieden, auch die Ausdehnung wird sehr ungleich ge- 
schätzt. Denn nur Schätzung, nicht Messung , kann hier zur An- 
Avendung kommen. Kurowitzky in Semipalatinsk und Fedorow 
in Tschernigow sprechen von 5 Minuten Breite der ganzen Co- 
rona, wogegen Stozow in Bajan-Aul und Baily in Pavia 1(3, 
Otto Struve sogar 25 Minuten Breite setzt. 

Es ist also wohl gewiss, dass hier nicht Beobachtuugsfehler, 
sondern verschiedene atmosphärische Zustände, oder auch eine 



seine in Hamburg begonnene Beobachtungsreihe dort fortzusetzen. 
Im Jahre 1813 ward ihm die Leitung der Mannheimer Sternwarte 
angetragen, und die Dänische Regierung willigte ein unter dem 
Vorbehalt ihn zurückzurufen, sobald seine Dienste in Dänemark 
erforderlich v/ären. Der Fall trat schon nach zwei Jahren ein, 
da er nach Bugge's Tod dessen Lehrstuhl einzunehmen bestimmt 
war. Sein Lehramt Avar indess von kurzer Dauer, da er es zwar 
nominell beibehielt, aber schon 1817 die ihm übertragene Grad- 
messung zwischen Skagen und Lauenburg ausführte, wozu in der 
Folge noch die specielle topographische Vermessung sich gesellte. 
Da diese Vermessungen eines astronomischen Centrums bedurften, 
so ward in Altona eine Sternwarte errichtet, und Schumacher 
deren Director. 

Hier begann er 1820 Hülfstafeln zur leichteren Berechnung 
und Reduction herauszugeben; bald aber reifte in ihm ein Plan, 
der den wesentlichsten Einfluss auf Gestaltung und Förderung der 
Himmelskunde zu üben versprach und den er mit Unterstützung 
des der Astronomie so geneigten Königs Friedrich VL ausführte. 



17 2 GESCHICHTE DER HIMMELSKTMDE. 

Verschiedenheit der Stellung des Beobachters gegen Mond und 
Sonne zum Grunde liege. 

Aber man sah noch mehr, und etwas ganz Unerwartetes. Au 
verschiedenen Stelleu des Randes zeigten sich hochrothe bergartige 
Vorsprünge, sehr ungleich an Form und Gestalt, und nur während 
der Totalität sichtbar. Auf dem Grunde der Corona sich pro- 
jicirend, leuchteten sie viel stärker als diese. 

Nachdem man einmal auf diese Erscheinung aufmerksam ge- 
worden war, hat man sie bei keiner der sechs Totalfinsternisse, 
die von 1850 bis 18G1 auf der Erde Statt fanden, vermisst; wohl 
aber ist die Art und Weise der Phänomene sein- verschieden ge- 
wesen. 

Die Seltenheit solcher Totalfinsternisse und der Umstand, dass 
alle noch so sorgfältigen, Zeit und Kosten in bedeutendem Maasse 
beanspruchenden Vorbereitungen durch Ungunst der Witterung 
nutzlos werden können, veranlasste den Vorschlag, künstliche 
Sonnenfinsternisse hervorzubringen. Ein die Sonne etwas mehr 
als bedeckender Metallschirm sollte im Brennpunkte eines Fern- 
rohrs angebracht und so die Phänomene erzeugt werden. Es muss 
Befremden erregen, dass man von einer solchen Veranstaltung 



Im Jahre 1823 erschien die erste Nummer der Astronomischen 
Nachrichten, die schnell zum Bedürfniss aller Himmelsforscher 
wurden, und fortan die Hauptaufgabe seines Wirkens bildeten. 

Siebenundzwanzig Jahre hindurch war es ihm vergönnt, dieses 
wichtige Unternehmen fortzusetzen, und es gelang ihm, die Zeit- 
schrift auch über die kritischen Jahre 1848 und 1849 hinüber- 
zuführen. Er hat die Bahn gebrochen, die mannichfachen Schwie- 
rigkeiten überwunden, das Unternehmen ist unter seiner Leitung 
erstarkt und zur Selbstständigkeit herangereift. Seinen Nach- 
folgern wird die Fortführung leichter werden und ihre Sorge 
wird nur die sein müssen, den Geist, in dem es gegründet ward 
und Leben gewonnen hat, aufi'echt zu halten. 

Unter schweren Leiden, aber die Klarheit seines Geistes bis 
ans Ende bewahrend, ist er heimgegangen. 

Wir führen noch an: Journal of ohservations made for ascer- 
taining the time of the place in the observatory , which icas erecied 
at Helgoland. Altona 1825. Biographien Schumacher's besitzen 
wir von Gould, Quetelet, W. Struve, Olufsen, Unger. 



DIE HIMMELSKUNDE IM If). .lAHRHUNDERT. 173 

wissenschaftliche Ausbeute erwartete. Der Metallschirm ist luft- 
umhüllt, der Mond steht im luftleeren Raum. Man erhielt, wie 
zu erwarten war, statt der Lichtkrone einen Schimmer, der sich 
nach aussen unbestimmt verlor, ohne das geringste Detail' im 
Innern darzubieten. Dagegen zeigte die natürliche Lichtkrone 
eine Menge grösserer und kleinerer, radialer und nicht radialer, 
gerader und gekrümmter Strahlen in solcher Fülle, dass ein gan- 
zer Tag kaum hingereicht hätte. Alles in einem Abbilde darzu- 
stellen. Einige dieser Strahlen traten weit über das Gros der 
Krone hinaus, in einem Falle bis zu zwei Grad weit. Vollends 
aber zeigte sich in der erwähnten künstlichen Sonnenfinsterniss 
von den rothen Vorsprüngen nicht das Mindeste. 

Dass die Erklärungen einer solchen Fülle fiiiher nie beol)ach- 
teter Erscheinungen verschieden ausfielen, darf nicht Wunder neh- 
men; die Meisten indess hielten mit ihrem Urtheil noch zurück, 
um abzuwarten, ob und wie sich die Phänomene bei künftigen 
Totalfinsternissen gestalten würden. Die Gelegenheit bot sich 1851 
dar-, wo die Zone der Totalität, vom nördlichen Amerika beginnend, 
über Norwegen, das südliche Schweden, Ostpreussen, Polen (War- 
schau) und weiter über Brest - Litowsk nach Südosten zog, die 
Zone von 1842 in der Gegend von Tschernigow durchschnitt und 
über die Kaukasusgipfel nach Baku am Kaspischen Meere ging. 
Hier boten sich bequeme Lokalitäten in Fülle, die von den euro- 
päischen Sternwarten aus leicht besetzt werden konnten. Li Russ- 
land wurden 16 Punkte ausgewählt und die meisten mit mehreren 
Beobachtern besetzt; verhältnissmässig eben so fi'equent waren 
auch die anderen Beobachtungsstationen. Die Mehrzahl verfehlte 
ihi' Ziel (auch dem Verf ging es so in Brest-Litowsk) durch Un- 
gunst der Witterung, doch wo es gelang, zeigte sich Ähnliches 
wie 1842. Besonders auffallend war unter den rothen Vorsprün- 
gen eine grosse hakenförmige Figur, die mehrfach abgebildet wor- 
den ist und sicli höchst charakteristisch unter den übrigen her- 
vorhebt. Die ganze Art, wie der schwarze Mond über sie hinwegzog, 
musste den Eindruck hervorbringen, dass diese Erscheinungen der 
Sonne selbst und ihrer nächsten Umgebung angehörten, und Airy 
sprach sich am bestimmtesten dafür aus. Einige vermutheten einen 
Zusammenhang mit den Sonnenflecken resp. mit den Sonnenfackeln, 
worüber indess bis jetzt nichts Gewisses erlangt werden konnte. 

Der Greifswalder Professor der Physik v. Feilitzsch trat 
indess mit einer Schrift : ,. Optische Untersuchungen veranlasst 



1 74 GESCHICHTE DER HIMJIELSKÜNDE, 

(liircli die Sonuenfiiisterniss 1851. Greifswalde 1852" gegen Airy 
und Alle, welche sich für die physische Natur der beobachteten 
Phänouiene erklärt liatten, mit der Behauptung auf: Alles dieses, 
die Corona sowohl als die rotlien Protuberauzen, seien rein optische 
Phänomene der Inflexion und Diffraction des Sonnenstrahls beim 
Vorübergange am Mondrande. Den Astronomen wurde alle und 
jede Competenz abgesprochen, hier zu entscheiden; der Physiker 
allein sei hier urtheilsfähig u. s. w. 

Dass die optischen Phänomene der Inflexion und Diffraction 
hier mitwirken, konnte nicht wohl in Abrede gestellt werden; 
allein bei den praktischen Experimenten gelang es in keiner Weise, 
das, was gesehen worden war, künstlich darzustellen, und ausserdem 
trat ein bis dahin übersehener Umstand der blos optischen Erklä- 
rung entgegen, den ich in meiner Abhandlung über totale Sonnen- 
finsternisse im 28. Bande der Verhandlungen der Leopoldinisch- 
Carolinischen Deutschen Akademie näher ausgeführt habe. Soll 
eine Sonnenfinsterniss im mittleren Europa total erscheinen, so 
kann die Libration des Mondes in Breite nicht beliebig sein; sie 
muss vielmehr einer geringen negativen (von — 45^ etwa) sehr 
nahe kommen. In der That war sie 1842 am 7. Juli = — 36,5'; 
1851 am 28. Juli — 59,1'; 1860 am 18. Juli — 42,2'. So ge- 
ringe Differenzen können, wie ich bei meiner Arbeit über die 
]\Iondoberfläche bemerkt, nicht die geringste wahrnehmbare Än- 
derung in der Art, wie die Bergformen um die ]\Iondpole herum 
sich darstellen, hervorbringen. Der Sonnenstrahl traf also in den 
drei angeführten Finsternissen dieselben constanten Formen des 
Randprofils in Nord und Süd an, und hätte also auch dieselben In- 
fiexionsphänomene erzeugen müssen und gleichwohl waren diese 
grundverschieden. 

Feilitzsch hat dennoch seine Meinung aufrecht zu er- 
halten gesucht; allein die Finsterniss von 1860 in Nordspanien hat 
noch andere Thatsachen ans Licht gebracht, welche der bloss 
optischen Natur der Erscheinungen entgegenstehen. Sowohl die 
Corona als die Protuberanzen behalten ihre Lage gegen den Mittel- 
punkt der Sonne während der ganzen Totalfinsterniss constant 
bei, und die Beobachtung von Bruhns, der mit seinem noch 
jugendlich kräftigen Auge es wagen konnte, eine grosse Protu- 
beranz mehrere Minuten vor dem Verschwinden und eben so nach 
dem Wiedererscheinen zu beobachten, hat in diesen 14 Minuten 
dieselbe Lage gegen den Sonnenmittelpnnkt gefunden, während 



T)W. IinrMT^LSKL-NDE IM 19. JAIIRUÜXDERT. 175 

■2G Grade des Moiidumfangs sich darunter hinwegschoben. Welclie 
Wechsel hätten eine blos optische Erscheinung liier zeigen müssen ? 
und gleichwohl blich die Form dieselbe, nur die Parbe ward blei- 
cher durch das Hervorbrechen des Sonnenrandes. Eben so zeigen 
die schönen Photographien des Herrn Warren delaRue, dass 
die Erscheinungen reelle der Sonne angehörende Objecto sind. 
Solchen Thatsachen gegenüber kann weder die Theorie des Herrn 
V. Feilitzsch, noch auch andere von Lamont, v. Parpart 
u. A. aufgestellte, deren Unwahrscheinhchkeit noch mehr auf der 
Hand liegt^ aufrecht erhalten werden. * 

Damit sind jedoch die Fragen über die wahre Natur dieser 
Erscheinungen noch keineswegs erledigt und man wird bei der 
Seltenheit des Phänomens wohl noch lange warten müssen, bevor 
die Acten geschlossen werden können. Die Photographie, die Po- 
larisationsapparate, die Brechung des Sonnenhchts im Prisma, was 
alles schon 1860 in Anwendung gekommen ist, und noch manches 
Andere wird sowohl an verschiedenen Erdorten, als in verschie- 
denen Totalfinsternissen beobachtet werden müssen. Die „Chemie 
der Gestirne," wie die Urheber es genannt haben, wird gleichfalls 
Aufschlüsse geben können; aber wohl zu beachten bleibt, dass 



* Die i-ingförniige Sonnenfinsterniss vom 6. Miirz 1SG7 hat eine schöne 
Bestätigung der erwähnten Brüh ns'schen Beobachtung geliefert. In der Nähe 
von Ragusa. nahe der nördlichen Grenze, beobachtete Lieutenant Riha eine 
Protuberanz -I'J Minuten hindurch, und nicht Lichtschwäche, sondern eine vor- 
tretende Wolke verhinderte die noch längere Sichtbarkeit. Dies wäre geradezu 
unmöglich, wenn diese P>scheinungen bloss optische wären. Denn der Mond- 
rand war schon weit entfernt, die Protuberanz erschien unmittelbar am Son- 
nenrande und behielt die gleiche Lage gegen das Sonnencentrum die ganze 
Zeit hindurch. 

Littrow hat bereits vor mehreren Jahren vorgeschlagen, heitere Auf- 
und Untergänge der Sonne im Meere von einem Küstenpunkte aus zu beob- 
achten, und Ei ha 's Beobachtung scheint es ausser Zweifel zu setzen, dass 
grosse Protuberanzen dabei gesehen werden können. Tacchini hat am 
8. August iSßä eine solche Beobachtung wirklich und mit Erfolg angestellt. 
Vielleicht könnten wir durch ähnliche Wahrnehmungen rascher den eigent- 
lichen Zusammenhang dieser Erscheinungen mit anderen auf der Sonnenober- 
fläche vorkommenden ermitteln. Denn totale Sonnenfinsternisse sind überaus 
selten, und wir könnten Jahrhunderte lang warten, bevor durch sie ein hin- 
reichendes Material für weitere Schlussfolgerungen gewonnen wird. — Wir 
erwähnen hier noch, dass auch Fernley in Christiania bei einer nur ringför- 
migen Sonnenfinsterniss gleichfalls Protuberanzen deutlich wahrgenommen hat. 
Und die neueste Zeit hat den Nachweis geliefert, dass man auch ohne eine 



176 GESCHICHTE DER HBniELSKUNDE. 

für die Hauptpliänomene nur 2—3 Minuten Zeit gegeben sind, 
was eine Betheiligung Mehrerer und eine bestimmte Verabredung 
über das, was jeder Beobachter zu übernehmen hat, unbedingt 
nothwendig macht. So lange man ausschUesshch die Zeitmomente 
beachtete, und auf diese allein Werth legte, reichte Ein geübter 
Beobachter aus; gegenwärtig nicht mehr. 

Wenn wir uns gegen die ausschliesslich optische Deutung 
erklärt haben, so wollen wir damit nicht das Verdienst v. Fei- 
litzsch's in Frage stellen, der allen Dank dafür verdient, dass er 
auf die Nothwendigkeit aufmerksam machte, die bekannten Eigen- 
schaften des Lichts dabei in sorgfältige Beachtung zu nehmen. 
Auf diesem Felde müssen Astronomen und Physiker zusammen- 
wirken, ohne mit einander um ihre Competenz zu streiten. Beide 
müssen ohne vorgefasste Meinung wahrhaft beobachten und sich 
gegenseitig unterstützen; sie sind naturgemäss Verbündete und 
nicht Gegner, und bei ihren Grenzstreitigkeiten kann die Wissen- 
schaft nichts gewinnen. 

Durch die Polarisationsversuche, welche am vollständigsten 
Prasmowsky, Observator der Sternwarte Warschau, in Briviesca 
machte, ist festgestellt worden, dass die Protuberanzen mit eignem 
Lichte leuchten, die Lichtkrone dagegen mit erborgtem; wodurch 



Totalfinsterniss, ja ohne eine Finsterniss übcrluiupt, sich von der reellen 
Existenz der Protuberanzen überzeugen kann. Zwei Beobachter der Total- 
finsterniss vom 18. August 18G9 in Indien geriethen auf den Gedanken, 
dass man durch eine geeignete Vorrichtung die störende Helligkeit der Son- 
nenfläche wenigstens in so weit beseitigen könne, dass HofThung vorhanden sei, 
zwar nicht die Protuberanzen selbst, aber doch ihr Spectralbild im prisma- 
tischen Apparat deutlich zu unterscheiden. Und diese Hoffnung hat sich 
realisirt, ja man hat Mittel gefunden, auf diesem Wege sogar Grösse und all- 
gemeine Gestalt der Protuberanzen zu bestimmen. So ist nun der lunare 
Ursprung dieser Gebilde gründlich beseitigt; sie gehören dem Sonnenkörper 
(oder seiner Photosphare) an, und der Mond kommt dabei gar nicht in Be- 
tracht, abgesehen von den Modificationen, die möglicherweise durch Inflexion 
bewirkt werden. 

Gleichwohl wird es stets von Wichtigkeit bleiben, die Totalfinsternisse in 
dieser Beziehung fortwährend genau zu beachten, die allein den freien, un- 
gestörten Anblick des merkwürdigen Phänomens Jedem vor Augen stellen; 
ausserdem aber alle gegenwärtig bekannten und künftig bekannt werdenden 
Mittel in Anwendung zu bringen, denn nur so ist zu hoffen, dass wir die phy- 
sische Beschaffenheit des grossen Centralkörpers unseres Systems immer näher 
kennen lern^i, und uns befreien werden von den Speculationen, mit denen die 
Vorzeit uns nur gar zu reichlich beschenkt hat. 



DIE HIMMELSKUNDE IM 19. JAIllUILNDERT. 177 

es sich zugleich erklärt, dass den Beohachtungen zufolge die 
ersteren viel heller glänzen, als letztere. 

Wir gedenken hier noch der TotalHnsterniss vom 31. Decbr. 
1861, über die wir nur aus Südamerika (Guapo und S. Fernando) 
einige Mittheilungeu erhalten haben. Die Dauer an diesen Orten 
war nur resp. 50 und 35 Secunden, dennoch haben H. Crüger 
und Devenish in Guapo Zeichnungen aus frischer Erinnerung ge- 
geben, die gut übereinstimmen. Warner in S. Fernando giebt 
nur die Zeitmomente. Auf der Zeichnung in Guapo zeigt sich, 
nahe dem Südpunkte des schwarzen Kreises, eine hakenförmige 
Figur, ähnlich wie 1851, aber in umgekehrter Lage. Diese auf- 
fallendste Protuberanz zeigte sich roth, die anderen schimmerten 
in Weiss, mit weniger Roth. — In Griechenland war der Himmel 
trüb, und aus Afrika sind keine Nachrichten zu uns gelangt. 

Wenngleich die angeführten Beobachtungen die Möglichkeit 
darthuu, auch in ringförmigen und besonders grossen Finsternissen 
Protuberanzen beobachten zu können, so werden doch nur totale 
Sonnenfinsternisse das Phänomen in einer Vollständigkeit und 
Deutlichkeit zeigen, wie es hier allein möglich ist, und wir können 
nur dringend wünschen, dass der Eifer, mit dem man seit 1842 
begonnen hat es zu beobachten, nicht nachlassen möge. 

Die sehr kurze Dauer der totalen Sonnenfinsternisse hat indess 
gewölinhch zur Folge, dass nur fragmentarische und überdies 
oft genug unsichere Beobachtungen erhalten werden; denn eine 
rasche und dabei sichere Auffassung solcher Vorgänge ist nicht 
Jedermanns Sache, namentlich auch nicht jedes Astronomen. Selbst 
Uebung im Zeichnen besitzen viele sonst sehr tüchtige Himmels- 
beobachter gar nicht. In dieser Beziehung muss es als ein Glück 
betrachtet werden, dass an der Beobachtung der Finsterniss von 
1860 ein Mann Theil nahm, der an Schnelligkeit und Sicherheit 
der Auffassung einzig dasteht — der kürzlich verstorbene Maler 
Hermann Goldschmidt,* ein geborener Frankfurter, aber in 



Hermann GOLDSCHMIDT, geb. 1802 am 17. Juni, gest. 
1866. In Frankfurt a/M. geboren, widmete er sich der Malerei, 
machte seine Studien unter Schnorr und Cornelius in Mün- 
chen und Hess sich in Paris nieder. Seit 1847 begann er, sich 
mit praktischer Astronomie zu beschäftigen und die Entdeckung 
der Lutetia 1852 am 15. Nov. war die erste der 14 Planeten- 

V. Mädler, Geschichte der Himiiielsl;unde. II. 



178 GESCHICHl'E DER HntiMELSKTJNDE. 

Paris lebend. Er ist als glücklichster Planetenentdecker allen Astro- 
nomen bekannt; wir lernen ihn bei dieser Gelegenheit noch in 
einer andern Weise kennen. Wir geben hier den Bericht, den er 
nach seiner Rückkehr aus Vittoria der Pariser Akademie erstattete, 
und den die von Moigno redigirte Zeitschrift Kosmos (Jahrgang 
1860, p. 201—204) mittheilt. 

Nachdem Hr. Goldschmidt im Eingange erwähnt, dass es 
meine Aufforderung gewesen, die ihn zur Reise nach Vittoria und 
zur Beobachtung der Sonnenfinsterniss bestimmt habe, fährt 
er fort: 

„Le commencement de l'eclipse n'a pas pu etre observe ä 
cause des nuages. A 1^ 33™ la lune avait dejä mordu sur le so- 
leil. Suivant la lecture de ma montre, reduite provisoirement au 
temps moyen de Vittoria, le premier contact d'une taclie (noyau) 
eut Heu ä 1'^ 57™ 58,3^^; et la fin de l'eclipse ä 3"^ 58" 40^ 

Une demi-minute envh'on avant la totalite, le limbe Est de 
la lune, qui avan^ait vers le croissaut du soleil, etait irregulier 
sur toute sa circonference, mais surtout dans la partie Nord-Est, 
oü les contours de la lune m'ont paru deformes et indetermiues, 
et la lumiere du croissant tres-peu intense. J'ai pu alors distin- 
guer de petits nuages gris, isoles en partie, et du cote oü le con- 
tact Interieur devait avoir Heu. Un de ces nuages isoles de forme 
arrondie, et un autre allonge en forme de pyramide qui touchait 
le bord exterieur du soleil, se detachaient en gris sur le fond un 
peu plus clair du ciel, car la couronne ne se voyait pas encore. 



Entdeckungen, durch' die er sich um die Himmelskunde hoch verdient 
gemacht hat. Einst (am 19. Septbr. 1857) entdeckte er an einem 
Abend 2 Planeten, Doris und Pales. Zur Beobachtung der totalen 
Sonnenfinsterniss am 18. Juli 1860 begab er sich nach Vittoria im 
nördlichen Spanien, und seinem wunderbar raschen und geübten 
Blick gelang es, in der überaus kurzen Zeit diesem Phänomen 
eine Fülle von Wahrnehmungen abzugewinnen, wie kein anderer 
der zahlreichen Beobachter desselben sich rühmen kann, gemacht 
zu haben. Der Pariser Akademie übergab er 3 von ihm nach 
seinen Beobachtungen verfertigte Tableaux, Anfang, Mitte und 
Ende der Totalfinsterniss darstellend. Als Maler war er sehr ge- 
sucht und lieferte manche bedeutende Gemälde zu den Pariser 
Ausstellungen. 



DIE mMMELSKmn)E IM 19. JAHRHUNDERT. 179 

Un instant apres, la pyramide devenait plus clair et diaphane; 
les"contours plus ombres faisaient l'effet des bords exterieurs d'un 
cyliudre en verre, vu contre le jour. J'avais ä peine pu saisir 
cette brusque transformation, lorsque la totalite survint, colorant 
la Pyramide en rose. 

J'ai ainsi assiste au developpement definitif dune protuberanee, 
et, presqu'au meme moment, je vis apparaitre au Sud-Est de tres- 
petites proemineuces qui la touchaient, semblable ä des perles 
de nacre, de forme irreguliere ou dentelee, semi-transparentes, 
enchässees dans une base rouge cinabre mele de noir, moins 
diaphane que la couleur teadre des grandes protuberances ; la co- 
loration entiere en rose eut lieu un instant apres; mais, lorsque 
plus tard je voulus dessiner l'ensemble des protuberances, cette 
portion dentelee avait disparu. Alors, aussi Faureole s'etait formee, 
toutes les protuberances avaient surgi et le phenomene brillait de 
toute sa splendeur. L'aureole, vue dans la lunette, etait d"une 
couleur jaune tres-prononcee ; l'intensite de sa lumiere etait egale 
ou uniforme, aussi loin que le cliamp de la lunette me permettait 
de la voir; eile n'eblouissait pas le regard, eile n'a nullement 
fatigue ma vue pendant les 3 minutes de la totalite. J'ai prin- 
cipalement remarque dans la couronne des rayons partant du 
centre de la lune au Nord-Est, s'etalant, sur environ 30 degres 
de la circonference, et diminuant d'intensite dans la direction 
Nord. Une grande masse lumineuse occupait la partie Sud, se 
dilatant vers le Sud-Ouest et le Sud-Est en faisceaux courbes, 
concaves vers le Sud, entreraeles de flocons clairs de coulenr 
jaune rappelant la forme de cirrhus. Le faisceau principal au 
Sud-Est avait une grande ressemblance avec la brauche australe 
de la nebuleuse d'Orion. Des apparences analogues se montraient 
ä l'endroit oppose au Nord du disque lunaire, mais elles etaient 
moins distinctes et presentaient la forme d'une parabole dont le 
sommet passait par la lune. La limite de la couronne, vue ä l'oeil 
nu, etait plus restreinte, l'anneau qu'elle formait ne depassait pas 
six minutes, et etait d'un blanc argente. Mon attention etait 
entierement absorbee par les protuberences, et j'ai pu dessiner 
les contours principaux de quelques-unes situees sur la partie 
Nord. 

La plus imposante et la plus compliquee, que j'appellerai la 
girandole, etait d'une beaute impossible ä decrire. Elle s'elevait 
en langues de feu tres-effilees, et colorees en rose, ses bords pour- 

1:2 ♦ 



lyO GESCHICHTE DER mMHIELSKUNDE. 

pres et transparents laissaient penetrer dans l'interieur, on voyait 
distinctemeut que la protuberance etait creuse. Un peu avanf la 
fin de la totalite, j'ai vu s'echapper de tous ses sommets ex- 
terieurs des gerbes de lumiere rose-päle et transparentes, im peu 
etalees en eventail; la protuberance alors ressemblait reellement 
ä une girandole. Sa base, qui au commencement de la totalite, 
se dessinait tres-tranchee sur le limbe noir de la lune, devenait 
un peu moins arretee; le tout prenait un aspect plus ethere, plus 
vaporeux, je ne la perdis pas de vue un instant. Les jets de 
lumiere qui sortaient des sommets exterieurs disparurent avec les 
Premiers rayons solaires, mais il n'en fut pas ainsi de la protu- 
berance elle-meme, car, un instant avant la fin de la totalite, 
je vis naitre ä droite de sa base (image renversee) de petites 
proeminences, serrees les unes contre les autres, et de forme 
presque carree (caractere des proeminences dentelees), des autres 
proeminences de meme hauteur se montraient du cote gauche, 
lorsque le soleil avait dejä reparu ä 2^ 55". 

La corne nord du croissant touchait la derniere des ces pro- 
eminences, 4 minutes 40 secondes apres la reapparition. La lumiere 
troji vive m'a fait abandonner cette interessante Observation, car 
je ne me servais pas de verre colore; je puis toute-fois assurer 
que la girandole et les joetites proeminences de sa base n'avaient 
pas encore disparu en ce moment. Quoique je sois convaincu 
que les protuberances appartiennent au soleil, je dois toute-fois 
faire remarquer qu'au dernier moment je fus surpris de voir que 
la girandole paraissait plutot se diriger vers le centre de la lune 
que vers le centre du soleil. J'estimais la hauteur de la giran- 
dole a environ 3 minutes et demie au commencement de la tota- 
lite et ä quatre minutes vers la fin. La seconde protuberance ä 
droite de celle-ci ä environ 35 degres (image renversee) et d'une 
liauteur des 3 minutes 20 secondes, avait la forme d'une lettre 
// gothique, ä peu pres le signe t) de Saturne, je l'appellerai 
le crochet. Une troisieme, moins haute encore, 2' 20", ä droite 
des deux premieres, ä une distance egale ä celle des deux autres, avait 
une forme dont il est difficile de donner une idee par comparaison, 
mais ä contoui's tres-nets, je l'appellerai la dent. A onze degres, 
a la di'oite de la deuxieme, j'en ai vu une quatrieme, tres-petite, 
de forme carree; entre celle-ci et la troisieme, il y avait un 
nuage rose de forme allongee et recourbee, incline de 45 degres 
vers le bord gauche de la lune, entierement detache, flottant sur 



DIE HIMJIBLSKUNDE IM 19. JAHIHHJNDERT. ^81 

l'aureole comme un nuage rouge sur uii ciel crepusculaire. Son 
centre etait eleve de la moitie environ de la hautour des autres 
protuberances, ou de deux minutes, au-dessus du limbe de la 
lune. Une cinquieme protuberance apparue aussi des le commcn- 
cement au Sud-Est, s'est montree plus haute au milieu de la to- 
talite. Je dois encore remarquer quo toutes les protuberances 
que j'ai pu etudier, ont montre dans leur forme une tendance ge- 
nerale ä s'inflecbir en courbe, dont la concavite etait tournee du 
cote de l'Ouest. 

J'ai pu voir le contour de la lune onze minutes encore apres 
la totalite, se detachant en gris sur le ciel qui etait ä peine plus 
clair que la lune elle-meme. 

Absorbe par ce grand spectacle de la nature, je n'ai pas 0I3- 
serve les ombres mouvantes qui avaient attire mon attention dans 
ma jeunesse, lors d'une eclipse annulaire. Je me rappeile tres- 
bien que deux minutes avant la formation de l'anneau le mou- 
vement des ombres avait lieu de l'Ouest vers l'Est et tres-lente- 
ment. J'ai tout lieu de croire, d'apres le recit qui m'a ete fait 
par des personnes des lieux oü nous observions, que des taches 
d'un beau jaune (amarillos) se sont dessinees sur leurs vetements, 
surtout sur leurs cbemises, se mouvant de l'Est ä l'Ouest, quoique 
le vent soufflät du nord. Ce recit, qui m'a ete fait en presence 
de Mr. Airy, merite confiance, d'autant plus que ces personnes 
ignoraient que ce phenomene eüt dejä ete observe. 

Je n'ai pu voir des traces de la lumiere zodiacale; la couleur 
du ciel au zenith etait bleu-noii'; eile contrastait avec la lumiere 
jaune-vert de Tborizon. Au commencement de l'eclipse je vis par 
moment les cornes du croissant solaire alternativement arrondies, 
surtout la corne nord." 

Gewiss ein Beweis einer seltenen Virtuosität des Auges, wie 
sie wohl nur bei einem so gescbickten Maler zu erwarten ist. Was 
die Veränderung der Farbe zu Anfang der Totalfinsterniss, wo die 
anfangs grauen Anhängsel sich in rothe verwandelten, betrifft, so 
mag es gestattet sein, hier an eine Erfahrung zu erinnern, die man bei 
Mondfinsternissen gemacht hat. So lange noch ein Theil des Mon- 
des erleuchtet ist, erblickt man den verfinsterten Theil grau, wäh- 
rend der total verfinsterte Mond roth erscheint. Ja noch mehr; 
wenn man, so lange die Finsterniss noch partial ist, den er- 
leuchteten Theil aus dem Felde des Fernrohres entfernt, wird der 
verdunkelte Theil sogleich roth schimmern; brmgt man den er- 



182 GESCHICHTE DER HEMMELSKÜNDE. 

leuchteten Theil wieder ins Feld, so wird auch das Roth wieder 
zum Grau. 

Das Farbenspiel bei Sonnen- und Mondfinsternissen wird kun- 
digen Optikern noch vielfach Gelegenheit bieten, die Lehren der 
DiÖraction, luflexion und Brechung in Anwendung zu bringen und 
so die Einzelheiten des Phänomens uns besser kennen zu lehren. 
Die Himmelskunde wird einen solchen Beistand stets willkommen 
heissen, erwartet aber, dass der nun wohl entscheidend widerlegte 
rein optische Ursprung aller der mannichfaltigen Phänomene 
bei Sonnenfinsternissen nicht in neuer Form wieder auftauche. 

Doch, so unzweifelhaft es auch gegenwärtig ist, dass diese 
Erscheinungen als reelle Objecte der Sonne angehören, so wenig 
wird dadurch der Einfluss aufgehoben, den Difiraction, luflexion 
und andere in das Gebiet der physikalischen Optik fallende Vor- 
gänge auf die Erscheinung haben. Denn nur wenn es gelingt, 
alle diese Einflüsse möglichst zu eliminiren, können wir hofi'en, 
diese Protuberanzen, wie sie wirklich sind, darzustellen; und dann 
werden wir durch sie über die Natur des Sonnenkörpers sichere 
Aufschlüsse erhalten. — Werden bei jeder Totalfinsterniss der 
Sonne eine Anzahl Beobachter auf die geeigneten Punkte vertheilt, 
so darf erwartet werden, dass nicht leicht ein solches Phänomen 
für die Wissenschaft ganz verloren gehe. Die Totalfinsterniss ver- 
breitet sich in der Regel über eine so beträchtliche Längszone, 
dass wohl ein Theil, vielleicht der grösste Theil derselben, aber 
schwerlich die ganze Zone eine Wolkenbedeckung zeigen wird. 

§ 169. 

Mondfinsternisse sind früher, da sie keine scharfen Zeitmomente 
gewähren können, oft ganz unbeachtet gebheben. Allerdings wurde 
versucht, die Eintritte und Austritte der einzelnen Flecke zu er- 
halten, was bei günstigen atmosphärischen Zuständen nur eine 
Unsicherheit von etwa 5" übrig lässt, während bei Anfang und 
Ende der Finsterniss gewöhnlich eine ganze Minute und darüber 
zweifelhaft bleibt. Namentlich wai* es v. Zach, der diese Flecken- 
beobachtungen empfahl und durch das Mittel aus zahlreichen 
Flecken die Zeit etwa eben so gut wie aus den Verfinsterungen 
der Jupiterstrabanten zu erhalten hoffte. Doch finden sich nur 
wenige Beobachtungen dieser Art, die veröfi"entlicht worden sind. 

Dass Tobias Mayer einen solchen Versuch machte, ist be- 



DIE HIMJrELSKUNDE IM 19. JAHRHl-XDERT. 183 

reits oben erwähnt. Er folgerte aus seinen Beoljachtuiigen eine 
Vergrösserung des Erdschattens gegenüber dem berechneten, und 
schrieb diese der Erdatmosphäre zu. Sie sollte nach ihm = ^'„ 
sein, was beiläufig 14'/3 geographischen Meilen entspricht. Um 
dies praktisch zu prüfen, beobachtete ich am 2^. l)ecbr. 183^^» 
bei einer Totalfinsterniss des Mondes die Ein- und Austritte meh- 
rerer Flecken. Mit Weglassung der nur einseitig erhaltenen Be- 
obachtungen ergab sich aus 22 Flecken die Vergrösserung = -~ 
und bei einer später in Dorpat beobachteten := ^^^^ Bei einer nur 
partiellen Einst erniss am 10. Juni 1835 versuchte ich, die Breite 
des beobachteten Schattentheils mit dem berechneten zu ver- 
gleichen, allein es konnten nur wenige Messungen erhalten wer- 
den und diese ergaben eine Vergrösserung = ^^. unvereinbar mit 
den vorstehend angeführten Resultaten. Auch war der Zustand 
der Erdatmosphäre kein günstiger. 

Aber es treten auch bei den Mondfinsternissen sehr beachtens- 
werthe Umstände ein. Der Mond verschwindet in der Regel nicht, 
es bleibt eine rothe, glanzlose Scheibe, auch für das unbewaffnete 
Auge, sichtbar. Das Roth ist verschieden nach Farbe und Inten- 
sität: ein schönes Rosenroth, wenn die Erdatmosphäre da, wo die 
Sonnenstrahlen vorbeistreichen, heiter ist; ein trübes Kupferroth, 
wenn das Gegentheil Statt findet. Zuweilen ist der verfinsterte 
Mond auch ganz verschwunden, oder man hat nur einzelne Stellen, 
namentlich des Randes, von Zeit zu Zeit aufleuchten sehen. Die 
Flecke bleiben sämmtUch sichtbar, nur wenn das Centrum des 
Erdschattens den Mond trifit, lagert sich um dieses herum tiefe 
Nacht, die jedoch nui' etwa Va des Monddurchmessers breit ist. 

Bessel benutzte eine totale Mondfinsterniss, um den Durch- 
messer der Scheibe in verschiedenen Richtungen zu messen, da 
während einer solchen die Phase ganz oder nahezu gleich Null 
ist, während in gewöhnlichen Vollmonden die Phase eigenthch 
nicht verschwindet, sondern sich in N. oder S. herumzieht. Ich 
habe mich mehrmals durch Beobachtung überzeugt, dass diese 
Phase im Vollmonde sehr gut wahrnehmbar ist. Bessel fand die 
Scheibe ganz kreisförmig. 

Das Wenige, was bis jetzt in physischer Beziehung für Mond- 
finsternisse geschehen ist, rechtfertigt gewiss den Wunsch, dass 
man in Zukunft diese Verhältnisse mehr beachten möge, insbeson- 
dere in solchen Klimaten, die einer grösseren Heiterkeit und Durch- 
sichtigkeit sich erfreuen. 



184 ÜESCHICHTE DEß HIMMKLSKUNDE. 

§ 170. 

Auch die Sonnenflecke, obgleich schon im Anfange des 17. Jahr- 
hunderts entdeckt, sind gleichwohl erst in neuerer Zeit Gegenstand 
beharrlicher Beobachtung und eingehender Untersuchung gewesen. 
Die so heftige Opposition der neueren Peripatetiker war zwar ohne 
viele Mühe widerlegt und auch die Meinung, dass es Planeten seien, 
die um die Sonne ki'eisen, ist nie von kundigen Astronomen fest- 
gehalten worden, allein nun verstrich eine geraume Zeit, ohne dass 
sie besondere Beachtung fonden. Die französischen Himmelsforscher 
im Anfange des 18. Jahrhunderts ermittelten durch sie die Ro- 
tation und Axenstellung des Sonnenkörpers, wobei man die ziem- 
lich grossen Differenzen der Resultate den Beobachtungsfehlern, 
nicht einer eigenen Bewegung der Flecke zuschrieb. Die Ver- 
nachlässigung dieser Objecto ist übrigens dadurch motivirt, dass 
man noch keine oder doch sehr unvollkommene Blendgläser be- 
sass und deshalb den Sonnenuntergang oder eine solche Bewöl- 
kung, bei der die Sonne nicht ganz verschwand, zur Beobachtung 
wählte, was denn doch immerhin nicht ganz gefahrlos Avar. 

Fast allgemein war die Meinung, die Sonnenflecke seien 
seltene Erscheinungen und bildeten einen Ausnahmezustand; in 
der Regel sei die Sonne fleckenfrei. Deshalb finden wir auch bis 
ins 19. Jahrhundert hinein Einzelne, die darüber ganz verwundert 
waren und etwas Neues entdeckt zu haben glaubten, das sie 
rasch durch die Zeitungen dem Publikum mitzutheilen sich für 
verpflichtet liielten. Wolf in Züi-ich, der jetzt wohl am eifrigsten 
sich mit den Sonnenflecken beschäftigt, hat die dürftigen Nach- 
richten früherer Zeiten gesammelt und es ergiebt sich, das nur 
die grösseren und frequenteren Flecken Aufmerksamkeit zu er- 
regen im Stande waren. 

William Herschel ist auch hierin der erste, der nicht allein 
genauer und anhaltender den Gegenstand beobachtete, sondern 
auch eine Erklärung versuchte, die im Wesentlichen mit der über- 
einstimmt, welche Wilson in Glasgow schon 1769 gegeben hatte. 
Er hatte bemerkt, dass die Flecke nicht bloss, wie zu erwarten 
war, ausserhalb der Mitte ihre Gestalt optisch veränderten, son- 
dern dass sie auch verschwanden, bevor sie den Sonnem-and er- 
reicht hatten. Er schloss daraus, dass die Flecke Vertiefungen 
seien, die den inneren dunklen Sonnenkörper hindurchschimmern 
lassen oder diesen auch ganz biossiegen. Hiernach sehen wir in 



DIE HIMMELSKUNDE IM IS. lAIIHHUNDEKT. 185 

trichterförmige OefFiiungeu der Photosi)h:lrc hinein, erblicken auf 
dem Grunde den Sonnenkern als schwarzen Fleck, und die Wunde 
des Trichters als umgehende lichtgraue Penumhra. Er trat der 
Meinung entgegen, welche in den Sonnenflecken eine Verminderung 
des der Erde gespendeten warmen Sonnenscheins erblickte und 
versuchte nachzuweisen, dass gerade umgekehrt die fleckenreichstou 
Jahre auch die wärmsten gewesen, was er aus den niedrigeren 
Kornpreisen dieser Jahre schloss. 

Das Mangelhafte des letzteren Schlusses hegt auf der Hand: 
die Kornpreise, namentlich in England, hängen von der allge- 
meinen ^Veltlage, der Handelsgesetzgebung und noch manchen 
anderen Umständen mehr als von der Wärme des Jahrgangs ab. 
Unverkennbar jedoch liegt auch hier ein grosser Fortschritt vor, 
und wir können W. Herschel's Arbeiten auch auf diesem Felde 
als den Ausgangspunkt der Neuzeit betrachten. 

Ausser Herschel haben noch Keill, Rösler, Hansen und 
Rost Notizen über frühere Beobachtungen der Art gesammelt, 
und die beste und vollständige Literatur dieses Gegenstandes hat 
Wolf in seinen seit 1852 publicirten ..Mittheilungen über die 
Sonnenflecken" gegeben. Am anhaltendsten betrachtete man das 
Phänomen auf der Pariser Sternwarte seit ihrer Errichtung; ein- 
zelne Erwähnungen finden sich bereits seit der ersten Zeit der 
Entdeckung. So hat Saxonius die Sonne vom 22. Februar bis 
12. März 1616 anhaltend beobachtet und in dieser Zeit 12 Flecken 
gesehen; Schein er in seiner Rosa Ursina hat vieles dahin Ge- 
hörige, wobei man jedoch die näheren Angaben .meistens vermisst. 
Hevel (um 1640), Vagetius (um 1693), Derham, Rost und 
Zucchoni geben gleichfalls nur einzeln stehende Wahrnehmungen. 
Fritsch ist schon ausführlicher; eine anhaltend fortgesetzte Reihe 
finden wir zuerst bei Starck in Augsburg und noch gründlicher 
und vollständiger bei Schwabe in Dessau, der seit 1826 an jedem 
Tage, wo Trübheit es nicht hindert, die Flecke abzeichnet, so 
dass z. B. im Jahi'e 1852 an 337 Tagen die Sonne beobachtet 
werden konnte. Er hat in den Astronomischen Nachrichten und 
an anderen Orten seine Beobachtungen vollständig mitgetheilt 
und diese lange, nirgend unterbrochene Reihe sorgfältiger Be- 
obachtungen bietet ein trefi'Kches Material für alle dahin gehören- 
den Forschungen. 

Eben so haben Carl, Spörer, Carrington, Böhm und 
Andere die Sonnenflecken aufmerksam beobachtet, so dass es für 



186 GESCHICHTE DER HIMMELSKIMDE. 

I 

die neuere Zeit durchaus nicht an Material für die Untersuchun- 
gen fehlt, und die neueste Zeit hat sogar photographische Stern- 
warten errichtet, die sich ganz besonders mit Sonnenflecken be- 
schäftigen; auch Russland besitzt eine solche in Wilna, wo der 
thätige, leider früh verstorbene Gussew* einen grossen von War- 
ren -de la Rue verfertigten Photographen zu solchen Beobach- 
tungen anwandte. 

Spörer hat (in seiner Abhandlung zum Programm des An- 
clamer Gymnasiums 1862) gezeigt, dass sich die Flecke sowohl in 
Länge als in Breite verändern, und dass letztere Veränderung 
darin besteht, dass sie vom Aequator der Sonne nach den Polen 
zu rücken. Ferner geben die Hecken eine desto grössere Rotations- 
periode, je weiter sie vom Aequator entfernt sind. Spörer fand 
indess einen Fleck, der bei mehreren Wiedererscheinungen 
seine Breite gar nicht verändert hatte, und indem er als wahr- 
scheinHch annimmt, dass auch seine Länge dieselbe geblieben sei, 
setzt er für die Rotation der Sonne, wie dieser Fleck sie ergiebt, 
25 Tage 4 Stunden 24' 21", was er auf 12 Minuten für sicher 



* Matthäus GUSSEW, geb. 1826 am 14. Nov., gest. 1866 am 
10. April. Seine Bildung erhielt er in Kasan und widmete sich 
den physikalisch-mathematischen Studien. 1847 ward er Conser- 
vator des Museums der Universität Kasan, 1848 hielt er bereits 
Vorlesungen über Physik und physikalische Geographie. — In 
Pulkowa bildete er sich für praktische Astronomie aus und ging 
1851 mit Pop off und Kowalsky nach dem Asowschen Meere 
zur Beobachtung der totalen Sonnenfinster niss. 

1852 ward er Gehülfe der Sternwarte Wilna unter dem Di- 
rector G. v. Fuss, seit 1854 unter Sab 1er. — Eine mehrjährige 
Reise ins Ausland, von 1857 an, benutzte er, um auch andere 
Sternwarten kennen zu lernen, besuchte auch bei dieser Gelegen- 
heit die Naturforscher- Versammlung in Königsberg. — Die Stern- 
warte Wilna war inzwischen zu einer photographischen umgestaltet 
worden, und Gussew beschäftigte sich insbesondere mit Photo- 
graphien der Sonnen-Oberfläche, anfangs mit Sab 1er und nach 
dessen Tode allein. 

Von einer langwierigen Krankheit hatte er 1866 in Berlin 
Heilung gesucht, allein er starb dort, noch nicht 40. Jahr alt. — 
Sein Nachfolger im Directorat zu Wilna ist Smysloff. 



DIE HIMMELSKUNDE IM 19. JAHRHUNDERT. 1 87 

hält. Mit der Thatsache, dass die Flecke, mit seltenen Ausnah- 
men, sowohl nördlich als südlich des Aequators ihre Breite ver- 
grössern, stimmen auch Carrington und Böhm überein. 

Nimmt man Spörer's Rotationsperiode an, so folgt, dass die 
Flecke unter 30 Grad Breite eine der Rotationsrichtuug entgegen- 
gesetzte Eigenbewegung von 34 Meilen in der Stunde (220 F. in 
der Secunde) haben; die am Aequator dagegen eine von 26 — 28 
Meilen im Sinne der Rotation. Eine Fortsetzung dieser Unter- 
suchungen ist gewiss dringend zu wünschen, namentlich auch um 
die Frage zu beantworten, ob die Eigenbewegung der Flecke von 
ihrer Frequenz abhängig sei oder nicht. 

Diese Anwendung der Photographie auf Himmelsforschung 
war die am frühesten gelungene, sie wird auch stets die erfolg- 
reichste bleiben, denn ein kleiner Bruchtheil der Zeitsecunde ge- 
nügt, um ein gutes Bild zu bekommen, so dass hier die Zeit- 
bestimmung ganz so scharf wie bei anderen astronomischen 
Beobachtungen erhalten werden kann. 

John Herschel hat sogar einen Vorschlag gethan, durch 
dessen Ausführung die Sonne genöthigt werden würde, uns ihre 



Es wird angemessen sein, die Titel seiner Werke hier deutsch 
zu geben: 

1850. Die geographische Lage von Wjätka. 

1851. Übersetzung (ins Russische) der Beschreibung des Uranoskops von Böhm. 
1352. Die totale Sonnenfinsterniss vom 18. Juli 1851, beobachtet in Berdiansk. 
1853. Die Sternwarte Wilna von 1753 bis 1853. 

1855. Über das Klima von Wilna. 

1857. Über Eigenbewegung der Fixsterne (in Schumacher's A. N.). 
1857. Übersetzung des III. Theils von Humboldt 's Kosmos ins Russische. 
Die beiden ersten Theile hatte Froloff übersetzt. 

1860 begann er eine Zeitschrift für Mathematik und Astro- 
nomie, in der zwar auch deutsche Aufsätze aufgenommen wurden, 
die jedoch ihrem Haupttheile nach russisch erschien, aber schon 
nach Beendigung des ersten Heftes von 16 Nummern wieder ein- 
ging, aus Mangel an Abnehmern. Eine ganz analoge Erfahrung 
hatte kurz vorher die Petersburger Akademie gemacht. Man 
würde irren, wollte man dies einem Mangel an Interesse für Wis- 
senschaft bei unseren östlichen Nachbarn schliessen; wohl aber ist 
es ein Zeichen, dass es noch zu früh sei, allgemein wissenschaft- 
liche Werke russisch erscheinen zu lassen. 



] 38 GESCHICHTE DER HnnHELSKUNDE. 

eigene Geschichte zu schreiben. Man wähle auf der Erdkugel in 
der heiteren Ti'opcnzone 3, beiläufig 120 Grad von einander ent- 
fernte Punkte aus, versehe jeden derselben mit einem photo- 
graphischen Instrument, welches der Sonne folgt, ind'em es durch 
ein Uhrwerk bewegt wird; wobei dann der das Instrument Be- 
dienende nichts weiter zu thun hat, als die zubereiteten Platten 
eine kurze Zeit zu exponiren und dann wieder wegzunehmen, um 
sie nach einem bestimmten Intervall durch eine andere zu ersetzen. 

Wenn jedes der 3 Instrumente von 8 Morgens bis 4 Nach- 
mittags arbeitete, so würde bei vorausgesetzter Heiterkeit eine 
ganz vollständige Reihe von Sonnenbildern erhalten werden. Da 
indess selbst die heitersten Punkte unseres Planeten doch nicht 
absolut Avolkenfrei sind, so müsste die so leichte und einfache Ar- 
beit auf jedem Punkte so lange fortgesetzt werden, als gute Bilder 
erlangt werden können. 

So würden nicht nur alle Sonnenflecke, sondern auch vor- 
überziehende Planeten, die noch ungesehen geblieben, zu unsrer 
Kenntniss gelangen und eine Biographie der Sonne erhalten wer- 
den, die uns Aufschlüsse gewährt, wie keine andere Beobachtungs- 
art sie bieten könnte. Die Küste von Chili, ein geeigneter Punkt 
der Sundainseln und ein dritter in Afrika würden auszuwählen 
sein und die laufenden Kosten mit einer sehr massigen Summe 
bestritten werden können. Diese Aufschlüsse würden betreffen: 

1) die physische Natur der Flecke und des Sonnenkörpers 
überhaupt; 

2) die Rotationselemente der Sonne; 

3) die Periodicität der Flecke. 

Was die letztere anbetrifft, so folgt sie schon unverkenn- 
bar aus den Beobachtungen Schwabe's; und Wolf, früher in 
Bern, jetzt in Zürich, hat sie zum Hauptgegenstande seiner 
Untersuchungen gemacht. Zuerst erhielt er die Periode 11,08 
Jahre, oder bei genauerer Berechnung unter Berücksichtigung 
der Gewichte 11,111 + 0,038. Dies bezeichnet zunächst den Ab- 
stand der Minima, d. h. derjenigen Zeitpunkte, in denen keine 
Flecke, oder doch die geringste Zahl derselben gesehen wurde. 
Beiläufig in der Mitte zwischen zwei Minimis liegen die Maxima, 
wo sowohl die Häufigkeit als die Ausdehnung und Schwärze der 
Flecke am grössten sind. Diese Periodicität ist es nun, welche 
Wolf fast ausschhesslich im Auge hat, und seine späteren Mit- 
theilungen setzen sich immer nur das Ziel, die von ihm gefun- 



DIE UIMMELSKUNDE IM 19. JAHRHUNDERT. 189 

dene Periodicität festzuhalten und sie gegen Angriffe wie gegen 
Missverständnisse zu vertheidigcn. * 

Auch kommen bei ihm Versuche vor, diese Periode und 
die innerhalb derselben vorkommenden Schwankungen mit den 
Planetenumläufen zusammenzustellen und so eine Ptiickwü-kung der- 
selben auf die Sonne wahrscheinlich zu machen. Namentlich wird 
auf Ju})iter recurrirt, dessen Umlauf von 4332 Tagen der Wolf- 
schen Sonnenfleckenperiode von 4052 Tagen zwar sehr nahe kommt, 
aber doch noch 274 Tage = ^/^ Jahr von ihr verschieden ist. 
Abgesehen davon, dass von einem Nachweise eines inneren Zu- 
sammenhanges nirgend etwas vorkommt, ist diese Abweichuug so 
])edeuteud, dass 13 Jupitersperioden schon 14 Sonnenflecks- 
perioden entsprechen, während doch Wolf aus 2V2 Jahrhunderten 
schon 24 Perioden ableitet. Dass Jupiters Umlaufszeit sich auch 
nicht um Minuten vermindern lasse, ist bekannt; man müsste also 
die Fleckenperiode um 274 Tage vermelii'en, oder wenn dies nicht 
möglich, die Ansicht ganz fallen lassen. Ganz dasselbe gilt von 
den Perioden der Erde, der Venus u. s. w., die sich gleichfalls in 
der Sonnenfleckenperiode abspiegeln sollen. Jede derartige Periode 
müsste genau darzustellen sein, mindestens aus einer längeren 
Reihe von Beobachtungen, um eine innerlich so wenig wahrschein- 
liche Annahme zu rechtfertigen. 

Auch mit den Veränderungen der Magnetnadel, so wie mit 
den Nordlichten, sucht Wolf eine solche Uebereinstimmung. Hier 
könnte man sich die Sache so vorstellen, dass die Sonne die wir- 
kende Ursache sei, und dass eine grössere Fleckenfrequenz auf 
eine grössere active Thätigkeit der Sonnenoberfläche deute, die 
eine stärkere Oscillation der Magnetnadel zur Folge hat. Aber 
man ^nrd jedenfalls eine beträchtlich längere Reihe von Beobach- 
tungen sowohl der Magnetnadel als der Sonnenflecken abwarten 
müssen, um zu entscheiden, ob W^olf oder sein Gegner Lamont 
Recht habe. 

Spörer und Carrington haben die Sonnenflecke in anderen 
Beziehungen untersucht. Ersterer findet, dass die Rotation der 



* Sehr verdienstlich ist die von Wolf gegebene Zusammenstellung frü- 
herer Beobachtungen, die häufig an Orten vorkommen, wo man sie nicht leicht 
vermuthet. Wir erfahren, dass Adams, Hagen, Horrebow, Mallet, 
Orlani, Staudacher, Tevel und Zucchoni sich zum Theil anhaltend 
mit Beobachtung von Sonncnllccken beschäftigt haben, und solche ältere Be- 
obachtungen sind zur Feststellung der Perioden besonders wichtig. 



190 GESCHICHTE DER HDIMELSKirN'DE. 

Sonne verschicfleu gefunden wird, je nachdem man sie aus Flecken 
nahe am Sonnenäquator, oder aus solchen von grösserer helio- 
graphischer Breite herleitet. Es deutet dies auf eine von der 
Sounenrotation verschiedene Eigenhewegung der Flecke und wir 
wünschen, dass es Spörer gelingen möge, durch weitere Unter- 
suchung dieses Gegenstandes der wahren Sonnenrotation, die wir 
noch so wenig kennen, näher auf die Spur zu kommen. 

Carriugton findet, dass die Flecke eine Bewegung haben, 
die sie vom Aequator aus nach beiden Seiten entfernt, womit zu- 
gleich die grössere oder geringere Frequenz in Verbindung steht. 
Wir würden in allen diesen Beziehungen bessere Resultate er- 
halten, wenn ein Beobachter der Tropenzone oder auch an der 
Küste von Chili, die Sonnenflecke beobachtete. Spörer in An- 
clam und Car rington in Durham werden stets nur fragmen- 
tarische Beobachtungen erhalten können und hier kann nur von 
ununterbrochenen ein sicheres Resultat erwartet werden. 

Auch ist die Frage aufgeworfen worden, ob alle Seiten der 
Sonnenkugel gleich stark leuchten? Die Beantwortung hat Secchi 
durch photometrische Messung, Buys-Ballot durch die Tem- 
peraturmittel, geordnet nach Rotationsperioden der Sonne, zu geben 
versucht. In Beziehung auf letzteres gilt wohl die obige Bemer- 
kung: die Tropenzone, wo unregelmässige Zustände der Tem- 
peratur seltener und schwächer sind, können, wenn anders hier 
eine Gew^issheit zu erreichen ist, allein diese Gewissheit gewähren. 
Übrigens kommen aus früheren Jahrhunderten, namenthch bei 
Arabern und Persern, bereits Beobachtungen vor, die auf eine 
grosse Häufigkeit der Flecke in einzelnen Jahren schliessen lassen. 
536 war der Glanz der Sonne merklich vermindert, 14 Monate 
hindurch. 626 ist sie vom October bis Juni zur Hälfte verdunkelt. 
807 und 840 glaubte man Merkur oder Venus vor der Sonne zu 
sehen; da aber 8 und selbst 90 Tage Dauer angegeben werden, 
so waren es sicher nicht diese Planeten. 1547 ist die Sonne 
so stark verdunkelt, dass man 3 Tage lang Sterne am hellen 
Tage sah. 

§ 171. 

Mehrfach haben wir bereits des Sohnes und Nachfolgers 
W. Her seh eis gedacht; hier haben wir die wichtigste seiner Ar- 
beiten ausführhcher zu erwähnen. John Herschel hatte schon 
1825 begonnen, die Beobachtungen seines Vaters über die Nebel- 



DIB H1MMELSKUM)E IM 19. JAHRHrXDERT. 191 

flecke wieder aufzunehmen, und eine neue Durchmusterung des 
Himmels in Beziehung auf diese Objecte machte deren Anfang. 
Die Orter wurden, wie es die inzwischen erschienenen Kataloge, 
namentlich der Piazzi'sche und der Bessel-Bradley'sche ge- 
statteten, nach Rectascension und Declination ermittelt und nach 
ersterer geordnet. Einige wenige, von seinem Vater aufgeführte, 
wurden nicht wieder gesehen, einige der grob zerstreuten Steru' 
häufen als unberechtigt zu -dieser Benennung ausgeschlossen, da- 
gegen manche neue aufgefunden. Der betreffende Katalog erschien 
1833 und die Royal Society hatte die Herausgabe besorgt. 

Aber dies alles betraf nur den nördlichen und einen Theil 
des südlichen Himmels, so weit er in Slough noch deutlich genug 
sichtbar ist, um auf Nebelflecke geprüft werden zu können. Mehr 
als 1/3 des gesammten Fii'mameuts mussten hier undurchsucht 
bleiben, und um das schöne Werk wenigstens in dieser räum- 
lichen Beziehung zu vollenden (denn wer dürfte hier von einer 
inneren Vollendung sprechen), entschloss sich J. Herschel, mit 
seinen hauptsächlichsten Instrumenten nach dem Cap der guten 
Hoffnung zu gehen und hier, wo der Südpol des Himmels sich 
bis 34^ erhebt, den südlichen Himmel zu untersuchen. 

Freilich konnte er bei diesem Unternehmen in allen wesent- 
hchen Punkten nur auf sich selbst rechnen; er hatte aber, Astro- 
nom von Jugend auf, sich in allem Erforderlichen him-eichende 
Übung erworben, namentlich auch die eben so wichtige als 
schwierige Politur des grossen Spiegels mit Sicherheit ausgeführt. 
Am 18. November 1833 schiffte er sich mit seiner Familie und 
den Instrumenten auf dem der ostindischen Compagnie gehören- 
den Schiöe Elphinstone ein, und nach einer glücklichen Fahrt 
landete er in der Tafelbay am Morgen des 16. Januar 1834. 
Alle Instrumente fanden sich in demselben unversehrten Zustande, 
wie sie in England verpackt worden waren. Bald nach ihrer Ab- 
reise hatten verheerende Stürme die britischen Küsten betroffen, 
und erst am 4. April konnte das erste Schiff, was dem seinigen 
folgte, am Cap eintreffen. 

Sechs englische Meilen von der Capstadt, in Feldhausen auf 
der Besitzung eines Herrn Schomberg, am östlichen Fusse des 
Tafelberges, wurden die Instrumente aufgestellt. Die Locahtät war 
so gewählt, dass man möglichsten Schutz vor den Winden, nament- 
lich den Seewinden, genoss, und dass auch die den Gipfel des 
Tafelberges gewöhnlich einhüllenden Wolken in genügender Ent- 



192 GESCHICHTE DER HDDIELSKUNDE. 

fernung blieben, und die Beobachtungen nur selten durch sie ge- 
stört wui-den. 

Am 2. Mai konnte J. Herschel seine Arbeiten mit einer 
Messung des Doppelsterns « Centauri beginnen. — Eine solide 
Steinpyramide wird künftigen Zeiten den Ort bezeichnen, wo das 
grosse Instrument von 1834 — 1838 gestanden hat. J. Stone, ein 
geschickter Mechanikus, von J. Herschel in England für diese 
Expedition angenommen, war die einzige wissenschaftliche Hülfe, 
Die wiederholt nöthige Politur des Spiegels besorgte Herschel 
immer persönlich, so wie selbstverständlich auch alle Beobach- 
tungen, Zeichnungen und Berechnungen. 

In der Introduction seiner 1847 publicirten Results of Cape 
Observations giebt er sehi' ausführliche und beachtenswerthe No- 
tizen über seine Teleskopspiegel und deren Aufstellung, 

Bei den Verzeichnissen dieses interessanten Werks bedient sich 
Herschel, nach dem Beispiel der Sternwarte Greenwich, der Xord- 
polardistanzen, um einerseits die Zeichen -f- und — , welche die 
Declinationen erfordern, entbehrlich zu machen, andererseits die 
Reductionselemente ganz gleichmässig anwenden zu können. 

Vor Herschel hatte Dunlop in Paramatta einen Katalog 
von 840 Nebelflecken des südlichen Himmels veröffentlicht; aber 
nur 211 derselben konnte Herschel in seinem bei weitem licht- 
stärkeren Teleskop constatiren. Da man nun nicht annehmen kann, 
dass in der kurzen Zwischenzeit 629 Nebelllecke vom Himmel ver- 
schwunden seien, so muss man Herschel beistimmen, wenn er 
p. 4 des gedachten Werkes sich dahin ausspricht, ..that a luant 
of sufßcient liglit or defining jyoicer in the Instrument vsed hy Mr. 
Dunloj), lias been the cause of setting down objects as nebulae 
ivhere none realhj exist.^'' Eine Mahnung für andere Beobachter, 
bei solchen Objecten umsichtig und mit sorgfältiger Beachtung 
aller Nebenumstände zu verfahren und sich in schwierigeren Fäl- 
len nie mit einer Beobachtung zu begnügen. Wir halten uns für 
überzeugt, dass d'Arrest's Nebeltlecke bei künftigen Untersuchun- 
gen die Probe besser bestehen werden, als Dunlop 's. 

In dem Katalog der Nebelflecke geht zwar die laufende Num- 
mer bis 4015, es sind jedoch mehrere, die schon bei W. Her- 
schel vorkommen, mit aufgeführt, also schon in den 2307 des 
europäischen Katalogs enthalten, da die Nummer der Cape Ob- 
servations mit 2308 beginnt. Aus der weiterhin folgenden Ueber- 
sicht der Vertheilung der Nebelflecke findet sich, dass nördhch 



DIE HIMMELSKUNDE IM 19. JAlUtllLNDEHT. 193 

vom Aequator 1817 und südlicli 2110 von den beiden Ilerschel 
beobachtete Nebelflecke vorkoiniiien. Das nicht sehr bedeutende 
Übergewicht der südlichen Halbkugel entsteht dadurch, dass die 
beiden Magellanischen Wolken und einige andere grosse Gebilde 
sich in Hunderte von einzelneu Objecten, Nebelfiecken wie Ster- 
nen, durch das 20füssige Teleskop aufgelöst haben. 

Diesen grossen Gebilden, eine dem südlichen Himmel eigen- 
thümliche Formation, hat Herschel besondere Aufmerksamkeit 
gewidmet. Nicht allein giebt er uns die Coordinaten der Einzel- 
glieder dieser Gesammtmassen vollständig, theils nach Messungen, 
theils, wo diese nicht wohl thunlich waren, nach Schätzungen an, 
er hat auch mehrere derselben in treffhchen Karten dargestellt, 
und Niemand wird die Darstellung der Nubecuia Major auf Taf. X 
betrachten ohne ein freudiges Erstaunen über den unerschöpflichen 
Reichthum der Natur, der hier sich offenbart. Herschel nennt 
seine Darstellung eine First Approximation, und in der That, soll 
alles dieses so dargestellt werden, wie es möglich ist durch unsere 
heutigen Hülfsmittel, so wkd ein Astronom sich finden müssen, 
der seine gesammte praktische Thätigkeit diesem Sternhaufen 
ausschliesslich widmet. Dass dies im höchsten Grade wünschens- 
werth sei — wer wird es leugnen, aber wer wird sich dazu be- 
reit finden und wer ilim die Mittel bieten. Alles zu Ende zu füh- 
ren? Sollte es aber einst dazu kommen, so wird Herschel's first 
approximation ihm bei dieser Arbeit treffhch zu Statten kommen. 

Der Specialkatalog, den Herschel von ^\q?>q\: Nubecuia major 
giebt, fülii't über 900 Objecto einzeln auf. Unter ihnen sind 
mehrere Hundert nicht Sterne oder Sternhaufen, sondern selbst 
wieder Nebelflecke, die möglicherweise ein künftiger Herschel 
eben so auflösen wird, wie der des 19. Jahi-hunderts die ganze 
Nubecuia. Wir lesen auf S. 38, dass nicht das ganze Gebilde sei- 
ner vollen Ausdehnung, sondern nur der hauptsächlichste Theil 
desselben bei r, Argus gemessen und dargestellt ist. Ahnhche 
Specialkataloge finden sich auch von andern, zum Theil in Europa 
sichtbaren Gebilden, namentlich dem Orion-Nebel. 

Wir finden, dass John Herschel's europäische Beobachtun- 
gen der Nebelflecke mit dem 2. Nov. 1823 beginnen und mit dem 
23. Mai 1832 schliessen. Die afrikanischen beginnen den 5. März 
1834, und die letzte datirt vom 22. Jan. 1838. 

Im zweiten Abschnitt p. 165—304 finden wir seine Doppel- 
stern-Messungen. Da sich das grosse Teleskop zu genaueren Po- 

i;. Madler, Geschichte der HimmelsT-uiide. II. 



194 GESCHICHTE DER HIMMELSKUNDE. 

sitions- und Distanz-Messungen weniger eignet, so bediente sich 
Herschel für eine beträchtliche Anzahl derselben des Tfüssigen 
Refractors, der gleichfalls in Feldhausen aufgestellt war. 

Der glcänzendste und gleichzeitig interessanteste dieser Doppel- 
sterne ist « Centauri; unter allen Fixsternen der, Avelcher die 
grösste Parallaxe zeigt, also dem Sonnensystem am nächsten steht, 
nämhch nur Ay/^ Biüionen Meilen, Aus den Beobachtungen Her- 
schel's, wie denen anderer Beobachter und seinen eigenen, hat 
Jacob in Poonah die Bahnelemente abgeleitet. Er findet 77 
Jahre Umlaufszeit und eine Masse des Doppelsterns von 0,83 der 
Sonnenmasse. 

Herschel findet, dass die Doppelsterne von kleinster Distanz, 
namentlich die beiden ersten Struve' sehen Klassen am südlichen 
Himmel seltener als am nördhchen vorkommen. Wir tragen eini- 
ges Bedenken, diesen Schluss sofort zu acceptiren. Das Spiegel- 
teleskop, so treffliche Dienste es auch bei lichtschwachen Objecten, 
also namentlich den Nebelflecken, leistet, ist weniger geeignet zur 
scharfen und völlig deutlichen Trennung enggeschlossener Doppel- 
sterne, wie sich dies selbst bei dem kolossalen Rosse 'sehen Tele- 
skop zeigt. Wenn einst ein Refractor wie der von Lissabon, Pul- 
kowa, Cambridge, am Cap oder einer ähnhchen Localität aufgestellt, 
nach mehrjähriger Durchmusterung dasselbe Resultat giebt, dann 
wird es an der Zeit sein, weitere Schlüsse darauf zu bauen. 

Im dritten Kapitel p. 304 — 373 werden die photometrischen 
Resultate gegeben. Er hat verschiedene Methoden der Lichtmessung 
und Lichtschätzung angewandt, und wir glauben dies mit gutem 
Grunde. Alle bisherigen Photometer, wie verschieden auch im 
Princip, eignen sich nur für die helleren Sterne und versagen bei 
irgend einer geringeren Grössenklasse ihren Dienst gänzlich. Her- 
schel hat auch hier den richtigen Takt bewiesen, der nur durch 
eine vieljährige Ausübung der praktischen Himmelsforschung er- 
langt werden kann, und eine geraume Zeit wird vergehen, bevor 
seine Grössenbestimmungen, bis jetzt die zuverlässigsten von allen, 
weil gegründet auf die sorgfältigsten und umfassendsten Unter- 
suchungen, durch noch bessere ersetzt werden können. 

Im vierten Kapitel wird die Constitution der Milchstrasse in 
der nördlichen Hemisphäre untersucht. Der blosse Anblick der 
Taf. XIII des Herschel'schen Werkes wird Jeden auf der 
Stelle überzeugen, dass er hier ein eigenthümliches Gebilde vor 
Augen habe, und nicht bloss die äusserste Kante der linsenför- 



I 

DIE HIMMELSKUNDE IM 19. JAJIIUIUNDERT. 195 

migen Sternscliicht, wozu man neuerdings auf sehr ungenügender 
und ungeeigneter Grundlage liin, die Milclistrasse hat machen 
wollen. Gewiss ist J. Herschel unter allen Astronomen der, 
dem hierin das competenteste Urtheil zukommt, und in seinen 
Outlines of Astronomy sagt er ausdrücklich, die Milchstrasse sei 
ein Ring. Allerdings bietet der nördliche Himmel nicht entfernt 
eine solche Mannichfaltigkeit der Bildung, eine so reiche Glie- 
derung der Milchstrasse dar als der südliche, und unwillkürhch 
drängt sich uns die Schlussfolge auf, dass wir dem südlichen 
Theil des grossen Ringgürtels näher stehen als dem nördlichen. 
Hier zeigen sich auch die merkwürdigen Oeffnungen der Milch- 
strasse, die sogenannten Kohlensäcke {Canopo ohscuro) der frühe- 
ren Seefahrer in der fernrohrlosen Zeit, die zwar nicht gänzlich 
sternenleer, aber auffallend sparsam und nur mit teleskopischen 
Sternen besetzt sind. Ohne den Gegensatz der umgebenden helle- 
ren Milchstrassenpartien und der sternenreichen Zonen ü])erhaupt 
würde, wie Humboldt bemerkt, die Schwärze dieser Räume gar 
nichts Auffallendes haben. 

Aus Herschel 's Zeichnung wie aus seiner Beschreibung geht 
auch hervor, dass die Milchstrasse nicht einen grössten Kreis 
bilde, wir also mit unserm Sonnensystem nicht in der Ebene der 
Milchstrasse stehen, und eben so wenig ein Perpendikel, vom Sonnen- 
system aus auf diese Ebene gefällt, das Centrum derselben treffe. 

Die drei letzten Abschnitte des Werks behandeln den Hal- 
ley'schen Kometen, der eine geraume Zeit nur auf der Südhalb- 
kugel gut sichtbar war und von dem wir 13 treÖ'liche gra- 
phische Darstellungen erhalten; die Saturnssatelliten und die 
Sonnenflecke; und ein Anhang giebt noch die Messungen an, 
dui'ch welche die Lage von Feldhausen auf die der Capsternwarte 
bezogen wird. 

Mit Befriedigung sehen wir, dass John Herschel bei dem 
Director und den Astronomen der Capsternwarte eine bessere Un- 
terstützung fand als sein Vater bei Maskelyne in Green wich. 
Bereitwillig wurden ihm die Sternörter geliefert, die er bei seinen 
Untersuchungen bedurfte und nur von dieser Sternwarte erhalten 
konnte. William Herschel musste, mit seinen Teleskopen allein- 
stehend, sich damit begnügen, nur Vergleichungen der Doppel- 
sterne und Nebelflecke mit helleren Sternen zu erhalten, ohne in 
seinen Katalogen die absoluten Örter, selbst nur annähernd, geben 

zu können. 

13* 



l^Q GESCHICHTE DER HUDIELSKUNDE. 

Erwägt man die Masse und Mannichfaltigkeit alles dessen, 
was Herschel in den wenigen Jahren seines Aufenthalts am Cap 
in den Kreis seiner Beobachtungen zog, so hat man sich nicht 
darüber zu wundern, dass Viele der Meinung waren: Herschel 
hätte besser gethan, wenn er einer einzigen Classe von Objecten 
seine Aufmerksamkeit zugewendet hätte. Wir können nach Er- 
wägung aller Umstände dieser Meinung nicht beipflichten. Auch 
selbst für eine einzige dieser Aufgaben, sollte sie ganz erschöpfend 
behandelt werden, hätten 4 Jahre nicht ausgereicht, wie durch 
zahlreiche Belege dargethan werden kann. In Europa, wo viele 
Sternwarten bestehen, und nicht wenige unter ihnen ein starkes 
Personal und einen reichen Instrumentenvorrath besitzen, also die 
einzelnen Aufgaben unter Viele vertheilt werden können, steht die 
Sache ganz anders als in Afrika, wo auf allen den Gebieten, über 
welche Herschel 's Thätigkeit sich verbreitete, noch nichts, oder 
so gut als nichts geschehen war. Hier musste zu Allem eine erste 
Grundlage gelegt, eine first approximation gegeben werden, auf 
welcher die Nachfolger weiter fortbauen können. Wenn solche 
sich finden, imd wir hoffen dies allerdings, so werden sie wohl 
thun, ein einziges der Kapitel des Herschel 'sehen Werks auszu- 
wählen und ihre Kräfte auf dieses zu concentriren. Wir fürchten 
nicht, etwas den trefflichen jNIann Herabsetzendes zu sagen, wenn 
wir es offen aussprechen: Herschel kann übertroffen werden, 
nicht von einem Einzelnen, aber von Vielen. Sollen z. B. die 
Doppelsterne des südlichen Himmels eben so gut bekannt werden, 
wie es die des nördlichen durch die fast 50! Jahre umfassenden 
Arbeiten der Dorpater Sternwarte, zu denen überdies noch mehrere 
andere mitwirkten, geworden sind, so wird ein Beobachter, oder 
eine Folge derselben, sich eine eben so lange Zeit damit beschäf- 
tigen müssen. Wir sagten so eben: Herschel könne übertroffen 
werden, wir müssen jedoch hinzusetzen: nur mit seiner eigenen 
Hülfe, nur unter umsichtiger Benutzung der Grundlagen, welche 
er, und er allein, gelegt hat. Nein, besser konnten diese vier 
Jahre nicht angewandt werden, als John Herschel sie angewandt 
hat, zumal der Reichthum dessen, was hier vorliegt, einen schönen 
Beweis giebt von der Unermüdlichkeit wie von der Umsicht des 
Beobachters, durch die allein solche Erfolge möghch waren. 

Eine unerwartete Entdeckung war dem so rüstig thätigen 
Manne vorbehalten. Der Stern ;y Argus, dem kein früherer Beob- 
achter heller als 2'" geschätzt hatte, ward von 1834 bis 1837 all- 



DIE hhoielskunde m 19. jahrhundkkt. 197 

mälig immer heller, und am 2. Januar 1838 setzte ihn Herscliel 
heller als die meisten Sterne erster Grösse, gleich « Crucis und 
nahezu gleich « Centamü. Gegen Ende seines dortigen Aufenthalts 
schien dieser grosse Glanz Weder abzunehmen, was sich durch 
die auf der Cap-Sternwarte fortgesetzten BcohHchtungen bestä- 
tigte. Aber er nahm später aufs neue zu und zwar noch stärker 
als früher. Herschel giebt folgende Zusammenstellung: 

rj Argus. 

1677 Halley 4"' 

1751 Lacai'lle 2 

1811— ISlü Burchell 4 

1822 Fallows* 2 

1822—26 Brisbane 2 

1827 Burchell 1 ^ « Crucis 

1823 (Febr.) Burchell .... 2 ... 1 

1829—33 Johnson 2 

1832—33 Taylor 2 

1834—37 Herschel 1 ... 2 

1838 (2. Jan.) Herschel ...>!, = « Crucis und nahe =: « Centauri 

1838 (19. März) Maclear . . < 1, schwächer als n Crucis 

1843 (April) Maclear = Sirius 

1843 (11.— 14. April) Mackay = Canopus. 



* Fearon FALLOWS, geh. 1789 am 4. Juli, gest. 1831 am 
25. Juli. Sein Vater, ein unbemittelter Weber zu Cockermouth 
in der Grafschaft Cumberland, hielt den Sohn zu seinem Geschäft 
an, indess, selbst nicht ganz ohne Schulbildung, unterrichtete er 
auch den Sohn in den Elementen der Arithmetik und Geometrie. 
Auch andere Bekannte unterstützten den Knaben, der grossen 
Eifer zeigte, mit Büchern. Auf Empfehlung des Pfarrers Hervey 
ward er Gehülfe in der Schule von M. Temple. Dieser starb 
1808, und nun verschaffte ihm Hervey die Mittel, eine Univer- 
sität zu besuchen. Er ward 1809 Student in S. Johns College zu 
Cambridge. 

Er promovirte 1813 zugleich mit John Herschel und ward 
Bachelor of Arts. Nun las er mathematische CoUegia mit grosser 
Auszeichnung, was zur Folge hatte, dass, als das Gouvernement 
die Errichtung einer Sternwarte auf dem Cap der guten Hoffnung 
beschloss, Fallows zu deren Director ernannt wurde. Er be- 
sichtigte jetzt mehi-ere Sternwarten, so wie mechanische und op- 
tische Institute, verheirathete sich 1821 am 1. Januar mit Her- 



198 GESCHICHTE DER HIMMELSKUNDE. 

John Herschel hatte nach seiner Rückkehr die Nothwendig- 
keit empfunden, seiner praktisch-astronomischen Thätigkeit zu 
entsagen. Er konnte dies in dem Gefühle, das Seinige redhch ge- 
than und die Wissenschaft erhebhch bereichert zu haben, der er 
übrigens nur in dieser einen Richtung, keineswegs bis zu sei- 
nem Tode (er starb 1871 im Spätsommer) überhaupt entsagt 
hat. Seine bereits erwähnten Oxtlines of Astronomy, seine 
thätige Theihiahme an den in England bestehenden gelehrten, 
namentlich astronomischen Gesellschaften — bei mehreren der- 
selben hat er die Eröffnungsrede gehalten und Nachricht vom 
Zustande und den Fortschritten der Wissenschaft in wie ausser- 
halb England gegeben — waren erfreuliche Zeichen seines fort- 



vey's Tochter Mary Anna, segelte den 4. Mai ab und langte am 
12. August 1821 auf dem Gap an. 

Indess zog sich die Errichtung der Sternwarte in die Länge, so 
eifrig auch Fallows die Arbeiten betrieb. Die provisorischen Instru- 
mente, welche er sofort benutzen konnte, waren ein transportables 
Durchgangs-Instrument von 20 Zoll Focaldistanz und ein kleiner 
Höhenkreis von Ramsdon mit sehr roher Theilung. Während des 
Baues, den er persönlich leitete, wohnte er unter einem Zelte. 

Endlich war 1829 alles fertig und die besseren Instrumente 
konnten aufgestellt werden. Die Mikroskope des Kreises zeigten 
sich nicht constant genug, und er gab sich viel Mühe, dies zu 
verbessern. Sein GehüLfe Ronald starb, allein Mrs. Fallows 
war bereit, an seine Stelle zu treten, und sie hat ihrem Gatten 
treffliche Dienste geleistet. 

Aber nicht lange sollte er sich dieser Verbesserung erfreuen. 
Ein Sonnenstich hatte schon früher seine Gesundheit geschwächt. 
Ein Fieber kam im Sommer 1830 hinzu. Scheinbar hergestellt, 
wollte er jedenfalls das Äquinoctium des Frühlings noch erhalten. 
Ende März war es ihm nicht länger möglich, zu beobachten, er 
ging zur Erholung nach Simons Town, aber wohl zu spät, denn 
er starb nach eben zurückgelegtem 42. Jahre. 

Seine und seiner Gattin Beobachtungen sind später bearbeitet 
und in London herausgegeben worden. Noch erschien von ihm: 

On a curious appearance observed over the moon. 1822. 
A catalogue of nearly all the principal stars between the Zenith of Cape 
Town and the South Pole. 



DIE raMMKLSKUNDK IM 19. JAHRHUNDKRT. 199 

während regen Geistes und seiner Thcilnalime an der Wissenschaft, 
der sich diese ganze Familie gewidmet zu haben scheint. 

Denn schon begegnen wir auf diesem Gebiete einem Alexander 
Herschel III., ohne Zweifel auch ein Theilnehnier an der Feier, 
welche John Herschel mit seiner Familie im Rohre des alten 
40füssigen Teleskops in der Neujahrsnacht 1840 beging. In der 
Mitternachtsstunde ward im Rohre von allen Anwesenden ein von 
John gedichtetes Lied gesungen und darauf das alte Instrument 
auseinandergenommen, um seine einzelnen Theile zu einem Monu- 
ment für William und seine Arbeiten zu ordnen. 

Alexander Herschel macht eine scharfsinnige Anwendung 
von der Bestimmung des Glanzes, welchen die Sternschnuppen 
zeigen, auf ihre Masse. Die Kraft, mit der sie sich bewegen, 
findet nämhch einen Widerstand bei der Bewegung durch die 
Atmosphäre in Folge der Reibung. Diese Kraft jedoch ver- 
schwindet nicht; sie setzt sich nur in Wanne um, die bei einem 
hohen Grade als Licht erscheint. So wird der Glanz zu einem 
Maassstabe für die Summe von Kraft, und von dieser kann man 
rückwärts auf die Masse schliessen. Wenn nun gleich hier noch 
manche Bedenken entgegenstehen, ob nicht noch andere, nicht 
so einfach zu ermittelnde Factoren zu berücksichtigen sind, so 
gebührt doch dem Grundgedanken alle Anerkennung, 

Wer möchte nicht mit uns wünschen, dass mit dem grossen 
Namen des Ahnherrn auch sein Genie sich forterbe, und dass eine 
lange Reihe von Herschels die Wissenschaft so kräftig fördern 
möge, wie bis jetzt geschehen! 

§ 172. 

Die Expedition nach Feldhausen, deren Resultate wir im 
vorigen Paragraph dargestellt, erinnert an ein ähnhches, wenn 
gleich weniger ausgedehntes Unternehmen eines vermögenden 
Liverpooler Kaufmanns, W. Las selb Er hatte bereits bei einem 
früheren Aufenthalte zu la Valetta auf Malta astronomische Be- 
obachtungen angestellt und sich von den grossen Vorzügen über- 
zeugt, die das dortige Klima, verglichen mit dem in Liverpool, 
für Himmelsforschung gewährt. Seitdem war er mit Vollendung 
eines Spiegelteleskops von 40 Fuss Brennweite zu Stande gekonamen. 
Er hatte statt des Rohrs ein eisernes Geripp gesetzt, welches aus 
16 durch grosse Zwischem-äume getrennten Stangen bestehend, der 



200 GESCHICHTE DER HIJIMELSKUNDE. 

Luft einen freien Durchzug verstattete und dadurch einem Übel- 
stande begegnet, der sich für solche Päesen-Instrumente sehr nach- 
theilig erwiesen hatte: — der ungleichen Temperatur an beiden 
Enden des Rohrs. Allerdings könnten hierbei die Seitenstrahlen 
störend einwirken, aber nicht in voller Nacht, wo das Instrument 
gewöhnhch nur angewendet Avird. 

Mit diesem Instrumente begab er sich im September 1861 
abermals nach Malta, um es dort zu astronomischen Zwecken an- 
zuwenden. Ihn begleitete als Gehülfe Marth. 

Der Sitz des Beobachters ist nicht, wie beim grossen Her- 
schel'schen Teleskop, am Instrument selbst angebracht, sondern 
es ist ein besonderer Thurm aufgeführt, aus dessen verschiedenen 
Etagen man auf eine Brettcrlage tritt, auf welcher der Sitz befindlich 
ist. Für gute Äcpiilibrirung des Teleskops und namentlich des 
Spiegels ist aufs beste gesorgt. Der erwähnte Thurm kann sowohl 
um seine Axe gedreht, als nach dem Instrument hingeschoben, 
und so der Sitz stets so gestellt werden, dass das Auge des Beob- 
achters vor dem Ocular steht. Die erwähnte Bewegung des Thurras 
und die richtige Einstellung des Instrumentes sind zeitraubende 
Operationen; allein dies ist bei so grossen Teleskopen unver- 
meidlich. 

Lassell und sein Gehülfe haben die so schwer sichtbaren 
Monde des Uranus und Neptun genauer erkannt, als dies an 
irgend einem andern Orte möglich war. Der Begleiter des 
Sirius, den Alvan Clark entdeckte, ist hier deutlich zu sehen 
und es gewinnt den Anschein, dass sein Glanz nicht unbedeutenden 
Veränderungen unterworfen sei. 

Der Besitzer, bereits in vorgerückten Jahren, überlässt die 
feineren und schwieriger sichtbaren Objecte meistens seinem jungen 
Gehülfen Marth. 

Wenn diese Beobachtungen in Malta schon ganz geeignet 
sind, die grossen Vorzüge heiterer, südlicherer Klimate vor den 
nord- und mitteleuropäischen ausser Zweifel zu setzen, so tritt 
dieser Umstand in noch höherem Grade bei einer ähnlichen Ex- 
pedition hervor, die Piazzi Smyth, gegenwärtig Director der 
Sternwarte Edinburgh, nach dem Pic von Teneriffa unternommen 
hat. Mit einem sehr lichtstarken, der Sternwarte gehörenden Re- 
fractor sollte die Frage entschieden werden, ob die höheren Luft- 
regionen eines heitern südhchen Klima in der That die Sichtbarkeit 
schwacher Objecte in merklichem Grade begünstigen. Er hatte 



DIE HIMM>;L,SKUNI)K im 19. JAIIKHIWDKRT. 201 

auf eine Untersützimg von 300 L. St. angetragen; die britische 
Regierung bewilligte nicht allein diese, sondern erhöhte sie noch 
auf 500. Er wählte zwei Standpunkte, einen in 9800 Fuss Höhe 
am Nordabhange des Berges, den andern noch näher dem Gipfel. 
Ersterer gewährte eine grössere Leichtigkeit der Aufstellung als 
letzterer. Der unerwartet grosse Unterschied der Luftdurch- 
sichtigkeit hier und an der Seeküste von Orotava überraschte die 
Beobachter selbst; ein Fernrohr, was an der Küste die Sterne 
bis zur zehnten Grösse zeigte, Hess sie oben bis zur zwölften 
wahrnehmen. Smyth hat Bilder der Jupitersstreifen gegeben, wie 
sie in Mitteleuropa, selbst mit den kräftigsten Instrumenten, nicht 
erhalten werden können. Das Zodiakallicht zeigte einen ausser- 
ordentlichen Glanz und wir verdanken diesem nur kurzen Auf- 
enthalte des Astronomen eine Reihe schöner Beobachtungen. 

Wie sehr erscheint der Wunsch gerechtfertigt, dass diese in 
Malta und Teneriffa gemachten Erfahrungen nicht unbeachtet 
bleiben möchten, und dass die grössten und lichtstärksten Instru- 
mente, welche die Künstler liefern werden, nicht ferner in die 
Nebel Irlands und Ingermanulands versetzt, sondern an Orten auf- 
gestellt werden, wo sie ihre volle Kraft bewähren können. Die 
Civilisation macht riesenhafte Fortschritte, nach wenigen Jahrhun- 
derten wird man die Erzählungen von den wilden Völkern zu den 
alten Fabeln rechnen. Werden dann die heiteren Klimate West- 
indiens, Südarabiens und so manche andere — werden die noch 
erreichbaren und bewohnbaren Höhenpunkte vergebens der Be- 
obachter harren? Für den weiteren Fortschritt der Himmels- 
kunde ist eine zweckmässige Auswahl der Beobachtungspunkte 
auf der Erdoberfläche noch wichtiger als eine weitergehende Ver- 
vollkommnung der Fernröhre. 

Das gegenwärtig grösste Teleskop ist das des Lord Rosse* 



* William Parsons, Earl of ROSSE, geb. 1800 am 17. Juni, 
gest. 1867 am 31. Octbr. Nachdem er die erste Bildung im väter- 
lichen Hause genossen, bezog er 1818 die Universität Dublin, von 
wo er 1819 an das Magdalen-College nach Oxford überging, und 
hier 1821 die akademischen Würden empfing. Von 1821 bis 1834 
sass er im britischen Parlament, und zog sich hier nur zurück, 
um seinen wissenschaftlichen Studien sich desto ungestörter zu 
widmen. Er war 1831 zum Lord-Lieutenant der Grafschaft und 



202 GESCHICHTE DER HIMMELSKTJNDE. 

ZU Castle Town in Irland. Mit richtigem Takt hat der Besitzer 
für seine Untersuchungen den Gegenstand gewählt, bei welchem 
die Superiorität der Teleskope am schlagendsten hervortritt — die 
Nebelflecke. Hier giebt es verhältnissmässig weniger zu messen. 



1834 zum Obersten der Miliz ernannt. 1836 verheirathete er si^h 
mit Mary Field. Nach dem Tode seines Vaters 1841 ging dessen 
Titel auf ihn über. Wiewohl er später als Irischer Peer ins Par- 
lament wieder eintrat, nahm er hier doch selten das Wort; er 
war mehr ein Mann der That, und hat dies in den verschiedenen 
Comites, an denen er Theil nahm, bewährt. Von Natur wohl- 
thätig und theilnehmend, hat er den grössten Theil seines bedeu- 
tenden Einkommens zur Unterstützung bedürftiger Landsleute an- 
gewandt. Astronomie war sein Lieblingsstudium; doch um seine 
Pläne in Ausführung zu bringen, bedurfte er eines eingehenden 
Studiums der Mechanik und der Chemie, und er hat nichts ver- 
absäumt, wie er denn überhaupt ein Mann von sehr ausgebrei- 
teten Kenntnissen war. 

Schon seit 1826 datiren die Experimente, deren schhessHches 
Ergebniss ein Teleskop war, wie es die Welt nie gesehen. Eine 
detailirte Beschreibung seiner darauf gerichteten Arbeiten hat er 
veröffenthcht; sie lässt nichts vermissen, was Demjenigen wichtig 
ist, der ein ähnliches Unternehmen beabsichtigt. W. Herschel's 
Arbeiten hat er sehr wenig angewandt. Er versuchte zuerst die 
von Blair empfohlenen Glaslinsen mit Flüssigkeit gefüllt, allein 
der Erfolg befriedigte ihn nicht; Teleskopspiegel erkannte er bald 
als das einzige, was ihm genügen könne. Aber schon bei dem 
3 Fuss im Durchmesser haltenden Spiegel, mit dem er begann, 
zeigten sich zahllose Schwierigkeiten. Die Eimittelung der vor- 
theilhaftesten Metallmischung, die Beseitigung der Temperatur- 
dififerenzen, die Einrichtung der Öfen für den Guss der Spiegel, 
die Methode des Schleifens und Polirens und wie vieles Andere 
musste untersucht werden. Die wenigen Vorgänger Rosse's hal- 
fen ihm so gut als nichts. Short, der früheste Verfertiger von 
grossen Teleskopen, hatte vor seinem Tode die Zerstörung aller 
seiner Vorrichtungen anbefohlen. Lord Stanhope hatte mit allen 
Anstrengungen und Mitteln nie etwas Brauchbares zu Stande ge- 
bracht, W. Herschel nie etwas Ausführliches über sein Verfahren 
bei Anfertigung der Spiegel veröffenthcht. So war Alles neu zu er- 



DIE IIIMMELSKÜNDE IM 19. JAHRHUNDERT. 203 

desto mehr aber zu sehen. Für Messungen werden auch die 

grössten Teleskope gegen die Ilefractoren wohl stets entschieden 
im Nachtheil bleiben; abgesehen von dem Umstände, dass zehn 
Messungen im Refractor weniger Zeit erfordern als eine im Te- 



mitteln. Nach vielen Versuchen gelangte er zu einer genügenden 
Figur des Spiegels dadurch, dass dieser in horizontale Rotation 
versetzt ward, bei ruhendem Schleifapparat. Nicht mindere Schwie- 
rigkeiten waren bei der Aufstellung und den Mitteln der Bewe- 
gung zu besiegen. 

Im J. 1840 war der Guss und die Politur des 3füssigen Spie- 
gels zu Stande gekommen; bei dem Gfüssigen, der nun in Angriff 
genommen ward, konnten die gemachten Erfahrungen benutzt 
werden; am 13. April 1842 war er fertig. Seine Einhängung und 
die Montirung des ganzen Teleskops (von 53 Fuss Brennweite) 
verzog sich bis Anfang 1845, wo Dr. Robinson und Sir James 
South das Ganze besichtigten und in begeisterten Ausdrücken 
darüber berichteten. 

Nur wo, wie hier, eine seltene mechanische Geschicklichkeit, 
umfassende optische wie allgemein wissenschaftHche Kenntnisse 
und reiche äussere 3Iittel sich in einer Person vereinigen, 
ist ein Werk wie dieses möghch; und wie hoch auch immer der 
Werth von Rosse's Beobachtungen sein möge, sein hauptsächlichster 
Ruhm wird dennoch die Verfertigung dieses Instruments sein und 
bleiben. 

Der Hauptvorzug dieses grössten Teleskopes ist seine unge- 
meine Lichtstärke, und der Verfertiger hat einen richtigen Takt 
bewiesen, wenn er es vorzugsweise zur Untersuchung der Nebel- 
flecke anwandte. Für Doppelsterne, wie für Untersuchung der 
Körper des Sonnensystems, würde es mit anderen grösseren Instru- 
menten rivalisiren; für die Nebelflecke, namentlich die schwäche- 
ren, steht es einzig da. Docb schon ist ein nach seiner Methode 
construirtes Teleskop mit 4füssigem Spiegel von Grubb zu Stande 
gebracht, und Rosse hat mit Freuden seinen Rathund seine Bei- 
hülfe gewährt; denn wie er selbst äussert, sein Ehrgeiz besteht 
nicht darin, das grösste Instrument allein besitzen zu wollen, son- 
dern er will vor Allem die Wissenschaft fördern. Das Grubb'sche 
Instrument geht nach Australien, zur Erforschung des südlichen 
Himmels. — Wir erwähnen noch, dass er der in Cork 1843 ver- 



204 GESCHICHTE DER HIJIMELSKTTNDE. 

leskop. Soll die optische Kraft verstärkt werden, so wird man 
allerdings sowohl Teleskopspiegel als Objective vergrössern müssen, 
womit dann nothwendig auch eine grössere Länge des Rohres 
verbunden ist. Wir sind in der That auf dem Wege, zu Brenn- 
weiten zu gelangen, wie die Cassini und Huyghens sie in An- 
wendung brachten. Welche Mittel wird dann unsere Mechanik 
besitzen, solche Kolosse wirklich brauchbar zu machen? Denn zu 
den Seilen und Mastbäuraen jener Astronomen wird man nicht 
wieder zurückkehren wollen. Ein eisernes Geripp, wie Lasseil 
es anwandte, würde bei grösseren Brennweiten bald die Grenze 
finden, jenseit welcher es nicht mehr die erforderliche Festigkeit, 
namentlich auch Sicherung vor Durchbiegungen gewährt, und in 
einem geschlossenen Rohre würden die Nachtheile, die beim 
Rosse'schen Teleskop schon jetzt so empfindlich sind, in ver- 
stärktem Maasse hervortreten. 

Lord Rosse hat in den Phüosophical Transactions von 1861 
einen Aufsatz gegeben „on iJie Constritction of Sjyecula of six feet 
aperlure, and a selection from ihe observations of nebulae made loitli 
thejn," aus dem man die ausserordentlichen Schwierigkeiten ersehen 
kann, Avelche hier zu überwinden waren. Von 6 Spiegeln, die 
nach einander mit äusserster Sorgfalt gegossen und polirt wurden, 
gelangen nur 2 so, dass ihre Anwendung befriedigende Resultate 
gewährt. Nicht minder kunstvoll und complicirt ist die Maschi- 
nerie der Richtung und BeAvegung des kolossalen Rohres, wie die 
Construction der Treppen und Galerien, durch welche der Be- 
obachter zum Ocular gelangt. 

Auf S. 701 bemerkt Rosse, es seien ihm häufig zwei Fragen 
vorgelegt worden: 

1) Wie weit lässt sich die Vergrösserung bei diesem Teleskop 



sammelten British Association als Präsident vorstand, dass er zahl- 
reiche Ämter von Zeit zu Zeit bekleidete und in den letzten sechs 
Jahren seines Lebens Kanzler des Trinity College der Universität 
Dublin war. 

Eine Kniegeschwulst, die er durch Operation zu beseitigen 
suchte, ward im 68. Lebensjahre Ursach seines Todes. Er ruht 
zu Parsonstown in der Kirche S. Brandon. Seine Würde, wie 
der Besitz seines Teleskops, sind an seinen ältesten 1840 gebo- 
renen Sohn übergegangen. 



DIE illMMELSKUNDE m 19. JAHHHUNDERT. 205 

treiben? Er hält die Anwendung einer einzigen Objectivlinse, 
welche eine ISOOmalige Vergrösseiung gewährt, für das Ange- 
messenste im Klima von Irland. Allerdings hat ci- es auch mit 
einer 20()0maligen versucht; aber die Idimatischen Zustände ge- 
statten dies nur äusserst selten. 

2) Ist es möglich, noch grössere Teleskope als dieses 53füssige 
herzustellen, und kann ein solches von Nutzen sein? Rosse 
glaubt beides bejahen zu können und wir freuen uns dieser Aus- 
sicht für die Zukunft; müssen jedoch wünschen, dass, um diese 
Bejahung richtig zu würdigen. Jeder den erwähnten Aufsatz durch- 
lese und namentlich auch die Bedingung beachte, welche Rosse 
hinzufügt, dass für solche Instrumente nur die günstigsten Kü- 
mate, welche unser Planet darbietet, gewählt werden müssten, 
wenn sie uns wahrhaft fordern sollen. 

Schon bei einer früheren Gelegenheit hatte Rosse erklärt, 
dass wenn ein ähnliches Unternehmen, wo und von wem dies 
immer sei, beabsichtigt werde, er mit Freuden bereit sei, alle von. 
ihm gemachten Erfahrungen ausführlich mitzutheilen. Er selbst 
wünsche nur, der Wissenschaft nach Kräften zu nützen und es 
habe keinen Werth für ihn, als derjenige zu gelten, der das grösste 
aller astronomischen Instrumente besitze. 

Es folgen sodann in dem erwähnten Aufsatze eine Auswahl 
von Beobachtungen aus seinem Tagebuche, wobei die seiner Ge- 
hülfen Mit che 1, Storuey und Hunt er mit aufgenommen sind, 
und wo die Art der Beschreibung derjenigen analog ist, die John 
Herschel in seinem Katalog anwandte. Auch ist die Nummer 
des Herschel 'sehen Katalogs mit aufgeführt. 

Die Figurentafeln stellen 43 Nebelflecke nach den Zeichnun- 
gen der drei genannten Gehülfen dar, und zwar in doppelter Aus- 
führung: einmal in gewöhnlicher Weise, schwarzer Druck auf 
weissem Papier, und sodann dieselben Objecte weiss auf glänzend 
schwarzem Grunde, also die eigentlichen positiven Bilder. Auch 
die in und bei den Neoelflecken vorkommenden Sterne sind mit 
aufgeführt, jedoch nur solche, für welche Messungen des Positions- 
winkels und der Distanz erhalten worden sind. 

Lord Rosse bemerkt, dass er die Vollendung der ganzen Ar- 
beit nicht habe abwarten wollen, denn da diese jedenfalls eine 
lange Reihe von Jahren erfordern werde, so habe er für ange- 
messen erachtet, schon jetzt eine Probe der Leistungen zu ver- 
öffentlichen. Besonders merkwürdig sind die spiralförmigen Nebel, 



206 GESCHICHTE DER HIMaiELSIOMDE. 

die vorher so gut als gar nicht beachtet worden waren. Alexan- 
der, ein amerikanischer Astronom, glaubt in dieser Form eine 
Andeutung zu finden dass in diesen Massen ein Gleichgewichts- 
zustand nicht, oder noch nicht. Statt fände, und er dehnt diesen 
kühnen Schluss auch auf unser Fixsternsystem aus, da die Milcli- 
strasse gleichfalls eine Spirale sei. Wir glauben nicht, dass mit 
so raschen und übereilten Schritten der Wissenschaft gedient ist. 
Wir können gewiss sein, von den so entfernten Nebelflecken nur 
die stark leuchtenden Theile zu erblicken, neben denen es noch 
viele schwach oder gar nicht leuchtende geben mag. Das Gleich- 
gewicht hat aber mit dem Leuchten nicht das INlindeste zu thun; 
jede dieser beiden Beziehungen ist für sich zu betrachten. 

§ 173. 

Die Erdgestalt, die sowohl an und für sich als auch für viele 
astronomische Fragen so wichtig ist, kam aufs Neue zur Sprache. 
In der That waren alle früheren Versuche, die Erdgestalt zu be- 
stimmen, deshalb von nicht ganz genügendem Erfolge, weil alle 
gemessenen Bögen, mit einziger Ausnahme des französischen, 
kleine Meridianstücke von höchstens 3 " Ausdehnung waren, und 
obgleich sie den verschiedensten Seiten der Erde angehörten, sah 
man sich doch genöthigt sie zu combiniren, wollte man überhaupt 
zu einem Resultate gelangen. Theoretisch richtig konnte dieses 
Verfahren nur dann sein, wenn alle Meridiane der Erde einan- 
der gleich, also auch der Äquator und alle seine Parallelen 
Kreise sind. 

Aber diese Annahme, wenn gleich aus allgemeinen Gründen 
wahrscheinlich, war durch nichts direct erwiesen, und überdies 
hatte die Erfahrung gezeigt, dass nicht allein bei verschiedenen 
Combinationen merklich verschiedene Abplattungs - Coefficienten 
herauskamen, sondern auch die zum Grunde gelegten Gradmessun- 
gen Fehler übrig Hessen von einer Grösse, wie sie nach der Ge- 
nauigkeit und Sorgfalt derselben nicht erwartet werden konnten. 
Auch die Entdeckung eines Berechnungsfehlers in dem südfran- 
zösischen Theile der Gradmessung half nur theilweis dem üebel- 
stande ab. 

Die Untersuchungen Walbeck's {de forma et magnitadine tel- 
luris ex dimensu arcuhns merldiani deßniendis, Aboae 1019) und 
E. Schmidt 's (Bestimmung der Grösse der Erde aus den vorzüg- 



DIE HimiELSKUNItE IM 19. .lAHRIIlJNDKFtT. 207 

Hchsten Messungen der Breitengrade; 1829 (in Schumacher's 
Astr. Nachr. Nr. IGl) konnten nur wenig befriedigen, denn es 
blieben Fehler bis zu 5 Secunden in den einzelnen Messungen 
übrig, obgleich gegen die angewandten Berechnungsmethoden, wie 
gegen die Schärfe des Calculs nichts einzuwenden war. 

Allein auch in Bessel's Bearbeitung, die bereits eine grössere 
Zahl von Gradmessungen, und darunter einige von bedeutender 
Länge benutzen konnte, blieben diese Diöerenzen. Indess erkannte 
Bessel schon den wahren Grund: die lokalen Unregelmässig- 
keiten der Bodengestaltung müssen einen Einfluss auf die Messun- 
gen ausüben, den man mit Unrecht den Fehlern der Operation 
beimessen würde (vergl. seine Abhandlung in Schumacher's Astr. 
Nachr. Nr. 329—331). Die von ihm selbst und dem General 
Baeyer geleitete preussische Gradmessung, die mit einer früher 
nie erreichten Genauigkeit ausgeführt war, zeigten in ihren ein- 
zelnen Theilen Abweichungen, die gai' keine andere Erklärung 
zuliessen. 

Noch von einer anderen Seite zeigten sich diese Difierenzen: 
die astronomisch bestimmten Breiten harmonirten nicht mit den 
geodätischen. So ward für den nördlichsten der gemessenen 
Punkte astronomisch 70« 40' 11,3", geodätisch dagegen 70" 40' 8,3" 
erhalten. Noch grössere Differenzen, bis zu 5,49" steigend, zeigten 
sich bei anderen Punkten. Jeder musste sich sagen, dass Diffe- 
renzen von diesem Betrage wohl im 17. und der ersten Hälfte des 
18., aber gewiss nicht mehr im 19. Jahrhundert den Messungs- 
und Beobachtungsfehlern zugeschrieben werden konnten. 

Nun hatte Borenius in verschiedenen, theils im Petersburger 
Bulletin, theils in Helsingfors erschienenen Abhandlungen ver- 
sucht, die Figur der Erde aus den Pendelbeobachtungen zu be- 
stimmen, die durch Sabine, Kater,'^" Bessel u. a. gleichfalls 



* Hennj KATER, geh. 1782, gest. 1835 am 26. April. Ein 
britischer Militär im Piange eines Kapitäns, zeigte er eine ent- 
schiedene Neigung für Mechanik, und als Gesundheitsrücksichten 
ihn veranlassten, seinen Abschied zu nehmen, widmete er sich 
ganz der praktischen Ausübung derselben. Die Philosophical Trans- 
actions enthalten die Früchte seiner Thätigkeit: Ideen zur Ver- 
besserung der Instrumente; Pendelbeobachtungen mit einem von 
ihm wesentHch verbesserten Pendel; Untersuchungen über eine 



208 GESCHICHTE DER HIMMELSKÜMJE. 

einen hohen Grad von Genauigkeit und Sicherheit erlangt hatten. 
Die auch hier sich zeigenden grossen Abweichungen brachten ihn 
auf den Gedanken, die Meridiane möchten in der That verschieden 
und die Erde ein droiaxiger Körper sein. Namentlich der Um- 
stand, dass Pendel unter ganz oder nahezu gleichen Breiten, aber 
erhebhch verschiedenen Längen gleichwohl verschiedene Resultate 
ergeben hatten, brachten ihn auf diese Idee. 

Inzwischen waren die Messungen der grossen Meridianbögen 
in Russland und Norwegen (von 25 V3 Grad Erstreckungen), die 
ostindische von Lambton und Everest (21Vo^), die neue eng- 
lische von Roy (10^) hinzugekommen; eine sehr genaue Messung 
vom Cap (4V2*') und einige andere konnten gleichfalls mitgenom- 
men oder doch besser als früher benutzt werden, und so aus- 
gerüstet bearbeitete Th. v. Schubert seinen Essai d'une dStermi- 
nation de la veritahle figure de la terre (Petersburg 1861), in wel- 
chem er den von Borenius augeregten Gedanken ausführte und 
unter der Annahme eines dreiaxigen Erdkörpers die Messungen 
berechnete. Es ergab sich ausser der polaren Abplattung eine 
allerdings weit geringere {^^-^ des Äquators und seiner Parallelen; 
derjenige Meridian, der die grösste Ellipticität hatte und folglich, 
allein in Betracht gezogen, auf die grösste Polarabplattung fühi-en 
musste, zog nahe an Kasan vorüber (in etwa 58*^). In der Be- 
rechnung waren einige kleine Correctionen noch unberücksichtigt 
gebheben: Min ding, Professor in Dorpat, untersuchte auch diese 
und fand, dass der grösste Meridian noch um einige Grad öst- 
hcher angenommen werden müsse. 

Wenn nun gleich die grossen Breitendifferenzen sich durch 



Scale für Gewicht und Maass; trigonometrische Operationen zur 
Bestimmung des Längenunterschiedes zwischen Greenwich und 
Paris; Magnetische Untersuchungen: endlich Anwendung und Ge- 
brauch des von ihm erfundenen Collimators. — Sein convertibles 
Pendel beruht auf der Reciprocität des Mittelpunkts der Oscil- 
lation mit dem der Suspension, die im Princip längst bekannt, 
von ihm zuerst angewandt wurde, um die genaue Länge des 
Secundenpendels zu bestimmen. 

Ein Lungenschlag machte dem Leben des thätigea und ver- 
dienten Mannes ein schnelles Ende; in den letzten Jahren hatte 
Augenschwäche ihn an eigenen praktischen Arbeiten behindert. 



DIE HIMMELSKUNDE IM 19. JAHEHUNDERT. 209 

diese Annahmen sehr verminderten, und auch die Längendifie- 
renzen bei mehreren Punkten, wie Dorpat und Warschau, sich 
gleichfalls auf ein erträgliches Maass reduciren Hessen, so konnte 
man doch nicht sagen, dass alles ganz genügend dargestellt sei. 
Die 5V2" Abweichungen waren auf ihren dritten Tlieil herab- 
gebracht; allein selbst dies erschien noch zu bedeutend im Hin- 
blick auf die Genauigkeit der neuesten Gradmessungen. Wohl 
war nachgewiesen, dass die auffallendsten Abweichungen durch 
die Annahme eines dreiaxigen Erdkörpers weggeschafft werden 
könnten, keineswegs jedoch, dass diese Annahme nothwendig sei. 

Schon Bouguer hatte die Vermuthung ausgesprochen, dass 
Localanziehungen einen nicht unbedeutenden Einiiuss auf die Re- 
sultate der Gradmessungen haben hönnten, und Airy hatte nicht 
allein dieses bestimmt nachgewiesen, sondern auch gezeigt, wie 
man diese Localanziehungen, insbesondere die von der Ungleich- 
heit des Terrains herrühi'enden, in Rechnung ziehen könne. Bei 
der neuesten englischen Gradmessung shid diese Ungleichheiten 
nach den von Airy gegebenen Vorschriften berücksichtigt und 
angebracht worden. 

Hier also zeigte sich ein neuer Weg, auf dem man wahr- 
scheinhch zu einer ganz genügenden Darstellung der Gradmes- 
sungen sowohl als der Pendelbeobachtungen gelangen wii'd. Frei- 
lich noch nicht in der Gegenwart, denn selbst angenommen, dass 
die Localanziehungen nachträglich an die bereits fertig vorliegenden 
Messungen angebracht werden können, so erfordert schon ihre 
genaue Bestimmung eine sehr beträchtliche Zeit, und überdies 
bilden die Terrainungleichheiten nur einen Theil, wenn gleich den 
bedeutendsten, der hier mitwirkenden Localungleichheiten. Denn 
wenn schon die Eisenmassen, welche die unteren Räume der 
schwedischen Eisenmagazine erfüllen, auf den Gang einer Pendel- 
uhr- im oberen Stockwerk einen bemerkbaren Einfluss ausüben, 
so wird von den oft so ausgedehnten metalhschen Gängen im 
Lmern der Erde und eben so, nur im entgegengesetzten Sinne, 
von den Höhlungen eben dieses Innern, eine Wirkung auf das 
Resultat der Messungen nothwendig ausgeübt werden müssen. 

V. Schubert selbst erklärt in einem von den Astronomischen 
Nachrichten mitgetheilten Aufsatze, dass das Resultat, zu dem er 
in dem erwähnten Essai gekommen, ihn nicht ganz befriedige. 
Er findet aus allgemeinen Gründen ein zweiaxiges Erd-EUipsoid 
für wahrscheinlicher und macht nun den Versuch, aus den drei 

V. ilädler, Geschichte der Himinelskunde. II. 



210 GESCHICHTE DER HIMMELSKUNDE. 

grössten europäischen Messungen (der russisclien, französischen 
und enghschen) die Erdfigur zu bestimmen, nachdem eine Local- 
anziehung in Fuglenäs mit S" Correction an die dortige Polhöhe 
angebracht ist. Er findet 

Toisen 
Grosse Axe der Erde = 3272667,1 
Kleine Axe = 3261104,3 

Abplattung = 2yJ^_ 

Mit diesem Resultat stimmen alle übrigen Messungen, mit 

Ausnahme der zweiten ostindischen, so weit, dass überall nur 

kleine Localattractionen zu berücksichtigen sind. Bei der ost- 
indischen dagegen zeigt der nördlichste Endpunkt Kaliana 

astronomisch 29» 30' 48,90 
geodätisch 29 31 6,76. 

Offenbar rührt diese Differenz von 17,86'' von der Anziehung 
des Himalaja her. 

Die Forderung, Localanziehungen zu berücksichtigen, hat eine 
Gegenschrift, die von Pulkowa's Astronomen ausging, veranlasst. 
Diese hebt hervor, dass es noch nicht möglich sei, alle Local- 
anziehungen zu berücksichtigen, was gewiss zuzugeben ist. Dar- 
aus aber folgt nicht, dass wir die, welche berücksichtigt werden 
können, so lange vernachlässigen sollen, bis auch die übrigen be- 
stimmt sind. Zunächst, wie auch Schubert am Schlüsse hinzu- 
fügt, muss der Versuch gemacht werden, ob nicht die strenge 
Berücksichtigung der Terrain-Differenzen allein schon hinreicht, 
alles in Ul)ereinstimmuug zu bringen, und erst in dem Falle, wenn 
dies nicht gelingt, wird man die Abweichungen, welche von der 
Ungleichheit des Erdinnern herrühren, in Betracht ziehen. Man 
wird dann am sichersten auf sie geführt werden, wenn die schliess- 
lich übrig bleibenden Abweichungen vorliegen, und man versichert 
ist, sie keiner anderen Quelle mehr zuschreiben zu können. 

Es ist noch zu bemerken, dass nicht die Breiten allein, son- 
dern auch die Längen, und eben so die Azimuthe Abweichungen 
zeigen, die zu gross für Beobachtungsfehler sind. Deshalb be- 
grüssen wir freudig ein Unternehmen, das gegenwärtig im Werke 
ist — eine Längengradmessung quer durch Europa von der at- 
lantischen Küste bis zum Ural. Man wollte sie anfangs auf dem 
Parallel 45^ N. B. vornehmen; gewichtige Gründe haben aber 



DIE HIMMELSKUNDK IM lU. JAireilUNDERT. 211 

dahin geführt, auf 51'' N. B. zu messen, wo weder Pyrenäen, 
noch Alpen und Kaukasus in bedenklicher Nähe stehen, da die 
Linie meistens durch freie Ebenen hinzieht und nur massige Berg- 
höhen zu überschreiten sind. 

Zwar sind schon weit früher Längengradmessungen nicht nur 
zur Sprache gekommen, sondern auch ausgeführt worden, aber 
die gemessenen Bogen waren zu kurz, oder auch die Operation 
selbst mangelhaft, so dass sie wohl als Landmessungen eine Gel- 
tung beanspruchen, aber keine Entscheidung über die Erdgestalt 
geben können. Die neueste und gleichzeitig beste dieser kleinen 
Längengradmessungen ist die, welche Generallieutenant v. Müff- 
ling im Jahre 1823 zwischen Ostende und der Sternwarte Seeberg 
ausgeführt hat. Über sie ist in Sc hu mach er 's Astronomischen 
Nachrichten, Nr. 27, so wie in einer eigenen 1826 erschienenen 
kleinen Schrift berichtet. 

Ungemein reich ist die Literatur dieses Gegenstandes. Der 
Katalog der Pulkowaer Bibliothek enthält gegen 1000 einzelne 
Titel, unter denen man doch noch Manches, wie namentlich die 
meisten der zahlreichen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts 
gewechselten Streitschriften vermisst. Den Anfang macht Fer- 
nelius' Narratio de gradus meridiani dimensione. 1528, 

An diese neueren Bestimmungen der Erdgestalt schliessen 
sich die an, welche sich auf die Erddichtigkeit beziehen. 

Die umfassendsten Untersuchungen über die Erddichtigkeit 
sind die, welche F. Baily in einem ganz isolirten Gebäude seines 
Gartens Tavistock Place Nr. 37 in London vom 24. Januar 1841 
bis 9. Mai 1842 in der Gesammtzahl von 2153 Beobachtungen der 
Drehwaage angestellt hat, und über welche der 11. Band der 
Memoirs, der ganz allein aus dieser Abhandlung besteht, auf 120 
und CCXXXXYIII Seiten vollständige Auskunft giebt. Alles ist 
hier vollständig detaillirt und die Beobachtungen einzeln gegeben 
nebst allen zur Beduction erforderlichen Angaben und, wo erfor- 
derlich, durch Illustrationen erläutert. 

Der Baum war gegen Temperaturverschiedenheiten dui'ch ge- 
eignete Vorkehrungen geschützt, das einzige Fenster desselben 
verdunkelt und ein Windzug im Innern unmöghch gemacht. So- 
wohl die Art der Ausführung als die Massen selbst wurden in der 
verschiedensten Weise abgeändert und schlieslich die Resultate 
nach allen diesen Modificationen gesondert zusammengestellt. Das 
Aufhängungsmaterial war Seide, Stahl, Kupfer, Messing, und zwar 

14* 



2l2 



GESCHICHTE DER HIMMELSKimUE. 



entweder ein oder zwei Fäden. Die schwingenden Kugeln Piatina, 
Messing, Zink, Blei, Elfenbein, Glas. In drei Versuchsreihen 
schwang der Messingstab allein, ohne Kugel, Die Durchmesser 
dieser Kugeln waren IV25 2, 2V2 Zoll. Durch Combination dieser 
Verschiedenheiten konnte fast jede Versuchsreihe etwas Eigeu- 
thümliches haben, zumal auch der Abstand der Kugeln von den 
Massen noch variirt wurde. So ist beispielsweise die erste Ver- 
suchsreihe vom 24, Januar bis 1, Februar 1841, in allem 37 Ver- 
suche, angestellt mit zweizölligen Bleikugeln, einer doppelten 
Seidenschnur zur Aufhängung und einem Abstände von 0,177 Zoll 
zwischen Kugel und Masse. In der zweiten Reihe, 23 Beobach- 
tungen vom 2. bis 8. Februar, war alles wie in der ersten, nur 
fand nach jedem Versuche eine Vertauschung der beiden Massen 
statt. In der vierten Reihe zweizöllige Zinkbälle, sonst alles wie 
im ersten. 

Wir finden notirt: Thermometer und Barometer zu Anfang 
und Ende jeder Tagesreihe, die Stellung der Massen, vier Ab- 
lesungen der Theilung, zweimal bei jedem Extrem, nebst dem 
ersten, zweiten und dritten Mittel; die Zeitmomente, wo die Kugel 
einen bestimmten Stand wüeder erreichte, die daraus berechnete 
Schwingungsdauer und schliesslich eben dieselbe für den aus den 
Ablesungen geschlossenen Stillstandspunkt. Wir setzen zur bes- 
sern Deuthchkeit die erste Beobachtung vom 6. März 1841 her, 
in der Gesammtzahl die 171.: 



T. 45,750 F, 

B. 29,800" 



98lO^^''^^S9V^oi89'96 
' I90 0n0 ' 



f. d. 
Eesting at div. 89. at div. 90. by div.S9. by div.90. Resting 
Point. Oh 42' 2G" 9'' 42' 9" j Point. 

1 5 9,0 1454,517" 
7 '6i,b\ 



9^ 42' 26" 


9'' 42' 9" 




49 29 


49 46 


15 10,0 


57 36 


57 18 


7 35,0 



Wie aus diesen Beobachtungen die numerischen Bestimmungen 
für Erddichtigkeit abgeleitet werden, muss man im Werke selbst 
nachsehen. — Wir finden die Resultate der einzelnen Q2 Ver- 
suchsreihen, nach verschiedenen Gesichtspunkten geordnet, am 
Schlüsse des Werks. In Tabelle II sind die Resultate nebst ihren 
Mitteln in chronologischer Folge gegeben; Tabelle III ordnet sie 
nach dem Material der Aufhängung, Tabelle IV nach der Art 
derselben. In Tabelle V finden wir sie nach dem Gewicht der 
Kugeln geordnet, endlich Tabelle VI giebt sie so, dass die grösste 
Zahl für Dichtigkeit den Anfang, die kleinste das Ende bildet. 



DIK HIMMIOLSKINDK l.M VJ. JAUItUUNDERT. 21.'-{ 

Nimmt man aus allen Vorsuchen, ohne einen einzigen 

auszuschliessen, (las mathematische Mittel, so erhält man 5,6747 it 0,0038; 

schliesst man die zweite Reihe aus 5,0754 rfc 0,0038; 

schliesst man die Ri-ihen 56, 57, 62, wo der Messingarm 

ohne Kugel schwang, aus 5,6666 äz 0,0038; 

werden die Reihen 33 und 35, mit den Elfenbeinkugeln, 

ausgeschlossen 5,6683 =t U,0033; 

und mit allen diesen Ausschlüssen insgesamnit . . . . 5,66ül rt 0,0032. 

Am meisten gerechtfertigt erscheint der Ausschluss der drei 
Reihen, in denen die Kugeln ganz fehlten. Sie gaben Keihe 

56 . . . 5,993 1 

57 . . . 6,154 5,024 
62 . . . 5,925 ) 

während alle übrigen Resultate zwischen 5,550 und 5,847 stehen. 

In der zweiten Reihe waren, wie oben bemerkt, die Lagen 
nach jeder Beobachtung vertauscht w^ordeu; sie ergab 5,582; die 
33. Reihe giebt 5,847 und die 35. 5,839. 

Man kann also 5,66 oder in runder Zahl 5^ 3 als ein Re- 
sultat für die Erddichtigkeit annehmen, welches, so weit diese 
Beobachtungen schliessen lassen, nur in den höheren Decimalen 
von der Wahrheit abweicht. 

Cavendish hatte aus 29 Beobachtungen 5,45, Reich aus 
14 Versuchen 5,46 und aus 6 späteren, mit einer anderen An- 
ziehungsmasse, 5,45 gefunden. 

Der Vorzug der letzteren Zahlen und namenthch der Baily'- 
schen vor denen, welche durch die Anziehung der Bergmassen 
erhalten sind, scheint entschieden, gleichwohl dürfte der Vor- 
schlag, an einer der ägyptischen Pyi'amiden den Versuch Mas- 
kelyne's zu wiederholen, alle Beachtung verdienen. Die P'orm 
der Pyramiden nähert sich einer mathematisch regelmässigen so 
sehr, dass man das Volumen scharf zu bestimmen im Stande ist, 
und die Gleichförmigkeit des Materials gestattet eben so eine hin- 
reichend genäherte Bestimmung des specifischen Gewichts, mithin 
auch der Masse. Nur hoffen wir, dass jetzt, nachdem Baily mit 
2153 Beobachtungen der Drehwage au die Öffenthchkeit getreten 
ist, Niemand mehr aus so wenigen Beobachtungen wie Caven- 
dish und Reich es für ausreichend hielten, ein Resultat wii'd 
ziehen wollen. 

Grosse Vorsicht und Aufmerksamkeit auf jeden Umstand ist 
bei diesen Arbeiten unerlässlich. Wir führen nur eine Bemerkung 



2]^ 4 GESCHICHTE DEK HDiIMELSKÜKDE. 

von Reich an, der aus seinen gemachten Erfahrungen Folgendes 

mittheilt : 

„Von diesen allmälig fortschreitenden Veränderungen der 
Schwingungszeiten ganz verschieden und auch leicht davon zu 
unterscheiden sind die einige Male bemerkten noch weit grösseren 
AnomaHen, die durch ein kleines Hinderniss hervorgebracht werden, 
das sich dem schwingenden Arme entgegenstellte. In dem engen 
Gehäuse hatten sich vermuthlich feine Härchen, oder durch Fäul- 
niss gebildete Fäden eingefunden, die sogleich viel kleinere 
Schwiugungszeiten, grosse Unregelmässigkeiten darin und schnelles 
Abnehmen der Schwingungsbögen bewirkten. In solchem Falle 
wurde das Gehäuse sorgfältig gereinigt, namentlich wurden in den 
engen Röhren, durch Avelche die die Kugeln tragenden Drähte 
gingen, alle Fäserchen mittelst eines durchgeschobenen brennenden 
Lichtes zerstört." 

Nicht minder ist die sorgfältigste Vermeidung jedes, auch" 
des unbedeutendsten Luftzuges erforderlich. Ein solcher erfolgt 
schon durch die Bewegung einer Person, so wie durch einen Tem- 
peraturunterschied der einzelnen Theile des Raumes. Baily ver- 
dunkelte den Raum, um nicht eine Differenz der Sonnen- und 
Schattenseite zu veranlassen, und las, wie auch schon Cavendish 
gethan, die Theilungen durch ein gutes Fernrohr ab. 

§ 174. 

Seit Kepler waren die Fixsterne in Beziehung auf ihre all- 
gemeine Weltstellung und die Art ihrer Zusammengehörigkeit 
mehrfach Gegenstand astronomischer Untersuchungen gewesen, 
obgleich man längere Zeit über die Eigenbewegungen der Sterne 
nicht allein nichts wusste, sondern sie ziemHch allgemein für ganz 
unbewegt hielt. Bei Kepler bildete unsere Sonne den Central- 
körper, nicht des Planetensystems allein, sondern des gesammten 
Universums im vollsten Sinne des Worts. Huyghens (in seinem 
posthumen Werke Cosmotlieoros) hält einen andern Gesichtspunkt 
fest. Ihm ist die Sonne nicht das, sondern nur ein Centrum, 
ein Fixstern wie die übrigen, ihr Planetengefolge beherrschend 
wie jeder andere Fixstern das seinige. Er hatte gesucht, durch 
Beobachtungen eine Veränderung in der gegenseitigen Stellung 
der Sterne zu entdecken; dies war ohne Erfolg geblieben; selbst 
die nur 14'' scheinbaren Abstand zeigenden beiden Sterne, die 



DIE imiMELSKUNDE IM 19. JAIUülUNDEKT 215 

^ Ursae uiaj. bilden, Hessen nichts der Art wahrnehmen. So gal) 
er es auf, Fixsternparallaxen durch Ortsbestimmungen zu suchen, 
und schlug einen photometrischen Weg ein. Am verschlossenen 
Ende eines 12 Fuss langen Rohres brachte er eine feine Öffnung 
an und richtete dies Rohr gegen die Sonne. Indem er eine immer 
feinere Öffnung wählte und durch eine Glaslinse das Sonnenlicht 
zerstreute, gelaugte er endlich dahin, die Sonne nur so hell als 
Sirius zu sehen; die Rechnung zeigte ihm, dass er den 28000. Theil 
des Sonnendurchmessers vor sich gehabt habe. Wurde nun hypo- 
thetisch die Sonne und Sirius gleich gross und von gleicher spe- 
cifischer Leuchtki'aft gesetzt, so folgte, dass Sii'ius 28000 Mal 
weiter als die Sonne von uns abstehe. 

So weit nun, nahm er an, stehe der nächstfolgende Fixstern 
hinter dem Sh'ius, und überhaupt sei diese Zahl das allgemeine 
Maass für irgend zwei einander zunächst stehende Fixsterne. 
Denn ihi-e Vertheilung durch den Raum sei eine gleichförmige, 
und nur die exceutrische Stellung unseres Systems veranlasse eine 
optische Ungleichheit. Weiter geht Huyghens nicht, und nament- 
lich sagt er nichts über die Milchstrasse. 

Sechzig Jahre lang begegnen wir keinem weiteren Versuch. 
Zwar hatte Halley die wichtige Entdeckung gemacht, dass einige 
Fixsterne eine Eigenbewegung zeigten; allein dies blieb ziemlich 
unbeachtet und ward von den Meisten bezweifelt. 

Der Königsberger Philosoph, Immanuel Kant, nahm den 
Gegenstand wieder auf. In seiner anonym verfassten „Allgemeine 
Naturgeschichte und Theorie des Himmels, oder Versuch von der 
Verfassung und dem mechanischen Ursprünge des ganzen Welt- 
gebäudes, nach Newtonischen Grundsätzen abgehandelt, 1755" 
adoptirt er die Ideen von Huyghens, geht aber weiter als dieser 
und beschränkt die Gravitation nicht auf jedes System insbeson- 
dere. Er setzt vielmehr ein allgemeines Band und erbhckt in 
der Milchstrasse gleichsam den Zodiakus der Fixsterne. Sie seien 
nicht gleichmässig durch den Gesammtraum vertheilt, sondern 
desto dichter und gedrängter, je näher sie der Ebene dieses 
grossen Ringes stehen. Nun aber muss es einen Centralkörper 
geben, der für die Fixsterne das ist, was die Sonne für die Pla- 
neten, das allgemeine Centrum der Anziehung. Er folgert, dass 
unsere Sonne nach der Seite des Adlers hin stehen müsse, weil 
hier die Milchstrasse glänzender und breiter ist, und dass also 
eine von hier nach dem entgegengesetzten Punkte des Himmels 



2] 6 GESCHICHTE DEE HIHBIELSKUNDE. 

o'ezogene Linie auf den Centralkörper treffen müsse. Sie trifft 
nahezu auf Sirius, und dieser hellste aller Fixsterne ist also die 
Centralsonne. 

Kant äussert seine Verwunderung, dass ein ähnlicher Schluss 
nicht schon längst von den Beobachtern gemacht worden sei. 
Überhaupt aber war er zwar einer der scharfsinnigsten Denker, 
aber keineswegs praktischer Astronom, und letzteres gewahrt man 
an manchem Ausdrucke dieses genialen Werkes, dem man Mangel 
an Präcision vorwerfen kann. Ü})rigens sagt er selbst, dass er 
die Grundideen seines Werkes Wright verdanke, womit ein selten 
gewordenes Werk dieses letzteren: „The iheory of the universe, 
London 1750," gemeint ist. 

In einem späteren Werke von 1763: „Beweis vom Dasein 
Gottes," kommt er auf diesen Gegenstand zurück. Es ist nebst 
anderen Kant'schen Schriften 1838 von Rosenkranz heraus- 
gegeben unter dem Titel: „Kant's kleine logisch-metaphysische 
Schriften," Diese Sammlung enthält die Kant'schen astronomi- 
schen Ideen in einer mehr übersichtlichen und leichter verständ- 
lichen Form. 

Lambert* giebt zwar an, dass er bereits 1749, im 21. Le- 
bensjahre, die ersten Ideen zu seinem System gefasst habe; da er 
jedoch sie nicht früher als 1760 in seiner Photometrie und aus- 



* Johann Heinrich LAMBERT, geh. 1728 am 26. Aug., gest. 
1777 am 25. Sept. Er ist der Sohn eines Schneiders zu Mühl- 
hausen im Elsass und verdankt fast Alles eigenen Studien, da er 
ausser dem in der Elementarschule seines Geburtsortes nie einen 
andern Unterricht genossen hat. Er war zuerst Buchhalter eines 
Hüttenwerks, darauf Secretär des Professor Iselin in Basel und 
sodann Hauslehrer in der Familie v. Salis in Chur. Nachdem 
er mehrere grössere Eeisen, theils mit seinen Zöglingen, theils 
allein gemacht und sich durch mehrere gehaltreiche Schriften 
einen weitverbreiteten Ruf erworben hatte, ward er 1765 Mitglied 
der Berliner Akademie und nahm nun dort seinen bleibenden 
Wohnort. Seine literarische Fruchtbarkeit kann nur mit der 
seines Zeitgenossen L. Eni er vergUchen werden: freilich Avaren 
ihm nur 19 Jahre, jenem fast die dreifache Zeit zu einer solchen 
beschieden. Sie verbreiten sich über Physik, Mathematik und 
Astronomie; er ist Gründer und erster Bearbeiter des Berliner 



DIE HIMMKLSKTNDE IM 10 JAHKIIUNDERT. 217 

führlicher 1761 in seinen kosmologischen Briefen veröffentlichte, 
so ist er chronologisch nach Kant zu setzen. 

Bei ihm ist eine Überordnung der Systeme zu finden, der- 
gestalt, dass unsere Sonne mit ihrem Planeten- und Kometen- 
gefolge ein System erster Ordnung bildet. Jeder einzelne Fix- 
stern bildet nun ein System erster Ordnung. 

Aber unsere Sonne, nebst vielen anderen ihr näher stehenden 
Fixsternen, bildet ein System zweiter Ordnung, ganz nach Ana- 
logie der Systeme erster, und in jedem derselben ist ein Stern 
der Centralkörper. 

Alle Fixsternsysteme zweiter Ordnung bilden zusammengenom- 
men für unsern Anblick die Milchstrasse und die einzeln um ihre 
Ebene herum gruppirten Sterne, und wir haben also hier ein 
System dritter Ordnung. 

Nun aber giebt es nicht eine, sondern mehrere Milchstrassen; 
und möglicherweise ist selbst der Nebellleck des Orion eine solche. 
Es giebt also auch eben so viele Systeme dritter Ordnung, und 
diese sämmtlich zusammengefasst, wird man zu einem System 
vierter Ordnung gelangen, von wo aus man die Analogie weiter 
fortsetzen und sich Systeme fünfter, sechster u. s. w. Ordnung 
denken kann. Dies jedoch überschi'eitet die Grenzen des Wahr- 
nehmbaren und ist mithin blos speculativv weshalb es richtiger 



astronomischen Jahrbuchs, dessen erster Band 1774 erschien und 
die Ephemeride des Jahres 1777 enthält. 

Wir können hier nur die wichtigsten seiner übrigen astrono- 
mischen Arbeiten anführen. Eine seiner ersten ist: Insigniores or- 
bitae cometarum proprietates 1761, in welchem Werke das be- 
rühmte Lambert'sche Theorem enthalten ist, welches Olbers 
bei seiner Methode der Kometenberechnung zur Grundlage diente. 
Seine kosmologischen Briefe, gleichfalls von 1761, hat er später 
erweitert und umgearbeitet als Systeme du Monde; Merian gab 
es nach seinem Tode 1779 heraus. In diesem entwickelt er seine 
Ideen über das System des Universums, das er nach dem Modell 
des Sonnensystems, stets aufwärts steigend, construirt und den 
grossen Nebelfleck des Orion für den Centralkörper des Fixstern- 
systems hält. — Waren seine beharrhch fortgesetzten photo- 
metrischen Arbeiten auch nicht von vollständigem Erfolge gekrönt, 
so haben sie doch den Anstoss zu den neueren Arbeiten auf diesem 



218 GESCHICHTE DER HDOIELSKUNDK. 

ist, bei dem thatsäclilich Gegebenen, den vier übereinander ge- 
stellten Ordnungen, stehen zu bleiben. 

Mau wird mit einiger Verwunderung gewahren, dass Lambert 
die Purtialsysteme der mondenbegleiteten Planeten ganz übergeht, 
da doch diese, und nicht die einzelnen Sonnensysteme, die un- 
terste, also erste Ordnung bilden. Aber wenn wir bedenken, 
dass Lambert jede Ordnung von Systemen zum Modell der 
nächst höheren macht, so musste ihm der grosse, nicht blos gra- 
duelle Unterschied zwischen diesen Mondensystemen und dem 
Planetensystem der Sonne als ein Hinderniss erscheinen. Nicht 
alle Planeten haben Monde, und gleichwohl sollten in seinen 
Analogien alle Fixsterne Planeten und Kometen haben. Er be- 
nutzt diese Mondensysteme nur, um zu zeigen, um wie vieles 
grösser die Räume zwischen den einzelnen Planeten, als zwischen 
den einzelnen Monden sind, und folgert, dass die Räume zwischen 



Felde gegeben. — Seine Beiträge zum Gebrauch der Mathematik 
und deren Anwendungen erschienen zu Berlin in vier Bänden, 
1765 — 1772. — Im Allgemeinen aber kann gesagt werden, dass 
kaum ein damals vorliegendes Problem der Astronomie zu finden 
ist, an dem er sich nicht versucht, und meistens erfolgreich ver- 
sucht hat. 

Sein vielbetrauerter Tod ist wahrscheinlich dadurch verfrüht 
worden, dass er, schon bedenkUck krank, sich für gesund hielt 
und dem di'ingenden Rath seiner Freunde zu wenig Folge leistete. 
Ein plötzlicher SchlagÜuss endete, kurz nach einer mit Wohl- 
gefallen genossenen Mahlzeit, sein thatenvoUes nur 49j ähriges 
Leben. 

Nach seinem Tode erschien noch: 

HInterlassene Schriften, zum Druck befördert von J. Bernoulli. 7 Bände. 

Berlin 17^1. 
Sammlung gelehrter Briefe von Lambert. 6 Bände. 1781 — 17S7. 
Sur les irregularites de Jupiter et Saturne. 1781. 

Als seine Biographen haben wir zu nennen: 

Bernoulli, Precis de la \ie de Lambert, 1777, und Eloge, 1778. 
Eberhard, Lambert's Verdienste um die theoretische Philosophie. 1787. 
Müller, Bemerkungen über Lambert's Charakter. , 1787. 
Hubert, Lambert nach seinem Leben und Wirken. 1829. 
AVolf, Notice sur Lambert. 1845. 



DIE lUMMKLSKUNDK IM ID. JAIIHIinNDERT. 219 

den einzelnen Fixsternen eben so ohne allen Vergleich grösser 
sind, als die zwischen den einzelnen Planeten. 

Alle diese Systeme sind sowohl unter sich, als einzeln ge- 
nommen, der allgemeinen Gravitation unterworfen, die nach ihm 
nicht blos für das Sonnensystem, sondern für das gesammte Uni- 
versum und alle höheren wie niederen Systeme, die es in sich be- 
greift, anzunehmen ist. Hier erwähnt Lambert der Fixstern- 
bewegungen, die T. Mayer aus Vergleichung seiner eigenen mit 
den wenigen geretteten Römer'schen Beobachtungen geschlossen 
hatte, und er folgert: wo Bewegungen sind, muss auch ein Cen- 
trum derselben stattfinden, und eben so umgekehrt. Denn Be- 
wegungen ohne ein gemeinsames Attractionscentruui müssten ins 
Unendliche verlaufen und somit zur Auflösung der Systeme führen, 
wogegen bei einem Attractionscentrum ohne eine solche Eigen- 
bewegung ein Körper auf den andern und schliesslich alle auf 
einen einzigen fallen und sich mit ihm vereinigen müssten. 

Lambert hat alles, was zu seiner Zeit thatsächlich feststand, 
in seinen Schlussfolgerungen benutzt, und hätte er die Doppel- 
sterne gekannt, so würde er eine solche Uniformität der Systeme 
und eben so die Nothwendigkeit eines Centralkörpers nicht mit 
solcher Entschiedenheit festgehalten haben. Denn in Wirklichkeit 
ist in einem Attractionssysteme ein Centralkörper zwar möglich, 
resp. wahrscheinlich; mehr aber nicht. Nothwendig ist nur ein 
Centralpunkt (Schwerpunkt), und dieser kann an einen Central- 
körper geknüpft sein, doch auch eben so gut im leeren Räume 
liegen, wie bei den meisten Doppelsternen. 

So aber hält Lambert seine Analogien fest und lässt nur 
einen Unterschied zwischen unserm Sonnensystem und dem nächst 
höheren gelten. Die Sonne soll ihre Planeten beleuchten; sie 
muss folglich selbstleuchtend sein. Die Fixsterne jedoch haben 
nicht nötliig, beleuchtet zu werden; sie können also auch eben 
so gut einen dunkeln Centralkörper haben, denn nur auf seine 
Masse, nicht auf seine Leuchtkraft kommt es hier an. Er setzt 
als möglich, dass der Nebelfleck des Orion, dessen Umfang jeden- 
falls ein enermer ist, den (oder einen) Centralkörper bilde, und 
dass wir ihn nur sehen, weil die benachbarten zahlreichen und 
hellen Sterne ihn beleuchten. Er fordert die Astronomen auf, den 
Nebelfleck des Orion genau zu beobachten, um seine etwaigen 
Phasen oder Flecke wahrzunehmen. 

Dem nächsten Fixstern giebt er eine Distanz von etwa 



220 GESCfflCHTE DER mMirELSKUKDE. 

500000 Sonnenweiten; denn erlieblich geringer könne man sie 
nicht annehmen, da sonst die Parallaxe sich den Beobachtungen 
nicht hätte entziehen können. Dies führt auf eine Lichtzeit von 
etwa acht Jahren. Da nun aber die verschiedenen Systeme, auch 
die der höheren Ordnungen, durch entsprechende Zwischenräume 
getrennt sein müssen, so gelangt er zu Distanzen, die für die 
Milchstrasse auf 6000 Jahre Lichtzeit steigen. 

Wir gewahren überhaupt in seinem Werke neben so Manchem, 
was durch spätere Entdeckungen seine wissenschaftliche Geltung 
verloren hat, viele Ideen, die bei ihm zuerst ausgesprochen sind 
und die sich vollkommen bestätigt haben. Wir führen beispiels- 
weise an, dass er aus der Eigenbewegung der Fixsterne auf eine 
solche unserer Sonne schliesst und nun weiter folgert, dass wir in 
jener Eigenbewegung nicht einfach die des Sternes selbst, sondern 
eine aus der Bewegung unserer Sonne und der des Sterns zusam- 
mengesetzte Ortsveränderung gewahren. 

Mitchell, der in den Fhilosojjhical Transactions, voh LVII, 
p. 234 — 264 ein Memoire unter dem Titel: An iiiquiry into the 
probable parallax and magnitude of the ßxed Stars, 1767, ver- 
öffentlichte, giebt meistens Vermuthungen und kann keineswegs 
zu Denen gezählt werden, welche die Wissenschaft wesentlich ge- 
fördert haben. Meistens stimmt er mit Lambert überein; ohne 
da, wo er von ihm abweicht, uns Besseres zu geben. Von der 
Milchstrasse spricht er gar nicht. 

Über Herschel haben wir bereits in den §§ 140 — 142 aus- 
führlich gesprochen, indess dürfte hier noch Manches zu erwähnen 
sein, was den Fixsterncomplex betrifft, zumal er in einer Al)hand- 
lung von 1811 es selbst ausspricht: „Die Kenntniss der Consti- 
tution des Fixsternhimmels war immer das Endziel meiner Beob- 
achtungen." 

Er hat, wie wir schon früher bemerkten, seine Ansichten im 
Laufe seines langen und thätigen Lebens mehrfach geändert, wie 
es auch nicht anders möglich war, da die Entdeckungen, worauf 
sie sich gründeten, erst nach und nach von ihm selbst gemacht 
wurden. Es ist darauf hingedeutet worden, dass Herschel seiner 
Vorgänger nirgend gedenke, ja sie nicht gekannt zu haben scheine. 
Wir möchten letzteres zugeben und es aus den allgemeinen Ver- 
hältnissen jener Zeit uns erklären. Auch Lambert weiss 1760 
und 1761 nichts von Kant, und in dem späteren Briefwechsel 
zwischen beiden sagt er dies ausdrücklich. Herschel war nicht 



DIE HIM3IELSKUNDE IM 19. JAlIRIiraDERT. 22 1 

der Mann, der fremdes Verdienst in den Schatten stellte, od(n- gar 
sich Anderer Arbeiten aneignete. 

Die frühesten seiner Äusserungen finden wir in zwei Abhand- 
lungen aus den Jahren 1775 — 1784: On the constmclion of the 
Iceavens, worin er die Bemerkung macht, dass zwar die Sterne der 
drei ersten Classen ziemlich gleichmässig über das ganze Himmels- 
gewölbe vertheilt sind, die geringeren Grössenclassen jedoch häu- 
figer werden, je näher sie der Milchstrasse kommen. Die Milch- 
strasse selbst hält er einfach für die äussersten Theile (die Kante) 
einer linsenförmigen Sternschicht. 

Wü- müssen hierbei bemerken, dass "W. Herschel die süd- 
hchen Theile des Himmels jenseit des 30^ S. B. nie gesehen hat, 
dass er auch damals noch nicht im Besitz der mächtigen Werk- 
zeuge war, die ihn in Stand setzten, auch die kleinsten der in 
der Milchstrasse befindlichen Sterne einzeln zu sehen. Im nörd- 
lichen und dem äquatorialen Theile dieses Sternengürtels aber 
finden sich mehrere Stellen von geringerer Fülle und schlechter 
Begrenzung, wie beispielsweise die, welche zwischen Orion und 
den Zwillingen hindurchzieht, und deren Anblick gar wohl eine 
solche Erklärung gestattet, wenn man dies als den Hauptcharakter 
betrachten will. Indess bleibt Herschel gleichwohl nicht bei 
einer einfachen Linsenform stehen; der doppelte Zug, der in der 
Gegend des Wintersolstitiums den Äquator durchschneidet, führt 
ihn dahin, eine Figur anzunehmen, wonach die Kante der Linse 
auf dieser Seite gleichsam gespalten erscheint. 

Man kann nicht unbemerkt lassen, dass es zu derartigen 
Schlüssen gewisser Vorbedingungen bedarf, die zu W. Herschel's 
erster Zeit noch nicht auch nur annähernd erfüllt waren. Ist die 
]\Iilchstrasse ein grösster Kreis? Ist die allgemeine Sterneufülle 
innerhallj wie ausserhalb der Milchstrasse, abgesehen von spe- 
ciellen Localdifferenzen, nach allen Seiten hin die gleiche? Wel- 
chen Ort im Gesammtcomplex nehmen wir, d. h. unser Sonnen- 
system, ein? Auf diese und viele andere Fragen war noch keine 
Antwort gegeben; sie ^Niirde es erst theilweis durch Herschel's 
fortgesetzte Beobachtungen, und wir sind noch heut weit davon 
entfernt, uns über alles hierher Gehörige bestimmte Rechenschaft 
zu geben. — Herschel unternahm sogenannte Stern-Aichungen 
(gauges) in verschiedenen Gegenden des Himmels; einige auch 
ausserhalb der Milchstrasse, um die Sternenfülle der einzelnen 
Theile kennen zu lernen. Es waren dies Zählungen (oder 



222 GESCHICHTE DER HBIMELSKtlNDE. 

Schätzungen) der gleichzeitig im Felde seines Teleskops bei An- 
wendung derselben Vergrösserung sichtbaren Sterne. Wenn er 
noch 1799 seine ersten Ideen im Allgemeinen wenigstens fest- 
gehalten hatte, so wurden sie durch diese Aichungen ganz und 
gar geändert, so wie durch inzwischen anderweitig hinzugekom- 
mene Entdeckungen, namentlich der der Nebelflecke und der 
mehrfachen Sterne, und in den Memoires von 1811 und 1817 
spricht er sich entschieden dahin aus, dass die Idee einer glei- 
chen Vertheilung der Sterne durch den gesammten Raum ganz 
fallen müsse, und dass eben so wenig angenommen werden könne, 
wir seien bereits bis an die äussersten Grenzen des sternenerfüllten 
Raumes vorgedrungen. 

Gerade diese letzten Memoires, in denen Herschel seine 
früheren Thesen aufgiebt, ohne andere an ihre Stelle setzen zu 
können, zeigen am deutlichsten, was noch zu thun oder vielmehr 
erst zu beginnen ist. 

Was John Herschel in Europa wie am Cap der guten 
Hoffnung zur Fortsetzung der Untersuchungen seines Vaters ge- 
arbeitet, und zu welchen Ergebnissen er gelangt, haben wir be- 
reits § 170 im Allgemeinen dargestellt. Aber in Europa waren 
inzwischen ebenfalls hierher gehörende Beobachtungen gemacht 
worden. Die Zouenbeobachtungen B es sei's, deren wir § 161 ge- 
dacht haben, können bei umsichtiger Benutzung für den Theil 
des Himmels, den sie umfassen, — und es ist dies nahezu die Hälfte 
des Firmaments, — zu interessanten Schlussfolgerungen leiten; na- 
mentlich wenn sie mit der Argelander'schen bis 80^ reichenden, 
so wie den jetzt reducirten Lalande'schen und anderen ähnlichen 
Arbeiten verbunden werden. Der Versuch in W. Struve's Etudes 
(Vastronomie stellaire, aus nur einem Theile der Bessel' sehen 
Zonen (von -\- 15*^ bis — 15^ Declination) Schlüsse zu ziehen, 
die allgemein für den gesammten Himmel maassgebend sein sollten, 
konnten zu keinem Gelingen führen (wie dies Encke und Andere 
nachgewiesen haben), wie sehr auch der Verfasser bemüht gewesen 
ist, durch Voruntersuchungen, gegründet auf Vergleichungen des 
Bessel'schen Katalogs mit anderen, zu verlässlichen Fundamenten 
zu gelangen. Wenn anerkannt werden muss, dass die Sternenfülle 
der einzelnen Regionen des Himmelsgewölbes keinem allgemeinen 
Gesetze, das auf Symmetrie basirt wäre, unterliegt, wird man all- 
gemeinen mathematischen Formeln, namenthch wenn sie als In- 
tegrationsformeln dienen sollen, um von einem Theile auf das 



DIE HIMMKLSKUNDE IM 19. .lAHRIlI.NDKKT. 223 

Ganze zu scliliessen, kein Vertrauen schenken kflnnen. Wer aus- 
scliliesslich in der Symmetrie eine Ordnung' erblickt, wird sie am 
Himmelsgewölbe eben so sehr als in der Configuration der Erd- 
landschaften vermissen. 

Die schon mehrfach angeregte Frage: ob die Körperwelt 
endlich oder unendlich sei? ist, genau betrachtet, keine astro- 
nomische, denn eine definitive Entscheidung kann durch Beob- 
achtungen nicht gegeben werden, und Meditationen, die nicht 
auf Beobachtungen gegründet sind, gehören in ein anderes Gebiet. 
Aber gleichwohl giebt es einen Punkt, wo sie rücksichtlich der 
Folgerungen, zu denen sie leitet, mit astronomischen Wahrneh- 
mungen in Verbindung tritt. 

Ist nämlich der unendliche Raum nirgend leer, sondern er- 
füllt mit einer unendlichen Menge von Sonnen, so müsste jeder 
Punkt am Himmel auf eine Sonne führen, woraus folgt (oder zu 
folgen scheint), dass der gesammte Himmel alsdann sonnenhell 
leuchten müsse. Giebt nun der Umstand, dass dies in Wirklich- 
keit nicht gefunden wird, einen hinreichenden Beweis für die 
EndUchkeit der Schöpfung, dem Räume nach? 

Cheseaux (1744) und Olbers (1823) finden eine Lösung 
darin, dass der Lichtstrahl auf seinem langen Wege nicht bloss 
durch immer weitere Ausbreitung, sondern auch noch ausserdem 
durch ein den Raum erfüllendes Fluidum geschwächt werde; 
welche Schwächung bis zu einer völligen Extinction, oder doch 
bis zu einem so geringen Grade des Glanzes fortschreiten könne, 
dass unsere Sehwerkzeuge, auch die künstlichen, nichts mehr 
davon wahi'nehmbar machen könnten. 

Struve versuchte (in der Einleitung zu seinen Mensuris mi- 
crometricis) noch w^eiter zu gehen und einen Coefficienten für diese 
Extinction des Lichts bei verschiedenen Grössenclassen zu ermit- 
teln. Allein er selbst erklärt sich unbefriedigt von seinen Rech- 
nungsresultaten, da zu viele willkürliche Hy]3othesen nöthig sind, 
um eine Grundlage der Rechnung zu gewinnen. 

Und in der That böte sich noch ein anderer Ausweg. Die 
Geschwindigkeit des Lichtes ist eine endliche, sie kann also einen 
unendlich weit entfernten Stern für uns nur dann sichtbar machen, 
wenn er von Ewigkeit her besteht, ' d. h. nicht erschaffen ist. In 
so fern nun Gründe bestehen, letzteres nicht anzunehmen, werden 
wir auch nur diejenigen Objecte sehen, deren Lichtstrahl bereits 
Zeit genug hatte, bis zu uns zu gelangen. Für den entferntesten 



224 GESCHICHTE DER HIMMELSKUNDE. 

\ 

der Nebelflecke, die sein grosses Teleskop noch sichtbar machte, 
schätzt Herschel I. diese Lichtzeit auf zwei Millionen Jahre. 

Es wäre also gar wohl möglich, dass die Zahl der Weltkörper 
wie der Raum, durch welchen sie verbreitet sind, unendlich gross 
wäre, und wir dennoch das Himmelsgewölbe nicht sonnenhell 
glänzen sehen, entweder weil der Lichtstrahl unterwegs erloschen, 
oder weil er noch nicht zu uns gelangt ist. 

Es wird also wohl dabei bleiben, dass die praktische Astro- 
nomie die Frage nie endgültig entscheiden kann, sondern sie den 
Metaphysikern überlassen muss; denn alles, was sichtbar ist, wird 
eben deshalb auch eine endliche Entfernung haben. Dazu kommt, 
dass die Frage: was heisst unendlich? stets nur durch Negationen 
beantwortet werden kann. Setzen wir die Tangente von 9Ö*^ un- 
endlich, so ist damit nur gesagt, dass die Definition der Tangente, 
sobald der Winkel 90" erreicht, keinem reellen Begriffe mehr ent- 
spreche. Wenn wir sagen, dass der Punkt, wo Parallelen sich 
treffen, im Unendlichen liege, so heisst dies wieder nichts anderes, 
als dass es keinen solchen Punkt wirklich gebe. Eine unendliche 
Zahl ist gar keine Zahl mehr, und so in allen übrigen Relationen. 
Wir wissen direct vom Unendlichen nichts, und kommen wir 
bei Berechnungen darauf, so ist dies ein Zeichen, dass wir an 
der Grenze stehen, wo alles reelle Rechnen aufhört. Das Un- 
endhche kann nie in den Vordersatz unserer Schlüsse kommen. 
Alles dies gilt natürlich nicht von dem relativ Unendlichen, für 
uns nicht mehr Erreichbaren, sondern von dem absoluten. Denn 
dass die Grösse des Universums unsere Vorstellungskraft weit 
übersteige, wird Niemand in Abrede stellen, ohne deshalb an- 
zunehmen, dass sein Mittelpunkt überall und seine Peripherie 
nirgend zu suchen sei. 

§ 175. 

Wenn deshalb Kant den Sirius, Lambert den Nebelfleck 
des Orion, Argelander einen Punkt im Perseus, Boguslawsky* 
den Famalhut (« Piscis austrmi) als wahrscheinlichen Central- 



* Palon Heinrich Ludioig v. BOGUSLAWSKY, geh. 1789 
am 7. Sept.; gest. 1851 am 8. Juni. Er hatte die Befreiungs- 
kriege 1813 — 1815 mitgemacht und sich später astronomischen 
Studien gewidmet. 1831 ward er zum Conservator der Breslauer 



DIE HDIMELSKUNDE IM 19. JAJIKiaXDEET. 225 

punkt setzten, so Avar damit nie das gesammte Universum gemeint, 
sondern nur der Theil desselben, den wir unsere Fixstern weit 
nennen. Die Fixsterne, welche wir einzeln erblicken, mit Inbe- 
griff des sie umgebenden Gürtels, Milchstrasse genannt, bilden 
diese Fixsternwelt. 

Sie ist also, wie jeder Theil eines Ganzen, endlich und man 
kann diese Grenzen definiren. Der grosse Sternengürtel und alles 
was er umschliesst, gehört zu ihm; was ausserhalb steht, gehört 
nicht zu ihm, wenigstens gestattet unsere Kenntniss der Fixstern- 
welt nicht, ihre Grenzen anders zu ziehen. Für diesen Complex 
suchten jene Astronomen den dynamischen Mittelpunkt (Schwer- 
punkt) und in diesem Sinne habe auch ich ihn gesucht. 

Der Gang, den diese Untersuchungen nahmen, erforderte die 
Zuziehung der einzelnen Sternbewegungen. Eine Anzahl Sterne 
willkürlich auszuwählen, war unstatthaft: es hätten dann nur die 
der Annahme günstigen ausgewählt werden, wenigstens der Ver- 



Sternwarte ernannt (nach Jungnitz' Tode) und 1843 erfolgte seine 
Anstellung als Director. Als solcher gab er ein Jahrbuch, den 
„Uranus oder Übersicht aller Himmelserscheinungen" heraus, das 
jedoch nach seinem Tode nicht fortgesetzt wurde; sein Mitarbeiter 
an demselben war Hugo v. Rothkirch. Eine eigenthümliche 
Bezeichnungsweise, die er in diesem Jahrbuche befolgte, hat je- 
doch nicht die allgemeine Billigung gefunden. Ausser diesem 
Jahrbuch besitzen wir von ihm: 

1845 eine Schrift: On the use of a new micrometer. 

1845. Zwei Aufsätze über den grossen Kometen von 1S43 (den er für identisch 

mit dem von Aristoteles hält). 
1346. Bestimmung der Bahn des November-Sternschnuppen-Systems (in den 

Astronomischen Nachrichten XVII). 

Im Jahre 1835 entdeckte er einen teleskopischen Kometen, 
der auch auf anderen Sternwarten beobachtet wui'de und keine 
wahrnehmbare Abweichung von der Parabel zeigte. — Bogus- 
lawsky war hauptsächlich als Beobachter thätig. weniger als Be- 
rechner. Diese letztere wollte er auf die späteren Lebensjahre 
versparen, wenn es mit dem Beobachten nicht mehr ginge; allein 
er starb schon nach achtjähriger Führung des Directorats. 

Die Monthly Xotices haben im Jahrgang 1852 biographische 

Mittheilungen über ihn veröffenthcht. 

15 

r. ilädler. Gesckichte der Uimmelskunde. IL 



226 GESCHICHTE DER HEVDIELSKUNDE. 

dacht einer solchen Auswahl Platz greifen können. Ich wählte 
deshalb den Bradley 'sehen, von Bessel reducirten Katalog, der 
3222 Sterne enthält, überzeugt, dass bei Bradley keine Absicht 
vorgewaltet, welche eine bestimmte Auswahl veranlasst habe. Je- 
doch gleich anfangs bemerkend, dass für mehrere dieser Sterne 
spätere Beobachtungen, die zur Bestimmung der Eigenbewegung 
dienen konnten, ganz fehlten oder in zu ungenügender Zahl vorhan- 
den w^aren, und darunter meist solche, die für Dorpat zu südhch 
liegen, war ich veranlasst, mich an andere, namentlich südlicher 
gelegene Sternwarten zu wenden mit dem Ersuchen, diese Sterne 
zu bestimmen. Auf Erfolg konnte ich jedoch nur dann rechnen, 
w^enn ich den Zweck bezeichnete. Dies that ich in einer 1846 er- 
schienenen kleinen Schrift: „Die Centralsonne." Dorpat 1846. 

Wenn ich jetzt, nach 25 Jahren, irgend etwas anders ge- 
macht zu haben wünschte, so ist es nur die Wahl des Namens. 
Dieser Name hat, obgleich eine nicht misszuverstehende ausdi'ück- 
liche Verwahrung Seite 8 der gedachten Schrift zu lesen war, 
gleichw^ohl Viele veranlasst, ich meinte eine Centralsonne im frühe- 
ren Sinne, wonach ein an Masse alle übrigen weit überwiegen- 
der Stern darunter zu verstehen war. Da ich dieses nicht wollte, 
vielmehr mit aller Bestimmtheit nachwies, dass etwas der Art gar 
nicht vorhanden sei, so hätte sich eine andere Bezeichnung mehr 
empfohlen. 

Indess die ganze Arbeit war erst im Beginn, und der er- 
wähnte Missverstand hat sich später nicht wäederholt. Man hat 
erkannt, dass es sich hier nicht um eine philosophische, sondern 
um eine astronomische Frage handle. 

Die weiter fortschreitenden Untersuchungen gab ich 1848 in 
einem ausführlicheren Werke: Die Fixsternsysteme, 2 Bde, Mitau; 
und den Beschluss des Ganzen 1855 in einer, zugleich den vier- 
zehnten Band der Dorpater Beobachtungen bildenden Schrift: Die 
Eigenbewegungen der Fixsterne; in welcher für alle Sterne des 
Bradley 'sehen Katalogs der Ort für 1850 nebst den von mii* ab- 
geleiteten Eigenbewegungen gegeben waren. 

Denn nur auf diese Eigenbewegungen, nicht auf den Glanz 
der Sterne, der von sehr verschiedenen Ursachen herrührt, glaubte 
ich Schlüsse gründen zu können, die hier zulässig waren. Und 
da jetzt nicht mehr einige wenige, sondern Tausende von Sternen 
nach Eigen]:)ewegung ermittelt waren, so war es thunlich, für die 
verschiedenen Entfernungen vom Schwerpunkte, obgleich letztere 



DIE HIMMELSKUOT)E IM 19. JAHRHUNDERT. 227 

zunächst nur optisch bekannt waren, die mittleren Eigenbewegun- 
gen, wie ihre Richtung zu finden. 

Wiewohl nun schon die Richtung der Sonneubewegung durch 
Ar gelander 's Untersuchungen schärfer als bisher ermittelt war, 
hielt ich doch für erforderlich, die Untersuchungen, von denen in 
§ 159 die Rede ist, zu wiederholen, da jetzt eine so erheblich 
grössere Zahl von Eigenbewegungen zum Grunde gelegt werden 
konnte. 

Das allgemeine Endergebniss war: Im Fixsternsystem findet 
sich keine präponderirende Masse, sondern nur ein allgemeiner 
Schwerpunkt, und dieser ist innerhalb der Plejadengruppe zu 
suchen. 

§ 176. 

Bald nach Veröffentlichung meiner zweiten Schrift versuchte 
Brorsen in Senftenberg, von diesem Ergebniss eine Anwendung 
auf das Planetensystem unserer Sonne zu machen. Die Perihelien 
der grossen Axen, insbesondere der Planetoiden, liegen nämlich 
nicht gleichmässig nach allen Richtungen vertheilt, sondern merk- 
hch überwiegend nach einer Seite hin, und er fand, dass die mitt- 
lere Lage nach dem Plejadensystem oder dessen näherer Um- 
gegend gerichtet sei. Für diejenigen, welche eine Ausnahme 
bildeten, suchte er den Grund darin, dass ihre Umlaufszeiten in 
einem nahezu rationalen Yerhältniss zui- Umlaufsperiode Jupiters 
oder Saturns stehen. 

Was hier angedeutet war, bedurfte zunäcTist einer Feststellung: 
des Thatbestandes um so mehr, als die Zahl der Planetoiden sich 
inzwischen erhebhch vergrössert hatte. Ich unternahm diese Un- 
tersuchung und fand 

für die 8 grösseren ConvergenzpunVt Übergewicht 

Planeten /l = 70° 3-t' 15,3" ; ß = -\-0°i' 5,0"... 0,52130 

für die bis 1857 be- 
kannten 50 Pla- 
netoiden 45 45 22,6 4-0 58 33,6 ...0,22403 

für die 26 periodi- 
schen Kometen . 71 7 20,3 H-1 7 22,5 ...0,45431 

Allgemeines Mittel 

für 84 Bahnen . . 59 22 4,4 56 27,5 ... 0,28275 (Aq. 1550). 

Dieses allgemeine Mittel hegt in Länge 2» 41' 39,8" und in 
Breite 3« 5' 1,5", oder 4" 1,5' im grössten Kreise von der Ple- 
jadengruppe, speciell der Alcyone, entfernt. 

15* 



228 GESCHICHTE DEll HDIMELSKUNDE. 

Die Thatsache, welche Brorsen und Cooper zuerst ange- 
deutet haben, kann also nicht verkannt werden. Doch eine be- 
stimmte Erklärung ist bis jetzt nur von Leverrier und Ang- 
ström gegeben oder vielmehr versucht worden. Beide betrachteten 
die Convergenz der Perihelien für die kleinen Planeten als eine 
Andeutung ihres gemeinschaftlichen Ursprungs, nicht in dem frü- 
heren Sinne des Zerspringens eines grösseren Planeten, sondern 
durch gleichzeitig um viele Punkte eines gemeinschaftlichen Nebel- 
ringes vor sich gegangene Condensation ; wobei man schon diesen 
Bing als einen elliptisch gestalteten und mit seiner grossen Axe 
gegen die Plejadengegend gerichteten sich denken müsste. Dass 
diese Ansicht viel Wahrscheinliches hat und erhebhche Schwierig- 
keiten ihr nicht entgegenstehen, Avird man gern zugeben; nur 
scheint es nothwendig, diesen allgemeinen Nehelring nicht bloss für 
die Planetoiden, sondern für alle Planeten oder überhaupt für 
alles speciell zum Sonnensystem Gehörende anzunehmen, und die- 
ser Urmasse eine elliptische Gestalt zu geben. 

Noch andere Phänomene sind von verschiedenen Seiten nam- 
haft gemacht und auf die Gruppe der Plejaden bezogen worden. 
Schmidt in Athen findet, dass die äusserste Spitze des Zodia- 
kallichts den grössten Theil des Jahi-es hindurch bis zur Plejaden- 
gruppe reicht, und ebenso hat man in dem Novemberphänomen 
der Sternschnuppen die nahe Coincidenz mit der Mitternachts- 
Culmination der Alcyone (15. November) hervorgehoben. Es scheint 
der Zukunft vorbehalten zu entscheiden, ob und welcher Causal- 
zusammenhang hier besteht. Wenn aber Ule in seinem „Welt- 
all" so weit geht, die ungleiche Geschwindigkeit der Planeten in 
ihrer Bahn dadurch zu erklären, dass unsere Sonne und die Cen- 
tralsonne bald aus gleicher, bald aus entgegengesetzter Richtung 
wirken, so beruht dies augenscheinlich auf einem Missverstande. Denn 
es darf nicht ausser Acht gelassen werden, dass verghchen mit dem 
Bahnhalbmesser unserer Erde, so wie dem der anderen Planeten, 
die Plejadengruppe in einer Entfernung steht, die jede pertur- 
birende Wirkung derselben völlig unmerkhch erscheinen lassen 
muss. Ganz anders gestaltet sich die Frage, wenn von der ur- 
si3rünglichen Nebelmasse, aus der das Sonnensystem sich bildete, 
die Rede ist. Wir kennen ihren Halbmesser nicht, müssen ihn 
aber um sehr Vieles grösser, als den Bahnhalbmesser des ent- 
ferntesten um die Sonne laufenden Körpers annehmen, und hier 
lässt es sich denken, dass die Wirkung einer so reichen Fixstern- 



DIE IIIMMELSKUNDE IM 10. JAHKHl'NDERT. 229 

gruppe, deren physische Zusammengehörigkeit von Niemand be- 
zweifelt werden kann, eine länghche Form des Ganzen in ähn- 
licher Weise zur Folge hatte, wie die Einwirkung der Sonne den 
Kometenschweifen ihre Form giebt. Doch die Zeit ist noch nicht 
gekommen, welche über diese und ähnliche Fragen entscheiden 
kann. 

Es Avürde zu einer ganz unverhältuissmässigen Weitläuftig- 
keit führen, wollte ich die theils beifälligen, theils gegenthciligen 
Beurtheilungen meiner § 175 aufgestellten Sätze hier anführen, 
zumal sich hier nur eben das wiederholt hat, was bei allem in 
der Wissenschaft neu Hervortretenden geschehen ist, und ein voll- 
gültiges Endurtheil überhaupt wohl von der Gegenwart nicht zu 
hoffen und eine gründliche Widerlegung bis jetzt nicht veröffent- 
licht worden ist. 

§ 177. 

Die § 163 erwähnten Untersuchungen Leverrier's hatten 
einen generellen Charakter, indem er nicht blos das untersuchte, 
was eine Erklärung der Uranus - Ungleichheiten bieten konnte, 
sondern das gesammte Planetensystem, namentKch in Beziehung 
auf die säculären Störungen, in Betracht zog. Dabei zeigte sich, 
dass die Perihelbewegung des Mars wie des Mercur nach Ausweis 
der Beobachtungen grösser war als sie nach den Tafeln sein sollte, 
und dass eben so die Knotenbewegung der Venus eine durch die 
Beobachtungen angedeutete Vermehrung bedürfe. In den Comp- 
tes rendus vom 12. Sept. 1859 findet sich über diesen Gegenstand 
ein Brief Leverrier's an Faye, ein zweiter vom 3. Juni 1861 
an den Marschall Vaillant, endlich am 6. Januar 1862 eine be- 
sondere Abhandlung. Wir wollen das Wesentlichste dieser Ab- 
handlungen hier anführen. 

Es bieten sich zwei Wege der Untersuchung. Man kann den 
Versuch machen, die Massen der bekannten Planeten (d. h. ihr 
Verhältniss zur Sonnenmasse) zu vermehren oder überhaupt zu 
ändern ; oder man kann auch unbekannte Körper annehmen, welche 
die noch unerklärten Änderungen bewirken. Dabei ist jedoch 
darauf Bedacht zu nehmen, dass man keine Annahme setze, welche 
gleichzeitig noch andere, durch die Beobachtungen nicht ange- 
deuteten, Störungswirkungen haben müsste; denn eine Sch^vierig- 
keit kann dadurch nicht gehoben werden, dass man neue Schwie- 
rigkeiten schafft. 



230 GESCHICHTE DER HBIMELSKUNDE. 

Die Beschleunigung der Bewegung des Marsperihels könnte 
erklärt werden 

«) durch eine Vermehi'uug der Erdmasse um ihren zehnten 
Theil etwa; 

ß) durch die Asteroiden, und zwar entweder durch die be- 
kannte Gruppe, wenn ihre Gesammtmasse zu V'3 Erdmasse ange- 
nommen wird, oder durch eine noch nicht bekannte, deren Um- 
laufszeit und mittlerer Abstand der unserer Erde gleich ist. 

Die seitdem bekannt gewordenen Thatsachen scheinen für die 
erste dieser Annahmen zu sprechen. Foucault* und Fizeau hatten 
nämlich ein Mittel gefunden, die Geschwindigkeit des Lichts ter- 
restrisch zu messen und das Resultat, was sie erhielten, konnte 
mit der astronomischen Bestimmung dieser Lichtgeschwindigkeit 
nur dann in Übereinstimmung gebracht werden, wenn man die 
Sonnenparallaxe vergrösserte, und eine solche Vergrösserung schien 
auch noch durch einen besonderen Umstand gefordert zu sein. 
Erde und Venus bilden nämlich, wie Jupiter und Satui-n (und, 
wie man jezt hinzufügen kann: wie Uranus und Neptun) ein Pla- 
netenpaar, in welchem die Änderungen der Elemente stets gegen- 
seitig sind innerhalb einer Periode, die abhängig ist von der Ab- 
weichung ihrer relativen Umlaufszeiten von einem einfachen 
Verhältnisse. Airy hatte den Betrag dieser Störung untersucht, 
unter Zuarrundelegunsf der angenommenen Massen für beide Welt- 



* Jean Bernard Leon FOUCAULT, geb. 1819 am 18. Sept., 
gest. 1868 am 13. Februar. Schon mit 20 Jahren beschäftigte 
sich Foucault mit Vervollkommnung der Daguerreotypie, mit Un-r 
tersuchungen über das Licht, die Interferenzerscheinungen und 
ähnlichen physischen Problemen, und 1851 trug er in der Aka- 
demie seine Pendelversuche vor, bei denen die Drehungen eines 
freischwebenden Pendels einen augenscheinlichen Beweis von der 
Umdrehung der Erde um ihre Axe darbieten. Diese Versuche 
setzte er fort und vervollkommnete das Instrument. Noch wich-: 
tiger für Himmelskunde war sein Apparat, durch den er in den 
Stand gesetzt war, die Geschwindigkeit des Lichts terrestrisch zu 
messen. Auf diese Weise zeigt er, dass die Sonnenparallaxe 
grösser sein müsse, als die Venusdurchgänge sie ergeben hatten, und 
die weiteren astronomischen Untersuchungen bestätigten Fou- 
cault's Resultat. Eben so verdanken wir ilim die versilberten 



DIE HIMMELSKUNDE IM 19. JAIIKIHJNUKKT. -J.'U 

körper, und die Beobachtungen zeigtea eine Abweichung von 
Airy's Resultat, die gehoben werden konnte durcli eine relative 
Vermehrung der Erdmasse. 

Dadurch ward Winnecke veranlasst, die Beobachtung der 
Marsopposition Oct. 1862 zu einer neuen Bestimmung der Sonnen- 
parallaxe vorzuschlagen. Dieser im Bulletin der Petersburger Aka- 
demie erschienenen Aufforderung ward entsprochen: Winnecke 's 
in Pulkowa angestellten Beobachtungen konnten verglichen wer- 
den mit den am Cap und in S. Jago de Chile erhaltenen, und 
seine Berechnung (Astr. Nachr. 1409J gaben ihm in der That eine 
Sonnenparallaxe = 8,964, die erheblich besser verbürgt ist als 
die aus den Venusdurchgängen. 

Dieser Bestimmung von Winnecke sind noch folgende aus 
neuerer Zeit hinzuzufügen: 

Stone verglich die in Greenwich angestellten Marsbeobachtun- 
gen von 1862 mit denen zu AVilliamstown in Australien gemachten, 
und fand 8,932" + 0,032. 

Leverrier aus den gegenseitigen Störungen von Erde und 
Venus 8,950''. 

Hansen aus derjenigen Ungleichheit des Mondlaufes, welche 
den Namen der parallakti scheu führt, unter Zuziehung der 
Beobachtungen Airy's 8,916". 

Es möge hierbei bemerkt werden, dass Stone's und Win- 
necke's Parallaxen von allen theoretischen Annahmen frei sind, 



Teleskopspiegel, die jetzt schon auf mehreren Sternwarten einge- 
führt sind und sich trefflich bewähren, wie er denn auch ein 
Verfahren zeigte, ellipsoidische und paraboloidische Teleskop- 
spiegel herzustellen. Foucault's überaus zahlreiche Arbeiten 
erstrecken sich fast über alle Theile der Physik und alle ver- 
danken ihm wichtige Bereicherungen. Aber diese unablässigen, 
nie rastenden Arbeiten rieben, nach dem Urtheil seines Biogra- 
phen Morin, seine Gesundheit frühzeitig auf und raubten der 
Wissenschaft schon im 49. Jahre einen Mann, der gleichwohl, 
wenn nach Thaten gemessen werden soll, lange gelebt hat. — 
Er hat nur wenig geschrieben und sich meist begnügt, die Re- 
sultate mitzutheilen; seine Nachfolger werden viel Veranlassung 
haben, ihn zu commentiren und die Wege zu bezeichnen, die er 
bei seinen Untersuchungen eingeschlagen hat. 



232 GESCHICHTE DER HIMIIELSKUNDE. 

während die beiden letzteren Bedenken mancher Art Raum geben; 
wie denn z. B. Ponte coulant rücksichtlich der parallaktischen 
Gleichung zu beträchtlich verschiedenen Resultaten gelangt. Nimmt 
man das Mittel aus Stone's und Winnecke's Resultat, so erhält 
man 8,948", was mit Leverrier so gut als ganz übereinstimmt; 
während Pontecoulant meint, die mangelnde Übereinstimmung 
seines Resultats (8,655") mit den neueren Beobachtungen müsse 
einstweilen hingenommen werden in Erwartung weiterer Beobach- 
tungen (und, wäe wir hinzufügen, auch in Erwartung weiterer 
theoretischer Entwäckelungen), — Durch die neuesten Resul- 
tate von New^comb, der Winnecke's (durch längere Krankheit 
unterbrochene) Arbeit zu Ende geführt hat, wird für die Son- 
nenparallaxe erhalten 8,855", und dies dürfte der gegenwärtig 
wahrscheinlichste Werth sein. 

Die Erdmasse muss demzufolge in der That vergrössert wer- 
den, und da diese Vergrösserung genügt, um die Änderungen des 
Marsperihels und der Knotenbewegung der Venus mit den Be- 
obachtungen in Harmonie zu bringen, so bleibt nur das Mercurs- 
perihel übrig, für welches eine andere Erklärung zu suchen ist. 

Dies wüi'de nun allerdings in einer Vermehrung der Venus- 
masse gefunden werden können, allein damit würde die Harmonie, 
über deren glückliche Herstellung wir so eben gesprochen, wieder 
zerstört werden. Es scheint also hier nichts anderes übrig zu 
bleiben als die Annahme eines noch ungesehenen Körpers (oder 
mehrerer derselben), der die oben erwähnte AVirkung auf Merkur 
ausübt. 

Einen solchen Körper anzunehmen zwischen Erde und Venus, 
oder auch zwischen Venus und Mercur, erscheint aus mehrfachen 
Gründen unthunhch. Er müsste jedenfalls eine Grösse haben, bei 
der er uns nicht hätte verborgen bleiben können, und anderer- 
seits müsste er sich auch durch Störungen auf Erde und Venus 
verrathen. Aber nahezu dieselben Gründe scheinen auch gegen 
die Existenz eines solchen Körpers zwischen Mercur und Sonne 
zu sprechen. Man könnte ihm allerdings eine Kreisbahn zu- 
schreiben, in welchem Falle er keine Einwirkung auf die Excen- 
tricität des Mercurs ausübte; allein seine Grösse müsste nicht un- 
bedeutend sein und zwar um so mehr, je näher er der Sonne 
steht. Leverrier berechnet, dass bei einem Abstände von = 0,17 
seine Masse der der Erde gleich sein müsse; näher der Sonne 
müsste sie noch mehr betragen. Und einen solchen Körper soll- 



DIE HULMELSKUNDE IM 19. JAHRHUNDERT. 233 

ten wir noch nie gesehen haben, auch nicht während totaler Son- 
nenfinsternisse?* 

Im Jahre 1804 veröffentlichte Haase zu Hannover: „Einige 
ZusammensteUungen als Beitrag zu der Frage, ob ausser Merkur 
und Venus in dem Räume zwischen Sonne und Erde noch andere 
planetenartige Körper vorhanden sind" (IGö Seiten S^'° ). Man 
findet hier die vollständigste Zusammenstellung aller (45j Be- 
obachtungen, die möglicherweise nicht gewöhnlichen Sonnenflecken, 
sondern Durchgängen planetarischer Körper angehören, da die 
Form der Flecke einem regulären Kreise ganz oder nahezu ent- 
sprach und die Bewegung eine viel raschere war, als bei Sonnen- 
flecken angenommen werden kann. Es ist nur zu bedauern, dass 
diese Wahrnehmungen fast ausnahmslos so unvollkommen sind, 
dass alle Mühe, die sich Hr. Haase mit ihnen gegeben, zu keinem 
bestimmten Resultat geführt hat, und die Möghchkeit, dass es 
Meteorsteine gewesen seien, die sich in der Nähe der Erde vor 
der Sonne vorüberzogen, nicht ausschliessen. Möge man nun auch 
in diesen Meteormassen wahre Weltkörper erblicken, so ist doch 
so viel gewiss, dass sie nichts beitragen können zur Erklärung 
noch unerörterter Störungen in den Bahnen der Planeten. 

Die vielbesprochene Beobachtung von Lescarbault zu Or- 
geres am 26. März 1859, welche von Leverrier, so weit dies 
noch möglich, an Ort und Stelle untersucht worden war, scheint 
in diese Kategorie zu gehören, denn nicht allein hat Liais, Astro- 
nom zu Rio Janeiro, an demselben Tage die Sonnenscheibe be- 
obachtet und nichts Derartiges gesehen, sondern es sind auch 
alle späteren Versuche französischer und britischer Astronomen, 
an einem um dieselbe Jahreszeit fallenden Tage den Körper wieder- 
zusehen, erfolglos gewesen. 



* Um das, was sich möglicherweise in der Nähe der Sonne. befindet, am 
leichtesten zu erblicken, würde der Moment zu benutzen sein, wo für einen 
sehr heitern Funkt der Tropenzone die Sonne total verfinstert untergeht. 
Wenn dann ein lichtstarkes Fernrohr mit möglichst grossem Gesichtsfelde, 
nach der Untergangsstelle gerichtet und etwa noch das Objectiv durch einen 
Schirm gegen die Sonnenseite hin gedeckt wird, und bei derselben Finsterniss 
an einem andern Punkte, wo die Sonne verfinstert aufgeht, Ähnliches ge- 
schieht, so hat man die Gegend, die unter anderen Umständen stets durch die 
Strahlen der Sonne erhellt ist, in hinreichender Dunkelheit eine kurze Zeit 
vor sich, die freilich nur hinreichen wird, die Existenz eines solchen Körpers 
zu constatiren und seinen ohngefähren Ort anzugeben, was aber gleichwohl zu 
einem Ausgangspunkte weiterer Untersuchungen würde dienen können. 



234 GESCHICHTE DER HIM3IELSKUNUE. 

Hr. Haase giebt auch die Beobachtungeu, welche über den 
angeblichen Venusmond gemacht worden sind, möghchst ausführ- 
lich, und stellt sie in einer Übersicht p. 107 u. 108 seines AVerks 
tabellarisch auf. Es sind dies zwei Cassini'sche Beobachtungen 
von 1672 und 1686; eine von Short 1740, und eine von Mayer 
in Greifswald 1759. Die übrigen gehören sämmtHch den Jahren 
1761 und 1764 an; seit länger als einem Jahrhundert ist nichts 
darüber verlautet, 1761 sah Lag ränge zu Marseille diesen „Venus- 
raond" am 10., 11., 12. Februar, Montaigne zu Limoges am 3., 
4., 7., 11. Mai, und S. Neost und Scheuten am. 6. Juni neben 
Venus auf der Sonnenscheibe. 

Die Beobachtungen 1764 sind zwei von Roedkier in Kopen- 
hagen am 3. und 4. März, zwei von Horrebow ebendaselbst und 
mit demselben Ferm'ohr am 10. und 11. März, endlich drei von 
Montbarron in Auxerre vom 15., 28. und 29. März. 

Diese 17 von 8 oder 9 Beobachtern herrührenden Angaben 
sind Alles, was wir besitzen. Fast bei AUen wird bemerkt, das 
Ganze sei ziemhch unförmlich und von sehr schwachem Lichte 
gewesen, einigemal wii'd angegeben, dass eine Phase wie bei Ve- 
nus bemerkt worden sei. 

Wenn gleich Haase der Meinung ist, dass doch wohl nicht 
alle diese Beobachtungen als bloss optische Täuschungen anzusehen 
sein müssten, so scheint es doch, dass keine andere Erklärung 
übrig bleibe. Wir haben jetzt Fernrohre, die weit hchtstärker 
sind als die, welche jenen Beobachtern zu Gebote standen; die 
nicht - achromatischen Fernröhre früherer Zeit sind mit achroma- 
tischen vertauscht und nichts der Art ist seit 107 Jahren gesehen. 
Bekannt sind die Nebenbilder, welche man in nicht-achromatischen 
Kometensuchern bei Hchtstarken Gegenständen erhält, und ich 
entsinne mich, dass ich im Anfang meiner astronomischen Praxis 
einmal den Jupiter von fünf Monden begleitet erblickte. Erst 
nach mehi'eren Drehungen des Oculars und veränderter Ein- 
stellung des Jupiter überzeugte ich mich, dass der fünfte Mond 
nichts weiter als ein optisches Nebenbild des Hauptplaneten ge- 
wesen sei. 

Es ist gleichwohl von Lambert ein Versuch gemacht wor- 
den, für diesen vermeintlichen Venusmond eine Bahn zu bestim- 
men. Wäre in der That ein solcher Trabant vorhanden, so müsste 
man irgend einen Umstand annehmen, der bewh-kte, dass er uns 
nui- sehr selten zu Gesicht kommt. 



DIE IlIMMKLSKüNDE IM 19. JAIIKIIUNDEKT. 235 

Ein eigenthümlicher Unstern (une mauvaise äoile nach Ra- 
dau 's Ausdruck* scheint über allen diesen Wahrnehmungen ge- 
waltet zu haben. Die meisten der Beobachter waren Männer, die, 
anderen Berufskreisen angehörig, mit der astronomischen Praxis 
nicht vertraut genug waren, um zu wissen, worauf es hier an- 
komme. Der Arzt Lescarbault zu Orgeres hatte sogar an eine 
Veröffentlichung gar nicht gedacht, und war erst neun Monate 
nachher bei Lesung eines Aufsatzes von Leverrier daran erinnert 
worden. Büttel zu einer genaueren Messung besass er eben so 
wenig als eine zur absoluten Zeitbestimmung geeignete Uhr. 

Gern soll übrigens anerkannt werden, dass Haase sich durch 
diese fleissigen Zusammenstellungen ein grosses Verdienst um die 
Wissenschaft erworben habe. 

Keine einzige der Wahrnehmungen, wo ein planeteuähnlicher 
Körper vor der Sonne gesehen wurde, ist so beschaffen, dass eine 
annähernde Bahn daraus gefolgert werden könnte, und eben des- 
halb kann auch nicht entschieden werden, ob nicht mehrere die- 
ser Durchgänge demselben Körper angehören. Auch findet Le- 
verrier es wahrscheinlicher, dass nicht ein grösserer, sondern 
eine beträchtliche Anzahl kleinerer Körper die Anomalie in der 
Bewegung des Merkurperiliels zur Folge haben. Man hätte sich 
also hier eine Planetoidengruppe zu denken ähnhch der, welche 
zwischen Mars und Jupiter besteht. 

Und in der That scheinen die von Haase zusammengestellten 
Thatsachen besser mit einer solchen Mehrzahl von kleinen Kör- 
pern als mit einem grösseren vereinbar zu sein. Wir finden drei 
im Januar, fünf im Februar, fünf (oder sechs) im März, drei im 
April, drei im Mai, sechs im Juni, fünf im Juli, zwei im August, 
eine im September, sieben im October, zwei im November, zwei 
zweifelhafte im December. Da nun ein Planet nur in den beiden 
um 180*^ von einander entfernten Knoten seiner Bahn von uns 
auf der Sonnenscheibe gesehen werden kann, wenn seine Neigung 
gegen die Ekliptik nicht sehr gering ist, so deutet schon dieser 
Umstand auf eine Mehrzahl; und betrachtet man die Angaben 
näher, so ist die Erscheinung, die Geschwindigkeit, die Richtung 
der Bewegung so mannichfaltig verschieden, dass zwar- Fälle vor- 
konunen, wo einige Erscheinungen demselben Körper angehören 



* Wir besitzen von Radau eine kleine Schrift: „Sur les planetes au-delk 
de Mereure." 



236 GESCHICHTE DER HIM5IELSKUNDE. 

können, kein einziger jedoch, wo diese Mögliclikeit zur Gewisslieit 
erhoben werden kann. 

In der oben citirten Schrift macht Haase unter der Vor- 
aussetzung, dass einige dieser Beobachtungen ein reelles Object 
betreffen und also nicht auf Täuschung beruhen, den Versuch, 
aus ihnen eine Bahn — nicht eines Venusmondes, sondern eines 
Planeten, der nahezu dieselbe Umlaufszeit wie Venus hat, abzu- 
leiten. In der That, wenn mau einige dieser Beobachtungen, 
namentlich die von Short und Montaigne, genauer untersucht, 
so findet sich, dass sie einen Gegenstand von Vs oder Vi des 
scheinbaren Venusdurchmessers, in der gleichen Lichtgestalt, und 
nicht verwaschen, wenn gleich von geringerem Glänze, erblickten. 
Auch machten sie verschiedene Versuche, um sich von der Reel- 
lität des Gegenstandes zu überzeugen. Sie entfernten z. B. den 
Hauptplaneten aus dem Gesichtsfelde, was aber den „Trabanten" 
nicht zum Verschwinden brachte, ihn vielmehr deutlicher als vor- 
her wahi'nehmen Hess. Sie vertauschten das Fernrohr mit einem 
andern von verschiedener Construction und optischer Kraft — die 
Erscheinung blieb dieselbe. Will man oder kann man nicht, wie 
Hell, alles ohne Weiteres verwerfen — und schwerlich wii'd man 
sich begnügen wollen mit dem ürtheil eines Mannes, der erwie- 
senermaassen seine eigenen Beobachtungen verfälscht hat — so 
kann man es auch nicht missbilligen, wenn der Versuch gemacht 
wird, diesen besseren Beobachtungen eine Bahn abzugewinnen. 
Haase, der sich zunächst an Montaigne 's Beobachtungen hielt, 
findet, dass alle vier Beobachtungen sich nicht in eine und die- 
selbe Bahn fügen, und nimmt nun zwei Planeten an; dem einen sol- 
len die Beobachtungen am 3. Mai und 11. Mai, dem andern am 4. Mai 
und 7. Mai angehören. Den ersten verbindet er mit dem von 
Scheuten beim Venusdurchgange 1761 vom 6. Juni gesehenen 
mondförmigen Fleck, und bestimmt nun aus diesen drei Beobach- 
tungen folgende Bahn: 

Epoche 6, Juni O'' Greenwich. 

Mittlere Länge . . . 251« 11' 10" 
Länge des Perihels. 183 55 40 
Länge des Knotens. 75 50 18 

Neigung 3 23 38 

tp 2 29 18 

a 0,730718. 

Wie zu erwarten war, kommen diese Elemente denen der 



DIE ASTRONOMISCHE PHOTOGRAPHIE. 237 

Venus sehr nahe, und er macht nun den weiteren Versuch, die 
Bahn an anderen Beobachtungen zu prüfen, was nur unter etwas 
willkürhchen Änderungen gehngt. Für die Beobachtungen am 
4. Mai und 7. Mai müsste ein zweiter Planet angenommen werden; 
wobei sich indess nur eine Kreisbahn finden lässt, in der die Um- 
laufszeit etwa 200 Tage wäre. 

Wir schhessen uns nur dem eigenen Urtheil des Verfassers an, 
wenn er p. 135 am Schlüsse sagt: „Ob diese Elemente irgend 
einen Werth haben, oder nur als ein mit mangelhaften Mitteln 
aller Art ausgeführtes Rechnen-Exempel anzusehen sind, muss die 
Folge lehi-en." 



§ 178. 

DIE ASTRONOMISCHE PHOTOGRAPHIE. 

Die ersten Veröffentlichungen Daguerre's 1838 wurden von 
Vielen mit den ausschweifendsten Hoffnungen in Beziehung auf 
unsere Kenntniss der Weltkörper begrüsst; während Andere, welche 
mit der Sache näher bekannt waren, in dieser Beziehung wenig 
oder nichts von ihi' erwarteten, da sie wohl wussten, welche 
Schwierigkeiten sich einer solchen Anwendung entgegenstellen 
müssten. Anfangs bedurfte man einer geraumen Zeit zur Hervor- 
bringung der Bilder, und man hatte die neue Erfindung deshalb 
zunächst an feststehenden Gegenständen, also namentlich archi- 
tektonischen und monumentalen, versucht. Indess vervollkommnete 
sie sich von Jahr zu Jahi'; man lernte die wirksamsten und für 
das Licht empfänglichsten Substanzen kennen und gebrauchen, 
stellte lebende Gegenstände, namentlich Porträts, mit günstigem 
Erfolge dar, und glaubte nun auch astronomische Objecte in ähu- 
hcher Weise erfolgreich behandeln zu können. 

Mit der Oberfläche der Sonne gelang es. Die Wirkung war 
hier eine so schnelle, dass man sogar genöthigt war, die Zeit der 
Exposition auf ein Minimum zu bringen, wie denn in Arago's 
Astronomie das Fac Simile eines photographischen Sonnenbildes 
gegeben wird, das im sechzigsten Theil einer Secunde erhalten 
wurde. Innerhalb eines so kleinen Zeitraums aber beträgt die 
tägliche Bewegung der Erde nm- 0,25" und dies kann keine irgend 
wahrnehmbare Verschiebung der Bilder hervorbringen, man hatte 
also auch nicht nöthig, das Fernrohr zu bewegen. Allerdings er- 



238 GESCHICHTE DER HIMMELSKUNDE. 

hielt man, da liier nur die Vergrösserung des Objectivs wirksam 
blieb, nur sehr kleine Bilder, jedoch konnte durch ein Zer- 
streuungsglas dies Bild vergrössert werden, wenn man sich eine 
Schwächung des Lichts im umgekehrten Verhältnisse des Qua- 
drats der linearen Vergrösserung gefallen Hess. 

Bei der Sonne war dies vollkommen zulässig; jedoch schon 
beim Monde zeigten sich die Schwierigkeiten, welche Sachkenner 
gleich Anfangs gefürchtet hatten. Die ersten, in Paris gemachten 
derartigen Versuche, Hessen kaum die Phase des Mondes erkennen, 
von seinem landschaftlichen Detail war nichts zu sehen, denn in 
der langen Zeit, welche die Exposition der Platte bedurfte, konnte 
man zwar durch ein sehr vollkommenes und ganz gleichmässig 
wirkendes Uhrwerk die tägliche Bewegung und allenfalls auch 
noch die A.-ß.-Bewegung des Mondes compensiren, nicht aber die 
Bewegung in Breite, die Parallaxe und die Rotation der Mond- 
kugel, und noch weniger die Veränderungen der Beleuchtung und 
des Schattenwurfs. 

Als unmerklich für den beabsichtigten Zweck kann man diese 
Änderungen nur dann betrachten, wenn die Zeit der Exposition 
eine sehr' kurze ist. Es kam also darauf au, 

1) die erforderliche Bewegung, die für jeden besonderen Fall 
auch besonders berechnet werden muss, vollkommen gleich- 
mässig, und nicht stoss- oder absatzweise wirkend, zu erhalten. 

2) chemische Reagentien zu finden, die in der kurzen Frist 
von höchstens 1 bis 2 Minuten hinreichend deutHche Lichteindrücke 
aufnehmen können. 

Nur allmälig gelaugte man dahin, und da gleichzeitig auch die 
Vervielfältigung der ursprünglich erhaltenen Bilder gelungen war, 
kamen die Astronomen nach und nach in den Besitz mehr oder 
weniger gelungener Mondphotographien. Die erste dem Verfasser 
zu Gesicht gekommene war eine amerikanische, die sich auf der 
Pariser Sternwarte befand. Deutlich konnte man die grösseren 
Ringgebirge, wie Petavius und Theophilus, erkennen, auch allen- 
falls noch die von mittlerer Grösse; von dem feineren Detail war 
nichts zu sehen. 

Totale Finsternisse der Sonne sind von so kurzer Dauer, dass 
auch der gewandteste Zeichner seine Arbeit kaum begonnen hat, 
wenn der erste Sonnenstrahl wieder hervorbricht, und hier wäre 
also das photographische Verfahren am entschiedensten indicirt. 
Aber 1842 konnte man noch gar nicht daran denken: auch 1851 



DIE ASTRONOMISCHE PHOTOQBAPHIE. 239 

blieben die Versuche meistens erfolglos: der Photograph Beyer 
in AVarschau hatte sich ganz vergebens bemüht, und Busch in 
Königsberg hatte zwar ein Bild erhalten, aber verwaschen und 
nur verständhch durch das, was man in gewöhnlicher Art beob- 
achtet hatte. Gleichwohl war es noch das Beste, was bis dahin 
erlangt worden Avar, und Warren de la Rue erkennt dieses 
an, indem er S. 1 seines später zu erwähnenden Werkes sagt: 

„Great credit is due to Dr. Busch for that successfull pio- 
neering experiment, more especially when due allowance is made 
for the uncertainty then existing as to the brillancy of the pro- 
minences and for the state of the Photographie art to that epoch." 
Er vertraut indess den Fortschritten der Photographie seit 18,51, 
die allein ihm Hoffnung erwecken, bessere und instructivere Bilder 
zu erhalten. War reu de la Rue besuchte mich auch in Dorpat, 
beschenkte mich mit einem von ihm auf einer Glasplatte auf- 
gefangenen höchst gelungenen photographischen Mondbilde, und 
es kann mich nur aufrichtig freuen, dass seine Schrift mit den 
Worten beginnt: 

„My attention was hrst called to the Solar Eclipse of 1860, 
when Dr. Mädler placed in my liands a copy of his anticipative 
pamphlet, entitled: „L'eclipse solaire du 18. Juillet 1860." 

In der Zwischenzeit hatte insbesondere Bond I. zu Cambridge 
in Nordamerika seinen grossen Refractor von 22 Fuss Brennweite 
auch zu photographischen Arbeiten angewandt. Die ersten seiner 
derartigen Veröffentlichungen betreffen den Doppelstern ^ Ursae 
majoris. Er erhielt keine scharfen Bilder, namentlich erschien 
das Bild des Begleiters sehr schwach und unbestimmt. Nur in- 
dem er auf einer Platte eine ganze Reihe von Photographien 
längs einer geraden Linie nahm, konnte er das Gebilde, längs 
dieser Linie hinschauend, mit ausreichender DeutUckeit wahr- 
nehmen. Er benutzte diese Photographie zu einer mit Zirkel und 
Lineal ausgeführten terrestrischen Messung dieses Doppelsterns. 
Später photographirte er hellere Sterne allein, um zu ermitteln, 
wie viel Expositionszeit jeder derselben bedürfe. Er fand, dass 
diese Zeit nicht im umgekehrten Verhältniss der Helligkeit (Grössen- 
classe) stehe, was ihn veranlasste, den neuen Ausdruck „diemical 
magnitnde'-' einzufühi'en. Später hat man in dieser Weise ein- 
zelne glänzende Partien des Sternhimmels, unter andern die Gruppe 
der Plejaden, dargestellt. 

Aber die bedeutendsten Fortschritte in der Photographie des 



240 GESCHICHTE DER HDIMELSKUNDE. 

Himmels verdanken wir dem bereits erwähnten Warren de la 
Rue, der sich ganz diesem neuen Zweige der astronomischen 
Praxis gewidmet hat, und dessen Sternwarte zu Kew die Muster- 
anstalt bildet, nach der ähnhche errichtet, oder in der Errichtung 
begriffen sind. Sein in mehrfacher Beziehung neues Verfalu-en 
hat sich bei der Sonnenfinsterniss am 18. Juli 1860 trefflich he- 
Avähi't; wir geben liier ein möglichst vollständiges Verzeichniss 
der bei dieser Veranlassung an verschiedenen Orten Spaniens aus- 
geführten Arbeiten dieser Art. 

In Desierto de las Palmas war Monserrat damit beschäftigt. 
Er erhielt neun Bilder der partiellen und fünf der Totalfinsterniss. 
In letzteren zeigt sich eine schwache Spur der Corona, jedoch 
ohne Detail erkennen zu lassen, und eben so die Protuberanzen. 
Bei einem der fünf Bilder der Totalfinsterniss erhielt die Platte 
zufällig eine kleine Erschütterung, und hier zeigen sich drei Bilder 
übereinander, ein Beweis, -wie schnell sie sich bei zweckmässiger 
Vorrichtung erzeugen lassen. Ein im Brennpunkt des Fernrohrs 
befindlicher Querfaden hatte sich deutlich mit abgebildet. Die 
dabei sichtbaren Planeten zu photographiren, gelaug nicht; äugen- 
scheinhch wegen Kürze der Zeit. 

An demselben Orte nahm Secchi, Director der Sternwarte 
Rom, Photographien auf. Er erhielt ein schwaches Bild der 
Lichtkrone, an dem man aber doch erkennt, dass sie in der 
Richtung Ost -West sich erheblich weiter erstreckte als in der 
Süd-Nord. Die erste Photographie der Totalfinsterniss ergab die 
folgenden Stellungen der Protuberanzen: 

TS", 88", 1130, 1330—1480, 212o, 242o («) 

leuchtender Bogen, 

die letzte dagegen: 

lOo, 400, 760^ 2480 (o), 30uo, 350O — Qo 
leuchtender Bogen. 

Die leuchtenden Bögen bildeten sich eben so gut ab als die 
einzelnen Protuberanzen. 

In Tarragona hat Leon Foucault photographische Arbeiten 
vorgenommen. Er hatte hauptsächlich die Darstellung der Corona 
beabsichtigt. Drei collodionkte Glasplatten wurden, die erste 10, 
die zweite 20, die dritte 60 Secunden hindurch ausgesetzt. Die 
erste Platte erhielt zufälhg eine kleine Verschiebung, so dass die 
Krone nicht deutlich zur Darstellung gelangte, wohl aber der 
Mondrand. Auf den beiden anderen Bildern zeigt die Corona eine 



DIE ASTRONOMISCIIK PUOTOGKAriHK. 2 1 1 

mit der zunehmenden Dauer der Eimvirkung grössere Ausdelinung; 
60 Secunden P^xposition zeigten sie Ins zu 48' Entfernung. Meli- 
rere Strahlen zeigen sich im Bilde, und einer derselben gelit üher 
das Ganze der Corona weit hinaus. In allen drei Bildern er- 
scheint der Mondrand da, wo die Sonne verschwand, sehr intensiv 
erhellt. 

In Rivabellosa, einem Dorfe in der Nähe des Ebro, liatte 
sich Warren de la Rue aufgestellt. Auf freiem Felde war ein 
bereits in England gezimmerter Holzbau errichtet, und untei- 
diesem stand das tretiliche Instrument. Noch hatte Warren gar 
keine Kenntniss von der Zeit, die zur Hervorbringung guter Sonnon- 
finsternissbilder erfordert wii'd, und ein Versuch in Kew, den 
Vollmond zu photographiren, Hess innerhalb einer Minute noch 
nicht die geringste Einwirkung auf die Platte wahrnehmen. PTin 
Sonnenfinsternissbild aber erforderte kaum vier Secunden, woraus 
folgt, dass sowohl Corona als Protuberanzen beträchtlich mehr 
Licht haben als der volle Mond. 

Einige Tage vor der Totalfinsterniss sah ich diese Einricli- 
tiingen. Das grosse Instrument hatte 50 Zoll Brennweite, was im 
Brennpunkte ein Sonnenbild von etwa G Linien ergab. Durch 
ein System optischer Linsengläser wurde dies auf das Achtfache 
vergrössert. Einige kleinere photographische Instrumente waren 
im Freien aufgestellt und dienten zu verschiedenen Vorunter- 
suchungen. Die Herren Beckley, Downes, Beck, Reynolds 
und Clark waren seine Mtarbeiter. Der Himmel war fast stets 
bewölkt und heiterte sich nur l)ei Anfang der Sonnenfinsterniss 
auf. Die ursprüngliche Daguerre'sche Methode hatte Warren 
ganz aufgegeben und sich des Collodiums zur Zubereitung seiner 
Platten bedient. Doch war er noch sehr in Zweifel, ob die schwer 
zu vermeidenden kleinen Ungleichheiten im Collodium nicht Un- 
deutlichkeit der Bilder veranlassen würden. Durch die angewandten 
vergrössernden Ocularlinsen konnte zwar diesem Übelstande be- 
gegnet werden; eine andere Frage war jedoch, ob nicht eben 
diese Vergrösserung das ursprüngliche Focusbild schwächen werde 
in einem solchen Maasse, dass nicht Erkennl)ares erhalten Averden 
könne? Die desfalls eingezogenen Erkundigungen bei Denen, 
welche 1851 die Sonnenfinsterniss zu photographiren versucht 
hatten, Hessen nur geringe Hoftnungen aufkommen. 

Desto erfreuHcher ist es, dass ungeachtet luanclies Zwischen- 
vorfaHes die Beobachtung nicht allein bei heiterm Hinmiel un- 

V. Marüer, Gescliiclite der Himmelslcunde. U. ^" 



242 GESCHICHTE DER HTMilELSKUNDE. 

gestört vor sicli ging, sondern auch ihr vollständiger Erfolg allen 
Besorgnissen ein Ende machte. 

Von 43 Photographien, die am 18. Juli erhalten wurden, 
sind nur wenige nicht gelungen. Einige wurden vorher auf Son- 
nenflecke versucht, 31 gelungene gehören der Finsternisss an und 
sind in dem betreffenden Werke: „On the total Solar Eclipse of 
18. Jnly 18G0, observed at Ri.vahellosa, near Miranda del Ebro, in 
Spain. London 1862," speciell aufgeführt und die der Totalfin- 
sterniss angehörenden abgebildet. Da die Platten, um eines Ke- 
sultates sicher zu sein, länger ausgesetzt waren, als nach den 
jetzt gewonneneu Erfahrungen erforderlich gewesen wäre, so sind 
die Protuberanzen nicht so scharf begrenzt. Bei künftigen ähn- 
lichen Gelegenheiten wird man die Platten nur 3 — 4 Secunden 
aussetzen und dann natürlich viel schärfer begrenzte Bilder er- 
halten. 

Gleichwohl ist das, was erlangt wurde, hinreichend, den 
Schluss zu rechtfertigen, den Warren dahin ausspricht: es sei 
jetzt vollkommen gewiss, dass die Protuberanzen j)hysische der 
Sonne angehörende Objecto und nicht (wie v. Feilitzsch meinte) 
bloss oi3tische, am Mondrande erzeugte Erscheinungen sind. 

Noch bemerken wir/ dass in Warren's Photographien eine 
Reihe von Protuberanzen vorkommt, die von keinem I'ernrohr- 
beobachter bemerkt worden ist, und dass dieselbe Keihe auch in 
den von Secchi erhaltenen Lichtbildern ganz übereinstimmend 
mit Warren sich findet. Sie müssen also eine beträchthche 
chemische Wirkung gehabt haben, während ihre optische zu 
schwach war, um wahrgenommen zu werden; eine Thatsache, 
welche an die sogenannten übervioletten Strahlen des Prismen- 
bildes erinnert. 

Wir fügen noch hinzu, dass das Observatorium Wilna, das 
eine Erneuerung dringend nöthig machte, jetzt als photographische 
Sternwarte besteht. Ein Instrument, ganz nach dem Muster des 
Warren'schen, und in England unter dessen Aufsicht angefertigt, 
dient (seit 1864) jetzt dort zum Photograj)hiren von Sounenflecken. 
Leider ist die dortige Localität eine nur wenig günstige, was der 
(kürzlich verstorbene) Director Gussew bitter beklagte. Indess 
wollen wir hoffen, dass die photographische Anstalt Wilna's unter 
ihrem neuen Director Smysloff entweder an einen passendem 
Ort verlegt, oder in anderer Weise den IMängeln Abhülfe werde. 
• Bedenkt man, dass die praktische Photographie überhaupt 



niK ASTRONOsnscnE pnoToonAPHiE. 243 

erst drei Decennien alt, und dass ihre Anwendung auf Astronomie 
noch erheblich jünger ist, so kann man sicli nur freuen, sie schon 
so weit vorgerückt zu finden. Gewiss haben wir nocli Grösseres 
von ihr zu erwarten; einstweilen wollen wir, statt durch müssige 
Wünsche der Zukunft vorzugreifen, lieber auf einen Gegenstand 
aufmerksam machen, wo sie uns möglicherweise Neues und Wich- 
tiges lehren kann: wir meinen Photographien der Venus. Man 
kann sich nur schwer entschliesscn, über alles in ihrer Nähe Ge- 
sehene den Stab zu brechen, und noch schwerer eine bestimmte 
Antwort finden auf die Frage: was war es? 



§ 179. 

Der Photographie ist die Photometrie nahe verwandt, beides 
kann sogar, wie wir bei Bond 's* Versuchen gesehen haben, für 
einzelne Aufgaben zusammenfallen. Beides gehört auch der 
neuesten Zeit an, wenn man die unvollkommenen und wenig 
fruchtbringenden Versuche früherer Zeit abrechnet. Doch werden 
wir ihrer gedenken müssen, um so mehr, als eine wissenschaft- 
liche Photometrie nicht mit einem Schlage ins Leben trat, son- 
dern, genau betrachtet, erst im tlntstehen begriffen ist. 

Was wir bei Fixsternen als Grösse bezeichnen, ist bekanntlich 



* William Cranell BOND, geh. 1790, gest. 1859 am 29. Januar. 
Es war im Jahre 1844, als er zum Director der grossartig aus- 
gerüsteten Sternwarte des Harvard College zu Cambridge im Staate 
Massachusets ernannt wurde. Schon seit 1833 hatte er sich als 
astronomischer Schriftsteller bethätigt durch sein Werk: On tlie 
comparative ratio of marine Chronometers. — Als Dkector und im 
Besitz eines dem Pulkowaer ganz gleichen Refractors hat er eine 
rüstige Thätigkeit entfaltet. Er gelangte zuerst unter Allen dahin, 
Fixsterne zu photographiren und wichtige Resultate daraus ab- 
zuleiten. Den Doppelstern C Ursae majoris maass er auf der pho- 
tographischen Platte mit Zirkel und Lineal und erhielt ein mit 
den astronomischen Messungen gut übereinstimmendes Resultat. 
Aus der Zeit, die zur Erlangung eines solchen Bildes erforderhch 
ist, schloss er auf den Glanz, wofür er den Ausdruck „chcmical 
magnitude" gebraucht. Er fand, dass Sterne gleicher Helligkeit, 
aber von verschiedener Farbe, eine merklich ungleiche Zeit er- 

IG* 



244 GKSCHICHTE DER IIIIIMELSKUNDE. 

nur der verschiedene Grad ihres Glanzes, und dieser wurde eine 
geraume Zeit hindurch, in Ermangelung jedes 'andern Mittels, 
durch blosse Schätzung bestimmt, die um so unsicherer ausfiillen 
musste, als verschiedene fremdartige Umstände auf diesen Glanz 
einwirken und es an einer allgemeinen Scala, nach der der 
Schätzende sich richten konnte, gänzlich fehlte. So kam es, dass 
man die von Ptolemäus angegebenen Grössen a, ß, y u. s. w. 
ungeprüft annahm, und erst später, da der Augenschein zu sehr 
Avidersprach, sich einige Änderungen erlaubte. So ward « Hydrae 
(bei Ptolemäus erster) zu einem Sterne zweiter oder dritter, 
«. Aquilae aus einem Sterne zweiter zur ersten Grösse. 

Indess machte mau bald die Bemerkung, dass über die 
Gleichheit des Glanzes zweier Sterne, die man beide gleich- 
zeitig überblickt, sei es im Auge oder im Fernrohr, das Urtheil 
viel sicherer ist, als wenn angegeben werden soll, um wieviel ein 
Stern den andern an Glanz übertreffe. Erst spät und auf Um- 
wegen ist man dahin gelangt, auch das Verhältniss des Glanzes 
zwischen zwei ungleich glänzenden Sternen angeben zu können, 
und das ist es eigentlich, was wir jetzt Photometrie nennen. 

Dass eine Linie a doppelt so lang sei als eine andere h, ist 
leicht und sicher zu bestimmen; woran aber soll ich messen, ob 
ein Stern a doppelt so hell sei als ein anderer b'i 



fordern, und dass rothe Sterne schwerer als weisse zu photo- 
graphiren sind. Im ersten Cande seiner An na/s qf the Astrono- 
inical Ohservatory of Harvard College bestimmte er die Orter von 
5500 Sternen zwischen 0^ und O'^' 20' Declination. Für den ge- 
sammten Himmel gäbe dies gegen 2 jMillionen Sterne, und er hat 
den kühnen Plan gefasst, diese sämmtlich zu bestimmen; eine 
Arbeit, die bis tief ins 20., wo nicht 21. Jahrhundert hinein 
dauern würde, selbst angenommen, dass alle seine Nachfolger mit 
gleichem Eifer auf diesen Plan eingehen. 

Aufmerksam verfolgt er das Saturn- und Uranus-System, be- 
stimmte die Masse des Neptun aus dem Satelliten desselben, be- 
obachtete die Sonnenfinsternisse 1845 und 184 (>, so wie den Mer- 
kursdurchgang und gab über alles dieses, so wie über seine In- 
strumente und deren Aufstellung, vollständige Berichte. — Doch 
die Schwäche des Alters machte sich fühlbar, und im {)'i). Jahi'e 
seines Alters endete ein thatenvolles Leben durch einen sanften Tod. 



DIE ASTRONOMISCH K J'llOTodHArilli;. 240 

Soiiiidoi-for iu Wien hat vorgcsclilagen, die kleinen l'hiiieten 
dazu zu benutzen. Setzt man voraus, dass ausser der Distanz 
von Sonue und Erde kein Drittes auf die Verändemngen dieses 

Glanzes Eiufluss liabe, so ist -^^o > ein Ausdruck, der als Maass- 

Stab dienen kann (r Abstand von der Sonne, /\ Abstand von der 
Erdej. Fände sich also bei den Abständen /\ und r der Glanz 
gleich einem Sterne siebenter, bei /\' und r' dagegen einem Stern 
achter, so würde man setzen können: 

Liclit(|uantität eines Sterns siebenter : Lichtq. ein. St. achter = ; - 

In dieser Weise würde man also hier eine Reihe, gebildet aus 
den aufeinander folgenden Sterngrössen erster, zweiter, dritter u. s. w., 
gleichsam die Exi^onenten der Reihe, für ihre Lichtiiuantität er- 
halten. Argelander findet diese Zahl = 2,65, so dass der Licht- 
glanz zweier Sterne, der eine zur n^^^, der andere zur n'*®" Grössen- 
classe gehörend, im Verhältiiiss 2,65*"'~"- : 1 zu einander stehen 
würden. 

Dies gäbe indess zunächst nur eine etwas sicherere Grundlage 
für die Schätzung, aber keine eigentliche Lichtmessung. Für diese 
letztere machte man verschiedene Vorschläge. 

Von zwei Sternen a und b sei a der hellere. Man schwäche 
sein Licht so lange, bis er nur eben so hell als b ist, was bei 
einiger Übung sehr sicher beurtheilt werden kann. Ein Fernrohr 
mit doppeltem Objectiv kann dazu dienen, wenn man das Objectiv, 
in welchem a erscheint, so lange bedeckt, bis a = 6 ist. Hat man, 
um dies zu erreichen, ^4 tles Objectivs bedecken müssen, so ist 
auch a viermal heller als b. 

Für schwächere, namentlich teleskopische Sterne, ward vor- 
geschlagen, den Brennpunkt des Oculars von dem des Objectivs 
langsam zu entfernen, bis der Stern verschwindet. Das Maass 
dieser Verstellung kann dann ein Maass für die Lichtstärke 
abgeben. 

Ainici* verfertigte ein Objectiv, in welchem ein Stern nur 



* J. B. AMICI, geb. 178(3 am 23. Mäv~, gest. 1863 am 10. April. 
In Modena, seinem Geburtsort, studirte er unter Ruffini und 
ward, noch sehr jung, zum Professor an dieser Universität er- 
nannt. Nach Pons Tode 1831 berief man ihn zu dessen Nach- 



246 GESCHICHTE DEK HIMMELSKb'NBE. 

im Mittelpunkte seinen vollen Glanz zeigt, aus dem Mittelpunkte 
entfernt aber schwächer -wird und in einem gewissen Abstände 
r-rr d verschwindet. Für hellere Sterne wird d grösser, für 
schwächere kleiner gefunden werden, was ebenfalls ein Maass für 
die Lichtstärke geben kann. 

John Herschel bei seinem Aufenthalt am Cap wandte grosse 
Aufmerksamkeit auf die Helligkeiten der südlichen Sterne, womit 
er auch che der nördlichen, so weit sie am Cap hinreichend zu 
Gesicht kamen, verband. Obgleich er sich auch einer Art von 
Astrometer bediente, so hat er doch das Meiste durch fleissige 
Schätzungen ermittelt. Sein p. 353 der Results of Cape Ob- 



folger als Director des dortigen Observatoriums nach Florenz, wo 
er bis zu seinem Tode blieb. 

Grosse Verdienste hat er sich erworben durch seine sinn- 
reichen optischen Erfindungen und Verbesserungen, die sowohl 
den Mikroskopen als den Fernröhren zu Gute kamen. Bei 
ersteren brachte er die Vergrösserungen bis zu 1000 (linear ge- 
nommen), bei hinreichendem Licht und scharfer Begrenzung der 
Objecto. Bei den Fernröhren hat er sich namentlich durch eine 
eben so leichte als genaue Methode der Lichtmessung bekannt ge- 
macht. Er construirte ein Objectiv, was nur im Centro des Ge- 
sichtsfeldes das Object in voller Lichtstärke zeigt; man entfernt 
nun den Stern aus der Mitte und achtet darauf, in welcher Ent- 
fernung er verschwindet. So erhält man ein Maass für die Licht- 
stärke und kann dies durch eine Schraube mit angemessener 
Theilung leicht und sicher bestimmen. Das Galiläi'sche Fern- 
rohr, das über eine sehr massige Brennweite hinaus keine An- 
wendung mehr gestattete, änderte er so ab, dass diese Be- 
schränkung wegfiel, und auch seine kleinsten Instrumente, bis 
zum Opernglas hinab, versah er mit Vorrichtungen, die ihre 
Brauchbarkeit, besonders für terrestrische Zwecke, sehr erhöhten. 

Auch als Botaniker hat der unermüdet thätige Manu sich 
verdient gemacht, namentlich durch seine genauen Untersuchungen 
der Ohara vulgaris und anderer zahlreicher Pflanzen. — Er zählte 
zu den Associates der britischen Royal Astronomical Society. 
Von ihm: 

De raotibus corporum coelestium juxta principia peripatetica sine ecccntricis 
et epicyclis. Venedig. 



im-: AsTKONüMiscKi: i'no'i()(;i(Ariiir;. >j.l7 

servaUoius bcschiiebenei- Astromctcr bestand in einer Vonitlituiig, 
du;s Lieht des Mondes so zu reduciren, diiss es einen künstliehen 
Stern bihlete, dessen Glanz nach bestimmtem, durch Rechnung zu 
einiittclndem Verhältnisse veränderlich war. Indem er nun diesen 
Mondstern nach einander zwei Fixsternen gleich machte, erhielt 
er das Verhältniss des Glanzes zwischen beiden, und in dieser 
Weise bestimmte er eine Anzahl sogenannter Standard stars. 

Diese bildeten nun eine Grundlage bei seiner method of se- 
quences. Er bestimmte nach dem Augenschein die Aufeinander- 
folge einer Anzahl von Sternen derselben und gleichzeitig über- 
sichtlichen Himmelsgegend, anfangend mit den hellsten. Wir 
ündeli, dass er vom IG. Juli 1835 bis zum 15. April 1838, also 
in 33 JMonaten, 46 solcher Sequenzen ausführte, und zwar 43 am 
Cap, die letzten 3 am Bord des Schüi'es, das ihn nach Europa 
zurückführte. Erschienen zwei oder mehi'ere Sterne von gleicher 
Helligkeit, so ward dies besonders angemerkt. Er vereinigte diese 
Sequenzen in einige allgemeine und schhesslich in eine einzige, 
wobei die vorkommenden Diiferenzen durch arithmetische JVIittcl 
ausgeglichen wurden, und so giebt er uns als Schlussresultat eine 
Reihenfolge aller von ihm verglichenen Sterne, wobei er u Cen- 
tauri die Grösse 1,00 giebt und bis zu l Draconis, der bei ihm 
die Grösse 3,94 hat, fortgeht. Wir linden alle seine einzelnen 
Beobachtungen vollständig in seinem Werke aufgefühi-t, und es 
wird nun die Aufgabe künftiger Astronomen, und besonders derer 
der Südhalbkugel, sein, die Herschel'schen Arbeiten fortzutÜhi-en 
und sie auch auf die Sterne vierter und geringerer Grösse aus- 
zudehnen. 

Ludwig Seidel verötfeutlichte 1861: „Resultate photometri- 
scher Messungen an 208 der vorzüglichsten Fixsterne," München. 
Zwei andere auf denselben Gegenstand bezügliche Abhandlungen 
hatte er bereits 1852 und 1859 veröffentlicht, und seine Methode 
ist die, welche Steinheil 1836 in seiner Abhandlung: ..Elemente 
der Helligkeitsmessuugen am Sternenhimmel," angegeben hat. 

Das Instrument hat 158 Pariser Linien Brennweite, und seine 
beiden getrennten Objectivhälften haben eine rechtwinklige Drei- 
ecksform, die Hypothenuse 9,66 Linien. Jedes dieser Objective 
kann durch einen sogenannten Quadratschuber verldeiuert, ausser- 
dem aber auch dem Ocular um 46,6 Linien genähert und auf der 
anderen Seite um eben so viel von ihm entfernt werden. Da nun 
auch überdies die Objective mit ihrem Prisma gegeneinander ver- 



248 GESCHICHTE DEK lUMMELöKUNDE. 

stellt werden können, so ist das Instrument geeignet, nicht bloss 
zwei Sterne mit einander vergleichen, als auch einen einzelnen 
Stern für sich nach seinem Helligkeitsgrade bestimmen zu können. 
Wie Herschel bildete sich auch Seidel ein photometrisches Netz 
von 72 häufiger bestimmten Sternen, um für die Vergleichungen 
der übrigen bequem gelegene zu erhalten. « Lyrae ist sein Nor- 
malstem, dessen HeUigkeit er rrr^ 1 setzt. Unter allen von ihm 
aufgeführten übertriÖ't ihn nui' Sirius, Übrigens giebt Seidel in 
der Tabelle am Schlüsse nicht die Helligkeitszahlen selbst, son- 
dern ihre Logarithmen. 

Wie sehr die Bayer'sche Bezeichnung von der wirklichen 
Helligkeitsfolge abweicht, sieht man hier deutUch. So ist bei 
Seidel '/ Andromedae (0,101) heller als ß (0,096), und noch viel 
auffallendere Beispiele kennen wir, die sich nur zum Theil dadurch 
erklären, dass Bayer nur die Sterne derselben ganzen Grössen- 
classe von Norden nach Süden einander hat folgen lassen, wie 
Ar gelander dies nachweist. Der schwächste von Seidel gemes- 
sene Stern "k Lyrae ist mit 0,00oG angesetzt; der südlichste ist 
a Piscis austrini mit 0,o40 Helligkeit. Die des Polaris ist mit 
0,126 notirt. 

Das reichhaltige und wichtige Werk Seidel's seinem ge- 
sammten Inhalte nach hier durchzugehen, müssen wir uns ver- 
sagen, jedoch aussprechen, dass es als erster wahrhafter Anfang 
einer gründlichen praktischen Photometrie mehr Aufmerksamkeit 
verdient, als ihm bis jetzt zu Theil geworden. 

Die neuesten Arbeiten auf diesem Gebiete sind die von 
Zöllner in Leipzig: ,, Grundzüge einer allgemeinen Photographie 
des Himmels, Berlin lö61. Mit 5 Kupfertafeln." Diese Schrift 
erschien in Veranlassung einer 1855 in Wien von der dortigen 
Akademie gestellten Preisfrage: 

„Es sind möglichst zahh'eiche und möglichst genaue photo- 
metrische Bestimmungen von Fixsternen in solcher Anordnung und 
Ausdehnung zu liefern, dass der heutigen Sternkunde dadurch ein 
bedeutender Fortschritt erwächst." 

Keiner der eingelautenen Arbeiten war der Preis zuerkannt 
worden, und es war dies fast vorauszusehen. Die Photometrie, in 
ihrer wissenschaftlichen Ausübung kaum ein Decennium alt, wird 
noch geraumer Zeit bedürfen, bevor durch sie der Wissenschaft 
ein bedeutender Fortschritt erwächst. Betrachten Avir Zöllner's 
Arbeit genauer, so werden wir uns bald überzeugen, dass wohl 



DUO ASTUONOMISCIIK riKlTOciKAIMIIi:. 240 

Niemand in der Gegenwart mehr leisten konnte. Wir zweifeln, 
dass der ausgesetzte Preis in gegenwärtigem Jahrhundert ge- 
wonnen werden kann, wenn die Bedingung streng iniie ge- 
halten wird. 

Zöllner hebt zunächst die Nothwendigkeit hervor, dass Jeder, 
der sich mit solchen Arbeiten beschäitigeu will, seine eigenen 
Augen zuvor aufs Genaueste prüfe. Wie notliwendig dies ist, 
geht schon aus den Mittheilungen von Edmund Rose in seinem 
Archiv für Ophthalmologie VII. 2. p. 86 und von Virchow (Ar- 
chiv Bd. XX), so wie aus dem hervor, was Poggendorf (Au- 
nalen CXI. p. 488) anführte. 

Zöllner ist durch die bisher angewandten photometrischen 
Apparate nicht befriedigt und findet, dass die erlangten Resultate 
in keinem Verhältniss zu der grossen Ausdauer und Anstrengung 
der Beobachter stehen. Er hat deshalb sich ein neues und durch- 
aus eigenthümliches Photometer construirt und mit ihm 2212 ein- 
zelne Beobachtungen angestellt, welche 22i6 Sterne erster bis 
sechster Grösse betreffen. Auch einige veränderliche Sterne sind 
unter diesen enthalten. Bei Anwendung eines lichtstärkeren Ob- 
jectivs hofft Zöllner, auch Sterne siebenter bis achter Grösse 
noch mitnehmen zu können. 

Herschel hatte « Centauri, Seidel die Wega zum Normal- 
stern genommen und ihm die Helhgkeit 1 ertheilt. Zöllner findet 
dies nicht angemessen, da wir von der absoluten Unveränderhchkeit 
des Glanzes bei keinem Sterne versichert sein können. W^ir müssen 
ihm darin vollkommen beistimmen. Nimmt man die Bewegung 
des Sonnensystems auch nur zu sechs Meilen in der Secunde an, 
so findet sich, dass die Sonne seit Hipparch's Zeit 380000 Mil- 
lionen Meilen, etwa der zwölfte Theil der Entfernung von « Centauri, 
zurückgelegt hat, wobei die Sterne, die nicht in weit grösseren 
Entfernungen stehen, ihre Helligkeit für uns merkhch ändern 
müssen; und vielleicht genügt dies allein schon zur Erklärung des 
Umstandes, dass « Aquilae vor 2000 Jahren zur zweiten Classe 
gerechnet ward, während er jetzt näher der ersten als der zweiten 
steht. Allgemein betrachtet, kann es also keinen Stern geben, 
der durch alle Jahrtausende hin seinen Glanz unverändert bei- 
behält. 

Mit seinem Photometer hat er auch einen Colorimeter in 
Verbindung gebracht, durch den er zur Entscheidung mancher 
noch schwebenden Frage beizutragen hofft. 



250 ÜESCHICUTK DKK IIIMMELSKUNDE. 

Iin ersten Abschnitt, S. 1 — 7, giebt er die allgemeinen Prin- 
cipien an, nach denen er verfuhr. Er beginnt mit dem natür- 
lichen Auge und sucht ein bestimmtes Maass für die i^hysiologische 
Reizbarkeit der Netzhaut durch das Licht, so wie ein anderes flu- 
die Veränderungen, die ein Lichtstrahl durch künstliche Ver- 
anstaltung erleidet. Den Schluss dieses Abschnittes bildet die 
Untersuchung: ob und wie die von verschiedenen Beobachtern 
erhaltenen photometrischen Resultate vereinbar sind. 

Im zweiten Abschnitt, S. 8 — 52, wird zunächst das Her- 
schel'sche Astrometer, sodann das von Seidel gebrauchte Photo- 
meter von Steinheil, besprochen und ihre Mängel gezeigt, 
denen sodann Zöllner durch sein Listrument Abhülfe zu schaf- 
fen sucht. 

Ein im Fernrohr an der Brennpunktstelle befindlicher, um 
45 Grad geneigter Glasspiegel, der jedoch ganz durchsichtig ist, 
empfängt von der Seite das Licht einer Gasflamme, welches durch 
eine feine Öffnung eintritt und auf seinem Wege zum Spiegel drei 
Nicol'sche Prismen, so wie eine concav-concave Glaslinse passirt. 
Durch Schrauben, die mit einem Positionskreise verbunden sind, 
kann die Stellung dieser Prismen verändert und damit die Hellig- 
keit des künstlichen Sterns, den der Spiegel giebt, modilicii-t 
werden bis zur völligen Extinction. Durch geeignete Vorrich- 
tungen ist bewirkt, dass die Gasflamme stets den gleichen Hellig- 
keitsgrad behält, auch nicht flackert, und ihre Grösse nahezu 
constant ist. 

Man erhält zwei nahestehende künsthche Sterne und kann 
nach Belieben entweder den stärkern allein mit dem zu bestim- 
menden Fixstern vergleichen, oder auch diesen in die Mitte zwi- 
schen beide künstlichen stellen, so dass seine Helligkeit ein 
arithmetisches Mittel v/ird. Ln Allgemeinen hält Zöllner die 
erstere Methode für die bessere. Es ist also hier nicht erforder- 
hch, das Licht des Sterns zu schwächen. Der Brennpunkt für 
den natürlichen Stern muss genau mit dem des künstlichen zu- 
sammenfallen, und deshalb kann sowohl das Objectiv als das 
Ocular längs der Axe verschoben werden. 

Seine Prüfungen, wie die eigentlichen Beobachtungen, theilt 
Zöllner vollständig mit. Auch veränderliche Sterne sind mit 
aufgenommen worden und alles so disponirt, dass es seine Con- 
trole in sich selbst findet. 

Das mit seinem Instrument gleichfalls verbundene Coloiimeter 



DHC ASTliONOMlSfllK rilOT(ii;HAI'inK. 251 

erzeugt die verscliiedeiieii Furben in Ijekaiinter Weise (lurcli 
Dreliuiig. Jedoch ist zu beachten, dass die Einpfäiighclikeit für 
Farben eine sehr verschiedene ist für veischicdcne Personen, wes- 
halb jeder Beobachter die Prüfungen selbst machen und nicht die 
eines andern als für sich selbst gültig betrachten darf, was aucli 
noch aus anderen Gründen erforderlich ist. 

Das Colorimeter hat Zöllner auch zur Entscheidung der 
Frage angewandt: ob die Farben der beiden Gheder eines Duppel- 
sterns objective oder subjective sind? So wenig wir der Art, wie 
dies geprüft wird, unsern Beifall versagen können, so scheint doch 
das, was Zöllner darüber sagt, leicht der Idee Raum zu geben, 
dass wenn nicht alle, doch die meisten dieser Farbenunterschiede 
hervorgerufene Complementärfarben seien; womit wir uns nicht 
einverstanden erklären können. Jede bestimmte Farbe kann nur 
eine andere hervorrufen, Roth z. B. nur Grün; nun aber sind 
die Farbencombinationen bei Doppelsternen zu mannigfaltig, um 
so erklärt zu w^erden, auch lässt sich die Frage dadurch unter- 
suchen, dass mau den helleren Stern aus dem Gesichtsfelde ent- 
fernt und den schwächeren allein erblickt. Fast immer fand sich 
bei meinen Beobachtungen, dass die Farbe dieselbe blieb. Dass 
übrigens das Hervorrufen stattfinde und z. B. der violette Be- 
gleiter eines gelben Sterns sein Violet noch stärker zeigt, als er 
ohne diese Nähe tliun würde, gebe ich gern zu. 

Obgleich nui- X und 102 Seiten Grossquart enthaltend, ist doch 
alles hierher Gehörige bei Zöllner so vollständig behandelt, dass 
man auf keine Frage die Antwort vermissen wird, und wir könnten 
zehnfach voluminösere Werke namhaft machen, aus denen man 
weniger wahre Belehrung schöpft als aus dem hier vorhegenden. 
Möchten doch alle naturwissenschaftlichen Autoren bedenken, dass 
wir jetzt keine Zeit mehr haben, Werke wie das des alten 
Aguilonius durchzulesen, und dass wir eine concise, gedrungene 
Sprache, wie ein Zöllner sie schreibt, sich je länger desto mehr 
zur Nothwendigkeit macht. 

Da der Verfasser uns eine vollständige Copie seiner Original- 
beobachtungen nebst dem darauf gegründeten Katalog giebt, so 
ist der Beurtheilung des Lesers alles dargeboten, was irgend ge- 
wünscht werden kann. Dass nur eine verhältnissmässig geringe 
Anzahl von Sternen untersucht ist, kann gewiss nur gebilligt 
werden: es ist noch genug zu thun mit Prüfungen der verschie- 
densten Art. Wir haben lange Jahi'hunderte warten müssen, 



252 GESCHICHTE DEK HIMMELSKO'DE. 

bevor -wir die Örter der Sterne in guten Katalogen vor uns 
hatten; und wir können zufrieden sein, Avenn in eben so vielen 
Jahrzehnden deren Helligkeiten und Farben gegeben sind, so 
dass sie zu weiteren Schlüssen dienen können. 

Welcher Art diese weiteren Schlüsse sein werden, ist im Vor- 
aus nicht zu bestimmen. Nur das möchten wü- hier bemerken, 
dass wir Denen nicht beistimmen, welche die Sternhelligkeiten 
zur Hauptgrundlage unserer ganzen Fixsternkunde machen, und 
sowohl Eigenbewegungen als Parallaxen auf sie beziehen und als 
deren Function darstellen. Zu viele objective wie subjective Fac- 
toren kommen hierbei in Betracht — vollends wenn wir die jetzigen 
rohen Bestimmungen der Sterngrössen ins Auge fassen — als dass 
ein solches Verfahren schon gegenwärtig an der Zeit wäre. Aber 
wir leben der Hoffnung, dass die kommenden Jahrhunderte uns 
nicht nur über die Helligkeit, sondern auch über die Parallaxen, 
die verschiedenen Arten der Eigenbeweguug und vieles Andere 
selbständig gewonnene Aufschlüsse geben werden, und dass dann 
die Combination aller dieser Verhältnisse, die unabhängig von 
einander zu bestimmen sind, uns zu Schlüssen über die innere 
Constitution des Fixsternsystems berechtigen wird, die jetzt nur 
als verfrühte bezeichnet werden können. 

Eben so wenig können wir uns mit dem einverstanden er- 
klären, was der Verfasser Seite IX seiner Einleitung anführt. 
Er will in der mittleren Periodendauer veränderlicher Sterne in 
einer gewissen Gegend ein Mittel erblicken, Quantität und Rich- 
tung der Sonnenbewegung zu ermitteln. Die höchste Annahme 
für die Quantität der Sonnenbewegung, die noch zulässig erscheint, 
ist 7 Meilen in der Secunde, die des Lichts 40000. Es kann 
folglich durch die Sonnenbewegung eine Periode der Veränderlich- 
keit im äussersten Falle nur um ihren 5700. Theil vermehrt oder 
vermindert werden, also z. B. eine Periode von 00 Tagen nur um 
eine Viertelstunde. Es steht mit dieser Erwartung um nichts 
besser als mit der Hoffnung, welche die Alten sich machten, 
dui'ch die von ihnen augewandten Methoden die Sonnenparallaxe 
zu entdecken, oder mit der von Doppler und Mach gehegten, 
die Sonnenbewegung aus den Farben der Sterne zu ermitteln. 

Aber dringend wünschen wir, dass der Verfasser nicht allein, 
sondern auch andere Astronomen, namentlich aber solche, die in 
den günstigsten Klimaten zu arbeiten das Glück haben, auf dem 
hier so sorgfältig geebneten und so genau vorgezeichneten Wege 



DIE SPECTRAL-ANALVSK. 2.'i:j 

fortschreiten mögen. Über die hohe Wichtigkeit des Gegenstandes 
kann kein Zweifel gehegt werden. Wir würden es für keinen Ge- 
winn achten, wenn die wenigen Hunderte von Sternen, welche 
Seidel und Zöllner uns bestimmt haben, rasch auf Tausende 
und Zehntausende sich steigerten, denn wer so arbeitet wie die 
Genannten, kann nicht schnell arbeiten. Doch möge innuerhin 
der Preis, den die Wiener Akademie 1855 ausgesetzt hat, erst im 
zwanzigsten Jahrhundert gewonnen werden: wir hal)en den grossen 
Zeitaufwand nicht zu beklagen, denn er ist hier nolhwendig. 

Wie verlautet, hat auch Schwerd in Speier HelHgkeitsmes- 
sungen angestellt, deren Veröffentlichung sehr zu wünschen wiii-e; 
und die Sternwarte Bonn trifft gegenwärtig Vorkehrungen, um 
photometrische Untersuchungen, namentlich auch über ilie ver- 
änderlichen Sterne, anstellen zu können. 



§ 180. 

DIE SPECTRAL-ANALYSE. 

In neuester Zeit ist — man kann wohl sagen unerwartet — 
ein Gegenstand zur Sprache gekommen, der uns ein gänzlicli neues 
Feld der P'orschung eröffnet und die Möglichkeit in Aussicht stellt, 
dass wir die verschiedenen Weltkörper, die wir bis jetzt fast allein 
nach ihrer Laufbahn und einigermaassen nach ihrem äusseren 
Ansehen kennen, auch nach ihrer physikalisch-chemischen Be- 
schaffenheit kennen lernen werden. 

Als allgemein bekannt darf vorausgesetzt werden, dass Fraun- 
hofer im Sonnenspectrum dunkle Querlinien entdeckt hat, die be- 
trachtet werden können als Unterbi-echungen der localen Farbe 
an der betreffenden Stelle. Allein es hatte den Anschein, als 
habe diese Bemerkung nur eine physikalische, keineswegs jedoch 
eine astronomische Bedeutung. Nun aber wissen wir durch die 
Untersuchungen von Kirch ho ff und Bunsen, Roscoe und 
Stokes, dass diese Linien nicht bloss für die Natur des Lichts, 
sondern auch für die Physik der Weltkörper von hoher Wichtig- 
keit sind, und hier soll der Versuch gemacht werden, dies dar- 
zustellen. 

Wenn die theoretischen Grundlagen eines Wissenszweiges un- 
al)änderlich feststehen, ist eine histoiische Darstellung verhältniss- 
mässig leicht auszuführen. Ganz anders jedoch da, wo diese 



254 GESCHICHTE DER HI5IMELSKUNDE. 

Grundlagen erst gelegt werden sollen, oder unter unseren Augen 
gelegt werden, wie bei dieser „Chemie der Gestirne," nach Wal- 
tenhofen's Bezeichnung. 

Der Lichtstrahl, der vom Sonnenkörper zum Erdkörper ge- 
langt, hat auf seinem Wege die Photosphäre der Sonne, aber 
auch die Atmosphäre der Erde zu durchschneiden, und wenn er 
Veränderungen erleidet, so kann die Ursache derselben sowohl 
in der Sonnen- als in der Erdumhüllung liegen. Eine Entschei- 
dung dieser Alternative wird dadurch erlangt, dass man das Son- 
nenspectrum mit den Spectralbildern anderer Fixsterne vergleicht. 
Da die Erdatmosphäre dieselbe ist für alle hindurchgehenden 
Strahlen, die Spectralbilder aber verschieden gefunden werden für 
verschiedene Fixsterne, so muss man den Grund dieser Verschie- 
denheit in den Umhüllungen dieser Sterne suchen. 

Man wähle nun eine irdische Lichtquelle von hinreichender 
Intensität, z. B. das durch Glühen des Kalks erzeugte Drum- 
mond'sche Licht, so wird das dadurch erhaltene Spectrum frei 
von Querstreifen sein. Setzt man aber zwischen dieses Licht und 
das zerlegende Prisma eine Weingeistflamme, welcher Kochsalz 
beigemischt ist, so erhält man ein Prismenbild mit einer doppelten 
schwarzen Querlinie an einer bestimmten Stelle des Bildes, und 
die weitere Untersuchung zeigt, dass das im Kochsalz befindliche 
Natrium diese Linien erzeugt. Da sich nun im Sonnenspectrum 
dieselben Linien erzeugen, und die Erdatmosphäre, wie wir ge- 
zeigt haben, sie nicht hervorbringt, so bleibt nur der Schluss 
übrig, dass sich in der Photosphäre der Sonne Natrium im auf- 
gelösten Zustande befinde; und da dieselbe Doppellinie an der- 
selben Stelle des Spectrums sich in den Prismenbildern der Capeila 
und des PoUux findet, in den Bildern des Sirius und Castor jedoch 
nicht; so schliessen wir, dass jene beiden Sterne gleichfalls Na- 
trium enthalten, die beiden letzteren aber nicht. 

Um nun auch für andere terrestrisch bekannte Stoffe ent- 
scheiden zu können, ob sie sich in der Sonne oder anderen Fix- 
sternen finden, hat man nur die betreffenden Linien aufzusuchen, 
indem man den Strahl einer terrestrischen Lichtquelle vor der 
Zerlegung durch eine Flamme gehen lässt, in welcher dieser Stoff 
aufgelöst ist. 

Die Praxis hat jedoch zu einem etwas abgeänderten Verfahren 
geführt. Lässt man das Drummond'sche Licht ganz weg und 
untersucht das Spectrum, welches die den aufgelösten Stoff ent- 



DIE SPECTRAL-ANALYSE. Sf;;' 

haltende Flamme für sich allein bildet, so findet man an der 
Stelle der dunkeln Linien leuchtende, die also den Farhenglanz 
nicht schwächen, sondern verstärken, was zu dem Schlüsse führt, 
dass ein glühend gemachter Stoff gerade dasjenige emittirt, was 
er beim Durchleiten anderer Strahlen absorbirt. 

Wir haben es hier nun nicht mit denjenigen Folgerungen zu 
tliun, welche sich für die Cliemie, namentlich für das sichere Er- 
kennen sehr kleiner Massentheile, wie für Entdeckung neuer Me- 
talle ergeben, sondern mit denen, welche die anderen Weltkörper 
l)etreffen. Die Vergleichung der Spectren ist leichter und sicherer, 
wenn sich in dem einen helle, und in dem andern an der gleichen 
Stelle dunkle Linien bilden, als wenn mau die oft sehr schwachen 
und wenig augenfälligen Linien in beiden Spectren aufsuchen soll, 
und gleichzeitig ist es ein Vortheil für die richtige Beurtheilung 
in Beziehung auf die Quelle, wenn man das Kalklicht, oder ein 
anderes ähnliches, ganz beseitigt. 

Wenn wir uns veranlasst sehen, die specielle Ursache der 
verschiedenen Spectren in den Gestirnen selbst, und nicht in der 
Erdatmosphäre zu suchen, so soll damit nicht gesagt werden, dass 
die Erdatmosphäre sich hierbei ganz indifferent verhalte. Viel- 
mehr hat Brewster nachgewiesen, dass, wenn der Lichtstrahl 
einen längeren Weg durch die Erdatmosphäre zurückzulegen hat, 
also aus geringeren Höhen kommt, die dunkeln Linien eine 
grössere Ausdehnung gewinnen, auch wohl an Zahl wachsen; und 
es ist von Wichtigkeit, diesen Umstand näher zu untersuchen. 

Haben wir so den Weg angedeutet, den man eingeschlagen 
hat, um die materielle Verwandtschaft oder Verschiedenheit 
der einzelnen Weltkörper unter sich und mit der Erde zu erfor- 
schen, so wird man die Gründe zu erwägen im Stande sein, ver- 
möge deren man z. B. geschlossen hat, dass sich in der Sonne 
Eisen und Kalium, jedoch kein Lithium befinde; dass sich im 
Sirius Stoffe finden, welche der Sonne fehlen, und eben so um- 
gekehrt u. s. w. Es wird nun darauf ankommen, die Intensität 
und Lage der dunkeln, beziehentlich hellen Querstreifen in den 
durch verschiedene Stoffe hervorgebrachten Spectren genau zu be- 
stimmen. So hat Plücker* in Bonn die schönen Lichthnien des 



* .hillns PLÜCKER, geh. 1801 am 16. Juli, gest. 1868 am 
22. Mol. Nach vollendeter Universitätsbildung hielt er sich einige 



256 GESCHICHTE DER HTMMELSKÜNDE. 

glühenden Wasserstoffgases untersuclit. Drei derselben, eine hell- 
rothe, eine grünlich blaue und eine bläulich violette sind als 
dunkle Linien im Sonnenspectrum nachweisbar. Schon Angström 
hatte die Abhängigkeit der SpectralHnien von der chemischen 
Beschaffenheit der angewandten Gase näher untersucht, und 
van der Willigen diese Untersuchungen fortgesetzt. 

Secchi giebt in einem Schreiben an Admiral Manners 
{Monthly Noiices XXVIII, p. 196) Nachweise von seinen spectro- 
skopischen Untersuchungen. Er findet, dass die rothen Sterne ein 
eigenthümliches Spectrum darbieten, so wie dass gewisse Zonen 
des Spectrums sich immer an derselben Stelle befinden. Er glaubt, 
dass hier grosse kosmische Gesetze zur Erscheinung kommen 
werden, will sich jedoch nicht übereilen, sondern zuvor die Voll- 
endung der Untersuchung aller Sterne abwarten. Dass die rothen 
Sterne eine eigene spectroskopische Klasse bilden, scheint ihm un- 
zweifelhaft. 

Er hat ferner das Spectrum des Brorsen'schen Kometen un- 
tersucht. Eine breite helle Zone zeigte sich im Grün, zwei schmale 
helle im Gelb und Roth und eine hinreichend deutliche im Blau. 

Noch ist der Gegenstand zu neu, um bereits eine geordnete 



Zeit in Paris auf, habilitirte sich 1825 in Bonn, lehrte als Pro- 
fessor in Berlin und Halle und ward 1836 nach Bonn zurück- 
berufen als Professor der Mathematik und Physik. In beiden 
Wissenszweigen war er bis kurz vor seinem Tode unablässig thätig; 
anfangs vorherrschend Mathematiker, später mehr Physiker. Er 
schrieb : 

Analyseos applicatio ad geometriam altiorem et mechanicam. Bonn 1824. 
Analytisch-geometrische Entwickeliuigen, 2 Bände. Essen 1828 — 1831. 
System der Geometrie des Ramnes. Düsseldorf 1846. 

Seit 1847 wandte er sich der Physik zu, und eine Reihe glän- 
zender Entdeckungen bezeichnen diese zwanzig Jahre. Die Licht- 
erscheinungen, welche ein Inductionsstrom im luftverdünnten Räume 
zeigt, führten ihn, ein Jahr vor Kirchhoff und Buusen, zum 
Princip der Spectralanalyse, indem er 1859 zeigte, dass jeder Gas- 
art ein bestimmtes Spectrum entspreche. Ferner entdeckte er die 
Doppelspectra einer grossen Anzahl von Substanzen, Avie Schwefel, 
StickstoÖ' und andere. Diese letztere Entdeckung verfolgte er ge- 
meinschaftlich mit Hittorff und veröffenthchte sie in den Philo- 



DIE SPECTRAL- ANALYSE. 25* 

Reihenfolge der einzelnen Fixsterne nueh den in ihnen vorhan- 
denen Stoffen aufstellen zu können; noch lilsst sicli nicht angelicn, 
wie weit man mit den Mitteln reichen wird, die man in Anwen- 
dung hringen kann: also namentheh, bis zu welcher Grössenclassc 
abwärts man Spectren erhalten wird, die eine detaillirte Unter- 
suchung möglich machen. Nach dem zu urtheilen, was schon in 
den wenigen Jahren dieses neuen Zweiges der Himmelskunde er- 
langt worden ist, darf man sich grosser Hoffnungen für die Zukunft 
hingeben. Schon ist es gelungen, Spectra von Nebelflecken zu 
erhalten und aus ihnen die Überzeugung zu gewinnen, dass 
einige Nebelflecke gasförmige Gebilde sind, während andere aus 
einzelnen Sternen bestehen. Wir werden also auf diesem Wege 
eine objective Eintheilung dieser Massen gewinnen, die der 
äussere Anblick zu gewähren bisher nicht im Staude war, und 
wir werden, da wir hier Zustände untersuchen können, die vor 
mehreren Millionen von Jalu'en bestanden, möglicherweise zu 
einer Genesis dieser Gebilde gelangen und einst ihre Geschichte 
schreiben. 

Nicht unwahrscheinlich gehören auch die Beobachtungen, 
welche bei der totalen Verfinsterung der Sonne über das Prismen- 



sopJncal Transactioiis der Royal Society of London. Er wählte 
ausländische Journale, um den Streitigkeiten und Widerwärtig- 
keiten zu entgehen, die dem verdienstvollen Mann im Vaterlande 
bereitet wurden. Die schon im Winter 1857 begonnenen Unter- 
suchungen wurden dui'ch die von Ruhmkor ff und Hempel in 
Paris verfertigten Goniometer sehr erleichtert und gefördert, und 
zweifellos gehört ilim der erste Anstoss und die Priorität der Ent- 
deckungen auf dem Gebiet der Spectralanalyse, die uns auch für 
Himmelsforschung so sehr zu Statten kommt. 

Seit dem Herbst 1867 befiel ihn eine schmerzhafte Krankheit, 
die nach längerem Leiden seinem Leben im 67. Jahre ein Ende 
machte. 

Dr. Adolph Dronke, dem wir eine kurze aber gehaltreiche 
Biographie Pili ck er 's verdanken, führt am Schlüsse 73 verschie- 
dene kleinere und grössere Schriften auf, von denen 33 der Mathe- 
matik, 40 der Physik angehören. Ihn beweinen seine Gattin, 
geb. Alt Stätten, die ihm 24 Jahre treu zur Seite gestanden, 
und ein Sohn Albert. 

f. iiädler, Geschiclite der nimmelsViinde. II. 



258 GESCHICHTE DER HIMMELSKUNDE. 

bild derselben gemacht worden sind, in den Kreis dieser Unter- 
suchungen, und wir führen deshalb eine in Spanien gemachte Be- 
obachtung bei der Totaliinsterniss vom 18. Juli 1860 hier an. 

Beobachtung des Herrn Barreda. 

Sein Standpunkt war ein Zimmer in der Eremitage S. Juan. 
Das Licht fiel durch eine Maueröffnung, in welcher ein sehr reines 
Flintglasprisma angebracht war. 

Schon 20 Minuten nach dem ersten Beginn der Finsterniss 
zeigte sich eine beträchtliche Verwirrung im Spectrum; bei 30' 
fing das Roth an, allmälig zum Weiss abzubleichen, während Gelb 
und Grün in einander flössen und in eine gemeinschaftliche gleich- 
förmige Mischfarbe übergingen; nach 40' zeigte sich dasselbe zwi- 
schen Blau und Indigo. Die Vermischung nahm je länger desto 
mehr zu. Orange und Violett blassten ab; nach 50' war das 
Orange ganz verschwunden, eben so das Violett 5' vor Eintritt der 
Totahtät; dann verschwand auch Indigo, und vom Blau blieben 
nur noch schwache Spuren übrig. 

Beim Eintritt der Totalität war, bis auf geringe Spuren von 
Grün und Roth, alles Übrige verschwunden. 

Nach dem Wiedererscheinen der Sonne wiederholte sich alles 
Vorstehende in umgekehrter Ordnung, jedoch etwas rascher. Nach 
5' sah man zuerst wieder Blau, nach 10' die Mischungen von Gelb 
mit Grün und Blau mit Indigo, auch Spuren von Violett, die bald 
deutlicher wurden. Roth erschien wieder nach 10', Gelb nach 20', 
Grün nach 25' und nach 30' zeigte sich das Spectrum in seiner 
ganzen Integrität. 

Nach diesen auch an einigen anderen Orten bestätigten Er- 
fahrungen scheint es gewiss, dass auch bei grösseren partialen, 
so wie bei ringförmigen Sonnenfinsternissen Veränderungen des 
Spectrums eintreten, die deutlich wahrnehmbar sind, so dass die 
Gelegenheit, sie beobachten zu können, nicht zu übermässig selten 
ist. Sehr zu wünschen ist, dass, während ein Beobachter die von 
Barreda wahrgenommenen Veränderungen beachtet, ein anderer 
die dunkeln Querlinien besonders ins Auge fasse, und namentlich 
die Zeit ihres Verschwindens und Wiedererscheinens notire. Wenn 
uns die Meteorsteine, nachdem man ihren wahren Ursprung 
richtig erkannt hat, die Überzeugung verschafi't haben, dass die 
unserem Erdkörper angehörenden festen Bestandtheile auch in den 
übrigen Körpern des Planetensystems zu finden sind, nur wahr- 



DIE SPECTRAL-AXALYSE. 250 

scheinlich in anderen mineralogischen Verbindungen — so erhalten 
wir durch die Spectralanalyse Kunde von den in Gasform auf- 
gelösten Bestandtheilen und können sie mit denen unserer. Erde 
vergleichen. Von Zeit zu Zeit erhalten wir durch die Zeitungen 
und wissenschaftlichen Organe, namentlich die Astronomischen 
Nachrichten, Abbildungen der verschiedenen Fixsternspectra, und 
man darf hoffen, dass, ähnlich wie die Mikroskopie sich eines 
eigenen Organs in der Literatur erfreut, auch bald die Spectral- 
analyse ein solches besitzen werde. 

Auch die Spectra des erborgten Lichtes, z. B. des Mondes, 
hat man untersucht, es jedoch rücksichtlich der Farben und 
Linien dem der Sonne ganz gleich gefunden, wie es auch zu er- 
warten war, da der ^Mond keine Atmosphäre hat. 

Die Beobachtung der astronomischen Spectra muss Hand in 
Hand gehen mit den Untersuchungen, welche in gleicher Absicht 
mit terrestrischen Gasen angestellt werden, denn nur auf diesem 
Wege können wir die Erklärungen für erstere gewinnen. Walten- 
hofen in seiner Festschrift: ..Astronomie und Optik in den letzten 
Decennien, Insbruck 1862," führt folgenden Versuch an: 

..Wenn man die Entladung einer Ruhmkorff 'sehen Elektrisir- 
maschine durch ein Glasrohr leitet, in welchem sich verdünntes 
Gas befindet, so beobachtet man das überraschende Phänomen des 
elektrischen Lichtes; die dui'chströmende Elektricität erhitzt das 
verdünnte Gas, welches ihr als Leiter dient, bis zum Glühen, und 
so erfüllt das glühende Gas gleich einem Feuerstrom das Rohr. 
Die Farbe des ausgestrahlten Lichtes ist anders bei verschiedenen 
Gasen; zerlegt man sie in ihre einfachen Bestandtheile, so erhält 
man für jedes Gas ein anderes Spectrum mit hellen Farbenlinien 
auf dunklem Grunde. Besteht das glühende Gas aus mehreren 
verschiedenen, so erscheint auch ein zusammengesetztes Spectrum, 
dessen Theile von den einzelnen Bestandtheilen des glühenden 
Gasgemenges herrühren und dieselben zu erkennen geben, und 
selbst die kleinsten Spuren, w^elche durch die sorgfältigste che- 
mische Analyse nicht mehr wahrzunehmen wiiren, verrathen sich 
auf diese Weise durch die im glühenden Zustande ausgestrahlten 
Farben. 

„Am empfindlichsten von allen Gasen zeigt sich der Natrium- 
dampf; wenn nur ^J-,^, Milligramm desselben sich in einem Ge- 
menge befindet, so kann es bereits durch die Spectralanalyse er- 
kannt werden." 

IT* 



260 GESCmCItTE DER inMMELSKÜNDE. 

Wie viel aber ist hier noch zu thiin, und welch erhebende 
Hoffnungen bieten sich für die Zukunft! — Wir sehen photo- 
graphische Sternwarten errichten, düifen wir erwarten, bald auch 
in geeigneten KHmaten besondere Institute für astronomische 
Spectralanalyse erstehen zu sehen? In England haben Huggins 
und Miller bereits einen schönen Anfang damit gemacht. 

Neuerdings haben wir (im Kosmos für 1868) Nachricht über 
die spectralanalytischen Arbeiten Janssen's erhalten. Schon seit 
einer Reihe von Jahren beschäftigte er sich mit Untersuchung 
des Antheils der terrestrischen Atmosphäre; fand, ähnlich wie 
Brewster, dass die Querhnien des Spectrums erheblich zahlreicher 
und deutlicher wurden, wenn die Sonne tief am Horizont stand; 
dass sie jedoch bei jeder Zenithdistanz der Sonne, wenn gleich 
sehr schwach, erkennbar blieben. Die weiteren, am angeführten Orte 
ausführlich mitgetheilten Untersuchungen, besonders auf hohen 
Bergen, gaben ihm die Gewissheit, dass der in der Erdatmosphäre 
enthaltene Wasserdampf die Ursache der Absorption sei, und dass, 
ähnlich wie bei der Sonne, auch bei den helleren Fixsternen ein 
merklicher Unterschied der Intensität sich zeige, je nachdem sie 
näher dem Zenith oder dem Horizont stehen. 

In Genf machte Janssen einen entscheidenden Versuch: ein 
Scheiterhaufen bei Nyon, in drei Meilen Entfernung, ward an- 
gezündet. In der Nähe zeigte das Spectrum keine Spur von 
Streifen; das Bild erschien in reinen ununterbrochenen Übergängen; 
in Genf jedoch zeigten sich deutUch dieselben Streifen, welche 
man beim Sonnen- und Siriusuntergange wahrgenommen hatte. 

Zu den Versuchen, welche den Einfluss der verschiedenen Be- 
standtheile der Atmosphäre ermitteln sollten, war die Anwendung 
grosser Gasmassen, so wie Instrumente von sehr bedeutender Di- 
mension erforderlich. Er gelangte zum Ziele durch Anwendung 
des grossen Gasbehälters von la Villette, welchen die Gascom- 
pagnie zu seiner Verfügung gestellt hatte. 

Jetzt konnte die Frage : ob in der Gasumhüllung der einzelnen 
Weltkörper, auch der nicht selbstleuchtenden, Wasserdampf ent- 
halten sei? speciell untersucht werden. Die bisherigen Arbeiten 
bestätigen die Abwesenheit desselben in der Photosphäre der 
Sonne; wogegen sich in den Spectren des Mars und des Saturn 
deutliche Anzeichen seines Vorkommens gezeigt haben. Die Ähn- 
lichkeit der physischen Beschaffenheit des Mars und der Erde, 
für die schon die bisherigen Beobachtungen sprechen, ist also nun 



DIK .Sl'KCTKAL-ANALY.SK. 2t;i 

wohl entscliiedeii, und die Bcwoluibaikeit des Mars und eben so 
des Saturn von ähnlichen Geschöpfen, als uns unser eigener 
Planet zeigt, ist demnach kochst wahrscheinlich. Wir hoflcn, dass 
auch bei den übrigen, namentlich den grösseren Planeten, wie 
Venus und Jupiter, diese Entscheidung erhalten werde, und dass 
wir von der Fortsetzung dieser Arbeiten, namenthch in den herr- 
lichen Klimaten von Marseille und Palermo (Janssen hat auf 
den Gipfeln des Faulhorn und des Ätna, so wie in den genannten 
Städten, beobachtet) wichtige Aufschlüsse über die physischen Be- 
standtheile der kosmischen Globen hofien dürfen. 

Ein neuerdings bekannt gewordener Umstand scheint indcss 
diese Hoffnung zwar nicht aufzuheben, aber gleichwohl weiter 
hinauszurückeu. Die enghschen Beobachter haben nämlich ge- 
funden, dass diese Querlinien eine nicht unbedeutende Abhängig- 
keit von der Temperatur des Mittels verrathen, was durch sie 
geprüft werden soll. Dann aber werden weit umfassendere Vor- 
arbeiten, als bis jetzt stattfanden, erforderhch sein, und die Beob- 
achtungen verschiedener Medien müssen nicht ein oder Avenige 
Male angestellt, sondern oft und unter den verschiedensten Um- 
ständen wiederholt werden; auch die Gesetze dieser Abhängigkeit 
muss man in bestimmten Formeln darstellen, und dann erst 
wird sich zeigen, ob und wie Aveit kosmische Schlussfolgerungen 
zulässig sind. Doch selbst wenn wir die Anwendung auf fremde 
Weltkörper ganz aufgeben, oder bedeutend beschränken müssten, 
fürchten wir nicht, dass der bis jetzt hervorgetretene Eifer nach- 
lassen werde, denn die physikalisch - chemischen Resultate, die 
nicht ausbleiben können, sind wichtig genug, um auch die grösstcn 
Anstrengungen als gerechtfertigt erscheinen zu lassen. 

Chronologische Übersicht 
der Arbeiten über die Spectral-Analyse bis 1S60. 
(Abs dem pkarmaceutisclien Journal 1862.) 
1701. Newton. 

1802. Wollaston (erste AVahrnehmung der dunkeln Linien, die er für Farben- 
grenzen hält). 
1815. Fraunhofer (bestimmte Darstellung des Liniensystems). 

Kosmische Linien der Spectrcn und Absorptions-Streifen. 

1832, 1860. Brewster. 1S42. Draper. 

1833, 18-15. Miller und Daniel. 1852. Stokes. 
1842. Becquerel. 1S60. Gladstone. 



262 GESCHICHTE ÜEll HUUIELSKUNDE. 

Helle Linien und farbige Flammen. 

1S22. Brewster 1S53. Angström. 

1822. John Herschel. 1S54, 1S55. Alter. 

1826, 18ÖO, 1834. Fox Talbot. 1855. Secchi. 

1835. Wheatstone. 1857. Swan. 

1831). Foucault. 1855—1860. Flücker. 

1845. Miller. 1859. van der Willigen. 

1851 — 55. Massen. 

Allgemeine Untersuchungen. 

1858. Balfbur Steward. 

1859. Kirchhoff". 

1860. Kirchhoff" und Bunsen. 

Fublicationen seit 1860. 

Stokes, die Fluorescenz (Phil. Transuct. 1861). 

W. A. Miller, Photographie transparency of various bodies and Photographie 

spectra of the Clements (Phil. Transact. 1862). 
Donati, Spectra di 15 Stelle (Annali del jNIuseo Fiorentino 1862). 
.Airy, Researches (Monthly Notices 1863). 
Kobinson, on electric spectra (Phil. Transact. 1868). 
^litscherlich, zusammengesetzte Spectra (Poggendorff's Annalen 1863, 

18G4). 
Morren, phenomenes qua presentent quelques flammes (Ann. de chimie et 

de physique 1863). 
Rutherfurd, spectra of stars and planets (Silliman's Journal Vol. XXXV). 
Ileinricks, distribution of lines in spectra (Silliman's Journal 1864). 
Chautard, spectra of rarefied Gases (Phil. Magazine 1864). 
Angström, sur les raies de Fraunhofer (Les mondes, T. I). 
Bunsen, Inversion of the Spectrum of Didymium (Phil. Mag. 1864). 
de la Fontaine, die Spectra von Didymium und Erbium (Poggendorff's 

Annalen). 
P lücker und Hittorf, Spectra of Gases and Vapours (Comptes Rendus 1866). 
Janssen, Spectrum of Aqueous Vapour (Comptes Rendus 1866). 



§ 181. 

VERÄNDERLICHE STERNE. 

Als im Anfange des 17. Jalirhimderts Fabriciiis die so ausser- 
ordentlich starke periodische Veränderung des Lichts von o Ceti 
zuerst wahrnahm, glaubte man darin eine völlig isolirt stehende 
Ausnahme zu erblicken: die althergebrachten Ideen von einer ab- 
soluten Unveräuderlichkeit des Fixsternhimmels in jeder Beziehung 
schienen dies zu fordern. Man nannte ihn den wunderbaren 



VKUÄN'DEHLICIIE STERNK. 



2G3 



(Mira Ceti), uucl vielfach wurde die Meinung geäussert, es sei di(;s 
gar kein Fixstern, sondern ein eigenthümlicher Komet. Sollte 
doch auch Tycho's neuer Stern von 1572 ein Komet gewesen 
sein. Ähnlich wie man sich früher gewöhnt hatte, alles, was nicht 
sofort physikalisch erklärt "werden konnte, Elektricität zu nennen 
und dieser zuzuschreiben, so sollte auch am Himmel Alles, was 
sich den herkömmlichen Kategorien nicht recht fügte, Komet 
sein. — Holwarda gab 1G39 nähere Nachricht über o Ceti. 

Doch wähi'te es nicht gar lange, so hatten Montanari und 
Andere in verschiedenen Himmelsgegenden Sterne von veränder- 
hchem Glänze aufgefunden, und o Ceti stand also nicht mehr so 
ganz isohrt. 

Obgleich bei den 113 Sternen, deren Veränderlichkeit gewiss 
ist, sich einige finden, deren Periode noch gar nicht, und 11, wo 
sie noch beträchtlich unsicher bestimmt ist, zeigte sich doch schon, 
dass gewisse Perioden häufiger als andere vorkommen. Am deut- 
lichsten ist dies bei den Perioden zwischen 250 und 400 Tagen, 
deren 38 vorkommen. Wir führen die Sterne, geordnet nach der 
Reihenfolge der Perioden, hier auf. 



ß Persei 

Z Tauri 

8 Cephei 

r] Aquilae 

S Cancri 

2; Geminoriim 

8 Lyrae 

(> Persei 

ß Pegasi 
13 Lyrae 

a Hydrae 

8 Vulpeculae 

K Sagittae 

R Scuti 

ff Cassiopejae 
« Herculis 
U Geminorum 
30 Herculis 
S Aquilae 
R Vulpeculae 
T Piscium 
R Virginis 
T Herculis 
R Arietis 



Tage 

2,86727 

3,952 

5,3664 

7,1763 
9,48 

10,16 

12,906 

33 

37,5 

4G 

55 

67,9 

70,88 

71,75 

79,1 

88,5 

97 
106 

124 =h 
138,6 
143 ± 
146 
164,7 
186 





Tage 


5 Leonis 


192 


a Orionis 


196 ± 


R Bootis 


196 


T Aquarii 


197 


U Virginis 


212 


S Ursae majoris 


222,6 


S Ophiuchi 


229,3 


V Virginis 


252 


S Hydrae 


256 


T Ursae majoris 


257 


R Camelopardali 


265 


2' Capricorni 


274 


S Aquarii 


279,3 


5 Delphini 


284 


T Geminorum 


288,64 


S Geminorum 


294,07 


R Ursae majoris 


301,90 


R Ophiuchi 


304,6 


aS Herculis 


305 


U Cancri 


306 


T Hydrae 


309 =t 


R Herculis 


310 


T Serpentis 


310 


R Leonis 


312,57 



•264 



GESCHICHTI:; ÜEK lIlMUELSKUisDE. 





Tage 




Tilge 


5 Cygiii 


324 


-S Virginis 


380,11 


R Tiiuri 


327 


S Piscium 


396 ± 


R Canis ininoris 


329 


X Cygni 


406,06 


Ceti 


333,5 ± 


R Cygni 


416,72 


S Canis ininoris 


335 


U Capricorni 


420 


T Virginis 


337 


R Cassiopejac 


434,81 


R Pisciiun 


343 


R Hydrae 


449,5 


£ Aurigae 


350 


T Cancri 


455 ± 


R Coronae 


350 


R Sagittarii 


465 


7t Aquilae 


351,5 


<S' Cepliei 


470 


R Serpentis 


352 


K, Pegasi 


578 


R Aquarii 


354 


R Scorpii 


648 


R Cancri 


359 


R Librae 


722 


'S Serpentis 


359 






S Scorpii 


364 




Jahre 


R Comae Bercnices 365 db 


fi Cepbei 


5'/., ± 


R Geminorum 


370 


34 Cygni 


18 dt 


5 Tauri 


375 


• Tj Argus 


46 


R Orionis 


378 


24 Cephei 


73 ± 



Nach 7 Sternen von kurzer Periode (von weniger als 13 Tagen) 
eine Lücke von 20 Tagen, dann 11 Sterne von 33 bis 106 Tagen, 
okne auffallende Lücke, 13 Sterne von 124 bis 229,3 Tagen; hier- 
auf eine Lücke von 23 Tagen und dann die 38 Sterne, deren Pe- 
riode zwischen 252 und 396 Tagen liegt. Unter diesen 13, deren 
Periode höchstens 15 Tage vom Erdjalu-e abweicht. 15 über- 
schreiten diesen Zeitraum. 

Wir finden also 

31 Sterne von 3 bis 280 Tagen, 
38 Sterne von 252 bis 396 Tagen, 
15 Sterne von 406 Tagen bis 73 Jalu-on. 

Weitere Schlüsse über die Vertheilungsweise der Perioden 
dürften noch verfrüht sein, um so mehi-, als sehr verschiedenartige 
Ursachen der Veränderlichkeit denkbar sind und wir noch über 
keine einzige derselben Gewissheit haben. Denn alle diese Pe- 
rioden als Rotationsperioden zu betrachten, wie Voiron gethan, 
erscheint zu gewagt. Eben so ist in den Fällen, wo die Periode 
selbst wieder veränderlich ist, nicht wohl an eine Rotation zu 
denken. 

Die Entdeckungen verdanken wir: Hind 21 Sterne, Arge- 
lander 15, Pogson 14, Baxendell 11, Schmidts, Harding 5, 
Chacornac 4, Schönfeld 4, Hencke 3, Pigott 3, Goodrike 2, 



VKliANDKKMi IIH STKÜNi:. 2Ü5 

Goldsclimidt 2, Winnecko 2, W. llcrschol 2, J. llerschel 2, 
Fabricius 2, Tycho, R. Luther, Bird, Montuiiari, Oudc- 
mans, Hcis, Schwerd, Koch, Burchell, v. Boguslawsky, 
Maraldi, Anwors, Anthelra, Rogerson, G. Kirch, Jansen 
und Kepler je 1. 

Man sah sich allmälig genöthigt, aus dem grossen Heere der 
Fixsterne eine besondere Classe der veränderlichen heraus- 
zuheben und ihnen eine allgemeinere Aufmerksamkeit zu schenken. 

Cassini I. und Maraldi erwähnen, dass ihnen nicht Aveuige 
Sterne neu erschienen, andere verschwunden, überliaupt aber ver- 
änderhch seien; leider haben sie diese Fälle nicht im Detail an- 
gegeben und namentlich nicht den Ort dieser Sterne bezeichnet, 
weshalb kein Gebrauch von diesen zu allgemein gehaltenen Regeln 
gemacht werden kann. 

Kirch entdeckte 1687 die Veränderlichkeit von y Cygni, und 
erst nach 70 — 80 Jahren finden wir wieder einige Astronomen 
auf diesem Felde thätig. Wir verdanken den Beobachtungen von 
Koch, W. Herschel, Goodrike und Pigott, namenthch den 
beiden letzteren, die Entdeckung von veränderlichen Sternen, so 
wie die Untersuchung ihrer Periode und des Umfangs des Licht- 
wechsels. Wie wenig Beachtung jedoch das Ganze damals fand, 
zeigt unter andern ein Aufsatz von Wurm, der von Algols Ver- 
änderung, die Montanari schon 1669 entdeckt hatte, erst durch 
Goodrike etwas erfährt und sie in Zweifel zieht. — Bis zu Ende 
des 18. Jahrhunderts kannte man 11 veränderHche Sterne. 

Nun aber wuchs die Zahl rascher an. 1850 waren bereits 39 
bekannt, und jetzt ist sie schon auf über 100 gestiegen. Vierzehn 
Astronomen haben an diesen Entdeckungen Antheil. Obenan steht 
der Zahl nach Rüssel Hind mit 18; andere sind: Xorman 
Pogson, Harding, Schmidt, J. Herschel. Die Bonner Stern- 
warte, unter Ar gelander 's Leitung, hat sich unter allen am 
meisten diesem Zweige der Himmelsforschung gewidmet; Schön- 
feld und Winnecke haben sowohl durch neue Entdeckungen als 
durch genauere Untersuchungen sich verdient gemacht. Es ist 
nämlich zu bestimmen: 

1) die Grösse der VeränderHchkeit, 

2) die Epoche des Maximums oder Minimums, 

3) die Periode. 

Namentlich die Bonner Beobachtungen zeigen uns, dass bei 
nicht wenigen veränderlichen Sternen die Veränderhchkeit selbst 



266 GESCHICHTE DEK HUDLELSKUNDE. 

wieder veränderlich sei. So ßndet sich sowohl nach den Bonner 
als nach denen von Ricque de Mouchy, dass o Ceti nicht in 
allen Maximis denselben Glanz erreicht; zuweilen bleibt er bei 
der dritten Grösse stehen, während er ein andermal die zweite 
erreicht, ;.oder selbst noch überschreitet. Im Minimum ver- 
schwindet er für mittlere Fernröhre; doch konnte Struve ihn 
im Dorpater ßefractor auch im schwächsten Glänze Avalii-nehmen. 
Eben so ist seine Periode veränderlich, und Argelan der hat 
versucht, dies durch eine ziemlich zusammengesetzte Formel dar- 
zustellen. 

Wenn sowohl die Periode als auch der Glanz in den Extrejnen 
constant ist, so ist die wahrscheinlichste Erklärung die, dass der 
Stern nur mit einer Seite, vielleicht gar nur in einem Punkte 
stärker leuchte, in den übrigen Theilen der Oberfläche dagegen 
schwach oder gar nicht, und dann würde die beobachtete Periode 
die der Rotation des Sterns sein, Voiron in seiner Ilistoire de 
V Astronomie nimmt dies allgemein an, und er subsumirt W. Her- 
schel's hierher gehörende Entdeckungen unter der allgemeinen 
Rubrik: Rotation des etoiles. 

So kann indess nicht Alles gedeutet werden. Bei ß Persei 
z. B. ist die Periode zwar sehr nahe constant, aber die Veränder- 
lichkeit ist auf etwa 7 Stunden um das Minimum herum be- 
schränkt, in den übrigen 62 Stunden hat der Stern unveränderlich 
die zweite Grösse. Hier ist es wahrscheinlicher, dass ein grosser 
dunkler Körper sich um ß Persei bewegt, dem eine 69stündige 
Umlaufsperiode zukommt, und dessen Bahnebene so liegt, dass er 
uns während eines jeden Umlaufs eine partielle Algolstinsterniss 
wahrnehmen lässt. 

In vielen Fällen ist die Veränderlichkeit sehr unregelmässig 
und gleichzeitig sehr gering, so dass es misslich ist, eine be- 
stimmte Ursache mit einiger Wahrscheinlichkeit anzugeben. Man 
kann sich eine starke Fleckenbildung, den Vortritt nebelhafter, 
nur unvollkommen durchsichtiger Massen und noch manches An- 
dere denken. Argelan der findet, dass eine einfache Erklärung 
in den wenigsten Fällen ausreiche und dass ein Zusammenwirken 
verschiedener, nicht an die gleiche Periode geknüpfter Ursachen 
unabweisbar sei. 

Viele veränderlichen Sterne zeigen eine rothe Farbe; doch 
eine Veränderlichkeit der Farbe haben Pogsou und Hind nur 
an S Virginis bemerkt, und auch dies steht in Widerspruch mit 



VICKÄNDKULICUK STKKNK. 267 

den Bonner Beobachtungen, in denen sich keine Farben-Änderung 
gezeigt hat. 

Die kürzeste Periode zeigt ß Persei mit 68'' 48' 59,48" (im 
Jahre 1784), oder 68^' 48' 55,18" (im Jahre 1842), nach Arge- 
lander. Dies gäbe in einem Jahrhundert eine Abnahme von 
7,4". Nach Ricque de Mouchy wäre jedoch die Abiialnne 
wieder in Zunahme übergegangen, denn aus seinen Beobachtungen 
erhält er für 1855 eine Periode von 68*^ 49' 0,4". 

Nur dieser eine Stern gestattet eine so scharfe Bestimnniiig 
der Periode. Bei einigen wenigen können etwa noch die Minuten 
verbürgt werden, in sehr vielen Fällen kaum die Tage. Dies hätte 
nichts Auffallendes bei Perioden von 18 und 73 Jahren, und es 
scheinen sogar noch längere vorzukommen. Aber auch selbst bei 
Perioden, die nur ^^■enige Monate umfassen, herrscht häufig noch 
eine grosse Unbestimmtheit. 

Die Erweiterung unserer Kenntniss der veränderlichen Sterne 
ist von sehr neuem Datum, und eine geschichthche Darstellung 
des hierher Gehörenden ist nur dadurch erforderhch, dass es 
nothwendig erscheint, alles die Fixsterne BetreflPende hier zu er- 
Avähuen und nicht ganz auf die Zukunft zu verweisen. Es ist der 
Wunsch wohl gerechtfertigt, dass einige Sternwarten diesen Gegen- 
stand zu ihrer Hauptaufgabe machten; nur müsste eine genaue 
Augenprüfung vorhergehen, da manche sonst gute Beobachter 
dazu ungeeignet sind. Einige Sternkarten begnügen sich mit der 
Bezeichnung var., was wir jetzt schon ungenügend und zu all- 
gemein nennen müssen. Für viele Fälle kann Maximum und Mi- 
nimum angegeben werden, und hier würde es sich empfehlen, eine 
Bezeichnung einzuführen, welche die Art des Lichtwechsels be- 
quem erkennen lässt. Bezeichnet z. B. (•) einen Stern vierter, 
{■) einen Stern siebenter Grösse, so Avürde (O) eine solche sein, 
die einen Lichtwechsel von vierter bis siebenter Grösse anzeigte. 
Die Periode, die Stufen des Lichtwechsels müssten da, wo alles 
dieses vorliegt, durch eine besonders darzustellende Lichtcurve 
gegeben werden. Die Zahl dieser genauer bekannten Veränder- 
hchen ist bis jetzt noch gering; und so würde die Schwierigkeit 
der Darstellung noch kein erhebhches Hinderniss bieten. Bei 
Sternen, die im Minimo für unsern Anbhck ganz verschwinden, 
könnte z. B. 4 Max. gesetzt werden. Eine Beschreibung, wo sie 
nöthig scheint, könnte zur Seite gehen, namenthch da, wo auch 
die Farbe veränderlich ist, wie denn Abbott für t^ Ai-gus einen 



268 



GESCHICHTE DEK IIIMJIELSKUNDE. 



Wechsel zwisclieu Roth, Blau und Grün beobachtet hat, wovon 
allerdings bei J. Herschel nichts vorkommt, der nur den Glanz 
veränderlich findet. Auch Tebbutt in Neu -Süd -Wales hat 
■]] Argus von 1854 bis 1865 anhaltend verfolgt. Er ist jetzt mit 
freiem Auge zu sehen. Ferner ist zu erwähnen, dass Knott für 
den von R. Hind entdeckten Z7 Geminorum ein Maximum fiii" 
8. December 1867 und Baxendell für 2'Serpentis statt 210 Tage 
eine Periode von 340 '/a Tag gefunden hat. Stone macht auf eine 
Verwechselung von /, Cj'-gni und /o Cygni aufmerksam, was indess 
Bode schon 80 Jahr früher gethan. So lange o Ceti und x Cygni 
die einzigen Veränderlichen waren, erblickten Manche in ihnen 
gar keine Fixsterne, sondern eine besondere Classe von W^elt- 
körpern, und diese Ansicht war vorherrschend in der ersten HäKte 
des 18. Jahrhunderts. 

Wenn erst die Photometrie in grösserer Ausdehnung zur An- 
wendung gekommen ist (bis jetzt liegen, wie wir gesehen haben, 
nur erst schwache Anfänge vor), so lassen sich noch wichtige 
Aufschlüsse erwarten, die möglicherweise auch zur Erkennung der 
Ursachen führen werden. Zur Zeit besitzen wir meistens nur 
Grössenschätzungen, umI die von Ar gelander eingeführten Stufen 
(Zwischenclassen) setzen ein in solchen Bestimmungen sehr ge- 
übtes Auge voraus. 

Bei den meisten veränderlichen Sternen ist die Zeit, wo sie 
ihren grössten Glanz zeigen, beträchtlich kürzer als die, wo sie 
den schwächsten haben. 

Den veränderlichen Sternen nahe verwandt sind die neuen 
Sterne, die gewöhnlich plötzlich aufleuchten, einen starken Glanz 
entfalten, langsam abnehmen und nach längerer oder kürzerer 
Zeit wieder verschwinden. Bei ihi-er massigen Anzahl wird es 
angemessen sein, sie hier einzeln aufzufülu'en : 



134 V. Chr. 


nach Ma-tuon-lin. 


Im Scorpion. 


Sehr hell. (Vielleicht der 
Komet ?) 


123 n. Chr. 


n » 


Im Ophiuchus. 




173 „ 


n „ 


Im Centam-. 


8 Monat lang. 


369 „ 


„ „ 


? 


INlärz bis August. 


386 „ 


» n 


Im Schützen. 


April bis Juni. 


389 „ 


„ Cuspinianus. 


Im Adler. 


AVie Venus. Nur 3 Wochen. 


393 „ 


„ Äla-tuon-lin. 


Im Scorpion. 




827 „ 


„ Albumazar. 


Im Scorpion. 


4 Monate lang. 


945 „ 


„ Leovitius. 


Zwischen Cepheus 


Mai bis August. Sehr ver- 






und Cassiopeja. 


änderlicher Glanz. 



VERÄNDERLICHE STERNE. 



2G9 



1012 n. Chr. nach chincä-Bpob. 
1l'0;J „ ,. Mii-tnon-lin. 

1264 „ „ Leovitius. 



1572 



Tvcho.* 



1578 „ ,, chinos.Beob. 

1584 „ „ chines.Beob. 

1600 „ „ Jansen.* 



Im Widdfr. 
Im Scorpion. 
Zwischen Cepheiis 
und Cas.siopeja. 
In der Cassiopeja. 



Im Scorpion. 
Im Schwan. 



VVeissbliiulich. 



1 Vj J- hindurch. Anfang.^ 

der Venus gleich. 
Sein' glänzend. 

3. Grösse, die er 55 Jahr lang 
behielt. Er steht noch jetzt 
am Himmel, ist 34 Cygni 
und 6. Grösse. 



1604 „ 


„ Brunowski.* 


Im Ophiuclius. 


Heller als Jupiter. 




1609 „ 


„ Ma-tnon-Iin. 


■> 






1670 „ 


„ Anthehn.* 


Im Fuchs. 


Sichtbar 20. Juni 
29. jNIärz 1672. 


1670 bis 


1848 „ 


,. Russ. Hind.* 


Im Ophiuchus. 


Röthlich gelb. 5. 


Grösse. 


1850 „ 


,, Schmidt. * 


Im Orion. 


Glänzend roth. 6. 


Grösse. 



Das neueste Beispiel ist der Stern zweiter Grösse in der 
Krone, 1805 und 18G6 sichtbar. 

Das * bezeiclinet den Entdecker; die nicht bezeichneten Na- 
men sind iftir Berichterstatter. 

Noch können, aber als sehr ungewiss, folgende bezeichnet 
werden : 

76 V. Chr. im October. 

101 n. Chr. im December. ("Wohl nur ein Meteor.) 
107 
290 
304 
533 



829 
1011 
1054 



13. Septbr. Desgl. 

im Mai. Circumpolar. 

in den Hyaden. 

im März. 561 im October. 577 im November. Ohne nähere 

Angaben. 
im November. Im grossen Hunde. 
S. Februar Im Schützen. (Wohl ein Meteor.) 
bei L Tauri; 1139 bei y. Virginis; 1174 ungeheuer gross (also 

wohl ein Meteor). 



In Zukunft muss es sich herausstellen, ob diese Sterne, oder 
doch mindestens einige derselben, nur veränderhche von sehr 
langer Periode sind. Bei dem Tychonischen von 1572 wü-d 
alles darauf ankommen, ob die von Leovitius auf 945 und 1264 
gesetzten mit ihm identisch waren. Tycho hat die Positionen 
genau angegeben, und Rümcker hat an dieser Stelle einen Stern 
zehnter Grösse aufgefunden. Ist die eben angeführte Vermuthung 
richtig, so hätten wir ihn um 1886 wieder zu erwarten. 



270 GESCHICHTE DER HDOrELSKUNDE. 

Sind Sterne vom Himmel verschwunden? Es ist kein ein- 
ziger Fall mit voller Gewisslieit bekannt. Flamsteed hat 42 Vir- 
ginis nnd einige andere Sterne beobachtet, die wir nicht am 
Himmel finden; allein da in seinem Katalog nachweisbar manche 
Verwechslungen vorkommen (wie Caroline Herschel aufgefunden 
hat), so könnte auch hier eine solche zum Grunde liegen. Ein 
Nichtwiederfinden früher beolmchteter Sterne ist nicht ganz selten: 
von Groombridge's Katalog hat Johnson nach 40 — 45 Jahren 
einige 20 nicht wiedergefunden, und von den zahlreichen Sternen 
in Cooper's Markree-Catalogue fehlen jetzt schon 77. Aber alles 
dies sind schwache teleskopische Sterne; einige mögen Planeten 
gewesen sein, oder sie haben ihren Glanz so stark vermindert, 
dass wir sie nicht mehr gewahi-en — kurz, es liegt noch kein di- 
recter Beweis eines wirklichen Verschwindens, beziehendlich Ver- 
nichtens, vor. 

Mit Ausnahme des Sterns von 1012, den die Chinesen in den 
Widder setzen, erschienen alle neue Sterne in der Milchstrasse 
selbst, oder doch in ihrer Nähe: es ist nicht wohl denkbar, dass 
hier ein blosser Zufall zum Grunde liege. 

Der neue Stern in der Krone, T Coronae. 

Im Mai 1866 verlautete von verschiedenen Orten, dass ein 
früher nicht wahrgenommener Stern in der Krone aufgeleuchtet 
sei, aber gleich von seinem ersten Erscheinen an rasch an Glanz 
abnehme. Die vollständigste Keihe von Beobachtungen, nebst 
einer Helligkeitscurve und Bemerkungen über die Farbe, hat uns 
Baxendell in den Monthlij Notices (XXVH, 5 — 9) gegeben, wo 
auch ein Prioritätsstreit mit Stone vorkommt. Sie sind auf 
W ort hing ton's Sternwarte ("Chetham Hill in Manchester) ge- 
macht; einige der ersten mit blossem Auge, alle übrigen mit 
einem Fernrohr von 5 Zoll Öffnung und 68mahger Vergrösserung. 
Der Coefficient für die Reihe der Grössenclasse ist 2,512. 

Am 7. Mai 1866, bei einer Durchmusterung des Himmels und 
namentlich auch dieses Sternbildes, war nichts Auffallendes zu 
sehen ; vom 8. bis 14. war es trüb, am 15. aber zeigte er sich auf 
den ersten Blick in der Grösse 3,7, also nur « Coronae nach- 
stehend; weiss, mit einem matten gelblichen Schimmer, ein reineres 
Weiss als £ Coronae. Der Ort, der unverändert blieb, ist AR. 
15^' 54' 53,8" und N. Decl. 26« 18' 7,1". 

Schon am 16. war er nur noch 4,2, und am 20. war er dem 



VERÄNDEKLICHE STERNE. 271 

blossen Auge nur ~ noch mit Schwierigkeit sichtbar; er sank An- 
fangs JiiH auf 9,7 herab, worauf er sich wieder etwas hol) und 
am 10. October 7,5 erreichte, jedoch bis Ende November auf «,2 
wieder zurückging. Hier schhessen Baxendell's Beobachtungen. 

Ein reines Weiss zeigte sich nur am ersten Tage, am 10. schon 
wird die Farbe als die des Milchrahms bezeichnet und l)emerkt, 
dass ein bläuhcher Schimmer damit verbunden sei. Am 21. über- 
wog das Blau, und alles Gelb war fast verschwunden; später ging 
die Farbe durch Grau und Orange wieder in Gellj üljer, wobei es 
mit geringen Veränderungen bis zu Ende der Beobachtungen 
blieb. Am 25. Mai -ward der blaue Schimmer zum letzten 'Mala 
w^ahrgenommen. 

Stone in Greenwich hat untersucht, ob an dieser Stelle be- 
reits früher ein Stern wahrgenommen worden, und findet in Wol- 
laston's Katalog, Zone 63, für den 1. Januar 1790 einen Doppel- 
stern (Distanz 41,2", Position 164*^) mit der Bemerkung, dass das 
System eigentlich ein vierfaches sei, da der schwächere Stern 
selbst doppelt und ausserdem ein noch schwächerer in der Nähe 
stehe. Die nur näherungsweise angegebene Position Wollaston's 
ist AR. Ib^ 51' und Deck 20» 18', w^as, auf 1866 reducirt, 15'^ 54' 
und 26*^ 19' ergiebt. Dies würde hinreichend genau den Ort des 
neuen Sterns ergeben, allein eine weitere Bestätigung für einen 
vierfachen Stern findet sich nicht, und Herschel, der mit viel 
kräftigeren Hülfsmitteln arbeitete und das Sternbild der Krone 
genau untersuchte, fand hier, fünf Jahre vor WoUaston (der seine 
Mittheilung datirt 1784 9. Dec), nur einen Doppelstern, der voran- 
gehende von dreien, die einen Bogen bilden, und der hiernach 
identisch ist mit 2765 der Argelander'schen Zone + ^d^. 
So scheint es, dass war den 4fachen Stern Wollaston's auf sich 
beruhen lassen müssen, wie denn auch Stone es nicht wagen will, 
darauf weitere Schlüsse zu gründen. Gleichw^ohl dürfen wir hier 
nicht einen eigenthch neuen, sondern nur einen Stern, dessen 
Glanz aus irgend welcher unbekannten Ursache plötzhch zunimmt, 
annehmen, wie denn noch nie ein solcher neuer Stern die Zahl 
der hellglänzenden Himmelslichter bleibend vermehi-t hat. 

Vergleichen wir noch mit diesen BaxendeH'schen Beobach- 
tungen die anderweitigen Angaben, so ergiebt sich, dass Bir- 
mingham den neuen Stern am frühesten, nämHch am 12. Mai, 
und zwar in der Grösse 2'°, gesehen habe. Am 13. setzen ihn 
Courbebaisse und Schmidt zwischen 2'" und 3'", am 14. Bnrker 



272 GESCHICHTE DEE HDniELSKUKDE. 

= 3"^ Grösse; die weiteren Beobachtungen Carpenter's und Anderer 
stimmen mehr mit Baxendell überein. Noch am 9. und 11. Mai 
hat Courbebaisse hier nichts Ungewöhnliches mit freiem Auge 
wahrgenommen. Also auch hier, wie fast in allen ähnhchen 
Fällen, ein plötzliches Aufleuchten und von da ab ein fortwäh- 
rendes der Zeit anfangs proportionales Abnehmen. 

Carpenter, Stone und Huggins haben das Spectrum dieses 
Sterns gezeichnet und gemessen. Das, welches Huggins am 
16. Mai erhielt, zeigt sich sehr bestimmt und ist ein doppeltes, 
auf zwei verschiedene Ausgangsquellen deutend. Das eine kommt 
dem Sonnenspectrum nahe und geht von einer sohden oder 
liquiden Photosj)häre aus, das andere deutet auf eine gasförmige 
Quelle, Später zeigte sich alles viel schwächer und unbestimmter, 
wie die Vergleichung des am 19. Mai von Carpenter gezeich- 
neten darthut. Hier sind die Querlinien nicht allein an Zahl 
weit geringer, sondern auch viel schwerer wahrzunehmen. 

Die weiteren Untersuchungen von Graham, Herschel und 
Anderen bestätigen übrigens die Identität mit dem von Wollaston 
und Argelander beobachteten Sterne, der jetzt -oaeder nahezu 
denselben Glanz zeigt, den er früher darbot. Einige Veränder- 
lichkeit scheint sich übrigens schon im 18. Jahrhundert an diesem 
Sterne gezeigt zu haben. 

§ 182. 

DIE NEUESTEN FORSCHUNGEN ÜBER DEN MONDLAUF. 

Wir haben bereits der Arbeiten gedacht, welche die Mond- 
bahn betreffen. Seit dem Erscheinen von Kepler's Rudolphi- 
nischeu Tafeln, worin zuerst der Mondlauf etwas ausführlicher 
gegeben war, verstrich über ein Jahrhundert, bis ein weiterer 
jDraktischer Fortschritt in dieser Richtung gethan ward. Auch 
musste gerade dieser Gegenstand eine gänzHch neue Bearbeitung 
erfahren durch die theoretischen Entdeckungen Newton's, die 
selbst davon ausgegangen waren. Als das britische Parlament den 
grossen Preis für Lösung des Problems der Seelänge aussetzte, 
mochten alle mit dem Gegenstande hinreichend Vertraute sich 
sagen, dass, wenn eine solche Lösung möghch sei, dies nur ge- 
schehen könne durch genaue Kenntniss des Mondlaufes; und so 
sehen Avir, dass namentlich die seefahrenden Nationen durch 
Preise und andere Belohnunsren fortwährend die Arbeiten der 



DIE NEUESTEN FORSCHUNGEN VV.m DEN MONDEAUF. 273 

Forscher ermuntern, diesem Gegeustando ihre hesonderc Aufmerk- 
samkeit zu widmen. 

Mit einer Ausnahme (Plana's* Tlieorie de la hmr) sind es 
Deutsche, Franzosen und Engländer, die den eben so wiclitigen 
als schwierigen Gegenstand bearbeiten. Tobias Mayer, mit dem 
die Reihe beginnt, erhielt für seine Mondtafeln 3000 Pfund Sterling 
von der britischen Regierung; Hansen, der neueste Bcarliciter, 
gleichfalls ein Deutscher, erlangte, dass seine Mondtafelii, ölO Seiten 
Grossquart, auf Kosten der britischen Regierung gedruckt wurden. 

In der That war die Bearbeitung neuer und genauerer Mond- 
tafeln zur unabweisbaren Nothwendigkeit geworden. Burckhardt, 
dessen Tafeln für die besten galten, schien in den ersten zwei bis 
drei Jahrzehnten sich zu bewähren, allein später zeigten sicli 
immer grössere Ab^ft^eichungen. Augenscheinlich waren Gleichungen 
von langer Periode entweder ganz übersehen oder zu ungenau be- 
stimmt, und eine blosse Correction oder Ergänzung der Burck- 
hardt'schen und der Damoiseau'schen Tafeln hätte hier nicht 
genügt. 



* Giovanni Antonio Amadeo Baron v. PLANA, geh. 1781 am 
8. Nov., gest. 1864 am 20. Jan. Er war Nefie Lagrange's und 
Director der Sternwarte Turin von ihi'er Eröffnung an. 1810 trat 
er zuerst auf mit einer Schrift: Sulla theoria delV attrazione degli 
sferoidi ellittici, ein Gegenstand, der um diese Zeit mehrere Ana- 
lytiker beschäftigte. Ähnliche Untersuchungen bildeten fortwäh- 
rend die Hauptthätigkeit Plana's, und fast jedes Jahr seines 
Directorats ist durch wenigstens ein Werk bezeichnet. Das aus- 
gezeichnetste ist seine Theorie du mouvement de la lunc. Die so- 
genannte grosse Gleichung zwischen Jupiter und Saturn unter- 
suchte er bis zu den Gliedern fünfter Potenz. Er untersuchte die 
Dichtigkeit der einzelnen Schichten der Atmosphäre, um die lle- 
fraction genauer zu bestimmen. Die Pendelbewegungen, der Fou- 
cault'sche Versuch, die Dichtigkeit des Erdkörpers, die Bewegung 
im widerstehenden Mittel, die Gestalt der Erde, kurz, l\ist jeder 
Gegenstand, welcher bei der Gravitationstheorie zui- Sprache 
kommt, ist von ihm untersucht worden. Die praktischen Beob- 
achtungen wurden darüber nicht bei Seite gesetzt; die Beobach- 
tungen seit 1822 erschienen in verschiedenen Bänden. Plana's 
Werke sind theils französich, tlieils italienisch abgefasst. 

i-, MäilliT, Gesoliiflilp dpv Iliimnelskumlo. H. 



274 GiSSCttICHTE DER HIMMELSKUNDE. 

Nach der notliwendig gewordenen Aufhebung der Sternwarte 
Seeberg hatte sich Hansen in Gotha fast ausschhessHch theo- 
retischen Untersuchungen gewidmet und diese mit besonderer 
Rücksicht auf die von ihm projectirten neuen Moudtafeln unter- 
nommen. Sie sollten, nach der Absicht des Verfassers, zugleich 
die Frage endgültig entscheiden: ob das Newton 'sehe Gesetz 
vollständig ausreichend sei, alles zu erklären, oder ob ausser ihm 
noch ein anderes Agens wu'ksam sei? Zur Entscheidung einer 
solchen Frage eignete sich kein Weltkörper besser als der Mond, 
denn bei keinem andern lassen sich so kleine Abweichungen er- 
kennen als hier. Eine Bogensecunde repräsentirt beim Monde 
1/4 deutsche Meile ; bei Venus in ihrer grössten Erdnähe 24 Meilen, 
bei allen übrigen Körpern unseres Sonnensystems Hunderte, ja 
Tausende von Meilen. 

Mehr als zwanzig Jahre hat Hansen diesem Werke gewidmet, 
und wer einen nähern Einblick davon nimmt, wird sich sagen 
müssen, dass nur die unermüdlichste Beharrlickeit damit über- 
haupt zu Ende kommen konnte. Die Anzahl der hier entwickelten 
Gleichungen übertrifft um mehr als das Zehnfache die, welche 
Burckhardt in seiner Analyse complete gegeben hat. Wir finden 
bei Hansen 202 Störungsgleichungen der Länge (mittlere Ano- 
malie), 189 der Parallaxe, 124 der Breite. Nicht alle diese, mehr 
als 500 Gleichungen, sind in Tafeln gebracht. Für fast die Hälfte 
derselben fand sich ein so geringer numerischer Coefficient, dass 
sie bei der praktischen Berechnung übergangen werden können. 
Gleichwohl hat Hansen sie sämmtlich aufgeführt, mochte auch 
ihr Coefficient nur 0,001'' betragen. Kommen demnach besondere 
Fälle vor, wo eine aussergewöhnliche Genauigkeit erfordert wird, so 
kann jeder Benutzer der Tafeln, der die Mühe nicht scheut, auch 
diese mitnehmen; zu welchem Zwecke sie besonders bezeichnet sind. 

Tafeln mit doppeltem Eingange hat Hansen nicht durchaus 
vermieden, was auch ohne die grösste Weitläufigkeit nicht möglich 
Avar. Aber alle Tafeln, einfache wie doppelte, sind so speciell 
ausgeführt, dass der Berechner überall sicher geht und ohne zu 
weitläufige Interpolationen das genaue Resultat findet. Je öfter 
man sich dieser Tafeln bedient, desto mehr wird man die trefi- 
liche Einrichtung bewundern. — • Der Titel des Werks ist: Tah/cft 
de la lune, construites cV apres le principe N eu'tonien de la Gravi- 
tation luiiverselle, par P. A. Hansen, Hirecteur de l'observatoire de 
Gotha. London 1857. 



DIE NEUESTEN FORSCHUNGEN ÜRKIi DKN MON'DLAUF. 275 

Wir fügen hier noch die Titel der iil)iigen Schi-iften II:iii- 
sen's hinzu: 

Ausführliche Methode, mit dem Frannhofcr'schen Ilclioineter Bcobacli- 
tungeu anzustellen. 1827. 

Untersuchungen über die gegenseitigen Störungen des Jupiter und Saturn. 1«3I. 

Fundamenta nova investigationis orbitae verae quam luna perlustrat. 1838. 
(Dieses Werk kann als Vorläufer seiner „Taliles de la lunc" betrachtet 
werden. In einer Anmerkung zeigt er unter anderni, dass das von einigen 
französischen Geonietern gegebene „Kecept zu einem beständigen Mund- 
schein" unausführbar ist.) 

P>mittelung der absoluten Störungen in Ellipsen von beliebiger Excentricität 
und Neigung. 1843. 

Memoire sur le calcul des perturbations qu'eprouvent les cometes. 1S53. 

(Mit Olufsen) Tables du soleil. 1853. Nebst einem späteren Supplement. 

Auseinandersetzung einer zweckmässigen Methode zur Berechnung der ab- 
soluten Störungen der kleinen Planeten. ■_' Theile. 1856. 1857. 

Wir haben hier nur die grösseren Schriften aufgeführt, die 
kleineren, grösstentheils in Journalen mitgetheilten, sind sehr 
zahlreich. 

Nach Schumacher's 1850 erfolgtem Tode trat er mit Pe- 
tersen,* dem bisherigen Gehülfen Schumacher's, in Verbin- 
dung, um unter gemeinschaftlicher Redaction die Astronomischen 
Nachrichten fortzuführen. Dies dauerte bis auch Petersen mit 
Tode abging und an seine Stelle Peters, bisher Mitdirector in 
Königsberg, nach Altona berufen ward und die Redaction übernahm. 



* Adolpli Cornelius PETERSEN, geh. 1804 am 23. Jidi, gest. 
1854 am 3. Fehr. Geboren in Westerbau des schleswigschen 
Amtes Tondern, wandte er sich früh den mathematischen Studien 
zu, ward mit Schumacher bekannt und arbeitete seit 1827 unter 
ihm auf der Altonaer Sternwarte, wo er vier Kometen neu ent- 
deckte und unter andern fand und nachmes, dass Lalande am 
8. und 10. Mai 1795 den Neptun beobachtet habe, ohne ihn als 
Planeten zu erkennen; eine wichtige Bemerkung, da sie uns weit 
früher als ausserdem möglich gewesen wäre, zu genaueren Ele- 
menten dieses Planeten geführt hat. Auch ist er Älitarbeiter an 
der Landesvermessung. Nach Schumacher's Tode ward ihm in- 
terimistisch die Direction der Sternwarte übertragen und gleich- 
zeitig in Verbindung mit Hansen in Gotha die Redaction der von 
Schumacher 1822 begründeten Astronomischen Nachrichten. 

18* 



27 G GESCHICHTE DEH himmelskünde. 

Der in den Tables de la lune gegebene Abschnitt: E.rjiUcation 
et usage, ist vorherrschend praktischer Natur und enthält eine Zu- 
sammenstelhmg dessen, was dem Berechner von Mondörtern und 
Mondephemeriden zu wissen nöthig ist, so wie eine kurzgefasste 
Ermittehmg der allgemeinen Elemente der Mondbahn, Eine Her- 
leituiig der Störungsgleichungen selbst findet sich hier nicht, diese 
hat Hansen später ausführlich in einem besonderen Werke ge- 
geben, das als theoretische Ergänzung der Tahles de la lune zu 
betrachten ist. 

Hansen findet, dass die hauptsächlichsten Störungen, na- 
mentlich die Evection, in den Beobachtungen etwas grösser er- 
scheinen, als die Theorie sie ergiebt, und um beides in Über- 
einstimmung zu bringen, nimmt er an, dass der Schwerpunkt des 
Mondes nicht mit dem j\littelpunkt seiner Figur zusammenfalle, 
sondern acht ]\Ieilen weiter von der Erde entfernt. Dann sind die 
Störungen etwa um ihren 3000. Theil grösser und dann stimmen 
sie mit den Greenwicher Beobachtungen. Alle weiteren höchst 
gewagten Schlüsse, die man aus diesem Umstände hat ziehen 
wollen, rühren nicht von Hansen her, der nur mit bewährten 
Thatsachen, nicht mit Hypothesen, in seinem classischen Werke zu 
tliun hat und lilosse Conjccturen ganz vermeidet. 

Eine auch in geschichtlicher Hinsicht interessante Probe haben 
Hansen's Tafeln bald nach ihrem Erscheinen bestanden. Es sind 
uns aus dem classischen Alterthume Nachrichten über drei Total- 
finsternisse der Sonne aufbehalten: die Finsterniss des Thaies, 
die von Larissa und die des Agathokles. Früher schon waren 
diese Finsternisse wiederholt untersucht und mit den vorhandenen 
Mond- und Sonnentafeln berechnet worden; man hatte für jede 
der beiden ersten Finsternisse vier, für die letzte fünf Berech- 
nungen, aber keine hatte in völlige Übereinstimmung mit den 
alten Berichten gebracht werden können. Seiffert hatte soo;ar 



Jedoch nicht lange sollte er sich dieser Stellung erfreuen. Ein 
Lungenleiden, dessen erste Spuren sich im Mai 1853 zeigten, 
nahm rasch zu, und gleichwohl wollte er keine Lücke in seinen 
Arbeiten eintreten lassen, so dass er sich oft die Ruhe und Er- 
holung versagte, die seine Ärzte dringend anriethen; erst in den 
letzten Monaten hess er sich, leider zu spät, zur Schonung gegen 
sich selbst bewegen. 



DU-: NEUKSTEN EÜKuK.SLllL'NUEN 1»I„S .MnM.I.Al I Eri. 27 7 

die Aimalimc geiiuiclit, das« dc-r Knoten der iMoiidbaliii in irgend 
einer Zeit eine plötzliclio Änderung erlitten liabe, duch konnte 
kein Astronom mit einer solchen Hypothese der Verzweiflung sich 
befreunden. Airy unternalnn dcshall) eine neue iJerechnung nach 
Hansen 's Tafeln und fand: 

1) die erwähnten drei Finsternisse fallen auf 

— 584 28. ]\Iai, 

— 559 19. Mai, 

— 309 14. August. 

2) Die Hansen'schen Tafeln geben für alle drei Finsternisse 
eine gute Übereinstimmung mit den uns berichteten rhänomencn. 

3) Die Fiusterniss von Larissa (rücksichtlich •welcher bloss 
gemeldet wird, die Einwohner hätten, durch eine plötzlich ein- 
getretene Dunkelheit erschreckt, ihre Stadt verlassen) war eine 
wirkliche Sonnenfinsterniss. 

4) Nui' eine geringe Zunahme der Mundbewegung und des 
Arguments der Breite dürfte noch zulässig sein. 

5) Agathokles hat, nachdem er den Hafen von Syrakus 
verlassen, den Weg längs der Südküste von Sicilien eingeschlagen. 

Bei der Finsterniss von Larissa war die Schattenzone selir 
schmal, und eben dieses war der Fall in der Totalfinsterniss von 
Sticklastad 1030 am 31. August. Diese beiden eignen sich des- 
halb ganz besonders zur Bestimmung der Säcular-Ungleichheit, 
indem sie einen geeigneten Zwischenraum darbieten, um die beiden 
von t- und t^ abhängenden Glieder sicher zu trennen. 

Über diese Säcular-Ungleichheit hat sich eine Controverse 
zwischen Hansen und dem französischen Analysten Delaunay, 
jetzt Director der Sternwarte Paris, erhoben. Beide haben nahezu 
dieselbe Form der Argumente, aber ihre Entwickelungen geben 
ilmen verschiedene Coefficienten. Hansen beruft sich auf die 
Übereinstimmung seiner Bestimmung mit den alten Sonnen- und 
Mondfinsternissen; Delaunay entgegnet, dass man noch gar nicht 
wissen könne, ob nicht noch andere Ursachen, wie beispielsweise 
eine sehr geringe Yerlangsamerung der Erdrotationsperiode hier 
mitwirke, und dass aus diesem Grunde die nicht völlige Überein- 
stimmung seines Resultats mit den Beobachtungen der Alten ihn 
nicht nöthige, den Fehler in seiner Formel zu suchen. — Es 
wird kaum möglich sein, hier zu entscheiden, und wir werden 
'abwarten müssen, yäe sich Hansen's Tafeln in Zukunft be- 
währen. Die Möglichkeit, noch andere Ungleichheiten von grosser 



278 CiESCHKHTE DER HIMMELSKUNDE. 

Periode und geringein Belange duicli weitere Untersuchungen und 
Vergleichungen zu entdecken, wii'd von beiden Theilen zugegeben; 
somit sind die Arbeiten über die Theorie unseres Trabanten 
noch bei weitem nicht abgeschlossen, und anhaltend fortgesetzte 
Beobachtung der Mondsörter auf der Nord- und auf der Süd- 
halbkugel der Erde noch immer ein dringendes Bedürfniss der 
Wissenschaft. 



§ 183. 

DIE NEUEREN EORSCHUNGEN ÜBER DIE ABERRATION 
DES LICHTES. 

Die beiden principiell ganz verschiedenen Methoden, dieses 
Element zu bestimmen, hatten Kesultate von so nahe gleichem 
Betrage ergel)eu, dass man keine Veranlassung fand, die Ver- 
schiedenheit des Verfahrens auch auf das Ergebniss zu beziehen. 
Delambre hatte aus den Beobachtungen der Jupiterstrabanten 
20,255" abgeleitet, und dieser Werth entspricht einer Lichtzeit 
von 493,2 Secunden für die mittlere Entfernung der Erde von der 
Sonne. Leider besitzen wir die einzelnen Beobachtungen De- 
lambre's nicht; wir wissen nur, dass er zuerst eine Beihe von 
500 Finsternissen des ersten Tra])anten berechnete und später 
durch eine Reihe von 1000 das Resultat der ersteren bestätigt 
fand. Bradley's Beobachtungen in Kew und Wanstead aber 
gaben, auch nach der neueren Reduction von Busch, so nahe 
dasselbe, dass man sich für berechtigt hielt, beide Resultate, auch 
der Substanz nach, für identisch zu betrachten. 

Allerdings hatte schon Boscuvich vor längerer Zeit vor- 
geschlagen, den inneren Raum eines Fernrohrs mit einer Flüssig- 
keit anzufüllen und durch diese die Gestirne passiren zu lassen, 
um den möglichen Unterschied der Aberration in verschiedenen 
Medien kennen zu lernen; allein bisher hatte weder er selbst, 
noch ein anderer Astronom, diesen Versuch wirklich ausgeführt, 
und man hatte seine Äusserung um so mehr übersehen, als in- 
zwischen die Emanationstheorie der Wellentheorie gewichen war. 
Jetzt behandelten Fresnel, Angström und Babinet den Gegen- 
stand theoretisch und Arago durch Beobachtungen. Der inter- 
essante Brief Fresnel's an Arago findet sich im 9. Bande 
der Annales de Chimie et de Pliijslque. Hauptsächlich betrifft er 



mV) NKUEKEN FoKSCUrNGKN iHii:!! DIK AI!i:Hl(ATIoN JM-S I,l{IITi:.>. ■}'[) 

die Frage: ob die Bewegung der Erde oder der Lielit(iuelle 
einen Einfluss auf die wirkliehe lliclitung des Strahles äussere? 

Man muss ncänilich, wie Kliukerfues in seiner neuesten 
Abhandlung (Die Aberration der Fixsterne nach der Wellentheorie, 
Leipzig 1867) zuerst bestimmt ausgesprochen hat, in dem, was als 
Aberration bezeichnet Avird, zwei verschiedene riiänomene unUiv- 
scheideu. Zunächst nämhch tritt eine optische Täuschung ein, 
die derjenigen analog ist, welche die senkrecht fallenden llcgen- 
tropfen uns in schräger Richtung herabfallend zeigt, wenn wir 
selbst in Bewegung sind. Oder man denke sich eine Kanonen- 
kugel, welche die beiden Seitenwände eines segelnden Schiffes 
durchschlägt; wenn Jemand später versuchen wollte, aus der die 
beiden Löcher verbindenden geraden Linie auf die Richtung zu 
schliesseu, aus welcher der Schuss kam. Dies ist mithin nur eine 
physiologische Verrückung, von der bei Bradley einzig die 
Rede ist, und da man die aus den Bradley'schen Beobachtungen 
gefolgerte Aberration mit der Delambre'schen Lichtgeschwindig- 
keit innerhalb der Fehlergrenzen in Übereinstimmung fand, so 
glaubte man, annehmen zu dürfen: diese Aberration und die durch 
Bradley gegebene Erklärung bilde das Gesammtphänomen. 

Wäre unser unbewafthetes Auge von einer solchen Schärfe, 
dass man Differenzen von 20 Secunden in der Stellung der Ge- 
stirne noch wahrnähme, so würden wü- diese physiologische Ab- 
erration, und sonst nichts Anderes, ermitteln. 

Aber die Bewaffnung unseres Auges macht es nothwendig, 
Glashnsen zwischen Auge und Object zu setzen, und hier entsteht 
die Frage: ob nicht der Durchgang des Strahles durch die Glas- 
linse, und namentlich durch das Objectiv (denn die übrigen Gläser 
sind von zu geringer Dicke), die Richtung auch physisch, d. h. 
wirklich und nicht bloss scheinbar ändern müsse? Dies ist der 
Gegenstand, auf den das eben genannte Klinker fues'sche Werk 
sein Hauptaugenmerk richtet. 

Zunächst werden (S. 48) die neuesten Bestimmungen der 
Aberratiousconstante angeführt. Sie findet sich nach 

wahrsch. Kollier 

V. Linden au (Berl. Astr. Jahrb. f. 1820) 20,448G" ± 0,0318" 

W. V. Struve -^0,4451 ± 0,0111 

Peters 20,4255 dz 0,0175 

LundahK -^0,5508 ±0,0433 

Richardson (Trouglitons Circle) . . • 20,505 ± 0,04o 

Richardson (Jones Circle) '^0,502 ± 0,49. 



280 GESCHICHTE DEK HIMMELSKUNDE. 

Mit Itücksicht auf die Gewiclite, Avie sie sich aus eleu walir- 
scheinliclieu Fehlern ergeben, erhält man ein Mittel 

20,4489" mit dem wahrscheinlichen Fehler ± 0,0122. 

Hiernach erscheint es unmöglich, die Aberrationsconstante 
auf das Delambre'sche Resultat herabzubringen, ja selbst nur 
diesem merklich zu nähern. Aber auch umgekehrt kann das 
letztere schwerlich um 0,2" fehlerhaft sein, denn ein Fehler von 
47-2 Secunden Zeit in Wahrnehmung einer Trabantenfiusterniss 
kann kaum bei einer einzelnen Beobachtung, gemss aber nicht 
l^ei einem Mittel aus 1500, angenommen werden. Wie sehr wäre 
zu wünschen, dass die Delambre'schen Originalbeobachtungen 
aufgefunden und einer neuen Discussion unterworfen werden 
könnten ! 

Wie jetzt die Sachen stehen, wird man nicht umhin können, 
Klink erfu es darin beizustimmen, dass er in dem Unterschiede 
^0,449'' — 20,255" = 0,194" nicht die Wirkung von Beobachtungs- 
fehlern, sondern eine real in der Natur bestehende Differenz er- 
kennt, nämlich den physischen Tlieil der Aberration. Man 
muss die Deduction in diesem Werke selbst nachlesen, um des 
Verfassers Abweichung von FresneTs Deduction richtig würdigen 
zu können; wir geben hier hauptsächlich nur seine Zahlen. 

Er untersucht bei den in Göttingen gebrauchten Instrumenten 

den Quotienten -jy wo d die Dicke des Objectivs, / die Brenn- 
weite des Fernrohrs bezeichnet, und findet beim 

Cfiissigen Merz 'sehen Fernrohr — r = tt^^t-t = 0,00967", 

/ lUo,4 

4fdssigen Heliometer = 0,00962, 

ofiissigen Steinheil' sehen Tubus . . . . = 0,00879, 

6füssigen Passagen-Instrument = 0,00772, 

öfüssigen Fernrohr des Meridiankreises . . =n 0,00764, 

woraus im Mittel -j = 0,00869, also für jede der beiden Linsen 

Flint- und Crownglas, 0,00434; und indem er die übrigen Com- 
binationen aus Prechtl's praktischer Dioptrik entlehnt, findet er 
für den physischen Theil der Aberration 

aus der ersten Combination = 0,1953", 
aus der zweiten . . . . = 0,1898, 
im Mittel also = 0,1925, 



DUO NEUEKKN FOKSCUUNOKN ÜHKR J)!!: AUKKÜATION DICS MCIITES. 281 

und damit die gesummte Aberration: 

20,255" -}- 0,1925" = 20,4475", 

von dem obigen Mittelwerthc nur um — 0,0014" a])weicliend. 
0,0014 aber ist so gut wie Null. 

Bereits in der Naturforscher -Versammlung zu Hannover hatte 
Klink er fu es einen denselben Gegenstand betreffenden Vortrag 
gehalten; da aber in der späteren Arljeit Data vorkommen, die 
in jener noch nicht zur Sprache gebracht worden, so bUeben wir 
auch hier bei letzterm stehen. 

Von besonderer Wichtigkeit dürfte eine Wiederholung der 
Delambre'schen Beobachtungen sein. Gelingt es, das ResiiUat 
derselben nach sorgfältiger Discussion in eben so enge Grenzen 
cinzuschliessen, wie die im vorstehenden angeführten Aberrations- 
Ergebnisse, so würde der gegenwärtig in der Hauptsache nur auf 
die Theorie basirte Werth für den physischen Theil der Aberration 
eine praktische Basis erhalten. Nach den Deductionen des Ver- 
fassers würde die Aberration verschieden sein müssen für ver- 
schiedene Glasdicken; möglicherweise kommen hier aber noch 
andere Verhältnisse in Betracht, worüber nur genaue Beobach- 
tungen Auskunft geben können. 

In einem Anhange zu seiner Abhandlung giebt Klinker fu es, 
Seite 53 — 62, noch eine „Ausführung des von Boscovich vor- 
geschlagenen Versuches der Beobachtung von Sternen durch eine 
Säule mit Flüssigkeit, welche im Innern eines Fernrohrs an- 
gebracht ist." 

Indess erhalten wir nur den Anfang einer Reihe von Experi- 
menten, denen der Verfasser selbst eine volle Beweiskraft nicht 
zuschreiben zu können glaubt. Denn nicht allein sind nur wenige 
Beobachtungen angeführt, sondern der Apparat selbst ist nicht 
ein eigens zu diesem Zwecke construirtes Instrument, sondern ein 
kleines Passagen-Instrument von Ertel, in welches. Meyer st ein 
die Flüssigkeitssäule eingefügt hat. Durch eine Abbildung ist 
dieser nur provisorische Apparat erläutert. 

Ein geschlossener Cylinder, ganz mit Flüssigkeit angefüllt, 
nimmt den grössten Theil des inneren Baumes ein. Dui'ch eine 
Seitenöffnung steht er in Verbindung mit einem längeren Rohre 
ausserhalb, bestimmt, einen Theil der Flüssigkeit aufzunehmen, 
wenn ihr Volumen durch Wärmeausdehnung vergrössert ist. So 
ist in der inneren Röhre jeder freie Luftraum vermieden und die 



282 GESCHICHTE DEK HIM.MELSKUNDE. 

Flüssigkeit erfüllt stets den ganzen Kaum. Durch Correctious- 
sclirauben wird die Centrirung bewirkt. Der Verfasser würde 
statt des von Boscovich vorgeschlagenen Wassers den Schwefel- 
kohlenstoff gewählt haben, allein das starke Dispersionsvermögen 
desselben erregte Bedenken. — Die Beobachtungen wurden au 
der Sonne und den Sternen d und ß Hercuhs angestellt, und zwar 
beobachtete der Gehülfe der Sternwarte Borgen die Sterne gleich- 
zeitig am Meridiankreise, während Klinkerfues sie durch die 
Wassersäule passiren liess. Das erhaltene Resultat (1867 12. Jan.) 
war ein Unterschied von 1,025^, während die Theorie 1,15^ 
verlaugte. 

Die Wassersäule zeigte sich hinreichend durchsichtig (bei 
8 Par. Zoll Länge), um Sterne bis zur dritten Grösse noch gut 
zu sehen; auch konnte die Mire Meridieune abgelesen werden. 
Der Verfasser fügt die Durchgänge eines Circumpolarsterns (ß Ursae 
minoris) an allen 16 Fäden hinzu, die reducirt zwischen 51,86 ** 
und 53,62** ergaben bei einem Mittel von 14^ 58™ 52,84 ''. Auch 
d Ursae minoris war noch sichtbar. 

Gewiss verdienen die Ermittelungen des Verfassers die volle 
Aufmerksamkeit der Astronomen. Wir zweifeln nicht, dass er be- 
müht sein werde, die angefangenen Untersuchungen fortzusetzen 
und durchzuführen, sprechen aber den Wunsch aus, dass gleich- 
zeitig auch andere Astronomen mit den verschiedenartigsten In- 
strumenten den wichtigen Gegenstand einer eingehenden Prüfung 
unterwerfen möchten. 

Zum Schlüsse möge noch an den Artikel 118 der Theoria 
motus erinnert Averden, in welchem nachgewiesen ist, dass die 
Aberration von der brechenden Flüssigkeit des Auges unab- 
hängig sei. ' 

Wir erwähnen noch, dass auch Hoek in Utrecht, von Brad- 
ley's Erklärung nicht ganz befriedigt, eine andere zu geben ver- 
sucht hat; es will indess scheinen, dass nur die Darstellungsweise, 
nicht das Wesentliche der Erklärung selbst, eine Änderung er- 
fahren habe. Jedenfalls wird die Constante der Aberration davon 
nicht berührt. 

Auch hier, wie bei so vielen anderen Gelegenheiten, zeigt 
sich, wie wenig das, was man schon abgemacht und festgestellt 
glaubte, neue, gründlichere Forschungen entbehrlich erscheinen 
lässt. Einst glaubte man, jede Sternwarte bedürfe ihrer eigenen 
Refractionstafel, während die Aberration für alle diesellie sei. 



J)IK VEKANDKHIING UK.S MONÜKKATEKS LINNE. 283 

Gegenwärtig stellt es sich heraus, duss der gerade umgekehrte 
Fall stattfindet. 

Noch möge erwähnt werden, dass daran erinnert worden ist, 
die Verschwindungszeit der Jupiterstrahanten hänge von der op- 
tischen Ivi-aft des Fernrohrs ab, und dies könne bei dem von 
Delambre angewandten Fernrohr einen Einfiuss auf sein Kesultat 
gehabt haben, der das vollständig erkläre, was Klinkerfues in 
der eben beschriebenen Weise zu erklären versuche. Allein die 
Austritte werden sich um eben so viel verspäten, als die Eintritte 
sich (fiu- das gleiche Fernrohr) verfrüht hatten, und auch ohne 
das Detail der Delambre'schen Beobachtungen zu kennen, lässt 
sich bei einem so scharfsichtigen und kritischen Astronomen sicher 
voraussetzen, dass er einen so nahe liegenden Umstand nicht 
übersehen und Eintritte mit Austritten combinirt haben werde, 
bevor er sein Resultat veröffentlichte. 

§ 184. 
DIE VERÄNDERUNG DES MONDKRATERS LINNE. 

Bei der gänzlich verschiedenen Naturbeschaffenheit unseres 
Trabanten, verglichen mit der unserer Erde, wii'd gewiss jeder 
unbefangene Beobachter Riccioli beistimmen, wenn er seine 
^londkarte mit den Worten überschreibt: „Nee homines vlverc, nee 
jilwäae ihi crescere possunt;'' und die, welche sich gleichzeitig mit 
Abbildung der Mondoberfläche beschäftigen, waren einsichtig genug, 
zu erkennen, dass es sich zunächst nur um eine Statistik, nicht 
um eine Geschichte unseres Begleiters handle. Als jedoch die 
Fernröhre sich immer mehr- vergrösserten, zunächst freilich nur 
verlängerten, als Dominique Cassini mit ihrer Hülfe Ent- 
deckungen machte, die einem Kepler und Galiläi unmöghch 
gewesen waren, erwachten Hoffnungen, selbst bei Fachgenossen, 
man werde bald dahin gelangen, die Vorgänge auf dem Monde 
wahrzunehmen, und selbst ein Fontenelli hoffte alles Ernstes, 
die Bewohner desselben zu erblicken. 

Allmälig jedoch lernte man die Schwierigkeiten kennen, die 
sich dem Gebrauch von Instrumenten ungewöhnhcher Brennweite 
entgegenstellten, und dies musste die Erwartungen bedeutend 
herabstimmen. Wir finden sogar, dass der in der zweiten Hälfte 
des 17. Jahrhunderts so lebhaft envachte AVetteifer in Darstellung 
der Mondoberfläche wieder erheblich abnimmt, und dass einige 



284 GESCHICHTE DEU IIIMMICLÖKUNDE. 

Meuschenalter liindurcli so gut wie nichts in dieser Richtung ge- 
arbeitet wurde. Cassini hatte drei Gesetze ermittelt: 

1) die Neigung des Mondäquators gegen die Ekliptik ist 
constant; 

2) der niedersteigende Knoten des Mondäci[uators fällt mit 
dem aufsteigenden der Mondbahn in einem und demselben Punkte 
zusammen; 

3) die Rotation des Mondes ist völlig gleichförmig und ihre 
Periode ganz genau gleich der mittleren Umlaufsperiode des 
Mondes um die Erde. 

Allein bis auf Tobias Meyer's kleine Mondkarte finden wir 
keine astronomische Arbeit, welche Gelegenheit geboten hätte, 
diese Gesetze in Anwendung zu bringen, geschweige denn, sie zu 
prüfen und zu controliren. Erst im Beginne des 19. Jahrhunderts 
sind Bouvard und Nicollet in Paris beschäftigt, zu untersuchen, 
ob nicht oscillatorische Abweichungen bei den Cassini'schen Ge- 
setzen berücksichtigt werden müssen; sie fanden indess für die 
bezüglichen Constanten dieser Abweichungen so geringe Wertlie, 
dass sich nichts Verbürgtes aus ihren mühsamen Untersuchungen 
ergab. Eine sehr genaue Bestimmung des von ihnen zur Beob- 
achtung gewählten Mondflecks Manilius und die Überzeugung, dass 
die erwähnten Constauten entweder gleich Null oder doch der 
Null sehr nahe liegen, kann als Ausbeute dieser Arbeit betrachtet 
werden. Wichmann in Königsberg begann später eine ähnhche 
Untersuchung eines anderen Mondflecks, allein Krankheit und Tod 
hinderten ihn, sie zu Ende zu führen und bestimmte Werthe für 
das, was man als physische Libra'tion der Mondkugel be- 
zeichnet hat, zu ermitteln. 

Von Kennern fürchte ich nicht, den Vorwurf zu vernehmen, 
ich hätte hier Heterogenes zusammengestellt. In allen Eällen, wo 
es sich nur um den Ort des Mondes am Himmel handelt, mögen 
seine Rotationsverhältnisse unberücksichtigt bleiben, nicht jedoch 
bei Untersuchungen auf seiner Oberfläche, und dass Schröter 
dies gänzlich verkannte, ist gewiss in hohem Grade beklagens- 
werth, denn seine fleissigen und beharrlich fortgesetzten Arbeiten, 
die zu ihrer Zeit so grosses Aufsehen erregten, sind dadurch für 
die Wissenschaft fast ganz werthlos." Insbesondere kann keine 
einzige der Veränderungen, welche er wahrzunehmen glaubte, 
constatirt werden, denn in seinen wortreichen Deductionen sehen 
wir uns vergebens nach Daten um, aus denen der selenographische 



DIE VERÄKDERÜNG DES MONDKRA'raRS LINNK. 285 

Ort des Gegenstandes, um den es sich handelt, hergeleitet werden 
könnte. 

Bei meinen eigenen sieben Jahre umfassenden Arljciten auf 
der Mondoherfläche, behufs Anfertigung einer möglichst dataillirten 
Karte unseres Trabanten, ist mir nichts vorgekommen, das mit 
Sicherheit auf eine reelle Veränderung zu beziehen wäre. Nur 
einmal, im Jahre 1834, erbUckte ich die grünhch graue Färbung 
des Marc Crisium weniger gleichftirmig, als ich es früher stets ge- 
sehen; doch waren die Nuancen so schwach, dass ich keine 
Sicherheit darüber gewinnen konnte und el)en deshall) in der Se- 
lenographie nichts darüber erwähnte. Denn kleine Verbesserungen, 
welche ich bei Lohrmann's Blättern nöthig fand, wie sie spätere 
Beobachter auch bei meiner Karte anzubringen Veranlassung 
fanden, möchte ich nicht sofort für reelle Veränderungen halten. 
Wenn man die einzelnen Resultate, wie sie in der Selenographie 
gegeben sind, vergleicht, so wird man finden, dass V« Grad (eine 
geographische Meile) Ungewissheit wohl das Äusserste ist, was 
noch angenommen werden kann, so weit es die Hauptpunkte be- 
trifft. Hätte jedoch alles, was einigermaassen augenfällig heraus- 
tritt, auf solche Art bestimmt werden sollen, so wäre dies das 
sicherste Mittel gewesen, nie fertig zu werden. Deshall) wurde 
hier ein abkürzendes Verfahren, das gleichfalls a. a. 0. detaillirt 
ist, angewandt; bei diesem ist folglich die Ungewissheit notli- 
wendig etwas grösser. Wenn Birt in Hartwell in der That eine 
neue Mondkarte zu Stande bringt, wird eine merklich grössere 
Genauigkeit der Ortslagen nur dann erlangt werden können, wenn 
die vier- bis sechsfache Zeit darauf verwandt wird. 

Was jedoch die Veränderungen betrifft, die auf der ]\Iond- 
flächc zu vermuthen sind, so werden diese nicht leicht in einer 
Veränderung der Polarcoordinaten eines Objects zu erwarten, viel- 
mehr wird bei künftigen schärferen Bestimmungen anzunehmen 
sein, dass die früheren einer Correction bedurften. Dagegen wird 
das veränderte Ansehen bei gleichen Beleuchtungs- und Librations- 
verhältnissen in den meisten Fällen auf eine stattgefundene Ver- 
änderung zu beziehen sein, namentlich wenn es Punkte betriß't, 
die bei der früheren Arbeit als selenographische Fixirpunkte ge- 
dient hatten. 

Ein solcher Fall liegt nun gegenwärtig vor. Der von mir 
mit dem Namen Linne bezeichnete, im nordwestlichen Theile des 
Mondes, im Marc Serenitatis gelegene Mondkrater, dessen Coordi- 



286 GESCHICHTE DER HIMMELSKUNDE. 

naten icli im Jalire 1831 in sieben Messungen folgendermaassen 
bestimmt hatte, scheint sich verändert zu haben: 



Westl. Länge. 


Xurdl. Breite. 


110 32' 49" 


27° 59' 30" 


11 34 35 


27 54 36 


11 23 4 


27 54 18 


11 15 56 


27 58 20 


11 33 20 


27 58 56 


11 39 9 


27 25 20 


11 53 25 


27 24 39 



WOZU noch eine von Lohrmann 1822 gemaclite Messung 

11 27 22 27 42 6 

im Mittel also 11" 32' 28" 27^47' 13". 
Wahrscheinlicher Fehler d= 7' 28" rt 9' 59". 

Die gesammte Unsicherheit beträgt also 12' 10" oder 0,78 geo- 
graphische Meilen. So wenig nun auch eine wiederholte Be- 
stimmung sowohl dieses als der anderen Punkte als ül)er- 
flüssig erscheinen kaun, so werden doch die Veränderungen nicht 
im Orte, sondern in der Art seiner Erscheinung gesucht werden 
müssen. 

Julius Schmidt in Athen war es, der 1866 im October 
und November, zur Zeit des ersten Viertels, wo der Krater Linne 
am besten sichtbar ist, an Stelle dieses ihm wohll)ekannten Kra- 
ters nur etwas Wolkenartiges, einen sehi- unbestimmten weiss- 
lichen Fleck beobachtete. Er meldete dies unter dem 17. November 
an Birt in London, aber schon früher hatte dieser die gleiche 
Nachricht von Bukingham erhalten, der eine Photographie über- 
schickte, auf der der Ort des Kraters Linne durch einen matten 
Fleck gegeben war. Noch andere Beobachter: Dr. Mann, 
Tietjen, Talmage, Webb, Stack, Grover und Jones hatten 
dasselbe bemerkt. Mit Fernröhren von geringer optischer Kraft 
konnten Grover und Birt an der betreffenden Stelle gar nichts 
wahrnehmen, während andere benachbarte Objecte, wie namentlich 
Linne B und der Krater Bessel, sehr deutlich mit ihi'em Schatten 
gesehen wurden. Alle sahen einen weisslichen Fleck, schlecht be- 
grenzt, aber nichts von einer Kraterform. Am 15. December 
zeigte der weisse Fleck schon etwas mehr Helligkeit und Bestimmt- 
heit, so dass Messungen erhalten werden konnten. Noch am 16. 
sahen Jones und Grover nur den weissen Fleck, am 21. De- 
cember aber schrieb Tietjen aus Berlin, dass er und Professor 



DIE VERÄNDERUNG DES MONDKUATERS IJNNK. 287 

Förster am gestrigen Abend den Krater Linne mit aller 15c- 
stimmtlicit, wie früher, walirgenommeii hätten. 

Leider befand ich mich ausser Stande, an diesen Beubacli- 
tungen im Herbst 1«GG Theil zu nehmen, da mein am 17. April 
186G vom grauen Staar operirtes Auge zu solchen noch ganz un- 
fähig war. Im Mai 1867 erst konnte ich es Avagen, den Krater 
Linne im Heliometer der Bonner Sternwarte zu betrachten. Ich 
fand alles wie vor oG Jahren; die Vei'ändorung hatte also keine 
bleibenden Spuren hinterlassen. 

Die früheste Darstellung dieses Kraters finden wir auf Ricci oli 's 
Mondkarte 1653. Später hat ihn Schröter 1788 am 5. November 
und Lohrmann 1823 am 28. Mai gesehen und gezeichnet, wo- 
gegen Rüssel auf seiner Karte von 1797 ihn nicht aufführt, was 
auf eine bereits früher eingetretene ähnliche Versch"snndung ge- 
deutet werden kann. 1858 am 22. Februar zeigt er sich deutlich 
auf de la Rue's Photographie, eben so 1865 am 4. October auf 
der von Rutherfurd. Auch Schröter giebt an dieser Stelle 
nicht sowohl einen Krater, als einen dunkeln Fleck. 

Es gewinnt demnach allen Anschein, dass sich hier ein Punkt 
befindet, der noch in der lUisbildung begriffen ist, und dass fort- 
gesetzte Beobachtungen hier noch manche Veränderung ver- 
zeichnen werden. Schmidt hat auch (in den Sitzungsberichten 
der Kaiserl. Akademie der Wissenschaften zu Wien) den Versuch 
gemacht , eine wahrscheinliche Erklärung dieses Vorganges zu geben. 

Die Vergeblichkeit aller früheren Bemühungen, Veränderungen 
auf der Mondfläche zu entdecken, hatte bei Manchem die Vor- 
stellung erzeugt, im Monde einen starren und erstorbenen Fels- 
klumpen, wo alles Leben längst erloschen und untergegangen, zu 
betrachten. Dieser Annahme ist durch das, was man am Krater 
Linne beobachtet hat, nun wohl ein Ende gemacht; zu einer gene- 
tischen Erklärung dieses Vorganges scheint aber die Zeit noch 
nicht gekommen, und man wird jedenfalls abwarten müssen, ob 
und was sich hier oder auf anderen Punkten ferner ereignet. 

Ich füge noch die neuesten Mittheilungen über diesen Krater 
hinzu. 

Joynson sah am 1. Januar 1868 den Linne schlecht be- 
grenzt und wenig licht, er schien ihm zwischen zwei niedrigen 
Bergadern zu liegen, die am 3. nicht mehr zu sehen waren, wäh- 
rend Linne selbst sich bestimmter darstellte. Der Ring war am 
hellsten im 0. und SO., der Schatten im Innern schwarz. Das 



288 GESCHICHTE DER HIMSrELSKÜNDE. 

Ganze war sch"vvierig zu sehen, und es schien dem Beobachter, 
dass Linne besser erschien bei einer kleinen Verstellung des 
Oculars. 

Noble hat, sobald er Nachricht von der stattgehabten Ver- 
änderung erhielt, Linne von Zeit zu Zeit beobachtet, ohne etwas 
Anderes wahrnehmen zu können als einen ziemlich schlecht be- 
grenzten weisslichen Fleck, und keine Spur eines Kraters, wiewohl 
er im Vollmonde bei der Abwesenheit von Schatten nicht un- 
ähnlich anderen Kratern erschien, die auch als weissliche Kreise, 
nur meist besser begrenzt als Linne, erschienen. 

Mit nicht geringem Erstaunen sah er am 3. November 1807 
an dieser Stelle einen gar nicht zu verkennenden Krater, das In- 
nere mit schwarzem Schatten erfüllt und der umgebende Wallrand 
von ungleicher Breite. — Zu den Beobachtungen hatte Noble 
ein öfüssiges Fernrohr von 4V4 Zoll Objectivöffnung und 154maliger 
Vergrösserung, die er am 3. November, um der Wahrnehmung 
desto gewisser zu werden, mit einer 255maligen vertauschte. 

Wenn Joynson glaubt, alle wahrgenommenen Veränderungen 
auf Unterschiede der LuftbeschafFenheit, des Fernrohres oder des 
Beobachters zurückführen zu können, so bin ich ausser Stande, 
dieser Meinung beizutreten. Ich habe zu Hauptpunkten für die 
Karte nur Objecte gewählt, die vollkommen scharf und bestimmt 
sich darstellten, und ihn während meiner Arbeit nie anders wahr- 
genommen. 

Huggins zeichnet den Krater am 11. ]\Iai 18G7 als schwarzen 
etwas länglichen Schatten, von einem schlecht begrenzten, ungleich 
hellen Rande umsehen. 



§ 185. 

DAS ZODIAKALLICHT UND DIE SMYTII'SCHE 
TENERIFFA - EXPEDITION. 

Das Zodiakallicht ist ein Gegenstand, der vielleicht mehr als 
irgend ein anderer noch der sorgfältigen Beobachtung bedarf und 
über den die Meinungen noch sehr weit auseinander gehen. 
Humboldt (Kosmos III, 588) beklagt den vernachlässigten Zu- 
stand dieses Theiles unserer astronomischen Kenntnisse und die 
geringen Fortschritte, die er auf dem Wege der Beobachtung Ins 
jetzt gemacht. Haben wir nun gleich seit 1850, wo dies nieder- 



r>AS ZODIAKALLrCIIT UND DIE SMYTirsCIIF, TENKKlFFA-EXrivDITION. 289 

geschrieben wurde, manche werthvollc Wahrnehmung \(>u P.urr, 
Lowe, Brorsen, Jones, Houzeau und insbesondere von Pi;iz/.i 
Smyth erhalten, so steht dennoch die Sache auch noch licut 
auf ziemhch demselben Tunkte, wie Humboldt sie fand, und wir 
können nur dringend wünschen, dass das, was unser grosser For- 
scher p. 591 der erwähnten Stelle sagt, Beachtung finden möge. 

Tycho scheint der erste zu sein, der (wie aus einem Bi-iefe 
Kothmann's an Tycho hervorgeht) dieses Phänomen beachtet, 
es jedoch für eine abnorme Frühjahrsdämmerung gehalten hat. 
Auch später ist das wahre Zodiakallicht von anderen ähnlichen 
Erscheinungen nicht immer gehörig unterschieden worden. Nach 
Tycho erwähnt Childrey (in seiner 1661 erschienenen Britannia 
Baconica) dieses Phänomens als eines vorher unbeschriebenen 
und von ihm mehrere Jahre hindurch im Februar und Anümg 
März gesehenen, das er der Aufmerksamkeit der Astronomen em- 
pfiehlt. Sorgfältige und anhaltende Beobachtungen hat Domi- 
nique Cassini angestellt (vergl. Arago, Anmiaire poiw 1836, 
p. 298); später finden wir meistens nur vereinzelte Erwähnungen, 
aus denen wenig zu entnehmen ist, und erst in den beiden letzten 
Decennien haben die oben genannten Beobachter das, was Hum- 
boldt bei seinem Aufenthalt in Mittel- und Südamerika (vergl. 
seine Ansichten der Natur Bd. I, 142 — 149 und 409—414; Bd. III. 
323) wahrgenommen, weiter zu führen und zu ergänzen versucht. 

Indess finden wir mit Ausnahme der Beobachtungen, welche 
Piazzi Smyth auf dem Pic von Teneriffa und anderen tropischen 
Punkten anstellte, diese fast nur iu England und einige wenige in 
Frankreich, und sie betreffen immer nur die Monate Januar bis 
März. Dass sich im September und October vor Sonnenaufgang 
am Osthimmel ein ähnliches Phänomen zeige, wird zwar erwähnt, 
doch treffen wir keine in dieser Jahi-eszeit angestellten Beobach- 
tungen an. Übereinstimmend wird angeführt, dass der Schimmer, 
an seiner Basis breit, in eine Spitze auslaufe, dass seine Axe 
nahezu in der Richtung der Ekliptik sich forterstrecke und gegen 
Ende December bis C Aquarii, im Januar bis gegen den Pegasus 
und den Widdef, im Februar und März bis zu den Plejaden sieli 
ausdehne. Über diese Gruppe hinaus scheint er nicht zu gehen, 
nur einmal finden wir, dass er bis gegen Aldebaran sich hinzog. 
Oft ist der Schimmer so matt und unbestimmt, dass keine genaue 
Ptichtung angegeben werden kann. Ein Aufleuchten auf kui'ze 
Zeit ist von den meisten Beobachtern wahrgenommen worden, und 

r. Mädler, Gesoliichte der llimmplslainde. U. '■'^ 



290 GESCinCHTE DEU IIIMMELSKUNBE. 

Lowe bemerkt, dass es ihm geschienen, als sei eine Rotation der 
kegelförmigen Masse die Ursache desselben. Veränderungen in 
der p]rdatmosphäre scheinen hier nicht die genügende Erklärung 
darzubieten, da Humboldt und Smyth es auch in grossen Höhen 
und in Gegenden, die von raschen atmosphärischen Veränderungen 
fast ganz frei sind, gesehen haben. 

NamentUch Smyth schildert das Phänomen als sehr hell und 
den Glanz der Milchstrasse, selbst ihrer hellsten Theile, merklich 
übertreffend, auch an Farbe von ihr verschieden. Die Milchstrasse 
schimmert in einem reinen AVeiss; das Zodiakalhcht ist gelblich. 

Dass es keine Sonnen- Atmosphäre sein könne, hat schon La- 
place gezeigt; eine solche könnte sich nur bis dahin erstrecken, 
wo ein Planet nach den Kepler' sehen Gesetzen eine der Sonnen- 
rotation gleiche Umlaufszeit hätte (etwa 3V2 Million Meilen). 
Man muss demnach einen freischwebenden Ein g von durchsich- 
tiger Nebelmaterie um die Sonne herum annehmen, und mit dieser 
Erklärung stimmen die meisten Astronomen überein. Dagegen 
suchte Jones nachzuweisen, dass das Zodiakallicht ein Ring sei, 
der sich um die Erde erstrecke, eine Meinung, der Humboldt 
beizutreten geneigt schien, und die auch von Moigno (in seiner 
Zeitschrift Cosmos) angenommen wurde. 

Dagegen trat P. Smyth {Monthhj Notices, XVH. 204) ent- 
schieden auf. Jones hatte behauptet, um Mitternacht zwei Zo- 
diakalscheine, einen in Ost, den andern in West, gesehen zu 
haben. Smyth erklärt, dass er dies nie wahrgenommen. Einige 
Stunden vor Mitternacht sei der Westschimmer verschwunden, 
und erst eine bis zwei Stunden nach Mitternacht ein solcher im 
Osten bemerkt worden. Und was das von Jones erwähnte Mond- 
Zodiakallicht betreöe, so müsse hier eine Verwechslung mit irgend 
welchen anderweitigen Lichtschimmern vorliegen. Unter welcher 
Breite man auch beobachte, die Spitze sei immer auf die Plejaden 
gerichtet, oder erreiche diese wirklich, was unerklärlich wäre bei 
einem der Erde angehörenden Phänomen. Jones habe seine Be- 
obachtungen auf einem segelnden Schiffe gemacht, und hier seien 
Täuschungen der verschiedensten Art möglich; das Phänomen 
müsse von einem festen und möglichst hohen Standpunkte aus 
beobachtet werden. 

Hat sich das Planetensystem, wie Laplace es darstellt, aus 
Nebelringen gebildet, so ist das Zodiakallicht ein solcher nicht 
(oder noch nicht) geballter Nebelring: der letzte Überrest der Ge- 



DAS ZODIAKALLICHT UND DIE SMYTirsCUE TENEEIFFA-EXPEDITION. 201 

Staltungen, die in jener Urzeit die Sonne umgahen. Diese zuerst 
in Humboldt's Kosmos ausgesprochene Ansicht erscheint uns 
als die wahrscheinlichste; gewiss aber gehört, was wir unter dem 
Namen Zodiakallicht zusammenfassen und beobachten, der Erde 
als solcher nicht an; womit ganz und gar nicht geleugnet werden 
soll, dass es nicht auch ähnlich leuchtende Erscheinungen geben 
könne, die terrestrisch-astronomischen Ursprungs sind, insbesondere 
in tropischen Gegenden. Eben deshalb aber ist es nothwendig, 
die bestimmten Kennzeichen festzuhalten und nicht zu übersehen, 
dass der Name ZodiakalHcht auch nur einem Phänomen zukommen 
könne, das sich auf den Thierkreis bezieht. 

Houzeau glaubt, dass die Ebene des Sonnenäquators von 
der des Zodiakallichts verschieden sei: wir sind der Meinung, dass 
noch zu wenig Data vorliegen, um hierüber entscheiden zu können ; 
um so mehi-, als auch die Ebene des Sonnenäquators bis jetzt 
nichts weniger als scharf bestimmt ist. Facta! Facta! rufen wir 
hier mit Baco von Verulam; die Erklärungen werden sich dann 
schon finden. 

Es handelt sich hier um ein Phänomen, das weder Fernröhre, 
noch eine scharfe Zeitbestimmung bedingt. Ein gesundes Auge 
und ein wenig Astrognosie genügt, und was die Locahtät betrift"t, 
so haben wir uns schon darüber ausgesprochen. Je näher dem 
Äquator und je höher hinauf, desto besser. 

In dieser Frage, wie nicht minder in vielen anderen ähnhcher 
Natur, ist eine Expedition von grosser Wichtigkeit geworden, 
welche der Director der Sternwarte Edinburgh, Piazzi Smyth, 
1856 unternommen hat, und wir zweifeln nicht, dass ein ge- 
drängter Bericht über diese wichtige Reise unseren Lesern will- 
kommen sein wird. Es handelte sich um Entscheidung der Frage, 
ob ein wärmeres und namenthch gleichförmigeres Khma, so wie 
ein möglichst hoher Standort wu'klich die grossen Vortheile für 
Beobachtung schwieriger Phänomene darbieten, die man vermuthete. 
Die grossen Sandflächen Afrikas mit ihrer so stark hervortretenden 
Luftspiegelung konnten keine Entscheidung liefern, und die ent- 
legensten Theile unseres Planeten musste man aus anderen 
Gründen vermeiden. So richtete Piazzi Smyth sein Augenmerk 
auf die Insel Teneriffa und insbesondere deren hohen Pic. In 
kurzer Zeit kann er von England aus erreicht werden, und die 
Insel, wenn gleich zu Afrika gerechnet, erfreut sich europäischer 

Cultur und einer geregelten Verwaltung. 

19* 



29->i GESCmCHTE DER HIMMELSKÜNDE. 

Bereits 1852 war der Plan zu einer solchen Reise gefasst, 
und in den Report to the Board of Visitors vom November 1852 
ist zum ersten Male davon die Rede. Wenn er erst 185G zur 
Ausführung kam, so lag der Grund nicht etwa in einer wenig 
günstigen Aufnahme dieses Plans, sondern darin, dass auf der 
Sternwarte selbst erst wichtige Arbeiten, die theilweis in Verbin- 
dung mit der intendirten Expedition standen, durchzuführen waren. 

Im März 1856 richtete Airy in Greenwich ein Schreiben an 
die Admiralität, worin er sich sehr warm für das Unternehmen 
aussprach, und es fand die gewünschte Aufnahme. Der Haupt- 
zweck ward so formulirt: „Was kann die beobachtende Astronomie 
gewinnen durch Elimination des untersten und dichtesten Theiles 
der Atmosphäre?" 

C. Wood, erster Lord der Admirahtät, und der Hydrograph 
Washington traten nun mit P. Smyth in Correspondenz, und 
der Antrag des Letztern betraf die Bewilligung einer Summe von 
300 Pfd. Sterling. Man entgegnete, diese Summe erscheine zu 
gering, und es sei wünschenswerth, dass kräftigere Instrumente in 
Anwendung kämen als die vorgeschlagenen. So wurden 500 Pfd. 
bezeichnet und von der Admiralität sogleich bewilligt. 

Indess würden die Resultate, welche wir dieser Expedition in 
so reicher Fülle verdanken, auch mit der erhöhten Summe nicht 
erreicht worden sein, wenn nicht die thätige Theilnahme einer 
l)edeutenden Anzahl von Freunden der Wissenschaft zu Hülfe ge- 
kommen wäre. Von allen Seiten beeiferte man sich, in irgend 
einer Weise Theil zu nehmen an einem so viel versprechenden 
Unternehmen. Man drang in Smyth, noch mehr zu verlangen, 
man bestürmte die Admiralität, noch mehr zu geben. — Wir 
lassen ein Verzeichniss dessen folgen, was von Instituten und Pri- 
vaten dargebracht wurde. 

G. B. Airy: ein Aktinometer, ein Magnetometer, zwei Thermo- 
meter für Strahlung, ein Elektrometer, ein Spectral-Apparat, ein 
Polarimeter. 

Patt ins on* in Newcastle upon Tyne: ein grosses Äquatorial- 



* Hiicjh Lee PATTINSON, geh. 1795, gest. 1856 am 11. No- 
vember. Mit grosser Liberalität unterstützte er sowohl wissenschaft- 
liche Unternehmungen, als Anstalten der Wuhlthätigkeit, und sein 
Andenken wird allen, die ihn kannten, uni;ergesslich bleiben. 



DAS ZUDIAKALLltllT UND DIK .SMYTII'.SCIIK TKNKKII-KAI.M'KDITIUX. 29:i 

Ferniohr von 12 Fuss Brennweite und 7'/., Zoll (')ffmin^% mit Uhr- 
bewegung. 

Stokes: Qiiarzplattcn für das Spectruni der Sonne. 

Lee von Hartwell: ein Bergbarometer und sechs Thermo- 
meter. Er bot auch ein grosses Fernrohr ;in, doch w;ir man da- 
mit schon hinreichend versehen. 

Adie zu Edmburgh: ein Bergbarometer und vier Thermo- 
meter. 

G a s s i 1 : ein Thermomultiplicator. 

Capitän Fitzroy: vier Barometer, zwölf Thermometer und 
mehrere Hydrometer, nebst Karten. 

Washington, Hydrograph der Admiralität: vier Chronometer. 

Beechey: ein doppelter Sextaut. 

Baden Powell: Apparate zu Polarisationsversuchen. 

Nasmyth: ein Planspiegel. 

Cooke, von York: Oculare und andere Hülfstheile fih- das 
Äquatorial. 

Der bedeutendste Beitrag war jedoch der des Hrn. Stephenson, 
der seine Yacht Titania von 140 Tonnen, nebst 16 Mann Be- 
satzung zur Verfügung stellte und alles, was diese bedurften, an 
Bord zu schaffen versprach; ein höchst Avillkommenes und dankbar 
angenommenes Anerbieten. 

Lord Clarendon, die Beamten des Custom-house, der spa- 
nische Gesandte D. Antonio Gonzales und Admiral Manners 
müssen hier gleichfalls erwähnt werden, indem sie durch Em- 
pfehlungsschreiben und auf jede andere amtliche Weise zum Ge- 
lingen des Unternehmens beitrugen. 

Am 24. Juni segelte Smyth in der Titania ab. Die Listru- 
mente, Bücher und Anderes waren in 79 Kisten verpackt, der ge- 
sammte übrige Raum frei. 

Ein Seestuhl, um den Beobachter von den Schwankungen des 
Schiffes nichts oder doch sehr wenig empfinden zu lassen, erwies 
sich vollkommen brauchbar. Smyth konnte mit seinem Fernrohr 
beobachten beim stärksten Rollen des Fahrzeuges, und die Mann- 
schaft, die dies höchlich bewunderte, leistete treffliche Dienste. 

Am 2. Juli wurde Santa Cruz auf Teneriffa erreicht. Man 
landete hier jedoch nicht, sondern segelte nach Orotava, unmittel- 
bar am Fusse des Pic gelegen, und warf hier Anker. — Die nie- 
deren Gegenden der Insel zeigten sich zu astronomischen Beob- 
achtungen ungeeignet wegen zu häufiger Bewölkung und heftiger 



294 GESCHICHTE DEU HIMMELSKUNDE. 

Winde. Smythstationirte sich auf dem Berge Guajara, 8843 Fuss 
über dem Meeresspiegel. Der Zimmermann der Titania, der zweite 
Mate und mehrere Insuhiner waren bei Errichtung des interimi- 
stischen Observatoriums thätig. 

Wohl war man hier oben frei von den Seewinden, und man 
hatte die von ihnen herbeigeführten Cumulus- und Stratuswolken 
unter sich, nicht aber die feineren Cirrhus- und Cirrho Cumulus- 
wolken ; doch waren unter je fünf Tagen vier von ihnen ganz frei. 

Die Temparatur war gemässigt: 17^ R. am Tage, oVa" iii tler 
Nacht. Die Trockenheit war eine ganz ungewöhnliche, 22^^ Unter- 
schied Avar nicht selten, ja es wurde einmal 25** bemerkt; und 
diese grosse Trockenheit fand statt, während dichte Wolken die 
Küste der Insel verhüllten. Auch die Wirkung der Sonnenstrahlen, 
durch das Aktinometer gemessen, war auffallend stark. 

Hier ward das grosse Äquatorial aufgestellt, und gleich die 
ersten Beobachtungen zeigten, dass in der That sehr viel ge- 
wonnen war. Die schwachen Begleiter von 5 Aquilae, 13 Lyrae, 
128 Anseris, 185 Antinoi, 307 Acj[uilae und B Equulei, sämmtlich 
dreizehnter bis vierzehnter Grösse, die Smyth in Edinburgh nie 
gesehen, erschienen hier deutlich; die scharfen Bilder der Fix- 
sterne von einer ungewohnten Klarheit, und dies blieb sich in 
allen Nächten fast ganz gleich. 

Im Sonnenspectrum zeigten sich die Fraunhofer'scheu Linien 
mit überraschender Deutlichkeit. Sie waren schwärzer, breiter 
und besser begrenzt, und dies variirte nur mit der Zenithdistanz 
der Sonne, wie in unseren europäischen Klimaten. 

Nie konnte von diesem hohen Standpunkte aus die Grenze 
des Seespiegels wahrgenommen werden. Die Sonne ging unter 
hinter einer Wolkenwand in 91** 11' Zenithdistanz (denn die Höhe 
dieser Wand zeigte sich constant). 

So günstig dies alles sich zeigte, so Avurde doch ein leichter 
Dunst bemerkt, und Smyth wünschte sich auch von diesem zu 
befreien. Er wählte eine zweite Station, AltaVista, in 10 710 Fuss 
Höhe und nur 1500 Fuss unter der höchsten Spitze des Tic. 
Auf drei Seiten von Lavaströmen umgeben, zeigt sich dort die 
Kraterwand. Hier stand das grosse Fernrohr vom 21. August bis 
19. September. Alles zeigte sich hier noch viel günstiger als auf 
dem Guajara, und Smyth giebt den feinsten Sternpunkten, die 
er erblickte, die sechzehnte Grösse. 

Hier zeigte das Thermometer 11** am Tage, 3** in der Nacht; 



DAS ZODIAKALLICIIT UND DIE SMVTir.SCllK TKNKKIKI'A-KXI'KDITIOX. 29') 

die Trockenheit war geringer iils iiuf dem Guajara, 20'/V der 
grösste, 1'6^ der mittlere Unterschied. Der doppelte Ueglcitcr von 
Y Andromedae (Distanz 0,5") erschien vollkommen durcli einen 
dunkeln Zwischenraum getrennt, und dies noch ])ei einem Stunden- 
winkel von 4^^ 35', also etwa zwei Stunden vor seinem Unter- 
gange. 

Aber die heitere Jahreszeit, die gewöhnlich bis tief in den 
October dauert, endete unerwartet schon am 14. September, und 
da keine Wiederaufheitcrung folgte, verhcss Smyth diese Station 
am 19. 

Noch höher gegen den Pic hinauf sich zu Stationiren, hält 
Smyth allerdings für möglich, aber nur nach Ausführung sehr 
zeitraubender und kostspieliger Arbeiten, die um so weniger ge- 
boten erschienen, als er seinen Zweck vollkpmmen erreicht hatte. 
Die grossen Vortheile einer Station in grosser Höhe innerhalb der 
Tropen und subtropischer Gegenden kann jetzt nicht länger in 
Zweifel gezogen werden. 20 Doppelsterne wiu'den in Beziehung 
auf Sichtbarkeit, 34 auf Farben geprüft. 

Das Zodiakallicht erschien in einem ungewohnten Glänze, 
und sein Zug Hess sich viel leichter bestimmen als in Europa. 
Seine Erstreckung war beträchtlich und es konnte 'meistens bis 
zu den Plejaden hin verfolgt werden. Doch müssen viel zahl- 
reichere und alle Jahreszeiten umfassende Beobachtungen vor- 
liegen, bevor eine definitive Entscheidung über alle hierher ge- 
hörenden Fragen erfolgen kann. 

Die Dämmerung zeigte, wie zu erwarten war, hier eine noch 
kürzere Dauer als an der Meeresküste. — Viel ^lühc gab sich 
Smyth, die Protuberauzen, die man bei totalen Sonnenfinster- 
nissen bemerkt hat, auch an der freien Sonne zu erbhcken, und 
verschiedene darauf abzielende Vorrichtungen wurden versucht, 
jedoch ohne allen Erfolg. 

Die Bilder der Oberfläche Jupiters, welche Smyth erhielt 
und mittheilt, zeigen ein Detail, wie es in Europa auch mit den 
kräftigsten Instrumenten nicht erhalten werden könnte. 

Für etwaige künftige Expeditionen nach diesem wichtigen 
Punkte bemerkt Smyth, dass es möghch sein wird, eine noch um 
1000 Fuss höhere Station als Alta Vista einzurichten, nur müsse 
eine Strasse durch die Lavamassen von Malpayo gebrochen werden. 
Obgleich nur 500 Fuss unter dem Pic, ist die horizontale Ent- 
fernung doch gross genug, um den Beobachter vor den heisseu 



296 GESCHICHTK l^KK IIDIMELSKUNUE. 

schweflichen Dünsten, welche dem gewaltigen Krater entsteigen, 
völlig sicher zu stellen. 

Wir können nur wünschen, dass ein Astronom in den Stand 
gesetzt werde, diese Expedition zu wiederholen und eine längere 
Zeit auf dem bezeichneten höchsten Punkte (von 11700 Fuss) zu 
verweilen. Wohl dürften das Andes- und das Himalaya-Gebirge 
noch höhere, sogar ständig bewohnte Punkte darbieten, aber sie 
liegen zu entfernt von p]uropa, um in einem einzigen Sommer 
alles zu Ende zu führen; sie erfordern einen langen und be- 
schwerlichen Landtransport der Instrumente, und die klimatischen 
Bedingungen sind erfahrungsgemäss weit weniger günstig als die 
vom Pic von Teneriffa. — Auch haben Stephensou und mehrere 
Andere der Obengenannten sich erboten, bei einer etwaigen Wieder- 
holung dieselben Instrumente, welche sie 1856 dargeliehen, aber- 
mals zur Disposition zu stellen, und von den ürtsbehörden ist 
eine gleich entgegenkommende Bereitwilligkeit bestimmt zu er- 
warten. 

Tennant giebt neuere Beobachtungen des Zodiakallichts in 
Calcutta und Madras. Er findet das Ende immer schlecht be- 
grenzt; am 23. Jan. 1868 reichte es bis « Tauri, am 27. bis ^ Ceti, 
am 28. (bei Mondschein) bis o Piscium, den 10. Febr. bis d Arietis. 
Um die Axe herum ist die Erscheinung ziemhch hell, sonst überall 
sehr unbestimmt. — Die Beobachtungen reichen bis zum 22. Fe- 
bruar, und eine Aveitere Fortsetzung Avird in Aussicht gestellt. 



§ 186. 

ASTRONOMISCHE CONTROVERSEN NEUERER ZEIT. 

Nur mit Widerstreben gedenken wir der Zwistigkeiten, die 
sich in neuester Zeit, bei verschiedenen Anlässen, in der franzö- 
sischen Akademie erhoben haben. Wo es sich nur um die An- 
maassung unberechtigter und unfähiger Ignoranten handelt, an 
der es nie und nirgend gefehlt hat, noch fehlen wird, da ist aller- 
dings dem Historiker ein gänzliches Schweigen gestattet, wenig- 
stens wird er es nur brechen auf ganz besondere Veranlassung. 
Anders jedoch da, wo mau auf beiden Seiten wahres Verdienst 
erblickt, wo Gründe wie Gegengründe Beachtung verdienen und 
die Hoffnung, dass aus dem Streite ein Gewinn für die Wissen- 
schaft hervorgeht, nicht aufgegeben zu werden braucht. 



ASTKONOMISCIIK t'ONTKnVKKSKN NKVI-STKIi /KIT. 297 

Im Jaliio 1867 trat Cliaslcs in der Inuizösi.sclieii Akiulcniic 
mit eiiior Reihe von älteren Briefen auf, durch welche der Nach- 
weis geführt werden sollte, dass nicht Isaak Newton, sondern 
der 1663 gestorbene Pascal Urheber des Gravitationsgesetzes sei. 
Newton habe mit Pascal in Briefwechsel gestanden und ersterer 
soll die Mittheilungen des letzteren bei Ausarbeitung seinci- l'rln- 
cipia nur benutzt haben, ohne ihn zu nennen. 

Wir freuen uns, hier sogleich hinzufügen zu können, dass 
Chasles mit dieser Behauptung ganz allein stand. Weder inner- 
halb der französischen Akademie noch bei irgend einem Fach- 
genossen ausserhalb derselben hat sie Beifall und Anerkennung 
gefunden. Das wichtigste Argument gegen Chasles ist wohl 
Folgendes : 

Der Brief Pascal's an Newton soll von 1653 datiren, und 
da wir wissen, dass Pascal in den letzten zehn Jahren seines 
Lebens sich ausschliesslich mit Theologie beschäftigte und die 
Naturwissenschaften ganz verliess, so wäre ein s^iäteres Datum 
auch gar nicht möglich. Im Jahre 1653 aber treflen wir den 
noch nicht elfjährigen Newton auf den Bänken der Elementar- 
schule zu Grantham oder bei ländlichen Arbeiten, zu denen der 
Knabe durch die beschränkten Vermögensumstände seiner Mutter 
genöthigt war. Erst im achtzehnten Jahre gelang es ihm, die 
Universität Cambridge besuchen zu können. 

Es kommt hinzu, dass nach diesen Briefen Pascal 1653 
Werthe für die Planetenmassen angiebt, die vollständig überein- 
stimmen mit denen, welche die Ausgabe der Princijna von 1726 
enthält, und die in jener frühen Zeit Niemand besitzen konnte, 
da nicht nur die Gravitationstheorie mit ihren Aveiteren Con- 
sequenzen, sondern auch genaue Beobachtungen, wie sie 1653 
noch Keiner anstellen konnte, zu ihrer P^rmittelung erforder- 
lich sind. 

Zwar hat der in Production solcher Briefe ganz unerschöpf- 
liche Chasles auch den Nachweis versucht, dass Pascal mit 
Kepler, Galiläi und anderen hervorragenden Männern seiner 
Zeit in Correspondeuz gestanden, allein auch wenn dies zugegeben 
wird, so wissen wir, dass weder Kepler noch Galiläi Beobach- 
tungen machen konnten; wie sie erforderlich sind zur Bestimmung 
von Planetenmassen, wie denn auch in ihren jetzt verölfent- 
hchten Werken nichts darüber vorkommt, noch vorkommen kann. 

So hartnäckig daher auch Chasles gegenüber Fang er es 



298 GESCHICllTK DEl; HLMMELöKUNDE. 

und Anderen seine so eigentlmndiclie Behauptung festzuhalten und 
zu stützen suchte, so ist doch der Versuch, Newton die Palme 
zu entreissen, ein total verunglückter gebhehen, der Niemand in 
seinem Urtheile über Newton beirren wird. 

Eine andere Controverse hat sich Leverrier gegeniUDer er- 
hoben. Wir müssen im Voraus bemerken, dass sämmtliche fran- 
zösische Sternwarten unter die Oberleitung Leverrier's gestellt 
waren, ähnlich wie Piazzi in der Zeit, wo er nach Neapel über- 
siedelte, Director sämmtlicher Sternwarten des süditalischen Reiches 
Avar. Nun sind in Marseille neuerdings mehrere Planetoiden ent- 
deckt worden, ohne dass man einen anderen Namen als den des 
Directors Stephan erfuhr, obgleich nicht er, sondern jüngere 
Gehülfen diese Entdeckungen gemacht hatten.* Als kürzlich in 
der französischen Akademie der Name eines dieser Entdecker 
(Poggio) genannt wurde, trat Leverrier entrüstet auf und er- 
klärte die Nennung dieses Namens für ganz unangemessen und 
ungerechtfertigt. Jene Entdecker seien dies nur geworden durch 
Befolgung der Vorschriften des Directors, und es sei gar nicht 
nöthig, dass sie astronomische Kenntnisse besässen, sie dürften 
also auch nicht als Astronomen aufgeführt werden. Die ganze 
Akademie erhob sich dagegen, so wie gegen manche andere 
V>^illkür ähnlicher Art, die man Leverrier Schuld gab, und 
der Streit führte zur Niedersetzung einer Untersuchungs - Com- 
mission. 

Wir gestehen, dass schon allein die Piücksicht auf den bis- 
herigen Usus den so hochverdienten Director der Pariser Stern- 
warte hätte bestimmen sollen, von diesem eigenthümlichen Ver- 
fahren abzustehen. Sind denn etwa alle solche Entdeckungen 
auf öffentlichen Warten gemacht worden? Wenn die Namen 01- 
bers und Hencke ein Anrecht haben, genannt zu werden, un- 
geachtet Letzterer wohl selbst nicht behaupten wird, gründUcher 
Astronom zu sein, warum nicht ein Poggio? Dass seine Himmels- 
kunde noch manche Lücken haben mag, vermindert sein Verdienst 
nicht. Wird doch auch ein böhmischer Zwirnhändler, Gärtner, 
unter den Kometen-Entdeckern aufgeführt, so wie mehrere Damen, 
ohne dass man an sie die Zumuthung gestellt hätte, vorher ein 
astronomisches Examen zu bestehen. Oder wenn ein schlichter 
Matrose eine neue Insel entdeckt, soll dann die wissenschaftliche 
Welt seinen Namen nicht erfjihren, sondern sich mit dem des 
Schiffes und seines Capitäns begnügen? Einen unbekannten Welt- 



ASTRONOMISCHE CONTHoVERSKN NEUESTEl; ZKl'l'. 21)9 

körper ;ius der Ncaclit des Universums uns Licht gezo^^en zu 
haben, ist ein uideugbares Verdienst, und es ööenthch anerkennen, 
ist eine Tflicht, abgesehen von der Aufmunterung, die dem Ent- 
decker dadurch gegeben wird. 

Das Recht, zu reclamiren, wird einem Poggio Niemand streitig 
machen, und Leverrier Avird nicht verhindern, dass die walircn 
Namen der Entdecker, wie sie es verdienen, der Nacliwelt treu 
überliefert werden. 

Doch wir haben noch einer Controverse zu gedenken, welclie 
die Pariser Sternwarte betrifft. Die Behauptung, dass ihre Anlage 
eine im höchsten Grunde unzweckmässige sei, ist so alt als die 
Sternwarte selbst; denn schon damals musstc es Jedem, der zu 
einem Urtheil in dieser Angelegenheit befähigt war, einleuchten, 
dass den wesentlichsten Erfordernissen der Wissenschaft hier nicht 
genügt werden könne. Daher die zahlreichen Pariser Institute, 
auf denen Messier, Saron, Pingre, Lacaille und viele Andere 
arbeiteten und die Beobachtungen ausführten, welche die Cassini's, 
auch wenn sie gewollt hätten, in den langen wüsten Paradesälen 
des Grand Observatoire nicht hätten machen können. 

Zwar hatte man seit der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts 
in verschiedenster Weise versucht, durch An- und Aufbauten Ab- 
hülfe zu schaffen, um einen Meridiankreis und einen llefractor 
zweckmässig aufstellen und gebrauchen zu können; aber damit war 
nicht gründlich geholfen. Vor zwei Jahrhunderten, als das Ob- 
servatoire gegründet ward, stand es am südlichen Ende der Stadt, 
gegen Süden ganz frei, gegen Norden nur an die Gärten und 
Alleen des Luxembourg grenzend, weit entfernt vom grossstädtischen 
Verkehr und in keiner Weise durch ihn beunruhigt. Dies ist im 
Laufe der Zeit anders geworden. Nach allen Seiten hin ist Paris 
über seine Boulevards hinaus gewachsen, und das grosse Gebäude 
hat nur noch von Norden her, einen freien Zugang; im Westen, 
Süden und Osten ist es von frequenten Strassen umgeben, die 
zwar den Namen Cassini, Delambre u. s. w. tragen, aber deshalb 
nicht weniger Hindernisse der praktischen Himmelskunde bilden. 
Omnibus und Fiaker flihren hier unaufliörlich Tag und Nacht, und 
der Verkehr ist im steten Zunehmen. Diesem Uebelstande kann 
durch keine Vorkehrung abgeholfen werden, und wenn man gleich 
die Länge telegraphisch von Greenwich übertragen konnte, so ist 
die Bestimmung der Breite noch jetzt um eine halbe Secunde und 
darüber schwankend, und die Zeit längst vorüber, wo ein solcher 



300 GESCHICHTE DEK IllMJlKLSkrXDE. 

Felller bei Breitenbestimmung einer Hauptsternwarte als unbedeu- 
tend betrachtet werden konnte. 

Yvon Villarceau, der Näcliste nach Lcverrier, hat deshalb 
in der Akademie eine Verlegung der Sternwarte nach Fontenay 
beantragt, Avelches südlich von Paris in massiger Entfernung liegt, 
und von wo aus bei der jetzigen Eisenbahnverbindung die Com- 
munication mit dem Gros der Hauptstadt kaum mehr Zeit bean- 
spruchen würde, als in früheren Zeiten die, von der jetzigen Stern- 
warte aus. Dem widerspricht Leverrier, indem er zwar zugesteht, 
dass es Aufgaben in der Wissenschaft giebt, denen die Warte jetzt 
noch weniger als früher genügen kann; dass jedoch andere gar 
wohl hier mit Erfolg bearbeitet werden können und dass Marseille, 
Toulouse und andere „Succursalen" des Grand Observatoire, die 
daselbst nicht wohl ausführbaren Arbeiten übernehmen könnten; 
Avogcgcn Villarceau bemerkt, dass dann nicht Paris, sondern die 
genannten Sternwarten die Hauptpunkte Itilden, und auf diese 
Weise ein Avahrer wissenschaftlicher, und nicht blos geographischer 
Centralpunkt ganz fehlen würde. Er weist auf Pulkowa und 
Greenwich hin, die als wahre Centralpunkte für ihre betreffenden 
Länder Paris überflügelt haben und je länger desto mehr über- 
flügeln werden, was sie aber nur dadurch vermögen, dass sie, vom 
Treiben der Hauptstädte entfernt und in keiner Zukunft von ihm 
bedroht, keine wissenschaftliche Aufgabe auszuschliessen veranlasst 
sind. Die Umgegend von Paris, klimatisch und geographisch gün- 
stiger gelegen als die von London und Petersburg, werde die ihr 
gebührende Stellung in der Wissenschaft nur wiedergewinnen und 
dauernd behaupten können, wenn die von ihm beantragte Ver- 
legung in Ausführung komme. 

Wir müssen erwarten, welchen Ausgang diese Angelegenheit 
nimmt. — Dagegen constatiren wir mit Befriedigung, dass sich 
Leverrier in dem von Chasles angeregten Streite aufs ent- 
schiedenste für Newton ausgesprochen hat. Dieser habe mit 
aller Offenheit erklärt, dass er Dominique Cassini die Beob- 
achtungen verdanke, welche erforderlich waren, um die Planeten- 
massen so zu bestimmen, wie die Ausgabe der Principia von 1726 
sie aufiuhrt; Cassini's Beobachtungen sind vollständig vorhanden 
und Jeder kann die Übereinstimmung prüfen ; es ist vergebens, 
diese Beohachtungsdata in eine Zeit verlegen zu wollen, wo es an 
allen Mitteln zu solchen noch vollständig fehlte, und die wieder- 
holte Versicherung, dass Pascal mit Kepler und Galiläi in 



Das PliOHLEil DER SEELÄNOE. 301 

Correspondcnz gestanden, kann die Hauptfrage gar nicht tan- 
giren. — Leverrier kann in diesem Punkte des Beifalls Aller 
gewiss sein, denen hierin ein Urtheil zusteht. 

Nachdem die xVkademie zwei Jahi-e hindurch sehen nmsste, 
wie Chasles stets neue Briefe producirte, die gegen Newton ent- 
scheiden sollten, hat er endlich selbst erklärt, dass er betrogen 
worden sei. Ein Falsificator, der auch bereits vor Gericht steht, 
hat Chasles die Briefe geliefert, deren Unechtheit so auf der 
Hand hegt, dass es in der That schwer begreiflich ist, wie ein 
Mann der Wissenschaft so lauge und so grob liintergangen werden 
konnte. 

Die andere Controverse jedoch hat dahin geführt, dass der 
Senator Leverrier von der Direction der Sternwarte enthoben 
und diese Stelle durch Delauuay, den bekannten Gegner 
Hansen 's, besetzt w^ordeu ist. 



§ 187. 
DAS PROBLEM DER SEELÄNGE. 

Früh schon hat man es empfunden, wäe wichtig es bei See- 
fahrten ist, den Ort auf der Erde, wo das Schiff sich befindet, 
mit Zuverlässigkeit angeben zu können. Irrfahrten wie die, welche 
uns Homer in der Odyssee geschildert hat, obgleich seine Helden 
nicht über das Mittelmeer hinauskamen, gehörten keineswegs zu 
den Seltenheiten, und in den meisten dieser Fälle waren Schiff und 
Mannschaft verloren, und die unwirthliche Küste war eben so ge- 
füi'chtet als der Grund des Meeres. Es währte lange, bis man 
sich über „die Säulen" hinauswagte, und dann hielt man sich 
ängsthch immer so, dass die Küste in Sicht bheb, denn wie hätte 
mau sonst den Rückweg finden wollen? 

Auch die Mappirung der Inseln und Küsten, wozu Erato- 
sthenes den Grund gelegt, und worin Ptolemäus den ersten 
Versuch von Belang gemacht, konnte dem Seefahrer nur da etwas 
helfen, wo er noch eine Küste in Sicht hatte; andernfalls war er 
so rathlos als fi'üher. Ein in ein Holzstück eingesenkter Magnet- 
stab, den man aufs Wasser setzte, konnte zwar einigermaassen 
die Richtung bezeichnen, mehr aber nicht. Auch Flavio Gioja's 
Verbesserung dieser Vorrichtung, die ihm den Namen eines Er- 
finders des Compasses verschafft hatte, konnte das Problem nicht 



302 GESCHICHTE DER HIMMELSKUNDE. 

lösen. Man wusste zu wenig von den Veränderungen des Com- 
passes nach Ort und Zeit, die wir selbst jetzt noch nicht so 
erforscht haben, dass wir für jeden behebigen Moment und 
an jedem Orte die Stellung der Magnetnadel bestimmt angeben 
könnten. 

So musste je länger desto mehr die Überzeugung sich Bahn 
brechen, dass nur der Himmel gewähren könne, was kein irdisches 
Mittel für sich allein zu leisten im Stande war. Die durch Re- 
giomontanus geschaffene neue Kunst, nach den Sternen zu 
schiffen, hatte über den Ocean hin nach Amerika und Indien ge- 
führt, aber noch immer war es ein besonderer Glücksfall, wenn 
ein Schiff den transoceanischen Punkt, für den es bestimmt war, 
ohne Missgriffe erreichte. Als die ersten Assecuranzgesellschaften 
ins Leben traten, war die Prämie so ungeheuer hoch bemessen, 
dass man jetzt nicht begreift, wie dabei ein Rheder habe bestehen 
können. Und dennoch ward sie bezahlt, aber freilich auch die 
ost- und westindischen, japanesischen und chinesischen Erzeugnisse 
auf einem Preis gehalten, der sie nur den Geldfürsten zugänglich 
machte. Das japanesische Porzellan, wenn es überhaupt ankam, 
war zu neun Zehntel zerbrochen, denn dass ein Schiff ohne allen 
Unfall von Canton oder Nangasaki nach Lissabon oder Amsterdam 
gelangt wäre, war fast unerhört; und leicht wird man sich sagen, 
dass zahllose Menschenleben in der Tiefe des Meeres dabei zu 
Grunde gingen. 

Und woher alles dieses ? Niemand wusste, auf welchem Punkte 
des Oceans er sich befand, denn man hatte kein Mittel, die Länge 
und Breite des Schiffsortes zu bestimmen, wenn keine Küste in der 
Nähe war. Compass und Logleine konnten einigermaassen und 
auf kurze Zeit aushelfen; aber mit jeder Stunde wuchs die Un- 
gewissheit, und es kam sehr bald dahin, dass man gar nichts 
mehr Avusste. Ging die Fahrt nach Westen, so konnte man mit 
einer Bestimmung der Breite (durch den Polarstern oder die 
Sonne) noch allenfalls ausreichen; früher oder später musste 
Amerika in Sicht kommen, und ein scharfer und geübter Beob- 
achter konnte dies rechtzeitig gewahren. Bei weitem misslicher 
jedoch waren Fahrten nach Norden oder Süden; insbesondere 
wenn der Cours mehreremal wendete. Hier hätte man vor allen 
Dingen der Kenntniss der geographischen Länge bedurft, aber 
woher eine solche entnehmen? 

So erklärt es sich, dass diejenigen Staaten, welche Vorzugs- 



DAS PHößLEM DER SF.ELANY;!-. OQO 

weise Occanfahrer ausrüsteten: Spanien und etwas später Ilrjllund 
und England, müde der ungeheuren und stets wiederi<ehrenden 
Verluste an Menschen und Gütern, Preise aussetzten, deren Iliihe 
alles übertraf, was man sonst bei Preisaussetzungen gewolmt war, 
und die dem verheissen wurden, welcher irgend ein zuverlässi,"es 
Mittel angeben könne, die Länge zur See zu bestimmen. 
Hollands 100000 Gulden und eine ähnliche von Philipp III. schon 
1598 ausgesetzte Sunmie wurden noch weit überboten durcli den 
Preis von 30000 Pfund Sterling, den das britische Parlament 
einstimmig, auf des greisen Newton Rath, für Lösung des 
Problems aussetzte. Bedenkt man, dass der Werth des haaren 
Geldes damaLs 3 bis 4 Mal den gegenwärtigen übertraf, so er- 
scheinen jene Summen so riesenhaft, dass sie nur erklärhch sind 
durch das allgemeine Gefühl von der hohen Wichtigkeit des Gegen- 
standes nicht nur für die Wissenschaft, sondern für Handel und 
Verkehr, ja für den allgemeinen Wohlstand überhaupt. 

Himmelsbegebeuheiten, die für die ganze Erde zu gleicher 
Zeit erfolgen, können, wenn sie genau vorausbestimmt sind, dum 
Seefahrer angeben, welche Zeit es am Orte seiner Abfahrt sei; 
und eben dieses könnte eine Uhr leisten, wenn ihr Gang ganz 
gleichförmig und dem Schifter bekannt ist. Wenn er nun ein 
Mittel hat, die Zeit seines Ortes zu bestimmen, so wird die Ver- 
gleichuug ihm den Unterschied der Zeit seines und des Ab- 
fahrtsortes, mithin den Meridianunterschied, d. h. die Länge finden 
lassen. Auch wenn die Himmelsbegebenheiten der Parallaxe in 
solchem Maasse unterworfen sind, dass eine Gleichzeitigkeit nicht 
stattfindet (wie bei Sonnenfinsternissen und Sternbedeckungen) 
kann durch Rechnung die Parallaxe eliminirt und so die Kenntniss 
der Zeit erhalten werden. Immer aber handelt es sich um die 
Zeit des Ortes. 

Auch kann man auf so seltene Begebenheiten, wie Mond- 
oder Sonnenfinsternisse, nicht warten. Die Verfinsterungen der 
Jupiterstrabanten sind freilich häufiger; aber wenn Jupiter für uus 
Erdbewohner hinter der Sonne steht, fallen sie Monate laug aus. 
Nur der Lauf des Mondes, den der Schilfer am sichersten durch 
Vergleichung mit Sternen erhält, fällt nicht (oder doch nur kurze 
Zeit um den Neumond herum) so aus, dass der Schiffer nichts 
von ihm sieht. Um aber Vergleichungen mit Sternen zu machen, 
bedarf es genauer und zuverlässiger Sternörter, so Avie anderer- 
seits einer erschöpfenden Mondstheorie; und um die Zeit mit 



304 GESCHICHTE DER HOOIELSKUKDE. 

der des Abfahrtsortes vergleichen zu können, hinreichend genauer 
Uhren. 

Dies also waren die Desiderata, auf deren Ahhülfe Beobachter, 
Analytiker und mechanische Künstler bedacht sein mussten. Ge- 
naue Sternörter konnte die Sternwarte Greenwich liefern, welcher 
gleich bei ihrer ersten Gründung dies als Hauptzweck vor- 
geschiieben war, und die nun durch fast zwei Jahrhunderte des 
Bestehens diesen Zweck unverbrüchlich und beharrlich im Auge 
behalten hat. Auf die beiden anderen oben genannten Gegen- 
stände concentrirte sich schliesslich die Aufmerksamkeit der Theo- 
retiker wie der Praktiker in dem Maasse, wie man erkannte, dass 
kein anderer Weg zur Lösung des Problems führen könne. Denn 
weder Hall ey 's Idee: durch die Dechnation der Magnetnadel die 
Länge zu bestimmen, noch irgend ein anderer der Vorschläge, die 
anfangs auftauchten, hatte sich als praktisch ausführbar bewiesen. 

Schon Galiläi hatte, gleichsam in glücklicher Vorahnung des 
Kichtigen, vorgeschlagen, den Mond mit Sternen vergleichend zu 
beobachten. Er hatte damals kein Gehör gefunden, und in der 
That war auch die gesammte Wissenschaft nicht weit genug vor- 
gerückt, um von diesem Vorschlag praktischen Gebrauch machen 
zu können. 

Die Pendeluhr wäre am leichtesten zu dem hier erforder- 
lichen Grade von Genauigkeit gebracht worden, aber auf einem 
segelnden Schifte kann man keine Pendeluhr gebrauchen. Der 
englische Uhrmacher Harrison versuchte die Genauigkeit auf 
anderm Wege zu erreichen. Er brachte eine Uhr zu Stande, 
deren Spiralfedern compensatorisch wirkten und sich gegenseitig 
in gleichem Gange erhielten. Auf einer Seereise nach Lissabon 
1736 hatte sich diese Uhr bewährt; allein dies bot nur eine vor- 
läufige Sicherheit, da Zeit und Distanz zu kurz waren, um in 
einer so wichtigen Sache definitiv entscheiden zu können. Auch 
waren diese Time-keeper sehr theuer und nahmen einen eben so 
grossen Raum ein wie der obere Theil einer Pendeluhr. Har- 
rison versuchte, Chronometer, die wie eine gewöhnliche Taschen- 
uhr getragen werden konnten, statt der Time-keeper zu machen; 
damals jedoch noch ohne genügenden Erfolg. Er erhielt indess 
1749 die goldene Medaille der Royal Society. Der beharrlich 
sein Ziel verfolgende Künstler überreichte 1702 eine Uhr und bat, 
sie auf einer Reise quer über den Ocean zu prüfen. Es wurde 
eine Reise nach Jamaica und zurück mit dieser Uhr beschlossen, 



DAS PROBLEM DKR sr.KLAKGK. 3Q5 

welche Harrison der Sohn mitiniichte. Der Erfolg wai- nicht 
ganz zufriedenstellend. Die Treisaufgalie forderte, dass die Un- 
sicherheit der Bestimmung nicht über 1/4 Grad gehen dürfe, und 
eine solche Genauigkeit war nicht erreicht. Indcss erhielt Har- 
rison von dem ausgesetzten Preise 2500 Pfd. Sterling als Al)- 
schlag, unter dem Versprechen, dass er auch das Übrige erhalten 
solle, wenn bei einer neuen Probe alles genügend befunden werde. 
Er erbat sich sechs Monate Zeit, um noch einige Verbesserungen 
anbringen zu könfnen. Bei einer zweiten Reise, die der junge 
Harrison mit den verbesserten Chronometern nach Barbados 
machte, war Maskelyne, damals noch in Cambridge, aber schon 
zum Superintendenten der Greenwicher Sternwarte ernannt, vor- 
ausgeschickt worden, um in Barbados, am Landungspunkte, die 
Länge und Breite mit denselben Instrumenten und nach denselben 
Methoden zu bestimmen, wie er in Portsmouth sie bestimmt hatte. 
Vor dem Time-keeper waren drei Schlösser angebracht, eines der- 
selben konnte Harrison, das andere der Kapitän, das dritte der 
Schiftslieutenant öffnen. So sollte jeder willkürlichen ührstellung 
vorgebeugt werden. Nach sechswöchentlicher Fahrt ward Bar- 
bados erreicht, der Kapitän bescheinigte, dass alles vorschrifts- 
mässig ausgefühi't worden, und mau verglich hier die ülir. Sie 
hatte 54 Secunden Abweichung, was einem Fehler in Länge von 
L3VV entsprach. 

Dieser Fehler war etwas kleiner als der in der Preisaufgabe 
zugelassene von 15', und Harrison glaubte, jetzt den ganzen 
Preis beanspruchen zu können. Allein einerseits war eine sechs- 
Vv^öchentliche Reise bei weitem nicht die längste, die ein Segel- 
schiff zu machen hatte, ohne inzwischen Land zu sehen, wo man 
beobachten konnte, und andererseits war auch mit der vollkom- 
mensten Uhr nicht alles gemacht; die Theorie der Himmelskörper, 
namentlich die höchst schwierige und verwickelte des Mondes, 
musste hinzukommen. Man gab indess Harrison 10000 Pfund 
in Anerkennung des sehr bedeutenden Fortschrittes, der durch 
ihn gewonnen worden; das Übrige sollte er gleichfalls erhalten, 
unter der Bedingung, dass er alles einem dazu ernannten Comite 
auseinandersetze, ohne irgend etwas als Geheimniss für sich zu 
behalten, und dadurch andere Künstler in den Stand setze, gleich 
gute Uhren zu machen. Dazu wollte er sich lange Zeit nicht be- 
quemen; endlich gab er nach, und es erschien eine ausführliche, 
mit vielen Kupfern gezierte Beschi-eibung in Druck. 

r. Mädler, Geschichte der HimmelsTninde. n. -^ 



306 GESCHICHTE DER HIMMELSKUNDE. 

Bis dahin konnte der Gang, den diese Angelegenheit genom- 
men, ein rein wissenschaftlicher genannt werden; von jetzt ab ist 
er weniger erfreulich. Von der einen wie von der anderen Seite 
entstanden Verdächtigungen: es sei nicht alles redlich und or- 
dentlich zugegangen und man müsse neue Prüfungen veranstalten. 
Drei Uhren Harri son's wurden auf der Sternwarte vom 6. Mai 
17GG bis zum 14. März 17G7 mit dem durch die astronomischen 
Beobachtungen fortwährend controlirten Pendel in Greenwich ver- 
glichen. Die Zeit ward in sechs Perioden getheilt, und in diesen 
waren die Abweichungen der Folge nach 13' 20", 8' 17", 10' 5", 
12' 2G", 5' 42", 10' 54". Maskelyne fand diesen Gang noch nicht 
gleichmässig genug und erklärte sich für nicht ganz befriedigt. 

Einen widerwärtigen Eindruck macht Harrison's Gegenschrift. 
Die Seeofficiere des Greenwicher Hospitals, meint er, seien keine 
gültigen Zeugen, sie hätten, ermüdet von Ersteigung des steilen 
Berges, die Vergleichung obenhin angestellt; Maskelyne sei der 
ganzen Sache abgünstig, da er sich vorgesetzt habe, alles mit den 
Mondtafeln allein auszurichten; es sei zu viel verlangt, wenn man 
erwarte und fordere, dass eine den heissen Wasserdämpfen ab- 
sichtlich ausgesetzte Uhr den gleichen Gang behalten solle und 
dergleichen. Mit Bedauern sehen wir den Mann, der bis dahin 
beharrlich und unbeirrt seinem schönen Ziele durch Vervoll- 
kommnung seiner Werkzeuge sich zu nähern suchte, jetzt seine 
Kraft in Streitschriften vergeuden, die nichts Gutes fördern konnten. 
Auch war alles vergebens; er hat nichts weiter erhalten, obgleich 
er in späteren Jahren nach den in seiner Praxis festgestellten 
Grundsätzen noch einen letzten Zeitmesser verfertigte, der auf der 
Richmonder Sternwarte geprüft und binnen sechs Wochen nur 
4V2 Secunde abgewichen sein soll. 

Frankreich, wenn es auch keinen ähnlichen Preis ausgeschrie- 
ben, konnte doch bei dieser Angelegenheit nicht theilnahmlos 
bleiben. Seine Marine zu heben und seine Flaggen in den fern- 
sten Meeren zu entfalten — das war das Streben diesseits des 
Kanals wie jenseits. Sollte man diese kostbaren Werkzeuge dem 
Erbfeinde (denn dafür galt England damals, und von der späteren 
enteilte cordiah war noch keine Rede) abkaufen, ja durfte man er- 
warten, dass er sie hergeben werde? 

Leroy, ein Uhrmacher in Paris, war 1750 zuerst mit einem 
Essai de pliyKiqne et de Dyimniiqiie siir le ressort des coi'jis auf- 
getreten und gab in diesem Werke Nachricht von seinen Arbeiten 



DAS PROBLEM DKR SF.ELÄNGE. 307 

zur Vervollkommnung der Uhren. Vier Jalirc später überreichte 
er der Akademie eine detaillirte Auseinandersetzung seines Ver- 
fiihrens und der bis dahin erlangten Krfolge; 17G3 überreiclit er 
die zu Stande gebrachte Uhr selbst, später eine zweite und dritte. 
Sie wurden zuerst von Cassini und Lemonnier auf der Pariser 
Sternwarte geprüft und genügten in so weit, dass eine Seereise 
zur weiteren Prüfung beschlossen wurde. Courtenvaut schlug 
eine Reise vor, bei welcher man sie unterwegs öfter durch astro- 
nomische Beobachtungen prüfen könne. Sie sollte Ilavre, Am- 
sterdam und andere Küstenplätze berühren. Aber an Orten, wo 
keine feste Sternwarte existirt, hat dies Schwierigkeit, erfordert 
jedenfalls eine öftere Wiederholung der Observationen, und es 
scheint in der That, dass man sich hier etwas übereilte. Die 
Probe fiel im Allgemeinen günstig, aber doch nicht ganz über- 
zeugend aus. Leroy machte es wie Harrison, er behauptete, 
ungeschickte Matrosen hätten seine Uhren gehandhabt, die Beob- 
achtungen und Vergleichungen seien nachlässig und nicht mit ge- 
höriger Sorgfalt ausgeführt; seine Uhren seien nicht nur genauer, 
sondern auch einfacher als Harrison's und könnten viel leichter 
von jedem Andern nach seiner Vorschrift verfertigt werden; sie 
wiu'den, in gehöriger Weise untersucht, in einem ganzen Jahre 
weniger als eine Minute in Zeit abweichen. Das — behauptete 
man in England — sei geradezu unmöglich; alle französischen 
Atteste, gleichviel von wem, würden sie nicht überzeugen, ])is sie 
es mit eigenen Augen sähen. 

Ob Leroy von irgend einer Seite eine besondere Belohnung 
erhalten, ist nicht bekannt geworden. Jedenfalls ist ihm das 
Verdienst nicht abzusprechen, in Frankreich, wie Harrison in 
England, den ersten Anstoss gegeben zu haben zu diesem so 
wichtigen Zweige der Kunst-Industrie. In beiden Ländern ist 
man rüstig fortgeschritten: Emery, Arnold, Dent in England, 
Berthoud* in Frankreich haben treffhche Chronometer gehefert. 



* Ferdinand BERTHOUD, geh. 1727 am 19. März, fjed. 1807 
am 20. Juni. Unter den Männern, welche die Uhrmacherkunst 
im 18. Jahrhundert auf eine so hohe Stufe der Vollkommenheit 
gehoben, ist Berthoud einer der ausgezeichnetsten. Geboren 
zu Plancemont in dem längst durch seine Uhrenfabrication be- 
rühmten Neufchatel, ward er bald Horloger mecanicien der fran- 

20* 



308 GESCHICHTE DER HßlMELSKUNBE. 

und andere Länder sind diesem Beispiele gefolgt: durch Jür- 
genson, Kessels und Tiede ist Deutschland, durch Hauth 
Russland würdig vertreten; Amerika wetteifert mit Europa. 

Doch wir haben noch die andere Seite des Prol^lems zu be- 
trachten. Für sich allein kann weder der beste Chronometer, 
noch die vollkommenste Mondstheorie genügen, sondern nur beide 
in angemessener Vereinigung. Wenn die eine Seite von den Eng- 
ländern früher und energischer als irgendwo sonst beachtet wurde, 
so hat die andere vorzugsweise auf dem Continent ihre Bearbeiter 
gefunden. Englands Analytiker haben mehr die allgemeine oder 
sogenannte reine Mathematik bearbeitet: die Taylor und Mac- 
laurin haben nicht durch astronomische Probleme, sondern 
durch generelle Entwickelungen ihren durchdringenden Scharfsinn 
dargethan; wogegen die d'Alembert und Euler sich mehr den 
praktischen Fragen zuwandten. Namenthch hatte Eni er 's Monds- 
theorie den Tafeln T. May er' s zur Grundlage gedient, und die 
britische Regierung erkannte dies an; der erstere erhielt 500 Pfund 
von dem noch disponiblen Theile des Preises und Mayer, oder 
vielmehr seine Wittwe, 3000 Pfund ausbezahlt, was um so er- 
freulicher war, als Mayer schon im 39. Jahre und fast in 



zösischen Marine und Mitglied des Pariser Instituts, liess sich in 
Paris nieder und seine Uhren fanden die weiteste Verbreitung. 
Sein Neffe Louis (geb. 1753, gest. 1813) eiferte ihm erfolgreich 
nach und ward sein Nachfolger in den genannten Ämtern. 

F. Berthoud's Schriften betreffen sämmtlich die Uhrmacherei 
und ihre Anwendung; die erste von 17G0 führt den Titel: IJart 
de conduire et de regier les pendules et les niontres. 17 63 erschien 
die erste Ausgabe seines Essai sur Vkorlogerie. Am bekanntesten 
ist sein Princijje des horloges ä longitude, 1782, und seine zwei- 
bändige Histoire de la 77iesure du teinps par des horloges, Paris 1802, 
sein spätestes Werk. — Auf seinen Antrag wurde 1797 in Frank- 
reich die mittlere Zeit statt der wahren Sonnenzeit eingeführt, 
was in Berlin schon früher geschehen war. 

Der Neffe, Louis Berthoud, verfasste eine Schrift: Eclair- 
cissements snr Vhistoire, la constrnction et les ('prenves des chrono- 
mkres, in welcher er die Ansprüche Leroy's zurückwies. Ge- 
wichtig ist Lalande's Zeugniss: „«7 est le seul en France qm fasse 
des chronometres pour troiwer la longitude.^'' 



DIE NEUESTEN EKMITTKLUNGEN ÜBEK DIR METEOKITKN. 30'J 

Dürftigkeit verstorben und eine zahlreiche Funiihc hintcrUisseii 
hatte. 

Die späteren successiven Vervollkommnuiigcu der Munds- 
theorie sind bereits in dem allgemeinen Tlieile unseres Werks er- 
wähnt worden; hier also nur die Bemerkung, dass Bürg's und 
Burckhardt's Tafeln gleichfalls prämiirt wurden. 



§ 188. 
DIE NEUESTEN ERMITTELUNGEN ÜBER DIE METEORITEN. 

Seit Chladni im Anfange dieses Jahrhunderts seine mit 
schwerem Achselzucken aufgenommene Ansicht, dass die Meteo- 
riten kosmischen, nicht lunarischen oder tellurischen Ursprungs 
seien, veröftentHchte, und seit der Steinfall von Aigle in Frank- 
reich unwiderleglich darthat, dass wir hier mit reellen körper- 
lichen Objecten, nicht mit Ausgeburten des Aberglaubens, zu thun 
hätten, ist die Aufmerksamkeit auf dieses Phänomen in stetem 
Wachsthum geblieben. Man hat erkannt, dass Meteoriten und 
Sternschnuppen dasselbe Phänomen darstellen, den vielbesprochenen 
Irrlichtern ist ein Ende gemacht; die vom Himmel gefallenen 
eisenhaltigen Steine werden nicht mehr in Kirchen an Ketten auf- 
gehängt, auch werden nicht mehr Schwerter aus ihnen geschmiedet, 
denn diese haben nicht vermocht, den Untergang der Khalifen 
und Mongolenkhanate, deren Repräsentanten von solchen Schwer- 
tern entscheidende Siege erwarteten, zu verhindern. Sie wandern 
friedlich in unsere Mineralienkabinette; höchstens lässt sich ein 
Wiener Professor daraus ein Federmesser verfertigen, um die Er- 
fahrung zu machen, dass es seine Dienste ganz eben so verrichte 
wie ein terrestrisches. Man untersucht die Meteoriten chemisch 
und findet in ihnen dieselben mineralischen Bestandtheile, welche 
die Oberfläche unseres Planeten uns kennen lehrt. 

Humboldt, Olmsted und Quetelet hatten den Anstoss 
dazu gegeben, dass die Sternschnuppenfälle des August und No- 
vember, die sich dui'ch eine weit grössere Frequenz auszeichneten, 
eine allgemeinere und regelmässig fortgesetzte Beachtung fanden. 
Er man versuchte zuerst, ihre Bahn im Welträume zu bestimmen, 
unter der Voraussetzung, dass sie geschlossene Riuge bilden, die 
mit vielen Millionen dieser Körper erfüllt seien; v. Boguslawsky, 
der sie nicht als einen Ring, sondern als einen Schwärm von 



310 GESCHICHTE DER IIIMMELÖKUNDE. 

enger begrenzter Dimension betrachtete, erklärte sieb die Wieder- 
kehr zu bestimmter Jahreszeit dadurch, dass er Umlaul'szeiteu für 
zwei dieser Schwärme annahm, welche ganz oder nahezu mit dem 
Erdjahre übereinstimmen, Petit* in Toulouse beachtete mehr die 
einzeln sich zeigenden Sternschnuppen und suchte die Bahnen zu 
bestimmen, welche sie um die Sonne, möglicherweise auch um die 
Erde besclu'eiben, was Veranlassung gab, von einem „neuen Tra- 
banten der Erde" zu sprechen. 

So standen die Sachen, als 1866 die so vielversprechende 
Wiederkehr des (oder der) Biela' sehen Kometen, von Clausen 
so sorgfältig vorausberechnet, zum allgemeinen Erstaunen nicht 
erfolgte. So gesellte sich zu der noch nicht definitiv beantwor- 
teten Frage: wo sind die Sternschnuppen hergekommen? eine 
zweite astronomische: wo ist der Komet geblieben? und jetzt 
gewinnt es den Anschein, als werde eine und dieselbe Beantwor- 
tung für beide Fragen genügen. 

Die Novembernächte (11. — 13.) des Jahi'es 1865 hatten eine 
solche Fülle von Meteoren — allerdings nicht überall auf der 
Erde — wahrnehmen lassen, dass nur die von Humboldt an 
der Küste von Südamerika 1799 und von Olmsted in Nord- 
amerika 1832 gemachten Beobachtungen damit verglichen werden 
konnten. Hier zeigte sich also eine Periode von 33 Jahren, und 
man hätte 1898 Ähnliches zu erwarten. Die Vorstellung von 
einem mit Äleteoren erfüllten Kinge war damit noch vereinbar, 
sobald man annahm, dass eine einzelne Gegend dieses Ringes viel 
stärker als die übrigen mit Meteoren besetzt sei und diese nach 



* Noch ein anderer Astronom dieses Namens ist anzuführen: 
Pierre PETIT DE MONTE UCON, geh. 1598 am 31. De- 
cetnher, gest. 1667 am 20. Aug. Er war mit Rene Descartes 
genau befreundet und fungirte als Geograph Ludwig 's XIIL 

1660 gab er Observationos aliquot cclipsium. — Dissertatio de longitudine 

Parisii. 
1665 eine Dissertation sur la naturo des comctes, et un discours sur les pro- 

gnostiques des eclipses. 
1066 Lettre sur le joiir ou Ton doit celebrcr la fete des Paques. 

Andere Schriften betreffen Geographie und praktische Geo- 
metrie. 1681 wui'den Petit's gesammte Werke in Nürnberg neu 
herausgegeben. 



DIE XEUESTKN KüMlTTKLUNGEN ÜBEK DIE METEOKITEN. .'i 1 1 

je 33 Jahren den Durchschnittspunkt der Ringbahn mit dem der 
Erdbahn wieder erreiche, was eine Unischwungszeit von (Uesor 
Dauer voraussetzt. Aber bald sollten noch andere und ganz un- 
erwartete Aufschlüsse kommen. 

Drei Coordinateu und ihi-e Differentialiiuotienten gestatten, 
die sechs Elemente einer um die Sonne beschriebenen Bahn zu 
bestimmen. Die Coordinateu selbst gab der Erdort; von den 
übrigen Daten wurden zwei durch die gemeinschaftliche Richtung 
erhalten, die durch den Convergenzpunkt am Himmel ermittelt 
werden konnte; nur das letzte Datum fehlte noch. Erman hatte 
gewünscht, dass man Mittel finden möge, die lineare Geschwindig- 
keit der Meteore zu messen: eine bis jetzt noch nicht verwirklichte 
Hoffnung. Jetzt jedoch trat die Umlaufszeit (33 Jahre) an diese 
Stelle; die Bahnelemente konnten also gefunden werden, und als 
Schiaparelli, gegenwärtig Director der Sternwarte Mailand, diese 
Arbeit unternahm, ergab sich eine Bahn, die in höchst auffallender 
Weise mit der Bahn eines von Oppolzer in AVien berechneten 
Kometen übereinstimmte. Leverrier hatte gleichfalls für das 
Novemberphänomen eine Bahn berechnet, die so gut als ganz mit 
Schiaparelli übereinkommt. Da solchergestalt eine Anregung 
gegeben w'ar, so nahmen auch andere Astronomen, wie Förster 
in Berlin und Peters in Altena, an diesen Untersuchungen Theil, 
und Ixild kam es zur Sprache, dass auch für das Augustphänomen 
sich ein identischer Komet gefunden habe. Wir übergehen die 
Einzelheiten der noch keineswegs geschlossenen Untersuchungen 
und stellen hier nur die Resultate zusammen, die sich aus ihnen 
theils mit Gewissheit, theils mit hoher Wahrscheinlichkeit ergeben 
haben : 

Die innern Kometen (d. h. die von 3^0 Ws G'/o Jahren 
Umlaufszeit, deren Aphelium der Jupitersbahn nahe liegt) zeigen, 
mit einer einzigen Ausnahme, ein nahes Zusammentreffen ihi-er 
Bahn mit der eines Phmeten, so dass wii- jetzt schon solche 
Durchschnittspunkte mit Merkui-, Erde, Mars und Jupiter kennen, 
und nicht unwahrscheinhch giebt es andere, welche mit Saturn, 
Uranus und Neptun ähnliche Durchschnittspunkte haben. 

Durch den Weltenraum zerstreut sind kosmische Wolken, 
d. h. Haufen von Meteormassen. Kommt nun ein Planet von 
hinreichender Masse mit einer solchen Wolke in Beriihi'ung, so 
verdichtet er die ihm zunächst Hegenden Theile derselben zu 
einem Kometen, der fortan in einer besonderen Bahn um die 



312 GESCHICHTE DEK HIMMELSKUNDE. 

Sonne zieht und selbstverstäncllicli den Punkt seiner ersten Ent- 
stehung bei jedem Umlaufe wieder erreicht. Da nun aber der 
Phmet sich dann in ganz anderen Punkten der Bahn befinden 
kann, so ist es möglich, dass ein solcher Komet eine lange Reihe 
von Umläufen ohne wesentliche Störung fortsetzt. 

Aber die Zerstreuung seiner Massen, die wir da, wo sie noch 
dicht genug stehen, als Schweif erblicken, geht fortwährend vor 
sich, und diese sich ablösenden Massen sind die Meteore, welche 
sich an unserer Erde und eben so au den anderen Planeten nieder- 
schlagen. Die dichtesten und frequentesten Meteore werden sich 
zeigen, wenn der Kopf des Kometen mit dem Planeten nahe 
zusammentrifft. 

So wird beispielsweise der Encke'sche Komet fortwährend 
schwächer, denn muthmaasslich schlagen sich Theile von ihm auf 
Merkur nieder, dessen Bahn er durchschneidet, und es ist gar 
wohl möglich, dass wir schon jetzt einzelne Theile des früheren 
Biela' scheu Kometen in unseren Mineralienkabinetten besitzen. 

Sind in dieser Weise die Kometen keine dauernden Weltkörper 
(obgleich manche von ihnen sehr langlebig sein mögen), so haben 
wir uns über die Nichtwiederkehr mancher derselben nicht zu 
wundern, und eben so wenig über das veränderte Ansehen des- 
selben Kometen bei verschiedenen Erscheinungen. 

Indess möge nicht übersehen werden, dass bis jetzt erst für 
einige wenige Kometen die Gewissheit ilirer Identität mit Meteej^-- 
schwärmen vorHegt, und für die grosse Mehrzahl derselben, die 
in ganz oder nahezu jiarabohschen Bahnen laufen, sich noch 
nichts über ihre Entstehung nachweisen lässt. Der Halley'sche 
Komet lässt sich 2000 Jahre rückwärts verfolgen, andere haben 
Umlaufszeiten von Myriaden Jahren gezeigt (der Mauvais'sche 
von 1844 sogar 102500 Jahre), und bei solchen Perioden sinkt 
die Wahrscheinlichkeit des Zusammentreffens mit einem Planeten 
auf ein Minimum herab. 

Wir. fügen noch hinzu, dass nach dieser Ansicht sowohl die 
Durchsichtigkeit der Kometen als auch ihre Wirkungslosigkeit, 
so wie die Unfähigkeit, den Lichtstrahl zu brechen, sich am ein- 
fachsten erklärt. Dass wir in den Kometen, auch den sogenannten 
Kern mit inbegriffen, nichts Cohärentes, nichts massenhaft Ge- 
balltes zu suchen haben, ist längst aus anderen Gründen ver- 
muthet worden, und diese neuesten Ergebnisse tragen dazu bei, 
diese Schlüsse zu bestätigen. 



DIE NKUESTEN EllMITTELUNUEN ÜBEU DIE METEOKITEN. 313 

Wir fügen noch die Bahnelementc liiii/ii, wolclio A(l;iins, 
Schiapurelli nnd Oppolzcr für den butretlendcn Wcltkörpcr 
geben: 

August-Mctcorc. Koiiict ISfJ'J, II. 

Kleinster Abstand . , . 0,9643 0,962G 

Neigung 64° 3' CG« 25' 

Länge des Peiihels . . 343 28 344 41 

Aufsteigender Knoten . 138 IG 137 27 

Bewegung rückläufig rückläufig. 

November -Meteore. Komet ISGG, I. 

Umlaufszcit 33,25 33,13 

Halbe grosse Axe . . . 10,3402 10,3248 

Excentricität 0,9047 0,9054 

Kleinstor Abstand . . . 0,9855 0,9765 

Neigung IG» 46' 17° 18' 

Länge des Perihels . . 6 51 9 2 

Aufsteigender Knoten . 51 28 51 26 

Bewegung rückläufig rückläufig. 



VIERTER ABSCHNITT. 



ABRISS EINER GESCHICHTE DER OPTIK, 

INSBESONDERK 

IN BEZIEHUNG AUF ASTRONOMIE. 



§ 189. 



Die Fortschritte der Optik sind mit denen der Hiramelskimde 
aufs innigste verknüpft, und wir haben ihrer an verschiedenen 
Stellen im Haupttheile dieses Werkes bereits erwähnt. Gleichwohl 
verlangt sie eine zusammenhängende Darstellung, wie Wilde sie 
in seiner Geschichte der Optik zu geben unternommen, leider 
jedoch sein Werk nicht zu Ende geführt hat. Im Nachfolgenden 
haben wir es versucht, die astronomische Optik und Avas damit 
in näherer Verbindung steht, zusammenzustellen, und gehen 
dabei, so weit die Berichte dies gestatten, auf die ältesten Zeiten 
zurück. 

Da nur Euklides, Aristoteles und Ptolemäus in ihren 
eigenen Werken ganz oder doch grösstentheils auf uns gekommen 
sind, so können wir uns rücksichtlich der anderen hier zu er- 
wähnenden Autoren nui' an Berichterstatter, insbesondere Plutarch: 
„Über die Meinungen der Philosophen," und Diogenes Laertius: 
„Biographien berühmter Philosophen," halten. Allerdings steht 
auch bei den auf uns gekommenen Originalwerken nicht durchweg 
fest, was dem Autor selbst und was seinen Commentatoren und 



ABBISS EINEK GESCIUCII'J'K DKU (il'TIK. 315 

Sclioliasten angeliürt. Doch dies sind Mängel, die nicht der Ge- 
schichte der Optik allein, sondern der aller Wissenschaften des 
classischen Alterthunis anhaften, und die durch gewagte Hypothesen 
zu verdecken wir hier nicht unternehmen wollen. 

Die älteste Meinung, die wir z. B. hei Epicur finden, lässt 
den Lichtstrahl vom Auge aus- und zu den geseheneu Ohjccten 
hin gehen, und es scheint, dass das augenhlickliche Sehen auch 
selbst der entferntesten Gegenstände ihnen diese Meiiumg deshalb 
nicht benommen habe, weil sie die Geschwindigkeit des Lichts als 
eine unendhch grosse, also keine Zeit bedürfende, betrachteten. 
Auch Hipparch war noch derselben Ansicht; er glaubt, dass die 
auf die Objccte trcöendeu Lichtstrahlen die Empfindung des Sehens 
in ähnlicher Weise anrege, wie die des Fühlens durch Betasten 
mit den Händen angeregt wird. 

Plato war nicht ganz dieser Meinung. Er liess den Licht- 
strahl allerdings vom Auge, gleichzeitig aber von den Objecten 
ausgehen, und durch das Zusammentreflen beider Strahlen das 
Sehen vermitteln. Da er nun von einem Punkte des Zusammen- 
treffens, zwischen Auge und Object gelegen, spricht, so kann er 
sich die Geschwindigkeit des Lichts nicht als unendhch gross vor- 
gestellt haben. 

Dem gegenüber steht eine als poetisch erhaben zu bezeichnende 
Idee des Porphyrius (im vierten Jahrhundert n. Chr.) : „Nicht im 
Auge, nicht im Object, nicht zwischen beiden ist die Quelle des 
Lichts, die Ursache des Erblickens zu suchen, sondern in der 
Seele des Menschen, die sich selber in den Bildern der Objecte 
sieht. Das Auge ist nichts weiter als ihr Werkzeug." 

Bei Plato ist auch die Bede von den Farben, die er sich 
als äusserst kleine Flammen vorstellt, die von den Objecten ins 
Auge geschleudert werden; während Zeno in ihnen die allerersten 
Grundformen der Materie erbUckt. — Beiläutig sei hier bemerkt, 
dass Pythagoras nur vier Grundfarben: Weiss, Schwarz, Roth 
und Gelb annimmt. Dass er das Blau nicht erwähnt, hat er mit 
dem gesammten Alterthum gemein. Weder die Bibel, noch Homer 
und Hesiod, noch Virgil und Ovid haben eine Andeutung des 
Blau, und da wir auch z. B. von schwarzen Veilchen lesen, so 
hat es in der That den Anschein, als sei das Blau für das Auge 
der Alten gar nicht vorhanden gewesen. 

Der mathematischen Optik war mit allen diesen Ideen wenig 
gedient, und nur die, wie es scheint, allgemein angenommene 



316 GESCHICHTE DER UIMMELSKUNDE. 

gradlinige Bewegung des Lichtstrahls findet in ihr seine Verwerthung, 
und zwar schon im Alterthum. Chrysippus und ApoUodorus 
Hessen die Lichtstrahlen einen Kegel bilden; die Spitze im Auge, 
die Grundfläche am Object; ein Gedanke, den Euklides in seinen 
Theoremen weiter ausbildete. 

Aristoteles, gleich gross als scharfsinniger Philosoph wie 
als gründlicher Naturforscher, verlährt auch in der Optik kritischer 
als seine Vorgänger. Er verwirft die Meinung des Empedokles, 
dass das Licht etwas Körperliches sei. ..Es ist nicht eine Sub- 
stanz, sondern nur etwas, dessen die Substanzen theilhaftig werden ; 
ein Unkörperliches, ein Accidens." Eben so erklärt er sich gegen 
Plato und alle, welche das Auge als Lichtquelle betrachten. 
„Wenn das Auge feuriger Natur ist, warum sehen wir nicht im 
Dunkeln?" Von grosser Wichtigkeit aber ist seine Bemerkung: 
„das Sehen erfolge durch eine Bewegung des Mittels zwischen 
Auge und Object." 

Wir zählen nicht zu denen, die ihr gelehrtes Gewissen nicht 
eher beruhigt fühlen, bis sie alles und jedes, was der Menschen- 
geist geschaffen, im „classischen Alterthum" glücklich heraus- 
gefunden und herausgedeutet haben, und die, gleich den Peri- 
patetikeru am Schlüsse des Mittelalters, unserm Geschlecht bis 
ans Ende der Tage nichts weiter aufbehalten wähnen als das 
Commentiren der alten Classiker. Hier jedoch stehen wir nicht 
an, den wahren Grundgedanken der Undulationstheorie dem 
Stagyriten zu vindiciren. Diese jetzt siegreiche Theorie ist von 
den Neueren nicht zuerst erfunden, sondern nur nach zweitausend- 
jährigem Schlummer Aviedererweckt, wissenschaftlich ausgebildet 
und experimentell begründet worden. 

Was dagegen die Erklärung der Farben betrifft, so ist 
Aristoteles um nichts glücklicher als seine Vorgänger. In den 
Atomen erkennt er nur Weiss und Schwarz, und die Farben ent- 
stehen nach ihm entweder durch eine verschiedene gegenseitige 
Lage derselben, oder durch ein verschiedenes Mischverhältniss, 
und er hält dafür, dass einfache commensurable Verhältnisse die 
schönen harmonischen Farben, incommensurable dagegen die un- 
reinen und Mischfarben erzeugen. So sehen wk- die weissen 
Sonnenstrahlen, wenn sie durch dichten Nebel oder schwarzen 
Rauch hindurchgehen, nicht mehr Aveiss, sondern roth. Darin 
möchte allenfalls eine Andeutung dessen liegen, was im Goethe'schen 
Sinne Farbenlehre heisst; wer es jedoch weiss, wie viel dazu ge- 



ABRISS EINER GESCIIICHTE DER OPTIK. 317 

hört, eine mathematische Theorie der Farl)eii zu h(.--rün(len, Nvinl 
sie gewiss im Alterthume niclit siiclicii wollen. 

Euklides behandelt die Optik mit derselben mathematisclien, 
ins Einzelne gehenden Gründlichkeit, die wir an seinen Elementen 
der Geometrie kennen gelernt liabon. Zwar lüsst er aucli noch 
den Strahl vom Auge ausgehen. Ähidich jedoch, wie es für den, 
der nur eine Erklärung der Finsternisse und der Mondpliasen 
verlaugt, gleichgültig ist, ol) man den Jahre.skreis von der Erde 
oder von der Sonne beschreiben lässt, so bleibt auch die elemen- 
tare Linear-Perspective dieselbe, ob man die gerade Linie vom 
Auge aus oder zu ihm hin zieht. Wenn unter den z.dilreichon 
Theoremen Euklid's, in denen er Optik und Katoptrik behandelt, 
sich einige unbestimmt ausgedrückte, nicht zur Sache gehörende, 
oder auch entschieden falsche befinden, so trügt nicht jener Irr- 
thum in Bezug auf die Lichtquelle, sondern die seinem ganzen 
Zeitalter anklebenden Mängel die Schuld; oder es haben commen- 
tü-ende Halbwisser ihn Dinge behaupten lassen, die seiner un- 
würdig sind, wie dies z. B. von seinem U. Grundsatz der Geo- 
metrie längst vermuthet worden. Denn dass auch in seiner Optik, 
im Ganzen genommen, eine grosse Klarheit, Bestimmtheit und 
Schärfe vorwaltet, kann von Niemand verkannt werden. 

Wir kommen jetzt zu Archimedes und den so verwunderlich 
klingenden Thaten, die ihm zugeschrieben werden, und von welchen 
namentlich die Brennspiegel, mit denen er die römische Flotte 
verbrannte, in unserer Überschau einen Platz beanspruchen. 

Die Meisten halten das Factum, was die Hauptfrage betrifft, 
für erdichtet, und wir schhessen uns diesem Urtheil unbedenklich 
an. Denn 

1) melden Plutarch, Livius und Polybius, die des Ar- 
chimedes ausführlich gedenken, nichts davon; und Lucian, 
150 Jahr nach Archimedes, spricht nur von einem künstlichen 
Feuer, ähnlich wie Galenus von Zündwerkzeugen. Erst der 
700 Jahi- nach Archimedes lebende Anthemius nimmt das 
Factum als etwas allgemein Bekanntes an und ist bemüht, die 
^löglichkeit desselben darzuthuu. 

Dem Anthemius haben sodann Tzetzes, Zonaras, Eusta- 
thius und Andere nachgeschrieben. Zwar beruft sich Anthemius 
auch auf Diodor, Dio Cassius, Heron, Philo und Pappus, 
aber in allem, was von den hier genannten Autoren auf unsere 
Zeit gekommen ist, findet sich nichts dahin Gehörendes. 



3 18 GESCHICHTE DER HIMMELSKmrDE. 

2) Dann aber glauben wir, dass Wilde (Geschiclite der 
Optik I, 39 ff.) ganz Recht hat, wenn er vom wissenschaftlichen 
Standpunkte aus das Factum für unmöglich erklärt. Es soll ganz 
und gar nicht bezweifelt werden, dass Archimedes Brennspiegel 
Verfertigt und mit ihnen Dinge ausgeführt hat, die den Zeit- 
genossen wunderbar und unbegreiflich erschienen. Aber wären 
sie auch so kolossal und zugleich so vollkommen ausgeführt ge- 
wesen als die des Herrn v. Tschirnhausen oder des Lord Rosse, 
so würden sie doch nur auf sehr massige Entfernungen wirksam 
gewesen sein, und es hätte der Arbeit einiger Stunden bedurft, 
um dem Spiegel ganz genau die Richtung und Bewegung zu geben, 
die erforderlich waren, um das Sonnenbild genau auf den be- 
treffenden |Punkt zu richten und auf diesem festzuhalten. Nun 
aber wird die Flotte des Marcellus, die Syrakus belagerte, doch 
gewiss nicht unbemannt gewesen sein. Und die Römer, die dicht 
vor ihren Augen und im hellen Sonnenschein das sie bedrohende 
Ungethüm vor sich sahen, hätten alles dieses ruhig und ungestört 
geschehen lassen? 

Wir setzen die ganze Erzählung auf Rechnung der Wunder- 
sucht, Leichtgläubigkeit und Unwissenheit des Mittelalters, und 
besorgen nicht, dass die Manen des berühmten Syrakusaners uns 
zürnen werden, wenn wir dieses Experiment aus der Reihe seiner 
Grossthaten streichen. 

Heron von Alexandrien, unter Ptolemäus Evergetes lebend, 
beschäftigte sich mit dem Reflexionsphänomen und suchte es zu 
begründen. „Die Summe der Linien, welche den unter gleichen 
Winkeln zurückgeworfenen Strahl bilden, ist kleiner als jede an- 
dere Summe bei ungleichen Winkeln; es liegt aber keine Ursache 
vor, die Lichtsrahlen einen längeren Weg durchlaufen zu lassen." 

Lange Zeit wurde die Optik des Ptolemäus für verloren 
geachtet, bis sie im Anfange dieses Jahrhunderts unter den Manu- 
scripten der Pariser Bibliothek wieder aufgefunden ward. — Er 
giebt richtig die Ursache der Refraction an und untersucht ihre 
Gresetze. Zur Bestimmung des Abweichungswinkels erdachte er 
sich folgendes Instrument: Eine in Grade getheilte Kreisscheibe 
mit einem Stift in der Mitte und zwei Indices, jeder für sich be- 
weglich, versehen, wird bis zur Mitte ins Wasser getaucht, so dass 
einer der Zeiger im Wasser, der andere in trockener Luft sich 
befindet. Letzterer wird nun so gestellt, dass beide eine gerade 
durch den Mittelpunkt gehende Linie erscheinen lassen. Wird 



ABRISS EINER GESCHICHTE DER OPTIK'. 3l9 

sodann das Instrument aus dem "Wasser gezogen, so kann man 
den Abweiclmngswinkel durch eine fiiifaclie Messung bestimmen. 
Ähnlich verfuhr er bei Bestimmung der Breclmng von Luft in 
Glas oder Wasser in Glas. 

Er findet das Verhältniss zwischen dem Einfallswinkel und 
dem gebrochenen Winkel bei demselben Mittel gleich, was an- 
nähernd richtig ist; streng genommen gilt diese Gleichheit nur 
von den Sinus der Winkel. 

Er ist der Letzte, der den Lichtstrahl vom Auge ausgehen 
lässt; auch nach Gründen für diese Behauptung sucht: „Das Auge 
des Menschen glänze, sei also sonnenhaft; ja es habe Menschen 
gegeben, die wie Kaiser Tiberius im Dunkeln auch ohne künst- 
liche Beleuchtung sehen konnten,* und die Augen mancher Thiere 
leuchten im Dunkeln." 

Rom war nur gross in der Kriegskunst; in allen anderen 
Künsten und Wissenschaften hat es nur eine sehr bescheidene 
und untergeordnete Rolle gespielt, und so auch in der Optik. 
Was noch geleistet ward, leisteten die in Rom lebenden Griechen, 
und was wir bei Seneca, Plinius, Yarro mehr gelegentlich als 
absichtlich erwähnt finden, war wenigstens zur Erweiterung der 
Wissenschaft nicht geeignet. Sehr verbreitet waren Spiegel, reich 
verziert, als Luxusgegenstand für das Toilettenzimmer der Damen, 
aus Metall, Stein, Mischungen (von Kupfer und Zinn), selbst schon 
aus Glas. Sie mussten so gross sein, dass man seine ganze Figur 
darin erbhckte. Sie kannten auch umkehrende, vergrössemde (ins 
Unglaubliche, sagt Seneca) und verkleinernde Spiegel; nach ihrer 
Theorie aber fragte Niemand, und der Verfertiger selbst vielleicht 
nicht. 

Des Byzantiners Anthemius (unter Justin L) ist hier noch 
zu gedenken, der aus einer grossen Anzahl sechseckiger Plan- 
spiegel einen Brennspiegel zusammensetzte und in seiner Darstel- 
lung die Wirkung auch theoretisch untersucht. 



§ 190. 

Soll das die Körperwelt erhellende Licht uns näher bekannt, 
sollen seine Gesetze erforscht werden, so muss es selbst durch- 



* Leicht möglich, dass der argwöhnische Despot durch geflissentliche Ver- 
breitung dieser Meinung sich vor nächtlichen Attentaten thunlichst sicherzu- 



320 GESCHICHTE DER UIMIIELSKUNDE. 

leuchtet sein von den Strahlen, deren Quelle wir nur im Geiste 
des Menschen finden. Trüljt sich diese Quelle, wird sie gewaltsam 
abgelenkt oder unterdrückt, so wird auch das Licht im Dunkel 
verborgen bleiben. — Bis in die zweite Hälfte des 13. Jahr- 
hunderts hin haben wir aus Europa hier nichts zu berichten. 
Nur Arabien stellt, als einzigen Optiker jener Zeit, uns Alhazen 
auf, zugleich erster Anatom des menschlichen Auges. Aufs ent- 
schiedenste erklärt er sich dahin, dass nicht das Auge, sondern 
das Object den eigenen oder erborgten Lichtstrahl aussende. Das 
Licht verbreite sich kugelförmig nach allen Richtungen hin von 
jedem Punkte aus. Er giebt uns eine Theorie der Spiegelbilder 
und untersucht erfolgreich die Lage des durch Brechung ent- 
standenen Bildes; giebt die Wirkung planconvexer Glaslinsen an 
und macht darauf aufmerksam, dass das Licht in der Atmosphäre 
unserer Erde nicht allein gebrochen, sondern auch reflectirt werde, 
da ausserdem die Dämmerung nur von sehr kurzer Dauer sein 
könnte. Ebenso untersucht er die Höhe der Atmosphäre und giebt 
ihr 54,000 Schritt. — Lange Jahrhunderte hindurch hat Alhazen 
eines grossen und wohlverdienten Ansehens genossen, allein sein 
Styl ist dunkel und schwierig und in der Aufeinanderfolge der Ma- 
terien wird zuweilen logische Ordnung vermisst. 

Vitello, um 1270 lebend, der sich, wahrscheinlich nach der 
verschiedenen Nationahtät seiner Eltern, Thuringopolonus nannte, 
schrieb sein Werk in Italien. Er hat das Verdienst, den schwer 
verständlichen Alhazen lichtvoller und geordneter dargestellt zu 
haben; er giebt aber in seinem voluminösen Buche (474 enggedruckte 
Folioseiten) auch alles, was Ptolemäus und Euklid enthalten, in 
extenso. Er spricht von dem vergrössernden Glaskugelsegment 
Alhazen's, wobei er ihn aber missversteht und eben dadurch zeigt, 
dass er selbst kein solches Glas wirklich in Händen hatte, und 
wiederholt die Versuche des Ptolemäus über die Grösse der Re- 
fraction in den vcrscliiedenen Combinationen durchsichtiger Mittel, 
bestätigt sie auch grösstentheils, da seine Zahlen mit denen des 
Ptolemäus meistens übereinstimmen. Von den neueren Bestim- 
mungen weichen beide stärker ab. — Den Regenbogen erklärt er 
richtig durch Brechung und Zurückwerfung der Sonnenstrahlen: 



stellen suchte, wie ja auch Domitian die Wände seinos Wohnzimmers mit 
einer spiegelnden Masse überziehen liess, um sehen zu können, was hinter 
seinem Rücken sich ereigne. 



ABßISS EINER GESCHICHTE DER OPTIK. 32 1 

seine Farben, deren er drei unterscheidet (punicus, viridis und 
alurgus) weiss er nur dadurch lierzuleiten, dass sich mehr oder 
weniger Sonnenlicht mit dem feuchten Dunste vermische. Den 
Brennspiegeln eine parabohsche Form zu geben, hält er für das 
richtigste. 

Johann Peckham (1228— 1291), Erzbischof von Canterbury, 
gab einen ziemlich unklaren Auszug aus Alhazen, der nur des- 
halb erwähnt zu werden verdient, weil er sehr viel Auflagen er- 
lebte und Alle, die durch den grossen umfang des Vitello'sclien 
Werks abgeschreckt \vurden, zu ihm greifen mussten. 

Roger Bacon (1216—1294). Einer der genialsten Männer 
nicht seiner Zeit allein (was sehr wenig sagen würde), sondern aller 
Zeiten. Wir haben seiner schon oben gedacht und die Frage, ob 
er Erfinder des Fernrohrs sei, verneinend beantwortet. Es mögen 
hier seine eigenen Worte, die Veranlassung zu dieser Meinung ge- 
geben, Platz finden: 

„De visione fracta majora sunt; nam de facili patet per 
canones supradictos, quod maxima possunt apparere minima, et e 
contra, et longo distantia videbuntur propinquissima, et e con- 
verso. Nam possumus sie figui'are perspicua, et taliter ea ordinäre 
respectu visus et rerum, ut frangantur radii et flectantui', quorsum- 
cunque voluerimus, et sub quocunque angulo voluerimus, ita ut 
videremus rem prope vel longe, et sie ex incredibili distantia lege- 
remus litteras minutissimas, et pulveres et ai'enas numeraremus 
propter magnitudinem angidi, sub quo videremus; et maxima 
Corpora de prope vix videremus propter parvitatem anguh. Et 
sie possit puer apparere gigas, et unus homo videri mons, et in 
quacunque quantitate, secundum quod possemus hominem videre 
sub angulo tanto, sicut montem, et prope ut volumus, et sie par- 
vus exercitus videretur maximus, et longe positus appareret, et e 
contra. Sic etiam faceremus solem et lunam, et Stellas descendere 
secundum apparentiani hie inferius, et similiter super capita ini- 
micorum apparere, et multa consimilia, ut animus mortalis ignorans 
veritatem non posset sustinere." 

Die Canones, auf welche Baco sich im Anfang dieser Stelle 
beruft, erwähnen nirgend einer Linse, ja es wird darin nicht ein- 
mal des Glases überhauj)t gedacht. 

Man sieht zur Genüge, dass Baco sich Werkzeuge gedacht 
habe, die das Angefühi-te leisten sollen, aber ebenso unzweifelhaft 
folgt daraus, dass er sie nicht besessen. Kein Fernrohr macht 

V. Madler, Geschichte der Himmelslaimlc. II. "^ 



322 GESCHICHTE DEU HIMMELSKUNBE. 

ein Kind zum Riesen, ein kleines Heer zum grossen, einen Mann 
zum Berge u. dgl. Ein wirklich gelungener Versuch würde ihn. 
auf der Stelle überzeugt haben, dass dies unmöglich sei. Seinem 
Geiste mochte dies vorschweben und er mag auf dem Wege ge- 
wesen sein, etwas derartiges zu erfinden, aber dass er es nicht ge- 
funden, geht deutlich aus dieser Stelle hervor. Er spricht in 
Optativen, er hält seinen Zeitgenossen und Nachfolgern ein Ziel 
vor, das sie erstreben sollen, und seine lebhafte Phantasie lässt es 
ihm als gegenwärtig erscheinen. 

Weiter spricht er davon, dass man nach Plinius' Bericht 
mehrere Sonnen und Monde gleichzeitig gesehen habe, was er den 
Dünsten zuschreibt, die dann wie Spiegel wirken. Was aber die 
Natur vermöge, das müsse die Kunst nachmachen können; — ein 
Satz, dem jetzt wohl Niemand mehr beipflichten wird. 

Er ist ein Kind seiner Zeit, wie selbst die grössten Geister es 
waren; es spiegelt sich in seinen Werken die ganze Thaumaturgie 
und Leichtgläubigkeit jener Zeit ab, von der so zahlreiche Beweise 
vorHegen. Vielleicht hätte er etwas erfunden, wenn sein äusseres 
Schicksal nicht ein so überaus trauriges gewesen wäre; denn dass 
er der Erfindung näher stand als seine Zeitgenossen, kann man 
wohl nicht bezweifeln. 

Um diese Zeit wurden die Brillen erfunden; es ist nicht 
sicher zu ermitteln ob von Salvino degli Armati (f 1317) oder 
bereits früher ; und ebenso wenig erhellt, ob Baco's Arbeiten und 
Versuche damit in Verbindung stehen. 

Wirkliche Verdienste hat Baco um die Theorie der sphärischen 
Spiegel; er beweist den Satz, dass nur die Strahlen, die in dem- 
selben Kreise um den Pol des Spiegels herum einfallen, auch nach 
demselben Punkte der Axe reflectirt werden. Es gebe also un- 
endlich viele Vereinigungspunkte der Strahlen. Er hat also zuerst 
die sphärische Längenabweichung gefunden und ihr Vorhandensein 
nachgewiesen. Vitello hatte sie nur vermuthet. 

§ 19L 

Abermals verfliessen reichlich zwei Jahrhunderte, aus denen 
wir keinen Namen antreffen, der die Optik wesentlich gefördert 
hätte, so grosser Antrieb dazu auch in den zahlreichen Ent- 
deckungsfahrten jener Zeit gegeben sein mochte. Erst nachdem die 
Welt durch andere grossartige Arbeiten und Erfindungen eine neue 



ABßlSS EINER GESCHICHTE DER OPTIK. 323 

Gestalt gewonnen hatte, im Anfange des IG. Jahrhunderts, treffen 
wir wieder auf Einzelne, die hier eine Stelle beanspruchen. So 
Anton Thylesius, ein Zeitgenoss Luther's, der in seinem Büch- 
lein de colorihus auf die Unbestimmtheit der Farbenbenennungen, 
namentlich bei den Lateinern, hinweist und Vorschläge macht, 
durch eine bestimmtere Etymologie der Verwirrung ein Ende zu 
machen. Auch Cardanus macht einige Bemerkungen in diesem 
Sinne und geräth darüber mit Seal ig er in eine literarische Fehde. 
Bernardo Telesius (1508—1588) knüpft an die Optik des Ari- 
stoteles an und erhebt einige Zweifel gegen dessen Farbentheorie. 

Bedeutender ist die Magia Naturalis des vielgenannten Bap- 
tista Porta (1543 — 1615), die er, seiner Versicherung zufolge, 
im 15. Lebensjahre geschrieben hat. Das Werk machte in seiner 
Zeit ein ungeheures Aufsehen und es ward in viele Sprachen 
übersetzt. Durch diesen raschen Erfolg aufgemuntert, machte er 
Reisen nach Italien, Franl£reich und Spanien, „um seine Kennt- 
nisse zu vermehren und die auf einander folgenden Auflagen des 
Buchs immer vollkommener zu machen." Dieses Werk ist ein 
treuer Spiegel seiner Zeit. Mit dem crassesten Aberglauben, mit 
dreisten, zuversichtlichen Behauptungen, mit welchen er seine Un- 
geheuerHchkeiten darstellt und Autoritäten für sie vorführt, gleich- 
viel, ob sie existirt haben oder nicht, sind einzelne richtige Be- 
merkungen gemischt, die Zeugniss geben von der Genialität 
ihres Verfassers und sich als wirkliche Goldkörner unter der 
Spreu finden. 

Von den 20 Kapiteln seines Werks, deren sonderbare Über- 
schriften in ihrer Reihenfolge er aus einem Lotterierade gezogen 
zu haben scheint, kann nui- das 17. uns näher interessiren. Es 
handelt vom Winkelspiegel, dessen Erscheinungen er ganz 
richtig durch wiederholte Reflexion erklärt und die Anzahl der 
Bilder im umgekehrten Verhältniss zur Grösse des Neigungs- 
winkels findet. Er zeigt ferner, dass sämmthche Bilder in einem 
Kreise um die beiden Spiegeln gemeinsame Kante herum hegen, 
so wie dass sie symmetrisch sind. 

Den Brennpunkt eines Hohlspiegels bezeichnet er als punctum 

inversionis imaginum, weil in ihm die Bilder sich umkehren. Er 

beschreibt und erklärt die Erscheinungen in demselben ganz richtig, 

führt auch an, dass man, im Brennpunkt eines grossen Hohlspiegels 

stehend, Worte deutlich vernommen habe, die in beträchtlicher 

Entfernung leise gesprochen wurden. 

21* 



324 GESCillCHTk DEk HDIMELSKUNDE. 

Ferner ist er Erfinder der Camera obscura, deren Gebrauch 
er schildert und dabei bemerkt: „Es unterHegt Iceinem Zweifel, 
dass unser Auge eine solche Camera obscura ist, in welche das 
Licht von aussen her kommt. Die Pupille vertritt die Stelle der 
Öffnung im Fensterladen; die Krystalllinse aber die der weissen 
Wand." 

Endlich, was hier das Wichtigste ist, spricht er von den Wir- 
kungen convexer und concaver Glaslinsen ganz richtig und fährt fort : 

„Concavae lentes, quae longe sunt, clarissime cernere faciunt; 
convexae propinqua, unde ex visus commodidate his fruere poteris. 
Concavo longe parva vides, sed perspicua, convexo propinque 
majora, sed turbida. Si utrumque recte componere noveris et lon- 
ginqua et proxima majora, sed clara videbis. Non parum multis 
amicis auxilii praestitimus, qui et longinqua obsoleta, proxima 
turbide conspiciebant, ut omnia perfectissima contuerentur." 

Wenn dies nun nicht das Fernrohr selbst ist, so muss jeden- 
falls gesagt werden, dass Porta der Erfindung ganz nahe ge- 
kommen war. Er spricht aber von der Sache blos beiläufig, ohne 
seine sonstige Ruhmredigkeit, sagt nur, dass er der Augenschwäche 
seiner Freunde dadurch abgeholfen habe, und im weiteren Ver- 
laufe sind seine Worte ganz undurchdringlich und er will augen- 
scheinlich nur seine Unwissenheit hinter ihnen verbergen. Hat er 
die beiden Gläser blos auf einander gelegt? So vermuthet es 
La Hire, und die Worte scheinen es anzudeuten. Oder hat er 
sie in eine passende Entfernung gebracht? Wenn Letzteres, so hat 
er jedenfalls die Entdeckung nicht weiter verfolgt, was unbegreiflich 
wäre bei einem denkenden Manne, dem die ungemeine Wichtig- 
keit einer solchen Wahrnehmung doch gewiss nicht entgehen 
konnte. 

Hätte Porta seinem Texte erläuternde Figuren beigegeben, 
so würde aller Zweifel gehoben sein. — Übrigens hatten schon 
lange vor Porta's Auftreten Fracastor und Cabacus durch 
Aufeinanderlegen zweier Linsengläser ähnliche Wirkungen hervor- 
gebracht, wie aus ihren Äusserungen unzweideutig hervorgeht. 

Nur mit innigem Bedauern verweilt unser Blick bei einem 
Manne, der — wie das hier Angeführte nicht zweifeln lässt — 
Besseres und Würdigeres leisten konnte, und der aus Gewinnsucht 
oder andern noch verwerflicheren Motiven den Thorheiten seiner 
Zeit in dieser Weise fröhnt, ja an ihre Spitze tritt. Auch andere 
Forscher dieser Zeit sind nicht ganz freizusprechen von einer 



ABRISS Ens'EK GKSCHfCHTK IJKK (ll'TlK. 325 

solchen Accommodation, aber sie thaten es mit sichtlichem Wid.-i- 
streben, und Jeder, der zwischen den Zeilen zu lesen versteht, 
wird die Indignation hindurchfühlen, mit der z. K ein Kepler 
astrologische Deutungen giebt, die sein Kaiser von ihm gefordert 
hatte. Aber sich zum Monuis zu erniedrigen, um den lauten Markt 
zu unterhalten — das hätte ein Porta Denen überlassen sollen, 
die des Grossen und Edlen unfähig, bei diesen Possenreissereien 
wenigstens nichts weiter versäumen. 

Franz Maurolycus, ein vielgenannter Optiker (1494— 1577). 
Sein Vater war, vor dem Schwert der Türken fliehend, aus Con- 
stantiiiopel nach Messina gezogen. Franz begleitete Karl V. auf 
seinem algierischen Zuge, erwarb durch seine hervorragenden 
Kenntnisse dessen besondere Gunst und konnte sich, glücklicher 
als Baco, ein langes Leben hindurch ungestört und sorgen- 
frei seinen Forschungen widmen. Nur musste er sich gefallen 
lassen, dass der grosse Haufe ihm eine Vorhersagung zuschrieb — 
die des Sieges von Lepanto. 

Obwohl durch manche wichtige Arbeit ausgezeichnet, hat er 
sich doch am meisten bekannt gemacht durch Erklären und Com- 
mentiren der alten Optiker. In seinen „Photisnü de hunine et 
tunbra" behandelt er die schon von Aristoteles aufgeworfene, 
aber sehr ungenügend beantwortete Frage, weshalb das Sonnen- 
bild, durch eine kleine eckige Öffnung aufgefangen, gleichwohl 
rund erscheine. Er beantwortet sie richtig dahin, dass das Kreis- 
bild entstehe durch die Peripherien vieler Kreise, die einander 
nahezu decken, desto näher, je kleiner die Öffnung ist. Seine kat- 
optrischen Untersuchungen stehen entschieden denen von Porta 
nach, weshalb wir sie hier übergehen. Werthvoller ist das, was 
er über Brechung mittheilt; seine Regenbogentheorie ist unnöthig 
gekünstelt, doch im Ganzen richtig. Er unterscheidet in ihr vier 
Hauptfiirben: croceus, viridis, coeruleus, purpureus, und Ueber- 
gänge zwischen ihnen.* Wichtig sind die Untersuchungen, die er 



* Die Zahl der Regenbogenfarben ist beliebig, oder besser gesagt, un- 
endlich gross, denn auf jedem Punkte des Bildes zeigt sich Übergang. Die 
Annahme von so oder so viel Farben ist weit eher ein Maassstab für den 
Sprachreichthum, rücksichtlich der Farbenbenennung, als für das Prismenbild 
selbst. Newton hatte anfangs sechs Farben angenommen; der Heptomanie 
seiner Zeit zu Gefallen schob er zwischen Blau und Violett noch Indigo ein, 
denn damals gab man sich in solchen Dingen nicht eher zufrieden, bis die 
geheiligte Sieben glücklich zu Stande gebracht war, 



326 GESCHICHTE DEK limMELSKUNDE. 

über die Krystallinse des Auges anstellte, um uuter andern dadurch 
die für ein bestimmtes Auge passende Form der Brillengläser zu 
ermitteln. 

Gerechtem Tadel setzte er sich aus durch eine Tabelle, in der 
er die Dui'chmesser der Himmelskörper, selbst die der entferntesten 
Fixsterne, in ihrem Verhältniss zum Erddurchmesser angiebt, eine 
fast unbegreifliche Ueberschätzung der Kräfte nicht seiner Zeit 
allein, sondern aller Zeiten. Man kann sie, und zwar in breitester 
Ausführlichkeit, in des Cardinal Clavius Commentar zum Sacro- 
bosco finden. 

Baco von Verulam (1560 — 1626), der Vielgenannte, zählt 
in der Optik, wie in der gesammten Natui'forschung eigenthch nui* 
zu den Geistern, die verneinen. Denn weit entfernt, den Umfang 
des Wissens zu vermehren, richtet er seine scharfe und nicht selten 
auch gerechte Kritik gegen die ganze Art und Weise, "wie die 
Wissenschaften zu seiner Zeit und bis zu derselben betrieben 
wurden; fordert Facta, nicht Systeme. In Beziehung auf Optik 
wäre besonders sein Novuin Organon zu nennen. Die Befolgung 
seiner zwar nicht durchaus neuen, aber von ihm zuerst mit dieser 
Schärfe und Bestimmtheit formulirten Grundsätze ist nicht ohne 
heilsamen Einfluss geblieben dadurch, dass Andere ihn besser ver- 
standen als er sich selbst. 



§. 192. 

DIE ERFINDUNG DES FERNROHRS. 

Die schon so lange schwebenden,, ja theilweise noch heute 
nicht erledigten Streitigkeiten über diese denkwürdige Erfindung, 
wie der unermessliche Einfluss, den sie auf Gestaltung der Wissen- 
schaften überhaujit und der Himmelskunde insbesondere gehabt hat, 
rechtfertigen es gewiss, wenn wu" bei ihr länger verweilen und 
nichts übergehen, was als hierher gehörig betrachtet werden kann. 
Nur so wird man, so weit dies überhaupt möglich, den ver- 
schiedenen Ansprüchen gerecht werden können. 

Dagegen sollen die Leser nicht mit den Angriffen, die dieses 
Werkzeug erfahren hat von Seiten der geistigen Kurzsichtigkeit, 
der es freilich nicht wie der körperlichen direct Abhülfe zu bringen 
vermochte, behelligt werden, wie wii' denn überhaupt ähnlicher 
Unwürdigkeiten nur dann und nui' in so weit gedenken wollen, 



ABRISS EINKK OKSCllICHTI'; DKK Ol'TIK. 327 

als es unumgänglich erforderlich ist. Die Hiniinelskuiidc ist /u 
fest begründet und innerlich zu consc(|uent, als dass sie iiöthig 
hätte, durch eine förmhche Vertheidigung ihren (iegnern eine 
Ehre anzuthun, welche sie nicht verdienen. 

Schon oben ist des Anspruchs gedacht worden, der zu 
Gunsten Baco's, Porta's und Fracastor's von Einigen erhoben 
worden ist. Aber schon viel früher, im classischen Alterthum, 
finden wir einige liier nicht zu übergehende Andeutungen. So er- 
zählt der unki'itische und leichtgläubige Diodorus Siculus, dass 
Hekatäus und andere, nicht auf uns gekommene Autoren, von 
einer Insel sprechen, nicht kleiner als Sicilien und den Gelten 
gegenüber gegen Norden (also England), auf der man den Mond 
so nahe sehe, dass man auf ihm etwas den Bergen unserer Erde 
Ähnliches wahrnehmen könne. So unwahrscheinlich es nun auch 
ist, dass die alten Briten zur Zeit Alexander's des Macedoniers 
Fernröhre besessen hätten, so ist es doch noch weit unwahrschein- 
Ucher, dass ein Volk von einer so hohen Gulturstufe in kaum 
drei Jahrhunderten zu dem Zustande der Barbarei herabsinken 
sollte, in dem Gäsar und die übrigen römischen Feldherren 
es antrafen. — Übrigens kann unter günstigen Umständen zur 
Zeit der Quadi-aturen ein scharfes, unbewaffnetes Auge aller- 
dings etwas sehen, das auf Berge im Monde schHessen lässt, 
und die ganze Stelle führt weit eher auf die Vermuthung, 
Diodor habe geglaubt, man sei dort dem Monde wirkhch 
näher. 

Wenn ferner von Röhren gesprochen wird, mit denen Ptole- 
mäus Evergetes von der Insel Pharos aus die Bewegungen der 
Feinde beobachtet habe, so ist wohl nur an offne Röhren zu 
denken, deren man sich bediente, um die Seitenstrahlen abzuhalten 
und den Gegenstand besser zu sehen. 

Ditmar, Bischof von Merseburg (um 1020), im Chronicon 
MartisbuTfjcnse sagt: „Gerbertus (der spätere Papst Sylvester II) 
optime callebat astrorum cursus discernere, et contemporales suos 
variae artis notitia superare. Hie tandem a finibus suis expulsus, 
Ottonem petiit imperatorem, et cum eo diu conversatus, in Magde- 
burg horologium fecit, illud recte constituens, considerata per 
fistulam quadam Stella, nautarum duce." 

Also eine Uhr, die durch Beobachtung des Polarsternes re- 
guhrt wird. Dazu bedarf es, -^vie jeder Astronom weiss, emer 
Fixirung des Meridians, für die stets gesorgt .werden muss, 



328 GESCHICHTE DEK HIMMELSKUNDE. 

mochte man ein Fernrohr haben oder nicht. Die fistiüa, ein fest 
aufgestelltes Kohr, ist dazu ganz geeignet. 

Endlich erwähnt Cysatus in seinem Werke de loco, mohi, 
magnitudine et causis cometae, qui sub finem anni 1618 et initium 
anni 1619 fuhit, Ingolstadt 1619; es finde sich in der Bibliothek 
des Klosters Scheyern ein 400 Jalir altes Manuscript, in dem 
ausser andern Bildern ein Astronom, der durch ein Fernrohr be- 
obachtet, dargestellt sei. Da alle solche Bilder, wie sie auch in 
neueren Schriften häufig vorkommen, nur das Rohr selbst, nicht 
aber die darin befindlichen Gläser zeigen, so ist auch die Be- 
zeichnung des Cysatus, (der die in Holland gemachte Erfindung 
schon kannte und gebrauchte) nur eine Conjectur, aus der nichts 
Positives geschlossen werden kann. 

Überhaupt kann auf Äusserungen, die nach gemachter Er- 
findung datiren, aus nahe liegenden Gründen wenig Gewicht ge- 
legt Averden. So nimmt Thomas Digges für seinen 1574 gestorbenen 
Vater, den Mathematiker Leonhard Digges, die Erfindung in An- 
spruch. Hooke, der dieses Anspruchs gedenkt, setzt hinzu, schon 
Porta habe die Erfindung gemacht. Hieraus ist wohl zu schliesen, 
dass Digges wie Porta Versuche gemacht haben, ohne weiter zu 
kommen als dieser. 

Wohl können Erfindungen wieder verloren gehen, und wir 
haben thatsächlich manchen Verlust der Art zu beklagen. Aber 
Erfindungen wie Buchstabenschrift, Compass, Bücherdruck und 
Fernrohr gehen, einmal gemacht, nicht verloren; Geheimniss- 
krämerei vermag auf die Dauer gegen sie eben so wenig als An- 
feindung und Verfolgung; erobernd durchschreiten sie den Erd- 
kreis und gehören fortan der Menschheit, die einen solchen Schatz 
sich nicht wieder rauben lassen wird. 

Der Kuhm der wirklichen Erfinder aber wird nicht ge- 
schmälert durch das Zugeständniss, dass Versuche und unvoll- 
ständige Erfolge ihnen vorhergingen und ihnen den Weg bahnten, 
auf dem es ihnen gelang, das Ziel zu erreichen. Der Genius der 
Menschheit ist es, der die Erfindungen macht und sie zu rechter 
Zeit macht, die Namen, welche sie tragen, bezeichnen Diejenigen, 
in denen dieser Genius sich verkörperte. 

Bei der Wichtigkeit des Gegenstandes wird es von Interesse 
sein, die gerichtlich aufgenommene Acte über diese Erfindung 
hier mitzutheilen : 

„Nos Consules, Scabini et ConsiHarii civitatis Middelburgi in 



ABKlb.S KINKK GESCHICHTE DER (H'IIK. 329 

Selandia jussimus, aiuliri et cxaminari Joanne in Zach arid ein, 
confectorem conspiciliorum in civitate nostra, actatis ciui esset 
annoriim quinquaginta duorum, ut etiam Saram Goedardani, 
qui inhabitat aedes, quarum signum est crux aurea, in porta 
interiori hujus civitatis, de cognitionc certa, quae apud illos siniul 
et singulos eorum esset: quisnam videlicet liomo in hac dicüi 
civitate prima conspicilia longa, sive telescopia confecerit. Uli ad 
inteiTogata responderunt et declararunt liaec, qnae sc(iuuntur. 

„Et primo praedictus Joannes Zacharides affirmavit, illa tele- 
scopia primum esse inventa et confecta a patre suo, cui nomen 
erat Zacharias Joannides, idque contigisse, ut saepe inaudi- 
verat, in liac civitate anno 1590. Quod tarnen longissimum tele- 
scopium, illo tempore confectum, non excessit 15 aut IG pollicum 
longitiidinem. Affirmavit, tunc duo talia telescopia oblata fuisse, 
unum videlicet illustrissimo principi INIauritio, alterum vero 
Archiduci Alberto, et tanti similis longitudinis in usu fuisse usque 
ad annum 1618. Tunc demum (ut affirmavit hie testis) ipse et 
pater ejus, nempe praedictus Joannes et Zacharias Joannides, 
invenerant fabricam et compositionem longiorum telescoi)iorum, 
quibus etiam nunc utuntur nocte ad inspiciendas Stellas et lunam. 
Insuper affirmavit, quendam, nomine Metium, * anno 1620 adve- 
nisse Middelburgum, et comparasse tale telescopium, cujus con- 
fectionis modum conatus est imitari, quantum potuit. Idem et 



Adriaii METIUS, s. Bd. 1, pag. 212. Seine Arbeiten sind 
vorherrschend mathematische und er hat die Zahl n bis auf 
27 Dezimalstellen berechnet. Seine erste Schrift von 15'.t2: 
Doctrina spliaerica libri V, ist in Frankfurt 1598 in zweiter Autlage 
erschienen, alle späteren in Holland, wo er in Franecker die 
Professur der Mathematik bekleidete. Es sind hier zu bezeichnen 
die Instituüones astronomicae in 3 Bänden, wovon 3 Auflagen er- 
schienen, die Astronorida practica von 1611, ein Tractatus de usu 
utriusque glohi von 1624, die ProUeinata von 1625, das Astro- 
labium, 1626, und das Primum mobile von 1631. Viele machen ihn 
zum theoretischen Erfinder des holländischen Fernrohrs, nach 
dessen Ideen die Middelburger Optiker gearbeitet hätten. 

Seine gesammten Werke erschienen unter dem Titel: 
Opera omnia astronomica et mathematica. Editio nova a Guilielmo 
Bleau. Amsterdam 163ü. 



330 GESCHICHTE DEK HDDIELSKUNDE. 

tentasse Corneliuui Drebellium. Insuper clixit hie testis, cum 
haec sunt inventa, patrem suuni inhabitasse aediculas, quae sunt 
in cocmetario tcmpli uovi, ubi uunc subhastatio rerum publice fit. 

„Post liaec auclita est et deposuit Sara Goedarda, et affir- 
mavit, jam esse 42 aut 44 annos circiter (nam de certo praefixo 
tempore nou poterat dicere) cum conspicilia longa iu hac civitate 
primum a fratre ejus, Zacbaria Joannide, jam mortuo, confecta 
sint, qui habitavit aedes prope monetam, junctas templo novo. 
Scientiae suae rationem dixit, quod illa vidisset inuumeris vicibus 
fratrem conficientem talia telescopia. 

„In fidem dictorum Nos Consules et Scabini praedicti haec 

sigillo minori nostrae civitatis jussimus firmari, et per unum ex 

numero secretariorum nostrorum subscribi, tertio die mensis Martii 

anno 1655. o i • 

,j (^ X oubsignatum 

Simon van Beaumont." 

Da die Glaubwürdigkeit eines von so nahen Verwandten ab- 
gelegten Zeugnisses Manchem nicht genügend erscheinen mochte, 
so fügt Borellus (dessen Schrift de vero telescopii inventore wir 
obiges Actenstück entlehnt haben) noch einen an ihn selbst ge- 
richteten Brief des holländischen Gesandten Borelius hinzu, datirt 
Paris 9. Juli 1655. In diesem heisst es, dass er, 1591 in Middel- 
burg geboren, ein Spiel- und Jugendgenoss des oben aufgeführten 
Zeugen, oft gehört habe, dessen Vater Hans habe die Mikroskope 
erfunden, und eins derselben dem Prinzen Moritz, das andere 
dem Erzherzog Albert übergeben. Borelius sah 1619 als Ge- 
sandter in England des letzteren Mikroskop ; es war IV2FUSS lang, 
das Rohr hatte 2 Zoll Durchmesser, es stand auf drei erzenen 
Delphinen und diese auf einem Fussgestell von Ebenholz. Erst im 
Jalire 1610 wurden die längeren Fernröhre zu astronomischem 
Gebrauch erfunden und dem Prinzen Moritz überreicht, der sie 
zum Recognosciren im Kriege gegen die Spanier benutzte, eben 
deshalb es aber auch allein für sich behalten wollte. Reichlich 
beschenkte er den Erfinder, um auch ihn die Sache geheim halten 
zu lassen. Da sei ein Mann, der von der Erfindung etwas gehört, 
nach Middelburg gekommen, zufälhg aber nicht zu dem Erfinder, 
sondern zu dem in der Nähe wohnenden Brillenmacher Laprey 
(Lippersheim) gegangen. Dieser Laprey habe sorgfältig alles, 
was jener Fremde ihm sagen konnte, gemerkt, hernach im Stillen 
selbst Versuche angestellt und ein Fernrohr zu Stande gebracht, 



ABKISS KINEK GE.SCIIICHTI-; UlÜi (il'TIK. 3;{1 

sie auch zuerst zum Verkauf ausgestellt. Metius und Dr(;l)l)rl 
dagegen seien nicht zu Laprey, sondern zum wahren Erfinder 
gekommen, um die Einrichtung kennen zu lernen. 

Hieronymus Sirturus, der 1618 „über Fernröhre" sclirieb, 
hat gleichfalls die Erzählung von dem Manne, der zu Lippers- 
heim gekommen, weiss jedoch nichts von Jansen und behaui)tet 
sogar, Lippersheim sei der einzige Brillenmacher in Middelburg 
gewesen. — Ebenso macht Schyrlaeus de Rheita, der 1645 
schrieb, Lippersheim zum Erfinder, ohne eines Jansen zu ge- 
denken. 

Und endlich findet sich bei Borelli eine zweite, an demselben 
Tage und von denselben Personen, wie die obige, aufgenommene 
gerichtliche Acte, mit denselben Eingangs- und Schlussworten, in 
welcher als Zeugen für Laprey 's Ansprüche auftreten: 

1) Jacobus Wilhelmi, custos aedium aerarii mercatorii, 
70 Jahr alt, 

2) Adwoldus Kien, nostrae civitatis nuntius Antwerpiensis, 
67 Jahr alt, 

3) Abraham Junius, in hac civitate faber ferrarius, 77 Jahr alt, 
und diese sagen aus: 

1) Virum illum nominatum fuisse Joanuem Laprey um, et 
habitasse in vico hujus civitatis, dicto Caponario, in aedibus ipsis, 
quas in praesenti inhabitat sartor pannarius, aut vicinas eas, de 
quo dubitat. Dixit, illum ipsi notum fuisse, dum conspicilia faceret, 
et etiam postea, cum tubos longos sive telescopia ftibricaret, et 
hoc factum esse jam ante elapsos fere 50 annos. Ait, dictum 
Laprey um mortuum esse, ut putat, jam 20 annis praeteritis, sed 
bene ipsi constare, Lapreyum illum in hac civitate obiisse. Ila- 
tionem depositionis addidit, quod hie testis ipsi vicinus propior 
fuerit, ex distantia solummodo quatuor aut quinque domuitni, 
et bene notum ipsi esse, insuper dictum Joannem Lapreyum, 
cum primum telescopium ab ipso constructum obtulisset Mauritio 
principi, ab Excellentia illius dono donatum fuisse, sicut tum tem- 
poris inaudivit. 

2) deposuit et declaravit nomen hominis istius, qui telescopia 
solebat facere, Joannem Lapreyum Vesalium, et habitasse in 
hac civitate in vico Caponario, contra templum novum aedibus 
junctis, quibus iusigne erat telescopium, juxta domum, cujus signum 
est serpens, quarum aedium proprietarius fuit Laprey us. Affir- 
mavit etiam hie, anno 1610 incepisse Lapreyum conücere dicta^ 



332 GESCHICHTE DER HI5IMELSKÜNDE. 

telescopia, mortuiim vero esse mense Octobri 1619 et ibidem sepul- 
tum esse. Rationem addidit hie testis scientiae suae, qiiod 
Lapreyi istius filiam in uxorem habuerit, et quod dictiis Lapreyus 
dominis ordinibus, et Mauritio principi ex telescopiis suis aliqua 
obtulit sub donativo, et privilegio in triennium ipsi concesso. 

3) attestatus fiiit et declaravit, primura hominem, qui in hac 
civitate tubos longos confecit, nominatiim fuisse Hans; id est 
Joannem, non observato cognomine ipsius, sed vulgo diclo 
Joannem conspicilificem, eumque inhabita ssevicum Caponarium 
hujus civitatis, quamquam ignoret, quibus praecise in aedibus, et 
jam elapsis circiter 45 aut 46 annis, Joannem illum prima 
conspicilia illa longa fabricasse, ipsumque innotuisse liuic testi 
multis annis ante, cum nondum conspicilifex esset, sed opera erat 
fabri murarii. Rationes scientiae suae dedit, quod bic testis in 
vicinia ipsius Joannis in vico, de Wall dicto, iisdem in aedibus, 
quibus nunc, inhabitavit per annos fere 50, et exequias ipsius 
Joannis comitatus est. Ait etiam, vere se uosse et saepe inau- 
divisse, praedictum Joannem fecisse tubos longos, et telescopia 
in usum illustrissimo principi Mauritio. 

Endlich bat sieb in neuerer Zeit ein Document aufgefunden, 
in welchem gesagt ist, dass Lippers heim am 2. October 1608 
den Generalstaaten von Holland ein Fernrohr übersandt und um 
ein Patent darauf nachgesucht habe, welches ihm auch ertheilt 
worden, und in Folge dessen er ein zweites Fernrohr im December 
1608 eingereicht habe. In beiden Instrumenten war statt des 
Glases Bergkrystall angewandt. (Vgl. G. Moll, Geschiedkondig On- 
derzoek naa de eerste Uitßnders des Vernhjkers, Amsterd. 1831. 

§ 193. 

Wir haben alles Wesentliche zusammengestellt, was sich aus 
den Original-Documenten ergiebt, und halten dafür, dass sich die 
Summa in folgender Weise ziehen lasse: 

1) Die Erfindung des Fernrohrs ist in der holländischen 
Stadt Middelburg, in der Provinz Seeland, im Jahre 1608 gemacht 
worden. 

2) Der Erfindung des wirklichen Fernrohrs ging die des zu- 
sammengesetzten Mikroskops vorher, und die eine Entdeckung hat 
zu der andern geführt. 

3) Das erste Fernrohr ist dem Prinzen Moritz von Nassau- 



ABRISS KINKR GESCIIICIITK DKU OPTIK. 333 

Oranien während des Krieges mit Spanien übcncictht worden, der 
den grossen Nutzen, den es im Kriege leisten konnte, schnell er- 
kannte. 

4) Wahrscheinlich haben beide Competenten, einander nahe 
wohnend und auf das gleiche Ziel hinarbeitend, nahe gleiclizeitig 
und unabhcängig von einander, die Erfindung gemacht, auch wohl 
beide die Erstlinge derselben dem Prinzen Moritz überreicht. 

5) Indess sprechen die gewichtigen und zahlreicheren Zeug- 
nisse, was die erste Erfindung betrifft, für Laprey, während 
Z. Jansen's Anspruch nur auf dem Zeugniss seines Sohnes und 
seiner hochbejahrten Schwester beruht, da Borelius auch nichts 
weiter weiss, als was der Sohn ihm erzählt hat. Die zusammen- 
gesetzten Mikroskope dagegen scheint Jansen früher erfunden zu 
haben. Jedenfalls ist Laprey durch diese Erfindung bekannter 
geworden als Jansen. 

Wilde in seiner Geschichte der Optik, Berlin 1838, der aber 
wohl das zuletzt erwähnte Document noch nicht kannte, entschied 
sich für Z. Jansen. 

Es erübrigt nun noch, der weiteren Ansprüche zu gedenken, 
die gleichzeitig oder bald darauf erhoben worden sind. 

Der Jesuit Fontana trat 164G mit der Behauptung auf, er 
habe das Ferni'ohr schon 1608 erfunden. Aber Zupus, auf den 
er sich beruft, sagt nur, dass er seit 1614 gesehen, wie Fontana 
ein solches gebraucht habe. — Dieser Anspruch auf die Priorität 
ist also wohl abzuweisen. 

Simon Marius aus Gunzenhausen erzählt, ein Niederländer sei 
zu seinem Freunde Fuchs von Bimbach gekommen, um ihm ein 
Fernrohr anzubieten; des zu hohen Preises wegen habe dieser es 
nicht gekauft, sondern ihm, Marius, mitgetheilt, er vermuthe, 
dass es aus einem Sammel- und einem Zerstreuungsglase bestehe. 
Er habe darauf im Herbste 1608 ein Fernrohi- zu Staude ge- 
bracht. Da seine ersten Fernrohrbeobachtungen aber erst vom 
Sommer 1609 datiren, so hat er sich wohl im Datum geirrt, und 
jedenfalls ist er, seinen eigenen Angaben nach, ein Nacherfinder. 

Endlich bezeichnet Descartes den Jacob Metius, den auch 
S.chott und Harsdörffer erwähnen, als ersten Erfinder. Aber 
diese späten Erwähnungen, die sich nirgend mit Bestimmtheit auf 
eine frühere Quelle beziehen, und ebenso wenig das Jahr oder 
andere nähere Umstände anführen, sind in der That von geringem 
Gewicht. Wir haben aber gesehen, dass Metius in Middelburg 



334 GESCHICHTE DER HIMMELSKUNDE. 

sich Raths erholte; er wird die Erfindung nachgemacht und an 
fremden und entfernten Orten versucht haben, für den ersten Er- 
finder zu gelten. 

Des Galiläi und seines Fernrohres ist bereits im Haupttheile 
des Werks gedacht worden, und da mit ihm die Periode beginnt, 
wo Himmelskunde und O^Dtik ganz untrennbar sind, so beschliessen 
wir hier die gesonderte Darstellung der letzteren und lassen nur 
noch ein Verzeichniss derer folgen, die seit Erfindung des Fern- 
rohrs sich als Künstler oder Schriftsteller um die Optik besonders 
verdient gemacht haben, verweisen übrigens rücksichtlich derer, 
die gleichzeitig wesentliche Verdienste um die Himmelskunde 
selbst sich erworben haben, auf die allgemeine Darstellung. 

Wo es mit Sicherheit geschehen konnte, ist das Geburts- und 
Sterbejahr angegeben, überhaupt aber, so weit dies möglich, die 
chronologische Folge beibehalten worden. 



§ 194. 
M. Antonius de Dominis, 156G — 1624. 

De radiis visus et lucis in vitris perspectivis et iride tractatiis. Ed. Bar- 
tolus. Venedig Ißll. 

Franz Aguilonius, 1567 — 1617. 

Opticum libri VI. Antwerpen 1613. 

Johann Kepler, 1571 — 1630. 

Ad Vitellionem Paralipomena, quibus astronomiae pars optica traditur. 

Frankfurt 1G04. 
Dissertatio cum Nuncio Sidereo, nuper ad niortalos misso a G. Galilaeo. 

Frankfurt 1610. 
Dioptrice, seu demonstratio eorum, quae visu &c. 

Christoph Scheiner, 1575 — 1640. 

Refractiones coelestes, sive solis cUiptici phaenomenon illustratum. Ingol- 
stadt 1617. 
Fundamentum opticum, in quo ex oculi anatome radius visualis eruitur. 
Insbruck 1619. 

H. Sirturus.- 

Telescopium, sive ars perficiendi novum illud Galilaei visorium instrumen- 
tum ad sidera. III partes. Frankfurt 1618. (Dies die erste Anleitung 
zur Verfertigung von Fernröhren.) 

Fortunius Licetus, 1577 — 1657. 

De natura lucis. Udine 1640. 

Litheosphorus, seu de lapide Bononiense. Udine 1649. (In dieser Schrift 
hält er den Mond, des aschfarbenen Lichtes wegen, für einen bononi- 



ABEISS EINER GESCllICUTK DKIt OPTIK. 335 

sehen Stein.) Unter den anderen Schriften (l(!s Lirotus ist eine, in der 
er die Frage aufwirft, ob die Lehre von den Meteoren gestattet sei, 
wegen Luc. 12, 29: Mij fieTcojQi^eO-e. 

Mario Bettini, 1582 — 1657. 

L'optique, comprenant la connoissance de Toeil. Paris 1G47. (In diesem 
Werke erklärt er die Mondberge für eine optische 'J auschung.) 
Claude Mydorge, 1585 — 1646. Ein reicher Privatmann, der 
über 100000 Thaler auf Fernröhre und Brennspiegel ver- 
wandte. Er schrieb: 

Prodromus catoptricorum et dioptricorum sive Conicorum operis. Paris Ui'^l. 

Nicolo Zucchi, 1586 — 1670. 

Optica philosophica. Leyden 1652. (Darin die erste Idee des Spiegel- 
teleskops, die er nach seiner Angabe schon IC IG gefasst hat.) 

Maria Mersenne, 1588 — 1648. 

Opticorum libri septem, ubi catoptrica, dioptrica &c. cxplicantur. Paris 1G44. 

Marcus Marci, 1595 — 1667. 

Thaumantias, liber de arcu coelesti deque colorum appurentia natura. 
Prag 1648. (Darin bemerkenswerthe Experimente über die prismatische 
Dispersion.) 

Franz Linus, 1595 — 1675. 

A letter animadverting Mr. Isaac Newton' s theory of light and colours. 

1674. (In dieser Schrift tritt er als Gegner New ton 's auf.) 
Optical assertions concerning the rainbow. 
Second letter on Newton 's theory. 1675. (Diese Schrift veranlasste 

eine Beantwortung Newton's.) 

Marco Marci de Kronland, 1595 — 1657. 

Thaumantias, liber de arcu coelesti deque colorum apparentium natura. 
Prag 1648. (In diesem Buche sehr bemerkenswerthe Ansichten über 
prismatische Dispersion.) 

Rene Descartes, 1596 — 1650. 

Discours sur la methode pour blen conduire sa raison et chercher la verite 
dans les sciences; plus la dioptrique, les meteores et la geometrie. (In 
diesem Werke das von W. Snell entlehnte, von ihm aber verbe.sserte 
Refractionsgesetz.) 

Bonaventura Cavaleri, 1598 — 1647. 

Exercitationes geometricae. Bologna 1G47. (Darin eine allgemeine An- 
leitung, die Brennweite der Glaslinsen zu finden.) 

S. Marolais. 

Optica sive Perspectiva. Amsterdam 1647. 

Athanasius Kircher, 1601 — 1680. 

Ars magna lucls & umbrae, in X libros digesta. Rom 1646. 11. Ed. Am- 
sterdam 1G71. Mit sehr vielen Holzschnitten und Kupfertaieln. 



336 GESCHICHTK DEE HIMMELSKUNDE. 

Joh. Christoph Kohlhaas, 1604 — 1677. 

Admii'anda optica seu tractatus opticus. Leipzig lGß3. (Auch über An- 
fertigung von Fernröhren handelnd.) 

Martin Hortensius, 1605 — 1639. 

Proprietates tubi dioptrici. Amsterdam 1635. 

Ismael Boulliau, 1605 — 1694. ' 

De natura lucis. Paris 1638. 

Caspar Schott, 1608 — 1666. 

Magia Universalis naturae et artis. Frankfurt 1G57. (Im ersten Theile 
des Werks die Optik.) 

Zacharias Traber, 1611 — 1679. 

Nervus opticus seu tractatus theoreticus, III libri. AVien 1675. 

Jean Frangois Niceron, 1613 — ^1663. 

Perspective curieuse ou magie artificielle des eff'ets merveilleux de l'op- 
tique par la vision directe, de la catoptrique et de la dioptrique. Paris 
1G3S. Ins Lateinische übersetzt 1G4G. 

Franz Maria Grimaldi, 1613 — 1663. 

Pliysico-Mathesis de Lumine. Bologna 1CG5. (In diesem AVerke die Ent- 
deckung der Diflraction und der erste Versuch einer Undulationstheorie.) 

Isaak Vossius, 1618 — 1689. 

De lucis natura et proprietatibus. Responsio ad objectiones J. de Bruyn 
et Petiti. 

Samuel de Vand. 

Progymnasma Physicum de Iride. Danzig (um 1650). 

William Gascoigne, 1621 — 1644, ist der erste, der das Mikro- 
meter mit dem Fernrohr und dieses mit den astronomischen 
Winkel-Instrumenten zu verbinden lehrt. Nur 23 Jahr alt, 
blieb er in der Schlacht von Marston-Moor, in Vertheidigung 
Karl's I. 

Carlo Antonio Graf v. Manzini, gest. 1677. Er stiftete die 
Academia di Vespertini in Bologna. 
L'ücchiale al Occhio, Dioptrica practica, dove si tratto della Luce. Bo- 
logna IGGO. 

Andreas Taquet. 

Opera mathematica. Antwei'pen 1G6S. (Darin auf S. 343 — 422 die Optik 
und Katoptrik.) 

Johann Zahn. 

Oculus artificialis teledioptricus. AVürzburg 1685. 

L. B. de Pisnitz. 

De speCVLorVM essentia et proprIetatIbVs. Prag. 



ABRISS EINER GESCHICHTE DER OPTIK, 337 

Robert Boyle, 1627 — 1691. 

Experiments and observations upon colours. London lfi«J3. (Ward in ver- 
schiedene Sprachen übersetzt und erlobte mehrere Aufhigen. 

Christian Huyghens, 1629 — 1695. 

Astroscopia compendiaria tubi optici molimine liberata. Haag IGSl. 
Traite da la lumiere. Leyden 1G91. (Darin zuerst die Kntdeckung der 

Doppelbrechung des Kalkspaths und die der Lichtpolarisation.) 
Dioptrica 1703. 

Isaak Barrow, 1630 — 1677. 

Lectiones opticae. London 1669. (In diesem Werke, an dem auch 
Newton Antheil hat, werden zuerst die Vereinigungsweiten der (ila.s- 
linsen bestimmt.) 

Anton van Leeuwenhoek, 1632 — 1723. Seine Mikroskope 

waren von ausgezeichneter Schärfe und erhielten sich lange 

im Gebrauch. Die, welche in seinem persönlichen Besitz 

waren, vermachte er der London Royal Society. Er schrieb: 

Arcana naturae per microscopium detecta. 1708. 

Robert Hooke, 1635 — 1703. 
Seven lectures of light. 1680. 
Micrographia. London 1665. Mit 38 Kupfertafeln. 

Sebastian le Clerc, 1637 — 1711. 

System de la vision, fonde sur de nouveaux principes. Paris 1712. 

Jacob Gregory, 1638 — 1675. 

Optica promota cum appendice subtilium problematum. London 1C63. 
(In diesem Werke beschreibt er das von ihm erfundene Spiegelteleskop.) 

A. Auzout, gest. 1691, schrieb Vieles über Verfertigung von Ob- 
jectiven und langen Fernröhren. 

Cherubin d'Orleans. 

La Dioptrique oculaire. Paris 1671. Mit 60 grossen Kupfertafeln. 

Joh. Franz Grindel von Ach. 

Micrographia nova, oder neue curieuse Beschreibung verschiedener kleiner 
Körper, welche vermittelst eines absonderlichen, von ihm entdeckten 
Vergrösser -Glases verwunderlich gross vorgestellet werden. Nürn- 
berg 1687. 

Peter Ango. 

L'optique, contenant 1) la propagation et les propriete's de la lumiere; 

2) la Vision; 3) la figure et la position des verres, qui servent ä la per- 

fectionner. Paris 1682. 

Isaac Newton, 1642 — 1727. Sein hierher gehörendes Hauptwerk: 

üptics, or a treatise of the reflexion, refraction, inllexion and colours 

of light. London 1704. 

Olof Römer, 1644 — 1710, theilte in der Sitzung der Pariser 

V. MdJler, GescUicMe der lliiumelskunde. II. "• 



338 r.ESCUlCHTK DKU niMMELSKüNDK. 

Akademie vom 22. Nov. ] (Mo seine Entdeckung der Fort- 
pflanzungsgeschwindigkeit des Lichts mit, 

Nicolaus Hartsoeker, 1G56 — 1724. 

Essai de dioptrique. Paris 1G94. (In diesem Werke zeigt er sich als 
entschiedener Gegner Newton's, nicht bloss rücksichtlich seiner Optik, 
sondern auch der Gravitationstheorie. Die elliptischen Bewegungen 
sucht er auf andere Art zu erklären. 

Edmund Halley, 1656 — 1742. 

Resolution of the problem of finding the foci of optic glasses universally. 
London 169:?. (Die erste allgemeine Formel dafür.) 

David Gregory, 1661 — 1710. 

Elementa catoptricae & dioptricae sphaericae. Oxford 1695. 

Joh. Baptist Verle, einer der frühesten OcuHsten, schrieb: 

Anatomia artificialis ocnli humani, inventa et recens fabricata. Venedig, 
1680. (Ward auch ins Deutsche übersetzt.) 

Eustachius de Divinis, der durch seine Fernröhre und Mi- 
kroskope grossen Ruf erlangte, hat sich auch durch andere 
astronomische Schriften bekannt gemacht. 

Jacob Campani, der berühmte Verfertiger der grossen Fern- 
röhre, welche Ludwig XIV. für Cassini bestellte, 

Matthias Campani. 

Oculus 0eoaya7Toe, und eine Anleitung zum Schleifen und Poliren der 
Gläser. Rom 1678. 

J. Craig. 

De optica analytica libri duo. 1718. 

Stephen Gray, gest. 1736, verfertigte parabolische Spiegel und 
schrieb : 
Microscopical observations and experiments. 

Jakob Christoph le Blond, 1670 — 1741. Li seiner 1787 er- 
schienenen „Farbeuharmonie" behauptet er, man könne aus 
Roth, Gelb und Blau alle übrigen Farben zusammensetzen. 
Er erfand auch ein Verfahren, Gemälde al)zudrucken. 

Johann Michael Conradi, gest. 1742. 

Der dreifach geartete Sehe-Strahl, mit einer kurzen doch deutlichen An- 
weisung zur Optica oder der Sohe-Kunst. 1710. 

Christian v. Wolff. 

Anfangsgründe der Optik, Katoptrik, Dioptrik und Perspective. Halle 1730. 
Elementa opticae. 1735. 

George Berkeley, 1684 — 1753. 

Essay towards a new theory of visiou. (Ein verfehltes Werk.) 



AlilflSS KINKK GKSCincHil: HKIi OPTIK. 339 

Giovanni Graf v. Rizctti, gest. \i:>\. 

1) Specimen de luminis afTectionibus. 2) De refraptionr- et rffloxiotif. 
Robert Smith, 1(189 — 1768. 

A coraplete System of optics. Cainbridjro 17;5,S. 
Pierre Bouguer, 16!)8 — 1758. 

Essai d'optique, sur la gradation de la Imniere. Paris 1729. 
Samuel Klingenstierna, 1698 — 1765. 

Tentamen de definiendis & corrigendis aberrationibus radionim luminis in 
lentibns sphaericis refracti et de perficiendo telescopio dioptrico. Pe- 
tersburg 1762. 

John DoUond, 1706 — 1761. Seine Avichtige 1757 gemachte Er- 
findung der achromatischen Objective findet sich in seinem 
Accotint of some experiments concerning the diferent refrangi- 
hility, 1758. Vorher hatte er schon Tmprovement of rofrading 
telescopes erscheinen lassen. 

Ramicus Rampinelli. 

Lectiones opticae. Brixen 1758. 

Jacques Gautier, gest. 1785, hat fast nur Streitscliriften ver- 
öffentlicht, unter andern gegen Newton. 

P. W. Wargentin. 

Von der Geschwindigkeit des Lichts. Stockholm 1744. 

Leonhard Euler, 1707 — 1783. 

Dioptrica, o Bde. Petersburg 17G9. 

Ruggiero Giuseppe Boscovich, 1711 — 1787. 
Memorie sul connochiale diottrici. Mailand 1771. 
Dissertatlones V ad dioptricen pertinentes. Wien 176S. 

Nicolas Louis de Lacaille, 1713 — 1762. 

Le9ons elementaires d'optique. (Mehrfach aufgelegt und in andere Sprachen 
übersetzt.) 

Gaspard le Compasseur de Crequi-Montfort, Marquis de 
Courtivron, 1715 — 1783. 
Traite d'optique, ou l'on donne la theorie de la lumiere dans le Systeme 
Newtonienne, avec des nouvelles Solutions des principau.x problomes 
de dioptrique et de catoptrique. — Noch vieles Andere. 

Carl Scherffer, 1716 — 1783. 

Dissertation über D o 1 1 o n d ' s Erfindung. 
Dissertatio de coloribus accidentalibus. 

Johann Bischoff, 1716 — 1779. 

Neue optische Beiträge, hauptsachlich zu Vergrösserungsglüsern. Stutt- 
gart 1772. 
Praktische Abhandlungen über Dioptrik. Stuttgart 1772. 



.'340 GESCHICHTE DER HlMMELSKUNDE. 

Jeau le Roiid d'Alembei't, 1717 — 1783. 

Essais sur les nioyens de perfectionner les verres optiques. 17G4 — 1768. 
Memoires d'optique. ITTo. 

G. F. Brander. 

Kurze Beschreibung einer ganz neuen Art von Camera obscura. Augs- 
burg 1767. 
Beschreibung eines zusammengesetzten JNIikroskops. Augsburg 1769. 
Beschreibung eines Spiegelsextanten. Augsburg 1774. 

Abraham Gotthilf Kästner, 1719 — ISOO. Das 6. und 7. Ka- 
pitel seiner Astronomischen Abhandlungen enthält eine 
Dioptrik 1774. 
De aberrationibus lentium ob diversam refrangibilitatem radiorum. Göt- 
tingen 1752. 

Johann Evangelist Helfenzrieder, 1724 — 1803. 

Tubus astronomicus amplisssimi canipi cum niicrometro suo et fenestellis 
ocularibus, novum instrumentum. Ingolstadt 1773. 

Joseph Priestley, 1733 — 1804. 

The history and present state of discoveries relating the vision, light and 

colours. London 1772. (Deutsch mit Anmerkungen von G. S. Klügel.) 
A familiär introduction to the theory and practice of Perspective. 

London 1730. 

Jesse Ramsden, 1735 — 1800. 

Description of eye-glasses for telescopes applied to mathematical In- 
struments. London 1782. — Noch mehrere ähnliche Abhandlungen in 
den Philosophical Transactions. 

William Herschel, 1738 — 1822. 

Zahlreiche Abhandlungen und Untersuchungen, namentlich über die Sonnen- 
strahlen und das Prismenbild. 

Franz Güssmann, 1741 — 1806. 

Nachricht von einer Vorrichtung an Fernröhren zur Bewirkung ungemeiner 
Vergrösserungen. 1788 (in v. Zach 's Mon. Corr.). 

Jean Paul Marat, 1743 — 1793. 

Decouvertes sur le feu, l'electricite et la lumiere. 1799. — Später noch 
mehrere Schriften ähnlichen Inhalts. 

Venturi, 1746 — 1822. 

Commentarj sopra la storia e le teoria dell' ottica. 1814. 

Johann Wolfgang v. Goethe, 1749 — 1832. 

Beiträge zur Optik. — Zur Farbenlehre. Tübingen ISIO. 

George Adams, 1750 — 1795. 
Essay on the microscopes. 
History of vision. 

Abel Bürja, 1752 — 1816. 

Anleitung zur Optik, Katoptrik und Dioptrik. Berlin 1793. 



ABRISS EINKK (iKSClIICHTE I>Klt oITIK. 341 

Carl Christian v. Langsdorf, 1757 — 1884. 

Grundlehren der Photometrie oder der optischen AVissenschaften. !•>- 
langen 1803. 1805. 

Soldner. 

Ablenkung eines Lichtstrahls durch Attractioii eines Weltkürpers. 1S01. 

Noel Jean Lerebours, 1761 — 1840. 

Description d'un microscope uchromatique sinipliüe. — Über seine Fern- 
röhre vergl. Astron. Nachr. IV. 229. 

William Ritchie, gest. 1837. 

On a new photometer to detcrmine thc relative intensity of artiiicial 
light. 1824. 

On a new photometer, founded on thc principles of Bouguer. Edin- 
burgh. 1826. 

Späth. 

Photometrische Untersuchung in Anwendung auf den Spiegelsextanten. 
Photometrische Untersuchungen über die Jupiterstrabanten - Verfin- 
sterungen. 1795. 

John Leslie, 1766—1832. 

P>xperiments of light and heat, and description of a photometer. 

(Das dritte Decennium des 19. Jahrhunderts kann als die Epoche be- 
zeichnet werden, wo man zuerst dahin gelangte, die Lichtmessung 
praktisch anzuwenden und vergleichbare Resultate mit einiger Sicherheit 
zu erhalten.) 

William Hyde Wollaston, 1766—1828. 

Description of a transit circle. 1793. 

On the methods of cutting rock crystal for niicrometers. 1820. 

Christian Heinrich Pfaff, 1773 — 1852. 

Über Ne wton's Farbentheorie, Goethe 's Farbenlehre und den chemischen 
Gegensatz der Farben. Leipzig 1813. 

H. F. Link und P. Heinrich. 

Über die Natur des Lichts. Zwei Preisschriften. 1S08. 

Etienne Louis Malus, 1775 — 1812. 

Sur une propriete de la lumiere reflechie par les corps diaphanes. (Diese 
1808 am 12. Dec. in der Akademie gelesene Schrift enthält die be- 
rühmten Versuche über die Polarisation des Lichts.) 

Peter Barlow, 1776. 
Optics. 1829. 

Account of the construction of a fluid lens refracting telescope of eight 
inches aperture. 1832. 

Marquis de Laplace. 

Theorie de la double refraction de la lumiere dans les substances cry- 

stallisees. 
Beweis, dass die anziehende Kraft bei einem Weltkörper so gross sein 

kann, dass das Licht davon nicht ausströmen könne. 



342 GESCHICHTE UEK H1.MMELSKUXJ>E. 

Robert Agläe Cauchoix, 1776 — 1845. 
Lunettes vitro-crystallines. ISol. 

Johann Joseph Prechtl, 1778 — 1845. 
Praktische Dioptrik. AVien 1828. 

Thomas Youug. 

Outlines and inquiries, an5 letter respecting soimd and light. 1800. 1801. 
(Darin die Entdeckung der Interferenz des Lichts.) 

Giovanni Battista. 

Indagina fisica sul colori. Modena 1801. 

David Brewster. 

A treatise of" optics. London 1831. 

On the reliexion and decomposition of light at the sepai'ating surfaces of 

media of the sanie and of different refractive powers. l&I'J. 
On the laws of the polarisation of light by refraction. 1830. 
On the action of the second surfaces of transparent plates upon light. ISJ-JO. 
On the production of regulär double refraction by simple pressure. lS,'j(). 
(Noch mehrere andere hierher gehörende kleinere Aufsätze in den Phi- 

losophical Transactions der Jahre 1830 — l<s41.) 

Ludwig Schleiern! acher, 1785 — 1844. 
Analytische Optik. Darnistadt 1842. 

Jean Dominique Franz Arago, 1786 — 1853. 

!Sur les forces refringentes des dißerens gaz. Paris 1806. (Mit Biot.) 
Sur une modification des rayons lumineux dans leur passage ä travers 

certains Corps diaphanes. 1811. 
Sur la Polarisation & sur les interferences. 1831. 
(Und noch mehrere kleinere Aufsätze.) 

Joseph V. Fraunhofer, 1787 — 1826. 

Verschiedene, meist nur im Manuscript vorhandene kleinere Abhandlungen 
über den Dorpater Refractor. 182-1 — 25. 

Resultate neuer Versuche über die Gesetze des Lichts und die Theorie 
derselben. 1823. 

Nouvelle modification de la lumiere. 1823. (Darin die Entdeckung der 
nach ihm genannten dunkeln Qaerlinien des Prismenbildes.) 

Bestimmung des Brechungs- und Farbenzerstreuungsvermögens verschie- 
dener Glasarten. IM.";. 

Ahlstedt. 

Dissertatio: Phaenomena luminis, viribus attractivis et repulsivis corporiun 
subjacere et ex his derivari posse. Abo 1815 — 1819. 

Georg Simon Ohm, 1787 -- 1854. 

Erklärung aller in einaxigen Krystallplatten zwischen geradlinig polari- 
sirtem Lichte wahrnehmbaren Erscheinungen. 

Augustin Louis Cauchy, 1789 — 1860. 

Memoire sur la dispersion de la lumiere. Prag 1836. 
Memoire sur la theorie de la lumiere. Paris 1826, 1830. 



ABKISS KINKK (iE.SCJlICHTK DKK OI'TIK. 34;} 

Sur la Polarisation roctilignc et la double rdfraction. IS'3'.). 

Sur les conditions relatives aux limites des corps et sur cclles (jui coii- 

duisout aux loix de la reflexion et de refraction. 1840. 
Sur la Vibration d'un double systfeme de moleculcs, et de l'dthcr coutcnu 

dans un corps crystallisc. Paris 1849. 
(Noch mehrere Abhandlungen ähnlichen Inhalts.) 

Joliu Herschel, 1792. 

On light. London 1827. (Übers, von Schmidt. Stuttgart 1831.) 

Heinrich Emil Wilde, 1793 — 1859. 

Geschichte der Optik. 2 Bde. Berlin 1888. 17-43. (Unvollendet.) 
Über die Optik, der Griechen. Berlin 1832. 
(Noch mehreres Andere.) 

Nicolas Marie Paymal Lerebours, 1794, setzt das Geschäft 
seines Vaters fort. 

Johann August Grunert, 1797. 

Optische Untersuchungen. 3 Theile. Leipzig 1846. 1S47. 185). 
Beiträge zur meteorologischen Optik. Leipzig 1850. 

William Henry Fox Talbot, 1800, ein vermögender Privatmann. 

On the optical phenomena of certain crystals. 1836. 

Some account of the art of photogenic drawing. (Darin die Erfindung der 
Talbotypie oder des Verfahrens, Lichtbilder auf Papier darzustellen.) 

Carl August v. Steinheil, 1801. 

Elemente der Helligkeitsmessungen am Sternenbimmel. München 1836. 
(Mit Seidel) Über die Bestimmung der Brechungs- und Zerstreuungs- 
verhältnisse verschiedener Medien. München 1848. 

Ludwig Seidel. 

Untersuchungen über die gegenseitige Helligkeit der Fixsterne erster 
Grösse und über die Extiuction des Lichts. Nebst einem Anhange 
über die Helligkeit der Sonne und über die lichtreflectirende Kraft der 
Planeten. München 1852. 

George Biddel Airy, 1801. 

On the undulatory theory of optics. London 1842. 

On a remarkable modification of Newton's rings. Cambridge 1831. 

On the nature in the light of the two rays produced by double refraction 

of Quartz. With an addition. 1831. 
(Noch viele andere hierher gehörende Abhandlungen und Untersuchungen.) 

Joh. Carl Eduard Schmidt, 1803 — 1832. 

Lehrbuch der analytischen Optik, herausgeg. von Goldschmidt. 1834. 

J. D. Forbes. 

Note relative to the supposed origin of the deficient fays m the solar 
spectrum, being an account of an experiment made during the annular 
eclipse. 1836. 



344 GESCHICHTE DEK HIMMELSKUNDE. 

FraiiQois Napoleon M. Moigno, 1804. 

Repertoire d'optique moderne. 4 parties. 1847 — 1850. 

Capocci. 

Sur im photometre. 1838. 

Carl Wilhelm Knochenhauer, 1805. 
Die Undulationstheorie. 1839. 

Über die Örter der Maxima und Minima des gebeugten Lichtes. 
Über eine besondere Classe von Beugungserscheinungen. 
Über Richtungshnien beim Sehen. 

L. Cohen-Stuart. 

Solution d'un probleme de photometrie. 1848. 

Friedrich Wilhelm Barfuss, 1809. 
Optik, Katoptrik und Dioptrik. 1S39. 
Über Spiegelteleskope mit sphärischen Glasspiegeln. 
Zur Theorie der optischen Strahlenbrechung. 
(Noch vieles Andere.) 

Gustav Radicke. 

Handbuch der Optik. 2 Bände. 1838. 

Pieter Harting. 

Het Mikroskoop, detzelfs Gebruik, Geschiedenis en tegenwordige Toestand. 

Utrecht 1848 u. 1850. 

August Beer. 

Einleitung in die höhere Optik. Braunschweig 1S53. 
Grundriss des photometrischen Calculs. Braunschweig 1854. 
De situ axium opticorum in crystallis biaxibus. 

F. Bernard. 

Sur un nouveau photometre. Paris 1853. 

Pierre Breton. 

Distribution de la lumiere sur une surface cclairee par plusieurs faisceaux 
de lumiere parallele. 1852. 

Biot. 

Sur les phenomenes rotatoires operes dans le cristal de röche. 1849. 

W. Haidinger. 

Über die Richtung der Schwingungen des Lichtäthers in gradlinig polari- 
sirtem Lichte. Wien 1852. 

C. Kuhn. 

Über die fixen Linien des Sonnenlichts. Petersburg 1852. 

Johann Karl Friedrich. 

Photometrische Untersuchungen, besonders über Lichtent^icklung gal- 
vanisch leuchtender Platindrähte. 

Zöllner. 1834. 

Grundzüge einer Photometrie des Himmels. 18G3. 



ABKl.Sti EINKK GESClUCllTi; JJKH (il'TlK. ;{45 

Wir lassen diesem Verzeichiiiss optischei- Autoren nocli ein 
alphabetisch geordnetes der bekanntesten Künstler, welche sich 
um Verfertigung astronomischer Instrumente verdient gemacht 
haben, folgen: 

Adams. 

Refractor für die Privatsternwartc des Dr. Gibbs in Charleston («outli- 
Carolina). 

Banks. 

Spiegelteleskop für Paramatta. 
Beaufoy. 

Pendeluhr für Southampton. 

Bird. 

Zwei Rlauerquadranten für Petersburg, zwei für Greenwicli, einen für 
Mannheim, einen für Montauban u. a. 

Bosek. 

Pendeluhr für Neuschloss. 
Brander. 

Quadranten und andere Instrumente für Regensburg. 
Breithaupt. 

Mauerquadrant für Cassel. 

Breitinger. 

Meridianfernrohr für Zürich. 

Campani. 

Lange, nichtachromatische Fernröhre für Paris, Rom, Petersburg u. a. 

Cauchoix. 

Grosse Fernröhre für Paris, S. Gallen, Ober-Castell u. a. 

Alvan Clark. 

Refractor für Quebeck von 9 Fuss Brennweite. (Mit diesem Insrumente 
entdeckte er bei der Prüfung desselben den Begleiter des Sirius.) 

Clarke & Phelps. 

Refractoren für Williams College, bei denen Clarke die optischen, 
Phelps die mechanischen Theile verfertigte. 

Cooke & Sons. 

Refractor für Leyton. 

E. Divini. 

Fernrohr von 12 Fuss Brennweite für Upsala. 

Dollond und seine Nachfolger. 

Achromatische Refractoren (die ersten) für Armagh, Bremen, Breslau, 
Celle, Coimbra, Leipzig, Lilienthal, Lissabon (für das Polytechnicum), 



346 GESCHICHTE DEK HDIMELSKUKDK. 

MaiinluMin, Moileiia, Neapel, Orm.skirk, Padua, Kcinpliii, Rio de Janeiro, 

Southuiiipton, Stockholm, Tarn-Bunk u. a. 
Quadrant für Seeberg. 
Teleskop für Ormskirk. 

Ertel. 

Passagen-Instument für Georgetown. 

Meridianfernrohr für Markree, Neufchatel, Petersbui-g (die Sternwarte des 

See-Cadettencorps), Philadelphia, AVashington. 
Universal-Instrument für Reval, Schwerin. 
Verticalkreis für Pulkowa 

Fitz. 

Refractor für Ann-Arbor, Newyork (Campbell' s Sternwarte), Newark, 
Philadelphia (Friend's Sternwarte), Westpoint. 

Für tili. 

Multiplicationskreis für Regensburg. 

V. Fraunhofer. 

Refractor von 13'/j Fuss Brennweite für Dorpat. -5- Ahnliche, aber kleinere 
Instrumente für Bamberg, W. Beer 's Sternwarte in Berlin, Coburg, 
Dessau, Durham, Gotha, Moskau, Neuschloss, Padua, Princeton, Schwerin. 

Gambey. 

Die magnetischen Instrumente für Tuscaloosa. 

Gilbert 

Achromatische Fernröhre für Düsseldorf. 
Passagen-Instrument, Mauerkreis und Fernrohr für S. Helena. 

Graham. 

Tfüssiges Fernrohr für Upsala. 
Zenithsector für Greenwich. 

Grapengiesser. 

Pendeluhr für Sharon. 

Gutkäs. 

Pendeluhr für Ober-Castell. 

William Herschel. 

Alle Teleskope für Slough, darunter ein 20füssiges, ein 25füssiges und 

ein 40füssiges. 
Teleskope für Peking, Richmond u. a. 

Jaworsky. 

Refractor für Wien (die optischen Theile von Fraunhofer). 

Jones. 

Passagen-Instrument für Aylesbury. 
U. Jürgenson. 

Uhren und Chronometer für Altena u. a. 
Kessel-s. 

Chronometer für viele Warten, so wie für Schiffe. 



ABJil.SS EINKJt GKSCmCIlTi; DKK OPTIK. IM? 

Kussek. 

ChronouietiT für Trag, .SonftL'nlxTg ii. a. 

Langlois. 

Quadrant für Upsala. 

Lasseil. 

Selbstvorfertiger fast aller seiner Iiistniineiite. 
Lereboiirs. 

Refractor für Westpoint. Mehreres fiir Paris. 

Liebherr. 

Pendeluhr für Coburg. 

Passagen-Instrument für Leipzig. 

Multiplicationskreis für Ober-Castell. 

Passagen-Instrument für Zehmen von i"/.. Fuss Brennweite. 

Merz & Mahler. 

Refractoren nach Fraunhofer 'scher Construction für Berlin, Cambridge 
(Massachusets), Camden-Lodge, Cincinuati, Dartmoutli, Elchies, Gustau, 
Helsingfors, Kasan, Kiew (alle Instrumente), Kopenhagen, Krakau, Krcins- 
münster, Leyden (2), Lissabon (das grösste, "25 Fuss Brennweite), 
Liverpool, Moskau, Neapel, Pliiladelphia, Philadelphia (Fr iend's Stern- 
warte), Pulkowa, Shelby, "Washington. 
Heliometer für Königsberg, Pulkowa. 

Die grössten bisher aus der Münchener Anstalt hervorgegangenen Id- 
strumente sind die folgenden: 

Focaldistauz Objectivduri:hra. 

Dorpat 14,33' 9,6" 

Berlin U,33 9,6 

Washington 14,3li 9,6 

Moskau 15,0U 10,0 

München 16,10 11,1 

Kopenhagen 16,10 11,1 

Cambridge (Amerika) 22,50 15 

Pulkowa 22,55 15 

Nur das erste derselben ist noch von Frau nhofer's eigener Hand, 
die übrigen von Merz & Mahler. Das Dorpater Instrument ist in einer 
eigenen Schrift W. Struve's, das Kopenhagener von d'Arrcst be- 
schrieben. 

Man vergleiche über diese Instrumente Carl, die Prinzipien der astro- 
nomischen Instrumentenkunde. Leipzig 1862. 

Molyueux. 

Instrumente für die alte Sternwarte Kew. 
Pendeluhr für Lucknow. 

Nairne. 

Kometensucher für Remplin. 
Uhr für Coburg. 



348 GESCHICHTE DEK HIMJLELSKUNDE. 

le Noir, 

Achromatische Fernrohre für Montauban. 

Pearson 

erfindfet ein neues Mikrometer und wendet es auf seiner Sternwai-te South- 
Kilworth un. 

Pfenniger. 

Cary'scher Kreis für Zürich. 

Pistor. 

Meridianlireis für Albany, Ann Arbor, Berlin, Koiienhagen. 
Passagen-Instrument für Washington. 

Plössl. 

Dialj'tische Fernröhi-e für Athen, Gera, Kremsmünster, Triest, Wien (Op- 
polzer's Sternwarte). 

Pohrt. 

Instrumente für Pulkowa. 

Porro. 

Verschiedene Instrumente grosser Dimension. 

Ramsden. 

Achromatisches Fernrohr für Celle, Gera, Petersburg, Regensburg, Seeberg. 
Passagen-Instrument für Harefield, Leipzig, Mannheim, Seeberg. 
Vollkreis für Palermo. 

V. Reichenbach. 

Meridiankreis für Capellete, Dorpat, Göttingen, Helsingfors, Neapel, Ni- 

colajew, Ofen (3), Regensburg, Tübingen. 
Passagen -Instrument für Neapel, Pisa. Wien (Sternwarte der Baronin 

V. Majt). 
Repetitionskreis für Paramatta. 
Refractor und Theodolit für Pisa. 
Verschiedenes für Bogenhausen. 

Repsold. 

Meridianfernrohr für Pulkowa, S. Thomas. 

Heliometer für Oxford. 

Verticalkreis für Königsberg, Pulkowa. 

Universal-Instrument für Gotha (Dr. Habicht's Sternwarte), Leyden, 

S. Jago. 
Passagen-Instrument für Albany. 

Rochon. 

Fernrohre für Brest, Leipzig. 

Römer. 

Erstes Meridianfernrohr, das er auf seiner Sternwarte Dorpat anwendet. 

Rosse. 

Das grösste Spiegelteleskop, 53 Fuss Brennweite. 



ABRISS EINER GKSCHICHTE DER OPTIK. 349 

Schrader. 

Spiegelteleskope für Jena, Lilienthal. 

Seiffert. 

Pendeluhr für Leipzig 

Sharp. 

Sämmtliche Instrumente für seine Sternwarte Horton. 

Shepherd. 

Elektrische Pendeluhr für Neufchatel. 

Short. 

Teleskope für Danzig und viele andere. 

Simmons. 

Pendeluhr für Leyton. 

Simms. 

Selfacting circular dividing cngine (in seinem Besitz). 

Passagen-Instrument für Cranford. 

Meridiankreis für Cambridge (Massachusets), Tuscaloosa. 

Mauerkreis für Washington, Westpoint. 

Refractor für Tuscaloosa. 

Alle Instrumente für Hudson (Ohio). 

Sisson. 

Zenithsector für Mannheim. 

Quadrant für Erlau und Hannover (Haase's Sternwarte). 

Solwyn. 

Heliautograph für Ely. 

Spencer & Eaton. 
Heliometer für Albany. 

Refractor von 16 Fuss Brennweite für Hamilton College. 
Durchgangs-Instruraent für Hamilton College. 

Starcke. 

Passagen-Instrument für Wien (üppolzer's Warte). 

St ein heil besitzt ein eigenes optisches Institut bei München. 

Refractor, Repetitions-Theodolit, Passagen-Instrument und Astrograph für 
Bogenhausen bei München. 

Tiede. 

Pendeluhren und Chronometer für Berlin u. a. O. 

Tiedemann. 

Objectiv für Zürich. 

Troughton (theilweis mit Simms). 

Vollkreis für Bedford, Blackheath, Georgetown, Harefield, Leipzig, Lej-ton, 

Westbury. 
Mauerkreis für Cambridge (England). 



350 GESCHICHTK DEK mMMELSKUXDK. 

Passagen -Instrument für Charleston, Exeter, Hobarttown, Mannlieim, 

Parainatta. 
Spiegelsextant für Begensburg. 
Theodolit für Leyden. 
Quadrant für Coimbra. 
Sämmtliche Instrumente für Blackheath. 

Tulley. 

Achromat für Bedford. 

Warren de la Rue. 

Photoheliographen für Kew, Wilna. 

Winnerl. 

Pendeluhr für Neufchatel. 

Young. 

Meridiankreis für Philadelphia. 

Zöllner. 

Neues Photometer eigener Construction. 

Bei dieser Zusammenstellung Avar Vollständigkeit unerreichbar; 
ich bin nach Möglichkeit bemüht gewesen, wenigstens das Aus- 
gezeichnetste zusammenzustellen und von den Leistungen der ein- 
zelnen Künstler die vorzüglichsten und am meisten bekannt ge- 
wordenen aufzuführen. 



FÜNFTER ABSCHiMTT. 



ERGlMüNGEN UND BESONDERE NACHTRÄGE. 

§ 196. 

DIE NEUE AUSGABE DER ALPHONSINISCHEX TAFELN. 

Lihros del Saher de Ästronomia, del Rey D. Alfonso X. de 
Castilla, copüadoft, anotados y comentados -por Don Manuel Rico 
y Sinobas. Obra publicada de Real Orden. III Tomos. Ma- 
drid 1863. 

Dies der Titel eines grossen Prachtwerkes, durch welches 
Spanien spät, aber würdig eine Ehrenschuld abträgt zur Sühne 
des Andenkens an einen seiner berühmtesten Herrscher, der einst 
nahe daran war, Deutschlands Kaiserthron einzunehmen, zu dem 
seine Fürsten ihn berufen hatten, und der schliessHch, ein Mär- 
tyrer der "Wissenschaft, abgesetzt und Verstössen zu Sevilla f;ist 
in Dürftigkeit starb. Sechs Jahrhunderte hindurch war dieses 
"Werk wenig und nur unvollkommen bekannt, so viel auch von 
ihm die Rede war; jetzt erhalten ^ir es vollständig, in sei- 
ner echten antiken Form und durch werthvolle Anmerkungen er- 
läutert. 

Längst hatten d'Alembert, Bailly und Delambre darauf 
hingedeutet, me wichtig, namentlich für richtige Würdigung des 
Zustandes der Himmelskunde im 13. Jahrhundert, eine neue und 
vollständige Ausgabe der Alphonsinischen Tafeln sein würde, aber 



352 GESCHICHTE DER HTMMELSKmTDE. 

in den langen i^olitischen Stürmen, welche die iberische Halbinsel 
trafen, war die Erinnerung ungehört geblieben. 

Das gegenwärtig vorliegende Werk enthält in seinem ersten 
Bande XCII und 215 Seiten Grossfolio, ungerechnet 47 Stern- 
bildertafeln. Die Eigenthümlichkeiten des alten Textes, selbst die 
lapsvs calami (z. B. Andromade) sind treulich wiedergegeben, und 
der Punkt bildet hier das einzige Interpunktionszeichen. 

Die Einleitung von Rico y Sinobas giebt ausführliche hi- 
storische Notizen über Alphons X. und sein Unternehmen, über 
manche ihm zugeschriebene Aussprüche und Meinungen, über die 
erste Redaction dieser Tafeln durch Jehuda ben Mose und 
Rabigag AbenCaynt zu Toledo, insbesondere auch über den 
Abschnitt, der von den Instrumenten und deren Gebrauch handelt, 
und über die verschiedenen Codices und deren Abschriften aus 
dem 13-, 14. und 15. Jahrhundert, welche bei gegenwärtiger Ar- 
beit verghchen wurden. 

Der erste Theil wird mit folgenden Worten eingeleitet: 

„Im Namen Gottes, Amen! Dies ist das Buch und die Fi- 
guren der Fixsterne, welche, die Octava Sphaera enthält, welches 
aus dem Arabischen und Chaldäischen ins Castilianische zu über- 
setzen befohlen hat der König Don Alphonso, Sohn des sehr 
edlen Königs Don Fernando und der edlen Königin Beatrix, 
und Herren von Castilien, Toledo, Leon, Gallicien, Sevilla, Cor- 
dova, Murcia, Jaen und Algarbe, und auf seinen Befehl übersetzt 
durch Yhuda el Coheneso, seinen moslemitischen Priester (Al- 
phaquin), und Guillen Arrimon Daspa, seinem christlichen 
Priester (Clerigo). Und dies wui'de ausgeführt im vierten Re- 
gierungsjahre des oben genannten Königs." 

Nun folgen die einzelnen Sternbilder, zuerst in einer all- 
gemeinen Beschreibung, in welcher, ganz wie bei Ptolemäus, 
die einzelnen Sterne nach ihrer Lage zu den Körpertheilen der 
Figur, so wie nach ihrer arabischen, lateinischen und griechischen 
Benennung, aufgeführt werden; und dann in einer Figurentafel, 
die in einem inneren Kreise die Bildfigur mit den darin vor- 
kommenden Ptolemäi'schen Sternen enthält. Diese letzteren sind 
einfach durch kleine Kreise angedeutet, deren Grösse den Glanz 
des Sterns bezeichnet. Vom mittleren Kreise aus gehen strahlen- 
förmig nach allen Seiten die Notizen, welche den einzelnen Stern 
betreffen. Wir wählen als Beispiel die Beschreibung des Polar- 
sterns : 



DIE NEUE AUSGABE DER Al.rnONStNlSCIlK>} TAKKLN'. 



35:J 



„La meridioiial de las dos que son en la liiina, et es la nias 
lijziente dell alfarcacen. Es en leo 4« 23', la ladeza es 72" 1', et 
es de la 2. grandeza. Et la su natura es de Saturno et un poco 
de Venus, et es fria et templada en sequidat et humidat." 

Man sieht, dass die Astrologie bei den Arabern (denn wii- 
haben hier einfach eine arabische Übersetzung vor uns) sogar noch 
Aveiter ging als später in Europa. Hier begnügte man sich mit 
Sonne, Mond und Planeten, dort jedoch hat jeder Fixstern eine 
eigene astrologische Wirkung. Es dürfte schwei- sein, sicher zu 
bestimmen, was Alp ho ns eigene Meinung rücksichtlich der Stern- 
deuterei gcAvesen sei; er selbst spricht sich nicht entschieden dar- 
über aus, sondern führt immer nur an, was andere gegeben. 

Diese Notizen sind von einem äusseren Kreise umschlossen; 
oben ist angegeben, wie weit das Sternbild, nach Längengraden 
gezählt, sich ersti'ecke, nebst Notizen über die verschiedenen Be- 
nennungen; unten findet sich die Zahl sämmthcher (bei Pto- 
lemäus vorkommenden) Sterne des Bildes, nebst einer Angabe, 
wie viel zu den einzelnen Grössenclassen gehören und ob auch 
ausserhalb der Bildfigur noch dazugehörende Sterne vorkommen 
(die ujiioQcpoi des Ptolemäus). 

Die Benennungen der Sternbilder wie der einzelnen Sterne, 
falls sie eine eigene haben, sind in verschiedenen Sprachen an- 
gegeben. Wir führen die ersteren nachstehend auf nach den An- 
gaben bei Alphons: 



Spanisclx 

ossa menor 


Arabisch 
dub-al-azgar 


Lateinisch 
ursa minor 


Griechiscli 


kleiner Bär 


ossa mayor 

serpiente 

inflamado 


alacbar 

tannin 

al-mutahib 


ursa major 

serpens 

inflammatus 


caypheos 


grosser Bär 

Drache 

Cepheus 


vociferanto 


alave (al cayal 


vociierans 




Bootes 


Corona septen- 


albazar) 
alf'aca 


Corona borealis 




Nördliche Krone 


trional 
genuflelo 
galapago 


alaraquiz 
acolhafe 


genutiexus 
testudo 




Herkules 

Leyer(in den Karten 
bei Alphons als 
Schildkröte abge- 


gallina 
mugier senta- 


alcayr 
decalcorci 


gallina 
mulier sedens 




bildet) 
Schwan 
Cassiopeja 


da 
en la siella 




supra cathe- 
dram 







Mcidler, Geschichte der HimmelsVuiule. U. 



23 



354 



GESCHICHTE DER HISIMELSKUNDE. 



Spanisch 




Arabisch 


Lateinisch 


Griechisch 


perseus 




varseus hamul 
raz algol 


perseus portans 
Caput algol 


Perseus 


tenedor de 


las 


alanza 


tenens habenas 


Fuhrmann 


riendas 










el cazador 


de 


alhaze valhaya 


venator ser- 


Ophiuchus und 


las culuebras 




pentum 


Schlange 


saeta 




alcehum 


sagitta 


Pfeil 


aguila 




alancab 


aquila 


Adler 1 


bueytre volante 


alancer alcayr 


vultur volans 


Geyer) 


dalfin 




velfin 


delphinus 


Delphin 


pie9a del 


ca- 


quetat al faraz 


frustum equi 


kleines Pferd 


ballo 










caballo maj 


or 


alfaraz alaadam 


equus major 


Pegasus 


niugier enca- 


almara 


mulier cathe- 


andromade Andromeda 


denada 






nata 




figura que 


a 


alcedeles 


angulus 


Dreieck 


tres rincones 








carnero 




al hemel 


aries 


Widder 


toro 




al-taur 


taurus 


Stier 


gemini 




altahuamayn 


gemini 


Zwillinge 


cancro 




al9aratan 


Cancer 


Krebs 


leon 




ala^ed 


leo 


Löwe 


virgo 




aladrech 


virgo 


Jungfrau 


libra 




almizen 


libra 


Waage 


alacran 




alacrab 


escorpion 


Scorpion 


sagittario 




cauz 


sagittarius 


Schütze 


capricornio 




algidi 


capricornius 


Steinbock 


aquario 




cehquib elmeh 


aquarius 


Wassermann 


pez 




9ehmeh que- 
teyn 


pisces 


Fische 


aniiual niarino 


hayaven bahri 


cetus 


caytos Walfisch 


orion 




elgebar 


orion 


Orion 


rio 




el nähre 


Humen 


Eridanus 


liebre 




alarnab 


lepus 


Hase 


can major 




alquelb alagbar 


canis major 


grosser Hund 


can menor 




elqueb alazgar 


canis minor 


kleiner Hund 


naf 




elcefina 


na vis 


Schiff- 


ydro 




suiah 


ydra 


Hydra 


tynaia 




betya 


vas 


Becher 


ciiervo 




elgorab 


corvus 


Rabe 


centauro 




ve 


centaurus 


cantores Centaur 


lobo 




9ahba 


lupus 


Wolf 


fogar 




almexhmara 


lar 


Altar 


Corona miridio- 


allelil algenubi 


Corona meri- 


südliche Krone 


nal 






dionalis 




pez miridlonal 


elhot algenubi 


piscis meridio- 


südlicher Fisch, 








nalis 





DIE NEUK AUSGABE DKR ALPHüNSINISCHEN TAFELN. HOo 

Die Orthographie, namentlich der arabischen Beiiennunf^'cn, 
ist zuweilen eine verschiedene im Text und in den Figurentufeln; 
wir haben uns stets nach dem Text gerichtet. 

Mit Ausnahme der Zwillinge, die ganz nackt dargestellt sind, 
geben die Bilder alle menschlichen Figuren vollständig bekleidet. 
Die Kreise jedoch, welche die Sterngrössen andeuten sollen, zeigen 
sich oft so wenig verschieden, dass die Grössenangaben in der 
Beschreibung nichts weniger als überflüssig sind. 

Am Schlüsse der Sternbildfiguren finden wir noch eine Dar- 
stellung des Ptolemäi' sehen Astrolabiums mit den darin auf- 
genommenen Sternen und eine Aufzählung mehrerer Sterne, die 
bei Ptolemäus nicht vorkommen, mit hinzugefügter Bemerkung, 
dass die Zahl der übrigen zu gross sei, um sie aufzählen zu 
können. Eben so werden die Gegenden, wo keine Sterne inner- 
halb eines gewissen Flächenraumes stehen, besonders aufgeführt. 

§ 197. 

Bei dem nun folgenden vierten Abschnitte des ersten Bandes 
haben die Herausgeber für nöthig gefunden, sich auf das Ansehen 
Condamine's zu berufen, der es bedauert, dass die Astronomen 
des 17. Jahrhunderts so wenig von ihren Instrumenten und Me- 
thoden sprechen, die doch genauer zu kennen so wünschenswerth 
wäre, um ein richtiges Urtheil über ihre Beobachtungen gewinnen 
zu können. — Dieses vierte, in 69 einzelne Kapitel getheilte 
Buch handelt nämlich von der Verfertigung, der Eim-ichtung und 
dem Gebrauche der Instrumente, zunächst des Globus; und wir 
begreifen dies Bedenken, wenn wir auf Bemerkungen stossen, 
denen wohl nui- ihr Jahrhundert zui- Entschuldigung gereicht. 
Wir setzen den Anfang des ersten Kapitels in einer Über- 
setzung her: 

„Kap. 1. 
Von den Stoffen, aus welchen ein Globus verfertigt werden kann. 

Ein Globus kann aus verschiedenen Stoffen verfertigt werden, 
z. B. von Gold, Silber, Kupfer, Bronze, Zinn, Eisen, Blei, einer 
Legirung verschiedener Metalle, ferner von Stern, Ei-de, Holz, 
Leder, doppeltem Pergament und dergleichen, oder auch noch 
anderen Stoffen, welche die Menschen hervorbringen, um ihi-e Ge- 
schicklichkeit zu zeigen. Aber manche dieser Stoffe erscheinen 



356 üEscHicHTi-: der HIMMELSKUNDK. 

weniger geeignet, und kein einziger ist so angemessen als Holz, 
und dies aus folgenden Ursachen: Das Ganze aus Gold zu bilden 
kann man nur dann, wenn man sehr reich ist. Dann würde die 
Kugel auch zu schwer sein. Machte man die Kugel gross, so 
würde sie sich verbiegen und nicht völlig rund sein; machte man 
sie klein, so würde das, was man auftragen will, sich nicht deutlich 
darstellen. Man müsste also eine Quantität Silber beimischen, 
dann würde man ein härteres Metall als Gold erhalten, und es 
würde sich nicht so leicht verbiegen." 

In dieser Weise geht Cozta, der Verfasser dieses Theiles, 
die einzelnen Metalle und Stoffe weiter durch, und wir können 
die sieben ersten Kapitel mit ihren sehr allgemeinen Bemerkungen 
übergehen. 

Die folgenden enthalten eine sphärische Astronomie, in welcher 
die verschiedenen Aufgaben nicht durch Berechnung, sondern durch 
den Gebrauch des Globus gelöst werden. Zunächst ist von der 
Ungleichheit der Tage und Nächte die Rede, dann wird gezeigt, 
wie man Auf- und Untergänge, so wie Meridiandurchgänge der 
verschiedenen Himmelskörper ermitteln oder dm-ch die beobach- 
teten mit Hülfe des Globus die Orter der Sterne finden kann. 

Auch von Vorausbestimmung der Finsternisse ist Kapitel 64 
und 65 die Rede, wobei verlangt wird, dass man in der Vollmonds- 
nacht die Breite des Mondes durch eine Beobachtung bestimme, 
und in der des Neumondes gleichfalls (eine schwer erfüllbare 
Forderung). Als Grenze für Mondfinsternisse wird die Breite 1" 4'* 
gesetzt; Sonnenfinsternisse sollen eintreten, wenn die Breite des 
Mondes bei der Conjunction zwischen -\- 1^ 37' und — 47' ist. 
Man sieht, dass er nur das südliche Sj)anien und die Länder 
unter gleichem Parallel berücksichtigt, denn hier ist seine Regel 
annähernd richtig. Ob jedoch die Finsterniss total oder par- 
tial sei, wü'd hier nicht weiter untersucht. Von einer Berech- 
nung für andere Erdorte findet sich nichts, und da wir in Kap. 8 
erfahren, dass 

„die Gegenden, welche südlich vom Äquator liegen, nur sehr 
wenig bewohnt sind. Und diejenigen, die dort wohnen, sind 
Neger, und Äthiopen auf den Inseln des Meeres. Diese Menschen 



* Augenscheinlich ist dieser Werth zu gross; aber die Annahme erklärt 
sich, wenn die Mondparallaxe um 8' bis 10' grösser angenommen wird, als 
wir sie gegenwärtig setzen. 



DIE NEIK AUSGAHK DKR AI,rHON.smiSCHEN TAKELN. 357 

gleichen den Thieren, sie haben woder (iosotze, noch Rogohi, 
noch Rechte, nocli Kenntnisse, noch eine Regierung," 
so hat er Grund genug, für sie keine Berechnung anzustellen. 



§ 198. 

Das zweite Buch des Alphonsinischen Werkes, VIII und 321 
Seiten, behandelt in gleicher Weise, wie der (ilobus im ersten, 
das sphärische und das flache Astrolabium. Als Verfertiger beider 
Instrumente bezeichnet sich Abucach Azarquiel von Toledo. 
Während die Figuren zur Erklärung der Instrumente nur sparsam 
und sehr einfach gegeben werden, finden sie sich hier iu grosser 
Anzahl, sehr sorgfältig und detaillirt ausgeführt und viele dei-- 
selben illuminirt. Mit einer Untersuchung der Materialien hält 
der Verfasser sich nicht lange auf, desto ausführlicher ist er bei 
der Verfertigung, auch selbst der unwesentlichen Theile, z. B. des 
Aufhängungsapparates. Die einzelneu Armillen, ihre Eintheilung 
und die Methoden ihrer Prüfung werden in besonderen Kapiteln 
gegeben, und wo die spanische Sprache für die Benennungen nicht 
ausreicht, arabische angewandt. 

Dass die arabischen Mechaniker und Astronomen das Meiste 
und Beste bei der ganzen Arbeit gethan haben, ist nicht zu ver- 
kennen. Auch andere Araber Avaren, allerdings nicht mehr in 
ihrer eigentlichen Heimath, sondern in Ägypten und Marocco, 
um dieselbe Zeit mit ähnlichen Instrumenten beschäftigt; so wird « 
uns S. V der Einleitung Abul Hassan genannt, der von Ma- 
rocco aus 1280 Spanien besuchte und ebenfalls als astronomischer 
Schriftsteller und Verfertiger von Instrumenten auftrat. Die 
Herausgeber des Alphonsinischen Werkes suchen einer Verwechs- 
lung vorzubeugen, indem sie auf die Avesentlichen Unterschiede 
zwischen den Instrumenten dieses Königs und denen anderer Zeit- 
genossen aufmerksam machen. 

Bei den Berichtigungen hat man allerdings die Genauigkeit 
unserer Methoden nicht zu suchen. So wird beispielweise S. 32 
ein Mittel angegeben, zu prüfen, ob eine Fläche ganz horizontal 
liege. „Man begiesse sie mit Wasser, läuft dieses nach keiner 
Seite hin ab, so ist die Fläche horizontal, im entgegengesetzten 
Falle neigt sie sich nach der Seite, wohin das Wasser abläuft.'' — 
Für die Kathete eines rechtwinkligen Dreiecks bot die spanische 



358 . GESCHICHTE DEK HIMMELSKLNDE. 

Sprache noch keine Benennung, mv finden deshalb das arabische 
„niiguez" so wie das hTteinische „cated" gebraucht. 

In 11 Kapiteln wird die Verfertigung und Einrichtung des 
sphärischen Astrolabiums, in lo5 weiter folgenden der Gebrauch 
desselben gelehrt, wobei auch die terrestrischen INIessungen, zu 
denen es dienen kann, nicht übergangen sind. Auch finden sich 
^'orschriften für die Fälle, wo die Stäbe des Instruments nicht 
ganz ausreichen. 

Die zahlreichen, hier aufgestellten und durch Hülfe des In- 
struments gelösten Probleme betreffen nicht nur astronomische, 
sondern auch geographische Bestimmungen. Alles geschielit ohne 
Berechnungen durch die eingetheilten Kreise des Instruments, 
nur hei einer S. 87 gegebenen Correctionstafel ist vom Multi- 
pliciren und arithmetischen Mitteln die Rede. Nirgend wird die 
Refraction berücksichtigt, selbst nicht bei den Aufgaben, welche 
die Auf- und Untergänge der Sonne und des Mondes betreften. 

Die alten, ausser Gebrauch gekommenen Ausdrücke, die sich 
in den jetzt gangbaren spanischen Wörterbüchern nicht finden 
(wie zont, peciclo, axataba u. a. m.) machen den Alphonsinischen, 
Text mitunter schwer verständlich. In den Einleitungen und An- 
merkungen, die den neuen Herausgeber zum Verfasser haben, sind 
diese veralteten Terminologien vermieden und man findet hier 
werthvolle Untersuchungen, namentlich S. 83 fi'. eine solche über 
den ersten Erfinder des Astrolabiums, bei der jedoch ein sicheres 
Resultat nicht herauskommt. 

Den Beschluss dieses zweiten Bandes machen Vorschriften 
über den Gebrauch des flachen (llano) Astrolabiums, was wir als 
Planisphär bezeichnen. Auch hier werden in 82 einzelnen Ka- 
piteln im WesentHchen dieselben Aufgaben behandelt, welche beim 
sphärischen Astrolabium vorkommen. Sehr zu loben sind die 
zahlreichen Figuren, die in hinreichend grossem Maassstabe aus- 
geführt und sorgfältig colorirt, nicht blos Buchstaben, sondern 
auch ganze Wörter und Sätze, so wie die römischen Zahlen bei 
den Eintheilungen geben und das Verständniss sehr erleichtern. 

Das dritte Buch ist eine Fortsetzung des zweiten; es enthält 
XLVII und 325 Seiten. Hier wu'd die Anfertigung und der Ge- 
brauch flacher, mit beweglichen Linealen versenener Kreisscheiben 
verschiedener Construction (lamina universal und a^efeha) gelehrt, 
und schliesslich ist vom Quadranten die Rede. 

Die Einleitung des Herausgebers giebt uns ausführliche Nach- 



DIE NELE AUSliABK DKli ALriloNSlNlSt IIKX TAKKLN. 359 

richten über die Arbeiten, die schon im 11. Julirhundert von den 
arabischen Astronomen in Toledo ausgeführt worden, so wie von 
ihren kunstvollen Instrumenten, und Alphons hat alles dies, so 
weit es noch vorgefunden werden konnte, bei seinem Werke mit 
benutzt. Unter den Darstellungen ist besonders die p. 282 ge- 
gebene merkwürdig. Während nämlich alle übrigen nur Kreise 
geben, seien sie nun concentrisch oder excentrisch, ist hier die 
Bahn des Mercur durch eine Ellipse ausgedrückt, deren kleine 
Axe sich zur grossen beiläufig wie 9 zu 11 verhält. Aber das 
Sonnenzeichen findet sich nicht im Brennpunkt, sondern im Mittel- . 
punkt der Curve. 

Der Herausgeber bemerkt, dass einige in dieser J]llipticität 
nichts als eine hygrometrische Verziehung des in ein Kalbfell ein- 
gehüllten Pergamentes haben erkennen wollen, und er zeigt mit 
leichter Mühe das Ungenügende einer solchen Erklärung. Aber 
die von ihm gleichfalls angeführte Vermuthung, Kepler möge von 
dieser Figur Kenntniss genommen haben und dadurch auf seine 
Ellipsen geführt worden sein, ist nicht weniger unhaltbar. Kepler 
legt uns mit aller Offenheit nicht blos das Resultat, sondern auch 
den Gang seiner Untersuchungen und selbst die anfänglich ein- 
geschlagenen Irrwege vor: seine Ellipse ist etwas ganz anderes 
als die dem Azarquiel entlehnte Alphonsini'sche, und nicht an 
der Mercui'sbahn, sondern an der Marsbahn hat er sie aus den 
Tychonischen Beobachtungen direct nachgewiesen. Immer aber 
bleibt diese Mercursbahn-Darstellung ein merkwürdiges Document 
für den Umstand, dass man schon früh die Unmöglichkeit ein- 
gesehen hat, mit dem excentrischen Kreise in allen Fällen aus- 
zureichen. 

Tafeln nach Art unserer heutigen kommen nur wenige vor, 
und diese sind an Genauigkeit sehr verschieden. Während bei- 
spielsweise die Correctionstafel Th. IL S. 57 auf Secunden geht, 
findet man in der, welche den Stand der Sonne für jeden Tag 
des Jahres angiebt, nur die ganzen Grade. Differenzen zum Behuf 
des Interpolirens sind nirgend angesetzt. 

Augenscheinlich vertreten die zahlreichen und meistens sehr 
ausfühi-lich eingetheilten und bezifferten Kreise die Stelle der 
eigentlichen Tafeln, ganz angemessen dem Gesammtcharakter des 
Werks, das von dem Benutzer fast nirgend Rechnungen verlangt, 
sondern nur den Gebrauch der mitgetheilten Constructionen. 

So wenig nun auch das verdienstliche Werk gegenwärtig einen 



360 GESCHICHTE DER lUMTSJELSKUNDE. 

anderen als geschichtlichen Werth heauspruchen kann, so un- 
zweifelhaft ist seine hohe Bedeutung für die damaligen Zeiten. Es 
war gleichzeitig ein Originalwerk, gegründet auf eigene Beob- 
achtungen und Untersuchungen, und ein Sammelwerk für alles 
bis dahin an den verschiedensten Orten und Zeiten Geleistete. 
Seine Künstler und Mechaniker haben nicht sowohl noch nie 
dagewesene Instrumente erfunden, sondern nur mehr die, welche 
sie vorfanden, besser, genauer und bequemer eingerichtet, dar- 
gestellt und insbesondere ihren Gebrauch gelehrt. 

Wenn irgend etwas bei dieser Ausgabe zu wünschen übrig 
bleibt, so wäre es ein Vocabularium für die Wörter, welche in 
Spanien ausser Gebrauch gekommen sind und worüber die jetzigen 
Wörterbücher keine Auskunft ertheilen, so wie für die arabischen 
und einige andere Ausdrücke. Weniger störend ist die abwei- 
chende und häufig auch ungleiche Orthographie, mit der jedoch 
ein Kenner des Spanischen sich bald befreunden Avird. 

Wir kannten bisher spanische Dichter und Dramatiker; wir 
haben die geographischen und Reisewerke der spanischen See- 
fahrer erhalten und was ihre Maler und Architekten geleistet, hat 
man uns in trefflichen Nachbildungen und Beschreibungen vor 
Augen gelegt. Aber was in jenen Zeiten, avo Barbarei und Finster- 
niss auf Erden herrschten, ein grosser König geleistet, das lag 
verborgen und unbekannt, wenigstens unbeachtet im Staube der 
Bibliotheken, und der Klerus in den Zeiten seiner Alleinherrschaft 
hätte nie daran gedacht, diese Schätze zu heben. Der Dank da- 
für gebührt der spanischen Akademie der Wissenschaften, einer 
noch jungen Anstalt, die aber in der kurzen Zeit ihres Bestehens 
einen so erfreulichen Aufschwung genommen hat, dass er zu den 
schönsten Hoffnungen berechtigt. 



§. 199. 
FIXSTERN-KATALOGE. 

Obgleich die Arbeiten, Avelche den hier bezeichneten Gegen- 
stand betreffen, schon mit Hipparch beginnen, und von Ara- 
bern, Usbeken- und Mongolenfürsten fortgesetzt, nach dem Wieder- 
erwachen der Wissenschaften auch in Europa wieder aufgenommen 
wurden, so ist doch das, was hier darzustellen ist, von einem so 
unermesshchen Umfange, dass noch Jahrhunderte verfiiessen Averden, 



FJXSTKKN-K ATA LOti K. 3fi 1 

bis alles vollendet ist. Denn die Tausende von Sternen, welche 
dem blossen Auge erkennbar sind, hat das Fernrohr zu Millionen 
erweitert; mehr oder weniger sind sie alle bestimmbar und be- 
stinmiungsbedürftig und die Antwort auf viele, Fragen, ja selbst 
nur ihre bestimmte Fragestellung muss vertagt werden bis dahin, 
wo diese ganze riesige Arbeit zu weiterem sicheren Gebrauche 
vorliegen wird. 

Dabei kann nicht verkannt werden, dass die jetzt noch zu 
absolvirende Arbeit aus zwei getrennten Theilen besteht. Die 
gegenwärtigen Beobachter sind im Stande, bei ihren Observationen 
alles Erforderliche zu berücksichtigen, und die Berechner können 
zuverlässige Reductionselemente in Anwendung bringen, die der 
Besorgniss nicht Raum geben, dass die Zukunft alles wieder ver- 
werfen und die ganze Arbeit aufs Neue vorzunehmen genöthigt 
sein werde. Das war früher anders und ohne dass einem Br ad ley, 
Piazzi und Pond daraus ein Vorwurf erwächst, müssen doch 
gegenwärtig ihre Kataloge beseitigt und auf ihre Original-Beob- 
achtungen ziu'ückgegangen werden. Aber wie viel Tage und 
Nächte werden noch verfliesseu müssen, bis Berechner und Be- 
obachter zurückschauen können auf die fertige Arbeit! 

Doch zur Sache. Baily hat uns mit einer Zusammenstellung 
der älteren auf uns gekommenen Kataloge: Hipparch(Ptolemaus), 
Ulugh Beigh, Tycho, Hevel und Halley beschenkt; wir glauben, 
dass für sie alles geschehen ist, was geschehen konnte und für 
die Gegenwart Wichtigkeit hat. Die wenigen Reste der Roemer- 
schen Beobachtungen hat, wie im ersten Bande ausführlicher be- 
merkt, Galle in seinem Tridtiwn Roemeri bearbeitet und die 
Flamsteed'schen Beobachtungen, deren vollständige Reduction 
nicht mehi" möglich ist, besitzen wir in Brewster's British Catalogue. 
Alles dies ist von grossem Werthe, jedoch hauptsächhch durch 
sein Alterthum, denn eine Vergleichung mit neueren Arbeiten, aus 
dem Gesichtspunkt der Genauigkeit betrachtet, halten diese Werke 
nicht aus. 

Der Hauptbeobachter des ganzen 18. Jahrhunderts ist James 
Bradley. Den grössten Theil seiner Beobachtungen besitzen wir 
in der trefflichen Bearbeitung Bessel's, aber eine nicht unbedeutende 
Anzahl seiner Manuscripte ist erst kürzlich in England aufgefunden, 
und das Ganze whd jetzt von Auwers unter sorgtaltigster An- 
wendung aller Hülfsmittel der Neuzeit reducirt. — Maskelyne's 
yOOOO Beobachtungen, welche Olufsen zu bearbeiten unter- 



362 GESCHICHTE DEK HIMMEL8KUNDE. 

nominell hatte, haben leider die Envartnngeii nicht befriedigt: 
Bessel hat sich mit ihnen viele meist vergebliche Mühe gegeben, 
denn der Beobachter hat es au der Umsicht fehlen lassen, die 
wir bei Bradley nicht vermissen; er hat namentlich das Niveau 
viel zu selten angewandt. — Wollaston's und Zach's Kataloge, 
so unverkennbar auch ihr Nutzen für jene Zeit gewesen, können 
jetzt nicht mehr in Betracht kommen, nur T. May er 's Zodiakal- 
Katalog von 1197 Sternen hat dadurch, dass er der nahen Epoche 
wegen (1756) fast unmittelbar mit Bradley verglichen werden 
kann, sich noch brauchbar gezeigt. 

Dagegen Avurden in Paris, nur allerdings nicht auf dem 
Grand Observatoire, grosse und sehr verdienstliche Arbeiten dieser 
Art ausgeführt. Lacaille bearbeitete einen Katalog von 400 
Sternen, Messier hat behufs der Kometenvergleichungen zahlreiche 
und genaue Fixsternörter geliefert. Vor allem jedoch ist La- 
lande's Ilistoire relede zu nennen; gegen 47 000 Sternörter sind von 
ihm und seinem Gehülfen auf der Warte der Ecole militaire be- 
obachtet, welche neuerdings die British Association reducirt heraus- 
gegeben hat. Ferner Lacaille 's Beobachtungen am Cap, die 
zwar sehr mangelhaft sind, hauptsächlich wegen zu grosser Eile 
und der ungenügenden Hülfsmittel, aber werthvoll dadurch, dass 
sie für die grosse Mehrzahl dieser Sterne die ersten Bestimmungen 
sind, welche wir besitzen. Wir verdanken ihre Reduction gleich- 
falls der British Association. 

Gegen Ende des Jahrhunderts tinden wir Palermo zum ersten 
Male in der Astronomie genannt. Hier hatte der Fürst Cara- 
manico, Vicekönig von Sicilieu, eine schöne Sternwarte errichtet 
und Piazzi zu ihrem Director ernannt; eine glückliche Wahl. 

Giuseppe Piazzi, geb. 1746 am 16. Juli zu Ponte (Valtelinj, 
Vater Bernardo Piazzi, Mutter Antonia, geb. Artaria, geb. 
1726 am 22. Juli zu Neapel. 1755, zwei Jahr nach dem Tode 
seiner Mutter, kam er in die Schule Brera in Mailand, wo er 
sechs Jahre blieb, und sodann in den Theatiner-Orden trat. 1764 
stiidirte er in Turin, machte dort Beccaria's Bekanntschaft und 
ward durch diesen zur Mathematik geleitet. Als er später in Rom 
Theologie studirte, ward es ihm schwer, seinen mathematischen 
Studien obzuliegen, da seine Vorgesetzten dies untersagten und 
ihm sogar die Bücher confiscirten. In Genua, wohin er 1769 mit 
dem Auftrage, im Ordenshause Philosophie zu lehren, gegangen 
war, kam er mit den Dominikanern in dogmatische Streitigkeiten, 



FIXSTKKN KAT.\I,()(;K. 363 

und so nahm er 1771 den Vorschlag seines Lehrers .r;.c.|uicr ...i, 
in Malta, wo der Grossmeister Xiracnes eine Universität errichtet 
hatte, die Professur der Mathematik zu ühernehmen. Aber schon 
1773 ward diese Professur aufgehoben und er ging nach Ravenna, 
wo er bis 1778 im Collegio Mathematik lehrte. Nach einem 
kurzen Aufenthalt in Rom ward er 17öO, wie oben bemerkt, nach 
Palermo zur Leitung der Sternwarte berufen. Er begann hiei- die 
grosse Arbeit einer Durchbeobachtung sännntlicher in Palermo 
sichtbaren Sterne bis zu siebenter und theilweis bis zu aditcr 
Grösse. Die erste 1803 veranstaltete Ausgabe belohnte die fran- 
zösische Akademie durch Ertheilung ihres Jahrespreises. Voll- 
ständiger ist die zweite, 1814 l)eeiidete von fast ^üOO Sternen, 
denen er noch Vergleichungen hinzufügte. iMit seinem Gehülfen 
N. Cacciatoro hat er die Reductionen ausgeführt. 

Seinem zweiten Katalog sind auch Andeutungen über Eigen- 
bewegung der Fixsterne beigefügt. 

Die politischen Verhältnisse hatten 1806 den Hof nach Sici- 
lien geführt und Palermo ward für längere Zeit die Hauptstadt 
der nicht von den Franzosen besetzten Theile des Reichs. Man 
wünschte unter Anderm der im Maass-, Gewichts- und Münzsystem 
eingerissenen Unordnung ein Ende zu machen. Piazzi, auf- 
gefordert, Vorschläge zu machen, proponirte ein System, in welchem 
alle Theilungen durch 2 und deren Potenzen ausgeführt würden, 
obwohl Andere das französische Decimalsystem wünschten. Der 
Vorschlag des Astronomen ward angenommen und Piazzi erwarb 
sich dabei das Verdienst, das Ganze mit sehr geringen Kosten 
ins Werk zu setzen. Einen zweiten Auftrag: die Aufnahme einer 
genauen Karte von Sicilien, konnte er nicht ausführen, da die 
Ankunft der in England bestellten Messinstrumente sich von Jalir 
zu Jahr verzögerte und die ganze Sache darüber in Vergessen- 
heit gerieth. Nur die nähere Umgebung der Hauptstadt kam zu 
Staude. 

Seine astronomischen Arbeiten litten jedoch unter diesen zum 
Theil fremdartigen Beschäftigungen keineswegs. 1812 erschien 
seine Schrift della Cometa del 1811, in welchem er alle ihn be- 
treffenden Beobachtungen sammelt und seine Bahn berechnet, und 
endhch 1814 das Hauptwerk: Praecijnmnim stellarum positiones 
mediae ineunte anni XIX ab anno 1792 — 1813. 

Piazzi hat den Ruhm, gerade in der politisch bewegtesten 
Zeit der Geschichte, wo • sonst überall in Europa Waifengeklirr 



364 GESCHICHTE ÜEK HIMMELSKUNDE. 

die friedlichen Musen verscheuchte, dieses grosse Werk, ein Denk- 
mal des eisernsten Fleisses, zu Staude gebracht und das neue 
Jahrhundert an seinem ersten Tage mit einer weltgeschichtHchen 
Entdeckung bezeichnet zu haben, ^Yelche den Anfang einer glän- 
zenden Reihe ähnlicher Entdeckungen, die noch nicht beschlossen 
ist, bildet.* 

Seine angeborne Bescheidenheit hätte ihm nie gestattet, einem 
Maler zu sitzen. Pilati, einer seiner treuesteu und thätigsten 
Gehülfen bei Ausarbeitung seines Katalogs, wusste unter ver- 
schiedenen Vorwänden den Maler Farina wiederholt bei ihm ein- 
zuführen, und dieser hatte sich Piazzi's Züge so eingeprägt, dass 
er sie, ihm unbewusst, treu darzustellen vermochte. 

In diesem Bilde sitzt er in tiefes Nachdenken versunken an 
seinem gewöhnlichen Schreibtische. Rechts die Bände der Pa- 
lermer Sternwarte, links eine Tafel der Maasse und Gewichte, der 
Plan von Palermo und Ähnliches. Vor ihm seine Himmelskarte, 
auf dem sein Finger die Stelle im Bilde des Stiers bezeichnet^ wo 
er den Planeten Ceres entdeckte. Urania zeigt sich ihm, um ihn 
aus seinem Sinnen zu erwecken, und macht ihn auf die Ceres auf- 
merksam, die, in der Ferne auf ihrem Schlangenwagen sitzend, 
daraus herauszustreben scheint, um sich dem Astronomen zu offen- 
baren. Die Unterschrift bildet ein Distichon von Nasie: 

„Huic coeluui emeiiso Fernandinn inscribere divis 
Et Cererein SicuHs restituisse datiim est." 

Wir fügen noch das eben so glückliche Distichon Poczobut's 
bei Gelegenheit der Einführung des Zeichens 5- für Ceres hinzu: 

„Quae segetum culmos docuisti falce secare, 
Falx dentata sacruni sit tibi ;<temma, Ceres !'• 

Nach Rückkehr des Hofes von Palermo nach Neapel ward 
Piazzi 1817 zum Generaldirector der neapolitanischen Stern- 
warten ernannt und wohnte von da ab in Neapel (die specielle 
Leitung der Palermer Warte übernahm Nicolo Cacciatore, sein 
bisheriger Gehülfe). In dieser Stellung blieb er neun Jahre, bis 
an seinen Tod, der 1826 am 22. Juli im 81. Lebensjahre erfolgte. 
Seine Werke sind folgende: 



Die Entdeckniicr der Ceres. 



KlX.STKUN-KATALiKJK. 365 

1788. Lettre sur les oiivrages de M. Raiiisden (im Journal des Savaiis). 

1790. Curso di astronomia. Palermo. 

1792—94. Delhi specola astroiiomica di regj studj di Palermo. "J vol. Fol. 
Palermo. 

1801. Risultati delle osservazioni della nuova Stella scoperta il primo di (iennajo 
all' osservatorio reale di Palermo. 

1S02. Delhi seoperta della nuova pianeta Cerere Ferdinandea ottavo tra i i)ri- 
mari del nostro sistema solare. Palermo. 

1803. Praecipuarum stellarum inerrantium positiones mediae, ineunte Se- 
culo XIX, ex observationibus habitis in specula Panoinitaiia. Eine 
zweite Auflage dieses Werkes, in welcher alle bis 18 lü erhaltenen Be- 
obachtungen zusammengestellt waren, erschien 1814 unter dem oben 
angeführten Titel. 

1803. Libro sesto del Reale Osservatorio di Palermo. 

1812. Della cometa del 1811. Palermo. 

1812. Codice metrico Siculo. Catanea. 

1817. Lezioni elementari di Astronomia. Palermo. 

Viele andere Aufsätze erschienen in verschiedenen Zeitschriften. 
Seine früheste Arbeit findet sich in den Philosopliical Transactions 
für 1789: Result of the calculations of the observations made at va- 
rious places of the eclipse in June 9, 1779; seine späteste ..Dali 
orologio italiano ed eiü'ojjeo^^ (in (riornale di Sdenze par la Sicilia, 
1824). 

Unter dem Titel Storia Celeste di Palermo hat Littrow* die 



* Karl Ludicig Edler v. LITTE OW (Sohn), anfangs Adjunct 
und später Nachfolger seines gleichfolls sehr verdienstvollen 
Vaters : 

Joseph Johann Edler v. LITTEüW, geh. 1781 am 13. März, 
gest. 1840 am 30. November. Er hatte sich schon früh den ma- 
thematischen Studien gewidmet und fungirte zuerst als Gehülfe 
Pasquich's in Ofen und dann als Director der Krakauer Stern- 
warte. Hier erhielt er einen Ruf an die Universität Kasan, den 
er zwar annahm, seine dortige Stellung jedoch bald Aneder aufgal), 
da weder das Khma, noch seine dortigen Collegen ihm zusagten. 
Er ward an die Sternwarte Wien als Director gesetzt, und von 
hier aus hat er die meisten seiner zahlreichen Schriften ausgehen 
lassen. Er publicii'te seit 1821 die Annalen der Wiener Stern- 
warte, von 1821 — 27 die theoretische und praktische Astronomie 
in 3 Theilen, 1834 — 3G die „Wunder des Himmels," ein populär 



3.66 GEscHiCHTt: der «IMMELSKUNDE. 

vollständigen Original - Tagebücher Piazzi's in einer Reihe von 
Bänden zu Wien herausgegeben und sich auch dadurch, wie durch 
seine eigenen Werke, ein grosses Verdienst um die Wissenschaft 
erworben, da obige Arbeiten uns in den Stand setzen, mit den 
neueren und genaueren Hülfsmitteln, wie sie Piazzi noch nicht 
vorlagen, die lleduction dieser Beobachtungen und damit die Örter 
von nahezu 8000 Sternen für eine Epoche zu gewinnen, für w^elche 
keine andere Beobachtungen von hinreichender Genauigkeit sich 
vorfinden; auch dürfen wir hoft'en, dass die Wiener Sternwarte 
uns bald mit dem neu reducirten Kataloge Piazzi's beschenken 
wird. Wir erwähnen noch der Markree-Kataloge, von Cooper 
und seinen Mitarbeitern, die eine grosse Anzahl Fixsterne um- 
fassen. 

Ein noch erfreulicheres Bild bietet uns das neue Jahrhundert, 
in welches Lalande's oben erwähnte Arbeit noch hineinreicht. — 
In England begann ein begüterter Privatmann, Stephen Grooni- 
bridge* 1806 seinen Katalog von 4300 Circumpolarsternen, die 



gehaltenes Werk, gleichfalls in 3 Theilen, das grosse Verbreitung 
fand; 1829 eine Calendariographie; 1839 einen Atlas des gestirnten 
Himmels. Noch viele andere Arbeiten hat er theils selbständig, 
theils in Zeitschriften veröfientlicht, auch Übersetzungen, wie z. B. 
von WhewelTs Geschichte der inductiven Wissenschaften gegeben 
und mit Anmerkungen bereichert. Als Beobachter hat er wohl 
nur deshalb weniger gewirkt, weil die Lage der Wiener Stern- 
warte dies nur in beschränktem Maasse gestattet. Auch eine 
Dioptrik erschien von ihm 1830, so wie er auch mehreres über 
Mathematik und Physik geschrieben hat. Wir erwähnen noch 
seine Vorlesungen über Astronomie, Wien 1830. 

Sein Vater, ein einfacher Bürger in einer kleinen mährischen 
Stadt, hat ein Alter von 100 Jahren 4 Monaten erreicht. 

* Stephen GROOMBRIDGE, geb. 1755, gest. am 30. März 
1832. Ein wohlhal)ender Tuchhändler der City von London, hatte 
er sich zu Blackheath nahe bei London eine Sternwarte erbaut 
und mit schönen Troughton'schen Instrumenten ausgerüstet. Hier 
])eobachtete er von 1806 — 1814 sehr eifrig, und das Resultat war 
ein Katalog von über 4000 Sternen, grösstentheils zwischen dem 
Nordpple und dem 40^' nördlicher Breite, der um so schätzbarer 



Fl\STKUN-K ATA l,ori i;. 367 

er bis zum 40. Grad nördlicher Breite uusdehnto und diesen noeli 
etwas überschritt, was die glückHche Folgii liatte, dass durch ihn 
der Stern von stärkster Eigenbewegung (1«30 Gr.) zuerst beob- 
achtet ist.* Auch andere Liebhaber der Wissenschaft haben auf 
ihren Privatsternwarten in ähnUcheni Geiste gearbeitet, so William 
Pearson in Soud-Kilworth. — Doch das Wichtigste erhielten wir 
von den dortigen öftentlichen Instituten, Greenwich, Oxford, Cam- 
bridge, Edinburgh, Armagh u. a. In den regelmässig publicirten 
Jahresberichten finden Avir fast immer einen sorgfältig reducirten 
Special-Katalog, und diese werden dann nach einer Reihe von 
Jahi-en zu einem General-Katalog vereinigt. Da gleichzeitig auch 
die Origiualbeobachtungen selbst veröffentlicht werden, so können 
diese schönen und sehr genauen Arbeiten allen kommenden Zeiten 
ein ausreichendes Material für ihre Untersuchungen dar'bieten. 
Johnson in Oxford, dem wir schon früher einen St. -Helena- Ka- 
talog verdanken, hat die Beobachtungen Groombridge's wieder- 
holt, doch ohne sich darauf zu beschränken, und an rüstiger 
Thätigkeit steht diese auch architektonisch prachtvolle Sternwarte 
(Ratcliffe Observatory nach ihrem Gründer genannt) keiner andern 
nach. Pond und Airy in Greenwich, Challis und Adams in 



ist, je weniger in dieser kriegerischen Zeit selbst von den meisten 
öffentlichen Sternwarten verlautete. Obgleich der höhern Mathe- 
matik unkundig, hat er gleichAvohl die Formeln anzuwenden ver- 
standen und sich als ein gewandter Arithmetiker bewährt. Der 
Katalog ward erst 1838 von Airy herausgegeben unter dem 
Titel: Catalogue of Circumpolar Stars reduced to Jan. 1. 1810. 
Groombridge selbst Hess von Zeit zu Zeit astronomische Tafeln 
und Proben seiner Beobachtungen erscheinen, so wie Vergleichungen 
derselben mit denen anderer Astronomen. 

M. Johnson, Director der Sternwarte Oxford, hat von 1839 
bis 1850 die Sterne dieses Katalogs wiederholt beobachtet. 



* Anfangs äusserten Einige, es möchte ein sehr entfernter Planet unserer 
Sonne sein. Aber die ganz unmerkliche Parallaxis annna, die sich .lus John- 
son's und O. Struve's Beobachtungen ergiebt, steht dieser Ansicht aufs 
entschiedenste entgegen. Es bleibt nichts übrig, als eine ganz aussergewöhn- 
lich rasche Bewegung dieses Sterns anzunehmen, gegen -JöO Sonnenweiten im 
Jahr, also 170 Meilen in der Secunde. Noch ist kein ^Veltkörper bekannt, 
dessen Geschwindigkeit dieser Grösse nahe kommt. 



368 GESCHICHTK DER HIITMELSKUNDE. 

Cambridge, Johnson und Main in Oxford, Henderson und 
Smytli in Edinburg, Robinson in Armagh, Brinkley und Ha- 
milton in Dublin sind Namen, deren alle künftigen Jahrhunderte 
mit Ehren gedenken werden. Sie sind es hauptsächlich, welche 
Britannien an die Spitze der Himmelsforschung gestellt haben und 
den Ruhm fortwährend erhalten, der mit Isaac Newton und 
seinen grossen Zeitgenossen beginnt. — Auch die Colonien zeigen 
uns ein gleich erfreuliches Bild. Die Capsternwarte, die ostindi- 
schen Sternwarten Madras und Poonah, Paramatta und neuerdings 
Melboui'ne in Austrahen haben sich durch treffliche Arbeiten, die 
Fixstern-Astronomie betreffend, verdient gemacht, und noch zeigt 
sich nie und nirgend in diesen Gebieten ein Rückgang oder Still- 
stand, vielmehr vernimmt man von Zeit zu Zeit, dass neue Tempel 
der Urania eröffnet werden. — Mehr und besser als ü-gend eine 
andere Nation haben die Briten es erkannt, was der Wissenschaft 
Noth thut; weniger als irgendwo waren die Forscher genöthigt, 
auf Abwehr bedacht zu sein den Gegnern gegenüber, die unter 
den verschiedensten Vorwänden dahin cubeiten, die Fortschritte 
der Wissenschaft zu hemmen, wenn nicht gar sie zu ver- 
dächtigen. 

Doch wollen wir nicht ungerecht sein und gern anerkennen, 
was anderswo, meist unter grösseren Schwierigkeiten und mit ge- 
ringeren Geldmitteln Grosses und Tüchtiges geleistet worden. In 
Deutschland finden wir B es sei's Arbeiten, insbesondere seine 
Zonen, von Weisse reducirt und zu zwei reichhaltigen Katalogen 
bearbeitet. Ferner das Unternehmen der Berliner Akademie, die 
24 Sternstunden unter ebenso viele Astronomen zu vertheilen, 
welche es übernahmen, die darin vorkommenden Beobachtungen 
Bradley's, Lalande's, Piazzi's und Bessel's, auf 1800 reducü't, 
zu Special-Katalogen zusammenzustellen und gleichzeitig in Karten- 
bildern zu geben, sie auch durch eigene Beobachtungen im Ko- 
metensucher zu ergänzen. Allerdings reichten die sechs Jahre, 
auf die man anfangs gerechnet, bei weitem nicht hin; einige, wie 
Inghirami und Harding, waren zwai' viel früher mit ihrer über- 
nommenen hora fertig, andere jedoch zögerten länger oder traten 
ganz zurück. Jetzt jedoch ist alles beendet. Die Kataloge geben 
nur ganze Zeitsecunden und Zehntel der Bogenminute, allein meh- 
rere Beobachter haben Zusätze geliefert für einzelne besonders 
wichtige, namentüch stark bewegte Sterne. Sie beschränken sich 
auf den Raum von — 15^ bis -\- 15^ Declination; ursprünghch war 



nXSTKRN-KATAI.Or;!:, 369 

beabsichtigt, nach Beendigung dieser Zone auch die andern Re- 
gionen bis zu den Polen hin zu bearbeiten, wofür jedoch inzwischen 
auf andere Weise gesorgt wurde. 

Schwerd im Speyer beobachtete die nördlichen Circum- 
polarsterne bis zum 80*^ nördl. Breite, worüber wir nur einen sehr 
ausfühi-lichen Katalog besitzen. Argelander, der bereits in Abo 
von 1823 — 30 einen Katalog von 560 häufig wiederholt beobach- 
teten Sternen, insbesondere solchen von starker Eigenbewegung 
gegeben, hat später in Bonn auf der provisorischen Sternwarte, 
auf dem alten Zoll die Lücke zwischen Schwefd und Bessel 
(-f- 45*^ nördl. Breite bis -f 80^) ergänzt und den dazu gehörigen 
Katalog gegeben, später jedoch, auf der grösseren und vollständig 
ausgerüsteten Sternwarte, mit seinen Gehülfen Thor mann. Schön - 
feld, Krüger und Schmidt (die drei Letzteren sind jetzt Di- 
rectoren zu Mannheim, Helsiugfors und Athen) eine sehr umfas- 
sende Arbeit ausgeführt, über die hier näher berichtet werden soll. 

Die Beobachtungen begannen am 22. Februar 1852 und 
währten bis zum 27. März 1859. In 625 Nächten konnten 
L'>41 Zonen gewonnen werden; in einzelnen Nächten, und nach- 
dem mehrere Beobachter gleichzeitig thätig sein konnten, sind 
5 — 8 , zweimal sogar 9 Zonen erhalten worden. Die Zahl sämmt- 
licher Beobachtungen ist gegen 850000; anfangs hatte Arge- 
lander die Mehrzahl der Sterne nur durch Schätzungen be- 
stimmen wollen, zog es jedoch vor, Avirkliche, wenn gleich sehr- 
rasche Beobachtungen zu machen. Auch wurden vom 19. Januar 
1854 bis zum 19. April 1861 besondere Revisions-Zonen, 476 an 
der Zahl, von Schönfeld und Krüger beobachtet, um alle 
zweifelhaften Punkte möglichst zu beseitigen. Diese Revisions- 
Zonen wurden meist bei Mondlicht ausgeführt, da es besonders 
in der Milchstrasse und den angrenzenden Regionen vortheilhaft 
erschien, weniger Sterne gleichzeitig im Felde zu haben. Mit 
Hinzuzählung dieser letzteren steigt die Zahl der Beobachtungen 
auf 1061000, wobei durchschnittlich auf jeden Stern 3 (genauer 3 » 4) 
Bestimmungen treffen. 

Die drei Sectionen des Katalogs, der die gesammte nördliche 
Halbkugel und jeuseit des Äquators noch die zwei ersten Grade 
begreift, enthalten 110987, 105082 und 108129, zusammen also 
324 198 Sterne, eine Reichhaltigkeit, (he bis jetzt ohne Beispiel ist. 
Natürlich ist die Genauigkeit nicht die der Meridianbeobachtungen, 
aber sie ist gi-össer als in den Lalan de "sehen und selbst in den 

''-i. 

i\ Madler, ("Jeschii-htP (Ipv Hiiiimelskunde. IJ. 



370 I GESCmCHTE DER HBOtELSKUNDE. 

Bessel'sclien Zonen. Bedenkt man, class einzelne Stunden der 
Zonen mit mehr als 1000 Sternen (eine sogar mit 1226) vor- 
kommen, also dem einzelnen Sterne nur 3 — 4 Secunden Zeit ge- 
widmet werden konnte, so muss man zugeben, dass hier alles 
MögHche geleistet ist. Genaue Karten stellen alles dar, was die 
Kataloge enthalten. 

Auf dem dritten Congress der deutschen astronomischen Ge- 
sellschaft zu Bonn 1867, in welchem Ar gelander den Vorsitz 
führte, richtete er an die Anwesenden eine Aufforderung, einzelne 
Zonen zur genaueren Bestimmung am Meridiankreise zu beobachten 
und damit bis zur neunten Grösse fortzufahren. Einige der an- 
wesenden Astronomen übernahmen sogleich bestimmte Theile des 
Himmels zur Bearbeitung; andere werden hoffentlich folgen. 

Eine ähnliche, noch umfassender angelegte Arbeit hatte 
W. C. Bond projectii't; es fehlen uns Nachrichten, ob nach dem 
Tode beider Bond, der bald darauf erfolgte, etwas Weiteres in 
dieser Beziehung geschehen ist. — Auch Lamont in München 
hatte Zonenbeobachtungen begonnen, jedoch, wie es scheint, nicht 
fortgesetzt. 

Italien hat aus neuerer Zeit namentlich den S an tini' sehen 
Katalog aufzuweisen, der von — 10° bis -f- 10" Declination reicht. 

In Sj^anien hat Saturnin o Montojo, Director der Stern- 
warte S. Fernando, eine Anzahl südlicher Sterne beobachtet, die 
Baily für seinen Katalog brauchte, die aber in England gar 
nicht, oder zu wenig, über den Horizont kommen. Dieser Mon- 
tojo'sche Katalog ist in den Memoirs of tlie Astronomical Society 
veröffentlicht. 

Russland hat den Struve'schen Katalog, so wie die in den 
Pulkowaer Veröftenthchungeu gegebenen, die jedoch ihren de- 
finitiven Abschluss noch erwarten, wähi'end in Schweden, Däne- 
mark, Holland ähnliche Arbeiten im Gange, aber noch nicht ab- 
geschlossen sind. 

In Genf hat Plantamour schon mehrere Special-Kataloge, 
aber noch keinen allgemeinen veröffentlicht. 

Wrottesley's beide Kataloge, veröffentlicht in den Memoirs, 
enthalten nur Bectascensionen. 

Wir gedenken noch zum Schlüsse der Arbeiten, welche Ame- 
rika geliefert hat. 

Gilliss trat zuerst mit einem Katalog von Bectascensionen 
auf, unter Maury's Direction jedoch erschienen mehrere Bände 



DIE ROYAL ASTliONAMICAL SOCIETY. HTl 

Washingtoner Beobachtungen und in diesen sehr sorgfahig bear- 
beitete Special -Katah)ge. — Von Moesta, dem Director der 
Sternwarte S. Jago de Chile, sind werthvolle Untersuchungen ülx-r 
die Positionen südlicher Circumpolarsterne zu erwarten. 

Zählt man alles zusammen, was über Sternpositionen ver- 
öffenthcht worden ist, so dürfte eine halbe Million Sterne be- 
stimmt sein; die meisten an mehr als einem Orte und von ver- 
schiedenen Beobachtern. Werden dagegen, mit Ausschluss aller 
Zonenbeobachtungen, so wie der vor Bradley datirenden, nur 
gut und genau bestimmte, nur zum Theil noch nicht, oder nicht 
genügend reducirte Sterne gezählt, so wird man nicht über 
30 — 40000 hinauskommen. Verglichen mit der Masse dessen, 
was noch mit den gegenwärtigen flülfsmitteln gut bestimmt 
werden kann, ist dies immer noch wenig. — Die Bestimmung der 
Fixsternörter ist derjenige Theil der Himmelskunde, woran natur- 
gemäss das grosse, ausserhalb der Wissenschaft stehende Publicum 
den wenigsten Antheil nimmt, allein dies kann die Institute, na- 
mentlich die vom Staate gegründeten, nicht bestimmen, sie hint- 
anzusetzen, zumal sie, genau betrachtet, die walire Grundlage der 
gesammten Wissenschaft bildet. 

Von meinen eigenen, die Fixstern -Astronomie betreffenden 
Arbeiten, die Berechnung von 3222 Sternen, ist bereits oben die 
Rede gewesen. 

§ 200. 
DTE ROYAL ASTRONOMICAL SOCIETY. 

Wissenschaftliche Arbeiten und Bestrebungen sind in England 
von älterem Datum als in den meisten andern Culturländern Eu- 
ropa's, und so sehen wir auch hier schon in den Jahren der Na- 
poleoni'schen Kriege, wo auf dem Continent alles dahin Gehörende 
sehr zurücktreten musste, die erste Idee zu der genannten Ge- 
sellschaft entstehen. Allerdings treffen wir in Deutschland schou 
1797 den Congress in Gotha und die Zusammenkünfte bei Schröter 
an, aber etwas Bleibendes, eine förmlich constituirte Gesellschaft, 
ging daraus nicht hervor. 

Dagegen gewahren wir, dass bereits 1812 Dr. Pearson, da- 
mals 45 Jahr alt, die ersten Schritte zu einer solchen Vereinigung 
thut Mit Troughton, Kelly und anderen Freunden der Himmels- 
kunde ward der Gegenstand besprochen; und 181G war der Plan 

■2i* 



372 RESCHK'HTF, DER HIMMF.I-SKrXDE. 

SO weit gediehen, dass Pearson einen ersten Prospectus entwarf 
und diesen dem Minister Lord Erskine vorlegte. 

Doch scheint dies damals die erwünschte Aufnahme nicht ge- 
funden zu haben, denn abermals vergehen vier Jahre, ohne dass 
etwas zu Stande kam. Erst am 12. Januar 1820 versammelte 
sich eine Anzahl von Freunden der Astronomie in Freemason's 
Tavern in London und beschloss, sich zu einer astronomischen 
Gesellschaft zu constituiren. Eine Adresse ward entworfen und 
in Circulation gesetzt; sie trügt die Unterschrift John Her- 
schel's, der auf Pearson's Auft'ordorung sich dazu entschloss. 

Wir sehen aus diesem Circular, dass ein Comite von acht 
Mitgliedern zusammengetreten war: Babbage, Baily, Colby, 
Colebrooke, Gregory, J. Herschel, Moore, Pearson; dass 
Baily als Secretär pro tempore fungirte, so wie Moore als Präsi- 
sident und Pearson als Schatzmeister. Die nächste Zusammen- 
kunft fand statt am 8. Februar im Hause der Geologischen Ge- 
sellschaft, wo die Statuten festgestellt wurden, wie eine weitere 
vom 29. Februar die am 12. Januar bezeichneten Functionäre und 
das Comite bestätigte. 

Wir wünschen jeder Gesellschaft dieser Art, namentlich in 
ihrem ersten Beginne, einen Schatzmeister wie Pearson, der stets 
bereit und im Stande ist, mit dem eignen Schatze auszuhelfen. 
So finden wir, dass als Guinand in Neufchatel 1823 der Astro- 
nomical Society ein Stück Flintglas, von ihm zu Stande gebracht, 
überreichte, Pearson aus eigenen Mitteln 250 Pfd. Sterling 
hergab, um durch Tu Hey daraus ein Objectiv von 0^4 Zoll 
Durchmesser und zu demselben ein 12 füssiges Fernrohr verfertigen 
zu lassen; das erste grössere achromatische Fernrohr, was die 
Gesellschaft besass, und damals das grüsste im britischen Reiche. 

In demselben Jahre begann die Gesellschaft bereits Preise zu 
vertheilen. Sie bestehen aus einer goldenen oder silbernen Me- 
daille, und die erste erhielt Charles Babbage am 13. Juni 1823 
für seine Maschine zur Berechnung und Druck mathematischer 
Tafeln. Seit jener Zeit sind innerhalb 40 Jahren 42 goldene, 
4 silberne und 12 sogenannte Testimonials zuerkannt worden. 
Der erste Band der Memoirs erschien 1822, wogegen die Moidhly 
Notices erst 1831 begannen. Beide Zeitschriften gehören zusammen 
und ergänzen sich gegenseitig. Grössere Aufsätze, namentlich all- 
gemeineren Inhalts, werden in die Mentoirs aufgenommen; kürzere, 
deren Bekanntmachung sofort wünschenswerth ist, wie Epheme- 



DIE ROYAL A8TR0NU.MICAI. SOCIETY. 373 

riden, neue Entdeckungen und Aelinliches, kommen in die Montidy 
Notices, die in einzelnen Nummern erscheinen und allmonatlich 
oder auch beim Erscheinen jeder Kummer versandt werden. Auch 
die biographischen Artikel erscheinen jetzt in diesen Notices. Die 
Balance der jährlichen Einnahmen und Ausgaben beläuft sicli 
jetzt auf nahezu 1000 Pfd. Sterling, die Zahl der wirklichen und 
Ehrenmitglieder war im Februar 1863 auf 444 gestiegen, wozu 
noch 47 Associates kommen. 

Zahlreiche Instrumente liefinden sich im Besitz der Gesell- 
schaft, di^ sie theils durch Ankauf, theils durch Vermächtnisse 
erworben hat. Zu Letzteren gehören ein Teleskop und ein Durch- 
gangs-Instrument aus dem Vermächtnisse Shearman's und die 
reiche Sheepshanks-Collection von Instrumenten, 43 Nummern 
enthaltend. 17 Instrumente waren zu angegebener Zeit an ein- 
zelne Mitglieder verliehen. — Zwei Teleskope von 7 Fuss Focal- 
länge und einige Beaufoy'sche Instrumente sind darunter die 
hauptsächlichsten. 

Theils durch Vermächtnisse (von Jakson, Lee* und Tumor), 
theils durch Ersparnisse ist die Gesellschaft in Besitz eines Ver- 
mögens von 5950 Pfd. Sterling gelangt, so dass sie jährlich 
172 Pfd. an Zinsen bezieht. 

Bereits ein Jahr nach ihrer Gründung zählte die Gesellschaft 
160 Mitglieder und 20 Associates; ihre „Ofticers" waren die 
folgenden: Präsident: William Herschel; Vicepräsidenten : Col- 
bert, Englefield, Gilbert, Moore; Schatzmeister: Pearson; 
Secretäre: Babbage, F. Baily, John Herschel; Council: 



* John LEE, geb. 1783 am 28. Apnl; gest. 1866 im Februar. 
Er war der älteste Sohn eines Londoner Kaufmanns, J. Fiott, 
vertauschte jedoch später diesen Namen mit dem seiner Mutter. 
Er trat in das S. Johns College zu Cambridge, machte mehrere 
Reisen nach Griechenland, Ägypten und Palästina. 1824 ward er 
Mitglied der Astronomical Society und ward deren Schatzmeister 
von 1831 bis 1840. 

Im Jahre 1831 gründete er das Hartwell Observatory, nach- 
dem er vom Admiral Smyth ein ausgezeichnetes Instrument durch 
Kauf erworben hatte. Mit Pogson arbeitete er gemeinschafthch. 
namentlich bei Untersuchung der veränderlichen Sterne. 

Einige Beiträge zur Archaeologie und ähnliche kleine Auf- 



374 GESCHICHTE DER HEMMELSKÜNDE." 

Birkl)eck, Goinpertz, Gregory, Groombridge, Horsburgh, 
Rowley, South,* Troughtoii; Trustees: A. Baily, Moore, 
Stockes und der jedesmalige Schatzmeister. 

Im ersten Bande finden wir als Eingang eine Adresse aa 
die Gesellschaft, welche die Gründe darlegt, die zu dieser Vereini- 
gung geführt haben, so wie die Ziele und Zwecke, welche sie sich 
gesetzt hat. 

Diesem zunächst folgen die Statuten, aus denen wir hervor- 
heben, dass nm' britische Unterthanen zu Mitgliedern, und nur 
Ausländer zu Associates erwählt Averden können. Zur Aufnahme 
ist Dreiviertel Majorität erforderlich. Wer innerhalb 50 (englischer) 



Sätze sind alles, was wir von ihm selbst besitzen, aber er besorgte 
die Herausgabe der hinterlassenen Werke seines Freundes, Ad- 
iniral Smyth, auf seine Kosten. Darunter 

Aedes Hartvvellianae. London 1851. 
Addenda to Aedes Hartwellianae. London 1S64. 

The Cycle of Celestial Objects continued at the Hartwell Observatory. 
London 18G0. 

Stets war er bereit, Avissenschaftliche Untersuchungen zu be- 
fördern und zu unterstützen. Den Abgang seines Freundes Pogson 
als Director nach Madras beklagte er sehr, da ein von beiden 
pröjectirtes Werk ,, Variable Star Atlas'' nun nicht zu Stande kam. 

* Javies SOUTH, geh. 1725, gest. 1867 am Id. October. Er 
hatte sich der Chirurgie gevndmet, doch entschiedene Neigung 
veranlasste ihn, die Himmelskunde zu betreiben. Er war Mit- 
glied der Astronomical Society und hat sich auf seiner Privat- 
sternwarte in London durch zahlreiche und treffliche Beobach- 
tungen um Himmelskunde verdient gemacht. Fast alle seine Ar- 
beiten finden sicli in englischen und deutschen Zeitschriften. Im 
Jahre 1825 besuchte er mehrere Sternwarten des Continents, auch 
Dorpat, wo vor Kurzem der Fraunhofer'sche Refractor aufgestellt 
worden war. Doppelsterne hildeten seine Hauptbeschäftigung. 
1 820 schrieb er On the best mode of examining double stars ; gleich- 
zeitig gab er einen Katalog derselben. Bei einer Bedeckung von 
iV Piscium im Jahre 1821 glaubt er den Stern einen Augenblick 
auf dem Rande des Mars projicu't gesehen zu haben. Indess 
dürfte sowohl hier als bei einer andern Wahrnehmung über eine 



DIE UOYAL ASTKoNdMUAL SUCIKTV. 375 

Meilen von Louduu wohut, zahlt bei der Aufnahme vier Guineeu 
und später jährlich zwei Guineen. Entfernter Wohnende zahlen 
hei der Aufnahme acht Guineen, haben aber den jährlichen Bei- 
trag nicht zu entrichten, sondern nur das Eintrittsgeld. — Wer 
bei der Aufnahme 24 Guineen zahlt, ist von allen jährlichen Bei- 
trägen frei, ebenso wie der, welcher später 20 Guineen einzahlt. 

Die Associates haben dieselben Rechte wie die Mitglieder, 
nur können sie nicht zu Beamten erwählt werden. 

Eine allgemeine jährhche Versammlung findet statt am zweiten 
Freitage des Februar, ausserdem finden ordentliche Versammlungen 
an jedem zweiten Freitag der Monate November bis Juni statt. 



sehr ausgedehnte Marsatmosphäre eine optische Täuschung zu 
Grunde liegen, von der letzteren hat Pastor ff es nachgewiesen. 
Mehrere seiner Mittlieiluugen beziehen sich auf Berichtigung und 
Anwendung der Instrumente. In den Jahren 1823 hatten sich 
J. South und John Herschel nach Passy bei Paris begeben, 
wo sie gemeinschaftlich 380 doppelte und dreifache Sterne beob- 
achteten und die Resultate 1835 in extenso bekannt machten. 
Später, 1826, hat South allein die Beobachtungen von 458 Doppel- 
sternen veröffentlicht, auch den früher gegebenen Katalog bis 
auf 838 erweitert. Seine eignen Instrumente sowohl als die "wich- 
tigsten derer, die er bei seinen Besuchen anderer Sternwarten 
kennen lernte, hat er ausführlich beschrieben; 1845 auch das 
grosse Rosse 'sehe Teleskop. — Vollständige Taubheit und theil- 
weise Blindheit trübten seine letzten Lebensjahre. — Seinen ener- 
gischen Vorstellungen rücksichtUch des unvollkommenen Zustandes 
des Nautical Almanac (1822) ist es zu danken, dass ein Comite 
unter seiner Präsidentschaft niedergesetzt ward, um über eine 
bessere Gestaltung zu berathen; doch ward damals noch keine 
dieser Verbesserungen eingeführt. — Als 1846 eine 'Eisenbahn 
nahe am Greenwicher Observatorium verüb ergeführt ward, unter- 
suchte er genau, ob und welchen Einfluss die vorübergehenden 
Züge auf die refiecth-ten Bilder der Sterne ausübten. — Auf 
Campden-Hill in London hatte er seine Privatsternwarte errichtet. 
Noch schrieb er: On the discordances betiveen the suns comjmted 
rigid ascensions &c., London 1826. — Seine Verdienste wurden 
von der Regierung anerkannt durch Erhebung in den Ritterstand 
und durch Ertheilung einer jährlichen Pension von 300 Lsterl. 



376 GESCHICHTE ÜEK HIMMELSKUNDE. 

Die Abhaudlungen, welche der erste Band enthält, betreffen 
vorzugsweise die Verfertigung, Aufstellung und Berichtigung von 
Instrumenten oder deren Theilen. Ausserdem Beobachtungen von 
Planeten und Kometen, neue Doj^pelsterne (von Herschel und 
South), zahlreiche Beobachtungen der ringförmigen Sonnenfinster- 
niss vom 7. September 1820 und verschiedene Tafeln. Die Be- 
rechnungsmaschine von Babbage hat Veranlassung zu mehreren 
Aufsätzen gegeben; wogegen man Störungsrechnungen noch gänz- 
lich vermisst. Die Zahl der einzelnen Abhandlungen ist 36, un- 
gerechnet die, welche allgemeine Angelegenheiten der Gesellschaft 
betreffen: Zustand der Gasse, Eigenthum der Gesellschaft an Bü- 
chern und Instrumenten, Jahresberichte, Preisaufgaben und Zuer- 
kennung der Preise, Geschenke, ■\Iitgliederverzeichnisse und Ähn- 
liches. 

Da nahezu gleichzeitig mit dieser ersten Nummer die astro- 
nomischen Nachrichten Schumacher 's ins Leben traten, so 
konnten kürzere Aufsätze, namentlich Beobachtungen von vor- 
lierrschend momentanem Interesse, bequemer in diesen veröffent- 
licht werden, wodurch die Memoirs mehr auf ausführliche Arbeiten 
von grösserem Umfange beschränkt blieben; und dies um so mehr 
als die über jede Sitzung einzeln berichtenden Monthly Notices 
1831 als ein zweites Organ der Gesellschaft erschienen. 

§ 201. 

Schon als Herzog von Clarence hatte der nachmalige König 
Wilhelm IV. das Patronat der Gesellschaft angenommen; nach 
seiner Thronbesteigung schien der Zeitpunkt gekommen, wo sie 
den Charakter einer blossen Privatgesellschaft ablegen könne. 
James South reichte eine dahin zielende Vorstellung ein und 
in der elften, am 11. Februar 1831 gehaltenen Generalversamm- 
lung konnte die Gesellschaft sich zum ersten Male als Royal 
Astronomical Society bezeichnen. Die formhche königUche Be- 
stätigung datirt vom 7. März, und am 6. April desselben Jahres 
erfolgte das neue Statut, das im Wesentlichen die alten repro- 
ducirte und nur die Erweiterungen und Berechtigungen hinzu- 
fügte, welche durch die neue Stellung veranlasst wurden. — Wir 
sehen, dass von dieser Zeit an die jährlichen Berichte, die an- 
fangs einen rein geschäftlichen Charakter hatten, je länger desto 
mehr den wissenschaftlichen Raum geben. Ausführliche Biogra- 



4 
DIK KOVAI, ASTlKtNO.MIi AL SOCIKTY. 377 

phien verstorbener Felluws und Associates, der Zustund der bri- 
tischen Sternwarten, auch einiger privaten und selbst ausländischer, 
wichtige Arbeiten und Erweiterungen der Wissenschaften im ab- 
ge\ncheuen Jahre werden behandelt, wodurch diese Jahresberichte 
an reellem Werthe gewinnen, und auch die ^littheilungen selbst 
erscheinen viel weniger zersplittert. Ärmer an Zahl, sind sie dafür 
desto reicher an Inhalt, ja einzelne Bände enthalten nur einen 
einzigen Aufsatz, oder richtiger ausgedrückt, ein ausführliches astro- 
nomisches Werk.' So der siebente Band, der auf 378 Seiten Gross- 
quart einen specielleu Bericht über Foster's Pendulum Expeiiments 
enthält. Fester war durch einen frühen Tod an der Bekannt- 
machung verhindert worden; seine Papiere befanden sich in den 
Händen der Admiralität und diese empfahl die Aufnahme in den 
Memoirs; Baily übernahm die Redaction. So erhalten wir Pendel- 
beobachtungen aus Greenwich, Montevideo, South Shetland, Staaten- 
Island, Cap Hörn, Cap der guten HoÖ'nung, St. Helena, Ascensiun. 
Fernando de Xorouha, ^laranham, Para, Trinidad, Portobello und 
London, nebst einer ausführlichen p]inleitung und allen dai'auf sich 
beziehenden Berechnungen. Später gab Baily seine eigenen Ver- 
suche mit der Drehwage, über welche man bis dahin nur die neun- 
zehn Beobachtungen von Cavendish besass. Baily hat über 2000 
Beobachtungen, auf die verschiedenste Art abgeändert, angestellt 
und ein Resultat für die Erddichtigkeit gegeben, das jetzt all- 
gemein für das zweckmässigste gilt. Auch diese Arbeiten umfassen 
einen ganzen Band. 

Da ausserdem die Monthly Notices alle kürzeren Mittheilungen, 
namentlich die Originalbeobachtungen, aufnehmen konnten, so ge- 
wannen jetzt die Memoirs ein anderes Ansehen. Nicht wenige der 
Abhandlungen erschienen auch gesondert im Buchhandel und die 
gesammte Wirksamkeit der Gesellschaft ward auf eine erfreuliche 
Weise erweitert. 

Bis 1834 hatte die Society in einem lür jährlich 52 Pfd. ge- 
mietheten Räume in Lincoln-Inn-Fields zusammenkommen müssen; 
hier stand ihre BibHothek und das nicht ausgehehene Eigenthum 
an Instrumenten: der Gebrauch wai' indess vielfach gehemmt und 
musste es noch mehr werden bei fortwährendem Anwachs der 
Bibliothek. 

Dies änderte sich dadurch, dass der Herzog von Sussex, der 
schon früher in erfi'euKcher Weise seine warme Theilnahme an 
der Gesellschaft bethätigt hatte, ihr in Somerset-House eine ge- 



378 GECJCHICÜTE DKK liDLUELöKUNDE. 

nügeude Räumlichkeit für ihre Sitzungen wie für eine geordnete 
Autstellung ihres literarischen wie instrumentalen Besitzthums über- 
wies. Indess stiegen die Kosten, welche die Einrichtung dieser 
Räumlichkeiten forderte, auf 330 Pfd., und diese aussergewöhn- 
liche Ausgabe veranlasste die Gesellschaft, von ihren baareu Er- 
sparnissen 300 Pfd. Consols zu verkaufen. Die Zahl der Mitglieder 
war beim 15. General-Meeting (Febr. 1835) bereits auf 292 Fel- 
lows und 36 Associates gestiegen. Auch mehrte sich die Zahl 
derer, welche als Geschenkgeber sich um die Gesellschaft verdient 
machten. 

Überhaupt ist ein erfreuliches Wachsthum, nicht bloss an 
Zahl der Mitglieder, sondern in jeder Beziehung, nicht zu ver- 
kennen. Die Jahresberichte verbreiteten sich allmälig über den 
Zustand der britischen Sternwarten; ja 'sie blieben dabei nicht 
stehen, sondern nahmen auch das mit auf, was in andern Ländern 
für Förderung der Wissenschaft geleistet ward. So bildeten sie sich 
nach und nach aus zu Jahresübersichten der gesammten Himmels - 
künde, unentbehrlich für Den, der sich in dieser Wissenschaft 
auf dem Laufenden erhalten will. In Betreff der Aufsätze linden 
wir indess noch immer ein Überwiegen der Beobachtungen, was 
allerdings dadurch motivirt erscheint, dass vor 30 — 35 Jahren nur 
sehr wenig Sternwarten fortlaufende Annalen veröffentlichten und 
es für umfangreichere Beobachtungsreihen au andern geeigneten 
Organen noch sehr fehlte. 

Zahlreich sind besonders in den Memoiren der dreissiger Jahre 
die Beobachtungen von Finsternissen und Durchgängen; aber 
Jedem, der diesen Gegenstand näher ins Auge fasst, muss es auf- 
fallen, dass physische Beobachtungen, die jetzt bei diesen Phäno- 
menen vorzugsweise ins Auge gefasst werden, so gut als ganz 
fehlen. Ausser den Momenten des Anfangs und Endes nui' etwa 
noch Abstand der Hörner oder des Mond- und Sonnenrandes, und 
wenn es hoch kommt, eine Bemerkung über den Grad der Dunkel- 
heit oder der Schärfe der Sonnenhörner. Die gesammte Aus- 
beute dieser Beol^achtungen war fest ausschliesslich eine geogra- 
phische. Waren Länge und Breite der Beobachtungsörter etwas 
genauer als vorher bestimmt, so war man ganz zufrieden; und 
für eine solche Ansicht war eine Sonnenfinsterniss einfach eine 
Sternbedeckung, weiter nichts. Indess würde man Unrecht thun, 
wollte man der britischen Gesellschaft daraus einen Vorwurf 
machen, da wir überall nichts Anderes gewahren. 



DUO KUVAL A.STKdNuillCAL sUflETV. .H79 

■ Im Jahre 1832 (V, 341) finden wir, dass eine Auftordoruiig 
von Seiten der britischen Admiralität an die Gesellschaft ergeht^ 
die Tafeln, deren sich die Seefahrer bedienen, in den Kreis ihrer 
Untersuchung zu ziehen. Mehr als in jedem andern Lande steht 
in England die praktische Astronomie mit der Seefahrt in genauester 
Verbindung, und die nautische Astronomie gewann hier früher alsj 
irgendwo die grosse Bedeutung, die jetzt allerdings allgemein an- 
erkannt wird. Die im Jahre 1802 von Maskelyne publicirteu 
Tafeln erschienen schon mehrfach ungenügend und die, welche 
Lax 1821 veröffentlicht hatte, gaben zwar genauere Berechnungen, 
halfen aber den wesentlichen Mängeln nicht ab, die vielmehr nur 
durch eine gänzlich veränderte Einrichtung dieser Tafeln beseitigt 
werden konnten, und dies war es, was die Admiralität verlangte. 
Ein Comite trat zusammen, um den Gegenstand zu berathen, und 
F. Baily, als Vorsitzender, fasste den Bericht ab. Es wurden, 
die logarithmischen Tafeln einbegriffen, deren 24 als uothwendig 
bezeichnet, von denen die, welche schon früher Aufnahme ge- 
funden, nur zu verbessern, die übrigen aber neu zu berechnen 
resp. zusammenzustellen seien. Die sehr zweckmässigen Vorschläge 
fanden Beachtung und Billigung, und die auf Grund derselben an- 
gefertigten neuen Tafeln haben sich in den Händen der Seefahrer 
vortrefflich bewährt. 

§ 202. 

Die Verleihung der Royal Charter im ersten Regierungsjahre 
Wilhelm's ist das einzige Ereigniss, welches im Leben der Ge- 
sellschaft als epochemachend bezeichnet werden kann, und ohne 
dass irgend etv/as Aehnliches sich ereignet, gedeiht die Vereini- 
gung fortwährend. Die tüchtigsten wissenschaftlichen Kräfte des 
Landes treten ihr bei und die Zahl der Mitglieder wie das jähi"- 
liche Budget sind in allmäligem fortschreitenden Wachsthum be- 
griffen, ohne dass einzelne Zeitmomente hervorzuheben wären, in 
denen erheblich mehr oder Besseres als in andern bemerkt wird. 

Es bleibt uns daher nur übrig, ihre Thätigkeit nach be- 
stimmten. Rubriken zu ordnen und in jeder derselben das zu be- 
zeichnen, was besonders hervorgehoben zu werden verdient. 

1) Sternwarten. 

In jedem der jährhch abgestatteten Reports wird von den 
Sternwarten in den britischen Besitzungen mehr oder minder aus- 



380 GESCHICHTE DEK HIMMELSKUNDE. 

führliche Nachricht ertheilt; ausserdem aber kommen Positions- 
bestimmungen vor: von Beclford, Biggleswade, Bhickheath, dem Cap 
der guten Hoffnung, Edinburgh, Genf, Madras, Starlield und an- 
dern Orten. Diese meist kürzeren Anzeigen wird man seit 1831 
vorzugsweise in den Monthly Notices zu suchen haben. — Wie 
sehr verschieden das ist, was man unter dem Gesammtbegriff 
Sternwarte zusammenstellt, geht schon allein daraus hervor, dass 
wir eine antreffen, deren Errichtung nur 6 Lsterl. gekostet, wäh- 
rend Lord Rosse bei der seinigen die Hunderttausende nicht 
§cheute. 

2) Instrumente. 

Von einigen der berühmtesten einzelnen Instrumente, wie na- 
mentlich den Teleskopen von Rosse und Las seil, tinden wir von 
Zeit zu Zeit ausführhche Nachrichten. Auch die Instrumente in 
Greenwich werden fortwährend Gegenstand specieller Berichte; 
wir erfahren, wie es mit den Zapfen und Zapfenlagern, dem Azi- 
muth und Niveau steht und welche Mittel man zur Beseitigung 
der Abweichungen wie zur möglichsten Fixirung dieser Theile ge- 
troffen habe. Neue Instrumente werden beschrieben: so finden 
wir aus Gauss' Feder eine Beschreibung der Reichenbach 'sehen 
Meridiankreise (Vol. 1, 139). Über Mikrometer finden wir von 
Pearson, Babbage und Littrow Vorschläge zu neuen Ein- 
richtungen oder zur Verbesserung alter. Ein Differential-Sextant 
wird von Gompertz, ein Quadruple Reflecting Sextant von Owen 
beschrieben; Avir erhalten Auskunft über die Instrumente, welche 
bei der indischen Gradmessung gebraucht wurden und lernen die 
Arbeiten Troughton's, FuUer's und Simm's, so wie den Ge- 
brauch kennen, den Pond, Henderson, Robinson und Airy 
davon machen. 

3) Reductionen. 

Die Aberration, die seit ihrer Entdeckung so oft und sorg- 
fältig bearbeitet Avorden. wird A^on Gompertz, Herschel IL 
Richardson und Main theoretisch und praktisch untersucht. 
AbAveichend von Struve findet keiner der Genannten eine Aber- 
ration von 20",44, Avie sie in Pulkowa bestimmt Avorden, sondern 
durchschnittlich 20",36, wobei sie stehen bleiben. Ein Unter- 
schied von 0",08 ist an und für sich höchst gering; aber wo es 
sich um die Constante eines so Avichtigen Reductionselements 
handelt, ist nichts gering. Für die Nutation giebt Herschel, 



I>rK JfOYAL ASTRONOMICAI, .•^OflF.TV. 381 

gleich im ersten Bande, ausführliche Tafeln. Die astronomische 
Refraction besprechen Littrow in drei, Atkinson in zwei Ab- 
handlungen; ausserdem Henderson, Main und Smyth. Die 
Irradiation wird von Robinson im 4„ 5. und 1^. Bande be- 
handelt, die Solar-Radiation. das noch immer so räthselhafte 
„Klebenbleiben" namentlich Aldebaran's am Mondrande unter- 
sucht Airy und stellt alle dahin gehörenden Beobachtungen über- 
sichthch zusammen. — Groombridge giebt allgemeine Reductions- 
t afein. 

4) Fixsterne. 

Diese finden wir sehr reichlich und in den verschiedensten 
Beziehungen bearbeitet. Absolute Oerter geben uns in beträcht- 
licher Zahl Brisbane und sein Astronom Rümcker aus Austra- 
lien (Paramatta); man trägt gegen 600 von Flamsteed zwar 
beobachtete, aber von ihm nicht in seinen Katalog aufgenommene 
Sterne nach (schon Caroline Herschel hatte lange vor Stiftung 
der Gesellschaft damit begonnen); Baily bearbeitet die 998 
May er 'sehen Sterne aufs neue; Airy, noch in Cambridge, be- 
stimmt 726, Koller 208, Santini in Padua 1677 Sternörter, 
Pearson zuerst 520, hernach noch 1009, Fallows und Maclear 
am Cap, Montojo in San Fernando liefern Örter südlicher Sterne, 
Wrottesley mehr als 1000 Rectascensionen u. s. w. — Die 
Eigenbewegungen der Sterne, die so lange bezweifelt wurden, 
werden eifrig untersucht; zuerst von Baily an 314 Sternen (V, 147), 
später in grösserer Zahl von Jacob und Main, und an diese 
Untersuchungen schliessen sich die über Eigenbewegung der 
Sonne von Airy (XXVIII, 143) und Dunkln (XXXII, 19), so wie 
die von Gallo way.* — Die Veränderlichkeit des Glanzes und in 
einigen Fällen auch der Farbe von Fixsternen kommt zur Sprache, 
namentlich bei « Cassiopejae. — Nebeltiecke, besonders der im 



* Thomas GALLO WAY, geh. 1796 am 26. Fehruar, gest. 
1851 am 1. November. Er war Lehrer der Mathematik am 
Royal Mihtary College zu Sandhurst, später Registrator der 
Life Assurance Office in London, und Mitglied der Royal Society 
und der Royal Astronomical Society. Sein astronomisches Haupt- 
werk ist: On the proper motion of the Solar Si/stem in den Phil, 
l^onsart. 1847 und in den Memoireu der Astr. Society. Er unter- 



382 OESCHICHTK DER IinniKl.S^KrNnK. 

Orion und der Audromedafleck, werden beschrieben und zum 
Theil abgebildet. — Der ganze XIII. Bd. ist angefüllt mit den 
b Katalogen von Ptolemäus, Ulugh Beigh, Tycho, Halley 
und Hevel, so wie mit den Noten und Einleitungen Baily's, 
der sich durch diese grosse und schwierige Arbeit ein wesentKches 
Verdienst erworben hat, das dadurch noch erhöht wird, dass er 
das Ganze auf seine eigenen Kosten drucken Hess und der Ge- 
sellschaft die erforderlichen Exemplare schenkte. 

5) Doppelsterne, Parallaxen, 

Russland und England sind die beiden Länder, in denen 
dieses Feld der Himmels Wissenschaft am fleissigsten, anhaltendsten 
und gründlichsten bearbeitet wurde, während in Deutschland 
Chr. Mayer nur verlacht ward und in Frankreich Niemand an 
Doppelsterne glauben wollte. — In den Memoirs begegnen wir 
zuerst noch W. Herschel mit 145, South mit 477, Dunlop mit 
253, Labaume mit 195 neuen Doppelsternen; am rüstigsten je- 
doch ist John Herschel, der insgesammt, mit Zuzählung seiner 
Capbeobachtungen, 4893 auffühi't. Weitere Mittheilungen machen 
Jacob und Powell in Ostindien, Dawes, Wrottesley und 
Miller in England und Andere. Mit Bahnberechnungen beschäf- 
tigen sich P. South, Dawes, Herschel, theils durch Entwicke- 
lung, neuer Methoden, theils durch Bestimmung einzelner Bahnen. 
Hind bearbeitet j' Virginis, d Cygni und ;' Leonis; besonders aber 
ist « Centauri Gegenstand wiederholter Mittheilungen, da in diesem 
Falle auch die Masse bestimmt werden kann und wir diese Nach- 
barsonne (sie ist nur vier Billionen Meilen von uns entfernt) durch 
die Sternwarten Poonah, Madras und das Cap so genau kennen 
lernen, wie es früher gar nicht für möglich gehalten worden 
wäre. — Die Parallaxe dieses Sterns haben Henderson und 
Maclear zum Gegenstande sehr umfassender Untersuchungen ge- 
macht, auch die des Sirius und ß Centauri annähernd bestimmt. 



sucht in dieser Beziehung die Eigenbewegungen der südlichen 
Sterne, welche bei früheren ähnlichen Arbeiten nur zum geringen 
Theile in Betracht gekommen waren. Andere hierher gehörende 
Artikel von Galloway finden sich im Edinhurgli Reri(m\ dem 
Foreign Quarterhj Revietv, Leyhourn'' .^ Bepo.titoiy und dem PM- 
losophieat Mapaziue. . . 



DIE ROYAL ASTROSOMirAI- .SOCrKTY. 383 

Allgemeineres Über Berechnung derselben geben Littrow (II, 41iij 
und Maclear (IV, 453). 

Die Controverse, welche über die Parallaxe von « Lyi-ae 
zwischen Brinkley und Pond entstand, findet man hier ausführlich 
dargestellt. 

Die Sonnenparallaxe behandeln Ferrer (V, ?>i)2), Atkinson 
(II, 27) und Henderson (VIII, 95); die des Mondes Henderson 
(X, 383) und Breen (XXXII, 115). 

6) Planeten und deren Trabanten. 

Die grosse optische Kraft der in England, Irland und dessen 
Colonien aufgestellten grösseren Teleskope und Achromatcu er- 
möglicht eme Untersuchung der Oberflächen mehrerer Planeten, 
die allerdings schon im 18. Jahrhundert, ja bereits früher ver- 
sucht worden, jedoch mit geringem Erfolge. In den Schriften der 
britischen Gesellschaft dagegen erhalten w^ü" Darstellungen der 
Oberflächen des Saturn, Jupiter, Mars und Venus; der Ring des 
Saturn wird sorgfältig beachtet, ein neuer (dunklerj Ring entdeckt 
und durch Landner die Phänomene untersucht, welche er für 
den Saturn be^m-kt. Man könnte jetzt einen Kalender für Saturn 
schreiben, so vollständig wie den für unsere Erde, und nur das 
nicht enthaltend, was auch für den unsrigen besser wegbliebe. 
Mikrometrische Messungen gehen diesen Bestimmungen zur Seite. 
Dawes glaubt auch bei Merkur eine Abplattung zu finden, 
von der Bessel allerdings nichts wahrnehmen konnte. Besonders 
sind die Merkursdurchgänge au vielen Orten beobachtet worden, 
am meisten der vom 5. Mai 1832. — Lockyer stellt die Mars- 
figuren zusammen, welche wir den britischen Beobachtern ver- 
danken. 

Von sämmtlichen Trabanten Saturns erhalten wir durch Jacob 
(Vol. XXVIII) Messungen der Distanz und des Positionswinkels 
zur Bestimmung der Bahnelemente, und die Jupiterssatelliten be- 
handelten Beaufoy, Colebrooke, Hodgson und Herbert, 
während J. Her sehe 1 die Uranusmonde bearbeitet, die Las sei 
in Malta untersucht und uns vier derselben als sicher vorhanden 
und bestimmt beobachtet nachweist. — Adams, der mit Le- 
verrier den Ruhm der Ei-rechnung Neptuns theilt, giebt uns 
(XVI, 427) ein Expose der Ungleichheiten im Laufe des Uranus, 
die er seinen Berechnungen zum Grunde legt. 

Neben diesen meistens dem Gebiete der astronomischen Physik 



384 GKSCHICHTE DER HIMMKLSKTINDK. 

augehöreuden Arbeiteu finden Avir auch die, welche die Bahnen 
betreuen; wozu namentlich die neuen Planeten mehrfach Ver- 
anlassung bieten. Indess sind hier weniger die einzelnen Bahnen 
behandelt, als vielmehr allgemeine Untersuchungen von Airy, 
Plana und Lubbock, und in letzter Zeit insbesondere von 
Cayley, dessen gründliche Arbeiten unter den Titeln: DLsturbed 
elliptic motion (XXVII, 1), Distnrhiug Fimction in Lunar Theory 
(XXVII, 69), Rotation of a Solid Body (XXIX, 307) und Fort- 
setzungen der erstgenannten Abhandlung (XXVIII, 187, 211; 
XXIX, 191; XXXI, 307) zu finden sind. 

In neuerer Zeit war es namentlich die Säcular-üngleichheit 
des Mondes, welche die Analysten der verschiedenen Länder be- 
schäftigt hat. Hansen, Delauuy, Adams, Cayley schlagen 
verschiedene Wege ein und gelangen auch zu numerisch ver- 
schiedenen Resultaten. Wir wünschen, dass der Streit, der übri- 
gens ein rein wissenschaftlicher, also vollkommen würdiger ge- 
blieben ist, nicht abgebrochen, sondern gründlich zu Ende geführt 
werde. Wir fragen nicht, wer Recht behalte, aber wir hofien, 
dass die Wissenschaft dabei gewinne.* 

Auch unser eigener Planet ist nicht leer ausgegangen. Clarke 
(XXIX, 25) hat seine Gestalt aufs neue in Untersuchung ge- 
nommen, und die Pendelbeobachtungen Foster's, Sabine's^ und 
Kater's gehören gleichfalls hierher. Der ganze 14. Band enthält 
einzig die Beobachtungen Baily's an seiner Drehwage. 

7) Kometen. 

Fast alle seit 1821 erschienenen Kometen treffen wir, tlieils 
in den Memoirs, theils in den Monthly Notices an; doch auch 
einige ältere (1807, 1811, 1813) werden im dritten Bande erwähnt 
und Mittheilungen über sie gemacht. Vorzugsweise sind es die 



* Die auf alt-ägyptischen Tafeln gefundenen Ürter der fünf grösseren 
Planeten behandelt Airy (XXV, 99), und Pritchard untersucht den Stern 
der Weisen, der schon so viele Federn in Bewegung gesetzt hat. Er findet 
drei Conjunctionen Jupiters und Saturns, C6 v. Chr., 7 v. Chr. und 5-1 n. Chr., 
bei denen beide Planeten einander sehr nahe kamen: allerdings nicht so 
nahe, dass sie wie ein Stern erschienen wären, immer aber auffallend genug, 
um die allgemeine Beachtung auf sich zu ziehen. Nur die zweite, 7 v. Chr., 
könnte auf den Stern bezogen werden, und in diesem Falle wäre Christus 
etwas über 4Ü Jahr alt geworden. Nach Pritchard's Untersuchungen 
(XXV, 119) standen in der erwähnten Conjunction die beiden Planeten etwas 
über 1" von einander entfernt. 



DIE EOYAL ASTRONÜMICAL SOCIKTY. 385 

periodischen Kometen von kurzer Umlaufszeit, die eingehend unter- 
sucht werden. In den letzten Bänden findet man auch Ablnl- 
dungen, namentlich sehr instructive des Donati' sehen, von Las- 
sell (8), Dawes (5), Webb (4), Challis (G), Christy (0) und 
de laRue (9); zusammen 38 Abbildungen auf 8 Tafeln. Sie sind 
weiss auf schwai-zem Grunde, wie es bei ähnlichen Darstellungen 
immer sein sollte; und in der That hat noch nie ein Komet so 
viel Gelegenheit geboten, eigenthümliche Bildungsformen wahr- 
zunehmen, als der Donati' sehe, der volle neun Monate hindurch 
beobachtet werden konnte. — Aber auch zu allgemeinen Abhand- 
lungen gaben die Kometen Veranlassung; so untersucht Car- 
rington die Austheilung der Perihelien für die nicht-periodischen 
Kometen in Beziehung auf den Punkt des Himmels, wohin die 
Bewegung unserer Sonne gerichtet ist. 

8) Finsternisse der Sonne und des Mondes. 

Mehr als irgend ein anderer astronomischer Gegenstand geben 
die Finsternisse Veranlassung, in das classische, ja selbst chine- 
sische und babylonische Alterthura zurückzugehen, und die Mit- 
glieder der Gesellschaft haben dies nicht versäumt. So finden 
wir im elften Bande eine Berechnung der frühesten Finsterniss, 
von der wir Kunde haben: der vor mehr als vier Jahrtausenden 
unter Ta-yu in China beobachteten, und Airy (XXVI, 131 und 
XXVII, 31) berechnet, nach Hansen' s neuen Mondtafeln, die 
Finsternisse des Agathokles, des Thaies und die von Larissa. 
Sehr ausfülii-lich finden wir insbesondere die neueren Totalfinster- 
nisse behandelt, so wie die ringförmigen von 1820, 1833 und 1847. 
Baily zählt zu denen, welche am frühesten auf die physischen 
Phänomene aufmerksam machen und ihnen Beachtung schenken; 
seit 1842 wird dies überhaupt nicht mehr versäumt, und wenn 
die Beaufoy, Prinsep, Groombridge und andere frühere Be- 
obachter sich meist damit begnügen, nur die Momente mitzutheilen, 
so werden Band XXI in einer ausführlichen Abhandlung die 
Wahrnehmungen von 37 Beobachtern der Finsterniss vom 28. Juli 
1851 mitgetheilt und grossentheils durch colorirte Darstellungen 
erläutert. Noch reichhaltiger ist die Literatur- für die in Spanien 
1860 stattgehabte totale Sonnenfinsterniss, über welche Airy 
Bericht erstattet hat. 

Aber auch die partialen Finsternisse wie die, welche in Europa 

r. Mädler, Geschichto der lliiiiinolskunde. II. -" 



386 GESCHICHTE DER IffllMELSKUNDE. 

unsichtbar sind, gehen nicht leer aus, und auch für die Mond- 
finsternisse finden sich Beobachter: Beaufoy, Ferrer, Cole- 
brooke, Hümker, Priusep u. a. 

9) Mond. 

Dieser unser Trabant kommt vielfach und in sehr verschie- 
denen Beziehungen zur Sj^rache. Der theoretischen Untersuchungen 
von Lubbok, Plana, Hansen ist bereits gedacht; die Moon- 
Culminating- Stars finden sich an vielen Stellen der Memoirs und 
der Monthly Notices aufgeführt. Die luminous apparences im dun- 
keln Theile der Mondscheibe, andere bei verschiedenen Gelegen- 
heiten gemachte teleskopische Bemerkungen, seine Gestalt (XXIV, 
29) und das Erscheinen von Sternen auf und scheinbar vor dem 
Rande des Mondes (Airy, XXVIII, 143) und Ähnliches wird 
besprochen. Tennant zeigt, wie Sternbedeckungen auch zur 
Ermittelung der geographischen Breite dienen können (XXVIII, 
241, 245), und Spottiswood benutzt die Beobachtung der grössten 
Höhe des Mondes zur Bestimmung der Länge (XXIX, 343). In 
neuester Zeit ward auch die merkwürdige Veränderung erwähnt, 
welche der Krater Linne zeigte; auch noch einiges Andere haben 
Webb und Rutherfurd beobachtet, woraus man auf stattgehabte 
Veränderungen auf der Mondoberfläche schhesst. 

10) Varia. 

Wir stellen hier Einzelheiten zusammen, die sich in keine der 
obigen Rubriken fassen lassen. 

Sil ortrede untersucht die Anziehung des Himalayagebirges 
auf das Niveau (XVII, 79). 

Lassell producirt eine Maschine zum Schleifen der Teleskop- 
spiegel (XVni, 1). 

Über astronomische Zeichnung findet sich (XV, 71) eine Ab- 
handlung, und eine andere {MontMy Notices 11, 168) über Mond- 
photographien. 

Airy, über den Unterschied zwischen directen und Reflexions- 
beobachtungen (XXXII, 9). 

Jacob beobachtet das Zodiakallicht in Madras (XXVIII, 119). 

Bishop überreicht die Hora I seiner ekliptischen Sternkarten, 
London 1848. 



DIE ÜOYAI, ASTRONOM ir AI, SOCIKTV. 387 

Glaisher giebt (XII, 153, liU) Correctionen der Venus- 
Elemente, womit sich auch Main (XI, 139, 159) und Brcen 
(XVIII, 95) beschäftigen. Letzterer zieht auch die Mars-Elemente 
(XX, 137) in den Kreis seiner Untersuchungen. 

Secchi zeichnet den Mondfleck Copernicus und dessen Um- 
gebung in sehr grossem Maassstabe und vervielfältigt diese Zeich- 
nung photographisch. 

Brach, über Numeriruug der Sternkataloge (^1/. .V. 10, 194) 
und Woolgar, über Nomenclatur der Sterne {M. N. 11, 45). 

Wir müssten unsern Bericht ganz unverhältnissmässig aus- 
dehnen, wollten wir hier alles registriren, was die Iloyal Astro- 
nomical Society veröffentlicht hat. Aber um zu zeigen, wie uni- 
versell die Arbeiten und Verhandlungen dieses Vereines sind, ge- 
nügt das hier Mitgetheilte. Bald wird das Semisäcularfest der 
Gesellschaft heranrücken; ihre um Vieles jüngere Schwester, die 
deutsche astronomische Gesellschaft, wird es erst 1913 begehen 
können und dann vielleicht schon Bericht erstatten über die aber- 
malige Wiederkehr des H alle y' sehen Kometen. Doch ob auch 
geringer an Zahl und ärmer an äusseren Mitteln, leben wir der 
Hoffnung, dass sie ihrer älteren Genossin nacheifern, und ohne 
den Beistand und die Aufmunterung von Seiten der Mächtigen 
gering zu achten, dennoch nun in sich selbst die Mittel finden 
werde, die Wissenschaft wahrhaft zu fördern. 

Noch können wir kein Land namhaft machen, das dem Bei- 
spiele Englands und Deutschlands in der hier besprochenen Be- 
ziehung gefolgt wäre, obgleich z. B. Italien schon viel früher 
wissenschaftliche Vereinigungen mancher Art und Form gesehen 
hat. Russlands Astronomen haben sich bis jetzt meistens der 
deutschen Gesellschaft angeschlossen, wie Frankreichs der eng- 
lischen, und in den übrigen europäischen Ländern ist die Zahl 
der Theilnehmer, auf die gerechnet werden könnte, zur Zeit noch 
zu gering. Dagegen hoffen wir, dass die nordamerikanische Union, 
in der sich die meisten aussereuropäischen Sternwarten belinden 
und wo alle äusseren Bedingungen zu einer derartigen Vereinigung 
gegeben sind, nicht lange mehi- auf eine solche warten lassen 
werde, und dass der Wechsel, der sich im Directorat des Pariser 
Grand Observatoire vollzogen hat, gleichfalls einen Congress dieser 
Art herbeifühi-eu möge. Denn mehr als jede andere Wissenschaft 
.der Natur bedarf die Himmelskunde solcher Vereinigungen, selbst 
wenn man nui' den grossen Umfang und die Vielseitigkeit in Be- 



388 GESCinCHTE DER HIMMELSKIINDE. 

tracht zieht. Noch wichtiger erscheint uns, dass die Streitigkeiten, 
die gerade in der Astronomie so viel Veranhissung finden, durch 
bestimmt organisirte Vereine am schnellsten und sichersten ge- 
hoben werden können 

§ 203. 

DIE CHRONOMETER-EXPEDITION VOM JAHRE 18.33. 

Obgleich bei dieser Expedition nicht bloss russische, sondern 
auch preussische, schwedische, dänische und Lübeckische Beob- 
achter mitgewirkt haben, auch die allgemeinen Resultate derselben 
in den Astronomischen Nachrichten veröffentlicht wurden, so ist 
gleichwohl der ausführliche Hauptbericht nur in russischer 
Sprache erschienen und nie eine Übersetzung desselben publicirt. 
Da wir nun nicht zweifeln, dass diese erste grössere Expedition 
zu solchem Zwecke auch ausserhalb Russland das Interesse der 
Himmelsforscher in Anspruch nehme, so lassen wii* hier einen 
Auszug aus obigem Berichte folgen und bemerken nur, dass wir 
den alten Styl des Originals durchweg in den Gregorianischen 
verwandelt haben. 

Seit Tiarks im Jahre 1824 den Längenunterschied zwischen 
Greenwich, Helgoland, Bremen und Altona durch Chronometer 
bestimmt hatte, waren ähnHche nautische Expeditionen nicht un- 
ternommen worden. Gleichwohl hatte sich bei dieser Gelegenheit 
gezeigt, dass die Genauigkeit der Bestimmungen den auf anderem 
Wege erlangten nicht nachstehe, und da kein Zweifel bestand, 
dass über die Länge vieler Punkte der baltischen Küsten noch 
grosse Ungewissheit herrsche, so genehmigte Kaiser Nikolaus L 
auf Vorstellung des Generalstabes in Petersburg, dass eine der- 
artige Expedition im Sommer 1833 ausgeführt werde, bewilligte 
das Dampfschiff Hercules zu diesem Zweck und ernannte den Ge- 
neral Th. V. Schubert zum Chef der Expedition. Die anderen 
Uferstaaten der Ostsee sagten ihre Mitwirkung zu; Schumacher, 
Argelander, Bessel und Encke wurden mit der speciellen 
Leitung an den einzelnen Punkten beauftragt. Die Zeit der 
Königsberger Sternwarte ward durch Pulversignale nach Pillau 
übertragen; in Danzig anhaltend beobachtet; in Swinemünde und 
auf dem Vorgebirge Arkona der Lisel Rügen kleine temporäre 
Sternwarten errichtet. Durch Landreisen sollte die Verbindung 
zwischen Lübeck und Altona bewirkt werden. Schwedische Of- 



DIE ciikunumi;tek-k.\i>i;dition vum jaiikk iHXi. ;J8'J 

ficierc begaben sich nach Oltenby, Südspitzc der Insel Göthhind, 
und Katthammer auf dem FestLande. In Russland waren Kron- 
stadt, Dagerort, Swalferort und Utö bestimmt, und dänischcrseits 
Kopenhagen und Christiansöe ausgewählt. Die Reihenfolge der 
Punkte auf dieser Reise sollte sein: Kronstadt, Ilogland, Ilelsiiig- 
fors, Reval, Abo, Utö, Dagerort, Swalferort, Katthammer, I'illau, 
Danzig, Swinemünde, Arkona, Lübeck, Kopenhagen, Christiansöe, 
Öland, Stockholm, wozu später noch Carlscrona kam. — Das 
starke Dampfscliiff war erst 1832 erbaut worden und sollte die 
Rundreise bis Ende September ausführen. 

Die erste Reise begann am 7. Juni Abends. Um 11 lichtete 
man in Kronstadt die Anker, nachdem im Laufe des Tages die 
Chronometer an Bord gebracht waren; in Reval wurden am 9. 
noch andere Chronometer eingeschifft. Bei Dagerort ward nicht 
gelandet, sondern die Zeit vom Leuchtthurme aus signalisirt. 
Swalferort ward am 11., Pillau am 12. bei scharfem, aber con- 
trärem AVinde erreicht, dessen Heftigkeit fortwährend zunahm. 
Gleichwohl beschloss man die Weiterfahi't. Nun aber wurden die 
Schaufeln beschädigt und mussten in Weichselmünde, das man 
am 15. Juni erreichte, mit neuen vertauscht werden. Die Zwischen- 
zeit ward benutzt, um in Danzig zwei Vergleichungen der Chrono- 
meter, am 14. und 17. Juni, zu unternehmen. Nachdem man die 
Ausbesserung beendet und frische Kohlen eingenommen hatte, 
erreichte man am 18. Clii'istiansöe und am 20. Ai-kona, wo der 
Verfasser mit dem Lieutenant v. Gersdorff die Beobachtungen 
besorgte. Die 53 Chronometer wurden mit einer Tiede'schen 
Pendeluhr verglichen und nach drei Stunden Aufenthalt die Reise 
fortgesetzt, so dass noch am Abend Travemünde erreicht und am 
folgenden Morgen die Chronometer in Lübeck verglichen werden 
konnten. Dies geschah auf der dortigen Navigationsschule, wäh- 
rend Schubert zu Lande nach Altona fuhr, um auch dort einige 
Vergleichungen gemeinschaftlich mit Schumacher auszuführen. 
Am 27. lichtete das Schiff die Anker und/ segelte nach Kopen- 
hagen, wo Olufsen auf Holkens Bastion die Zeitbestimmungen 
besorgt hatte. Noch in der Nacht des 28. gelangte man nach 
Christiansöe und am 30. nach Öland. Durch den für Katthammer 
designirten Baron v. Pallander erfuhr man, dass dort noch keine 
Beobachter angekommen seien. Der unter diesen Umständen 
zwecklose Besuch Katthammers ward also aufgegeben und gerade- 
weges nach Stockholm gefahren. 



390 GKSCIIII UTK DKK m.MMKLSKUNDK. 

Hier erfreuten König Johann und Kronprinz Oscar die 
Expedition durch einen Besuch. Zweimal wurden die Chrono- 
meter auf der Sternwarte verghchen und am 9. Juli Dagerort er- 
reicht. Im heftigen Sturme fuhr man nach Utö; dort aber hatte 
ein starker Gewitterschlag den Leuchtthurm dergestalt erschüttert, 
dass die Pendeluhr stehen geblichen war. Der Sturm nahm zu; 
man musste die weitere Vergleichung aufgeben und fuhr gerades- 
wegcs nach Reval. 

Hier hatte W. v. Struvc das Schiff erwartet und ging den 12. 
an Bord. Bei etwas beruhigtem Wetter konnte man in Hogland 
die Vergleichungen ausführen, und am 15. langte das Schiff wieder 
in Kronstadt an. Diese erste Reise hatte 38 Tage gedauert. 

§ 204. 

Nachdem das Schiff kalfatert und frisch versorgt war, auch 
am 24. Juli die Vergleichungen gelungen waren, trat man am 25. 
die zweite Rundreise an. In Hogland, Dagerort und Katthammer 
gelangen die Vergleichungen, nun aber trat heftiger Sturm ein. 
Gleichwohl ward Pillau erreicht und die Vergleichungen aus- 
geführt. Bei beruhigtem Wetter gelangte man nach Öland, wo 
sich jedoch ein böser Unfall ereignete. Die Stange des Pistons 
brach, dadurch ward der Piston selbst verbogen und eine der 
beiden Maschinen ausser Thätigkeit gesetzt. Bei ganz ruhigem 
Wetter hätte man wagen können, mit der einen Maschine, die 
unbeschädigt geblieben war, die Reise fortzusetzen, aber die bis- 
herigen Erfahrungen Hessen darauf nicht rechnen. Auf Öland 
war kein Atelier zu linden, avo die Ausbesserung vorgenommen 
werden konnte. Man musste also Carlscrona zu erreichen suchen, 
welches glückte. Am 30. Juli war man im Hafen, und schon 
nach einer Stunde brach der Sturm wieder los und hielt bis zum 
1. August Mittags an. 

Unverzüglich ward in der Admiralitäts -Werkstatt die beschä- 
digte Maschine auseinandergenommen und schleunigst reparirt. 
Die russischen Berichterstatter können nicht genug die freundliche 
Bereitwilligkeit rühmen, mit der hier Alles ihnen entgegenkam. 
Die Maschine konnte schon am 1. August wieder eingehängt 
werden. Struve, der keine Zeit unbenutzt lassen wollte, hatte 
sich inzwischen auf der Klippe Getskoi mit einem kleinen Pas- 
sagen-Instrument zu Beobachtungen eingerichtet und verband 



DIE CHßONUMETElt-EXPEDITlUN VOM JAllUi; 1833. .'/Jl 

diesen ruiikt durch Horizontal-Messungen mit Carlscrona, einem 
Hauptpunkt der schwedischen Triangulation. 

Am 1. August, Al)ends, bei ziemhcli heruhigtem Wetter, fuhr 
man nach Öland und beendete so schnell als möglich die Ver- 
gleichungen; denn schon dunkelte der Himmel wieder. Bei hoher 
See ward Christiansöe erreicht; es gelang, die Chronometer ans 
Land zu schaffen. Am 3. ging es mit friscliem Winde nach 
Swinemünde, wo Wolfers und Adam beobachteten und Prinz 
Adalbert das Schiff mit einem Besuch beehrte. Die Beobachter 
in Arkona glaubten am 4. August das Schiff" zu erblicken, es war 
es auch in der That, eine Landung aber war des Unwetters wegen 
nicht möglich. Man fuhr vorüber nach Travemünde, machte in 
Lübeck die Vergleichuugen und Struve reiste nach Altona, von 
woher Schumacher selbst nach Lübeck kam, um mit Schubert 
Verabredungen zu treffen. Am 10. war alles fertig, man fulu- ab 
und erreichte Arkona um 11 Uhr Mittags, wo die Vergleichungen 
rasch beendet wurden und man schon um 4 Uhr nach Kopenhagen 
abfahren konnte. 

Das Schiff' war den Beobachtern in Arkona schon ausser 
Sicht gekommen, als sie es unerwartet wieder erblickten. Es 
rührte sich jedoch nicht, sondern schien auf derselben Stelle zu 
bleiben, gewährte einen sehr bleichen Anblick und verschwand 
allmälig, gleichsam zei-fliessend. Wir erfuhren später, dass das 
Schiff ohne Aufenthalt nach Kopenhagen gefahren sei. Das W^ieder- 
erscheinen musste also durch eine Fata Morgana bewirkt worden 
sein, die sich auch an anderen Gegenständen wiederholt zeigte. 

Der viertägige Aufenthalt in Kopenhagen ward bestens be- 
nutzt. Man segelte über Chi-istiansöe nach Öland; hier aber 
wollte kein Lootse die Landung wagen, des heftigen Windes 
wegen. Mau fuhr also vorüber. Vor Utö dasselbe Schicksal. So 
ist dieser Punkt der einzige gebheben, der auf dieser Keise nicht 
bestimmt werden konnte. Auch in Hogland war keine Landung 
möglich; man fuhr also nach Reval, und die zweite Rundreise 
war beendet. 

§ 205. 
Der schon vorgerückten Jahreszeit ungeachtet bcschloss man, 
doch dem ursprüngUchen Plane treu zu bleiben und eine di'itte 
Rundreise anzutreten; jedoch nur die Hauptpunkte zu besuchen, 
da mit dem Schlüsse des Septembers alles beendigt sein sollte. 



392 UEÖCHICIITE DKK 11IM5IELSKUNDK. 

Am 4. September, als die Stürme sich beruhigt hatten und 
alles vorbereitet war, ging man in See. Bei Dagerort gelang die 
Landung nicht, wohl aber am G. in Katthammer und am 7. in 
Öland. Christiansöe fuhr man vorüber; bei Arkona Avard die 
Landung vergebens versucht. In Travemünde ein Halt; hier 
wurden zwei Vergleichungen gemacht und Struve, dessen Ge- 
schäft in Altona beendet war, wieder an Bord genommen. Am 
15. Abends wurden die Anker gelichtet und am 16. die Landung 
in Arkona ausgeführt; die dort stationirten Beobachter kehrten 
nun heim. Öland ward am 17., Stockholm am 19. erreicht. Nach 
zweimaligen Vergleichungen gelangte man bei Sandhammer in die 
offene See, wo Pallander das Schift" verliess. Bei sehr unruhiger 
See erreichte man Hogland am 27., die Landung machte keine 
Schwiengkeit. Eben so am 28. in Helsingfors. Am Abend ging es 
nach Reval. Struve, nachdem er die Vergleichungen besorgt 
und die nach Reval gehörenden Chronometer ausgeschifft hatte, 
fuhr nach Dorpat zurück. Als man am 29. wieder in See 
ging, entstand ein so starker Nebel, dass man, so nahe dem End- 
ziele, ein Scheitern des Schiffes besorgen musste. Deshalb warf 
man Anker, wartete die ganze Nacht, und als am 30. Morgens 
der Nebel sich grösstentheils verzogen hatte, fuhr man nach 
Kronstadt zurück, wo mit den letzten Uhrvergleichungen die Ex- 
pedition beschlossen ward. 

Die Chronometer wurden nun ans Land gebracht, eben so 
alle übrigen Instrumente. 

Der sehr stürmische Sommer hatte dem Unternehmen zwar 
grosse Hindernisse bereitet, dennoch gelang es der umsichtigen 
Leitung Schuhe rt's, seine Aufgabe zu erfüllen. Mit einziger 
Ausnahme Utö's haben jetzt alle wichtigen Punkte der baltischen 
Küsten eine gut bestimmte Längendifferenz gegen Kronstadt und 
Lübeck. 

Gegenwärtig, wo die elektrischen Telegraphenleitungen eine 
so rasche und bequeme Bestimmung der Längendifferenz ermög- 
lichen, dürften, wenigstens in den europäischen ]\Ieeren, ähnliche 
Expeditionen wohl nicht mehr unternommen werden. 

§ 206. 

Ein vorzügliches Augenmerk ward bei dieser Expedition den 
Personal-Differenzen gewidmet, so weit sie Culminationsbeobach- 



)>I1'; CIIKONUMKTKK I:M'1;1)ITMN vom JAIIKK 18:1.-). li'J'A 

tungen bctrelVun, und in dem Kingungis eiwähnton russischen 
AVerkc sind die folgenden aufgefühi-t : 

1) Argclander = Selandcr + 0,387". 

2)Mädler = Peterscn — 0,51". Lübeck 1S33, 22 Vcrglcichiingen. 

3) Mädlcr = Nehus — 0,14G". Altona, 20 Vcrglcichungen. 

4) Mädler =: Gersdorf f. 
^5) Wolfers = Adam — 0,52" 

G) Wolfers = Petersen — 0,53". G4 Vcrglcichungen. 

7) Wolfers = Petersen — 0,55". 20 Vcrglcichungen. 

8) AVolfers = Nehus — 0,665". 

9) Cronstrand = Hallström + 0.108". 19 Vcrglcichungen. 

10) Cronstrand = Höggbladt. 

11) Cronstrand = Seiander -|- 0,310". 20 Vcrglcichungen. 

12) Cronstrand = Struvc + 0,142". 

13) Struve = Argclander — 0,210". Vcrglcichungen vom Jahre 1823. 

14) Struve r= Argclander — 0,082". 48 Vcrglcichungen in Dorpat 1832. 

15) Argclander — Bessel + 0,98". 

16) Wrangel = Petersen — 0,36". 24 Vcrglcichungen. 

17) Nehus = Petersen — 0,02". 28 Vergleichungen. 

18) Wrangel = Struve -\- 0,208". Gleich nach der Reise. 

19) Wrangel = Kuliakowsky — 0,05". 17 Vcrglcichungen, 1834. 

20) Nehus = Petersen — 0,09". 10 Vcrglcichungen in Altona. 

21) Nehus = Petersen — 0,21". 10 Vergleichungen. 

22) Nehus = Petersen — 0,17". 10 Vergleichungen. 

23) Struve = Petersen — 0,167". 36 Vergleichungen. 

24) Struve = Nehus — 0,148". 16 Vcrglcichungen. 

25) Struve = Nehus — 0,140". 8 Vergleichungen, 1830. 

26) Nehus = Olufsen + 0,12". 37 Vcrglcichungen, 1834. 

27) Struve = Lemm — 0,357". 1834. 

28) Struve = Sabler + 0,030". 1834. 

29) Struve = Selenoi H- 0,251". Dorpat 1834. 

30) Mädler = Nehus + 0,17". 1844. 

31) Struve = Bessel + 1,077". 

32) Struve = Bessel -|- 0,773". 12 Vcrglcichungen. Königsberg 1834. 

33) Struve r= Busch — 0,072". 12 Vcrglcichungen. 
34; Busch = Bessel + 0,935". 1832. 

35) Busch = Argclander — 0,097". 1832. 

36) Mädler = Struve + 0,070". 15 Vcrglcichungen, 1834. 

Obgleich die meisten Chronometer eben aus den Händen der 
Künstler gekommen und die älteren sorgfältig gereinigt und mit 
frischem Öle versehen waren, so ward doch, da nicht alle die ge- 
sammte Expedition mitgemacht hatten, jede Keise besonders be- 
rechnet. Als Hauptpunkte, wo der Aufenthalt länger dauerte, 
wurden Kronstadt, Danzig, Lübeck und Stockholm betrachtet. 



394 UKiSCUlCllTK DKK lUililELbKUKBE. 

§ 207. 

UNTERSUCHUNGEN ÜBER KOMETEN. 

Von jeher sahen sich die Astronomen in die Nothwendigkeit. 
versetzt, die Resultate ihrer Forschungen gegen Feinde der ver- 
scliiedensten Art zu vertheidigen. Nun Avird allerdings ein Kampf 
mit Gegnern, die gleich ihm auf wissenschaftlichem Boden stehen 
und die Waffen kennen, mit denen er geführt werden muss, dem 
Forscher nur erwünscht sein, und nie von ihm gemieden, nie ab- 
gelehnt werden. Ein ganz Anderes aber ist es, wenn Ignoranten, 
die diesen Boden gar nicht kennen und auch nicht kennen wollen, 
sich gleichwohl herausnehmen, mit Behauptungen aufzutreten, die 
aller und jeder Widerlegung unwürdig sind. Auf keinem Gebiete 
jedoch sind diese Gegner zahlreicher, anmaassender, dictatorischer 
aufgetreten als auf dem der Kometenkunde. 

Auch würde man sehr irren, wenn mau annehmen wollte, 
in unseren Zeiten seien diese Kämpfe zur Ruhe gebracht. So 
wünschenswert}! dies wäre; wir dürfen uns einer solchen Sicherheit 
noch nicht hingeben. Die meisten Leser werden sich noch des 
Jahres 1853 erinnern, wo bei Gelegenheit des von Belgien aus- 
gegangenen Kometenschreckens eine Berliner Zeitung sich nicht 
entblödete, zu äussern: „ein wenig Kometenfurcht könne dem 
Volke gar nicht schaden." 

Der 1840 verstorbene und namentlich auf dem Gebiet der 
Kometenkunde hochverdiente ülbers besass eine Sammlung von 
nahezu 3000 der Kometenliteratui- angehörenden Schriften des aller- 
verschiedensten Inhalts, die er im Laufe seines langen Lebens er- 
worben. Nach seinem Tode ging sie .durch Kauf an die Stern- 
warte Pulkowa über, und hier hatte der Verfasser Gelegenheit, 
sie näher kennen zu lernen. 

Das älteste Buch der alten Sammlung ist Jacobus Angelus 
vom Jahre 1500. Er weiss nichts von Regiomontanus und an- 
deren Zeitgenossen; kennt und reproducirt nur die Meinungen 
der Alten und schreibt ein barbarisches Latein. 

Von Regiomontanus' erst 1531 gedi'ucktem Werke: De 
cometae magnitudine, longitudine &c. problema, wird man natürlich 
Anderes erwarten. Er spricht von der diversitas aspectus, worunter 
er die Parallaxe versteht, und giebt Regeln, den wahi'en Ort zu 
bestimmen, die auch durch Figuren erläutert sind. 



L'NTKKSUCIIUNUI'N lUtKlt KitMKTKN. 395 

Frosch läo2. Er weiss allerdings, dass Einige die Kometen 
zu den Gestirnen zählen, er sel])st aber kann diese Meinung jiicht 
tlieilen, Sie sind nach ihm Lufterscheinungen in der höchsten 
oder der Feuerluft, wo sie entstehen und wieder verschwinden. 
In ähnlichem Geiste ist das ganze Werk geschrieben. 

Aretius 1536 macht theologisches Kapital aus ihnen. „Der 
Himmel ist nicht blos zu unserem Vergnügen da, sondern aucli 
eine ernste Manung vitae corrigendae, iraiu Del cof/no,scere'* &<:. &c., 
und dem letzteren Zwecke dienen insbesondere die Kometen. — 
Also die alten Strafruthen I 

Lavatherus 155 G giebt eine Ilistoria coinetarum in folgenden 
Abtheilungen: 

1) eine Zuschrift an Bullinger. 

2) Specißcationes coinetarum. Meistens Dichterstelleu repro- 
ducirend, z. B. 

Lucanus: 

crinem timendo 

sideris, et terris mutantem regna cometa. 

Virgil in der Georgica: 

Non alias coelo decidcrunt plura sereno 
fulgura, nee diri totics arsere cometae. 

3) Quo pacto se honwies gerere dehent, si cometa apparet. 

4) Ein Catcdogus Comeianun, anfangend mit dem Kometen 
des Augustus Octavianus. Die Ordnung dieses Katalogs ist 
eigenthümlich. Zuvörderst wird eines Todesfalls oder sonstigen 
Unglücks gedacht, und dann nach dem Kometen gesucht, der 
es veranlasst habe. Er liebt es ganz besonders, die Beweise für 
seine Sätze aus der Bibel herzuholen, womit er freihch nur den 
alten Ausspruch bestätigt: 

Hie über est, in quo quaerit sua dogmata quisque, 
invenit et pariter dogmata quisque sua. 

In ganz gleichem Sinne schrieb, nur zwei Jahr später, Ca- 
merarius. 

Aber das Äusserste, was Geschmacklosigkeit und Wahnglaube 
zusammenstellen kann, findet man in Schi nbain' s Kometen-Buch, 
Freiburg 1578. Auf dem Titel führt er als „fürnehmste" 180 an 
Das ganze Buch ist in Versen; wir geben einige zur Probe: 



396 GESCHICIITK DKK IIIILMELÖKUNDE. 

1. Nachdem die Welt 200 Jahr 
und 28 stand fürwahr, 

ein ungewohnter Stern erschein, 
vor nie gesehn, gantz ungemein. 
Stund in Egjpten ungehewr, 
sein riit sah gleicli ein helle fewr, 
und ob der Stat Conza genandt, 
die da lag in Egyptenland. 

2. Als Noah alt 600 Jahr, 
stund wieder ein Comet anbar. 
Am dritten Tag zuvor, eh das 
mit Tod abging Methusalahs. 
Dieser Comet der stund im Visch 
under dem Regiment Jovis. 

In vier Wochen mit seinem Gang 

er alle Zeichen durchauss trang. 

Man schreibt von ihm ohnfehlbar gewiss, 

den sechzchenden Aprilis 

sei er verschwunden überall 

darauf sei kommen viel Unfall. 

In dieser Weise geht es fort bis zu dem Kometen von 1578, 
und den Beschluss machen mehrere Versregehi, wie man aus den 
Kometen wahrsagen könne. — Im ganzen Buche nicht ein ge- 
sunder Gedanke! 

Was muss das für eine Zeit gewesen sein, der man solche 
Dinge zu bieten wagte; hundert Jahr nach dem Tode Regio- 
montanus', 35 nach dem des Copernicus und während der 
Wirksamkeit Tycho'sl 

Wü- müssen ernsthch besorgen, durch Mittheiluug dieser 
Proben den Unwillen eines grossen Theils unserer Leser erregt zu 
haben. Indess mögen sie bedenken, dass erstens der Geschicht- 
schreiber nicht wählerisch sein darf, sondern jedes Zeitalter zu 
schildern hat, wie es war und wie es sich selbst kund gethan hat, 
und dass zweitens die Zeit noch lange nicht gekommen ist, wo 
man Thatsachen dieser Art der Vergessenheit, die sie allerdings 
verdienen, übergeben kann. Denn so lange es noch eine Partei 
giebt, welche jene Jahrhunderte zurückwünscht mit allen ihren 
Hexenprocessen und Judenverfolgungen, mit. allen Ketzerrichtern 
und Inquisitoren, so lange muss auch das Bild derselben stehen 
bleiben zur Warnung der Zeitgenossen. 

Wir führen zum Schlüsse noch eine Kometen-Medaille von 
1618 an, die von Kopenhagen ausging. Auf der einen Seite oben 



ÜNTKR.SUCIUNYiKN CBKR KOMETEN'. 397 

ein fürchterlicher Komet (der grosse von IGIK) und darunter eine 
zur Erde niedergeworfene Menschenmenge. Auf der anderen da- 
gegen: 

Gott gieb das uns dieser Komet-Stern 

Besserung unsers Lebens lern. 

Die Mahnung zur Lebensbesserung tadeln zu wollen, fällt 
uns wahrlich nicht ein; wäi-e es aber nicht viel richtiger, damit 
sofort zu beginnen, ohne erst die Erscheinung eines grossen Ko- 
meten abzuwarten? 

Des Gegensatzes wegen hier die Notiz, dass am 17. December 
1831 König Friedrich VI. von Dänemark eine Medaille stiftete, 
die jeder erste Entdecker eines noch nicht bekannten teleskopischeu 
Kometen, gleichviel in welchem Lande der Erde, erhalten sollte. 
Die Zuerkennung sollte jedesmal innerhalb sechs Monate nach der 
Entdeckung erfolgen, oder für Entdeckungen ausserhalb Europa 
innerhalb eines Jahres. Galle, damals noch in Berlin, erliielt für 
drei von ilim im Jahre 1840 entdeckte Kometen drei dieser Me- 
daillen; eine der letzten empfing Maria Mitchell in Nordamerika 
für den von ihr am 1. October 1847 aufgefundenen Kometen. 

Der Nachfolger Friedrich's IL, Christian VIII., bestätigte 
die Stiftung; Friedrich VIL dagegen, der 1848 folgte, hat sie 
widerrufen; es hat glücklicherweise nicht den Anschein, als habe 
sich durch diese Aufhebung die Zahl der Kometen-Entdeckungen 
vermindert. 

§ 208. 

Allerdings hatte schon Tycho deutlich gezeigt, dass die Ko- 
meten weiter als der Mond von der Erde entfernt seien, folghch 
unserer Atmosphäre nicht angehören könnten, und einsichtige 
Männer, wie F. Sanchez und Gassendi, traten auf seine Seite. 
Aber die Anzahl der Gegner hiess Legion, und mit äusserster Er- 
bitterung ward die atmosphärische Entstehung der Kometen zu 
behaupten versucht. Da nun auch Tycho selbst nur die schein- 
bare Bahn dieser Körper genau beobachten, keineswegs aber schon 
die Avirkliche dai-aus ableiten konnte, so blieb der Phantasie noch 
Spielraum genug auf einem Felde, das von der Wissenschaft nur 
erst zum Theil in Besitz genommen war. 

Die zahlreichen Schriften aus jener und der ihr zunächst 
folgenden Zeit auch selbst nur in einer Auswahl hier aufzuführen, 
hätte zu geringes Interesse. Wir begnügen uns, hier anzuführen, 



398 GESCHICHTE DER HimiELSKUNDE. 

dass Hevel in seiner voluminösen Kometographie 250, Lii- 
bienizky 415 Kometen aufführen. Beide stehen allerdings nicht 
ganz auf Seite der Kometomanten, halten sie auch nicht für sub- 
lunar; allein ihre Ausdrücke sind nicht bestimmt genug, und über- 
dies zeigen sie im Aufnehmen von älteren Nachiichten einen 
Mangel an Kritik, der ihrem Ansehen schaden musste. Oder was 
soll die Wissenschaft anfangen mit einem Kometen, der „drei Tage 
nach dem Tode Methusalem's" erschien? Es genügt nicht, zu 
zeigen, dass auf eine Kometen-Erscheinung ebensowohl Gutes als 
Böses folgen könne: es muss offen und rückhaltslos ausgesprochen 
werden, dass aus einer solchen in Beziehung auf die Schicksale 
der Erdbewohner gar nichts zu folgern sei. 

Obwohl verschiedene Autoren bezeichnet werden können, die 
bereits vor Dörfel eine Ahnung von der richtigen Gestalt der 
Kometenbahnen gehabt, und Vincenz Mut, Made weis, Henry 
Percy und noch einigen Anderen die Erfindung zugeschrieben 
worden ist, so gewinnt man doch bei näherer Ansicht ihrer darauf 
bezüglichen Äusserungen bald die Überzeugung, dass Samuel 
Dörfel der erste sei, der mit voller Bestimmtheit die wahre Ko- 
metenbahn als eine Parabel, deren Brennpunkt in das Centrum 
der Sonne zu setzen sei, bezeichnet. NurBorelli, den er jedoch 
nicht kannte, ist ihm vorausgegangen. 

Was :der Pastor zu Plauen so glücklich begonnen hatte, ge- 
dieh unter den Händen Newton's zur Vollendung. Er bewiess 
streng, was Dörfel nur empirisch aus den Beobachtungen ge- 
schlossen, er gab Vorschriften zur Berechnung der Bahn, durch 
deren Anwendung Halley die ersten 24 Kometenbahnen be- 
rechnete. 

Wissenschaftlich war damals die Frage erledigt, wenigstens 
für Jeden, der Newton's Gravitationstheorie annahm. Allein da 
die Cassini' s in Frankreich, die Bernouilli's in der Schweiz, 
Eisenschmidt in Deutschland sich gegen Newton aussprachen, 
es also bis gegen 1740 hier nicht an wissenschaftlichen Autoritäten 
fehlte, auf die man sich berufen konnte, so haben wir uns nicht 
zu wundern, wenn die alten Kometenfabeln, zum Theil nur auf- 
geputzt, fortwährend auf dem Büchermarkt erschienen. Wir wollen 
hier nur Einiges als Probe geben: 

Burggrav, 1681, steckt noch tief in der Kometomantie, ob- 
wohl auch einige vernünftige Gedanken bei ihm vorkommen und 
er die neueren Untersuchungen nicht ignorirt. 



UNTERSUCHUNGEN ÜBER KOMETEN. 309 

Peter Pitatus, 1(J81, ein kuudij^'cr Astronom und liorcclmcr 
von Ephemerideu, eifert gegen die Kometcnfurclit: „Komete, guter 
Prophete, Gott sei dafür gedankt," 

Sturm, 1681, begnügt sich mit einer Beschreibung der Ko- 
meten und ihres Laufes nach Hevel und Pitatus. 

Graevius, 1081, recapitulirt weitläufig die verschiedenen 
Meinungen über Kometen und zeigt den Ungrund der K(jmeten- 
furcht. Eben so ein anderer anonymer Autor 1G81, der den lie- 
Avcis führt, dass sie nicht in unserer Luft entstehen und dass sie 
kein UngUick weder bedeuten noch verursachen. 

T. Beuter, 1683. „Von Conjunction Jovis und Saturni, von 
Kometen, Sonnen- und Mond-Finsternissen und vieler Zeichen in 
der Lufft, sampt ihrer Bedeutung." Der Titel lässt schon er- 
warten, was man hier zu suchen habe. Er befindet sich noch 
gänzhch in den alten Vorurtheilen, wiewohl er sich doch einige 
Hiuterthüren offen zu halten Ijemüht ist. 

Voigdt, 1683, ist gleichfalls noch durchaus Kometomant. 
Er giebt ein Prognosticon aus dem Kometen von 1680 auf den 
Untergang des osmanischen Keichs und eifert aufs heftigste gegen 
die „Naturalisten, Atheisten und Epikuräer," die nicht an die 
göttlichen Wunderzeichen glauben wollen. — Beiläufig kommen 
doch einige Nachrichten über den Lauf der Kometen vor. — Das 
Buch erlebte zwei Auflagen. 

Ein Anonymus: ,,0n CometsJ' 1688. Ein weitläufiges Gerede 
über die Frage: ob die Kometen natürliche oder übernatürliche 
Erscheinungen seien? Die einzelnen Classen der Kometen werden 
nach Plinius angeführt. Nicht das geringste Brauchbare ist im 
Buche zu finden, und der Verfasser ist ganz und gar Kometomant. 

Das epochemachende Werk Halley's, 1705: Tabula generalis 
pro supputando motu cometarum in orhe parabolico, giebt uns eine 
Tafel, um aus der mittleren Anomalie die wahre heliocentrische 
zu finden. Wir setzen zu mehrerer Deutlichkeit den Anfang seiner 
Tafel her: 

Arg. Medius Motus. Angulus a perihelio. Log. dist. 

1.0 P 31' 40" 0,000077 

2. 3 3 15 000309 

3. 4 34 43 0,000694 

4. 6 6 0,001231 

5. 7 37 1 0,001921. 

Dann folgt eine Anleitung zum Gebrauch der Tafel, eine 
Formel für den Fall sehr kleiner Perihelien (wie das des Kometen 



400 GESCHICHTE DER HIMMELSKUNDE. 

von 1680). Er spricht weiter über die Möglichkeit elliptischer 
Bahnen und sagt die Wiederkehr des Kometen von 1682 auf 1758 
voraus. „Wenn dies zutrifft, so ist gar kein Zweifel mehr an der 
EUipticität." Weiter folgen die 24 Kometenbahnen, von ihm be- 
rechnet. 

Doch die gewönliche Buchmacherei Hess sich dadurch nicht 
stören. 

Schönlin, 1708: De natura et materia cometanim. Newton 
und Halley sind für ihn gar nicht vorhanden. Er ist Descar- 
tianer und möchte gern die Kometen den Wirbelsystemen gefügig 
machen. 

Winckelmann, 1712. Über Jupiter und Saturn, Kometen 
und dergleichen. Alles verworren durcheinander. 

Zoemius und Hauptmann, 1719. Nur eine Aufzählung 
der Meinungen älterer und neuerer Autoren. 

Jac. Bernouilli, 1719, entwickelt ein ganz eigenthümliches 
System. Die Kometen laufen bei ihm in Kreisen und weit jenseit 
des Planeten Saturn. Die Wiederkehr des Kometen 1680 ver- 
kündigt er auf den 7. Juni 1719, ohne dass erhellt, aus welchem 
Grunde. Quandoque honus dormitat Hoinerusl 

Ehrenb erger, 1721. Eine kleine Broschüre von 6V2 Seiten: 
De recentiori circa cometas controversia. Nur leeres Gerede über 
die Schweife der Kometen. 

Weber, 1722. Cometas suhlunares sive aereos non jyrorsus 
negandos. Ihm machen Dörfel, Newton, Halley nicht den 
mindesten Kummer. Zwar giebt er schliesslich zu, dass „einige" 
Kometen weiter als der Mond von uns entfernt gewesen, allein 
dies sind nach ihm seltene Ausnahmen, und seine Theses hält 
er fest. 

Ihm entgegen steht Wucherer, 1722: De cometis malorum 
nunciis. Er bekämpft rüstig die Kometomantie. „Bei der rohen 
Masse sei es nicht zu verwundern, aber traurig, dass man auch 
gebildete und gelehrte Männer von Krieg, Pest u. dergl. als Folge 
von Kometen reden hört." 

Tresenreuter, 1730, Rozir, 1734, und Coyneber, 1728, 
geben zwar nur das längst Bekannte, aber in einer ganz guten 
geschichtlichen Zusammenstellung. 

Celsius, 1734: Tanhar om Cometerns Igenkomst. Wenige 
Seiten, aber würdig eines Celsius. 

Heyn, 1742. Ein Komet hat die „Sündfluth" bewirkt; ein 



TISTEUSUCHUNGEN ÜP.ER KOMETEN. 401 

Komet wii'd auch einst das Ende der Erde hcrbeifülircn. Er liat 
dabei, ganz wie Whiston, den Kometen von 1G80 im Auge, dem 
er 575 Jahre Umlaufszeit zuschreibt. 

Kunstmann, 1742, schrieb in demselben Geiste. Dagegen 
finden wir bei 

Seitz, 1742, eine entschiedene Verwerfung alles Prophezeiens 
aus Kometen. Richtig aber sehr weitläufig widerlegt er die Astro- 
logen und behauptet, dass uns ein Komet nie schaden könne. 

Eben so Stuss, 1742, der die verschiedenen Meinungen über 
Entstehung der Kometen historisch recapitulirt. 

Floder, 1743, (in einer Disputation unter Celsius' Prä- 
sidium). Der Komet entsteht nicht aus Dünsten. Sehr gute 
und schlagende Gründe gegen den Kometenwahn. 

Job. Heyn, über den Stern der Magier, der nach ihm ein 
Komet gewesen ist, und über den das unsinnigste Zeug vorgebracht 
wird. Er fand einen Gegner in 

Guttmann, 1744, der aber auch auf andere Gegenstände, 
z. B. die Bewegung der Erde, übergeht. 

Fretekens, 1744: „Entsetzliche Himmels-Erscheinungen." 
Zwar widerspricht er dem Kometenwahn ; steckt aber übrigens tief 
in der Astrologie. Reich an Worten, arm an Inhalt. 

C. Neumann, 1744. Eine förmliche Kometenpredigt. Der 
Komet von 1744 wu-d identificu't mit — dem Regenbogen des 
Noah! Den Kometen- Aberglauben bekämpft er zwar, will ihn 
aber doch nicht gern ganz fahren lassen. Er ist hierin ein Juste- 
Milieu-Mann. 

Wolf f er giebt gleiclifalls eine Kometenpredigt, in der man 
seine eigentliche Meinung vergebens sucht. 

Was Bauer und ein Ungenannter (M. K 0.) über den 
Kometen 1744 beibringen, ist leeres Geschwätz von Anfang bis 
zu Ende. 

Euler, 1746: Über Kometenschweife. Man ersieht aus dieser 
Schrift, dass damals Viele geneigt waren, die Kometenschweife 
mit dem Nordhcht zu identificiren. Euler verschmäht es nicht, 
ausführliche Gründe dagegen geltend zu machen. Mathematische 
Untersuchungen kommen in dieser Schrift nicht vor, wohl aber 
in einer anderen: 

Euler, 1746: Über Aberration der Planeten und Kometen. 
Eine sehr eingehende Untersuchung über die Folgen der allmä- 
ligen Lichtverbreitung. 

V. Müiller, Gescliichte der IIimmelslcuii(lo. H. ■^" 



402 GESCHICHTE DER HIMMELSKUNDE. 

Von eiiiem Ungenannten erschien: Nachricht über den 
Kometen 1744. Das Gewönliche in guter Zusammenstellung. Eine 
dem Verfasser eigenthümliche Meinung ist: die Kometen seien be- 
stimmt, den Sonnen, wenn sie am Erlöschen begriffen sind, neuen 
Zündstoff zuzuführen. 

1749 erschien eine neue Ausgabe des Halley' sehen Kometen- 
werks von 1705. Sie zeigt bedeutende und wichtige Vermeh- 
rungen gegen die erste, wahrscheinUch aus hinterlassenen Papieren 
Halley's. Darunter eine Tabula generalis jri^o expediendo calculo 
motus Cometid elliptici. Die Berechnung einer Kometenbahn, wie 
sie Halley nach Newton's Formeln ausführte, war damals sehr 
schwierig. 

Cowley, 1757. Auf Newton-Halley'scher Grundlage ru- 
hend. Gegen den Text des Werkes wäre nichts zu sagen, desto 
mehr aber gegen seine Kometenfiguren, die an Monstruosität sogar 
die Hevel' sehen noch übertreffen. 

B. Martin, 1757. Eine sehi- klare und präcise Theorie der 
Kometenbahnen; als Lehrbuch trefflich. 

Rossler, 1759, erinnert an die alten Meinungen und 
Sprüche, z. B. 

Manilius: bella canunt, ignes, subltosque tumultus 

Et clandestinis surgentia fraudibus arma. 

Oder Lucanus: Regnorum eversor cubuit lethale Cometes. 

Auch Rudolph, 1760, führt allerlei Meinungen auf, z. B., 
dass die Monde des Jupiter und Saturn, vielleicht auch unser 
eigener, ursprünglich Kometen gewesen und von den grossen Pla- 
neten bei einem Vorübergange festgehalten, also gleichsam erobert 
wurden. P'reilich sind Rudolph wie Rossler nur Bericht- 
erstatter, welche diese Meinungen selbst nicht adoptiren; dennoch 
erfi'euen wir uns mehr an 

Bark er, 1757. Es ist dies die erste Ausgabe seiner be- 
rühmten Tafeln. Halley's Tafel der 24 Kometenbahnen erweitert 
er durch 16 neue, zwischen 1699 und 1748 beobachtete, deren 
Bahnen er berechnet. Dann folgt die General table of the Para- 
hola. IVIit dem Argument: Angle from the Perihel eingehend, er- 
hält man die mean viotion und die distance, und zwar bis 45° die 
Grössen selbst, weiterhin ihre Logarithmen. Das Intervall der 
Tafel ist durchweg 5 Minuten. Dann folgen Hülfstafeln, deren 
eine die Grösse der Fehler ergiebt, welche beim einfachen Inter- 



UNTKltSL'CHUNOKN ÜIJKK KOMKTKN. 403 

poliren zu befürchten sind. Ferner eine Tafel für die Örter des 
Halley' sehen Kometen bei seiner nächsten Wiederkehr, 12fach 
berechnet nach 12 verschiedenen Hypothesen über den Periheltag 
(vom 20. März bis 20. April fortgehend). Endlich ein guter Index 
und sehr zweckmässige Figuren. 

Die Barker'sche Tafel ist später mehrfach wieder ab- 
gedruckt, erweitert und neu berechnet worden, zuletzt in der von 
Wolfers besorgten neuen Ausgabe des Olbcrs'schen Kometen- 
werks 1847. 

Messier: Sur la Comete de 1759. Er zeigt die grossen 
Schwierigkeiten einer genauen Bestimmung der Wiederkehr und 
weshalb Halley noch nicht im Stande war, sie zu geben. Bei 
Erwähnung von Clairaut's grosser Arbeit erfahren wir, dass 
auch Pingre und Lalande sich daran versuchten, dass jedoch 
Clairaut am nächsten kam. Am 21. Januar 1759, um 7 Uhr 
Abends, entdeckte ihn Messier, mit einem 4füssigen Newton'- 
schen Reflector, nahe bei ö Piscium. Weiter folgt die Geschichte 
seiner Beobachtungen, deren er in allem 90 machte; die letzte 
am 3. Juni. In zwei Tafeln giebt er 1) die Örter der Sterne auf 
dem Wege des Kometen und 2) eine Bestimmung der Kometen- 
örter, hergeleitet aus der Vergleichung mit diesen Sternen. — 
Messier's Schrift ward auch ins Englische übersetzt. 

Winthrop, 1759, giebt uns zwei im Harvard College zu 
Cambridge von ihm gehaltene Vorlesungen, führt die verschiedenen 
Erscheinungen des Ha Hey 'sehen Kometen auf und giebt in 
populärer Darstellung gute Bemerkungen über Kometenschweife. 

Der Halley 'sehe Komet veranlasste mehrere Schriften, von 
denen wir hier die wichtigsten erwähnen wollen: 

1607. Kepler: Ausführlicher Bericht von dem neuHch im 
Monat September und October des Jahres 1607 erschienenen Komet- 
stem (vgl. Kepleri Opera omnia, ed. Frisch). 

1759. (Ungenannt): Anzeige, dass der im Jahre 1682 er- 
schienene und von Halley nach der Newton'schen Theorie auf 
gegenwärtige Zeit vorher verkündigte Komet wh'klich sichtbar sei 
und was derselbe in der Folge der Zeit für Erscheinungen haben 
werde. Von einem Liebhaber der Stern Wissenschaft, Leipzig 1759 
den 24. Januar. — In diesem Werke wird Clairaut's Rechnung 
gegen allerlei unverständige Angriffe in Schutz genommen; auch 
eine kleine Ephemeride für die Erscheinung 1759 gegeben. 

1759. Cesar Fran^ois Cassini: Observations de Dominique 

2(i' 



404 GESCHICHTE DER HIMMELSKUNDE. 

Cassini sur la comete de 1531 pendant le temps de son retour en 
1682, Paris. — In der Einleitung dieses Werks wird mit rüh- 
mender Anerkennung die Arbeit Clairaut's erwähnt; das Übrige 
enthält nur eine gute Zusammenstellung von Beobachtungen. — 
Rosenberger muss dieses Werk gar nicht gekannt haben, da er 
es bei seiner Berechnung weder benutzt, noch überhaupt erwähnt. 

1762. Clairaut: Reclierclies sur la Comete des Annees 1531, 
1607, 1682 et 1759. Petersboui'g. — Dieses Werk enthält die beste 
und vollständigste Zusammenstellung der Clairaut' sehen Rech- 
nungen. 

1843. Biot: Recherche s faites dans la grande collection des Ms- 
toriens de la Chine sur les anciennes apparitions de la Coimte de 
Halley. Er stellt alle Erscheinungen bis 1531 n. Chr. zusammen. 

1846. Laugier: Sur une ancienne apparitio7i de la Comete 
de Halley en 1378, inconnue jusque id. Er giebt die Berechnung 
der damaligen Beobachtungen. 

Später hat Lau gier in den Comptes Rendus diesen Gegen- 
stand noch weiter untersucht und geht bis 760 hinauf. Rüssel 
Hind {On Comets, 1850, und m Moiithly Notices X, 51) geht noch 
viel weiter zurück und findet, dass